Zufriedenheit N°4 – Rohe Weihnachten…

Erstaunlich aber wahr – ich freue mich auf die Festtage! Oft in den letzten Jahren waren sie der mentale Ort, an dem ich mal ein bisschen verschnaufen konnte und auch in diesen covidiesken Zeiten zeichnet sich wieder ein Bremsvorgang ab, den ich eigentlich schon seit Wochen herbeisehne. Immerhin ist aus dem, andauernd mit der Angst um eine mögliche Quarantäne-Order gewürzten Sprint der zweiten Jahreshälfte mittlerweile ein halbwegs gut verdaulicher Dauerlauf geworden. Und das Licht am Ende des Tunnels ist dieses Mal, wie’s aussieht, tatsächlich kein Zug. Aber warum ist das so?

Ich muss an dieser Stelle etwas gestehen: ich glaube, ich bin kein guter Christ. Also, in diesem Kirchgänger-Charitas-Normen-Sinn (für jene, die sich fragen, warum das da mit “ch” steht: ich meine nicht den Wohlfahrts-Konzern, sondern das zu Grunde liegende lateinische Wort für Nächstenliebe). “Christliche Nächstenliebe” hat ja oft diesen “Tue Gutes und lass es alle wissen!”-Charakter. Damit kann ich nichts anfangen. Ebenso wenig, wie mit Kirche als organisierter Institution zur Glaubensvermittlung. Schönen Dank, aber meinen Glauben, oder besser mein spirituelles Ich definiere und pflege ich selbst.

Was mich jedoch zufrieden macht, ist Zeit. Einfach mal Dinge tun oder auch lassen zu können, ohne sich den lieben langen Tag in diesem Hamsterrad der Nützlichkeit und Produktivität abmühen zu müssen. Ich habe dieser Tage abends mal mit der besten Ehefrau von allen geklönt und wir kamen überein, dass echte gepflegte Langeweile empfinden zu dürfen ein Privileg wäre. Selbst, wenn wir uns mal ein wenig gehen lassen, Dinge um ihrer selbst willen tun ; also Müßiggang betreiben, ist da immer dieses kleine Männchen im Hinterkopf, dass uns das Unbehagen des schlechten Gewissens einzuflüstern versucht, weil wir gerade NICHTS SINNVOLLES tun. Und genau da liegt die Crux: wer darf denn bitteschön für mich definieren, was sinnvoll und was sinnlos ist? Mein Boss? Mutter Kirche? Die Bundeskanzlerin? Meine Frau? Meine Kinder? Oder vielleicht ab und zu doch auch mal ich…?

Ich bin anscheinend in mancherlei Hinsicht doch schon so sehr ein Opfer dieser ganzen Selbstoptimierungs- und Work-Life-Balance-Kacke, dass ich nicht mal mehr zocken kann, ohne Unzufriedenheit auf Grund mangelhafter Produktivität zu spüren. Warum zum Henker blogge ich beispielsweise gerade? Weil ich nichts besseres zu tun habe? Oder weil ich als Macher wahrgenommen werden will. Ein – aber bitte günstiger – Psychotherapeut zur Klärung der Frage ist absolut willkommen. Ich weiß zumindest eines: meine Versuche, mich davon zu emanzipieren, sind noch nicht weit genug fortgeschritten. Wenigstens habe ich meine Nein-Schwäche mittlerweile etwas besser im Griff. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass dieses Ratgeber-Dauerfeuer zur Optimierung und Effizienzsteigerung des verdammten Lebens auf allen Social-Media-Kanälen seine Spuren hinterlassen hat.

Vor allem das Wort Lifehack kann ich nicht mehr sehen oder hören. Es macht mir Brechreiz. Wenn ich Hack will gehe ich zum Metzger! Wer braucht diese ständige Jagd nach Effizienz und Effektivität. Die meisten Leute können ja nicht mal den Unterschied benennen, ohne Google fragen zu müssen. Geschweige denn, dass sie wüssten, welche Formen von Effizienz unterschieden werden. Danke, aber NEIN DANKE. Ich habe davon die Schnauze gestrichen voll. Ich will Müßiggang und ich will diesen zu meinen Bedingungen. Ich will auch mal liegenbleiben dürfen, bis ich keine Lust zum Liegen mehr habe. Ich will tun – und auch lassen – was mir gerade in den Kopf kommt, ohne mich drum zu scheren, ob’s irgendwem nützt. Denn zumeist ist es ja doch nur der Nutzen Anderer, der durch dieses öffentlich zelebrierte Optimierungs-Brimborium erreicht werden soll. Arbeitsproduktivität. Für andere die Kohlen aus dem Feuer holen, Knete ranschaffen, den Laden am Laufen halten; und das am Besten für’n Taschengeld. Und was ist der Dank? WAS ZUM HENKER IST DER DANK?

