Der verwirrte Spielleiter N°77 – Wie Ihr wollt…!

Letzthin habe ich wenig bis gar nicht gespielleitet. Nicht, unbedingt, weil ich nicht gewollt hätte. Jedoch ist mir in den vergangenen Monaten wenig bis gar nichts eingefallen, was mich zufrieden gestellt hätte. Ich habe durchaus Ideen, aber irgendwie bekomme ich den Schritt von der Idee zu einem Abenteuer oder gar einer Kampage momentan nicht hin. Ich war überdies auch noch unzufrieden mit dem, was ich zum Ende meiner letzten Kampagne hin abgeliefert hatte; mir kam es ultralame vor! Und ich komme mit dem sich wandelnden Setup meiner Game-Sessions nicht klar. Ich kann einem hybriden Setup immer noch nur sehr wenig abgewinnen. Entweder möchte ich in Präsenz spielleiten (wird für mich IMMER der Goldstandard bleiben) oder aber voll digital, wo ich für alle Mitspieler die von mir vorbereiteten, die Immersion unterstützenden Inhalte gleichartig ausrollen kann. Ich stehe als Spielleiter also derzeit auf Kriegsfuß mit mir selbst. Das kann in über 37 Jahren jedoch mal vorkommen, ich bin also noch einigermaßen hoffnungsfroh. Immerhin habe ich Teil an zwei, in jeder Hinsicht höchst unterschiedlichen Kampagnen, in denen ich spielen darf. Und sammle dort natürlich neue Eindrücke, frische Ideen und Motivation, es wieder mit dem Spielleiten zu versuchen. Gerade jetzt ändert sich die Gruppenzusammensetzung der einen Kampagne, weil einerseits unser Spielleiter sagt, er brauche mehr Stammspieler, damit die Gruppe ihre Dynamik behalten und mit den Herausforderungen Schritt halten kann und andererseits nicht alle Spieler und Spielleiter die gleichen Vorstellungen davon haben, auf welche Weise sich die Spieler mittels ihrer Chars einbringen sollen/dürfen. Es läuft darauf hinaus, dass unterschiedliche Spielstile an einem Tisch unter Umständen für die Spielleitung irgendwann die Gesamtmoderation erschweren, andererseits aber ein erwarteter Spielstil nicht das ist, was einem indivuellen Spieler Spaß macht. Und da das Ziel ist, dass alle gleichsam Spaß haben sollen, kann es dann mal vorkommen, dass man – evtl. auch nur vorübergehend – getrennter Wege geht. Passiert sowas nach einer eingehenden Diskussion, ist das definitiv nicht die schlechteste Lösung.

Allerdings hat das in mir einen neuen Denkprozess ausgelöst, bezüglich jener Ziele und Ideen, welche meinen eigenen Spielstil über die Jahrzehnte geprägt haben. Ich mag hoch immersives Charakterspiel und versuche dabei, nicht immer wieder nur mich selbst zu spielen, sondern tatsächlich zumindest ein Stück weit psychisch zu meiner Figur zu werden. Ich löse gerne Rätsel und ich katalysiere gerne Ereignisse; manchmal auch mit hohem indidividuellem Risiko für meine Figur; und ich versuche emotional glaubwürdig zu bleiben. Was ich mir dabei wünsche, ist eine gewisse Handlungs-Freiheit für meine Figur. Ich tue mir nämlich schwer damit, wenn sich mein Char verstecken oder immer wieder verbiegen muss, auch wenn die Welt, bzw. die Kampagne dies u. U. verlangt. Ich meine, wenn jetzt irgendjemand mit Realismus im Rollenspiel daher kommt – wir sitzen um einen Tisch und stellen uns vor, wir wären Elfen, Zauberer oder sonst was, die gemeinsam einen Drachen zu Klump kloppen wollen; oder ähnlich exotische Leute, die in seltsamen Vehikeln (Giant Robos) durch ein Universum reisen, in dem Magie und Technologie gleichberechtigt nebeneinander existieren oder einander gelegentlich ersetzen / ergänzen. Daran ist ABSOLUT NICHTS Realität. Dann muss meinem Char gelegentlich auch erlaubt sein, larger-than-life-things zu tun. Sonst kann ich auch gleich den Kfz.-Mechanikermeister Humbert Scherzlhuber spielen, der verzweifelt versucht, seine Hinterhofwerkstatt über Wasser zu halten. Das bedeutet nicht, dass einem TTRPG-Charakter automatisch jede Heldentat gelingt. Große Taten gehen mit großem Risiko einher. Weshalb man manchmal neue Chars machen muss. Aber TTRPGs sind für mich KEINE realitätsgetreue Simulation unserer typischen Normalo-Erfahrungen mit etwas fantastischer Tünche drauf, sondern das Tor in andere Welten, in denen ich NICHT immerzu über Rechnungen, Abhängigkeiten, Verpflichtungen und Konsequenzen bis ins kleinste Detail nachdenken müssen möchte. Ich mag es also auch nicht, wenn JEDES Encounter zu einem Social Encounter wird, bei dem Dinge totdiskutiert werden und ALLES mit sozialer, politischer oder moralischer Ambiguität aufgeladen ist. TTRPGs sind gelebter Eskapismus und meine persönliche Lebensrealität – insbesondere die berufliche – fühlt sich schon viel zu oft an wie soziales Pogohüpfen im Minenfeld. Ich brauche daher in meinen TTRPG-Sitzungen die Gelegenheit, auch mal frei zu drehen und nach dem alten Grundsatz zu handeln “Wenn Gewalt nicht die Antwort ist, hast du die Frage falsch gestellt!”

