Good old Bildungshysterie

Dieses Rumhysterisieren, dass mit der Bildung früher alles besser war und dieser Hype darum, dass man als Kind der 70er ja so viel cooler und normaler aufgewachsen ist, als dies heute der Fall sei, geht mir jetzt so langsam auf den Sack – und zwar gehörig. Doch zuerst zur Bildung. Ich finde es auch fragwürdig, dass jede Legislaturperiode das Rad der Bildungspolitik neu zu erfinden versuchen muss, denn obwohl sich vielleicht das Verständnis um die Kognitionspsychologie im Lauf der Zeit erweitert haben mag, ist die Zahl der als bewährt geltenden Methoden der Unterrichtung doch bis heute recht überschaubar. Dennoch führt ein verändertes Farbenspektrum in der personellen Besetzung von Ministerien stets dazu, dass auch um jeden Preis veränderte Akzente in der Politikgestaltung gesetzt werden müssen; getreu dem Motto: „Sehr her, wir machen das jetzt anders!“

Das anders nicht unbedingt besser bedeutet weiß jeder, der mal einen Wechsel an der Spitze eines Unternehmens aus erster Hand erleben durfte, denn letztlich ist das, was da in irgendwelchen Verwaltungen geschieht nichts anderes, als das „Neue-Besen-kehren-gut“-Syndrom, dass man häufig bei der Vergabe von Führungsposten beobachten kann. Bezogen auf unser Bildungswesen finde ich es besonders belustigend, dass man infolgedessen überall die Grabenlinie „links = progressiv = Vernichtung unserer edlen humanistischen Bildungstradition“ versus „rechts = konservativ = Beförderung sozialer Ungleichheit durch überkommene Strukturen“ ausmachen kann. Und beide Seiten hauen sich das genüsslich um die Ohren, setzen politisches Weltbild mit Bildungsrealität gleich und liefern sich ideologische Gefechte, die an den realen Umständen vollkommen vorbei gehen und den Opfern von Bildungspolitik – vulgo unseren Kindern – kein Stück weiter helfen.

Da wird die Aufweichung von Bildungsstandards beklagt, die zunehmende Unfähigkeit von Schulabgängern hinsichtlich Schriftsprache, Grundrechenarten, etc. und dabei immerzu darauf hingewiesen, dass der jeweilige ideologische Gegner gerade dabei sei, die Zukunft unserer Nation, die ja in den Händen unseres Nachwuchses liegt – wenigstens dabei sind sich korrekter Weise alle einig – aus Unfähigkeit auf’s Spiel zu setzen. Doch genau das, nämlich die Zukunft folgender Generationen auf’s Spiel setzen haben alle Regierungen in Bund und Ländern in den letzten 30 Jahren getan, indem sie die Bildungssysteme samt und sonders auf Verschleiß gefahren haben, sich auf den vermeintlichen Lorbeeren der Bildungsexpansion ausruhend. Anstatt dem wirtschaftlich-finanziellen Komplex die Kohle vorne und hinten reinzuschaufeln, um Ungleichheiten auszubauen und zu zementieren hätte man – so man Weitblick besessen hätte, der über die nächste Wahl hinausreichte – Bildungs-, Sozial- und Fiskalpolitik als das begreifen können, was sie sind; nämlich untrennbar verbunden. Nur dann hätte man sich ja nicht in bequemen Lobbyarrangements einrichten und auf Friede-Freude-Eierkuchen machen können. Und auch Politiker sind nun mal Harmoniebedürftig.

Dieses ganze Geseire um verfehlte Bildungspolitik, an der immer nur die Anderen Schuld haben, geht also vollkommen an des Pudels Kern vorbei. Vielmehr müsste unser komplettes Bildungswesen auf den Prüfstand, unter der Prämisse, dass man tatsächlich bereit wäre, frisches Geld in die Hand zu nehmen und – sofern sinnvoll – auch neueren Ansätzen mehr Raum zu geben. Eine deutliche Verbesserung schulischer wie hochschulischer Infrastruktur und personeller Ausstattung ist eine Sache, ebenso muss aber die Frage nach der Sinnhaftigkeit der frühen Dreigliedrigkeit unseres Schulwesens neu gestellt werden. Der Sinn immer weiter um sich greifender Akademisierung darf ebenso hinterfragt werden, wie das Beharren auf tradierten Unterrichtsformen. Aber all dies müsste parallel und ohne Parteiideologisches Gezuchtel geschehen. Doch dafür sind weder unsere Gesellschaft, noch jene, die sich offenkundig berufen fühlen, sie zu gestalten wohl schon reif genug. Sich aber stattdessen mit dem immerzu anklagenden Zeigefinger zufrieden zu geben, ist der Wichtigkeit der vielen, eigentlich jetzt anstehenden Probleme nicht angemessen. Und einmal mehr gilt Ghandi: sei du selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst. Das bleibt gültig, auch wenn sein soziales Weltbild mittlerweile kritisch betrachtet werden muss.

Aber mit diesem Gejammer über das angeblich nicht mehr stattfindende Anhäufen enzyklopädischen Wissens, den auch viele im Bildungsgeschäft Tätige immer noch mit wahrer Bildung verwechseln, hört doch jetzt bitte mal auf. Das wird langweilig und hilft keinem weiter. Und nun, da ich mit dem eigentlich wichtigen Teil fertig bin, noch ein paar gut gemeinte Worte an all jene, die auf Facebook jeden Tag tausendfach diesen Müll teilen, wie toll sie doch sind, weil sie die 70er überlebt haben. Diese Periode war die letzte, in der hierzulande noch der ungebremste Wohlstandszuwachs und Fortschrittsglaube die Welt zu regieren schienen, während überall sonst der Friede längst am zerbrechen war. Auch ich bin in jener Zeit Kind gewesen; Kind in einer der reichsten Nationen auf dem Globus, umgeben von allem, was damals das Herz begehren konnte. Die Welt hat sich seitdem geändert und neue Zeiten bringen neue Kulturformen hervor. Hätte ich mit 10 einen Computer, ein Tablet und ein Smartphone gehabt… Tut doch bitte nicht alle so, als wäre es eure Leistung, in den 70ern aufgewachsen zu sein. Wenn Überhaupt, so war es die Leistung eurer Eltern, die all das ermöglicht haben! Ich kann’s nicht mehr sehen oder hören, wie ihr euch einen darauf runterholt, damals geboren zu sein. Ja es war ‘ne geile Zeit, aber wenn es überhaupt irgendwas gibt, worauf man stolz sein sollte, dann dafür zu sorgen, dass DIESES Jahrzehnt für die eigenen Kinder auch eine geile Zeit gewesen sein wird, wenn die irgendwann zurück blicken. Hoffentlich gibt’s dann aber kein Facebook mehr, wo unsere Kinder sich dann…

Verdammt, ich bin Egoist!

