It’s that time of the year…

Das ich jedes halbe Jahr eine Woche unterwegs bin, um eine neue Klasse auf dem Start in die schulische Ausbildung zu begleiten, ist mittlerweile sowas wie ein alter Hut. Es ist mein 11. Rodeo. Und irgendwie ist doch vieles anders. Zum einen, weil es mittlerweile normal ist, dass ich das zusammen mit der fest eingeteilten Klassenlehrerin mache und zum anderen, weil ich mittlerweile ein paar unterschiedliche Locations genutzt habe. Das macht es immer wieder ein bisschen neu. Auch verändern sich meine Vorträge – wiewohl stts zu den selben Themen – im Laufe der Jahre immer wieder, weil meine Arbeit im Lehrsaal wieder und wieder meinem ganz persönlichen Qualitätsmanagement-Prozess unterworfen wird. Fehlern, die ich früher gemacht habe, kann ich unterdessen oft elegant ausweichen; insgesamt bin ich diesbezüglich viel gelassener geworden. Und diese Souveränität zahlt sich im Lehrsaal, aber auch im informellen Umgang mit diesen jungen Leuten enorm aus. Ich bin heute viel wacher und analytischer, ohne meine Zugewandtheit völlig vergessen zu müssen. Es gibt also auch gute Seiten des älter (und reifer) werdens! Einzig nervtötend ist der Umstand, dass mich pünktlich zu Beginn der Reise ein Schnupfen gepackt hat, der mich einen Teil meiner Leichtfüßigkeit im Lehrsaal kostet und alles viel anstrengender macht. Nun ja, es wird langsam besser.

Es gibt bei diesen Veranstaltungen eine ganz seltsame Dichotomie: wann immer ich mein Zimmer in der Herberge verlasse, werde ich zu einer Art öffentlichem Wesen, welches die ganze Zeit über darauf achten muss, was es sagt, wie es mit wem umgeht und wie es auf bestimmte Fragen und Herausforderungen reagiert; denn ich bin nun mal Fachlehrer und Schulleiter. Mache ich jedoch meine Tür zu, so habe ich meine Kammer – und damit ganz automatisch auch mich selbst – wieder für mich allein; ich bin dann privat, denn einer der Vorteile für die Lehrkräfte ist, dass wir Einzelzimmer haben. Diese Zweigestaltigkeit solcher Veranstaltungen ist allen Formen von Dienstreisen zu eigen, denn wir hören ja nicht auf, in unserer Binnenpsyche als eigenständige, mit verschiedensten Bedürfnissen ausgestattete Wesen zu existieren, nur weil wir plötzlich als Funktionsträger dauernd sozial und kognitiv gefordert sind. Ähnlich ist es im kleinen, wenn ich mal den Fehler mache, mich in einer Unterrichtspause NICHT aus dem Lehrsaal zurückzuziehen. Dann kommen nämlich jene SChüler*innen, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Fragen nicht vor der ganzen Klasse stellen mögen. Und ratzfatz ist jene Zeit, die du eigentlich zum Regenerieren der sozialen Batterie gebraucht hättest mit weiterer Arbeit angefüllt. Denn, man mag es kaum glauben, aber im Unterrichtskontext Fragen zu beantworten, ist Arbeit! Die kontinuierliche Last auf der sozialen Batterie spielt auch hier eine Rolle. Eine Beobachtung, die meine Kollegin übrigens teilt. Was mich dieses Mal zusätzlich fordert, ist der Austausch mit dieser Kollegin. Wir haben ein ganz ähnliches (pädagogisches) Weltbild und trotzdem lerne ich im Moment noch mal was dazu, weil manche An- und Einsichten einfach aus dem Blickfeld geraten, wenn man sich nicht regelmäßig mit ihnen befasst. Das macht diese Reise für mich, allen Widrigkeiten zum Trotze, dennoch zu einer höchst wertvollen Erfahrung. Wir agieren für einander als kognitive Sparingspartner – und so inspirierend und wertvoll das ist, so anstrengend ist es auch. Weshalb sich jede*r seine Freiräume sucht.

Auch unsere Azubis suchen sich ihre Freiräume. Was mir unterdessen auffällt ist, dass dabei der Freiraum für manch eine*n eine weitaus größere Rolle zu spielen scheint, als die Verpflichtung, die man mit dem Ausbildungsvertrag eigentlich eingegangen ist. Es ist schon so, dass die informellen Anteile (alles, was nicht fest im Lehrplan steht) einer solchen Einführungsveranstaltung, die ja vor allem dem Teambonding und dem Neuaufbau eines Klassenverbandes dienen sollen, freiwillig sind. Sich dem durch nachmittägliche Ab- und morgendliche Anreise zu entziehen, ist zwar grundsätzlich legitim, aus meiner Sicht jedoch ein wenig schwierig. Ich will nicht unbedingt das Wort asozial gebrauchen – doch, wenn man schon in den ersten Tagen die Veranlagung zeigt, mit anderen Menschen möglichst wenig zu tun haben zu wollen und dies auf eine recht spezielle Art zeigt, lässt das für die Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung, welche dieser Ausbildung nunmal notwendigerweise zu eigen sind nichts Gutes hoffen. Es ist also irgendwie diese Zeit des (Spät)Jahres – und doch wieder nicht, weil ich wahrnehme, dass einige der Auszubildenden bereits früh aus meiner Sicht problematische Verhaltensweisen zeigen. Und ich mich deshalb frage, wie bei der Auswahl einige Entscheidungen zustande gekommen sind, die ich höchstwahrscheinlich so nicht getroffen hätte. Nun ja… Für’s Erste muss ich irgendwie mit meinem Schnupfen den Rest der Woche überstehen und schauen, möglichst viele Eindrücke und Erkenntnisse sammeln zu können. Der Rest findet sich dann später; manchmal ganz von selbst. In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Abend und eine tolle Restwoche.

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