Kreativ begrenzt…?

Etwas machen! Etwas NEUES machen! Der Wunsch, schöpferisch tätig zu sein wohnt – zumindest in meiner Wahrnehmung – nicht jedem Menschen inne. Muss er aber auch nicht, solange es nur genug von uns gibt, deren intrinsische Motivation über das bloße Besorgen des Notwendigen zur reinen Subsistenz hinausweist. Roboten, damit Essen auf dem Tisch steht, man ein Obdach und Kleidung hat, die vor dem Unbill der Umwelt schützen und etwas Unterhaltung, um sich vom gelegentlichen Elend durch das Roboten ablenken zu können, ist dennoch für niemanden von uns vom Tisch. Aber der Kreislauf des Kapitalismus verlangt von den allermeisten keine, oder nur sehr wenig Kreativität, keine Innovation, sondern lediglich Problemlösen im Rahmen definierter Parameter. Oft sind die darum entwickelten Arbeits-Vermeidungs-Strategien die höchste Form von Leistung, die man realistischerweise erwarten darf. Aber das Roboten in einem eng begrenzten Rahmen, das kriegen die Allermeisten allermeistens auch irgendwie hin. Das “irgendwie” im letzten Satz mag hierbei auf die Qualität des Hinkriegens hinweisen… MIR genügt es jedoch nicht, im Rahmen definierter Parameter zu “funktionieren”. Sprach ich nicht erst neulich von Leidenschaft? Von meiner ersten und größten Leidenschaft, dem Geschichtenerzählen? Vermutlich ein Tun, dass zumindest dann und wann ein wenig Kreativität fordern könnte. Allerdings sprach ich auch von Scheitern; und damit gleichsam von den Hindernissen, mit denen Kreativität zu kämpfen hat…. oder? Oder könnte es nicht vielleicht doch so sein, dass Hindernisse und Beschränkungen uns erst dazu anregen, etwas wirklich interessantes entstehen zu lassen?

Letzthin habe ich mich neu mit der Frage nach der Quelle meiner Inspiration auseinandergesetzt und bin dabei unter Anderem über ein Youtube-Video gestolpert, welches sich mit eben der Frage befasste: was machen Begrenzungen und Hindernisse mit unserer Kreativität? Spannend fand ich die hier gewonnene Erkenntnis, dass solche Herausforderungen diese eher steigern; undzwar durch die ihnen innewohnende Notwendigkeit, originelle Lösungen für ungeahnte Probleme finden zu müssen. Konfrontiert mit dem Mangel an Ressourcen wie Raum, Zeit oder Geld, eingeschränkt durch die verfügbare Technik (oder den Ausfall derselben) wird einfaches Problemlösen plötzlich oft genug zu einer eigenen Kunstform. Würde man immerzu aus den Vollen schöpfen können, jedes Problem sofort mit einer Reay-Made-Solution bombardieren können, wäre ein kreativer Prozess in etwa so, wie der durchschnittliche Schulweg irgend so eines behelikopterten Bonzen-Kindes in Hamburg: planiert von Mamas überteuertem SUV! Keine Anstrengung, keine Herausforderung, keine Notwendigkeit zur Kooperation – und damit absolut nix gelernt. Denn der Fond von so einem Möchtegern-Leistungsträger-Panzer ist das Sinnbild der Komfortzonen-Couch. Du wirst einfach über alle möglichen Hindernisse hinweg getragen. Doch erst, wenn du auf etwas stößt, dass dich bremst, dass dich irritiert, dass dich dazu zwingt, zur Seite zu gehen oder mit dem Klettern anzufangen, setzt du dich wirklich mit deiner Umwelt auseinander. Wenn man kreativ sein bzw. werden möchte, darf man niemals damit anfangen, immerzu die gleiche alte Antwort auf neue Fragen geben zu wollen. Man muss jede Herausforderung zu ihren jeweiligen Bedingungen annehmen und analysieren, um sie begreifen und bearbeiten zu können. Kreativität ist Lernen ist Kreativität. Und das strengt an! Das muss man wollen!

Welcher Art meine Beschränkung der Mittel in irgendeinem kreativen Prozess auch sein mag; ich sollte diese nicht von vornherein als Zeichen begreifen, es sein zu lassen, sondern so oft es geht als Ansporn sehen, neue Wege zu suchen; denn das Sprichwort “Not macht erfinderisch!” gilt nicht nur für Autowerkstätten im Südsudan. Nach meiner persönlichen Erfahrung ist es leicht, sich von auftauchenden Hindernissen entnerven, entmutigen, gar ganz vom Vorhaben abringen zu lassen. Das, was einen dann noch vorwärts treiben kann, ist intrinsische Motivation, kreativ sein zu wollen, etwas schaffen zu wollen und darum bereit zu sein, mit dem zu arbeiten was man hat – und das, was man nicht hat positiv auf den Prozess wirken zu lassen. Diese Motivation ist, wie bereits oben gesagt, keine Ressource, die jedem Menschen in gleichem Maße zur Verfügung steht. Und das ist auch okay so, denn kreativ sein zu MÜSSEN, weil es einem halt wichtig ist, kann gelegentlich durchaus mit Schmerzen verbunden sein. Dieser Drang entsteht meist aus einer inneren Ideenfülle, die manche von uns in sich tragen und die sich einen Weg nach draußen suchen MUSS, damit man nicht bald das Gefühl bekommt, wertlos zu sein, weil man keine dieser Ideen in die Tat umsetzt. Und dann rennt man halt oft in die vielen Fallen auf dem Weg; wobei es für die meisten einen Walk-Around gibt. Ich habe kein Geld für teure Software oder die “richtigen” Geräte? Für viele Projekte genügen frei verfügbare Programme und ein Mittelklasse-Smartphone / Tablet. Das Wichtigste ist, damit zu üben und sich mit den technischen Möglichkeiten und Grenzen auch wirklich vertraut machen. Ich habe nicht die passenden Hintergründe / Sets für meine Ideen zur Verfügung? Dann geht man raus, sucht nach den passenden Sets und probiert so lange, bis es passt. Ich bin mit meiner Schreibe nicht zufrieden? Meine Texte wirken nicht so, wie ich mir das wünsche? Da hilft nur eines: schreiben, schreiben, schreiben… dann lesen und noch mal schreiben! Kreativität ist ein Muskel, den man regelmäßig trainieren muss, um besser werden zu können. Und dann braucht man immer noch die richtigen Sparringspartner. Menschen, die einem sagen, wenn ein Projekt oder Produkt der eigenen kreativen Bestrebungen schlicht Scheiße ist.

Kreative Grenzen entstehen meist nur dort, wo ich sie entstehen lasse. Die einzige, wahre kreative Begrenzung, die sich dauerhaft meinen Fähigkeiten zur Problemlösung entzieht, ist ein extrinsisch erzeugter Mangel an Zeit, sich mit den verfolgten Ideen und Projekten zu den eigenen Bedingungen auseinandersetzen zu können. Denn an der Notwendigkeit, das existenziell Notwendige zu beschaffen, kommt keiner von uns vorbei. Wie dem auch sei – jene, die ihre Ideen in die Welt gesetzt sehen wollen, weil sie davon überzeugt sind, dass diese Ideen es wert sind, von anderen wahrgenommen und diskutiert zu werden, finden immer irgendeinen Weg. Denn sie MÜSSEN einen Weg finden, um nicht irgendwann an sich selbst zu verzweifeln. Also sitze ich hier und schreibe weiter… schönes Wochenende.

Auch als Podcast…

Absurdistan ist zurück N°4 – In der Tugend-Haft…?

Dem Denken zufolge könnte es eine Folge des Denkens sein, denkend zu handeln, sofern das Handeln dem Denken folgte. Würde man – bei Lichte betrachtet – Licht in die Dinge bringen, so hätte man erleuchtete Dinge und könnte das denkende Handeln dem Licht in den Dingen folgen lassen, so dass das Handeln dann – dieser Denke zufolge – eine Folge des Lichtes wäre, dass man denkend in die Dinge gebracht hat. Solcherlei Gedanken fröhnend saß der Protagonist auf dem Balkone, welcher, an die Küche angliedernd, jedoch nicht einem Gliedertier gleich geformt, sich dem Hofe zum Süden hin zuneigend und dabei den Blick auf eine grüne Oase freigebend aus einer gewissen Höhe die Metaperspektive auf die Dinge zulässt – so dass die Betrachtung bei Lichte, sofern das UNTEN noch am Tage in Augenschein genommen wird, zu einer erhellenden, gleichwohl passiven Handlung wird, da man den Dingen hierorts situiert nicht allzu schnell allzu nah kommen kann, außer man sprünge hinunter. Was unweigerlich mit schweren Verletzungen einherginge. So lädt der Balkon also, Kraft seiner Struktur und Funktion zu kontemplativer Untätigkeit ein, wenn man sich diesem nicht gerade mit einem Buch oder ähnlichem bewaffnet nähert, um wenigstens dem Geiste etwas Arbeit zu verschaffen; wenn schon der Körper in einem Gartenstuhle umherfläzt.