Diese Erkenntnis traf mich die Tage, als ich bei der Nachricht, dass ein guter Freund mit einer durchaus nicht unernsten Erkrankung im Krankenhaus liegen würde, zuvorderst daran dachte, wie sehr ich die Zeit mit ihm missen würde; und dass es verdammt nochmal unfair wäre, wenn wir nicht dazu kämen, eine gemeinsam erzählte Geschichte (er ist genau wie ich leidenschaftlicher Fantasy-Rollenspieler), in die alle Teilnehmer viel Zeit und Herzblut investiert haben, zu einem würdigen Ende zu bringen. Und in der nächsten Sekunde schalt ich mich dafür, wie ich nur so unsensibel sein und MEINE Erwartungen mit ins Spiel bringen kann, wenn es doch jetzt um seine Gesundheit geht. Was dazu führte, dass ich eine ganze Weile nachdenken musste. Zuerst unbewusst, doch immer mehr schälten sich aus, zunächst inkohärenten Gedanken Strukturen, die den ersten Impuls in einem nicht ganz so schlechten Licht erscheinen lassen (zumindest hoffe ich das!).

Ganz unverblümt muss ich sagen, dass wir einander nach einer langen Phase der Stille als Freunde wieder gefunden haben und dass ich seine sehr direkte und erdverbundene Art zu schätzen weiß. Die doch relativ große Gelassenheit, mit der er eine chronische Erkrankung hinnimmt und den Menschen um sich herum dennoch – auf seine besondere Art – immer etwas zu geben versteht, macht mich einfach immer wieder glücklich, ihn zu kennen. Auch wenn er manchmal hart zu mir sein kann. Ich brauche das! Das erdet mich und holt mich auch gelegentlich runter, wenn ich mich verrannt habe. Ohne dass wir darum allzu großen Bohei machen müssen. Bei guten Freunden ist das halt so. Und es gibt wenig genug Menschen in meinem Leben, von denen ich das so sagen würde.

Womit wir zum egoistischen Part kämen. Ich denke, dass es umgekehrt genauso läuft, denn wir lachen zusammen, haben wann immer wir miteinander etwas unternehmen eine gute Zeit, lassen die Sorgen nicht zu schwer werden und da ist diese Sicherheit, den Anderen rufen zu können, wenn irgendwas ist. Geben ist leicht, wenn man im Gegenzug auch etwas dafür bekommt. Das ist es, was unser Miteinander ausmacht; zu wissen, dass man zu jeder Zeit etwas zurück bekommt, wenn man es nötig hat. Freundschaft ist ein Investment auf gegenseitiger Basis zwischen Menschen, die sich verstehen, ohne allzu viele Worte machen zu müssen. Ich denke, er würde sich ganz ähnlich äußern, wenn das sein Stil wäre. Sich Sorgen machen und sich fragen, ob wir wohl noch Mal so gute Zeiten zusammen haben können. Im Moment sieht es danach aus, als ob wir uns da keine Sorgen machen müssten, aber man weiß ja nie. Und genau deshalb schäme ich mich nicht für mein kleines bisschen Egoismus. Weil ich weiß, dass wie beide wissen, dass diese gemeinsame Zeit kostbar ist und durch nichts ersetzt werden kann. Dass wir beide daran hängen und hoffen, dass es noch lange so sein möge, auch wenn niemand dafür garantieren kann.

Natürlich habe ich ihn am nächsten Tag im Krankenhaus besucht, wir haben uns lange unterhalten und ich hätte ihm sehr gewünscht, dass es ihm schon besser ginge, aber jeder, der schon mal einen lieben Menschen im Krankenhaus besucht hat weiß, dass diese Situation für beide Seiten beschissen ist, weil derjenige der liegt nicht derjenige sein kann, der er wäre, wenn alles in Ordnung wäre. Sich trotzdem zu vergewissern, dass die Dinge in nächster Zeit wieder halbwegs ins Lot kommen ist dennoch für alle Beteiligten wichtig. Für ihn, damit er weiß, dass auf der anderen Seite der hässlichen Krankenhauswände Menschen auf ihn warten, denen er etwas bedeutet; und für mich, um mir selbst beweisen zu können, dass dieses bisschen Egoismus, dass ich eben an den Tag gelegt habe nicht so schlimm ist, weil ich dennoch für meinen Freund da bin, ohne daraus erwachsende Verpflichtungen und ohne Wenn und Aber. So würde ich es mir umgekehrt auch wünschen. Weil manche Dinge wichtig sind…

Da geht man so durch die Stadt…

Boeser_Blick_klein

 

Ich finde es bemerkenswert, mit welcher Hingabe manche Menschen unser urbanes Lebensumfeld “verzieren”. Man mag natürlich geteilter Meinung hinsichtlich des Inhaltes dieses Graffitis sein, aber wie ich finde, hat der Macher sein intendiertes “Opfer” ganz gut getroffen und ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll; aber die Tagline “böse Menschen, böse Leader” finde ich nicht vollkommen unzutreffend. Es ist ein Hinweis darauf, dass wir uns schon sehr genau ansehen sollten, wem wir die Führung unseres Staates da so anvertraut haben. Und ob es nicht vielleicht doch Alternativen zu deren Vorgehen gibt, die man nur deshalb nicht offenbart, weil es jene, die sich Lobbyisten in Anzügen mit dicken Dienstwagen und noch dickeren Büros leisten können Geld und Einfluss kosten könnte…? Wie dem auch sei, hiermit meine Verneigung vor dem Künstler – es bleibt zwar Sachbeschädigung (das muss ich sagen, um die Spießer unter meinen Lesern zu beruhigen) und ist für mich dennoch ein Hinweis darauf, dass, um es mal mit Shakespears Worten zu sagen etwas faul ist im Staate Dänemark (ich meine natürlich Deutschland). Gute Nacht.

Adieu Facebook – bonjour privacy?