Das alles bedeutet mitnichten, dass ich wie ein Murder-Hobo daherkommen möchte. Ich denke, wenn ich in meine Figur einsteige sehr wohl intensiv darüber nach, was meine Handlungen oder auch Unterlassungen alles auslösen könnten. Und natürlich versuche ich dabei, die Regeln der Welt und die Regeln des Spiels zu respektieren. Ich möchte aber dennoch in Handlungskategorien denken dürfen, an die ich im echten Leben NIEMALS denken würde, Zauberei existiert in meiner Realität nämlich nicht. Ich möchte Dinge bullshitten und Ideen ausleben / probieren dürfen, die vielleicht wild sind – und oft auch verdammt riskant – weil sie den Geist des Spiels und der Kampagne respektieren, aber vielleicht nicht unbedingt den Buchstaben jeder Regel, die einst geschrieben ward. Wenn ich dabei über’s Ziel hinausschieße, darf man mir das gerne direkt sagen. Ich bin dann nicht böse, sondern passe mein Verhalten an, denn es liegt mir natürlich fern, um meiner Wünsche Willen anderer Leute Spielspaß zu beschneiden. Allerdings ist aus meiner Sicht KEINE EINZIGE REGEL IN STEIN GEMEISELT. Ich struggele überdies erheblich damit, wenn es einen Riesenhaufen Lore im Hintergrund gibt, der als gesetzt gilt und den man nicht antasten darf. Für mich als Spielleiter war anderer Leute Lore immer nur ein grobes Gerüst, an dem man sich orientieren darf – aber nicht muss! Das ist vermutlich der Hauptgrund, warum ich seit sehr langer Zeit all meine Spielumgebungen von Grund auf selbst entwickle und den Spielern vorab KEINE RIESIGEN LOREDUMPS gebe. Das sollen die ruhig selbst auskundschaften, dabei auf die Nase fallen, sich einen Ruf erwerben (berühmt oder berüchtigt…?), sich weiterentwickeln und alle Gelegenheiten haben, Dinge auszuprobieren. Und wenn sie dann irgendwann rausfinden, dass auf einer der “Landmassen”, die in der Hohlwelt Cavai’Arastella umhertreiben jemand einen Stoff namens DuPont-47 webt, aus dem man Rüstungen herstellen kann, oder über eine Feldkiste der US-Army stolpern, dann hoffe ich, dass diese kleine Multiversums-Eastereggs ein paar Schmunzler erzeugen.

