Abgesang…

Ich bin gerade in Frankreich unterwegs. Jedoch in einer Gegend, in welcher von den Bildern, die in den letzten Tagen durch die Medien geisterten nichts zu bemerken ist. Colmar sieht im Moment nicht nach sozialen Unruhen aus. Im Gegenteil sind dafür, dass wir schon Mitte, Ende Oktober haben recht viele Menschen auf den Straßen. In den Restaurants und Läden geht alles seinen gewohnten Gang, denn die Touris suchen – wie zugegebenermaßen ich auch – zielsicher das Fotogene in ihrer Umgebung. Also fällt man sich gegenseitig über die Füße, in die Fotomotive und über die Plätze im Restaurant. Hinter all den konventionellen Fassaden brodelt es allerdings gewaltig. Als ich gestern Mittag aufbrach, da hatte ich ein seltsames Gefühl im Bauch. Beinahe wehmütigen Abgesang. Den Anfang vom Ende von etwas, dass wir viel zu lange als Gegebenes, als dauerhaft verfügbar auf dem Zettel hatten. Doch wir steuern auf eine Zeitenwende zu, in der die zynische, von endloser Gier befeuerte Beharrungsfähigkeit der besitzenden Eliten auf den ungestümen Ruf nach Gerechtigkeit trifft, wie ihn nur die ungezügelte, dogmatische Wut der Jugend zu formulieren vermag. Klingt das jetzt zu sehr nach Revolution? Mag sein. Und bei manchen Bildern fragt man sich, ob Gewalt denn die Antwort auf die drängenenden Fragen unserer Zeit sein muss. Es wäre zunächst allerdings festzustellen dass a) der allergrößte Teil der Demonstranten friedlich protestiert hat, b) insbesondere die französische Polizei sich hier stets aufführt, als wenn sie Terroristen erschießen dürften und c) die asozialen, gewaltbereiten Protest-Touristen des anarchistischen schwarzen Blocks an vielen Stellen die völlig legitimen Proteste durch ihre Aktionen zu entwerten beginnen. Manchmal kommt es einem fast so vor, als wenn die Anarchen vom Kapital als Agents Provocateur bezahlt würden, damit man hinterher auch die gerechtfertigten Forderungen nach Wandel populistisch delegetimieren kann. Und die Journaille tut das ihre dazu, indem sie KEIN ausgewogenes Bild der Straße zeichnet. Denn mit dem – HINTERHÄLTIG FALSCHEN – Narrativ einer Jugend, die lieber randaliert, anstatt “was Gescheites” zu lernen, kann man natürlich Whataboutismus vom Feinsten betreiben.

Dabei ist völlig klar, dass wirtschaftsliberal orientierte Regierungen überall auf der Welt stets damit beschäftigt sind, die Fetten noch fetter zu machen und dem Rest zu erklären, dass er für die übrigen Krümel jetzt aber noch ein bisschen härter arbeiten muss. Je nach Tageslage beschuldigt man für das dabei entstehende Elend die Migranten, weil sie die Sozialsysteme belasten, ohne je eingezahlt zu haben. Oder die Linken, die ja (angeblich) per Definition keine Ahnung von Wirtschaftspolitik haben. Oder die Grünen, weil ökologisches Handeln viel zu zeuer ist. Oder, oder, oder… Das man sich unterdessen selbst die Taschen vollstopft, während man sich als willfährige Handpuppe bewusst im Schatten agierender Lobbygruppen benutzen lässt, wird dabei mit aller Macht unter den Tisch gekehrt. Transparenzregister? “Aber WIR sind doch die guten!” Informationsfreiheitsgesetz? “Ach Gott, der Bürger muss doch nicht wissen, wie das wirklich funktioniert…” Reformpakete? “Ja, machen wir alles auf einmal – dann sieht keiner so genau, wie viel Klientelpolitik da wirklich drinsteckt…” Um es kurz zu machen: die Anliegen, welche zuerst die jungen Leute, mittlerweile aber auch viele andere Mitglieder unserer Gesellschaft formulieren sind real, sie sind existenziell bedrohlich und sie sind aus Jahrzehnten einer Politik entstanden, die ALLES dem Primat wirtschaftsliberalen Denkens untergeordnet hat: mangelnder Klima- und Klimafolgenschutz, affordable housing, zu hohe Einkommensdisparität, chronisch unterfinanzierte Gesundheits- und Sozialsysteme, marode staatliche Infrastruktur, und so weiter und so fort. Doch weil ein paar vermummte Arschlöcher glauben, alles kaputt machen zu müssen, haben konservative Politikoide allüberall überhaupt keine Scham, einfach mal ALLE Protestierenden zu Randalierern zu erklären und ALLE Anliegen pauschal abzulehnen. Stattdessen schickt man eine paramilitäsisierte Polizei, die in ihren Reihen nicht selten auch noch ein strukturelles Rassismus und Autoritarismus-Problem hat, und rumms… haben wir Krach auf den Straßen.

Was mag wohl passieren, wenn die Wut sich nicht beruhigt, sondern durch die Repressalien des Staates vielmehr angefacht wird, bis es zu einem Kipppunkt kommt? Was mag wohl passieren, wenn Teile der Polizei bemerken, dass sie auf der falschen Seite stehen, weil sie ein System schützen, dass auch ihre Interessen als Bürger schon lange nicht mehr vertritt? Was mag wohl passieren, wenn klar wird, dass gewaltloser Protest einen Staat nur dann in die Knie zu zwingen vermag, wenn er dessen Funktionen bis ins Mark lähmt; also die Bürger beginnen, gegen den Staat einen hybriden Krieg zu führen, ganz so wie Russland das seit Jahren mit uns tut? Was mag wohl passieren, wenn die ganzen Demokraten anfangen, die Faschisten, die für das Kapital ja doch nur nützliche Idioten sind mit ihren eigenen Waffen zu schlagen? Ja… was wäre, wenn es tatsächlich eine Revolution gäbe? Ich weiß es nicht, aber genau jetzt wäre ich tatsächlich bereit, es herausfinden zu wollen. Denn eines ist ganz sicher – so wie es gerade läuft, geht es nicht weiter, bzw. unsere Welt noch schneller vor die Hunde. Ich will keine Gewalt sehen. Von brennenden Rathäusern wird die Welt nicht besser. Aber ich will sehen, wie die heimlichen Strippenzieher ein wenig von ihrer eigenen Medizin schlucken müssen. Die Welt braucht keine Milliardäre. Die Welt braucht keine Faschisten. Die Welt braucht neue Ideen. Und wenn das nur mit einem neuen Betriebssystem geht – dann braucht die Welt halt ein neues Betriebssystem. Dieses “Kapitalismus V4.26” ist nämlich defekt. Es erzeugt ganz wenige Gewinner aber fast ausschließlich Verlierer. Das Leben sollte aber keine Lotterie sein, auch wenn Illusion eine Kontrolle ist. Wie wäre es, zur Abwechslung mal mit wirklicher Chancengleichheit. Denn das ist es, wofür diese jungen Menschen im Kern auf die Straße gehen. Das ist es, was diese Tage hier in Frankreich wie den Abgesang auf die 5. Republik aussehen lässt. Denkt mal drüber nach. Schönen Tag noch.

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