Ich könnte darauf eine Antwort geben, aber sie wäre nicht allgemein gültig, könnte dem einen oder anderen Unrecht tun und zudem eher bitter ausfallen. Darum lasse ich es. Nur so viel: Es ist an der Zeit, über Zeit nachzudenken. Nämlich jene, die einem noch bleibt und was man damit für sich selbst anzustellen gedenkt. Und wenn jetzt jemand rumheult, ich sei der Anti-Altruist – mitnichten, meine Lieben… mitnichten. Ich habe aber erkannt, dass man als Mensch nur dann Zufriedenheit erfahren kann, wenn man sich auch im Nein-Sagen und im Nicht-Tun als Selbstwirksam erfährt. Denn ansonsten reißen die üblichen Verdächtigen einem auch weiterhin beim Reichen des kleinen Fingers den Arm am Schultergelenk raus. Denkt mal drüber nach. Rohe Weihnachten könnte heuer heißen: “Ich muss gar nix außer schlafen, trinken, atmen und ficken und nach meinen selbstgeschriebenen Regeln ticken” Danke Großstadtgeflüster für diesen unfassbar wahren Satz. Schönen Abend noch.

Ich bin kein Feminist…

… denn eine solche Selbstzuschreibung empfände ich als anmaßend. Nilz Bokelberg, dieser Trottel hat sich vor gut drei Jahren mal im Zeit-Magazin so tituliert. Sein Ansinnen erschien mir, der ich selbst Vater zweier Töchter bin verständlich. Seine Denke jedoch war mir zu paternalistisch, sein Gestus zu pathetisch und die Äußerung an sich schlicht zu sehr auf die Generierung von Aufmerksamkeit ausgelegt. Nichtsdestotrotz habe ich seither so einiges auf den mentalen Prüfstand gebracht und bin etwas aufmerksamer hinsichtlich meiner eigenen alltagschauvinistischen Tendenzen geworden.

Nun habe ich heute Facebook aufgemacht und musste ein Bild sehen, in dem sich zwei mutmaßliche Kolleginnen vor einem RTW in eine Pose gebracht haben, die vermutlich weibliche Reize betonen soll; in diesem Fall den Gluteus Maximus. Und selbstverständlich musste ich mich dazu äußern. Denn selbst, wenn ich kein Feminist bin, ist diese Darstellung offenkundig dazu geeignet als sexuell aufgeladene Objektifizierung dieser Kolleginnen wahrgenommen zu werden. Das leistet aus meiner Sicht einerseits so ziemlich allen Frauen im Rettungsdienst, sowie auch dem Bild unseres Berufsstandes in der Öffentlichkeit einen Bärendienst!

Warum, werden vielleicht z.B. die Menschen, die dieses Machwerk produzieren fragen? Nun, das ist ganz einfach zu beantworten: indem Kolleginnen (und vielleicht auch Kollegen) sich in sexuell aufgeladenen Posen in mehr oder weniger PSA ablichten lassen, gestatten sie, auf den visuellen Reiz reduziert und mithin nicht mehr als Healthcare Professional, sondern als Stück Fleisch wahrgenommen zu werden. Nun möchte ich davon ausgehen, dass die Aufnahmen in gegenseitigem Einverständnis entstanden sind und die Kolleginnen sich sehr wohl der Wirkung der Pose bewusst waren. Und es spricht grundsätzlich nichts dagegen, auch in PSA gut aussehen zu wollen.

Doch was passiert mit der Wahrnehmung durch Andere? In dem Thread unter dem Bild auf FB entstand – sicherlich zu Unrecht – die Ansicht, dass man auf solche Kolleginnen gut verzichten könne. Das kann, will und werde ich nicht beurteilen, denn meine Vermutung ist eher, dass sie das als Spaß betrachtet haben und dabei die möglichen negativen Fremd-Wahrnehmungen nicht umfassend thematisiert oder bedacht wurden. Bezogen auf die Individuen gibt’s zwei Möglichkeiten, wie man mit diesen Zuschreibungen umgeht: entweder man beginnt sich zu schämen und das ganze als Dummheit zu betrachten, oder man sagt sich: jetzt erst recht. Wie auch immer sie damit umgehen: die Fremdattribution bleibt eine Weile haften.

Das aus meiner Sicht weitaus größere Problem ist, dass ein nicht unerheblich großer Teil der Social-Media-Nutzer gerne zu unzulässigen Verallgemeinerungen und Stereotypen neigen; d.h. nicht wenige werden sich denken, dass im Rettungsdienst “willige Weiber” rumlaufen und in der Folge jene Kolleginnen, denen sie dann später begegnen auf Basis solcher Bilder beurteilen: mögliche Konsequenzen sind Respekt- und Distanzlosigkeit, bis hin zu sexueller Übergriffigkeit. Indem ich also Kolleginnen so darstelle, mache ich sie, aber eben auch andere zu potentiellen Sexismus-Opfern. Und dafür, ihr Macher dieses Kalenders verdient ihr euch mindestens einen der silbernen Ärsche mit Ohren des Jahres 2020. Verantwortungsvoller Umgang mit Social Media geht anders!

