Pubertulose ist auch ‘ne Krankheit…

Ich war für meine Eltern relativ lange ein relativ gut erträgliches Kind. Ich hatte deutlich ältere Geschwister, was dazu führte, dass ich im Grunde – for good or for worse – aufwuchs wie ein Einzelkind. Die Dinge, die ich als Teenager tat waren, in ihrer teenanger-typischen indolenten Rücksichtslosigkeit gegenüber allen anderen Menschen außer der eigenen Peergroup, nicht sonderlich wild. Ich blieb gelegentlich zu lange weg, ich probierte Alkohol nur in Maßen und ich habe keine Affären gehabt. Schlicht weil ich diesbezüglich echt ein Spätzünder war. Was ich nicht bedaure. Wenn ich mir so anschaue, was mir manche Testo-Bolzen aus meiner Altersklasse gelegentlich erzählt haben, hält sich mein Neid auf Drama, Heimlichkeit und hohe Kosten in engen Grenzen. Ich war, wie hier an anderer Stelle schon mal ausgeführt ein Nerd und bin darauf bis heute stolz; denn ich bin immer noch ein Nerd. Und der Umstand, dass ich mit meiner ersten großen Liebe – der besten Ehefrau von allen – nach mittlerweile über 32 Jahren immer noch zusammen bin, ohne dass unsere Beziehung allzu große Ermüdungsbrüche aufzeigen würde, macht mich zu einer Art Einhorn. Ich kann über mutiple Beziehungsprobleme zwischen Lebensabschnitts-Meerschweinchen nur aus zweiter Hand berichten… allerdings ist diese zweite Hand ZIEMLICH groß. Ich war während meiner Jugend und Adoleszenz nicht unbedingt pflegeleicht, aber ich war auch kein dauer-wütendes Pubertier… jedenfalls nicht annähernd so wie das, was ich von meinem älteren Kind derzeit erlebe.

Da bekommt man Dinge vorgeworfen, die für den etwas reiferen Menschen in mir doch ziemlich überzogen klingen. Subjektiv bin ich – oder wahlweise die beste Ehefrau von allen – am gesamten Übel der Welt schuld und insbesondere an der unfassbar ungerechten, völlig inakzeptablen und emotional schadhaften Knechtschaft, welche die jungen Dame nach eigenen Worten in unseren Wänden erdulden musste und muss. Eine ganze Weile habe ich mich darüber aufgeregt und auch oft mit ihr gestritten, doch gestern Abend kam mir ein Satz in den Kopf, den ihr zu sagen ich nicht mehr die Gelegenheit bekam, weil die Tür schon geknallt hatte: “Mir steht der Sinn heut nicht nach Krieg – hebe dich hinfort Schimäre!” Ich finde das passend, ist es doch in ihrer Alterskohorte derzeit wohl üblich Dinge, auf die man aus unterschiedlichen Gründen nicht klarkommt als “Fiebertraum” zu titulieren. Vielleicht verrate ich ihr irgendwann, dass man a) nicht so häufig Fieber haben sollte, weil das von physischer Krankheit zeitigt und b) sie noch VIELE, VIELE Male in ihrem Leben auf Dinge nicht klarkommen wird. Einer der Hauptgründe dafür ist übrigens, zu glauben, dass die jeweils anderen an irgendwas schuld wären. Und da wir als gute Doitzsche ja stets nach Schuldigen anstatt nach Lösungen suchen, ist der notwendige Prozess, die Fähigkeit der Selbstreflexion zu erlernen für Teena(n)ger besonders schmerzhaft, weil man sich nach und nach von all den schönen Dogmen verabschieden muss, die man seinen Altvorderen so gerne wütend und lautstark entgegen schleudert. Irgendwann wird sie jemandem begegnen, der ihr die normative Kraft des Faktischen auf wesentlich uncharmantere Weise nahebringen wird, denn ich als Vater das jemals tun würde – und ich habe jeden Fehler im Buch, inclusive des legendären “So lange du deine Füße…”-Satzes gemacht. Ich hoffe nur, dass diese Begenung dann keinen echten bleibenden Schaden hinterlässt.

Ich war Zeit meines Lebens ein eher wütendes Individuum. Ich nehme daher für mich gerne diesen legendären Satz aus dem ersten Avengers-Film in Anspruch: “Ich verrate Ihnen ein Geheimnis Captain – ich bin IMMER wütend!” Ich hab dennoch nie so ein Anti-Aggressions-Training gemacht. Vielleicht hätte es mir geholfen, doch heute bin ich, wiewohl immer noch Galaxien weit entfernt von Altersmilde, schon etwas besser in der Lage, mit meinen Affekten umzugehen – außer, wenn es um die Familienmitglieder geht. Jene, die uns wirklich nahe stehen, brauchen halt nicht viel, um uns zum Kochen zu bringen. Ich glaube ja bekanntlich nicht an Ratgeberbücher, weil dort zumeist irgendwelche Allgemeinplätze vor sich hin salbadernde Möchtegernexperten ihre eigene – höchstens anekdotische – Empirie als allgemeingültige Lösung für das Elend der Welt verkaufen. Wohltuende Ausnahmen bestätigen die Regel, wobei auch eigentlich ausgewiesene Experten häufig zu Populismus neigen. Sie haben sich halt bei den Drecksfaschos abgeschaut, dass Populismus verkauft. Aber… weil ich Ratgeber nicht mag, kann ich hier auch keine Ratschläge geben, weder mir selbst, noch irgendwem anders, denn allein die Betrachtung meiner Pubertät und der meiner älteren Tochter macht für mich klar, dass Persönlichkeitsentwicklung auf höchst unterschiedlichen Pfaden vonstatten gehen kann. Bleibt mir nur festzustellen, dass ich derzeit recht froh bin, wenn ich nicht allzu viel Zeit mit ihr verbringen muss, denn immerzu irgendwelche Glaubenssätze an den Kopf geworfen zu bekommen, so als wenn noch nie irgendjemand vor ihr – oder ihren Freunden – auf diese Ideen gekommen wäre, ermüdet meine mühsam erworbene Contenance zusehends.

Immerhin – sie bildet sich politisch und liest Bücher, die ich jedem Menschen empfehlen würde aus eigenem Interesse, um dann gelegentlich intelligente Fragen zu stellen. Und, wie Nietzsche feststellte: “Dem guten Frager ist schon halb geantwortet.” Wir haben wohl doch nicht alles falsch gemacht. Vielleicht muss ich mich nur noch eine Weile ducken, bis dieser Sturm vorbeigezogen ist. Spannend bleibt dann noch die die Frage, wie diese Zeit bei ihrem jüngeren Pendant wohl dereinst aussehen wird. Immerhin… die Hoffnung stirbt zuletzt. Heute ist – den Faschos und Fritzes Gurkentruppe sei Dank – Tag der Doitzschen Uneinheit. Gibt nix zu feiern, dafür sind an einem Samstag alle Geschäfte zu. Scheißtag. Wenigstens darf ich heute Abend zocken. Wir hören uns, Restdemokraten.

Auch als Podcast…

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