Der verwirrte Spielleiter N°73 – Warum überhaupt gamen…?

Ich erinnere mich, irgendwann im Frühsommer 1989 im Zimmer eines Schulkameraden gesessen zu haben, der verzweifelt versuchte, mir zu erklären, was genau Pen’n’Paper ist. Und ich glaube, ich war nicht sofort “an Bord”. Es mangelte mir nämlich am Verständnis dafür, wie man DARAUS ein Spiel machen sollte. Wenige Sitzungen später hatte ich das jedoch raus und habe seitdem nie wieder wirklich damit aufgehört; wenn man mal von einem längeren, Burnoutbedingten Hiatus vor einigen Jahren absieht. Es dauerte damals nicht lange, bis ich instinktiv begriff, dass ich eigentlich schon immer Rollenspiele gespielt hatte. Wenn ich als Kind mit meinen kleinen Blech-und-Plaste-Autos spielte, baute ich dafür aus Papierschnipseln absurde Straßenlayouts (Los Santos lässt grüßen) und die imaginären Leute, welche diese Autos fuhren, hatten Namen, Jobs, ein Zuhause, etc. – und machten Dinge, die in der Gesamtschau stets eine Geschichte ergaben. Vielleicht keine sehr ausgefeilte Geschichte, aber manchmal hätte es vermutlich für das typische Drehbuch irgendeines wöchentlichen Police-Procedurals gereicht: der Coup/Gangster der Woche war jedenfalls meistens dabei. Und natürlich haben immer die “Guten” gewonnen. Man mag mir zurechnen, dass es in meiner Weltwahrnehmung damals noch nicht so viele Graustufen gab… Es gab einige, die damals zockten, manchmal hatten wir Runden von 12, 13 Leuten mit 2 Spielleitern zusammen. War schon cool. Aber viele (vermutlich die Meisten) hörten irgendwann damit auf. Das Leben kam dazwischen und irgendwann verlor es für sie wohl seinen Reiz, sich einmal die Woche in die Haut einer anderen Person zu kleiden, um Dinge zu tun, die man in der Realität niemals tun würde, Klamotten zu tragen, die man niemals tragen würde, cooler zu sein, als man jemals sein könnte…

Ich habe nie verstanden, wie man dieses Hobby NICHT weiterführen kann. Betrachtet man sich unsere Welt, dann unterliegen wir stets der Illusion, dass sich die Dinge um uns herum, ja vielleicht auch wir selbst, nicht, oder kaum ändern, weil unser direktes Umfeld sich häufig so langsam wandelt, dass man diese Nuancen erst wahrnehmen kann, wenn eine gewisse Zeit vergangen ist. Und dann kommt man an diesem Gebäude vorbei und fragt sich, seit wann das da steht – oder man schaut mal genauer in den Spiegel. Diese Furchen rings um die Augen, die sind nämlich echt. Vor allem aber haben wir häufig die Wahrnehmung dass wir selbst nichts zur Änderung der Welt beitragen, oder gar Einfluss darauf nehmen könnten. Ich meine… wir gehen wählen in der Hoffnung, dass “unsere” Kandidaten auch unsere Interessen vertreten; nur um alsbald feststellen zu müssen, dass die vor allem ihre eigenen Interessen vertreten. Oder die Interessen jener Leute, die sie am besten bezahlen. Und das sind in jedem Fall NICHT wir. Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf dieses Gefühl der Ohnmacht zu reagieren. Die Falsche ist übrigens, Leuten seine Stimme zu geben, die nach Schuldigen suchen, um diese punishen zu können (sprich Nationalisten und Neonazis), anstatt tatsächlich nach Lösungen zu suchen… aber das hier soll ja nicht zu politisch werden. Eine andere Möglichkeit ist, das Wenige, was man doch tun kann, um es irgendwie besser hinzukriegen auch tatsächlich zu tun. Und seinem Geist ab und an eine Pause von der wahrgenommenen Ohnmacht zu bieten. Womit wir wieder beim Pen’n’Paper wären. Denn meine Spielfigur muss nicht notwendigerweise – so wie ich selbst hier und jetzt – alles mögliche erdulden, sondern hat vielleicht die Chance etwas an den Umständen der eigenen Existenz zu ändern. Kann also Dinge tun, die ich niemals tun könnte, Klamotten tragen, die ich nie tragen würde, cooler sein, als ich es jemals könnte…