Ach ja, schon wieder schwappt eine „Ich-verlasse-jetzt-Facebook-endgültig-echt-jetzt“-Welle durch die Whazzup-Liste meiner personalisierten Fratzenparty-Seite. Drauf geschissen. Die Leute darunter, die ich unbedingt erreichen will oder muss, werde ich erreichen. Die Anderen… nun ja, die sind dann halt weg. Ich persönlich verstehe die ganze Aufregung nicht. Dass diese Änderung der Geschäftsbedingungen kommen würde, war schon lange bekannt. Da hätte man doch konsequenterweise auch schon lange Schluss machen können, oder? Seien wir doch mal ehrlich: natürlich gibt es Alternativen zu Facebook, Whatsapp, etc. Sie kosten allerdings zumeist Geld, sind nicht selten für den üblichen Standard-User, der einfach nur will, dass es läuft und seine Anwendungen den Shit rocken zu kompliziert; und keine Sau kennt sie. Super so weit, wenn man also unbedingt ins kommunikatorische Abseits will, oder schlicht keine Verwendung für den Mehrwert von Social Networking hat (wie auch immer das möglich sein soll, aber Komisches gibt’s ja überall). Falls man aber darauf angewiesen ist, community events oder Ähnliches schnell und kostengünstig zu publizieren, kommt man an solchen Diensten kaum vorbei. Wenn man im Internet irgendwas recherchieren will, kommt man ja auch nicht an Suchmaschinen vorbei, deren leistungsfähigste alle mit WerbeAdds arbeiten, die immer perfekter auf unsere Bedürfnisse abgestimmt zu sein scheinen.

Und jetzt regt sich alle Welt über Zuckerbergs Apparatschiks auf, die ihre eh schon mächtigen Tools noch mal ein bisschen aufgebohrt haben, um… tja um noch mehr, noch besser Werbung verkaufen zu können. Es gibt halt nicht sehr viele Möglichkeiten, um im Web Geld zu verdienen, um genau zu sein so ziemlich die gleichen, wie in der Realität auch; und selbstverständlich geht es im Silicon Valley um Kohle, oder dachtet ihr vielleicht, Kalifornien sei ein Paradies voller Altruisten. Die hatten immer hin einen republikanischen Gouvernator…

Meines Erachtens wird die sich eben entspinnende Diskussion falsch geführt. Wir erliegen leider immer noch zu oft drei Illusionen. Die erste ist, dass Webdienste, die umsonst sind, tatsächlich nichts kosten. Die zweite, dass im Web momentan wirklich andere Spielregeln gelten würden, als in der realen Welt (lest ihr ab und zu mal die Geschäftsbedingungen der Webshops, die normalerweise immer gleich weggeklickt werden?). Und die dritte und folgenschwerste ist der Selbstbetrug, dass unsere digitale Identität und unsere reale Identität voneinander getrennt wären. Sieht man vor allem an den vielen Trunkenheitsfotos, die man immer noch in FB-Profilen findet (kleiner Tipp: auch Personalsachbearbeiter können Internet!).

Irgend so ein Nerd hat mal den Begriff des „digital native“ geprägt, doch der Begriff ist (wie ich schon einige Male ausgeführt habe) aus mehreren Gründen Bullshit. Insbesondere eingedenk der Tatsache, dass Dinge, die wir online tun offline sehr wohl Auswirkungen haben (Danke für deine Blödheit, Bachmann!). Aber natürlich auch hinsichtlich der Frage, welchen Stellenwert Privatsphäre für uns hat und in Zukunft haben soll und ob Privatsphäre und Bürgerechte tatsächlich in einem so starken Zusammenhang stehen, wie wir uns das gerne vormachen. Denn natürlich hat jeder von uns Dinge, die er/sie nicht publik gemacht sehen möchte und da das Meiste davon eher nicht strafrechtlich relevant ist, ist das auch gut so. Aber ebenso wenig wie ich meinen Beruf und das dabei erwirtschaftete Salär geheim halte, den Umstand, dass ich Vater zweier kleiner Mädchen bin, oder meine politische Gesinnung, mache ich mir Gedanken darüber, ob Facebook mir in Zukunft auf Basis meines Surfverhaltens unmoralische Angebote machen könnte. Schließlich entscheide ich selbst darüber, ob ich diese annehmen will, oder auch nicht. Oder macht das bei euch der Genosse Computer schon alleine?

Ich meine Folgendes: wenn ich mich als Person im öffentlichen Raum bewege, trage ich auch keine Maske, oder erledige meine Verrichtungen im Schutz der Dunkelheit. Dazu mag ich die Sonne viel zu sehr. Das Internet ist ein ebenso öffentlicher Raum, in dem sich privatwirtschaftliche, aber auch der öffentlichen Hand zurechenbare Dienstleister, Vertreter der Justiz- und Strafverfolgungsbehörden und anderer staatlicher Organe und natürlich wir Bürger begegnen. Man tauscht sich aus, macht Geschäfte miteinander und geht wieder seiner Wege. Und das dabei gewisse Regeln, wie etwa unser BGB oder StGB und all das Andere Zeug ebenso Geltung haben, wie draußen auf der echten Straße, wird wohl niemand bezweifeln wollen. Auch auf der Straße gibt’s Dinge, die wir nicht so prall finden: unter anderem überdimensionierte Werbetafeln, grauenhaft schlechte Straßenmusiker, offensive Bettelei und die allgegenwärtigen Umfragemenschen, die ja eigentlich nix dafür können, dass sie jung sind und das Geld brauchen. Facebook will jetzt also unsere On- und am liebsten auch unsere Offlinebewegungsprofile auswerten, um uns noch mehr Werbung schicken zu können, in der Hoffnung, dass der Algorithmus errät, was wir noch wollen könnten. Furchtbare Sache – dass die NSA, also ein ausländischer Geheimdienst immer noch in großem Stil unsere private Kommunikation belauscht, ist aber halb so wild? Jedenfalls habe ich in letzter Zeit kaum jemanden sich darüber aufregen hören. Ja wie jetzt? Ist Privatsphäre nun wichtig, oder nicht? Oder variiert hier vielleicht, wie viel davon in welchem Medium man braucht?