Ich bin gerne zu einer – gegebenenfalls auch öffentlichen Diskussion bereit. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muss ich aber zum Boykott dieses – Gott sei Dank als limitiert bezeichneten – Produktes aufrufen. Limitiert ist nämlich nicht nur die Stückzahl, sondern auch die kognitive Reichweite seiner Macher. Schönen Sonntag noch

Fresh from Absurdistan N°28

Ich hatte ja gedacht, dass ich diese Serie einmotte, denn Absurdistan erschien mir als neuer Normalzustand. Doch es gibt immer mal wieder Ereignisse, die mich diesen Gedanken in Frage stellen lassen. Heute ist so ein Tag: meine große Tochter wird 12! Für sie ist das Ganze noch ein Geburtstag wie die bisherigen auch. Aber aus meiner Sicht markiert er einen Wendepunkt: es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis auch sie mit dem Pubertieren beginnt, bis aus dem süßen kleinen Mädchen nach und nach eine junge Frau zu werden beginnt, die dann nicht viel später ihre ganz eigene Agenda verfolgen wollen wird. Eine, vor der alle Eltern irgendwie Angst haben. Denn man erinnert sich noch gut an den Scheiß, den man selbst in dem Alter getrieben hat…

Es ist also eine Mahnung, das eigene – aber eben auch das andere – Älterwerden anzuerkennen. OK, damit kann ich (noch) umgehen. Es ist aber auch eine verdammt sonderbare Angelegenheit, ihr, eingerahmt vom Wahnsinn dieser Zeit, dabei zuzusehen, wie sie versucht, ihren eigenen Umgang mit der Pandemie und dem ganzen Mist zu finden, der damit einher geht. Wie sie darunter leidet, ihre Freunde nicht treffen zu können, den Jubeltag nicht angemessen feiern zu können. Im Kreise der Kern-Familie ist ja nett, aber halt nicht das Selbe, wie mit ihren Freundinnen. Und trotzdem ziemlich tapfer sagt, dass es halt jetzt nicht geht. Sie ist da so verdammt viel erwachsener als diese ganzen Spacken da draußen, die ihre elfjährigen Töchter als Schutzschilde und vorher bis zum Erbrechen indoktrinierte und gebriefte Agitatoren zu Demos schleppen, um ihrem Egoismus und ihrer Verbohrtheit öffentlich Ausdruck verleihen zu können. Sowas nennt man üblicherweise “Kindswohlgefährdung”.

Ich bin aus so vielen Gründen verdammt stolz auf mein großes Mädchen. Und aus ebenso vielen Gründen traurig, dass die Pandemie ihr einen Teil ihrer Kindheit raubt, die gerade im Begriff ist, zu Ende zu gehen. Ich selbst merke, dass ich emotional auf dem Zahnfleisch gehe und mir unfassbar viele Dinge an diesem Jahr 2020 abgehen, die halt einfach nicht möglich waren, sind und dies auch noch mindestens bis Ende des ersten Quartals 2021 sein werden. Aber ich bin da wie meine Tochter: geht halt jetzt nicht. Kommen auch wieder bessere Tage. Was einen dabei am meisten stresst, ist vermutlich die Ungewissheit. Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Werde ich’s selbst bekommen? Oder hatte ich es schon, ohne es mitzubekommen und habe ich dabei womöglich andere angesteckt? Was, wenn ich den Präsenzunterricht wieder schließen und auf Online-Lehre umstellen muss? Und, und, und…? Schwer verdaulich, das Ganze.

Sascha Lobo hat dieser Tage in seiner Spiegel-Kolumne im Zusammenhang mit den ganzen Corona-Verschwörungs-Fuzzis den Begriff “Angstporno” benutzt. Ich fand die Bezeichnung für das rein Ich-bezogene Echo-Kammer-Gewichse der Berufs-Corona-Leugner gar nicht übel, denn letzten Endes sind viele Mechanismen Horror-Filmen nicht unähnlich. Man ergötzt sich an der Erwartung der Katastrophe, ohne vorher zu wissen ob und wie diese dann tatsächlich eintritt. Und die ganzen Bad-News-Huren in ihrer “Ich-werd-ja-sooooo-gegängelt”-Attitüde lassen sich von den braunen Profi-Bauernfängern schön ängstigen, einfangen und vor den Nazi-Karren spannen. Kannste halt so oft schreiben, wie de willst, die Honks, die’s betrifft, hören dir eh nicht zu; woll Sascha? Wenn es nicht traurige Realität wäre, hätte man ein Proto-Nazi-Zombie-Rollenspiel daraus machen können…

