Selbst beteiligt?

Zweischneidige Schwerter. Sie sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unseres Lebens. Ganz so, wie die üblicherweise auf einem sehr langen Zettel aufgelisteten Nebenwirkungen bei Medikamenten. Wir finden es genial, wenn der Schmerz nachlässt, aber der schäumende Magen… Doch um Medikamente geht es mir jetzt gerade nicht, auch wenn manche Menschen, die sich wirklich um Partizipation bemühen, was man eigentlich honorieren müsste, vielleicht doch eher eine Medizin bräuchten; doch dazu später mehr.

Ich bin eigentlich jemand, der sich sehr freut, wenn man von seinem individuellen Recht auf Partizipation an den verschiedensten demokratischen Prozessen in unserer Gesellschaft Gebrauch macht. Das fängt beim Wählen Gehen an, geht über die Mitgliedschaft bzw. aktive Mitarbeit in Gewerkschaften und Interessengemeinschaften wie etwa Bürgerinitiativen oder Berufsverbänden, und mündet schließlich in die aktiv gestaltende Teilnahme an Politik, egal auf welcher Ebene. Derartiges Tun bedeutet, höchst selbst Verantwortung für einen Teil von Gesellschaft zu übernehmen, sich so an der inhaltlichen Ausgestaltung dieses, für die allermeisten doch recht ominösen, Begriffes zu beteiligen und so zum Akteur zu werden, anstatt sich mit dem Reagieren zufrieden zu geben. Ominös nenne ich den Begriff Gesellschaft hier, weil viele davon reden, aber die Vorstellungen davon, was Gesellschaft denn tatsächlich bedeutet zumeist sehr weit auseinander gehen.

Reduziert auf das Notwendigste bedeutet dieses eine Wort nicht viel mehr, als einigermaßen friedliches Zusammenleben unter der Zuhilfenahme von halbwegs verbindlichen Regeln. Womit zunächst noch nichts darüber ausgesagt ist, wie Viele auf wievel – oder wie wenig – Raum und mit welchen Regeln zusammen leben sollen oder können. Aber ganz allgemein darf man sagen, dass dieses Konstrukt Gesellschaft dazu gemacht ist, irgendwie einen Ausgleich zwischen den vielen, nicht selten widerstreitenden Partikularinteressen seiner Beteiligten herzustellen.

Klingt kompliziert, heißt aber auch nicht mehr, als dass man verhindert, das Einzelne, die vielleicht auf Grund von Glück oder Geschick etwas mehr Reichtum und somit fast automatisch auch Macht als andere ansammeln konnten, einfach so die Anderen weniger glücklichen oder geschickten ausnutzen oder unterdrücken können. Das funktioniert, wie man nach einem aufmerksamen Rundblick weiß, mal mehr, mal weniger gut, worauf natürlich immer alle schimpfen, weil die einen gern mehr Macht ausüben wollen würden und die anderen nach mehr Freiheit und einem Stück vom Kuchen streben.

Unsere Gesellschaftsform ist weit vom Perfekt-Sein entfernt, aber die Alternativen sind noch viel weniger charmant: Autokratie, Anarchie und was einem sonst noch so einfällt kranken alle daran, dass alles früher oder später in sozialen, politischen, eventuell auch militärischen Auseinandersetzungen eskaliert, weil Beherrschte in dem Moment unbeherrschbar werden, da sie ihre eigene Beherrschbarkeit verneinen, also die Legitimität der Herrschenden nicht mehr anerkennen und aufbegehren. So ein Prozess kann schnell oder langsam und friedlich oder gewalttätig ablaufen, man weiß vorher nicht, was später dabei heraus kommt, aber schließlich endet dann eine Gesellschaft und eine Neue beginnt. Zum Besseren oder zum Schlechteren. Zumeist wird es allerdings erstmal schlechter…

Aus dem eben Gesagten wird aber auch klar, dass es in jeder aktuell existierenden Gesellschaft eine schlichte Notwendigkeit zur mehr oder weniger aktiven Teilnahme an den sie überhaupt erst erschaffenden Prozessen gibt. Gesellschaft erwächst aus dem Miteinander, aus der Suche nach dem jeweils passenden Kompromiss, aus Ausgleich von Lasten und Gewinnen, schließlich aus dem Balanceakt, das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen und den Wunsch nach individueller Freiheit in ihrer Ambivalenz irgendwie in Einklang zu bringen. Das alles klappt nur in einem aktiven, dauerhaften Diskurs als Prozess, der all diese Dinge immer wieder aufs Neue thematisiert, und die erwachsenden Probleme irgendwie löst. Irgendwie, weil es nie die EINE, alle Beteiligten befriedigende Lösung geben kann. Dazu rennen da draußen viel zu viele Menschoiden rum, die zwar teilhaben wollen, sich aber der grundlegenden Vorraussetzungen für ein Gelingen von Teilhabe, nicht nur für sich, sondern auch für alle Anderen, einfach nicht bewusst sind, oder sie aber schlicht ignorieren.

Es gibt durchaus eine Menge Leute, die sowohl das Engagement, als auch den Willen mitbringen, sich selbst einzubringen. Wie schon etwas früher erwähnt freut mich das eigentlich. Diese Freude verebbt jedoch häufig recht schnell, wenn der Enthusiasmus ob der gelingenden Teilhabe, von der ja allenthalben die Rede ist, mit der Realität dessen konfrontiert wird, was tatsächlich stattfindet. Anstatt nämlich den Ausgleich zu suchen, sind viel zu viele solcher Akteure lediglich bestrebt, entweder ihr Interessenportfolio möglichst günstig zu platzieren – wobei das Zuhören oder auch das Verstehen (wollen) anderer Positionen oft genug auf der Strecke bleiben – oder aber sich eine Nische zu schaffen, in der sie es aushalten können. Hinzu kommen tragischerweise nicht selten noch Missverständnisse bezüglich der eigenen Zuständigkeit oder Leistungsfähigkeit, die durchaus nicht unerheblich – nach oben oder nach unten – von der Wahrheit differieren können. Man könnte das jetzt mit dem abschließenden Satz abhaken, das gut gedacht noch lange nicht gut gemacht bedeutet, aber ganz so einfach will ich es mir dann doch nicht machen.

Worauf ich hinaus will ist eigentlich ganz einfach: Ich möchte, das solche Individuen begreifen, dass die Mitarbeit, z.B. in Gremien der betrieblichen Mitbestimmung, nicht dazu da ist, strikt die eigenen Interessen um- bzw. durchzusetzen, um dabei zu übersehen, dass genau dies vielleicht für Andere Probleme bereiten könnte; dass sie lernen, miteinander zu kommunizieren, anstatt immer wieder in die gleichen unnötigen, ermattenden, fruchtlosen und letzten Endes auch verletzenden Verbalgefechte zu verfallen und schließlich, dass sie versuchen, sich zu informieren und ihr Gegenüber wirklich zu verstehen, so dass sie mit Kenntnis und Weitblick anstatt mit Druck und Scheuklappen agieren können. Menschen, die es fälschlicherweise für richtig halten, durch Partizipation nur sich selbst vertreten sehen zu wollen, die den Blick über den Tellerrand, oder auch das selbstständige Tätigwerden in anderer Leute Interesse nicht zum Prinzip ihres Tuns machen wollen oder können, die nicht bereit sind, für die wirklich wichtigen Themen zu streiten, sich dafür aber stets aufs Neue in den unnötigen Kleinteiligkeiten von Detailfragen verlieren, lassen meinen Blick auf Teilhabe an demokratischen Prozessen nämlich furchtbar trübe werden.