Das Lesen als letzter Endgegner der ubiquitär auftretenden, unwissenden, ignoranten, ja nachgerade narzisstischen Selbstgefälligkeit, welche allzu viele Wesen, die sich wohl lieber nicht mit den Komplikationen einer halbwegs umfassenden Bildung behelligen lassen mochten, wie eine Monstranz vor sich her tragen; eine wunderschöne Vorstellung, dass Läuterung so einfach sein könnte. Allerdings sind eben jene, die es am allerbittersten nötig hätten, dieser besonderen Kulturtechnik oft hoch abhold. Einzig schreiben können sie wohl. Dies zwar nur mit Mühe, weil bezüglich Interpunktion, Ortographie und Grammatik oft mehr als nur der letzte Schliff vermisst gemeldet werden muss. Dafür wird vieles leider ohne jede Not in die Welt getragen, trotzden so manche Absonderung doch besser vom Beginne her im Orkus des Ungesagten verborgen bliebe. Ach weh, der Schmerz… Das Auge liest, der Geist bedenkt, im Schmerze sich das Hirn verrenkt, denn klar ist bereits nach kurzer Weile: die Blödheit scheint aus jeder Zeile. Nun könnte man sich einer Replik befleißigen, doch der Wohlbelesene erbt, mit dem intensiven Studium vergesellschaftet oft auch eine gewisse Scham, sich genauso unbedacht öffentlich zu entblöden, wie diese Urheber so mancher televerbaler Pein. Sollte man sich denn wirklich auf das quasi kaum noch existente Niveau solch dreister (Selbst)Reflexionsverweigerer begeben, nur um seinen Punkt zu machen? Und wären die überhaupt in der Lage, aus ihrem Dunning-Kruger’schen Tal der selbst-induzierten Kognitions-Verweigerung heraus einem echten Argument zu folgen? Derlei darf bezweifelt werden.

Was am Ende bliebe, wäre die Erkenntnis, dass die eigene Tugendhaftigkeit – nämlich, sich dem eben vorausgeeilten Argumente folgend besser NICHT mit gewetztem Schwerte ins Getümmel auf dem Marktplatz des selbstgefälligen Nicht-Austausches, besser bekannt als Antisocial Media zu werfen – einen damit gleichsam in eine Tugend-Haft nimmt; denn der Reflex, diesen Cretins mal so richtig zeigen zu wollen, was eine Harke ist, bleibt ebenso bestehen, wie die unfassbar dumme Angewohnheit, an Black-Friday-Super-Sales zu glauben. Lernt, Preisentwicklungstabellen zu lesen, ihr Deppen. Der einzig historisch relavante schwarze Freitag war der 25.10.1929, und der löste immerhin eine globale Wirtschaftskrise aus. An den heutigen Black Friday zu glauben, löst hingegen bestenfalls eine familiäre Diskussion um die eigene leere Kasse aus… Solchen gedanklichen Schleifen zu folgen, löst manchmal erhebliche Verwirrung aus, daher fliegen wir zurück zum eigentlichen Thema: dem beinahe ununterdrückbaren Reiz, sich in dämliche Diskussionen einmischen zu wollen, weil man wirklich glaubt, man könne Menschen mit der Kraft des besseren Argumentes davon überzeugen, etwas Dummes zu unterlassen. Ein flüchtiger Blick auf das Weltgeschehen könnte einen hierbei eines Besseren belehren, aber dazu müsste man sich kognitiv weit genug strecken können, um einen Blick über die Wälle des eigenen Dunning-Kruger hinweg zu erhaschen. Das bedarf jedoch der Anstrengung und des Willens, die eigene Meinung überhaupt in Frage stellen zu wollen – und passiert daher nicht. Immer wieder tappt der Protagonist selbst in diese Falle und ist hinterher ob der Beschränktheit der eigenen Weisheit auf sich selbst wütend.

Wahrheit kann eine Tugend sein, allerdings ist Wahrheit allzu oft nur die EIGENE Wahrheit. Weisheit wäre eine Tugend, wenn sie einem denn hülfe, jene Situationen zu erkennen, in denen eine Intervention – gleich welcher Art – sich lohnen könnte und sich geschickt an jenen vorbei zu lavieren, die nur Nerven und Zeit kosten, einen jedoch bestenfalls vor das Licht am Ende des Tunnels führen, welches hupt und schnell näher kommt. Denn wer sich in Gefahr begibt, kommt darin – zumindest im übertragenen Sinne – recht oft um… Auch wenn es gerecht und überdies sehr befriedigend wäre, so manchem Kognitionsverweigerer aus den Weiten des Menschoid-Seins in den Antisocial Media mal so richtig in realiter eine mitzugeben, die sich gewaschen hat. Derlei bleibt einem jedoch zumeist verwehrt, da vom Staate bei Sanktionsandrohung verboten. Da Schlagen, Schießen und Stechen also ausfallen müssen, bleibt einem nichts anderes übrig, als wenigstens ab und an aus seiner Tugend-Haft auszubrechen und wenigstens verbal ein paar armselige Würstchen zu grillen; dabei immer schön darauf achtend, dass aus der Tugend-Haft keine echte Haft werden kann. Am Ende bleibt den Aufrechten ja doch immer nur noch das eine: In diesem Sinne, macht mal hinne – Nazis jagen an freien Tagen. Wir sehen uns…

Auch als Podcast…

Absurdistan ist zurück N°3 – …dahin gerafft

Bisweilen – und in diesem Falle gerne eher seltener denn öfter – mag es wohl vorkommen, dass die Gesundheit nicht ganz so tut, wie sie bestimmungsgemäß eigentlich sollte. Das Leben des Protagonisten, angefüllt mit allerlei Aufgaben dieser oder jener Natur, von denen manche doch eher Geschäftigkeit vortäuschender Tand sein mögen, wurde unerwartet, dafür aber nichtsdestowenigertrotz nachhaltig disruptiert. Es erheitert tatächlich eben jetzt ungemein, ein Verb aus einem Anglismus zu konstruieren, welches es noch gar nicht gibt; und im Übrigen auch nicht geben müsste, da man “disruptieren” auch mit “stören” ersetzen könnte, wenn man denn ein Apologet der altmodischen Sprachlehre wäre. Doch… da die “Disruption”, jenes sich geradezu anbiedernde Wort-Liebchen all dieser Möchtgern-Entrepreneure mit ihren ebenso illusionären wie substanzlosen Ideen und Plänen nun mal, wie manche Kreise wohl sagen würden, “der heiße Scheiß” ist, bleibt dem Verfasser dieser Zeilen gar nichts anderes übrig, als beim Anblick heißer Scheiße nicht ins Würgen zu verfallen, sondern einfach fortzufahren mit seinem Tun… dem Schreiben von der Disruption, welche ihn befiel. Und die hattes es in sich – oder, eigentlich hatte man es eher alsbald außer sich, wobei abwechselnd beide menschlichen Hauptöffnungen dem Gott Lokus mit geradezu fließender Inbrunst huldigend für die Abfuhr des Inneren sorgten… Also des inneren Abfalls. Wobei der – auch ohne Brechdurchfall – bei nicht wenigen Individuen weniger stofflich, aber leider nicht vollkommen wirkungslos, oral geschehen kann. Hierorts sagt man dazu wohl “Dumm gebabbelt is glei”…

Pausen vom täglichen Tun mögen unter verschiedenen Gesichtspunkten ihre Vorteile haben; aus Sicht des Lohn- und Brotgebers sicher den Erhalt der Arbeitsfähigkeit; wie effektiv diese auch immer beschaffen sein mag. Für den Protagonisten sind solche Unterbrechungen normalerweise durchaus positiv konnotiert, sofern sie nicht gerade mit einer, unter Extrembedingungen erwungenen Nahrungskarenz einher gehen. Da gewinnt ein hier doch gelegentlich verwendetes Diktum eine völlig neue Bedeutung, wenn es doch diesmal heißen musste “man konnte gar nicht so viel Fressen wie man kotzen musste!” Nun ja, auch solche Intermezzi haben – wie der Begriff “Zwischenspiel” völlig korrekt nahelegt – dem Himmel, oder wem auch sonst sei Dank, alsbald ein Ende. Dieses Mal blieb es bei einem kurzen, aber dennoch schwächenden Besuch, welcher den Protagonisten am zweiten Tage geradezu dazu nötigte, Lektüre zur Hand zu nehmen, da andere Tätigkeiten nicht in Betracht kamen. Das Liegen, wiewohl ansonsten dem Nachtschlafe zugeordnete Notwendigkeit und gelegentliche, liebliche Begleitung des Müßiggangs kann, abhängig von der Qualität der Bettstatt, der physischen Konstitution des liegenden Körpers und der Dauer der Horizontalität sein Willkommen allerdings durchaus überdauern. Vulgo – irgendwann schmerzte des Schreibenden Rücken, so dass eine dringliche dauerhafte Aufrichtung in die sitzende Position unumgänglich wurde. Nun kann man wirklich Vieles im Sitzen tun. Aber man sollte es vermutlich unterlassen, dabei allzu viel Liebe und Zeit auf elektronische Endgeräte – oder besser, die mittels ihres Daseins vermittelten Ablenkungen vom wahren Leben – zu verwenden, wenn es auch Bücher gibt.