Vielen mag es den Anschein erregen, dass man tatsächlich mit mehrerlei Maß messen kann, im digitalen dort und im analogen hier, doch das ist nur scheinbar so. Der „digital native“ und sein „analogue carrier“ leben in der gleichen Person und zumindest den meisten Teil der Zeit auch nach den gleichen Regeln. Wenn ich aus meinem Herzen einer Mördergrube machen mag, bezüglich dieser oder jener Sache, dann darf ich sie weder im hier, noch im dort äußern. Andere dritte, also Facebook sind nicht daran schuld, wenn man zu viel von sich selbst preisgibt. Und das diese ominösen Social-Network-Betreiber Geld verdienen müssen, um die ungeheure Infrastruktur betreiben zu können, die solche Orte im Netz erst möglich macht, versteht jeder, der das Einmaleins gelernt hat.
Also mache ich entweder mit und bezahle mit etwas Info über mich für die mannigfaltigen Dienste, oder eben nicht. Nur das Argument des Datenschutzes und der Privatsphäre, das lasst bitte raus, denn wenn ihr nicht maskiert durchs Leben lauft, nehme ich euch nicht ernst. Jeder, der sich in irgendeiner Weise mehr oder weniger regelmäßig öffentlich äußert, sei er nun in der Politik tätig, irgendeinem Verein, oder so wie ich als Blogger, gibt dabei schon ein mehrfaches von dem Preis, was FB sich jetzt abzwacken will. Deswegen meine digitale Kontaktpflege zu gefährden, ist mir den Aufwand nicht wert. Viel sinnvoller wäre es, man machte sich vorher darüber Gedanken, was man wo postet bzw. welche Daten man wo ablegt, bevor man bösen Seitenbetreibern die Schuld für die eigenen Fehler gibt. Ich bleibe übrigens bei Facebook… und ihr?

Ich habe mich geirrt

Eine Feststellung, die man auch mal treffen können muss, insbesondere, wenn man sich mehrfach anders geäußert hatte. Die Anhänger von PEGIDA rekrutieren sich nicht – auch nicht mal wenigstens zum Teil – aus der Mitte unserer Gesellschaft. Der Umstand, dass trotz Hitlerbebartetem Bachmann und immer offenkundiger werdender Nähe des rechten Flügels der AfD – in personam Frauke Petry – zu diesen kurzsichtigen, verbohrten, rassistischen Populisten immer noch so viele auf die Dresdner Cockerwiese strömten, hat mich endgültig vom Gegenteil überzeugt. Dieses Pack ist ein Affront für die Demokratie, deren Früchte sie selbst so reich geerntet haben. Allerdings glaube ich daran, dass man auch mit Menschen reden muss, die sich in etwas Falsches verrannt haben; denn so sehr ich die Scheiß-Nazis auch hasse, sie sind trotzdem – wenigstens irgendwie – noch Menschen… Also auf zu ein paar erklärenden Erwägungen.

Zweifelsfrei hat sich das Leben in den fünf Bundesländern, die einstmals das Staatsgebiet der DDR konstituiert haben im letzten Vierteljahrhundert sehr drastisch verändert. Manche Dinge abseits der, zumeist gar nicht so subtilen, Repression dieses Regimes, welche von den Bürgern durchaus als Gewinn empfunden worden waren, wie staatlich verordnete Vollbeschäftigung und kostenfreie Kinderbetreuung für alle verschwanden im Orkus der Geschichte. Doch, und das sei hier noch einmal in aller Deutlichkeit gesagt, relativiert nichts von diesen Errungenschaften des „real existierenden Sozialismus“ das Unrecht, welches dieser Staat gegen seine Bürger begangen hat. Einsperrung, Bespitzelung, Folter und Mord, das klingt jetzt nach Nordkorea, war für viele DDR-Bürger jedoch ebenso bittere Realität, wie dort in Asien.

Das ausgerechnet dort, wo so viele derartige Ungerechtigkeiten erleben mussten jetzt die Wiege eines erneuerten Nationalismus entsteht, mag verwundern, sind Staatsfaschismus und Staatssozialismus in ihren Funktionen und Auswirkungen einander doch sehr ähnlich. Doch wie so oft hat „der Westen“, in diesem Fall im Gewande der alten BRD viele Versprechungen gemacht und nur wenig davon gehalten. EX-DDR-Bürger wurden hier mit Bürokratismen und Bigotterie empfangen, die sie doch sehr an den Staat erinnert haben müssen, den sie gerade hinter sich gelassen hatten. An der durch Jahrzehnte der Misswirtschaft entstandenen strukturellen Schwäche der Wirtschaft in den neuen Bundesländern haben alle „Bemühungen“ bis heute wenig ändern können. Mag auch daran liegen, dass man dazu einfach irgendwelchen Typen, die gesagt haben „Ich mach das für euch“ Geld in den Arsch geblasen hat, bis diese halbwegs saniert waren. Schönen Dank für die Verschwendung unserer sauer verdienten Steuern. Und schließlich hatte der Westen 1990 schon erheblich mehr Erfahrung mit Migrationskultur, als der Osten. Dass diese Migrationskultur den Namen nicht verdient, weil in der alten BRD „Gastarbeiter“ einfach ghettoisiert wurden, habe ich an anderer Stelle schon häufiger thematisiert, darauf gehe ich jetzt nicht noch mal ein.

Strukturwandel erzeugt, wie es scheint in kapitalistischen Systemen immer Gewinner und Verlierer. Wir leben im Kapitalismus. Man neigt manchmal dazu, zu vergessen, dass dieses ökonomische System nach stetigem Wachstum verlangt um funktionsfähig zu bleiben, dabei uns als Markt-Teilnehmer ebenso dazu nötigt, ständig nach „mehr“ zu verlangen und automatisch jene abkoppelt, die nicht in dieser Spirale aus Konkurrenz, Effizienz, Leistung, Konsum und Gewinn mitmachen können oder wollen. Die alte BRD hat neben einem wirklichen demokratischen System auch dessen eigentlich zutiefst undemokratischen Bastardbruder des entfesselten neoliberalistischen Kapitalismus auf das Gebiet der Ex-DDR exportiert. Es waren halt die 80er des 20. Jahrhunderts und Thatcher und Reagan hatten per Definition immer Recht. War ‘ne Scheißzeit für echte Demokraten und danach wurde es nie mehr so, wie es gewesen war, weil der Boden weltweit für nachhaltiges, reguliertes Wirtschaften verbrannt worden war. Die Zeche zahlt bis heute, wie stets, der einfache Bürger.