Ich denke also relativ viel über meine Motivation nach und in der Folge auch relativ viel über die Motive, Ideen, Ziele, Erwartungen meiner Chars. In meinem Kopf entsteht dabei oft so eine Art Fanfiction, die ich manchmal im Rahmen meines Campaign-Journalings teile. Manches ist auch einfach nur für mich. Nun ist mir aber bewusst, dass bei weitem nicht jeder Spieler so an das Spiel heran geht. Und das wird für mich als Spielleiter mittlerweile immer mehr zu einem Problem. Irgendwie habe ich immer viele hoch unterschiedliche Temperamente am Spieltisch integriert bekommen. Allerdings nicht selten zum Preis einer kohärenten Atmosphäre, die ich eigentlich sehr schätze. Und nun mag ich mich eigentlich nicht mehr verbiegen. Ich bin, wenn es um TTRPG geht KEIN casual gamer mehr und auch kein hochintegrativer Spielleiter. Wenn ich “like-minded weirdoes” sage, dann meine ich damit Leute, die TTRPG wenigstens halbwegs so ähnlich erleben wollen, wie ich. Und nur für den Fall das jemand jetzt glaubt, ich würde als Spielleitung nie NEIN sagen: Weit gefehlt! Wenn ich die interne Kohärenz meiner Welt schützen muss, sage ich durchaus NEIN. So wie ich das auch von meinen Spielleitern erwarte. Allerdings stets unter der Maßgabe, dass sich dieses NEIN auf wichtige Aspekte erstreckt und nicht, weil die Buchstaben der Lore oder des Regelwerkes dies willkürlich verlangen. Hinweis an dieser Stelle: mechanisch sind manche Regelwerke der pure Graus. Wie dem auch sei – ich hoffe dass es auch bald hinter meinem Spielleiterschirm wieder heißt: always game on!

Auch als Podcast…

Pubertulose ist auch ‘ne Krankheit…

Ich war für meine Eltern relativ lange ein relativ gut erträgliches Kind. Ich hatte deutlich ältere Geschwister, was dazu führte, dass ich im Grunde – for good or for worse – aufwuchs wie ein Einzelkind. Die Dinge, die ich als Teenager tat waren, in ihrer teenanger-typischen indolenten Rücksichtslosigkeit gegenüber allen anderen Menschen außer der eigenen Peergroup, nicht sonderlich wild. Ich blieb gelegentlich zu lange weg, ich probierte Alkohol nur in Maßen und ich habe keine Affären gehabt. Schlicht weil ich diesbezüglich echt ein Spätzünder war. Was ich nicht bedaure. Wenn ich mir so anschaue, was mir manche Testo-Bolzen aus meiner Altersklasse gelegentlich erzählt haben, hält sich mein Neid auf Drama, Heimlichkeit und hohe Kosten in engen Grenzen. Ich war, wie hier an anderer Stelle schon mal ausgeführt ein Nerd und bin darauf bis heute stolz; denn ich bin immer noch ein Nerd. Und der Umstand, dass ich mit meiner ersten großen Liebe – der besten Ehefrau von allen – nach mittlerweile über 32 Jahren immer noch zusammen bin, ohne dass unsere Beziehung allzu große Ermüdungsbrüche aufzeigen würde, macht mich zu einer Art Einhorn. Ich kann über mutiple Beziehungsprobleme zwischen Lebensabschnitts-Meerschweinchen nur aus zweiter Hand berichten… allerdings ist diese zweite Hand ZIEMLICH groß. Ich war während meiner Jugend und Adoleszenz nicht unbedingt pflegeleicht, aber ich war auch kein dauer-wütendes Pubertier… jedenfalls nicht annähernd so wie das, was ich von meinem älteren Kind derzeit erlebe.