So vieles am “Neuen Normal” Absurdistan bleibt tatsächlich doch absurd, weil eigentlich so undenkbar, unsagbar, unmachbar, dass ich mich wohl doch wieder öfter mit dem Scheiß befassen muss. Da ist der – wem oder was auch immer sei Dank! – abgewählte Trump nur eine Fußnote des Wahnsinns. Hat sein Verfallsdatum erreicht. Hoffentlich sperren sie ihn tatsächlich für irgendwas von dem vielen, was er verbrochen hat weg, bis er verrottet. Ich glaub nicht dran, aber in Zeiten wie diesen scheint alles möglich, oder? Wie auch immer es in den nächsten Wochen kommen mag: bleibt gesund, bleibt vernünftig und lasst euch um Himmels Willen nicht von irgendwelchen hysterischen, egoistischen, dogmatischen, asozialen Scheiße-Laberern zu irgendwas bequatschen. Weihnachten ist jedes Jahr, Sylvester auch. Und wenn’s das Letzte mal wäre… gäbe es auch kluge, der Situation angemessene Möglichkeiten, daraus ein letztes rauschendes Fest zu machen. Bis die Tage…

Zufriedenheit N°3 – macht mehr Arbeit zufriedener?

Ich bin gestern über einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen gestolpert, in dem über das Thema Rollenverteilung und Zufriedenheit berichtet wird; ich habe den Artikel der besten Ehefrau von allen vorgelesen und wir waren uns zumindest hinsichtlich einer Sache einig: die als Aufhänger für den Artikel dienende Untersuchung bildet vielleicht eine tradierte Noch-Realität ab, aber sicher nicht die in Stein gemeisselte Zukunft. Allerdings kam ich nicht umhin, mir so meine weiterführenden Gedanken zu machen.

Warum sollten Männer gerne mehr als 40h/Woche arbeiten? Wollen die alle Karriere machen (in verschiedenen Wirtschaftszweigen eher unwahrscheinlich)? Ist es für Männer bequemer, die Care-Work auf die Frauen abzuwälzen (höchst denkbar)? Liegt es an den ungerechten Gehaltsunterschieden oder dem Umstand, dass Frauen im Mittel, trotz besserer schulischer Leistungen immer noch häufiger in schlechter bezahlten, minderqualifizierten Berufen landen (traurige Realität)?

Wahrscheinlich ist eine Mischung aus all dem an den Ergebnissen der Untersuchung beteiligt. Deren Autor Prof. Dr. Martin Schröder von der Uni Marburg zeigt sich im Interview denn auch durchaus von seinen eigenen Ergebnissen überrascht und macht nicht den Eindruck, hier normative Furore für das Heimchen am Herd machen zu wollen. Allerdings – und das muss man wissenschaftlichen Publikationen immer mit einkalkulieren – ist es ziemlich wahrscheinlich, dass solche Daten Wasser auf den Mühlen der Ewiggestrigen sind. “Da schaut mal, die Frauen wollen doch daheim bleiben und einen richtigen Kerl als Versorger!” Was für ein Käse.

Wir kamen gestern Abend überein, dass hier tradierte Strukturen am Werk sind, die zu überwinden denn wahrscheinlich auch noch Jahrzehnte dauern wird. Der Grundtenor des Artikels hingegen sagt mir, wes Geistes Kind der Autor ist: dem gefällt die Idee, Frauen empirisch belegt in den Haushalt zu verbannen anscheinend gar nicht so schlecht. Vielleicht unterstelle ich ihm auch nur zu viel Böses; der erste Absatz jedoch, der moderner Familienpolitik, die auf gleichartige Startbedingungen für die Berufstätigkeit von Mann und Frau ausgelegt ist ein klares Nein auf der Basis der Untersuchung entgegen stellt, genügt mir zur Einschätzung der Motive vollkommen…

Mich irritiert derlei Denken. Nicht, weil ich frei von den, im zweiten Absatz sattsam beschriebenen Dünkeln wäre; auch ich verschanzte mich manchmal lieber hinter meiner Arbeit, anstatt etwas mit meiner Familie zu unternehmen. Und ich werde für mich jetzt nicht die Entschuldigung geltend machen, dass meine Depressionen eben manchmal auch soziophobe Züge in mir wecken. Das wäre zu billig. Ich entstamme, wenn man mal von Generationen reden möchte, der häufig gescholtenen Generation X. Und ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass die Rollenbilder, welche mir zuhause vorgelebt wurden, traditionell patriarchalisch waren. Ich glaube zwar, mich davon emanzipiert zu haben. Aber mit Sicherheit sind manche Stereotypen, die damals in mir fundiert wurden, bis heute wirkmächtig.

Das bedeutet, dass ich mit Erbe eines anderen Zeitalters in meinem Hinterkopf durch die heutige Welt schreite, die schon vor über 30 Jahren höchst treffend von Ulrich Beck als Risikogesellschaft charakterisiert wurde. An der, von ihm weitschweifig beschriebenen Orientierungslosigkeit ändert sich erst langsam etwas. Doch jede Pendelbewegung ist von Extremen gekennzeichnet. Wo früher das Patriarchat herrschte, kam der Feminismus ins Rollen und schuf – sich teilweise radikalisierend – seine eigenen Dämonen. Bevor ich hier zu sehr abschweife: ich bleibe als klassischer, weißer, mittelalter Cisgender-Mann nicht selten vollkommen verwirrt zurück. Denn ich sehe mich einerseits in der Pflicht, meine diesbezüglichen Ideen und Überzeugungen immer wieder auf den Prüfstand zu bringen.