Man hatte den Bürgern der DDR von heute auf morgen den Kapitalismus aufgenötigt, ohne Chance, sich daran zu gewöhnen, damit zu wachsen, darin zu gedeihen; und das in einer Periode, in welcher die Friss-oder-Stirb-Mentalität der ungezügelten Zocker sich gerade mit aller Macht ihren Weg durch die Welt bahnte. Was für einen Eindruck das bei den Menschen hinterlassen haben mag, kann ich mir nur vorstellen, aber mit Sicherheit hatte es wenig mit dem zu tun, was in den Köpfen vorging, als die „Wir sind das Volk“-Rufe durch die Straßen hallten. Und ein Vierteljahrhundert, viele gebrochene Versprechen, Demütigungen und verlorene Träume später wundert man sich, wenn diese Menschen die Werte unserer Demokratie nicht schätzen gelernt haben? Wer hat ihnen denn gezeigt, was es zu schätzen gibt. Vielleicht jene Unternehmer, die aus dem Osten rausgeholt haben, was ging und sich dann vom Acker gemacht haben? Die vielen Westdeutschen, die sie als Schmarotzer beschimpft und nach einem Neubau der Mauer aus pekuniären Gründen gerufen haben? Oder unsere Politiker, die sich vor allem den althergebrachten neokorporatistischen Arrangements verpflichtet fühlen, in denen „der Osten“ bis heute bestenfalls die Dritte Geige spielt?

Spielt letzten Endes auch keine Rolle, Fakt ist, dass das wirtschaftliche System, welches in den Köpfen der Menschen die wichtigere Rolle spielt, weil ihre Existenz davon abhängt, in der Hauptsache Enttäuschung exportiert hat. Und in den Köpfen besteht immer noch diese Analogie zwischen dem politischen und dem wirtschaftlichen System, womit diese Enttäuschung auf den Staat reflektiert wird. In den Köpfen ist also die BRD Schuld an den Existenzängsten, ganz gleich wie viel reale Substanz die empfundene Bedrohung auch haben mag. Ein Kind nimmt man ja auch in Am, wenn es Angst vor den Monstern unter dem Bett hat…

Zum Staatssozialismus kann und will man nicht zurück, der war noch beschissener, aber die Rückbesinnung auf nationale Ideale, ja das klingt gut. Schmeißen wir doch einfach alle raus, die hier nicht her gehören, dann hört auch die existenzielle Bedrohung auf. Ist das wirklich so einfach zu erklären, was da in Dresden passiert? Ich denke schon! Und ich verweise nochmals auf das zuvor Gesagte – auch wenn jetzt nationalistisches, ja auch faschistisches Gedankengut unterwegs ist, enthebt uns das nicht der Verantwortung zum Dialog. Dass dieser Faschodreck weder bei den täglichen Problemen hilft, noch irgendwo anders hinführt, als in eine neue, andere Diktatur, kann, nein MUSS man den Pegidisten dabei in jedem Fall sagen.

Einfach nur Fragen…

Zuerst ein Gedanke am Rande: wenn es das Links-Rechts-Bündnis in Athen tatsächlich – im Moment muss man wohl wider Erwarten sagen – schaffen sollte, vernünftige Regierungsarbeit zu machen, was sagt das über unsere etablierten Schablonen politischen Denkens?

Wenn PEGIDAs Führungsstruktur gerade im Begriff ist, sich selbst zu zerlegen, was wird dann aus dieser Bewegung? Verschwinden das, was sie auf die Straße gebracht hat einfach? Oder lassen wir es zu, dass sich Menschen, die zum Teil aus der Mitte der Gesellschaft stammen, endgültig desillusioniert aus der Teilnahme an der deutschen Gesellschaft verabschieden, oder noch schlimmer, sich radikalisieren?

Muss man es gut finden, dass die europäische Zentralbank jetzt tatsächlich auf Teufel komm raus Staatsanleihen kaufen will, um die Konjunktur der großen Player anzukurbeln – wodurch mittels dann wieder steigender Zinsen und Preise die Konjunktur für den Normalbürger abgewürgt wird? Wo ist denn die Deflation?

Darf man keine Sympathie dafür haben, dass die Griechen eine Regierung abgewählt haben, deren Mitglieder sich zum größten Teil aus dem Pool vorgeblicher Eliten rekrutierte, die das Land abgewirtschaftet und die Bilanzen gefälscht haben; also in einem etwas deutlicherem Diktum: korruptes, verlogenes Gesindel?

Wer glaubt dem Bundeswirtschaftsminister, wenn er verkündet, dass in diesem Jahr mehr Geld in Bildung und Infrastruktur investiert werden wird? Oder anders betrachtet, wer glaubt, dass das getan werden soll, um jungen Menschen Bildung und damit Zukunft zu ermöglichen; und nicht, was leider viel wahrscheinlicher ist, um so durch die Hintertür Wirtschaftssubventionierung betreiben zu können?

Wird sich die Bundesfamilienministerin, die gerne eine stärkere Entlastung für Familien verkünden können würde, sich gegen den „Gott der schwarzen Null“ durchsetzen können? Und sind nicht all das sowieso nur parteipolitische Klüngel, um von anderen Problemen und Machtkämpfen abzulenken? So wie stets…?

Hat eigentlich noch irgendjemand in letzter Zeit mal wieder was von den Piraten und ihrer „liquid democracy“ gehört? Wäre es nicht schön, wenn sich zu Abwechslung mal eine neue Partei etablieren könnte, die nicht so richtig in das schlechte alte Farben- und Richtungsspektrum passt? Frisches Blut für alte Demokratie?

Haben nicht all diese Fragen miteinander zu tun, und wäre es nicht toll, wenn man genau das ein bisschen besser durchschauen könnte; mit anderen Worten, wäre es nicht richtig fein, seinen Kopf mal nicht nur als Mützenständer zu gebrauchen?

Hm…?

Ach ja, eines noch – warum müssen wir Rüstungsgüter in Länder verkaufen, in denen Frauen einfach so auf offener Straße geköpft werden, weil der Gatte behauptet hat, sie sei eine Mörderin und wo Typen wie ich – kritische Blogger – eingesperrt und öffentlich ausgepeitscht werden? Anstatt dessen kondoliert man artig zum Tod eines Monarchen, der es über Jahrzehnte verabsäumt hat, Saudi-Arabien in die Zukunft zu führen. Eine Zukunft, wo jedes Wesen selbst darüber bestimmen darf, woran es glauben möchte…

Pfui Teufel, es dreht sich auch in Gutmenschland, mit Biofleisch und Verständnis für alles und jeden, ökologisch abbaubaren Konsumgütern und Kehrwoche doch alles immer nur um dasselbe: Geld, Macht und Ressourcen! Wollt ihr da draußen das wirklich alle so…?