Ich glaube, dass ein bisschen Lernbereitschaft, die Fähigkeit von gewohnten Positionen auch mal abrücken zu können und ein wenig Kommunikationstraining hier erheblich helfen könnten, doch leider bin ich mir im selben Moment ziemlich sicher, dass genau jene, die es eigentlich dringend nötig hätten, was dazu zu lernen und ihr Tun mal zu überdenken wahrscheinlich sagen würden, dass sie doch vollkommen richtig agieren. Soll ich jetzt verzweifeln, die mal ordentlich verprügeln, oder mich einfach zurückziehen? Ich weiß es noch nicht, aber vielleicht begreift der eine oder andere Protagonist – egal ob Männlein oder Weiblein – ja doch noch, wie verkehrt der Dampfer ist, auf dem er gerade fährt. Falls nicht, müssten wir sie eigentlich los werden. Aber es sind ja so viele…

Ey, es is Kapismus!

Für alle, die das oben exerzierte Wortspiel nicht kapiert haben – es geht um Eskapismus. Das ist, wenn man etwas Besonderes macht, um wenigstens gelegentlich den grauen Alltag vergessen zu können. Keine Ahnung, ob jetzt schon jedem klar ist, dass das zum einen so klassische Geschichten wie den eigenen Schrebergarten, eine umfangreiche Musik- oder Büchersammlung, regelmäßige Theaterbesuche oder die ehrenamtliche Mitarbeit im ortseigenen Tierheim beinhaltet; genauso aber auch Speedgolfen, Downhillbiken oder Fallschirmspringen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht der Actiongehalt der gewählten Tätigkeit, oder der Preis der notwendigen Ausrüstung – obwohl der bei Männern ja durchaus auch mal für einen Schwanzvergleich taugt – ganz zu schweigen vom Sozialprestige, mit welchem diese verbunden sein mag; nein hier zählt sozusagen nur der individuell zugemessene Gehalt, also das Maß an Realitätsflucht, dass realisiert werden kann.

Man könnte jetzt sagen, dass ein normales Hobby doch keine Realitätsflucht im psychologischen Sinne darstellt, da Vertreter dieser Fachrichtung nach meiner bescheidenen Erfahrung allzu oft recht schnell mit der Unterstellung eines pathologischen – will heißen krankhaften – Sachverhaltes bei der Hand sind. Aber Eskapismus hat für mich in erster Linie keinen psychopathologischen Gehalt, sondern beschreibt, dass man verdammt noch mal eine Pause vom Alltag braucht. Und die Art und Weise in der man sich den Pflichten, Regularien und der Enge des Hier und Jetzt zu entziehen versucht, ist eben etwas sehr eigenes; und so soll es auch sein.

Allerdings bedeuten sehr unterschiedliche Geschmäcker bzw. Interessen auch, dass den just nicht an der Sache beteiligten ein gerüttelt Maß an Toleranz abgefragt werden kann, denn mancher Versuch der Alltagsflucht mutet für den nicht initiierten unter Umständen schon ein wenig sonderbar an. Ich bin Fantasyrollenspieler, ich weiß leider, wovon ich rede.

Aber genau das ist der Kern – “Jedem Tierchen sein Pläsierchen” ist nicht zu Unrecht seit über 100 Jahren ein geflügeltes Wort und auch wenn die Pluralisierung unserer Gesellschaft seit den Tagen Edwin Bormans und Adolf Oberländers mit Sicherheit zugenommen hat, geht von seiner Gültigkeit kein Jota verloren. Allerdings kann es einem heute passieren, dass die ganze Welt sehr viel schneller von vielleicht auch eher als abseitig betrachteten Freizeitgestaltungsvorlieben erfährt; Facebook und Youtube machen’s möglich. Damit muss man dann halt leben, wenn man für sich den Wunsch nach Tolerierung des eigenen Tuns reklamiert. Wichtig ist mir neben der Akzeptanz des Andersseins einerseits allerdings auch, dass man andererseits durch seine eskapistischen Eskapaden niemandem Schaden zufügt. Sollte ja eigentlich immer so sein, oder? Also, dann mal viel Spaß bei euren Hobbys. Vielleicht muss ich ja nicht immer nur von meinen erzählen…

Wird man hier gerettet?

Normalerweise habe ich – dem Himmel sei Dank – weder das Interesse, noch das Bedürfnis, mich großartig über meinen Arbeitsalltag als Healthcare Professional auszulassen. Was daran liegen dürfte, dass ich effekthascherische Berichte im Stil von “Schauen sie sich mal diese Sauerei an” als Niveaulos und dem Bild meiner beruflichen Tätigkeit in der Öffentlichkeit wenig zuträglich betrachte. Diese Darstellung korreliert allerdings mit den Eindrücken, welche mir manche meiner Kollegoiden bei ihrer täglichen Verrichtung zu vermitteln die Stirne haben.

Es steht nicht zum Besten um meine eigene Sicht auf meinen Job, obwohl ich ihn immer noch gerne und zumeist auch mit Hingabe ausübe. Das könnte zum Einen an dem Ambivalenz erzeugenden Mittelwert der mannigfaltigen Eindrücke liegen, welche ich im Laufe von fast 20 Jahren über meine Mitmenschen gewinnen durfte, zum Anderen aber sicher auch an meinen – leider in der Summe zumeist negativen – Erfahrungen mit Jenen, welche das Recht haben, meine Arbeitsumwelt nach ihrem Bilde zu gestalten.

Dies ist der Punkt, an dem ich vorsichtig werden muss, denn sicher liest auch irgendjemand von den eben genannten eventuell zumindest gelegentlich hier mit; oder wird allerspätestens in diesem Moment auf mein Blog aufmerksam (gemacht), was dazu führt, dass ich mich nicht im Klartext über die von mir ausgemachten Mängel auslassen werde, da ich keine Lust habe, von meinem Arbeitgeber hernach juristisch belangt werden zu können. Allerdings kann ich nicht umhin, mich zu ein, zwei Bemerkungen über den Grad der Professionalität im Gesundheitswesen hinreißen zu lassen.

Sofern jemand in meinem Beruf das Interesse und Engagement hat, sich selbst tatsächlich als Healthcare Professional sehen und auch dementsprechend handeln zu wollen, bedeutet dies, das er bzw. sie oft genug alleine dasteht! Das heißt, dass man selbst dafür Sorge tragen muss, vernünftige Fortbildungen zu bekommen, in denen nicht wenige Kollegoiden einfach nur störend Zeit absitzen und so den Nutzen beeinträchtigen, sondern man etwas mitnehmen kann. Das man sein gesamtes Tun oder Unterlassen genau dokumentieren und begründen können muss und sich darüber hinaus nicht selten Kollegoiden gegenüber sieht, die bis heute nicht begriffen haben, dass sich die Welt, die Medizin und das Leben in den letzten 20 Jahren weiter entwickelt haben, wodurch manchmal das alte Programm einfach nicht mehr reicht. Und schlussendlich bedeutet es, dass man sich im Falle von auftretenden Komplikationen und Problemen den Rücken selbst frei halten muss – auch und vor allem gegenüber so genannten Weisungsbefugten. Was den jeweiligen Funktionsträger hierbei tatsächlich für seine Position qualifiziert, bleibt häufig genug unerklärbar, was die Gefahr von Reibungsverlusten quasi automatisch heraufbeschwört.

Ja, es mangelt im Gesundheitswesen an verschiedenster Stelle an Professionalität und Qualität, was einer Melange aus überkommenen Strukturen, mangelndem Problembewusstsein, Filz, unnötigem Kostendruck, schwach ausgeprägter Handlungs- und Sozialkompetenz, sowie Lernunwilligkeit verschiedenster Personengruppen geschuldet ist. Dass dieses System nicht schon lange kollabiert ist, verdankt es einzig und allein dem Engagement jener, die tatsächlich Healthcare Professionals sind und nicht einfach nur so tun! Ich hoffe, dass meine diesbezügliche Motivation noch eine Weile vorhält, denn ich habe den Eindruck, als wenn es in letzter Zeit immer schlimmer wird…

Sollte bei irgendeinem der Eindruck entstanden sein, dass ich nicht ohne Ansehen von individueller Herkunft, Weltanschauung und sozialer Schicht alles situationsabhängig Nötige und Richtige für meine Patienten tun würde, will ich dem noch mal in aller Vehemenz widersprechen. Es ist nicht meine Arbeit, die mir Probleme bereitet, sondern es sind die Umstände, unter denen sie erbracht werden muss. Und deren Verbesserungsbedürftigkeit betrifft alle möglichen Beteiligten, nicht nur innerhalb meiner eigenen Zunft. Vielleicht ist das einer der Hauptgründe, warum es mich in den Bildungsbereich zieht, denn ich glaube, in meinem Metier ist da noch viel Entwicklungsspielraum.