Oh ja… jene Konvolute bedruckten Papiers, zusammengehalten von arkanen Künsten (und zumeist etwas Leim), gestaltet mit ikonographischer Hingabe (manchmal auch etwas, das diese zumindest imitieren sollte), kuratiert für EIN spezielles Erlebnis – und mit etwas Glück sogar kognitiv nicht vollkommen substanzfrei. Da der Protagonist des Tsundoku – also des Erwerbs unterschiedlichster Lektüre, die nicht immer sofort verschlungen wird – durchaus zumindest ein bisschen schuldig ist, herrschte also keinerlei Mangel an Lesbarem. Auch wenn der Körper noch nicht wieder 100% Willens ist, bleibt der Geist hungrig. Es begab sich, dass gleich drei Bücher ein freundliches Auge fanden und folgerichtig begonnen wurden. Keines davon ist natürlich jetzt schon gelesen, aber zumindest eines davon ist faszinierend genug, um es zu empfehlen (siehe Ende des Artikels), da die Autorin sich auf erfrischende Weise mit der Frage befasst, wie wir mit einer der menschlichsten Eigenschaften überhaupt umgehen sollen – unserer Fehlbarkeit! Und weil dem Schreiber letzthin – nicht ganz ohne Intention – der Satz, das Fehler nicht (immer) schlimm, sondern (sehr oft) Lernanlässe seien, recht häufig über die Lippen gekommen ist, sollte nun das Wissen rings um diese Erkenntnis noch einmal ein wenig vertieft werden. Da unterdessen die Symptome der unfreundlichen Intestinal-Verstimmung langsam abklingen, bleibt ja wieder Zeit sich mit anderen Formen von Scheiße zu befassen; oder besser, der Suche nach Möglichkeiten, deren Auftreten so gut wie möglich zu verhindern. In diesem Sinne… nach dem dahingerafft werden muss man sich wieder aufraffen. Gehabt euch wohl.

Auch als Podcast…
  • Edmondson, A. (2023): Right kind of wrong. How the best teams use failure to succeed. Peguin Books. ISBN 978-1-847-94378-1

Absurdistan ist zurück N°2 – Erfolgversprechend…

“Ich bin…” spricht jener “… zum Erfolge verpflichtet, daher gewährt mir die Bitte, gebt mir ein paar Berichte, bis ich endlich versteh, was ich eigentlich verrichte!” Der Schiller – so sollte man wohl hoffen – wird dem Autor irgendwann vergeben können, auch wenn diese (V)Ferse mehr Archill gebühren, als einem Dichterfürsten. Ort der Tragödie – nicht nur dieser einen, sondern auch manch anderer – war (oder ist immer noch) ein Raum, welcher, gemeinhin herkömmlich der Bildung gewidmet, so doch gelegentlich auch der Introspektion der Bildenden dienen mag und somit nicht nur gemeinhin, sondern auch gemeinerweise dem Arbeitsumfelde zuzurechnen sei. Jener Sphäre der angeblichen Selbstverwirklichung, die doch nur dem Zwecke dient, jene 30 (oder hoffentlich mehr) Silberlinge zu erwerben, welcher es bedarf, um zu den anderen Zeiten – jenen freien, ACH SO FREIEN Stunden der Nichtnotwendigkeit, der Muße, des Spiels, des Sanges und der leiblichen Freuden nicht bei Luft und Liebe allein darben zu müssen. Doch, oh weh, der Verrat an sich selbst geht noch weiter, denn damit das Leben unter dem Joch jenes diabolischen Handels – gebunden durch den Mephistopheles der Abhängigkeit, im Volksmunde auch “Arbeitsvertrag” geheißen – uns nicht allzusehr drücken möchte, schufen wir uns die Legende von diesem ominösen “Sinn des Lebens”, um diese sogleich mit der ganz und gar hinterhältigen Idee zu vergiften, abhängige Lohnarbeit sei eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung; ja nun, wenn Autofahren Naturschutz sein soll und Homöopathie Medizin, können wir uns gleich noch einer weiteren Selbstlüge bedienen, nicht wahr. Doch, ach es ging ja nicht um die mentale Rahmung des Seins – von Fachleuten auch “Framing” genannt, denn Anglizismen schaffen nicht nur Schismen; manchmal sind sie einfach griffiger; wobei Griffigkeit, abseits des Küchenmessers allzu oft überbewertet wird. Nein, vielmehr geht es um Erfolg… oder das , was wir, bei Lichte betrachtet oder auch mal unter dem Mantel der Selbst- und Fremdbenebelung verborgen, stolz wie eine Monstranz vor uns hertragend, manchmal aber eher im Fahrwasser unserer überbordenden Bescheidenheit mitschwimmen lassend als positives Ergebnis unseres Tuns und Lassens erleben. Und da kannst du aber mal was erleben…!

…oder auch nicht! Denn eben in dieser lichtdurchfluteten Kemenate des Lehrens und Lernens sitzend und von Gleichgesinnten – oder zumindest gleichartig Malochenden – umgeben musste der Autor hinter, ob der supranasalen Anstrengung gerunzelter Stirne erkennen, dass es ihm an einem Sentiment des “Erfolges” nur allzu häufig mangelt. Dies soll, und das ist nicht leichthin gesagt, zum Anlasse dienen, sich mit Verve der Belebung der eigenen Affekte zu widmen. Denn wenngleich subjektiv offenkundig nicht durchlebt so werden objektiv doch sehr wohl Erfolge realisiert, die durchaus der eigenen Erbauung dienlich sein dürfen, Potzblitz! “Doch…” ertönt, Hörnerschall gleich ein erster, gar nicht so träger Gedankenfetzen aus den bislang somnambulen Tiefen des limbischen Hirnkellers “…wie geht derlei vonstatten? Reicht es” so fuhr die helle Stimme aus der Tiefe fort “… es einfach zu wollen, um ‘gut drauf zu kommen’…?” Hey, Amygdala, du kannst vielleicht selten dämliche Fragen stellen! Da kommt dem Schreiber unvermittelt ein Zitat von berühmten Ökonomen John Maynard Keynes in den Sinn “Die größte Schwierigkeit der Welt besteht nicht darin, Leute zu bewegen, neue Ideen anzunehmen, sondern alte zu vergessen!” Ja wunderbar, die Runzeln auf der Stirn können sich nach unten verkrümeln und sich in die freudigeren Fältchen um die Augen verwandeln – denn mit der Mimik wandelt sich auch das Gemüt – Lächeln macht einen glücklicher. Hinfort mit der Laudatio auf die Abgründe des Lebens; weg mit dem ständigen Kontemplieren über den eigenen Wert und Zweck, wenn doch schon lange erkannt ist, dass sich der eigene Wert im Lehren und Lernen unterdessen verwirklicht – und somit gleichsam der eigene Zweck geworden ist. In den Orkus mit den ständigen Zweifeln – und endlich herbei mit aufrechtem Rücken, erhobenem Haupt und der Erkenntnis, dass man sich auch mal selbst feiern darf – nein sogar muss!! Wie aber derlei angemessen begehen? Wie ERFOLG für sich selbst begreifbar machen?

Für den Schreiber dieser Zeilen beginnt die Reise, damit “NEIN” zu sagen. NEIN zu jenen, die alles, was man tut oder auch lässt angreifen, kleinreden, sich selbst ans Revers heften, oder zu einem ausschließlichen Teamerfolg erklären wollen. Ja, Teams sind immer stärker als Einzelkämpfer. Aber in der Mitte jedes erfolgreichen Teams, gibt es einen Nukleus, ohne den alles auseinanderbricht, weil es das Handeln dieser einen Person ist, welches ALLES zusammenhält. Nimmst du diese Figur weg, bricht der Rest in relativ kurzer Zeit sang- und klanglos in sich zusammen. Dessen muss man sich gelegentlich erinnern. Dann wird es auch wieder möglich, eigene Erfolge zu fühlen; und angemessen zu feiern. “Aber, aber, mein Freund…” höre ich nun eine andere, dunklere Stimme aus dem amygdaloiden Vorratskeller für die harten Dämpfer “… nicht gleich arrogant werden!” Da erreichst du den Autor zu spät, lieber Geist der kommenden Weihnacht. Denn der Volksmund lässt schon lange vernehmen, dass Bescheidenheit die höchste Form der Arroganz sei. Das stimmt natürlich nur, wenn man diese allen Leuten auch überdeutlich unter die Nase reibt: “Sehr her ICH bin bescheiden…” . Aber es ist schon wahr – dieses anstrengende Austarieren zwischen Höhenflug und Absturz führt wohl gelegentlich dazu, dass man nivelliert und lieber weder das Eine noch das Andere fühlen möchte, weil Hochmut bekanntlich vor dem Fall kommt; und emotionale Bruchlandungen stets das Zeug haben, einen nachhaltig zu beschädigen! Aber keine Sorge – hier wird nicht so hoch geflogen, dass die Federn sich von den Flügeln lösen könnten. Ikarus bleibt auf niedriger Flughöhe. Nur ein BISSCHEN höher als letzthin. Weil er sich das wert ist. Weil er sich das wert ein MUSS. Und… was seid ihr euch wert? Schönes Wochenende.

