“Kleider machen Leute”. Die gleichnamige Novelle von Gottfried Keller war in den 1980ern in der gymnasialen Mittelstufe eines der Bücher, welche wir im Deutschunterricht gelesen und interpretiert haben. Keine Ahnung, ob das heute auch noch so ist; und wenn wir ehrlich sind, muss man in der Schule auch nicht die gleichen Bücher lesen wie früher, nur weil “man das schon immer so gemacht hat”. Diese oberdummen Worte sind IMMER das schlechtest denkbare Argument, weil sie signalisieren, dass man zu den neuen Themen der jeweiligen Zeit nichts Neues mehr zu sagen hat. Jedenfalls weiß ich, dass sich seit damals in mir immer mehr Wiederstand gegen Kleidungskonventionen gebildet hat. Ich verstehe bis heute nicht, warum wir immer noch so zwischen white-collar und blue-collar-workern unterscheiden, um so zu tun, als wenn die einen mehr wert wären, als die anderen. Was für ein BULLSHIT! Zudem die schlimmsten Verbrecher IMMER Anzug tragen! Ne, ne, bleib mir mit diesem Mist vom Halse. Wenn ich einen Anzug und – Gott behüte – sogar einen Binder trage, dann tue ich das an zwei Tagen im Jahr, nämlich um den jungen Leuten im mündlichen Staatsexamen meinen Respekt für ihre Leistung zu bekunden und die Bedeutung des Tages zu markieren. Im sonstigen Geschäftsleben interessieren mich solche Äußerlichkeiten nicht. Weil es eben nur Äußerlichkeiten sind. Andere Menschen dürfen das gerne anders sehen und anders halten – sie sollten mir nur besser nicht mit irgendwelchen Vorträgen kommen, sowas löst bei mir nämlich Beißreflexe aus. Tatsächlich empfinde ich die Kleidungskonventionen im Geschäftsleben oft eher als Bigotterie, weil das, was nach Außen getragen wird und das, was innen passiert in keiner Weise zusammenpassen. Ein intrigantes Arschloch bleibt auch im feinsten Zwirn ein intrigantes Arschloch. Und ich habe schon so einige kennengelernt, gerade letzhin kamen wieder welche dazu…

Nun las ich heute etwas darüber, dass viele Menschen heutzutage die Grenze zwischen Öffentlichkeit und Privatleben zusehends optisch auflösen würden, weil sie unterdessen in Klamotten vor die Tür gingen, die man früher bestenfalls noch zum Sport getragen hätte, die aber eigentlich der heimischen Couch vorbehalten bleiben sollten. Karl Lagerfeld soll ja mal gesagt haben, dass jemand, der Jogginghosen trüge die Kontrolle über sein Leben verloren hätte. Das kam natürlich von einem Snob reinsten Wassers, dessen Exzentrizität gegen Ende eher seltsame Blüten trieb und den ich auf Grund seiner Entrücktheit von der echten, realen Welt kaum jemals ernst nehmen konnte. In dem Text (nun eigentlich war es ein Insta-Reel) wurde über die psychologische Wirkung gesprochen, die es nach innen und außen habe, immerzu und überall über-legere Sportbekleidung zu tragen; nämlich dass es nur noch um Bequemlichkeit ginge, dass man keine Anstrengung mehr unternehmen, keine Haltung mehr zeigen müssen wolle – gleichzeitig aber als aktiv gelesen werden wolle. Dass es zudem zeige, dass sich das Private und das Öffentliche, aber auch das Private und die Arbeit zusehends entgrenzen. Ich halte das ganz grundlegend für Quatsch. Ich denke, dass die Allermeisten, die so rumlaufen sich schlicht entweder gar keine Gedanken über ihre Bekleidungswahl machen oder aber Sportbekleidung als eine Art uniformen Trend des frühen 21. Jahrhunderts wahrnehmen und – wie so oft – einfach nur rumrennen wie der Rest. Ob sie darin dann appetitlich (also als aktiv und attraktiv gelesen) aussehen und das eventuell auch Teil eines Designs ist, mag von Fall zu Fall so sein – oder auch nicht. Und im Übrigen übersieht die Autorin völlig, dass es teils erhebliche Unterschiede zwischen Ländern gibt, so dass diese “Zeitdiagnose” einfach vollkommen ins Leere läuft. An der Kleidung ablesen zu wollen, inwieweit jemand für sich selbst das Öffentliche und das Private entgrenzt hat, ist ungefähr so wirksam, wie ein Persönlichkeitstest in der “Brigitte”.
Das, was manche Menschen heute als modische Entgleisung wahrnehmen und dann stets wahlweise den Untergang des Abendlandes oder den völligen Verlust unserer “Laitkoltur” heraufbeschwören, beruht auf der ungerechtfertigten Verabsolutierung überkommener Konventionen eines vergangenen Zeitalters. Kultur ist ein Prozess. Und es wäre ungemein wohltuend, wenn manche Menschoiden das endlich zur Kenntnis nähmen. Was nun mich betrifft, so trage ich zwar auch eher nur zu Hause überaus sportive Kleidung. Schlicht, weil ich nicht sehr sportiv bin und mich nicht unbedingt lächerlich machen möchte. Aber wie andere Menschen ansonsten herumlaufen und ob das reflektiert passiert, oder doch eher dem Umstand zu verdanken ist, dass gerade nix anderes zur Hand war… pft… who cares? Man sollte sich eh überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, nur dann über Menschen zu urteilen, wenn man sie gut genug kennengelernt hat, um sich überhaupt ein Urteil zu bilden. Getreu den Worten von Lemmy Kilmister, der sinngemäß mal gesagt hat, dass er absolut nicht verstehen könne, wie man jemanden aus einer Entfernung von einer halben Meile hassen könne. Denn solche “Zeitdiagnosen” werden recht rasch zu Werturteilen; und Werturteile benutzt man gerne, um Dichotomien zu schaffen, auf deren Basis (WIR vs. DIE) dann Ausgrenzung, Homophobie, Rassisimus, Mysogynie und der ganze andere Faschistenquatsch entstehen. Sprache schafft Bewusstsein! Kleidung schafft einfach nur, dass man nicht nackig in der Gegend rumlaufen muss. Denkt mal drüber nach Nachbarn. Schönen Samstag.