Was ich bin? Rettungsassistent! Und ob man bei mir gerettet wird? Darauf darf man sich getrost verlassen; nur für gewisse Teile des restlichen Systems würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen!

Ich bin ein alter Sack?

Ja, ja, älter werden ist ein furchtbares Problem. Jetzt hat ein deutsches Printmedium von nicht unerheblicher Reichweite die Generation ab 40 als neue Problemzone ausgemacht, jene Menschen, die, so man verschiedenen Verlautbarungen glauben schenken möchte, gerade ihr anstrengendstes und ausgefülltestes Lebensjahrzehnt hinter sich haben. Wird anfangs noch davon gesprochen, dass man ja zwischen 40 und 50 den Zenit des Wohlstandes erreicht hat, bejammert man dann wenig später, dass Menschen dieses Alters in unserer wunderbaren Wohlstandsgesellschaft ja vollkommen gerädert von Karrierestress, Familiengründung und Hausbau in ein tiefes Loch der Traurigkeit fallen, weil der Glaube in den eigenen Nutzen angeblich in dem Maße schwindet, wie sich Aufstiegschancen verringern und man sich mit dem Überschreiten einer gedachten Lebensmitte seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst wird. Ach verdammt, ich muss ja bald sterben…

Und die letzten Babyboomer, die gerade eine halbe Generation vor einem sind – jetzt also so um die 50 – verbauen einem ja den Weg nach vorne, nach oben und überhaupt sind die Leute meiner Alterskohorte, so Ende 30, Anfang 40 ja alle so auf Konsens weichgespült worden, dass es uns an den guten alten Primärtugenden des Aufdentischhauens, Sichdurchsetzens, Anderewegbossens, Durchregierens und Aussitzens deutlich mangelt. Möglicherweise ist dem Autor entgangen, dass es die Aufdentischhauer, Sichdurchsetzer, Anderewegbosser, Durchregierer und Aussitzer waren, die unseren Staat an den Rand des Abgrunds manövriert, alles Vertrauen in die Eliten verspielt, uns unglaubliche Schuldenlasten angehäuft und das Gesamteuropäische Klima bis zur beinahe absoluten Ungenießbarkeit vergiftet haben. Ich HASSE schlecht durchdachte Sommerlochfüller, die mal dieser, mal jener Zielgruppe suggerieren sollen, dass sie doch ein Problembewusstsein für die eigene Situation braucht – Psychoratgeber und Medikationsvorschläge oft genug unnötiger Weise inklusive, denn ob ich krank bin oder nicht, entscheidet nicht die Kanaille von der Journaille, sondern ein geeigneter Facharzt.

Ich will ehrlich sein – ich habe mir nicht die Mühe gemacht, irgendwelche sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Studien zu lesen, bevor ich diese Replik zu dem “Stern”-Titel der Woche zum Thema “40 Jahre alt, was kommt jetzt” in die Tasten hub. Braucht es auch gar nicht, da mir die je nach Lesart variable Interpretierbarkeit solcher Studien durch Kenntnis der zu Grunde liegenden Methoden bewusst ist. Ob die bescheidene Argumentation der Redakteure eher auf Unwissen und mangelhafter Methodenkompetenz, oder doch auf der Notwendigkeit für ein paar Füllerseiten beruht, weiß ich nicht, aber weder das Interview mit Frau Klumm noch der Themenartikel voller Allgemeinblatz und semi-lustiger Schenkelklatscher wussten zu überzeugen und das aus mehreren Gründen.

Immer noch scheint man beim Stern nicht zu wissen, welcher Art von Tätigkeit der größte Teil der Durchschnittsverdiener in der BRD nachgehen, wie deren Lebenssituation und Blick auf die Dinge aussehen und das Karrieresorgen alles in allem hier eher eine untergeordnete Rolle spielen. Wohl denen, die sich um eine Karriere überhaupt Sorgen machen müssen. Luxusprobleme sind allerdings selten existenziell. Darüber hinaus unterstellt die Schreibe, dass man jenseits der 40 automatisch abbaut, nicht mehr vorwärts denkt, sich langsam ins Altern zurück zieht und die Dinge geschehen lässt, alles auf Konsens ausrichtet, sein Engagement einschränken muss und keine Möglichkeit zum Wachstum mehr hat. Eine recht eindimensionale Perspektive für jemanden, der vermutlich eine akademische Ausbildung genossen hat.

Nach meiner Erfahrung sind es überkommene, allerdings vielerorts immer noch gelebte soziale Rollenmodelle, die eine solche Lebenshaltung tatsächlich in Menschen entstehen lassen, doch eine Gesellschaft wie jene, in welcher wir hier leben, die sich in immer größerem Maße pluralisiert, in der Kenntnisse, Fähigkeiten, Wissen und vor allem Erfahrung eine immer größere Rolle spielen kann es sich nicht leisten, derartigem Denken und Handeln Vorschub zu leisten; es verbietet sich sogar, mit Omas Unfähigkeit zur situationsadäquaten Verhaltensadaption zu kokettieren, denn derartiger Unfug lässt Menschen tatsächlich glauben, dass es OK ist, ab 40 langsamer zu werden und sich gedanklich auf die Rente vorzubereiten.

Was für ein hanebüchener Bullshit allererster Güte! Ich kann und werde mich nicht mit der Idee anfreunden, einen nicht unerheblichen Prozentsatz des Potentials unserer GEsellschaft einfach brach liegen zu lassen, oder noch besser die Träger dieses Potentials dazu ermutigen, dies zu tun. Ich will, dass genau solche Menschen aufwachen, sie anleiten, ihre Ressourcen sinnvoll einzusetzen und zu lernen, was Nachhaltigkeit tatsächlich bedeutet – nämlich all mein Tun an der Zukunft zu orientieren, nicht nur für mich, sondern auch für die folgenden Generationen. Das funktioniert aber nicht, wenn ich ab 40 langsam aber sicher mental in Rente gehen, denn genau auf meine Generation wird es ankommen, wenn es für meine Kinder noch eine lebenswerte Zukunft geben soll.

Ich bin streitbar, lernwillig, hungrig auf Wandel und Willens, etwas dafür zu tun und ich will so einen Lückenfüllerhumbug über eine Generation, die angeblich mit dem Kopf schon halb im Altersheim ist nicht mehr lesen müssen, sonst kriege ich Plaque!

Veröffentlichen, auf Teufel komm raus!

Gelegentlich wirkt es wie ein Zwang, wie eine unsichtbare, nichtsdestotrotz mächtige Verpflichtung, Dinge aufschreiben und unter’s Volk bringen zu müssen. Bei näherer Betrachtung sozialer Medien ist das Sendungsbewusstsein, zumindest gefühlt, in den letzten wenigen Jahren enorm gewachsen. Auch die Formen haben sich pluralisiert. Mussten die ersten Blogger und Podcaster noch über fundiertes Know-How bezüglich der Struktur des WWW, verschiedenster technischer Apparate wie Mischpulte etc. verfügen und sich manche Softwarelösung mühsam selbst zusammenbasteln, liked man heute einfach, postet in Facebook, lädt seine Fotos zum semiautomatischen Aufhübschen in Instagramm, twittert seinen Senf über jedes Nachrichtenwürstchen und wasweißichnichtnochallest an weißderteufelwievielen anderen Stellen – damit auch ja jeder mitbekommt, wo man was mit wem gerade tut, welcher mehr oder weniger bekannte gerade welchen Fauxpas begangen hat und was es sonst noch Neues gibt.