Der verwirrte Spielleiter N°62 – Encounter Design

Wenn ich mich hinsetze und antagonistische Begegnungen für die nächste Sitzung mit meinen Spielern entwerfe, dann blättere ich üblicherweise nicht durch ein “Monster Manual” oder irgendeine andere Sammlung von vordefinierten Kreaturen. Oh, ich kenne und besitze solche Bücher durchaus, sogar zu verschiedenen Regelwerken – ich benutze sie nur allerbestenfalls als Inspiration für meine eignen kranken Ideen. Könnte natürlich daran liegen, dass ich schon seit Jahrzehnten beinahe ausschließlich auf Basis meines eigenen Homebrew-Systems leite. Das ist allerdings nicht der Hauptgrund, denn die Leitfrage, die ich mir immer stelle, ist nicht, wie die Chars meiner Spieler mit dem fertig werden, was ich ihnen vor den Latz knalle – sondern, ob es MIR Spaß machen wird, diese Kreaturen zu spielen! Pen’n’Paper ist vieles: zuvorderst eine Möglichkeit, narrativ in andere Welten einzusteigen, jemand anders sein zu können als man selbst ist, Dinge tun zu können, die man selbst nie tun könnte (oder wollte… jetzt mal ernsthaft – wer hätte schon WIRKLICH Lust, sich mit Vampiren, Aliens oder einer Drogendealergang zu kloppen, hm…?) – sich also in Eskapismus zu üben. Pen’n’Paper ist aber auch Problemlösen – und zu den am häufigsten verwendeten Problemen gehören im Storytelling seit der Antike nun mal Antagonisten. Was wäre etwa ein Krimi ohne einen guten Bösewicht (Oh – eine contradictio in adjecto… wie nett). Nun ist mein Regelwerk NICHT auf das taktische Zerkloppen von Monstern ausgelegt. JA – es gibt ein Kampfsystem, JA – es wird auch bei uns gekämpft, NEIN – es gibt keine ausufernden Taktik-Regeln, sondern vor allem “theatre of the mind”. Wenngleich auch an meinem Tisch manchmal eine Art Battlemap und Minis benutzt werden. Minis sind einfach dope as hell!

Mir geht es vor allem um die Motivation und Ziele der Antagonisten. Das sind bei mir keine 2-dimensionalen Wegwerfartikel, wenngleich es natürlich Minions gibt, bei denen man keinen zweiten Gedanken darauf verschwenden muss, ob es okay ist, die zu killen. Manche Kreaturen sind einfach durch ihre Natur böse oder durch ihre Fremdartigkeit so sehr ihren Instinkten unterworfen, dass man mit ihnen nicht rational verhandeln kann. Dieses Etikett tragen sie dann allerdings zumeist auch sehr offen vor sich her. Die Haupt-Antagonisten hingegen sind üblicherweise voll entwickelte, dreidimensionale Charaktere – und ich folge dabei recht häufig meiner individuellen Überzeugung, dass der Mensch das schlimmste Monster ist, welches sich die Natur ausdenken konnte (man darf im Fantasy-Bereich für “Mensch” aber auch gerne mal eine andere humanoide Spezies einsetzen). Wenn es um diese Wesen und ihre Geschichten geht, so lasse ich meiner Fantasie gerne freien Lauf. Bei mir geht das so: In diesem dämmrigen Zustand zwischen Bewusstsein und Traum, wenn man gerade im Begriff ist, vom einem in den anderen Zustand hinüber zu gleiten, lassen Richtung und Thema der eigenen Träume sich manchmal beeinflussen. Es sind diese Momente, in denen mir wirklich gute Ideen kommen. Zumeist habe ich mir allerdings vorher visuelle Inspirationen geholt, indem ich z. B. durch Pinterest (c) oder irgendeinen anderen visuellen Aggregator gesurft bin. Oft ist es so, dass unterdessen ein spezielles Bild mich anspringt und in meinem Kopf in der Folge nach und nach eine Geschichte zu der gezeigten Person oder Kreatur entsteht. Und beim Übergang ins Traumland setzt sich dann alles zusammen. Manchmal habe ich aber auch sofort eine Idee, die ich zu Papier bringe. Auf diese Weise füllen sich meine Notizbücher.

Es ist weder notwendig, meine Methode zu kopieren, noch nach irgendwelchen CR-Werten in Monstermanualen zu schauen. Das in manchen Regelwerken abgedruckte “Creature Ranking” kannst du nämlich in der Pfeife rauchen, wenn die Würfel deiner Spieler während der Sitzung heiß wie Lava oder kalt wie flüssiger Stickstoff sind. Die Action-Economy ist regelseitig auf durchschnittliche Würfelergebnisse zugeschnitten, weil wir alle an Gauß’sche Normalverteilungen glauben. Nur… unsere Würfel interessieren sich manchmal einen Scheiß für Gauß! Drei bis vier naturelle 20er zerstören ein Encounter, drei bis vier naturelle 1er deine Gruppe – zumindest mit etwas Pech. Und wer findet einen Total Party Kill schon lustig, außer denen, die NICHT dabei waren…? Manchmal muss man nachlegen, manchmal muss man die Bremse anziehen – was absolut NICHTS daran ändert, dass DEINE Encounter nur spaßig sind, wenn DEINE Kreaturen und Antagonisten DIR als Spielleitung Spaß machen. Wenn deine Spieler dann auch noch kreative Wege finden, die Mistviecher und ihre Meister zu bezwingen, steht einem wirklich guten Spieleabend nichts mehr im Wege… Klang das jetzt ein bisschen so, als wenn bei uns auch nur Monster-Slaying läuft? Tja, sagen wir mal so – Antagonisten treten einem nicht nur auf dem Schlachtfeld gegegnüber. Auch so genannte Social Encounters können es in sich haben: vermeintliche Feinde werden zu Verbündeten oder gar Freunden; und umgekehrt. Die Methode zur Erschaffung aller NSCs bleibt immer die gleiche – es geht um die, eventuell krasse Geschichte hinter der Figur und den coolen Scheiß, den diese deswegen u. U. drauf hat. Make them as memorable as possible!

Und vergesst dabei bitte nicht, dass das Terrain wie ein Mitspieler ist. Nutzt Räume, oder auch das Gelände nach allen taktischen Regeln der Kunst – aber gebt euren Spielern die Chance, dies auch zu tun. Und bedenkt, dass die meisten Spielrunden sich ohne einen SEHR deutlichen Hinweis NIEMALS taktisch zurückziehen werden, weil sie stets glauben, IHR würdet die Encounter von vorn herein so balancen, dass ihre Chars diese überstehen bzw. gewinnen können. Sagt ihnen in aller Deutlichkeit, dass diese Annahme Bullshit ist! Denn selbst, wenn man das als SL versuchen würde… vier naturelle 1er und verkackte Death-Saves und der Abend läuft vollkommen anders als geplant. Sagt ihnen, dass IHR Spaß haben wollt, und daher eure Antagonisten im Zweifel als Asskicker designed habt, und dass diese NSCs überdies keine Ahnung haben, dass sie Figuren in einem Spiel sind. Die agieren, um zu gewinnen, genau wie die Chars! Sobald die Spieler DAS verstanden haben, fangen sie vielleicht irgendwann an, über ihre Handlungen VORHER nachzudenken. Und sich über mögliche Konsequenzen ihres Handelns Gedanken zu machen. Derweilen designe ich mal die nächsten Encounter – immer wissend, dass Encounterdesign nicht nach dem Initiative-Wurf endet, wie Matt Colville immer so schön sagt. In diesem Sinne – always game on!

