Letzthin habe ich wenig bis gar nicht gespielleitet. Nicht, unbedingt, weil ich nicht gewollt hätte. Jedoch ist mir in den vergangenen Monaten wenig bis gar nichts eingefallen, was mich zufrieden gestellt hätte. Ich habe durchaus Ideen, aber irgendwie bekomme ich den Schritt von der Idee zu einem Abenteuer oder gar einer Kampage momentan nicht hin. Ich war überdies auch noch unzufrieden mit dem, was ich zum Ende meiner letzten Kampagne hin abgeliefert hatte; mir kam es ultralame vor! Und ich komme mit dem sich wandelnden Setup meiner Game-Sessions nicht klar. Ich kann einem hybriden Setup immer noch nur sehr wenig abgewinnen. Entweder möchte ich in Präsenz spielleiten (wird für mich IMMER der Goldstandard bleiben) oder aber voll digital, wo ich für alle Mitspieler die von mir vorbereiteten, die Immersion unterstützenden Inhalte gleichartig ausrollen kann. Ich stehe als Spielleiter also derzeit auf Kriegsfuß mit mir selbst. Das kann in über 37 Jahren jedoch mal vorkommen, ich bin also noch einigermaßen hoffnungsfroh. Immerhin habe ich Teil an zwei, in jeder Hinsicht höchst unterschiedlichen Kampagnen, in denen ich spielen darf. Und sammle dort natürlich neue Eindrücke, frische Ideen und Motivation, es wieder mit dem Spielleiten zu versuchen. Gerade jetzt ändert sich die Gruppenzusammensetzung der einen Kampagne, weil einerseits unser Spielleiter sagt, er brauche mehr Stammspieler, damit die Gruppe ihre Dynamik behalten und mit den Herausforderungen Schritt halten kann und andererseits nicht alle Spieler und Spielleiter die gleichen Vorstellungen davon haben, auf welche Weise sich die Spieler mittels ihrer Chars einbringen sollen/dürfen. Es läuft darauf hinaus, dass unterschiedliche Spielstile an einem Tisch unter Umständen für die Spielleitung irgendwann die Gesamtmoderation erschweren, andererseits aber ein erwarteter Spielstil nicht das ist, was einem indivuellen Spieler Spaß macht. Und da das Ziel ist, dass alle gleichsam Spaß haben sollen, kann es dann mal vorkommen, dass man – evtl. auch nur vorübergehend – getrennter Wege geht. Passiert sowas nach einer eingehenden Diskussion, ist das definitiv nicht die schlechteste Lösung.

Allerdings hat das in mir einen neuen Denkprozess ausgelöst, bezüglich jener Ziele und Ideen, welche meinen eigenen Spielstil über die Jahrzehnte geprägt haben. Ich mag hoch immersives Charakterspiel und versuche dabei, nicht immer wieder nur mich selbst zu spielen, sondern tatsächlich zumindest ein Stück weit psychisch zu meiner Figur zu werden. Ich löse gerne Rätsel und ich katalysiere gerne Ereignisse; manchmal auch mit hohem indidividuellem Risiko für meine Figur; und ich versuche emotional glaubwürdig zu bleiben. Was ich mir dabei wünsche, ist eine gewisse Handlungs-Freiheit für meine Figur. Ich tue mir nämlich schwer damit, wenn sich mein Char verstecken oder immer wieder verbiegen muss, auch wenn die Welt, bzw. die Kampagne dies u. U. verlangt. Ich meine, wenn jetzt irgendjemand mit Realismus im Rollenspiel daher kommt – wir sitzen um einen Tisch und stellen uns vor, wir wären Elfen, Zauberer oder sonst was, die gemeinsam einen Drachen zu Klump kloppen wollen; oder ähnlich exotische Leute, die in seltsamen Vehikeln (Giant Robos) durch ein Universum reisen, in dem Magie und Technologie gleichberechtigt nebeneinander existieren oder einander gelegentlich ersetzen / ergänzen. Daran ist ABSOLUT NICHTS Realität. Dann muss meinem Char gelegentlich auch erlaubt sein, larger-than-life-things zu tun. Sonst kann ich auch gleich den Kfz.-Mechanikermeister Humbert Scherzlhuber spielen, der verzweifelt versucht, seine Hinterhofwerkstatt über Wasser zu halten. Das bedeutet nicht, dass einem TTRPG-Charakter automatisch jede Heldentat gelingt. Große Taten gehen mit großem Risiko einher. Weshalb man manchmal neue Chars machen muss. Aber TTRPGs sind für mich KEINE realitätsgetreue Simulation unserer typischen Normalo-Erfahrungen mit etwas fantastischer Tünche drauf, sondern das Tor in andere Welten, in denen ich NICHT immerzu über Rechnungen, Abhängigkeiten, Verpflichtungen und Konsequenzen bis ins kleinste Detail nachdenken müssen möchte. Ich mag es also auch nicht, wenn JEDES Encounter zu einem Social Encounter wird, bei dem Dinge totdiskutiert werden und ALLES mit sozialer, politischer oder moralischer Ambiguität aufgeladen ist. TTRPGs sind gelebter Eskapismus und meine persönliche Lebensrealität – insbesondere die berufliche – fühlt sich schon viel zu oft an wie soziales Pogohüpfen im Minenfeld. Ich brauche daher in meinen TTRPG-Sitzungen die Gelegenheit, auch mal frei zu drehen und nach dem alten Grundsatz zu handeln “Wenn Gewalt nicht die Antwort ist, hast du die Frage falsch gestellt!”