Nicht das die meisten so genannten Nachrichten tatsächlich Neuigkeiten wären. Vielmehr ist das Meiste unter der Rubrik “auf Grund der Lebenssituation erwartbarer, sozial verkonventionalisierter Gossip” einzuordnen; ich bin mir des Umstandes bewusst, dass die schlechten Nachrichten der Anderen das eigene Leben gleich ein wenig hübscher wirken lassen und soviel Menschlichkeit muss einfach mal gestattet sein; aber muss man damit gleich die ganze Welt beglücken? Noch dazu dauernd?

So ganz nüchtern betrachtet ist dieser Zinnober nichts weiter als der früher übliche Dorftratsch, nur auf einem anderem technischen Niveau. Und man muss seinem Gegenüber nicht mehr wirklich ins Gesicht bzw. aufs Maul schauen. Asynchrone Formen der Kommunikation haben die entscheidenden Vorteile, dass man sich seine Antwort gut überlegen könnte, wenn’s mal drauf ankäme und das man einen Teil der unbewusst mit übertragenen Subtexte frisieren bzw. ganz weglassen dürfte – keine Mimik, keine Gestik, im Zweifel auch keine Stimmlage; da bleibt nur die Wucht der Worte, die man selber skalieren kann. Klingt gut, wirkt aber furchtbar, weil so viele Menschen offensichtlich mit Worten nicht sonderlich gut umgehen können, oder aber bewusst die Situation der Distanz für Boshaftigkeiten aller Art missbrauchen. Darum weiter oben der Konjunktiv, denn so wie das Alter die wa(h)re Persönlichkeit wieder zum Vorschein bringt, tun dies auch social networks und ihre Kommunikationsdienste; leider ist Das, was da zum Vorschein kommt nicht selten wenig schmeichelhaft. Ja, die wahre Persönlichkeit wird hier zur Ware Persönlichkeit auf dem Jahrmarkt der virtuellen Eitelkeiten und wenn manch einer seine Energie anstatt für diesen Bullshit für vernünftige Dinge nutzen würde, wie z.B. etwas zu lernen oder Andere etwas zu lehren, könnte mein Blick auf meine Mitmenschoiden ein bisschen weniger zynisch ausfallen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zu letzt, auch ich mache in diesbezüglich keine Ausnahme, sonst bräuchte ich ja nicht Bildungswissenschaft zu studieren.

Nun ist es aber so, dass Öffentlich Machen – also das Posten von hoffentlich publikumswirksamen Belanglosigkeiten – und Veröffentlichen im publizistischen Sinne zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind, denn das eine wirkt als ex-ante-Freigabe für groben Unfug und das andere als Qualitätsanspruch für die zur Disposition stehenden Artikel. Journaille und Kanaille klingen zwar ähnlich, allerdings ist eine solche Analogie weder bei Journalisten noch bei Bloggern immer zulässig. Sicherlich hat der Qualitätsanspruch an den Journalismus mit dem steigenden Zeitdruck durch den Vormarsch des Digitalen in allen Lebensbereichen ein wenig gelitten; vielleicht auch ein wenig mehr. Die neuen Social media haben einen Konkurrenzdruck aufgebaut, der das klassische Printmedium in Bedrängnis bringen konnte. Gehaltvollen Content zu produzieren braucht aber handwerkliches Können und die Muße zur gründlichen Recherche, worin sich ernsthaftes Bloggen und journalistische Arbeit übrigens kaum unterscheiden. Damit bleibt als Differenzierungsmerkmal die nicht zu leugnende unternehmerische Notwendigkeit zur Profitgenerierung, doch auch ernst zu nehmende Blogger verfolgen mit ihren Publikationen heutzutage ja oft pekuniäre Ziele.

Interessant wird hier die Frage, wie man kritischen, unabhängigen, gleichsam informativen Journalismus betreiben kann, der seinen Machern ein auskömmliches Dasein erlaubt und dennoch für jedermann erschwinglich, verständlich und durch verschiedenste Kanäle verfügbar bleibt? Problematisch ist gegenwärtig, aus dem ganzen Wortmüll, der im Internet hin und her bewegt wird, den wertigen Content überhaupt herausfiltern zu können, da ernsthafte Blogger, Spaßblogger, journalistische Angebote und jede Menge Hobos, die zwar null Ahnung haben, darüber aber dennoch viel zu berichten wissen zu einer Melange verschmelzen, die zu überblicken mit jedem Tag schwieriger wird.
Ich erwarte wirklich nicht, dass jeder die Maßstäbe journalistischer Tätigkeit an seine Verlautbarungen anlegen muss, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Kontemporanzien denken, bevor sie posten und sich erst informieren, bevor sie irgendjemandes leidlich leckere Opinion-to-go-Häppchen Kritikfrei regurgitieren.

Was nun meine eigene publizistische Tätigkeit angeht, ist diese gegenwärtig zumindest auf zimbocom.de weitestgehend frei von finanziellen Interessen, wenngleich ich nicht umhin kann zu hoffen, dass Leute, die hier lesen sich vielleicht auch mal für die Bücher interessieren, die ich zusammen mit meinem guten Freund Claus Volz auf faeries-inkpot.de veröffentlicht habe und in Zukunft auch wieder veröffentlichen werde. Ansonsten ist es mein erklärtes Ziel, Menschen den Sinn des Lernens und Informiertseins nahe zu bringen, sie eventuell sogar dazu zu bewegen, Interesse in Aktion umzusetzen und ihre eigenen Ressourcen zu nutzen, anstatt nur zu existieren.

Klingt einfach, doch Menschen neigen offensichtlich dazu, sich in der erstbesten Nische der gemütlichen Selbstbeschränkung einzurichten; meistens leider gleich für immer. Sich außer zum Zwecke des täglichen robotens, des gelegentlichen Besuchs sozialer Events oder des Fitnessstudios von der Couch zu erheben, ist ja aber auch SO VERDAMMT ANSTRENGEND… Nun ja, ich habe meine rhetorische Munition noch lange nicht verbraucht und vielleicht wirken meine Worte ja doch hier und da. Also – aufwachen, mal aus der Nische kommen, aufrichten, umschauen und was dazulernen, anstatt auf Fratzenbuch das 100. unnötige Foto zu teilen, oder den 1000. unnötigen Kommentar zu verfassen! Hat noch keinem geschadet!

Das mit den Büchern… [die angeblich tot sind!]

…ist so eine Sache. Wenn man den, oftmals mutmaßlich vom einen oder anderen Interessenvertreter schöngefärbten Befragungen Glauben schenken darf, ist das Buch tot – oder auch nicht! Wiedergeboren als Ebook, oder doch noch als lieb gewonnenes Rudiment eines toten Baumes im Regal den dekorativen Staubfänger spielendes Wohnraumaccessoire im Rennen; womit ich noch lange keine Wertung abgegeben haben möchte, das kommt erst später. Aber wie man’s auch betrachtet, die Weitergabe von in Schrift reproduzierten Sprachäußerungen ist und bleibt eines der Hauptkulturmedien des Menschen.

Man könnte sich nun in einer Aufrechnung ergehen, aber ich denke, dass es kaum einen Unterschied für Mutter Erde macht, ob man von Menschenhand monokulturierte Nutzwälder schnetzelt, oder im Tageraubbau seltene Erden und Ähnliches schürft – ökologisch betrachtet ist beides schwierig. Und wenn nun jemand daher kommt und den Umstand anführt, dass ein Ebook-Reader aber viel praktischer ist und weniger Ressourcen verbraucht, weise ich auf die geplante Obsoleszenz hin – das mehr oder weniger trickreich in jedem modernen Gimmick geplant implementierte Verfallsdatum – die in den buchhalterischen Kalkulationen unserer lieben Technikkonzerne mittlerweile zu einer festen Stellgröße für den Profit geworden ist. Das mit dem Ressourcenschonen halte ich also für fragwürdig – siehe fest verdrahtete Akkus in Smartphones etc.; keiner ist bereit, sich hier genau in die Karten schauen zu lassen, so dass wir die ökologischen Folgen unternehmerischen Handelns nur sehr grob abschätzen können. Mutmaßlich läuft es aber wieder einmal auf die personalisierten Gewinne und sozialisierten Kosten hinaus. Da wir alle diesen Preis mittels der Natur, in welcher wir leben wollen zahlen müssen, könnte es sich als hilfreich erweisen, auf das Eine oder Andere einfach mal zu verzichten und genau darauf zu achten, bei wem man einkauft. Fällt auch mir schwer, aber ich will wenigstens versuchen mich diesbezüglich als lernfähig zu zeigen.

