Ich war in den letzten Tagen dienstlich unterwegs. Inhalt und Teilnehmerkreis der Veranstaltung tun hier nichts zur Sache. Ich hatte jedoch ein paar Wahrnehmungen, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Ich ließ mich abendlich zu einer Diskussion über kognitionspsychologische und pädagogische Inhalte hinreißen und musste feststellen, dass meine Argumentationslinie nicht zu überzeugen vermochte. Vielleicht war ich zu vehement in meiner Darstellung, vielleicht habe ich auch eine falsche Vorstellung davon, welche Kulturtechniken oder Wissensinhalte heute noch wichtig sind. Ich hatte jedoch zwischenzeitlich vor allem den Eindruck, dass man meine Aussagen als Mansplaining abtat; denn der Sender der Inhalte ist ja nun unbestreitbar ein white middle-aged cis-gender guy. Was für mich jedoch die wichtige Frage aufwirft, ob das den Inhalt meiner Argumentation für bestimmte Rezipientengruppen entwertet? Ich meine… wie wäre das Ganze verlaufen, wenn ich eine, über die pädagogische Expertise hinaus als Feministin bekannte Frau gewesen wäre? Oder eine LGBTQ+-Person? Ich frage mich auch, ob ich wohl einen Fehler gemacht habe, indem ich in meiner Darstellung bestimmter Sachverhalte eine Dramaturgie benutzt habe, die zugegebenermaßen auf eine Zuspitzung setzte. Das ist in verschiedenen Kontexten eine durchaus übliche Methode; und aus meiner Sicht auch nicht anrüchig, solange ich dabei nicht allzu sehr polemisiere und bei der Wahrheit bleibe. Lustig an dieser Geschichte ist für mich, dass den Rezipienten zumindest teilweise bewusst sein dürfte, dass Storytelling nicht nur im Marketing, sondern auch bei der Wissensvermittlung seine Verwendung findet. Ich habe darüber geforscht und geschrieben und finde, dass mündlich überlieferte Geschichten ein bemerkenswertes Instrument zum Wissenstransfer sind.

Ich möchte auf Folgendes hinweisen: ich reklamiere für mich ausdrücklich nicht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Was mich aber an der Situation irritiert hat, war die sofort einsetzende, absolute Vehemenz, mit der meine Argumente angegriffen wurden. Ich meine… wir behaupten immer alle, dass wir das Gegenüber ausreden lassen und dass wir bezüglich unseres Verständnisses stets paraphrasierend nachfragen, weil wir ja alle so unfassber aufgeklärte und wertschätzende Menschen sind. Das konnte ich hier jetzt nicht sehen! Als ich etwa meine Irritation darüber zum Besten gab, dass manche Fachkräfte im Verkauf die Mengenbezeichnung “ein Dutzend” nicht mehr kennen würden, traf ich auf Unverständnis und mit einem Mal drehte sich die Diskussion um die Frage nach heute noch relevantem Wissen und Kulturtechniken. Als Gegenbeispiel – vermutlich für ein heute eher überkommenes Wissen – wurde ich gefragt, ob ich denn in der Lage sei, im Wald ein Feuer zu machen. Meine Antwort “ja, mit geeignetem Werkzeug” wurde mir offensichtlich nicht geglaubt. Das ist, auch wenn man sich’s schönredet halt Whataboutism. Hinweis an dieser Stelle: eine kurze Webrecherche ergibt, dass der Begriff “ein Dutzend” heute sehr wohl noch gebräuchlich ist. Case Closed. Ich hätte mir gewünscht, dass ich meine Geschichte zu Ende erzählen und dann auf die einschränkenden bzw. problematischen Aspekte einer von mir zitierten Studie hätte hinweisen können. Und ich ärgere mich tatsächlich darüber, dass Menschen aus anderen Fachgebieten mir meine fachliche Expertise sowie die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Denken und Argumentieren anzweifeln, was ich umgekehrt ausdrücklich NICHT tue. Ich komme nur in sehr unbesonnenen Momenten auf die Idee, Menschen für dumm zu erklären – oder, wenn diese wiederholt beweisen, dass sie DUMM SIND. Aber das ist etwas völlig anderes.
Ich benutze manchmal, weil ich ich sehr viel in meinem Fachgebiet unterwegs bin und auch viel entsprechenden Unterricht mache beim Präsentieren Fachtermini, die für andere Rezipientengruppen erklärungsbedürftig sind und merke das nicht immer sofort. Auch das ist so eine Sache, die man mir dann im abendlichen Gespräch vorwarf, weil ich vormittags einen Begriff aus der Notfallmedizin benutzt hatte, ohne diesen hinreichend zu erläutern. Es kommt mir gelegentlich so vor, als wenn manche Menschen – entweder aus professioneller Gewohnheit des eigenen Gewerkes oder weil ich halt ein alter weißer Kerl bin – jedes meiner Worte auf die Goldwage legen. Und das ist ermüdend. Sich dauernd dafür entschuldigen zu müssen, dass man, aller (Aus)Bildung und Erfahrung im Umgang mit Menschen zum Trotze in einer anderen Zeit sozialisiert wurde, daher mühsam versucht mit jedwedem Wandel Schritt zu halten und dennoch mit der eigenen Imperfektion zu kämpfen hat, kostet mich unfassbar viel Kraft. Menschen auf der Basis ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, ihres Geschlechts, ihres Bildungsstandes, ihrer Überzeugungen, etc. komplex zu verstehen, ist Teil meines Handwerkes. Aber jede*r von uns hat nur ein Hirn, nur ein paar Augen und Ohren, nur einen Mund und nur ein paar Hände, um zu verstehen, zu handeln und zu kommunizieren, was automatisch bedeutet, dass jede*r von uns regelmäßig an Grenzen stößt. All das ist mir mehr als schmerzlich bewusst, ist es doch integraler Teil dessen, was ich als Erkenntnis allen Menschen, an deren Ausbildung ich beteiligt bin mitzugeben versuche. Dann gefühlt gecanceled zu werden, während man versucht eine Lanze für tradierte, aber dennoch mitnichten obsolete Kulturtechniken zu brechen, tut sehr weh; vor allem weil ich sehe, welche Auswirkungen ein allzu bereitwilliges “mit der Zeit Gehen” gerade beim Lernerfolg hat. Nicht unbedingt bei den fachlichen Kompetenzen, sehr wohl aber bei den sozialen und personalen, welche mein alter Job Notfallsanitäter in besonderem Maße erfordert. Dass man dazu nicht wissen muss, was ein Dutzend ist, weiß ich selbst. Aber manchmal muss man auf dem Weg zu bestimmten Kompetenzen Umwege über andere Wissensbestände und Skills nehmen; denn abstraktes Denken greifbar zu machen bedarf einer gewissen Kreativität. Und DAS verstehen Nicht-Pädagogen regelmäßig NICHT. Was soll’s. Jene, an die ich gerade gedacht habe lesen hier vermutlich eh nicht mit. Aber ich muss meinen Frust an Tagen wie diesen ja irgendwo abladen. Danke liebes Tagebuch… bis bald.