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Absurdistan ist zurück N°1 – Hier und jetzt…

Die beste Ehefrau von allen sprach “Lass uns wohl am Flusse gehen und dabei nur wenig blöde stehen”. Im, bis eben noch winterblassen Angesicht des Protagonisten zeichnet sich, ob der nun allüberall sicht- und fühlbar wohligen Temperierung des Außen Freude ab, sind die Worte doch ein wahrlich guter Hinweis. Und somit Anlass genug, das Innen zu verlassen. DAS INNEN – jener beinahe mythische Ort, die Höhle des häuslichen Daseins und Stätte des Existierens, sofern keine Pflicht dich von hinnen zu nötigen sucht. Doch – oh Freude – es ist Wochenende, und damit, weil’s vor allem die Endigung der, Schweiß- und gelegentlich auch Tränennassen Gesichtes verrichteten Arbeitsamkeit für einen nicht näher zu bezeichnenden Nutznießer bedeutet, jede unfreiwillige Verrichtung zu einer jähen Interruption kommen MUSS. Wehe jenen, nun schon länger vergangenen Zeiten des Schichtdienstes, da ein solches freudiges Ende als Anhang des Freitages nicht notwendig zu einer Unterbrechung jenes grausigen Fluches führte, der uns zivilisationsgepeinigten Kinder des 20. und 21. Jahrhunderts so oft so hart trifft: ABHÄNGIGE LOHNARBEIT. Allein, das Wort ABHÄNGIG, gleichwohl dem ABHÄNGEN verwandt und somit unter Umständen irreführend, ist hier der Aufregung wert; verheißt es doch eben nicht etwa, abhängen zu dürfen, sondern viel mehr abhängig zu sein – von so vielen Dingen…! Pendlerverkehr, Parkplatzsuche oder, nicht minder nertötend, die Fahrt in einer S-BAHN, jenem auch als teilmobil eingeschientes Superspreading-Event charakterisierbaren Mikrokosmos des allzu Menschlichen. Kommen einem diese ANDEREN allzu menschlichen doch hier – Platzmangelbedingt – so nah, wie sonst nur die beste Ehefrau von allen beim Spaziergang am Flusse… ein optisches, akustisches und leider, je Frühling oder Sommer es gar werden mag, auch olfaktorisches Panoptikum des Bizzarren – ja nachgrade eine Katastrophe nahezu biblischen Ausmaßes! Zumindest, wenn man wie ich ein misanthroper Morgenmuffel ist. Und bis hierher ist über Kollegoide – also Menschoide, die einem Kollegen an Gestalt und Gebaren in etwa nahe kommen, ohne jedoch je den Anspruch auf Ansprechbarkeit oder – noch besser – Antwortfähigkeit je erfüllen zu können, noch nichts hinreichend beleidigendes gesagt…

“Doch,” sprach jener, “bin ich nun zu nichts genötigt… ” ließ ob der gewünschten Akzentuierung eine kunstvolle Pause eintreten “…außer” und sog die Luft hörbar ein, um es beinahe in die nicht eben darauf wartende Welt hinausschreien zu können “…zu tun, wonach MIR der Sinn steht!” Oh Graus. Da war sie wieder, jene allzu drängende, stets zum ungünstigsten Zeitpunkt – wie etwa der allabendlichen ehelichen Diskussion über das gewünschte Unterhaltungs-Programm – auf den Plan tretende Ambivalenz; dieses verfluchte “ich könnte…” “aber ich könnte auch…”, “oder könnte ich nicht vielleicht …” VERDAMMNIS! Einmal mehr war ich geliefert. Denn abhängig war ich nicht nur von der verfluchten Lohnarbeit. Oh nein, vielmehr hat dieses dauernde MÜSSEN sich über die Jahrzehnte so sehr in mein Gemüt eingeschlichen, um die kleine faule Sau, die ich im tiefen Grunde meines schwachen Herzen gelegentlich immer noch gerne wäre langsam – aber nichtsdestowenigertrotz nachhaltig – mit dem Gift der Betriebsamkeit, der Nützlichkeit, der SINNHAFTIGKEIT zu beträufeln. Müßiggang… ja drüber Reden, oder gar Schreiben ist einfach, denn in dem Moment da man darüber redet oder schreibt, geht man ja gar nicht mehr müßig, sondern wird produktiv HIMMERLHERRGOTSAKRAMENTNOCHEINS…! So gerne würde ich behaupten, dass ich zu dieser wundervollen Zeit der Nichtverpflichtung auch tatsächlich zu nichts verpflichtet bin – wenn man von jenem unbezwingbaren Endgegner jeder Freude einmal absehen mag, den wir “HAUSHALT” heißen. Tue ich also wirklich, wonach MIR der Sinn steht, oder versuche ich nicht doch eher genau in diesem Moment einem Ideal gerecht zu werden, dass andere für mich erwählt haben: dieses dreckige Calvinistenpack mit seinem Arbeitsethos. ETHOS…? Ja welche Gesinnung habe ich denn nun? Ich will gar keine Gesinnung, schon gar keine des Fleißes, denn “am Freitag um eins macht jeder seins”, oder, wie auf dem Bau oft wiederholt, “um vier fällt der Hammer” Und das wäre auch gut so, denn den härtesten Hammer in diesem Haushalt schwingt nun mal die beste Ehefrau von allen, da beißt die Maus keinen Faden ab!

Nun jedoch ist das Blatt Papier – oder besser der Bildschirm – nicht mehr weiß, sondern zum beredten Zeugen des Chaosfaktors meiner Kreativität geworden. Kreativ ist dem lateinischen “creatum” für “erschaffen” entlehnt – und schon wieder haben wir’s mit Arbeit zu tun, den im “erschaffen” steckt “schaffen”; hier in meiner Gegend ein häufig bemühtes Synonym für “arbeiten”. Kreativ bedeutet also “er-schaffen!” oder besser “er schafft!” – und das am Wochenende! Nun, wenigstens lässt sich konstatieren, dass das Spazieren am Fluss in der durchaus schon höchst frühlingshaften Sonne sich auf das eigene Wohlbefinden poitiv auszuwirken vermochte. Während man seine Beine bestimmungsgemäß benutzt, schüttelt man, beschleunigt durch die Wucht der Vorwärtsbewegung beim Ausschreiten durch die Fußsohlen den Ärger hinaus, um diesen bei der nächsten, ebenso zwangsläufig entstehenden Berührung des Untergrundes mit der Ferse zu zermahlen. Was da unter den Sohlen knirscht, ist also nicht etwa der Bodenbelag, sondern vielmehr dürfen wir den gedämpften Schmerzensschreien unseres sterbenden Ärgers lauschen – ich liebe dieses Bild! Gleichsam kann man, wenn man ganz genau hinhört, auch das jeweilige Durchbrechen der Mauer der nächsten Sekunde hören. Denn solange wir während des Spazierens nicht zum finalen Liegen kommen, durchschreiten wir auch gleich noch Lebenszeit. Und so, wie das GLEICH sich im JETZT zum EBEN GERADE wandelt, entschwindet so manch negatives im Orkus hinter uns! Und aus einem weißen Blatt – oder besser Bildschirm – ist unterdessen ein Text über dieses und jenes geworden – vor allem aber über das JETZT. Schönes Rest-Wochenende…

Auch als Podcast…

Stuck in the middle N°9 – …more about writing!

Trügerisch träge wälzt sich der Strom durch sein aktuell immer schmaler gewordenes Bett. Am Ufer liegen große Mengen Treibholz, kleingemahlen von der stillen Kraft, welche unter der idyllischen Szenerie lauert. Beschienen von der Märzsonne, die langsam aber sicher wieder an Kraft gewinnt, beobachte ich das sanfte Kräuseln der Oberfläche, schirme die Augen gegen die gleißenden Reflexe ab. Ein Sinnbild für meine derzeitige Fähigkeit, an meinem Projekt weiterzuschreiben. Gedanken treiben umeinander, schleifen sich gegenseitig so rund, dass anstatt Essenz nur noch nutzlose Reste übrigbleiben, bis irgendetwas davon ans Ufer meiner Wahrnehmung getrieben wird. In das Darunter hingegen kann ich wegen der Reflexionen, welche von Außen eingestreut werden, nicht hineinblicken. Zu viele Dinge, zu viele Menschen, die gleichzeitig nach meiner Aufmerksamkeit heischen; für manche davon werde ich bezahlt, andere entstehen dadurch, dass Existenz allein immer auch noch andere Verpflichtungen beinhaltet. Zum Beispiel gegenüber der Familie und den Freunden. Gerne wäre ich im Moment allein für mich. Doch diese Möglichkeit besteht gerade nicht. Ja, es ist Wochenende und offensichtlich habe ich genug Zeit, zwei Blogposts zu schreiben. Sich eine Stunde nehmen für einen Spaziergang am Fluss, das geht auch. Aber sobald diese zwei Tage wieder zu Ende sind, ruft er laut, der Trott des Alltags, garniert mit allzu würzigen Häppchen von Ärgernis, während große Brocken von Arbeit in einer Faden Brühe aus Ressourcen- und Motivationsmangel treiben…

Um mich von diesen Missempfindungen abzulenken, schreibe und zocke ich! Es gibt auch noch andere Gründe, aber in der Hauptsache ist es genau DAS – in andere Gedanken, in andere Personen, in andere Welten eintauchen und die reale Welt für einen definierten Zeitraum alleine in ihrem Saft schmoren lassen. Ich glaube man sagt Eskapismus dazu, aber ganz ehrlich… es ist mir scheißegal, wie das Kind heißt, solange es mir hilft, mit dem Rest irgendwie klarzukommen. Allerdings habe ich im Moment eine Blockade! Die ersten 150 Seiten schrieben sich beinahe wie von selbst, weil ich eine klare Vorstellung davon hatte, was wann und wie passieren soll, welche Protagonisten welche Rolle spielen müssten und worauf das alles hinausläuft. In anderen Worten – ich hatte einen Plan! Den habe ich immer noch. Das Problem mit Fantasy-Literatur ist Folgendes: wenn ich ein halbwegs gutes Buch schreiben möchte, also meine Charaktere und ihre Reise ernst nehmen will, dann sollte die äußere Welt, in welcher die Geschichte stattfindet den inneren Kampf der Charaktere widerspiegeln. [Wer gerne über das Thema mehr wissen möchte, liest Stephen R. Donaldsons Essay “EPIC FANTASY IN THE MODERN WORLD. A Few Observations.” aus dem Jahr 1986.] Das bedeutet, dass man einerseits seine Charaktere sehr gut kennen und wissen muss, was ihre Stärken und Schwächen sind, was sie in die Knie zwingt und womit sie psychologisch zu kämpfen haben, um die Herausforderungen der äußeren Welt darauf abstimmen zu können. Die Dynamiken der einzelnen Character-Arcs sollten daher auch aufeinander abgestimmt sein. Andererseits kann dann NICHTS in der äußeren Welt der Erzählung einfach so passieren, was nicht zu dieser inneren Reise passt! Ich kann nicht einfach eine Actionszene einbauen, nur weil mir beim Schreiben gerade langweilig ist. Das ist auch so eine oft unreflektiert replizierte Weisheit unter Autoren: wenn eine Szene notwendig aber langweilig ist, leg’ ne Kanone auf den Tisch und schau was passiert.