Andererseits bin ich jedoch auch Pragmatiker und frage mich manchmal, ob es nicht doch ein Zuviel an Selbstreflexion geben kann? Nämlich dann, wenn ich mich selbst in meinen Gedankenspielen lähme und nur noch (nach)denke, anstatt zu agieren. Denn letzten Endes ist ein Lebensentwurf etwas höchst individuelles. Und wenn zwei solche individuellen Pläne zusammenpassen, ohne dabei von Traditionen abzuweichen, ist das dann zwangsweise etwas Schlechtes, weil es nicht moderneren Vorstellungen entspricht? Und sind manche dieser “modernen” Vorstellungen nicht doch einfach nur Dogma? Ich weiß es nicht. Muss vermutlich jeder für sich selbst entscheiden. Auf wiedersehen.

New Work N°4 – Creative Chaos?

Von Zeit zu Zeit hocke ich vor dem Monitor und schaue grübelnd auf die weiße Fläche. Es ist in solchen Augenblicken nicht so, dass mir nicht irgendwelcher Mist durch den Kopf schießen würde, der es durchaus wert sein könnte, zu einem Blogpost verwurstet zu werden oder – fast noch besser – zur Reichhaltigkeit meines Hobby N°1 oder meiner Arbeit beitragen zu können. Eher komme ich nicht dazu, die ganzen unraffinierten Ideen zu kuratieren und in eine brauchbare Form zu bringen. Denn Kreativität bedeutet mitnichten, einfach Ideen generieren zu müssen. Vielmehr geht es darum, die vorhandenen Ideen zu sortieren, zu priorisieren und zu analysieren.

Man erwartet heutzutage insbesondere von White-Collar-Workern zwanghaft, dass sie kreativ sein sollen. Weil man dem Credo huldigt, dass irgendwas von dem Neuen, dem bisher nicht Dagewesenen, das dabei entsteht auf jeden Fall einen Benefit generieren wird; zuallererst natürlich für das Unternehmen. Was für eine grausige Vorstellung von Kreativität. Und überhaupt – was ist das denn, dieses “kreativ sein”? Der Definition nach soll es ja darum gehen, Neues zu erschaffen, das originell und/oder nützlich ist. Womit noch nicht darüber gesprochen wurde, für wen oder warum ich dieses Neue überhaupt brauche. Der Gedanke, der dem zugrunde liegt, ist der unbedingte Glaube an die Kraft des Fortschritts. Dinge sind halt einfach besser, weil sie neu und anders sind – oder…?

Glaube ist natürlich der falsche Begriff. Es geht in erster Linie um den Innovationszwang unseres Wirtschaftsmodells “Kapitalismus”. Nur ein Unternehmen, dass dauernd etwas (vermeintlich) Neues auf den Markt wirft, kann erfolgreich sein. Denn “etwas Neues” wird subjektiv gleichgesetzt mit Fortschritt. Was natürlich Käse ist. Denn wenn wir zu allen Zeiten Fortschritt allein an Äußerlichkeiten festgemacht hätten, trügen wir heute einfach nur hübsch gefärbte Felle zu unseren besonders nett geschnitzten Keulen. Und vielleicht hätten wir dekorative Höhlenmalerei auch in Purpur entdeckt… Dass dieser Irrglaube auch die Konsumenten erreicht, lässt sich am Beispiel “Ei-Fon” schön illustrieren. Das Ding kann nichts anderes, als alle anderen Smartphones auch. Weil man die Menschen aber mit einer unfassbaren Marketingmaschinerie dazu dressiert hat, zu glauben, dass ein neues “Ei-Fon” immer wichtiger ein Fortschritt sei, kaufen sie diesen überteuerten, zu grauenhaften Konditionen hergestellten Ökomüll und fühlen sich wie Könige…

Und doch wird es einige Sillicon-Valley-Huren – pardon, ich meinte natürlich Mitarbeiter von dieser Firma “Ei-Fon” – geben, die sich wie Innovatoren fühlen. Denn sie haben ja Ideen beigesteuert, wie man das Produkt noch etwas geschmeidiger machen kann. Ist das Kreativität in Aktion? Nö, Null! Denn sie remixen, während sie glauben, das Rad neu zu erfinden einfach nur das, was andere auch schon gemacht haben; und wenn sie in der Pause am Tischkicker ihre veganen Smoothies schlürfen und der Teamleiter Torben-Eicke-Sebastian ihnen anerkennend auf die Schulter klopft, während er sagt, dass es halt erst nächstes Jahr richtig Asche dafür gibt… Zu viele Klischees? Ganz ehrlich, wenn ich irgendwas über so genannte Start-ups, aber auch über die Branchen-Primusse lese wird immer irgendwelcher Dreck von Team-Spirit und Incentives gefaselt und zwischen den Zeilen steht ganz deutlich ein einziges Wort: “AUSBEUTUNG”.