Doch das war noch nicht mal, worauf ich hinaus wollte. Das Buch ist nicht tot! Auf der re:publica hat jemand orakelt, dass wir bald keine Bücher mehr lesen werden, dass Ebooks auch nur eine Übergangsphase seien, weil wir halt noch zu sehr an die Haptik des seitenweise gegliederten Textes gewöhnt wären. Social reading würde das jedoch alsbald ablösen. Aha? Na sowas. Social Reading also? So wie … social media, social networking, social cloud, usw.? Als wäre es kein social reading, wenn ich meinen Lieben abends auf der Couch aus einem Buch vorlese? Was soll der Begriff überhaupt?

Es soll bedeuten, dass man sein Leseerlebnis mit Anderen teilt. Also quasi Bücher mit “share”-Buttons. Yo, und was zum Henker ist jetzt daran neu, dass man sich über jene Bücher, die man gerade so liest austauscht? Der Gedanke ist so alt wie die Lesesalons der Gesellschaftsdamen. Da ist absolut nichts Neues dran – außer dem Zeitansatz, denn unsere neuen Medien erlauben es nun, diese shared oder social experience zeitgleich mit dem Leseprozess zu erleben. Ich wage einfach mal folgende, den Digitalnomanden vermutlich recht kühn anmutende Behauptung: an der Existenz des Buches als Medium zur Vermittlung von Wissen, Ideen, Bildern, Idealen, Ideologien, vor allem aber auch Unterhaltung wird das nur recht wenig ändern. Die Art, wie wir Bücher konsumieren, hat sich ja schon zumindest teilweise geändert, doch ich will nicht vorhersagen müssen, wie es auf den Menschen langfristig wirkt, wenn ich seine Aufmerksamkeit dauernd zu teilen heische. Die allermeisten Individuen, welche ich kennen zu lernen die Ehre und das Vergnügen hatte, empfinden den Konsum von gedruckten oder digital wiedergegebenen Worten als etwas, auf das man sich zumindest ein Stück weit konzentrieren möchte – insbesondere, wenn es um Wissensvermittlung geht. Jene, die nicht oder nur ungerne lesen, werde ich auch mit social reading kaum erreichen, da sie in aller Regel sowieso schon ein Problem mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne haben. Ihnen dann das Angebot zu machen, diese dauernd von A nach B nach C nach N und wieder zurück wechseln zu können, erscheint auf den ersten Blick als Anpassung an ihre Gewohnheiten. Die Chance tiefer in einen Sachverhalt einsteigen zu können, bekommen sie dennoch nicht, da es leider einer gewissen Zeitspanne bedarf, in eine x-beliebige Materie weit genug eintauchen zu können, um sich in dieser dann sinnvoll weiter fortbewegen zu können.

Indem ich aber eine der inhärenten Charakteristika des sich Bildens – aber auch des sich Unterhaltens – nämlich die Notwendigkeit des sich individuell Involvierens und mit der Materie Auseinandersetzens, den Einsatz der persönlichen Ressourcen Zeit und/oder Mühe durch dauerndes Einanderüberdieschulterschauen entwerte, weil eine in meinen Augen durchaus wertvolle, ganz persönliche Erfahrung plötzlich eine Erfahrung des Kollektivs sein soll, erweise ich allen einen Bärendienst, weil das Fehlen der Reklusion ins Individuelle beim Lesen das Lesen als Tätigkeit schlechthin seines Reizes beraubt. Ich bin wahrlich kein Schwarzmaler, aber die Individualität einer (Bildungs)Erfahrung als Erleben der höchst eigenen Fähigkeiten ist nach meinen Erfahrungen wichtig zur Persönlichkeitsbildung und -Stabilisierung.

Nun habe ich gerade eben genauso übertrieben wie jener Sprecher bei der re:publica. Aussagen wie “dieses oder jenes Alte ist tot, denn wir haben dieses oder jenes Neue” verbieten sich von selbst, da ich kaum glaube, dass irgendjemand eine funktionstüchtige Wahrsagekugel im Schrank hat. Sicher verändert sich unsere Rezeption des Mediums Sprache mit all seinen Ausdrucks- und Darreichungsformen ständig, aber Bücher werden vermutlich, in Ermangelung eines besseren Gliederungskonzeptes, allerdings sicherlich in sich dynamisch verändernder Form noch eine ganze Weile unsere Begleiter bleiben. Ich liebe Bücher, übrigens ganz egal, ob digital oder analog. Und ich glaube, dass wir Bücher brauchen.

Indes erscheint es ein wenig seltsam, dass ausgerechnet die von mir aufgegriffene Deutung, die übrigens von Stefan Heidenreich stammt, in einem Ebook veröffentlicht wurde, welches sich selbst als schnellstes Buch der Welt bezeichnet, weil die Inhalte der re:publica 2013 an allen drei Veranstaltungstagen von den Teilnehmern protokolliert und einen Tag nach Abschluss der Veranstaltung bereits veröffentlicht wurden. Ob man sich da wohl genug Zeit genommen hatte, über die Themen wirklich nachzudenken anstatt nur viel Egogewärmte Luft umzuwälzen? Wie hoch dürfte die Reichweite dieser Veranstaltung wohl sein, abseits von Nerds wie mir…? Was für mich beweist, dass die Netcommunity sich immer noch viel zu sehr um sich selbst und ihre tradierten Rituale dreht. Wenn das mal kein Anachronismus ist…

Eine kleine Polemik über Linke…

Ich sehe dauernd Dogmen! Und ich meine damit nicht den durchaus amüsanten Film von Kevin Smith, sondern eher die krampfhaft auf das Recht haben und Recht behalten versessene Position, intellektuell eigentlich durchaus achtbar ausgestatteter Menschen, die wohl meinen, Weltverbesserung geht von ihrer – und nur von ihrer! – Erkenntnis und Weisheit aus. Überhaupt Weltverbesserung! Dieser Begriff an sich trägt, nicht ganz zu Unrecht wie ich meine, eine deutlich ambivalente Notion in sich, der Gebrauch als Titel ist doch eher selten schmeichelhaft gemeint und dennoch wünschen sich nicht Wenige unter uns ein bisschen mehr davon.

Ein bisschen mehr Gemeinsinn, ein bisschen weniger Ego, etwas mehr Nachhaltigkeit und weniger Verschwendung, einfacheren Zugang zur Nutzung von Ressourcen anstatt, Besitzverhältnisse, welche diesen restringieren; so vieles liegt im Argen und wird den kommenden Generationen als so gut wie nie mehr abtragbare Hypothek präsentiert werden, weil wir kontemporäre Menschen es verabsäumt haben, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit auf die richtige Art zu tun. Ist ja auch viel, viel komplizierter als es klingt, was damit beginnt, dass wir nur zu gerne Dogmen zur Hand nehmen. Die geschickteren Propagandisten nennen ihre Dogmen Prämissen und verkaufen deren Notwendigkeit, mit augenscheinlich wohlfeilen Argumenten, als wertvollen Diskussionsbeitrag. Hart gesottene Gesinnungsdogmatiker jedoch nehmen jedes ihrer Worte für bare Münze und so ernst, dass man sich fragen muss, ob die zum Lachen in den Keller gehen. Und am anderen Ende des Spektrums finden sich die Verkäufer, die einfach nur ihr Repertoire aus dem Bauchladen der just jetzt beliebtesten Thesen füllen, um ihren Schnitt zu machen, sei es nun mit Gebrauchtwagen, oder in der Politik.