Da bekommt man Dinge vorgeworfen, die für den etwas reiferen Menschen in mir doch ziemlich überzogen klingen. Subjektiv bin ich – oder wahlweise die beste Ehefrau von allen – am gesamten Übel der Welt schuld und insbesondere an der unfassbar ungerechten, völlig inakzeptablen und emotional schadhaften Knechtschaft, welche die jungen Dame nach eigenen Worten in unseren Wänden erdulden musste und muss. Eine ganze Weile habe ich mich darüber aufgeregt und auch oft mit ihr gestritten, doch gestern Abend kam mir ein Satz in den Kopf, den ihr zu sagen ich nicht mehr die Gelegenheit bekam, weil die Tür schon geknallt hatte: “Mir steht der Sinn heut nicht nach Krieg – hebe dich hinfort Schimäre!” Ich finde das passend, ist es doch in ihrer Alterskohorte derzeit wohl üblich Dinge, auf die man aus unterschiedlichen Gründen nicht klarkommt als “Fiebertraum” zu titulieren. Vielleicht verrate ich ihr irgendwann, dass man a) nicht so häufig Fieber haben sollte, weil das von physischer Krankheit zeitigt und b) sie noch VIELE, VIELE Male in ihrem Leben auf Dinge nicht klarkommen wird. Einer der Hauptgründe dafür ist übrigens, zu glauben, dass die jeweils anderen an irgendwas schuld wären. Und da wir als gute Doitzsche ja stets nach Schuldigen anstatt nach Lösungen suchen, ist der notwendige Prozess, die Fähigkeit der Selbstreflexion zu erlernen für Teena(n)ger besonders schmerzhaft, weil man sich nach und nach von all den schönen Dogmen verabschieden muss, die man seinen Altvorderen so gerne wütend und lautstark entgegen schleudert. Irgendwann wird sie jemandem begegnen, der ihr die normative Kraft des Faktischen auf wesentlich uncharmantere Weise nahebringen wird, denn ich als Vater das jemals tun würde – und ich habe jeden Fehler im Buch, inclusive des legendären “So lange du deine Füße…”-Satzes gemacht. Ich hoffe nur, dass diese Begenung dann keinen echten bleibenden Schaden hinterlässt.

Ich war Zeit meines Lebens ein eher wütendes Individuum. Ich nehme daher für mich gerne diesen legendären Satz aus dem ersten Avengers-Film in Anspruch: “Ich verrate Ihnen ein Geheimnis Captain – ich bin IMMER wütend!” Ich hab dennoch nie so ein Anti-Aggressions-Training gemacht. Vielleicht hätte es mir geholfen, doch heute bin ich, wiewohl immer noch Galaxien weit entfernt von Altersmilde, schon etwas besser in der Lage, mit meinen Affekten umzugehen – außer, wenn es um die Familienmitglieder geht. Jene, die uns wirklich nahe stehen, brauchen halt nicht viel, um uns zum Kochen zu bringen. Ich glaube ja bekanntlich nicht an Ratgeberbücher, weil dort zumeist irgendwelche Allgemeinplätze vor sich hin salbadernde Möchtegernexperten ihre eigene – höchstens anekdotische – Empirie als allgemeingültige Lösung für das Elend der Welt verkaufen. Wohltuende Ausnahmen bestätigen die Regel, wobei auch eigentlich ausgewiesene Experten häufig zu Populismus neigen. Sie haben sich halt bei den Drecksfaschos abgeschaut, dass Populismus verkauft. Aber… weil ich Ratgeber nicht mag, kann ich hier auch keine Ratschläge geben, weder mir selbst, noch irgendwem anders, denn allein die Betrachtung meiner Pubertät und der meiner älteren Tochter macht für mich klar, dass Persönlichkeitsentwicklung auf höchst unterschiedlichen Pfaden vonstatten gehen kann. Bleibt mir nur festzustellen, dass ich derzeit recht froh bin, wenn ich nicht allzu viel Zeit mit ihr verbringen muss, denn immerzu irgendwelche Glaubenssätze an den Kopf geworfen zu bekommen, so als wenn noch nie irgendjemand vor ihr – oder ihren Freunden – auf diese Ideen gekommen wäre, ermüdet meine mühsam erworbene Contenance zusehends.

Immerhin – sie bildet sich politisch und liest Bücher, die ich jedem Menschen empfehlen würde aus eigenem Interesse, um dann gelegentlich intelligente Fragen zu stellen. Und, wie Nietzsche feststellte: “Dem guten Frager ist schon halb geantwortet.” Wir haben wohl doch nicht alles falsch gemacht. Vielleicht muss ich mich nur noch eine Weile ducken, bis dieser Sturm vorbeigezogen ist. Spannend bleibt dann noch die die Frage, wie diese Zeit bei ihrem jüngeren Pendant wohl dereinst aussehen wird. Immerhin… die Hoffnung stirbt zuletzt. Heute ist – den Faschos und Fritzes Gurkentruppe sei Dank – Tag der Doitzschen Uneinheit. Gibt nix zu feiern, dafür sind an einem Samstag alle Geschäfte zu. Scheißtag. Wenigstens darf ich heute Abend zocken. Wir hören uns, Restdemokraten.

Auch als Podcast…