Bis heute ist nicht wissenschaftlich geklärt, ob Teams tatsächlich kreativer sind, als Einzelpersonen. Sicher ist allerdings, dass man Kreativität zwar mit verschiedenen Techniken fördern, jedoch niemals herbei zwingen kann. Aber für viele Prozesse ist Kreativität im wahren Sinne des Wortes auch gar nicht notwendig. Eine Mischung aus gesundem Menschenverstand, Improvisation und Problemlösungskompetenzen genügt für mindestens 85% aller beruflichen Probleme vollkommen. Und bei den übrigen 15% bin ich mir ziemlich sicher, dass die allermeisten dieser Ratgeber zur Kreativitätsförderung ziemlichen Bullshit labern. Lest John Hattie. Da geht’s zwar um die Effekte pädagogischen Handelns; doch letzten Endes ist Projektmanagement genau das: eine pädagogische Intervention. Kreativität an sich hat übrigens eine Effektgröße, die unter dem (eh schon niedrigen) Durchschnitt liegt. Und wenn wir gerade bei modernen Bürodesigns sind: offene Lernumgebungen haben eine Lerneffektgröße nahe Null!

Was ich daraus lerne? Ich mache meinen Kram am liebsten alleine in meiner ruhigen, gemütlichen Kammer, wo ich alle Ressourcen, Gerätschaften und Gimmicks in Greifweite habe, ohne mich verrenken zu müssen. Einerseits huldige ich dem Credo “If you want the job done well, do it yourself!” Klingt nach altmodischem, kleinkariertem Mikromanager? Tja, dann ist das halt so. Ich weiß nur ziemlich genau, was ich delegieren kann; und worum ich mich doch besser selbst kümmere. Andererseits habe ich heute eine präzise Vorstellung, was ich brauche, um abliefern zu können: nämlich meine Ruhe vor Menschen, die so tun, als wenn man in hippem Baustellencharme aufeinander hocken und dauerplaudern muss, um irgendwas zu erreichen. Die können mir gestohlen bleiben. Teamfähig bedeutet, die eigenen Ergebnisse überdenken zu können, wenn jemand daran berechtigte Kritik übt. Es bedeutet nicht, alles in Gruppen totdiskutieren zu müssen.

Im privaten Bereich fällt es mir sowieso viel leichter, kreativ zu sein. Denn wenn ich nicht durch die Notwendigkeiten beruflicher Vorgaben eingeengt bin, können meine Fantasie und mein Gestaltungswille sich in ungeahnter Weise austoben. Und für all jene, die jetzt “Work-Life-Balance!” schreien: was dabei zu Tage tritt, taugt sowieso nicht sehr oft für eine berufliche Zweitverwurstung. Und wenn doch – um so besser. Gute Nacht.

Ja sind wir im Wald hier…?

Echt bemerkenswert, wie schnell sich der Geist klärt, wenn man anfängt zu gehen. Ich bin ja weder sportlich (nicht mal nahe dran) noch spüre ich diesen Bewegungsdrang, den ich an manch anderem Zeitgenossen mit gewisser Irritation wahrnehmen muss. Ich bin einfach nur so’n Typ mit Vitamin-D-Mangel; oder anders gesagt: wenn es schon sonnig ist, muss man auch mal raus. Während ich so ging, schossen eine Menge Gedanken durch meinen Kopf. Viele sind schon wieder verschwunden und irgendwie bereue ich es fast, nicht doch die Diktierfunktion meines Smartphones benutzt zu haben. Andererseits sagt mir meine Erfahrung, dass jene Gedanken, die’s wert sind, weitergedacht zu werden, irgendwann ganz von selbst wieder auftauchen.

Überhaupt betrachte ich es als Privileg, mal ziellos denken zu dürfen. Mir kommt in letzter Zeit viel zu oft die Arbeit in den Kopf, selbst, wenn dazu gar keine Veranlassung bestünde. Und es ist schwer, morgens um 04:45 die Mitarbeiter des Gedankenzirkus wieder aus der Manege zu nötigen. Manchmal hilft es mir, wenn ich mir Gespräche mit Personen vorstelle, die ich gerne mal führen würde – oder die ich gerne anders geführt hätte. Das ist schon ein bisschen wie Selbstgespräche führen; diese Tätigkeit ist übrigens aus meiner Sicht zu Unrecht übel beleumundet. Man ist nicht beknackt, wenn man (laut) mit sich selbst spricht. Ich betrachte sowas eher als Rhetorik-Training.