A snipet of war – on our streets?

Ja genau, wir müssen jetzt unbedingt das Militär aus den Kasernen holen, damit es uns hier zu Hause beschützt. Ist in Europa ja nicht ohne Präzedenz, die sind ja so gut darin ausgebildet, Terroristen zu finden und zu liquidieren, das ist wirklich eine gute Idee. Oder habe ich da was falsch verstanden? Ach so, die sollen nur die Polizei dabei unterstützen, potentielle Anschlagsziele zu schützen? Hm… also gut, lass mich mal kurz durchrechnen, wir haben wie viele… so um die 250.000 Soldaten und ca. 30 Millionen Haushalte. OK, dann können wir ein knappes Prozent unserer Haushalte schützen, denn für einen überzeugten Terroristen sind wir alle nur laufende Zielscheiben, oder? So genannte weiche Ziele.

Bevor jetzt wieder die ganzen besserwisserischen Arschmaden angekrochen kommen – ich weiß dass das da oben eine polemische Milchmädchenrechnung ist, denn genau das soll es sein. Welchen Zweck sollte Militär auf unserer Straßen und Plätzen noch mal haben? Terroristen von Anschlägen abzuhalten? Pustekuchen, bestenfalls wird der Tod einiger unserer Soldaten als willkommener Bonus betrachtet, an der Bedrohungslage, speziell durch im Stillen radikalisierte Einzelkämpfer ohne große Organisation dahinter ändert das Null Komma Nichts.

Das Einzige was Militär auf unserer Straßen bewirken würde wäre, ein Klima der Angst zu schaffen. Oder ein vielleicht schon vorhandenes solches noch zu verstärken. Unsere Lebensweise zu torpedieren, unsere Gesellschaft zu beschädigen, indem man Misstrauen, Xenophobie, Stigmatisierung noch Vorschub leistet; denn wenn Polizisten auf unseren Straßen schon nicht wohl gelitten sind, was würden wohl Soldaten in Kampfmontur bewirken? Wie würden die Soldaten auf Menschen reagieren, die in ein Feindbildschema passen? Und würden sich jene, die zumindest optisch in dieses Schema fallen, sich überhaupt noch auf die Straße trauen, integriert oder nicht? Es würde vielleicht nicht so krass ablaufen, wie in dem Thriller „Ausnahmezustand“ mit Denzel Washington und Bruce Willis, aber wer weiß schon, wie unseren kommandierenden Offiziere ticken und welche Vollmachten ihnen die Politik auszustellen bereit wäre, wenn es hart auf hart käme?

Soldaten befolgen Befehle und ich kann nicht einschätzen, welche Befehle zu geben man bereit wäre, um ein erteiltes Mandat erfüllen zu können. Kaum ein Amerikaner hätte vor 20 Jahren gesagt „Klar foltert die CIA in großem Stil in Geheimgefängnissen überall auf dem Globus“. Passiert ist es trotzdem. Ich hoffe zwar auf die Verfassungstreue unserer Streitkräfte, was aber die einzelne, womöglich schnell zu treffende Entscheidung im Extremfall angeht, so wird es sehr schwierig, vorherzusagen, was alles passieren kann. Nun ist das hier die BRD und unsere Verfassung sagt klipp und klar (Im Artikel 87), dass unsere Streitkräfte nur zur Nothilfe bei Katastrophen oder im Eintritt des Spannungs- oder Verteidigungsfalles auf dem Boden des Bundesgebietes tätig werden können; unter Vorbehalt der Zustimmung durch das Parlament.

Und es wird niemand ernsthaft behaupten wollen, dass selbst die Gefahr einzelner terroristischer Anschläge tatsächlich unsere demokratische Grundordnung bedroht. Und damit ist die Frage auch schon geklärt! Unser Militär hat in den Kasernen zu bleiben, ebenso wie das Verlangen nach Vorratsdatenspeicherung gleich wieder vom Tisch muss, da diese zur Terrorabwehr erwiesenermaßen nichts bringt. Und für tatsächliche Ermittlungsfälle haben unsere Behörden sehr wohl ausreichende Instrumente zur kriminologisch-forensischen Informationsbeschaffung.

Tragen wir jedoch mittels unserer Soldaten den Terror tatsächlich in unsere Straßen weiter, so haben die Terroristen tatsächlich einen entscheidenden Schritt geschafft; nämlich uns in ein Klima der Angst zu tauchen und uns unsere staatsbürgerlichen Rechte wenigstens teilweise wegzunehmen. Und DAS darf auf KEINEN Fall geschehen. Denn so entstehen Autokratien…

Mon nom, ce n’est plus Charlie, parce-que…

Ja, ich habe auch so ein Bild gepostet, hat doch in der Woche jeder gemacht, was in der ersten Betroffenheit irgendwie auch erklärbar ist. Inzwischen ist man mit etwas Abstand wieder zum Tagesgeschäft übergegangen, in manchen Periodika sind noch Artikel über einzelne Betroffene zu lesen und immer mal wieder irrlichtert eine Meldung durch die Eilnachrichten-Ticker, das irgendwo in Frankreich oder Benelux abermals Terrorverdächtige inhaftiert worden seien. Vielleicht nicht ganz Business as usual, aber doch relativ nah dran. Denn seien wir doch mal ehrlich – tief im Herzen wissen wir alle, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis in Europa wieder Anschläge stattfinden würden. London und Madrid mögen hierzulande im Nebel des schlechten Gedächtnisses verschwunden sein, andernorts sind die Bilder immer noch präsent. Und das wir in Deutschland bislang von Attentaten solchen Ausmaßes verschont geblieben sind, ist mehr der Nachlässigkeit potentieller Dschihadisten zu verdanken, als den „Glanzleistungen“ unserer Sicherheitsbehörden. Vielleicht ist man ja nicht nur auf dem rechten Auge ein wenig sehbehindert…?

Ich werde gewiss nichts relativieren, die Morde in Paris waren schrecklich, sowohl aus menschlicher Perspektive, als auch hinsichtlich des Umstandes, dass mit dem Angriff auf eine Zeitungsredaktion sehr direkt auf ein Herzstück unseres demokratischen Selbstverständnisses gezielt wurde: nämlich unsere Meinungsfreiheit. Dass sich die Pegidisten dazu verstiegen haben, ausgerechnet der von ihnen so geschähten Lügenpresse zu kondolieren, bleibt eine zugegeben ekelerregend bigotte, aber dennoch im Gesamtzusammenhang eher unwichtige Randnotiz. Und auch wenn ich zunächst Deutscher, dann mit dem Herz Europäer und ebenso irgendwie auch Weltbürger bin, so liegen mir natürlich jene Ereignisse, die sich in relativer räumlicher Nähe zu meinem Zuhause abspielen gedanklich und emotional näher, als jene, die sehr weit weg passieren; von hier nach Paris sind es etwas mehr als 500 KM.