Prinzipiell ist das Vorhandensein von Überzeugungen, gekoppelt mit dem Eintreten für dieselben, ein durchaus lobenswerter Wesenszug. Konsequenz in Wort und Tat ist schließlich etwas, das wir speziell bei Personen des öffentlichen Lebens ja nur allzu oft vermissen müssen. Doch wie Paracelsus schon gesagt hat: die Dosis macht, das ein Ding ein Gift ist. Sobald Überzeugungen nämlich in der selbst erhaltenden Bewegungslosigkeit, im Kritikresistenten Beharren zu Denkfiguren mit Lotoseffekt degeneriert sind, an denen jedwede Hinterfragung einfach abperlt; sie also schließlich zum Dogma erhoben worden sind, beginnt das Gift des Sendungsbewusstseins seine volle Wirkung zu entfachen. Aller Charme entweicht aus dem Diskurs, wenn mit dem Hammer der Unerschütterlichkeit durch die Argumente der nun als Feinde wahrgenommenen Kritiker gemalmt wird, das die Wort- und Sinnfetzen nur so fliegen.

Hat sich die Überzeugung so verfestigt, dass ihr auch mit sinnvollen Gegenthesen nicht mehr beizukommen ist, kommen wir neben dem Alt- bzw. Neunazi am einen Spektrumende auch bei den Weltverbesserern an; jenem Typus des Nachhaltigkeit predigenden, sich mit machtvoller Äußerungsfreude linksintellektuell gerierenden Political-Correctness-Junkies, für den schon die bloße Anwesenheit potentiell konservativer Meinungen beinahe körperlich schmerzhaft zu sein scheint. Oh, ich vergaß, dass er natürlich jederzeit ökologisch verantwortlich sowie pädagogisch wertvoll handelt und Menschen, die nicht seinen Ansprüchen genügen können – oder wollen – mit seiner gefährlichsten Waffe stets aufs allerschärfste angreift: dem Dogma. Und da habe ich ja so furchtbar Angst vor…

Wenn ich ernsthaft eine Möglichkeit suche, irgendjemanden wegen Benachteiligung Anderer aus Gründen des Geschlechts, der Herkunft, der Religion, des sozialen Status, etc. anzugreifen, ist zumeist eine Analyse des Sprachgebrauchs vollkommen ausreichend um eine Diskriminierung inkriminieren zu können. Ob der Sache damit gedient ist, sie hier mal dahingestellt, mich nervt es jedoch mittlerweile mehr als nur ein wenig, dass hinter jedem “man” eine Missachtung der Rechte der Frau vermutet wird, dass Türke eine Beleidigung ist, weil man doch “Bürger mit Migrationshintergrund” sagen muss, dass man klassische Kinderbücher umschreiben soll, weil sie angeblich unsere Kleinen zu diskriminierendem Verhalten erziehen würden. Wenn man sich einfach mal des Umstandes vergegenwärtigte, dass jedes Kulturprodukt im dynamischen Kontext seines Entstehungszeitraumes betrachtet werden muss, wird speziell das letzte Argument zum Witz. Oder ist “Metropolis” von Fritz Lang kein Filmklassiker mehr?

Sprache ist gewiss ein diffiziles Instrument, dessen Beherrschung bei weitem nicht jedem Nutzer gegeben zu sein scheint. Doch das unversöhnliche Blockwarttum, mit dem selbsternannte Weltverbesserer sie als Waffe gegen jedwede andere – als reaktionär betrachtete – Meinung missbrauchen, macht mich krank. Dieses beinahe sektiererische Gehabe lässt mich zu dem Schluss kommen, dass ich mit diesen Political-Correctnes-Nazis nichts zu tun haben will. Wenn sozialdemokratisch orientierte Intellektualität durch solches Tun zur Farce, zur Karikatur ihrer Selbst degeneriert, kann man nur noch zum systemkritischen Konservativen werden. Ich wäre dann jetzt soweit. Schönen Tag noch.

Virtuelles Missverständnis

Wir unterliegen einem fatalen Irrtum; allerdings nicht dem, dass es doch noch irgendwo Idealisten geben muss und Individuen, die über gesunden Menschenverstand verfügen. Das ist kein Irrtum, denn ich durfte selbst schon welche kennen lernen. Nein, es geht hierbei um die Annahme, dass die Digitale und die Analoge Welt Ein und das Gleiche wären und folglich auch nach den gleichen Spielregeln funktionieren müssten. Wen dem so wäre, hätten viel mehr Menschen verstanden, was die Piraten eigentlich wollen; die haben es allerdings selbst noch nicht so ganz rausgekriegt…

Wir sind digital und analog vorhanden, egal, ob wir das nun wollen oder nicht. Wenn es nicht wir selbst sind, die Daten über sich preisgeben, dann sind es irgendwelche anonymen Unternehmer oder auch unsere staatlichen Institutionen, die sehr wohl ein vitales Interesse daran haben, zu sehen, wohin uns unsere Schritte auf beiden Seiten führen. Und da digitales ALTER EGO und analoges EGO immer komplementärer werden, sich in ihrem Tun oder auch Lassen immer mehr gegenseitig beeinflussen ja gelegentlich gar bedingen, je mehr wir die digitalen Medien nutzen und so unsere Spuren hinterlassen, wird die Menge des Beobachtbaren immer größer.

Der Berührungspunkt zwischen Analog und Digital, zwischen Real und Virtuell ist ein Spiegel, den wir zwar immer besser zu skalieren lernen, den wir immer öfter für unsere Zwecke zu benutzen wissen; doch je mehr, je öfter wir hineinsehen, desto öfter und intensiver schaut unser ALTER EGO zurück. Und durch seine Augen auch viele, viele Andere, die sich zum Teil selbst wundern, was wohl hinter dem Spiegel liegen mag. Tatsächlich sind wir im virtuellen Raum ein bisschen wie Alice im Wunderland; naiv, unvorsichtig und töricht – allerdings auch (wage)mutig, neugierig und kontaktfreudig. Dennoch ist das Netz natürlich nicht genauso wie die Welt hinter dem Spiegel. Die Analogie hinkt insofern, als dass zwar auch Lewis Carrolls Fantasie das Machwerk eines Menschen ist, aber er war ein Einzelner, der sich eine Geschichte ausgedacht hatte. Im Web begegnen sich jedoch Viele mit ihren je individuellen Geschichten und das alte Aushandeln der sozialen Konventionen beginnt von Neuem. Den Umstand, dass sich das Web ganz hervorragend als Instrument des Verbrechens und der Täuschung nutzen lässt, habe ich hierbei bewusst außen vor gelassen, denn dazu gibt es noch keine passenden Antworten.

Von Neuem und doch ganz anders. ALTER EGO und EGO haben Schnittmengen, die eine Menge Chancen bergen, man sollte jedoch bedenken, dass mancher Spiegel die Realität so sehr verzerren kann, dass sie zu etwas vollkommen anderem wird. Die wahre Aufgabe des so genannten Netzaktivisten sollte es folglich sein, den Spiegel so transparent zu machen, dass jeder hindurch sehen und sich selbst in der Virtualität wieder finden kann – auch jene Individuen, die sich nicht als Technikaffin bezeichnen würden. Dann müsste man sich vielleicht auch nicht mehr beklagen, dass die Telekom gerade die Netzneutralität untergräbt oder das Leistungsschutzrecht fürderhin die einfache, quellenunabhängige, kostenfreie Beschaffung von Informationen erschweren wird.
Noch gibt es weder Instrumente, welche die Möglichkeiten und Gefahren der virtuellen Welt des Internets für wirklich jedermann erfahrbar und begreifbar machen, noch ein Bewusstsein der Digitalnomaden und Cyberaktivisten dafür, wie man in der realen Welt heutzutage immer noch Politik macht. Solange man alleine auf der digitalen Schiene keinen nennenswerten Durchdringungsgrad erreichen kann, muss man nun mal nach den alten Spielregeln spielen, auch wenn diese bis zu einem Grade unflexibel, undurchschaubar und unfair geworden sind, der ganz im Habermas’schen Sinne nur noch der Selbsterhaltung der politischen Kaste dient.