Für mich ist dieses Durchspielen fiktiver Gespräche genauso wertvoll, wie jedes Szenario-Training, denn ich bin auch in Gedanken dazu gezwungen, potentielle Reaktionen meines Gegenübers antizipieren und in meiner rhetorischen Strategie berücksichtigen zu können. Und manchmal kann ich meiner Geschichtenerzähler-Ader freien Lauf lassen, um wilde, verrückte Fantasien zu durchleben, die mich gelegentlich stark inspirieren. Die Grenze zwischen Selbstgespräch und Tagtraum ist nach meiner Erfahrung nämlich höchst schmal und fließend. Was zur Folge hat, dass andere Menschen auf Waldspaziergang eventuell doch auf die Idee kommen könnten, ich hätte vielleicht eine schizo-affektive Störung…

Wir Homo Sapiens Sapiens sind – durch unsere Fähigkeit zur reflexiven Rollenübernahme – zumindest ein wenig davon abhängig, von Anderen als positiv bewertet zu werden. OK, wenn man sich Instagram und Facebook so anschaut, ist das bei manchen wohl mehr als nur ein wenig der Fall , aber das tut hier nichts zur Sache. Ich gehe zumeist extra tief in den Waldpark, wo an einem sonnigen Samstagmittag Ende Oktober eher wenige Menschen unterwegs sind; aber auch da ist man nicht alleine mit sich selbst. Sei’s drum.

Ich hatte genug Zeit, um mir über Folgendes klar zu werden: die Menschen, mit denen ich solche fiktiven Gespräche führe, sind keine Promis sondern zumeist – wie Studs Terkel wohl gesagt hätte – “mundane people from all walks of life”. Die Bekannten, die Narzissten, die spotlight-hurenden Influencer (schreibt sich nicht umsonst beinahe wie eine Krankheit) und anderes Geschmeiß können mir gerne gestohlen bleiben. Und natürlich ist gelegentlich auch mal eine vollkommen fiktive Person dabei. Schließlich bin ich, neben manchem Anderen, auch Autor und Rollenspieler. Jedenfalls tut es gut, auf diese Weise einerseits Selbstbeschau zu betreiben und andererseits jene Teile der eigenen Persönlichkeit zum Lüften nach draußen zu holen, denen wir sonst lieber aus dem Weg gehen wollen.

Ja, für mich ist das ganze ein Stück Psychohygiene, auch wenn das für Außenstehende dann und wann vielleicht genau anders herum wirken kann. Das ist übrigens nicht erst seit Corona – oder gar dem zweiten Teil-Lockdown – so. Vielmehr pflege ich diese Schrulle seit Jahrzehnten und bislang hat sie mir gute Dienste geleistet. Vielleicht probiert ihr das ja auch mal. Insbesondere die zweite Funktion, die ich heute allerdings nicht mehr diskutieren möchte – nämlich tatsächlich stattgefunden Gespräche zu analysieren, um zum Beispiel herausfinden zu können, wo man falsch abgebogen ist – ist für Einsteiger gut geeignet. In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes Rest-Wochenende.

Zufriedenheit N°2 – extrinsisch oder intrinsisch?

Ich traue mich ja kaum, das öffentlich zu sagen, aber irgendwie fühle ich mich durch den neuerlichen Teil-Shutdown kaum beeinflusst. Ich nehme es zur Kenntnis. Meine besseren 75% sorgen sich bereits wegen der Implikationen betreffs des Endes der Herbstferien in wenigen Tagen. Ich kann dazu nur sagen: ich habe keine Ferien. Der fette Hamster trabt im Moment immer weiter munter in seinem Laufrad und betet jeden Abend, dass er nicht sowas wie Husten oder Schnupfen bekommt, denn dann ist der Ofen aus. Und nicht nur für ihn. Aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Post…

Ne, ne, die Verschärfung der Maßnahmen war zu erwarten, fällt aus meiner Sicht fast noch zu moderat aus und betrifft – aus gutem Grund, denn wir sind tatsächlich systemrelevant – meine Institution bislang in keinster Weise. Läuft also bei mir. Was allerdings immer noch nicht so recht laufen will, ist das gute Gefühl, dass all die Erfolge im Moment eigentlich in mir erzeugen sollten. Das bleibt immer noch aus. Und das liegt nicht etwas daran, dass ich nicht eine tolle Klasse, Spaß an der Arbeit, gutes Equipment und Freiraum für meine Ideen hätte; sondern vielmehr an meiner verfi****n Gehirnchemie. Aber – Schwamm drüber.

Denn wahrhaft unzufrieden, unglücklich oder gar depressiv bin ich im Moment wirklich nicht. Es ist eher so eine Form von gespannter Erwartung, was wohl als nächstes schief oder gar vollkommen in die Binsen geht. Denn irgendwie rechne ich stets damit. Ich meine – kleine Katastrophen passieren und garnieren dabei unseren Alltag auf die eine oder andere Weise. Ein vollkommen reibungsloses, quasi gestreamlinetes Leben wäre ja irgendwie auch erschreckend langweilig. Stellt euch mal Supermarktregale vor, in denen es keine Auswahl gibt. Ist schon so, dass wir heute eher ein Übermaß an Angebot haben; aber nur noch eine einzige Sorte wählen zu können wäre schon etwas einschränkend, oder?