Man muss über das Schreiben auch noch dies wissen: wenn ich mich an eine Szene setze, dann weiß ich vorher NICHT, wie die fertige Szene aussehen wird. Und selbst wenn der First Draft meiner ursprünglichen Idee eventuell sehr nahe kommt, kann es nach der zweiten oder dritten Revision sehr wohl sein, dass die Szene nun vollkommen anders abläuft, als zunächst intendiert. Denn nehme ich beim Schreiben meine Charaktere ernst, muss ich im Prozess reflektieren, wie diese andere Person, durch deren Augen die Leser:innen später die Geschichte erleben auf die präsentierten Probleme und Herausforderungen reagieren würde – nicht, was ich dann täte. Was bedeutet, dass ich mich zum Schreiben tief in diese andere Person hinein versetzen muss. Ich streife mir – im übertragenen Sinne – deren Fleisch über. Niemand interessiert sich dafür, was ich täte, wenn ich von einem Dämon bedroht würde – ich, white middle-aged cis-gender-male Körpergulasch wäre einfach totes Fleisch! Meine Helden hingegen fahren unter Umständen mit einer Chaos-Kreatur auch mal Schlitten, dass es eine wahre Pracht ist. Oder auch nicht, wenn die Zeichen mal wieder gegen einen stehen! Daraus folgt, dass Action sehr wohl intergraler Bestandteil einer Geschichte sein kann (und manchmal sogar sein muss); allerdings nie zum Selbstzweck, sondern stets, um die Reise der Charaktere voranzutreiben. Für Sexszenen gilt übrigens das Gleiche. [Ja, ich schreibe echt für Erwachsene. Gibt schon mehr als genug Heiteitei-Young-Adult-Autoren da draußen!] An so einem Punkt bin ich gerade, wo das seichte Dahinplätschern auf den letzten Seiten geradezu nach einem feisten Weckruf verlangt, ich aber keine Action um der Action Willen inszenieren möchte, weil sich das im Verlauf falsch anführen würde. Blöd gelaufen.

Man kann den Schreibfluss manchmal nicht herbeizwingen. Oft ist es so, dass man etwas Zeit braucht, um seinen eigenen Kopf zu unfucken; und neben Zeit auch die Muße, Dinge einfach mal zu tun, weil man Lust darauf hat, nicht weil man muss. Und da ist er wieder, der Endpunkt des Wochenendes, der langsam aber sicher schon zu winken beginnt. Mal sehen, wohin der Zug heute noch fährt. Bis zum nächsten Mal eine gute Zeit und eine nicht zu beschissene Woche!

Auch als Podcast…

Them Vampir Ella reloaded…

Albernheiten allenthalben sind das Markenzeichen unserer Zeit! Alberne Narzissten in albernen Verkleidungen mit albernen Ämtern, die aller Albernheit ihres Auftretens zum Trotz voller Inbrunst und Ernsthaftigkeit vor Mikrofone und Kameras treten, um den absoluten SCHWACHSINN, der unweigerlich über ihre Lippen kommen wird als einzig seligmachende Wahrheit zu deklarieren. Alternative Fakten sind albernes Gewäsch im Gewand eines selbstsgewissen Dogmatismus, der mich immer wieder irritiert, aber dennoch selten sprachlos zurücklässt. Ich kann meine Verblüffung stets überwinden und diese fetten Maden am Arsch des Schicksals als das bezeichnen was sie sind: die Weidels, Musks, Lindners, Trumps, Merzens dieser Welt – allesamt realitätsfremde, arrogante, gierige, nur auf sich selbst bedachte Luftpumpen, die sich von den anderen Amateuren nur durch die Intensität ihres Sendungsbewusstseins unterscheiden. Abschaum unserer Spezies, der durch die seltsamen Wendungen, welche unsere Geschichte stets zu nehmen bereit zu sein scheint, immer und immer wieder nach oben, an die Oberfläche dieser Kloake namens Kapitalismus gespült wird! Viel zu viele Menschen lieben offensichtlich dieses alte Märchen: “Wenn du nur hart genug arbeitest, rücksichtslos genug alles nimmst, was du kriegen kannst und alle unterbutterst, die dir dabei im Weg stehen, dann gehört diese Welt dir. Insbesondere DIE ANDEREN (also Menschen von außerhalb deiner Ingroup) sind dein Todfeind, weil sie dir alle etwas wegnehmen wollen!” Warum zur Hölle glauben so viele diesen sinnentleerten Quatsch, wenn unsere Spezies doch eigentlich zur Solidarität und zum Altruismus geboren ist? Ob ich heute vielleicht miese Laune habe? OH JA GOTTVERDAMMT. IMMER SCHÖN TÖTEN, DENN ZUM LÄCHELN UND WINKEN FEHLT MIR DIE KRAFT… Mit dem Buch über den genderfluiden veganen Vampir mit Rote-Beete-Allergie namens Ella wird das alles so nichts, wenn das Leben doch wesentlich absurdere Konzepte und Geschichten hervorbringen kann, als ich. So ein Mist. Aber… dennoch… dennoch mangelt es mir an Verzweiflung. Weil ich für mich klar beschlossen habe, in politischer und in gesellschaftlicher Hinsicht zu kämpfen, egal wie’s auch kommen mag. Was allerdings im Umkehrschluss bedeutet, dass es derzeit nur wenige ruhige Häfen gibt, in denen ich Energie tanken kann. Dennoch löse ich Probleme und Herausforderungen mit geradezu erschreckender Effizienz. Anscheinend ist mein Angszentrum im Urlaub.

Ich habe kein Problem mit Albernheiten an sich – nur mit jener menschenverachtenden Grausamkeit, die sich heute allzu oft hinter dem abgesonderten Quatsch verbirgt. Ich will viel lieber jene Albernheiten feiern, die mir den Tag versüßen und mir Energie schenken, anstatt sie mir zu rauben. Ich will machen, anstatt zu hoffen, zu harren und darauf zu warten, dass irgendeine glückliche Fügung des Schicksals die Dinge zum Besseren wendet. Da draußen sind Faschos? Bieten wir ihnen die Stirn! Bei der Arbeit mangelt es stark an geeigenetem Personal? Geht anderen auch so, bilden wir welches aus; oder werben es ab! Familie und Freunde gehen durch dunkle Zeiten? Zünden wir ihnen ein Licht an, dass Herz und Seele erwärmt und sie für eine Weile von dem ganzen Mist ablenkt! Ich selbst stecke subjektiv in einer kraftraubenen Tretmühle? Ich mache mich an Projekte, die mir gut tun und mich auf andere, neue Pfade führen, wie etwa schreiben! Pragmatismus bedeutet nicht, abgestumpft, fatalistisch zu sein und das Gestalten anderen zu überlassen, sondern die Segel des Lebens nach den Winden des Schicksals auszurichten. Im Regelfall gestaltet derlei Tun oder Lassen bereits eine Menge. Man muss nicht immerzu nach Innovationen streben! Ja, kreative Lösungen für neue Herausforderungen und Probleme zu finden, ist definitiv mein Credo. Und dennoch muss ich nicht bei jeder Stromschnelle das Rudern neu erfinden. Ich muss nur die Weisheit entwickeln, erkennen zu können, wann es genügt, die alten Methoden zu nutzen, oder neu miteinander zu kombinieren – und wann ich wirklich neue Methoden brauche. Denn an jedem Tag nach etwas vollkommen Neuem zu streben, kostet viel mehr Energie, als ich – als die allermeisten – je zur Verfügung haben werden. Also müssen wir, vor allem in den dunkleren Stunden mit unseren Ressourcen haushalten. Ich sagte gestern zur besten Ehefrau von allen, dass sie allen schlechten Nachrichten von bösen Menschen zum Trotz, die man dieser Tage überall geliefert bekommt nicht verzagen soll, weil es a) immer noch eine Menge guter Menschen gibt, b) Macht nicht immer so einfach ausgeübt werden kann und c) böse Menschen sich untereinander genauso verhalten, wie gegenüber jenen, die sie als ihre Gefolgsleute oder Opfer wähnen. Was früher oder später dazu führt, dass sie sich gegenseitig zerstreiten und zerfleischen!