Es wird also Zeit, sich der Tatsache zu besinnen, das wir im frühen 21. Jahrhundert zwar auch schon irgendwie digital existieren, aber dennoch weiterhin im Hier und Jetzt leben – setzt man dieses Wissen in Strategien um, die beide Welten an den richtigen Schnittstellen bedienen, verstehen vielleicht auch Anti-Nerds, was das Netz für sie leisten könnte.

Altmodern? (Postmodern N°3)

Um es gleich vorweg zu nehmen – nein, auch ich habe keine letztgültigen Antworten auf die tief schürfenden Fragen. Auch ich weiß leider nicht, warum Formate wie DSDS noch immer so viele Leute vor den Fernseher locken, obwohl doch immer das Gleiche passiert. Vielleicht sind wir Menschen doch so sehr Gewohnheitstiere, dass auch das regelmäßige Grauen eine gewisse Beruhigung in uns entstehen lässt. So lässt sich auch erklären, wieso gewisse Videochannels auf Youtube, deren Gehalt nachweislich asymptotisch gegen Null geht – außer man mag Idioten, die sich und ihre Meinung gerne selbst beweihräuchern – immer wieder die Spitze der Beliebtheitsskala erklimmen dürfen. Ich nehme davon hiermit offiziell durch ein Schulterzucken Notiz und gehe zur Tagesordnung über.

Modern ist, was der Durchschnitt der Menschen – falls es sowas überhaupt geben kann, wovon ich bis heute nicht überzeugt bin – als auf der Höhe ihrer jeweiligen Zeit betrachtet, womit modern z.B. auch alle Trends umfasst. Ist ja gruselig, wenn ich mir die Mode so anschaue. Modern ist, was Technik und Forschung zu jeder Zeit an unterschiedlichen Neuerungen hervorbringen, die in unser Alltagsleben Einzug halten; am augenscheinlichsten sind hier die Technischen, sie sind aber nicht die Einzigen. Womit wir bei der Frage wären, was dann mit solchen Entwicklungen wie Video 2000, der Laserdisc, der Minidisc und anderen ist. Haben ja alle gefloppt, also hat modern vielleicht auch etwas mit Beliebigkeit zu tun? Modern ist da, wo vorne ist, wo die early adopter und Enthusiasten, die Digitalen Nomaden und Weltbürger sind – nur dass so mancher Zug in die Zukunft über das Abstellgleis hinaus gerollt ist und nach dem Wegrammen des Prellbocks im Orkus der Ignoranz und des Vergessens entschwand. Was in einigen Fällen auch verdammt richtig so war! Modern ist anscheinend irgendwie das Danach; und zwar nach dem Jetzt. Quasi die Personifikation des Dranges nach jenen Dingen, die Besser und Schöner sein müssen, schlicht weil sie neu sind!

Soweit zur populistischen Erstbetrachtung. Was nun die Moderne als einen Zeitraum betrifft, wird es sogleich etwas schwieriger, weil diese der letztgenannten Beobachtung zur Folge ja mit dem Verstreichen des Momentes vorbei sein wird, den ich just jetzt gebrauche, um diesen Absatz zu formulieren – oh nein, die Moderne ist tot, also kann sie ja gar nicht mehr modern sein! Oder doch? Oder nicht? Ja wie denn jetzt?

Wenn man Moderne googelt, oder auch eher altmodisch in einem einigermaßen aktuellen Lexikon nachschlägt, wird man mit einer Fülle von Begrifflichkeiten konfrontiert, die einen kaum schlauer machen, sondern eher noch viel mehr Fragezeichen hinterlassen. Dekonstruktion zum Beispiel. Aber wenn ich über die Moderne nachdenke, dann komme ich zu dem Schluss, dass hier solche Ansammlungen verbalartistischer Hirnwichserei den Blick auf’s Wesentliche verstellen: nämlich Menschen, die im Angesicht ihrer Zeit nach Wegen und Möglichkeiten suchen, sich in dem immer komplizierter werdenden Gebilde Gesellschaft einen Platz zu schaffen, an dem sie nicht bloß subsistieren können, sondern vielmehr eine Chance bekommen, zu Individuen zu werden; am reichhaltigen Leben innerhalb ihrer Gesellschaft teilhaben zu dürfen, sich selbst zu finden – auch immer wieder neu zu finden – ein Leben zu leben, dass man als erfüllt bezeichnen könnte, das richtige Equilibrium aus Nähe und Distanz, aus Sozialität und Individualität zu erreichen; oder schlichter gesagt, ihren Platz im Leben zu bekommen und behalten zu dürfen.

Klingt einfach, ist schwierig. Sogar verdammt schwierig, denn modern bedeutet für die allermeisten Menschen, die ich kennen lernen durfte zuerst Ambivalenz. Ein Hin-und-Hergerissen-Sein zwischen der Faszination des Neuen und den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben auf der einen und der Sicherheit und Geborgenheit des Bekannten, Gewohnten auf der anderen Seite. Oft gibt es kein Richtig oder Falsch, keine analogen Entscheidungen, sondern immer mal ein bisschen Hiervon und mal ein bisschen Davon. Doch aus diesem Gemischtwarenladen der beliebigen Wege, Werte, Ideen, Idole, Ideale und Ideologien für’s frühe 21. Jahrhundert das jeweils Richtige in seine Tüte packen zu können, scheitert nicht selten daran, dass weder Startpunkt noch Ziel erkennbar bleiben, desto weiter man sich bewegt.

Folglich ist die Moderne, auch wenn sie mit jedem vergehenden Moment zur Vergangenheit wird, ein Labyrinth, für das keine Karten und keine Aussichtspunkte existieren und in dem jeder – zumindest ein Stück weit – auf sich gestellt ist. Sich da an die Erinnerung des zuvor Gekannten zu krallen, neue Fragen nach alten Mustern beantworten zu wollen, sich vor einem Zuviel an Möglichkeiten zu ängstigen und vor allem Irgendjemandem die Schuld an diesem Schlamassel geben zu wollen ist genauso menschlich, wie es uns nicht weiter bringt. Insbesondere jemandem die Schuld geben zu wollen, dass sich unsere Welt weiter entwickelt, ist Unfug; weil wir Menschen zur Kreativität befähigt sind, dies auch ausleben und so aus dem multimodalen Dauerfeuer menschlicher Schöpfungskraft ein Perpertuum Mobile erwächst, dass wir niemals werden anhalten können, egal wie Viele oder wie mächtig wir wären. Auch das ist Teil unserer menschlichen Natur.

Und so wie unsere Ideen sich zu einem Strom vereinigen, der vorwärts drängt, werden wir Menschen allesamt mitgerissen, unsere Kultur – außer in unseren Illusionen sehr weit davon entfernt, etwas von dauerhaftem Bestand zu sein, ja im Gegenteil sogar im Kern wandelbar – aber auch unsere Ideen von Gesellschaft, unsere Sicht auf uns als Menschen sind stets dazu genötigt, sich immer wieder neu zu entdecken und zu wandeln. Und doch scheint Wandel uns fremd zu sein.

Die Unwägbarkeiten des Unbekannten jagen uns wohlige Schauer über den Rücken, wenn wir sie nur zu Unterhaltungszwecken konsumieren, doch werden wir Ihnen in realitas ausgesetzt, verfallen nicht Wenige in eine Schockstarre und rufen laut – nach mehr Sicherheit, mehr Regulation, nach mehr Kontrolle. Und verkennen dabei, dass nicht nur im bislang Unbekannten, sondern auch in dem was wir sicher zu kennen und zu beherrschen glauben so viele Variablen verborgen liegen, auf die wir keinen oder zumindest keinen nennenswerten Einfluss auszuüben vermögen. Doch Leben ist ein Wagnis, wird es immer bleiben, auch wenn wir Mitglieder der kontemporären Industriezivilisationen so etwas wie eine Vollkaskomentalität entwickelt haben. Nur wenige erinnern sich anscheinend des alten Sprichwortes “Wer wagt, gewinnt!”