Der eine Teil des Reizes besteht – zumindest für mich – also darin, den erlernten Fatalismus gegenüber der realen Welt für eine Weile ablegen und Unglaubliches / Unmögliches tun zu dürfen. Der andere Aspekt ist, dass ich dabei Drama erforschen kann, ohne mich selbst wirklich dem Drama aussetzen zu müssen. Meine Spielercharaktere werden mit Dilemmata, mit Beziehungen, mit Entscheidungen, mit Fragen konfrontiert, die ich im Hier und Jetzt nicht beantworten muss, aber vermutlich auch nicht beantworten könnte. Ich musste noch nie jemanden aus dem Knast befreien, der drin saß, weil ich einen Fehler gemacht hatte. Ich stand noch nie vor der Entscheidung kämpfen und womöglich auch töten zu müssen, um überleben zu können (wenngleich ich weiß, dass es Menschen gibt, die diese Frage heute real beantworten müssen). Ich habe noch nie einen Zauber gewirkt und damit das Gefüge der Realität verändert (schlicht, weil Magie für uns nicht real ist). Und ich habe noch nie eine Menschenmenge mit meinen musikalischen Fähigkeiten begeistert (weil diese in echt eher begreenzt sind). Meine Charaktere tun solche Dinge – und noch viele andere – regelmäßig und ich erlebe dabei die Gedanken und Emotionen dieser anderen, fiktiven Person intensiv, weil ich das will. Weil es mir die Möglichkeit gibt, meine Empathie immer und immer wieder zu testen, ohne dass wirklich etwas auf dem Spiel stünde. Als Spieler fühle ich diese Dinge zumeist intensiver, denn als Spielleiter, weil ich in dem Moment, da ich am Kopfende des Tisches Platz nehme viele Aspekte im Auge behalten muss, die weit über das Verkörpern EINER Rolle hinausgehen. Trotzdem SPIELE ich auch als SL das Spiel; ich spiele sogar eine ganze Welt. Doch meine persönliche Immersion ist viel tiefer, wenn ich als Spieler am Tisch platznehmen und mich ganz auf meine EINE Rolle konzentrieren kann.

Ich game schon so lange, immer noch und vermutlich immer weiter, weil jemand anders sein zu können meine inneren Dämonen im Zaum hält und mir die Chance gibt, meine tiefe Verzweiflung, meine Wut und meine Trauer über den Zustand unserer Welt für eine Weile zu vergessen. Ab und an das Gefühl haben zu dürfen, dass “das Gute” auch mal gewinnen kann ist – wenngleich mir die vielen Graustufen unseres Daseins unterdessen nur allzu schmerzlich bewusst sind – Balsam für meine Seele. Wer würde sowas schon einfach sein lassen, wenn doch in jedem von uns, wie Eric Berne so richtig schrieb immer auch ein Kind-Ich steckt. (Berne, E. 2017, S. 37 ff.) Wie zur Hölle kann man es nicht fucking amazing finden, Dinge tun zu können, die ich real niemals tun könnte, Klamotten zu tragen, die ich nie tragen würde, cooler zu sein, als ich es jemals könnte… Pen’n’Paper ist für mich der größte Spaß, den man mit seinem Gehirn haben kann. Wer’s selbst ausprobieren möchte, darf mich jederzeit fragen. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…
  • Berne, E. (2017): Spiele der Erwachsenen. Psycholgie der menschlichen Beziehungen. 17. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch-Verlag.

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