Was sich allerdings an Nigerias Grenze zu Kamerun, Niger und dem Tschad abspielt, jenes grausige Spektakel mit Namen Boko Haram, das sprengt die Dimensionen dessen, was wir in Europa als Terror erfahren mussten um ein Vielfaches und bleibt dennoch genauso eine Randnotiz, wie Pegida es eigentlich sein sollte. Möglicherweise Tausende getötet, schwer bewaffnete Milizen rücken auf Maiduguri vor, fordern die offensichtlich vollkommen überforderten Sicherheitskräfte Nigerias einmal mehr auf eigenem Grund heraus… und von alledem bekommen wir nur ab und zu ein Schnipsel präsentiert, obwohl sich dort eine politische und humanitäre Katastrophe zeitigt, deren Wurzeln der westliche Kolonialismus mit zu verantworten hat.

Nicht dass mich jemand falsch versteht: die Mitglieder von Boko Haram nennen sich vielleicht Dschihadisten, sind aber einfach nur Raubmilizionäre, wie so viele vor ihnen, ihre Einigkeit ist aus niedersten Beweggründen geboren und den Glauben nutzen sie lediglich als wohlfeiles Deckmäntelchen für ihr Menschenverachtendes Geschäft; wie im Übrigen auch Joseph Konys „Lord’s Resistance Army“, die im Namen „unseres“ Gottes seit Jahrzehnten Terror in Uganda und seinen Nachbarstaaten verbreitet. Doch den Boden solch schwacher Staatsgebilde, die es überdies leider allzu oft an echter demokratischer Legitimation vermissen lassen, haben die einstigen Kolonialmächte bereitet, indem sie erst vorhandene Strukturen zerstört, sich dann ungehindert bereichert und sich, als die Rechnung nicht mehr funktionieren wollte rasch zurückgezogen haben; und die derart destabilisierten Ex-Kolonien einfach sich selbst überließen. In den so künstlich geschaffenen Machtvakua brachen alte Konflikte entlang ethnischer und religiöser Grenzen, welche von den Kolonialmächten einfach mit Gewalt befriedet worden waren, mit Macht wieder auf.

Bedauerlicherweise konnte so mancher Staat in Afrika sich bis heute nicht von den Dämonen der Vergangenheit frei machen, was mannigfaltige Konsequenzen nach sich zieht. Zum einen bittere Armut, die zu bekämpfen sich heute ironischerweise Entwicklungshelfer aus eben jenen Länden aufmachen, deren Kolonialpolitik in der Geschichte viel dazu beigetragen hat, den furchtbaren Status Quo aufzubauen. Die daraus notwendiger Weise resultierenden sozialen Verwerfungen, denn wer glaubt bitte, dass jenes Geld, welches von der Weltbank oder anderen Gönnern auf die Konten autokratischer Regimes überwiesen wird, auch wirklich in Entwicklung oder soziale Projekte fließt…? Und schließlich die, bereits erwähnten, ethnischen und religiösen Unterschiede. Für viele Afrikaner ist der Klan oder Stamm kulturelle Heimat, nicht die Nation auf deren Boden sie leben, wurden die Grenzen doch oft willkürlich von den Kolonialmächten gezogen.

Ja, Terror in Europa ist wirklich schlimm! Aber Terror anderswo, zum Beispiel in Afrika ist ebenso schlimm und verdammungswürdig! Insbesondere, wenn man die Verantwortung der ehemaligen europäischen Kolonialmächte für den gegenwärtig instabilen Zustand vieler afrikanischer Staaten mit in Betracht zieht. Und genau deshalb ist Charlie Hebdoe für mich kein Thema mehr. Die Menschen, die davon direkt betroffen sind, haben mein Mitgefühl und meine Trauer. Aber ich war und bin nach wie vor entsetzt, wie wenig die gewaltigen Sicherheitsapparate, die zu unterhalten wir in den entwickelten Industrienationen der ersten Welt uns leisten, an der Terrorgefahr wirklich ändern können. Und ich bin ebenso entsetzt, wie in diesem typischen, reaktionär-konservativen Reflex des nutzlosen Glaubens an Überwachung wieder einmal nach einer Aufweichung unserer Bürgerrechte gerufen wird. Wie die üblichen Verdächtigen uns noch transparenter machen wollen, anstatt an der eigenen Transparenz zu arbeiten und sich endlich zu den wahren Werten unserer Demokratie zu bekennen. Wie hieß noch gleich das Motto der Franzosen: Liberté, Egalité, Fraternité: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Klingt gut, nicht wahr? Ich bin mir ziemlich sicher, wären das tatsächlich die Werte, die auch von der Politik gelebt würden, gäbe es nicht so viele junge Menschen, die sich radikalisieren lassen und im Namen falsch verstandener Religiosität Verbrechen begehen.

Ach Kacke…

… die Podcasts zu den Beiträgen von heute und den nächsten Tagen muss ich nachreichen, da ich husteninduzierter Weise momentan nicht viel mehr als 10 Worte am Stück rauskriege, die dann zudem belegt klingen. Aber – alles wird gut!

Bescheid-Wissen

Ich habe gerade festgestellt, dass ich schon viel zu lange nichts mehr gepostet habe. Ist ja nicht so, dass mich nix beschäftigt hätte, sowohl physisch als auch psychisch, aber irgendwie habe ich einfach den Arsch nicht hochbekommen. Die Charlie-Hebdo-Geschichte treibt mich zwar um, aber meine Gedanken waren noch nicht sortiert. Schon wieder was über die Nazi-Hinterher-Läufer aus Sachsen? Alter Hut, läuft sich gerade tot, weil der Aufstand der Anständigen mittlerweile aus jedem potentiell fremdenfeindlichen „Abendspaziergang“ ein Spießrutenlaufen macht. In einer Gesellschaft, die ihre Klassenkämpfe längst institutionalisiert hat, wird halt einfach die – wenn auch nur verbale – Andersdenkendenklatscherei ebenso zum Zeremoniell erhoben und schon hat man eine Konkurrenzveranstaltung zum rheinischen Karneval. Schwellköppe gibt’s an beiden Orten reichlich zu finden; und Narren sowieso.