Ja, ich bin mies gelaunt! Ja ich bin wütend – wie eigentlich immer! Aber ich bin damit auch voller Energie, weil ich mittlerweile, zumindest in den allermeisten Situationen, diese Wut kanalisieren und für mich nutzbar machen kann. Das ist einer der positiven Effekte des Älterwerdens. Und ich habe jetzt, am Ende dieser Zeilen das noch unbestimmte Gefühl, ein paar frische Ideen entwickelt zu haben. Das tut gut und hilft mir, diesen Tag sinnvoll zu nutzen. Obacht – sinnvoll nutzen bedeutet NICHT, ihn mit Action vollzustopfen! Muße, Kontemplation und Müßiggang sind ebenso sinnvolle Tätigkeiten, wie alles mögliche andere. Huzz und Buss sind morgen wieder. In diesem Sinne: schönen Sonntag, morgen einen halbwegs energetischen Start in die Woche; und wenn die Nazis euch nerven – einfach mal in den Weg stellen! C U!

Auch als Podcast…

Stuck in the middle N°6 – about reading (and writing)…

Man hört aus verschiedensten Mündern, zumeist jedoch von Vertretern des akademischen Lehrbetriebes, dass die Fähigkeit junger Menschen, längere, komplexere Texte lesen und vor allem erfassen zu können drastisch abgenommen hätte. Ob das tatsächlich den Tatsachen entspricht, überlasse ich gerne der individuellen Beurteilung durch meine Leser:innen; ich empfehle aber zuvor, sich zu informieren. Etwa auf den Seiten der BPB (Bundeszentrale für politische Bildung). Unabhängig davon, ob man geneigt ist, dies als Zeichen des drohenden Untergangs unserer Zivilisation deuten zu wollen, oder aber der etwas weniger apokalyptischen Überlegung folgen möchte, dass Modalitäten und Intensität unseres Konsums digitaler Medien etwas damit zu tun haben könnten, muss festgestellt werden, dass sich etwas verändert hat, immer noch verändert und auch noch weiter verändern wird. So viel zur These über die Prozessualität von Kultur. Die Entstehung des Lesens und Schreibens als Kulturtechnik zur Aufbewahrung und Weitergabe von Erlebtem, Gedachtem, Gefühltem ist untrennbar mit einer Veränderung der Sprache als solchem verbunden. Walter Ong merkt hierzu folgendes an:

"Eine orale Kultur beschäftigt sich schlichtweg nicht mit solchen Dingen wie geometrischen Figuren, abstrakten Kategorien, formal-logischen Denkprozessen, Definitionen oder auch nur gründlichen Beschreibungen, nicht mit zergliedernder Selbstanalyse, die stets nicht einfach dem Denken, sondern dem textgeprägten Denken entstammt." (Ong 2016, S. 51, Hervorhebung durch diesen Autor)

Wir Menschen haben begonnen, die Welt mit Beginn der Entwicklung von Schriftsprache auch durch andere Augen sehen zu können. Allerdings ist die Auseinandersetzung mit jeder Schriftsprache im klassischen Sinne immer mit Anstrengungen verbunden. Auf der Couch in der physischen Komfortzone kann man zwar trefflich sitzen und lesen, doch jenes Möbel in der mentalen Komfortzone muss ich zwangsläufig verlassen, wenn ich mich mit anderer Leute Denke ernsthaft auseinandersetzen will. Zwar ist es so, dass Diskurs sehr wohl auch rein verbal stattfinden kann, doch dann wird dieser vor allem durch die Situation und die Beziehung der Menschen in ihr kontextualisiert: “Das natürlich orale Wort ist Teil einer wirklichen, existenziellen Gegenwart.” (Ong 2016, S. 94). Lese ich einen Text, so muss ich jedoch versuchen das Gedachte, Erlebte, Gefühlte, worauf der Autor sich schriftlich bezieht in meinem Geist nachzuvollziehen, was zwangsläufig zu Verzerrungen führen wird. Dieser Weg ist allerdings für beide Seiten kein einfacher. “Nicht nur dem Leser, auch dem Schreibenden fehlt der extratextuelle Kontext.” (ebd. S. 95). Die schriftliche Vermittlung von Sprache ist also mitnichten ein einfaches Ding. Vielleicht erklärt sich daraus, warum so viele Leute sich in Online-Foren mit Hingabe televerbal die Schädel einschlagen, schlicht weil sie nicht verstehen können – nun gut, manchmal auch nicht verstehen wollen – was das Gegenüber zu sagen hat…

Im Geiste der vorangegangenen Feststellungen lässt sich sagen, dass unsere “Schöne Neue Welt” hervorragend darin ist, mittels Technik eine Illusion der Einfachheit im Umgang mit anderer Leute Wissen, Ideen, Entdeckungen zu erschaffen; neue Technologien, wie etwa generative KI gaukeln uns vor, dass es anstrengungslos möglich sei, sich all jenes anzueignen, das zu entdecken, zu ersinnen, zu erleben, zu erfahren, zu erstellen unsere Vorgenerationen Jahre und Jahrzehnte anstrengender Forschung, Übung, Erprobung gebraucht haben; incl. jeder Menge individueller Fehlschläge! Dem konstruktivistischen Pädagogen in mir sträubt sich da das Fell, denn wenn wir eigentlich doch alles Wissen, alle Fertigkeiten, alle Erfahrungen zunächst selbst erleben und dann reflektierend in unsere ureigene Realität integrieren müssen, wohin führen dann solche “Abkürzungen” des Nichtwollens? Doch wohl zwangsläufig ins Nichtwissen, Nichtkönnen, Nichtwerden, oder? Diese Diskussion habe ich live schon das eine oder andere Mal geführt, aber Menschen MÜSSEN erst am eigenen Leibe erfahren, wie es NICHT funktioniert, damit sie akzeptieren können, dass Verweilen in der Komfortzone beim Streben nach persönlichem Wachstum immer eine Illusion bleiben MUSS! McLuhan hat die Verwerfungen, welche durch die technisierte Übertragung des Wortes entstehen, bereits vor langer Zeit beschrieben:

"Einfacher gesagt: wenn eine neue Technik den einen oder anderen unserer Sinne auf die soziale Umwelt ausweitet, dann werden sich in dieser bestimmten Kultur neue Verhältnisse zwischen all unseren Sinnen einstellen." (McLuhan 2011, S. 54)

Er meinte damit natürlich zu seiner Zeit die Entwicklung von Buch zu Radio und Fernsehen; das Internet kannte er noch nicht. Dennoch ist ein zu Grunde liegender Mechansimus einfach verständlich und erkennbar – neue Medien, die andere Sinne ansprechen, erzeugen in der Folge eine neue Form von Mediengebrauch. Und weil man Buchseiten nicht so schön wischen kann, glaubt man lieber, sich komplexe Ideen mit einem Fünf-Minuten-Video-Schnipsel begreifbar machen zu können. Weil man noch nicht verstanden hat, (verstehen will?) dass Lernprozesse und damit nachhaltige Aneignung erst in der aktiven, DENKENDEN Auseinandersetzung mit dem Wissensgegenstand und vor allem durch REPITITION (JA, gutes altmodisches Wiederholen!) angestoßen werden. Na ja, das Leben ist ja bekannt dafür, einen manchmal zu enttäuschen; und wenn’s einfach nur dazu gut ist, einen wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Ich selbst struggle schon mein ganzes Erwachsenenleben mit dem Versuch, Gedanken, Ideen, Wissen, Zusammenhänge kohärent, verständlich und anschaulich zu transportieren. Gehört wohl zum Lastenheft des Pädagogen; nur dass ich das schon tat, lange bevor ich mir dieses Etikett verdienen konnte. Was ich heute in vielen jungen Menschen ehrlich vermisse, ist die Bereitschaft, sich WIRKLICH mit den Dingen zu befassen und nicht immerzu nach der schnellsten, einfachsten, am besten wiederverwendbaren Musterlösung zu suchen. LIFE IS A LESSON – YOU LEARN IT, WHEN YOU DO IT, GODAMMIT! Das ist vermutlich der Grund, warum ich hier immer noch regelmäßig (bald im 12. Jahr) meine Gedanken zu allem Möglichen veröffentliche. Denn tatsächlich ist das ein bisschen wie Arbeit. Zwar eine Arbeit, die ich verdammt gerne tue; dennoch kostet es mich Zeit, die ich auch für Anderes verweden könnte. Will ich aber nicht, weil die damit verbundene Anstrengung für mich einen Mehrwert hat; und es ist mir eigentlich ziemlich wumpe, ob andere diesen Mehrwert erkennen können, oder nicht. Ich freue mich allerdings, wenn ich Menschen zum Nachdenken anregen kann. Mein Mehrwert ist übrigens, meine Gedanken für mich selbst zu sortieren, mich selbst besser verstehen zu können. Ganz im Sinne von Ong und McLuhan. In diesem Sinne – viel Spaß beim nächsten echten Buch…

Auch als Podcast…
  • McLuhan, M. (2011): Die Gutenberg-Galaxis. Die Entstehung des typographischen Menschen. Deutschsprachige Ausgabe. Hamburg: Gingko Press Verlag.
  • Ong, W. J. (2016): Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. 2. Auflage. Mit einem Vorwort von Leif Kramp und Andreas Hepp. Übersetzt von Wolfgang Schömel. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Der verwirrte Spielleiter N°60 – warum eigentlich…?