Altmodern – das ist, was wir gerne wären; wohl eingebettet in das Alte, das Bekannte und gleichzeitig quasi aus sicherer Distanz die Früchte des Neuen, Modernen erntend. So würden wir nur zu gerne immer weiter leben und können es doch nicht länger, weil das Geflecht der sozialen Systeme nun endgültig zu groß, die Interdependenzen zu unübersichtlich, die Stellgrößen zu Viele geworden sind und wir immer noch nicht gelernt haben, dass schwarze Schwäne passieren, gleich was wir auch versuchen und das die Zukunft passiert, egal wie sehr wir sie zu bremsen versuchen und das Wandel passiert, auch wenn wir ihn von Herzen hassen.

Ich will nicht Altmodern sein, denn ich begrüße den Wandel, selbst wenn ich vermutlich nur wenig mehr darüber weiß, als die meisten Anderen. Ich verlasse mich dabei gerne auf meine Intuition; etwas, das wir schwerst Zivilisationsgeschädigten Menschoiden erst wieder lernen müssen. Ich weiß auch nicht, ob ich damit modern bin, denn meine nahende Zukunft wird mit jedem Atemzug durch Gegenwärtigkeit zur Vergangenheit und es ist mir auch von Herzen Wurst, was eine verphilosophierte Postmoderne beherbergen mag, denn ich kann sie nicht fassen, nicht sehen, nicht mal gut ahnen. Also lassen wir stattdessen doch einfach die Moderne geschehen, anstatt über sie zu fabulieren und versuchen den Wandel, der sich auf dem Weg ergibt mit positivem Leben zu füllen, ihm eine Richtung zu geben, die uns vielleicht nach unserer gelebten Moderne in eine humanere Welt führt. Das wäre eine Postmoderne, die ich verdammt gerne erleben würde.

Heya Longa, bischd du soziaal, odda was?

Für die Vielen, welche des Mannheimerischen nicht mächtig sind zum Verständnis: die Äußerung konstituiert die Frage, ob man sozial sei; vermutlich gestellt in einem wenig formellen Kontext. Tja, das ist aber auch eine gute Frage, oder? Wenn man die verschiedenen Definitionen von “sozial” betrachtet, also zum einen die Gesellschaft betreffend, dann sich auf das Zusammenleben im direkten Lebensumfeld beziehend und schließlich den zur Frage stehenden Grad der Dienlichkeit des Einzelnen für das Allgemeinwohl thematisierend ist “sozial” ein sehr komplexer Begriff, der die erschöpfende Beantwortung der Eingangsfrage mit Ja oder Nein kaum zulässt.

Die Meisten werden jetzt sagen, dass ich Blödsinn erzähle; ja sicher sind sie doch sozial, sie können schließlich mit Anderen interagieren, ohne gleich dem Erstbesten eins in die Fresse schlagen zu müssen, weil er halt kein Fan von – setze hier den Namen deines Lieblingsclubs ein – ist, ihnen die geäußerte Meinung zur Tagespolitik nicht passt, oder dieses Individuum zufällig kein Deutscher ist. Wir sind ja alle so tolerant.

Die selben Menschen skandieren, wenn sie dann in der Fankurve stehen irgendwelchen Adrenaligeschwängerten Unfug, der mit der Androhung von körperlicher Gewalt zu tun hat – das ist nicht nett und für friedliches Miteinander problematisch. Wer das nicht glaubt, schaue sich die “freundlichen Rangeleien” zwischen Fanformationen an, die regelmäßig zu Polizeigroßeinsätzen mit Festnahmen und Verletzten führen. Derartiges Verhalten ist asozial, denn es kostet MICH, der mit egal welcher Form von Mannschaftssport nichts am Hut hat Steuergeld, welches ich z.B. lieber in die Erziehung und Ausbildung meiner Kinder investiert sähe.

Klarstellung: Ich habe nichts gegen Menschen, die Sportveranstaltungen beiwohnen im Allgemeinen. Die Allermeisten gehen da hin, um mit Gleichgesinnten ein paar Stunden Spaß haben und den öden Alltag vergessen zu können und das respektiere ich zutiefst. Ich persönlich habe einfach nur andere Hobbys. Ärgerlich machen mich nur Jene, die offensichtlich keinen anderen Weg kennen, ihre überschüssigen Aggressionen zu kanalisieren als sich zu prügeln. So was finde ich armselig!

Doch damit nicht genug! Wann immer es zu einer mehr oder minder öffentlichen Auseinandersetzung mit bzw. über politischen Themen kommt, dominieren Minuten nach dem Beginn nur noch undifferenzierte, unter offensichtlich mangelhafter Kenntnis des Sachverhalts geführte, vollkommen überemotionalisierte und andere Meinungen von vornherein ausschließende Gefechte das Bild, deren Informationstransfergehalt gegen Null geht. Dieses Verhalten ist ebenso asozial, denn es verschwendet MEINE und anderer Leute Zeit und behindert überdies demokratische Prozesse, weil solche Personen leider auch noch über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein verfügen; bzw. recht gerne denen hinterher laufen, die ein solches haben und es am besten verstehen, die “Naistdochwahr”, “Daswirdmandochaberwohlnochsagendürfen”, “Dasistaberso!” oder ab und an auch mal die “Jetztistaberschluß!” Fraktion bedienen. Also jenes politische Milieu, dass sich beidseits des Farbenmeridians als Deutungshoheit beanspruchende Hauptempörungsgruppe geriert und Menschen mit der Suggestion an sich zu binden sucht, dass es auf komplexe Fragen immer eine einfache Antwort gibt. Was für eine gequirlte Grütze!

Über Rassismus, dem ein wesentlich differenzierterer Wirkmechanismus zu Grunde liegt als “Ich hasse dich, weil du nicht von hier bist und darum nicht zu UNS gehörst!”, werde ich jetzt hier nicht auch noch anfangen zu referieren, das hebe ich mir lieber für einen eigenen Post auf. Nur soviel: auch wenn man nicht jeden Tag seine Bomberjacke und seine Springerstiefel anzieht, seinen Basi einpackt und loszieht um Türken zu klatschen, kann man Kraft seines Tuns oder auch Lassens ein grausamer Rassist sein – und auch das ist ASOZIAL! Habens auch alle gehört? ASOZIAL!

Also zurück zur Eingangs gestellten Frage, nämlich ob jemand sozial sei. Ich beziehe das jetzt mal auf mich und muss es mit einem Teils-Teils beantworten. Und zwar weil ich weniger für die Gesellschaft tue, als ich könnte, oder mir zuzumuten wäre und in einer Demokratie ist JEDER dazu aufgerufen, etwas zu geben und nicht immer nur zu nehmen. Nur dann wird Demokratie auch tatsächlich demokratisch im Sinne von Teilhabe am gesellschaftlichen Prozess. Warum geben toll ist, da komme ich die Tage mal drauf zurück. Ich werde zu gewissen Zeiten immer noch Opfer meiner eigenen Vorurteile, wenn ich mit Menschen interagiere, die nicht von hier sind, was auch immer “von hier sein” zu bedeuten haben mag. Und ich nutze dann und wann meine kognitiven Fähigkeiten, um mir Vorteile bei was auch immer zu verschaffen. Meistens ist das eher uncharmant als tatsächlich Böse, aber es ist eben auch nicht unbedingt sozial.

Und wo steht ihr nun, wenn ihr es euch tatsächlich gestattet, einen langen, prüfenden, vielleicht zur Abwechslung mal schmerzhaft scharfen Blick in den Spiegel zu tun? Das kann in diesem Fall nur jeder für sich selbst beantworten, aber ein wenig mehr Ehrlichkeit bei der Selbstkritik würde schon helfen, unsere Welt ein großes Bisschen besser zu machen. Nachdenken, bevor man redet hilft übrigens auch.