Das alles bedeutet mitnichten, dass ich wie ein Murder-Hobo daherkommen möchte. Ich denke, wenn ich in meine Figur einsteige sehr wohl intensiv darüber nach, was meine Handlungen oder auch Unterlassungen alles auslösen könnten. Und natürlich versuche ich dabei, die Regeln der Welt und die Regeln des Spiels zu respektieren. Ich möchte aber dennoch in Handlungskategorien denken dürfen, an die ich im echten Leben NIEMALS denken würde, Zauberei existiert in meiner Realität nämlich nicht. Ich möchte Dinge bullshitten und Ideen ausleben / probieren dürfen, die vielleicht wild sind – und oft auch verdammt riskant – weil sie den Geist des Spiels und der Kampagne respektieren, aber vielleicht nicht unbedingt den Buchstaben jeder Regel, die einst geschrieben ward. Wenn ich dabei über’s Ziel hinausschieße, darf man mir das gerne direkt sagen. Ich bin dann nicht böse, sondern passe mein Verhalten an, denn es liegt mir natürlich fern, um meiner Wünsche Willen anderer Leute Spielspaß zu beschneiden. Allerdings ist aus meiner Sicht KEINE EINZIGE REGEL IN STEIN GEMEISELT. Ich struggele überdies erheblich damit, wenn es einen Riesenhaufen Lore im Hintergrund gibt, der als gesetzt gilt und den man nicht antasten darf. Für mich als Spielleiter war anderer Leute Lore immer nur ein grobes Gerüst, an dem man sich orientieren darf – aber nicht muss! Das ist vermutlich der Hauptgrund, warum ich seit sehr langer Zeit all meine Spielumgebungen von Grund auf selbst entwickle und den Spielern vorab KEINE RIESIGEN LOREDUMPS gebe. Das sollen die ruhig selbst auskundschaften, dabei auf die Nase fallen, sich einen Ruf erwerben (berühmt oder berüchtigt…?), sich weiterentwickeln und alle Gelegenheiten haben, Dinge auszuprobieren. Und wenn sie dann irgendwann rausfinden, dass auf einer der “Landmassen”, die in der Hohlwelt Cavai’Arastella umhertreiben jemand einen Stoff namens DuPont-47 webt, aus dem man Rüstungen herstellen kann, oder über eine Feldkiste der US-Army stolpern, dann hoffe ich, dass diese kleine Multiversums-Eastereggs ein paar Schmunzler erzeugen.
Ich denke also relativ viel über meine Motivation nach und in der Folge auch relativ viel über die Motive, Ideen, Ziele, Erwartungen meiner Chars. In meinem Kopf entsteht dabei oft so eine Art Fanfiction, die ich manchmal im Rahmen meines Campaign-Journalings teile. Manches ist auch einfach nur für mich. Nun ist mir aber bewusst, dass bei weitem nicht jeder Spieler so an das Spiel heran geht. Und das wird für mich als Spielleiter mittlerweile immer mehr zu einem Problem. Irgendwie habe ich immer viele hoch unterschiedliche Temperamente am Spieltisch integriert bekommen. Allerdings nicht selten zum Preis einer kohärenten Atmosphäre, die ich eigentlich sehr schätze. Und nun mag ich mich eigentlich nicht mehr verbiegen. Ich bin, wenn es um TTRPG geht KEIN casual gamer mehr und auch kein hochintegrativer Spielleiter. Wenn ich “like-minded weirdoes” sage, dann meine ich damit Leute, die TTRPG wenigstens halbwegs so ähnlich erleben wollen, wie ich. Und nur für den Fall das jemand jetzt glaubt, ich würde als Spielleitung nie NEIN sagen: Weit gefehlt! Wenn ich die interne Kohärenz meiner Welt schützen muss, sage ich durchaus NEIN. So wie ich das auch von meinen Spielleitern erwarte. Allerdings stets unter der Maßgabe, dass sich dieses NEIN auf wichtige Aspekte erstreckt und nicht, weil die Buchstaben der Lore oder des Regelwerkes dies willkürlich verlangen. Hinweis an dieser Stelle: mechanisch sind manche Regelwerke der pure Graus. Wie dem auch sei – ich hoffe dass es auch bald hinter meinem Spielleiterschirm wieder heißt: always game on!