Da sich medial, egal wo in Print oder im Weltgewebe schon lange alle mit ihren vorgefertigten Meinungen, ihrem undifferenzierten televerbalen Geschwurbel und ihren Pauschal-Dogmen in Stellung gebracht haben, gibt es auf diesem Acker nichts mehr zu bestellen. Dann verbringe ich meine Zeit lieber mit mir genehmen Zeitgenossen bei Spaß und Spiel, sauf abends gemütlich ‘nen Captain mit Cola und lass fünfe gerade sein. Auf Grund eines Jobwechsels bin ich gerade mit etwas mehr Freizeit gesegnet als sonst und man kann ja nicht den ganzen Tag über den Büchern für’s Studium hängen, schließlich hält Konzentration nicht ewig. Obschon das Thema, mit dem ich mich momentan diesbezüglich beschäftige wirklich interessant ist. Sozialstrukturanalyse und Gegenwartsdiagnosen. Sehr erhellend.

Ich kam dabei nicht umhin, einmal mehr meine eigenen Positionen zu überdenken. Nicht das jetzt jemand meint, ich sei von meinem Bekenntnis zur Sozialdemokratie bekehrt worden. Au contraire, meine Lieben, es muss nur gelegentlich mal gesagt sein, dass Sozialdemokrat zu sein und die SPD zu wählen heutzutage leider manchmal nur noch wenig miteinander zu tun hat. Danke Gerd, dass du die Ideale der Genossen entweiht hast. Wahrhaft traurig dabei ist aber eigentlich, dass Frau Merkel und ihre Gurkentruppe die Früchte jener als z.B. Hartz-Gesetze bekannt gewordenen und nach wie vor ungeliebten Reformen ernten. Denn Fakt bleibt, dass strukturelle Veränderungen und damit einher gehend auch Einschnitte in der Organisation staatlicher Transferleistungen nach der Maxime „Fordern und Fördern“ tatsächlich unumgänglich notwendig waren. Dass dabei handwerkliche Fehler gemacht wurden (zum Beispiel bei der staatlich geförderten Rentenversicherungen vom Riester-Typ, oder beim Bürokratie-Wildwuchs in den Jobcentern und sonst wo), man es überdies nicht geschafft hat, den Leuten zu erklären, warum das notwendig ist, was damit erreicht werden soll und man mit unangenehmen Notwendigkeiten natürlich auch keine Wahlen gewinnt, ist eine ganz andere Sache.

Und die große Koalition ergeht sich Geplänkel um Möchtegernreförmchen wie die Mogelpackung Mindestlohn und das Populismusmonster Maut; wer hat’s erfunden? Na klar, wie immer unseren südöstlichen Problembären der Weißwurstokratie. Jedes Mal wenn irgendeine Biertischscheiße zum Gesetz hochgejuxt werden soll, ist die CSU voll mit im Boot. Ach Mist, jetzt bin ich ja schon wieder bei der Politik gelandet! Na ja, was soll’s, wie Pispers in „Bis neulich 2014“ gesagt hat: er macht jetzt 30 Jahre Kabarett und das immer über die gleichen Themen. Dafür wird es ja wohl einen Grund geben, nicht wahr?
Was mich eigentlich an politischen Themen und deren Protagonisten reizt? Einfach alles!

Es ist schon ein paar Jahre her, da ließ ich mich bei einer Ausbildungsveranstaltung zu einem ganz anderen Thema dazu hinreißen, eine abfällige Bemerkung über Politiker zu machen, was der Dozent zum Anlass nahm, mich zu fragen, wer denn der Bundestagsabgeordnete meines Wahlkreises wäre und das falls ich da nicht wüsste, und mich nicht mit seiner Arbeit beschäftigt hätte ich ja kein Recht hätte, Politiker pauschal abzuurteilen. Für ihn war das eine willkommene Möglichkeit, die aus seiner Sicht vorhandene Überlegenheit seiner Argumentation zu demonstrieren, einfach weil der Typ ein arrogantes Arschloch war und im Übrigen immer noch ist. Er meint tatsächlich, er wäre wichtig, weil er sich in irgendeiner NGO hochgebumst hat und ein paar Verbindungchen zu Lokalschranzen hat; nun ja, jeder nach seiner Facon.

Ich habe daraus allerdings eine Lehre gezogen und für die sage ich: Danke Arschloch! Ich gehe nicht mehr unvorbereitet in irgendeine Art von sozialer Situation, die einen verbalen Schlagabtausch nach sich ziehen könnte, weil ich keinen Bock darauf habe, jemandem als Profilierungspunkt zu dienen, dessen Geltungsbedürfnis kein reelles Korrelat hat; oder weniger verklausuliert: der sich selbst viel zu wichtig nimmt. Außerdem hatte ich seitdem ja auch ein paar Tage Zeit zum Üben und wie wir wissen, ist die Zunge die einzige Waffe, welcher durch ständigen Gebrauch schärfer wird. Gilt natürlich auch für das geschriebene Wort. So oder so weiß ich heute Bescheid. Und frage mich immer noch, was die Kenntnis eines Politikers und seiner offiziellen Agenda mit den in der Politik unserer Zeit üblichen neokorporatistischen Arrangements und dem damit notwendigerweise einher gehenden Lobbyismus denn nun zu tun hat. Nix! Denn Namesdropping klingt schön, ändert aber an den Umständen, unter denen Politik tatsächlich zu Stande kommt eher wenig.

Ich vermute, dass er das auch weiß. Was es für ihn noch beschissener aussehen lässt, wenn er wider dieses Wissen gehandelt hat, indem er so tat, als wenn er um so viel besser Bescheid gewusst hätte, als ich. Damals vielleicht ein bisschen, heute sicher nicht mehr. Der Punkt, zu welchem ich hier eigentlich kommen wollte ist der: Bescheid zu wissen wird zum Bescheid-Wissen, wenn man mittels dieses Wissens einfach nur sein eigenes Ego feiert, anstatt es mit Engagement für wirklich wichtiges in die Waagschale zu werfen. So ein Jemand möchte ich nicht sein. Ich will in Wort und Tat zu meinen Überzeugungen stehen, weil sie wohl abgewogen habe und nicht um mich von irgendjemand bewundern zu lassen. Falsche Idole haben wir schon genug. Und Schluss!