März 2019. Seit damals läuft diese Rubrik und damit bald sechs Jahre. Viel ist seitdem passiert. Privat, beruflich aber auch im Weltgeschehen. Trotzdem ist meine Lust an dieser Variante des Storytellings ungebrochen. Oder vielleicht gerade, WEIL Pen’n’Paper eine Konstante in meinem Leben ist, der ich viel verdanke? Ich habe als Junge durch das Rollenspiel gelernt, mich zu fokussieren, habe ausblenden können, dass die Welt auf Nerds – zumindest in meiner Jugend – einen eher negativen Blick gepflegt hat. Ich begann, mich mit vielen, höchst unterschiedlichen Themen auseinanderzusetzen, die auf den ersten Blick wenig bis gar nichts miteinander zu tun hatten; nur um dann herausfinden zu dürfen, was vernetztes, systemisches Denken im Kern ist. Ich habe mit den Jahren meine Neugier immer mehr zu einem Instrument geschäft. Ich habe meine kommunikativen Skills trainiert, lange bevor ich wusste, was kommunikative Skills sind, oder dass das Lehren einstmals ein Teil meines Lebens sein würde. Und ich habe Freunde gefunden – teilweise fürs Leben. Wie viel mehr kann man sich von einem Hobby wünschen? Es hat sich dabei im Lauf der Jahre ergeben, dass ich viel häufiger Spielleiter war (und immer noch bin) als Spieler. Das liegt wohl daran, dass ich – wie ich an anderer Stelle in diesem Blog schon öfter erwähnt habe – sehr wohl Rampensau kann, wenn das Setting passt. Und mit ein paar Likeminded Weirdos zusammen am Spieltisch ist das überhaupt kein großes Ding,,,

Über eine ganze Reihe von Jahren habe ich das, was an Aufgaben dem SL zukommt, mehr oder weniger intuitiv erledigt. Ich habe natürlich viel gelesen, mir die Stile anderer SLs angeschaut, mich selbst mit Gamedesign auseinandergesetzt (und in der Folge zwei Regelwerke entwickelt, von denen eines heute unsere meistgenutzte Homebase ist) und war wohl recht effizient darin, diese Erkenntnisse und meine Erfahrungen aus der wahren Welt in meinem Tun am Spieltisch zu spiegeln. Dennoch kam es natürlich immer wieder zu Konflikten, einfach weil Spieler halt Menschen sind; und diese über ein und den gleichen Scheiß sehr unterschiedliche Meinungen haben können. Dennoch hat sich im Laufe der Jahre – nach den Experimenten der Jugend mit Besuchen als Spieler/SL auf Conventions und wechselnden Gruppen – ein kleiner, fester Kreis gebildet, der immer wieder zum Zocken zusammenkommt. Und noch immer gebe ich den Geschichtenonkel. Und wenn mich jetzt jemand fragt, warum ich mir das nach über 35 Jahren immer noch antue, gibt es eigentlich nur eine gültige Antwort – weil es mir verdammt viel Spaß macht! Ich gehöre zu den Spielleitern, die KEINE Kaufabenteuer und KEINE vorgefertigten Kampagnenwelten nutzen. Also… ich habe schon mal mit EINER “vorgefertigten Kampagnenwelt” angefangen. Das war Palladium Fantasy 1st Edition (hab gerade mal nachgeschaut, mein arg lädiertes Buch ist aus der 8. Auflage von 1990!). Aber Kevin Simbieda würde seine Welt NICHT wiedererkennen. Und genau so soll es auch sein. Spielleiter sind nicht einfach dazu da, die Regeln zu interpretieren. Wir denken uns die Herausforderungen aus, mit welchen sich unsere Spieler bzw. ihre Chars dann später herumschlagen müssen. Wir entwickeln die Folklore, die Geschichten, die Bewohner der Secondary World, um sie zu einem lebendigen, atmenden Ort zu machen, an dem es den Spielern leicht fällt, die erzählten Geschichten zu deren Bedingungen fürwahr zu nehmen. Willing suspension of disbelief ist dabei die wichtigste Währung, weil die Bereitschaft, die Geschichte wenigstens für die Dauer der Spielsitzung glauben zu wollen notwendig ist, wenn wir das Epos gemeinsam weiter erzählen wollen!

Und das ist das wahre Ziel von Pen’n’Paper: gemeinsam, kollaborativ kreativ werden und die vielen losen Enden, Herausforderungen, Möglichkeiten, Interaktionspunkte, welche ich als Spielleiter in meine Welt eingebaut habe, aufzunehmen und das Muster immer weiterzuweben! Das wirklich Spannende daran ist, dass ich als Spieleiter vielleicht eine vage Vorstellung habe, wohin die Reise gehen könnte – aber ich habe keinerlei Kontrolle darüber, was meine Spieler mittels ihrer Chars wo und wie als Nächstes tun werden. Meine Aufgabe ist es, einerseits die Reaktionen der Umgebung auf ihre Handlungen zu erzählen und andererseits im Blick zu haben, was die Antagonisten unterdessen tun oder lassen. Denn… die “Gegner” im Rollenspiel wissen nicht, dass sie NPCs sind! Folglich haben sie eine eigene Agenda und wollen gewinnen! Was auch immer das am Ende dann bedeuten mag. Es ist diese ECHTE Ergebnisoffenheit, die ich schätze. Andererseits sind da aber auch die Storyarcs der Charaktere selbst. Meine Spieler kommen oft mit hoch differenzierten Ideen hinsichtlich der Backstory, Persönlichkeit, Stärken und Schwächen ihrer Chars an den Spieltisch. Manchmal haben sie schon übergeordnete Ziele, wohin sich der Character auf der gemeinsamen Reise entwickeln sollte; wie, bzw. wodurch diese fiktive Person ihre Katharsis oder Erfüllung finden wird. Manchmal entwickeln sich diese Ziele aber auch erst unterwegs. Und eine meiner Aufgaben als SL ist es, die Spieler bei dieser Suche zu unterstützen, bzw. ihnen die Möglichkeit zu bieten, diese Fantasie ausleben zu können. Denn wenn der Charakterbogen nicht aufgelöst wird, empfinden manche Spieler die Figur als nicht auserzählt – so als wenn man das letzte Kapitel eines Romans einfach weglässt…

Ich hatte natürlich zwischendrin immer mal wieder Spielleiter-Burnout, hatte mich selbst subjektiv vollkommen auserzählt, fühlte keine neuen Ideen mehr, war von nichts ehrlich inspiriert. Irgendwann bin ich dann über die Roleplaying-Sphere in Youtube gestolpert und habe angefangen, mich – wieder – mit anderen Blickwinkeln auf das Tun des Spielleiters auseinanderzusetzen, an meinem eigenen Stil zu feilen, Neues auszuprobieren, mein Regelwerk abermals weiterzuentwickeln; und ich bekam wieder Lust! Habe mal wieder ein neues Setting geschrieben, neue Kampagnen gestartet, auch teilweise neue Spieler am Tisch begrüßen dürfen. Und der Drive hält immer noch an. Wann immer ich mich an meinen Schreibtisch setze und mich in meine Aufzeichnungen vertiefe, fällt mir noch irgendwas ein, was ich vermisse, was ich selbst gerne erzählen möchte, Charaktere oder auch nur bestimmte Szenen, die ich selbst gerne spielen würde – und meine Fantasie fängt an zu arbeiten. Für mich ist DAS ebenso schon Entspannung und “das Spiel spielen”, wie das gemeinsame Erzählen am Spieltisch. Und ganz nebenbei eine gute Übung für die eigene Kreativität, weil es einen zu Offenheit zwingt; weil man sich regelmäßig überraschen lassen MUSS. Und daher erfüllt es mich mit unbändiger Freude, dass ich zumindest an dieser Stelle keine Ermüdung zu verzeichnen habe. Es ist – wieder – eine meine Kraftquellen. Immer mal wieder fühle ich dieses Jucken, mir wieder eine andere, neue Gruppe zu suchen. Aber ich weiß nicht genau, ob das tatsächlich eine gute Idee ist, denn ich habe schon eine recht spezifische Vorstellung davon, wie ICH das Spiel spielen (oder spielleiten) möchte; und die ist nicht so einfach kompatibel mit der diesbezüglichen Denke Anderer, wie ich im Laufe der Jahre feststellen musste. Warum das so ist, darüber werde ich noch eine Weile nachdenken. Aber ich will trotzdem immer mal wieder versuchen, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen, weil ich mich auch bei meinem Hobby N°1 aus allzu festgefahrenen Spuren lösen möchte. Offen bleiben für Neues ist die Devise. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…