Ich stecke also mal wieder mittendrin (in meinem Job), ohne emotional wirklich immer dabei zu sein und funktioniere dennoch richtig gut, beinahe erschreckend effektiv. Effizient bin ich allerdings nicht, denn ich wende mal wieder zu viel Energie auf, um das erwartete Ergebnis abliefern zu können. Ich bin also im Moment vollkommen extrinsisch orientiert, denn mein derzeit gesetzter Gradmesser ist die Zielerfüllung für Andere. Meine eigenen Bedürfnisse jedoch habe ich im Moment einmal mehr hintan gestellt. Das ist nicht mal bewusst geschehen, sondern weil meine – über Jahrzehnte gewachsenen – sozialen und beruflichen Reflexe mich einmal mehr in alte Bahnen gezwungen haben. Und wenn ich nur diesen Teil meiner Existenz betrachtete, wär’s OK!

Doch ich bin nicht nur Lehrer und Schulleiter. Ich bin auch einfach nur ein Mensch. Und wenn ich es recht bedenke: irgendwie trauere ich immer noch meinem Sommerurlaub nach, der einfach nicht annähernd so befriedigend war wie sonst. Ich bin anscheinend in den letzten Jahren zu einer Hure der toskanischen Sonne geworden. Und kann darob absolut kein Schuldgefühl entwickeln. Stattdessen sorge ich mich darum, dass es meiner ersten NotSan-Klasse gut geht. Ob die wohl irgendwann verstehen, wie viel Kraft dieser Start gekostet hat; und wie mau der Return of Investment für mich bisher ausfällt. Ich werde es denen bestimmt nicht auf’s Brot schmieren, denn die haben andere Sorgen. Aber eines kann ich sagen: meine persönliche Zufriedenheit – also, speziell der intrinsische Teil – war schon mal besser aufgestellt.

Was bliebe also zu tun? Ganz ehrlich: ich weiß es nicht! Ich ahne jedoch, dass ich meiner intrinsischen Zufriedenheit – also jenen Teil meines Selbst, der mir eigentlich meine Kraft verschafft und mich als Mensch am Laufen halten sollte – wieder viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen sollte! Das ist aber leichter gesagt, als getan. Und mit der Feststellung stehe ich ganz gewiss nicht alleine da. Aber, so wie mein Herz mit mir spricht, braucht es das jetzt und es wird kein Weg dran vorbei führen. Ich bin gespannt, wie, bzw. ob ich das alles unter einen Hut bekomme. ihr werdet es vielleicht mitbekommen. Einstweilen alles Gute. Wir hören uns…

Zufriedenheit – gibt’s die überhaupt (tatsächlich N°1)?

Sprache ist ein Instrument, dessen Klaviatur wahrhaft beherrschen zu lernen vor allem der Übung bedarf. Eine der – für mich selbst – befriedigendsten Erfahrungen ist, mit Sprache zu arbeiten, sie zu formen, ihr neue Klänge zu entlocken und sie zu nutzen, um meine Ideen, Ideale, Irrtümer und Irrwitze transportieren zu können. Andernfalls wären diese ja wertlos, weil niemals von jemand anders wahrgenommen. Der Mensch realisiert sich zumeist im Sozialen. Es gibt zwar auch diese Eremiten-Typen, die sich selbst genug sind; und ich werde nicht leugnen, dass ich ab und an auch solche Anwandlungen habe, von meiner Umwelt, wenn irgend möglich, mehr Distanz einzufordern. Aber in Summe brauche ich, so wie jeder andere auch, meine Bindungen.

Einen Ort bestimmen zu können, braucht immer ein Koordinatensystem. So, wie das GPS mich auf Reisen von A nach B lotst – und mir unterwegs manchmal auch den sehenswerten Ort B’ zeigt – so braucht auch unsere Seele ein GPS, um nicht im Orkus der Wortlosigkeit, im Nirvana der Sinnleere oder dem Fegefeuer der Sehnsucht verloren zu gehen. Und dieses MPS (Mind Positioning System) besteht üblicherweise aus dem Netzwerk unserer Beziehungen. Selbst die vorgenannten Eremiten haben wohl welche. Nur wahrscheinlich viel weniger davon, als wir Stadtmenschen. Vielleicht erleben sie dafür Begegnungen, denen wir kaum Bedeutung beimessen würden, weil diese eher beiläufig passieren, wesentlich intensiver. Ob sie dabei auch solche Zufriedenheit erfahren, wie z. B. ich selbst beim Geschichtenerzählen, muss hier Anlass zur Spekulation bleiben.

Ich schrieb vor ein paar Tagen von Zufriedenheit als Prozess. Und es ist vielleicht angebracht, hier klarzustellen was ich meinte: Es gibt eine Triebfeder der Motivation, die uns dazu bringt, nur selten ruhig sitzen zu bleiben, weil da so ein unbestimmtes Gefühl in uns ist; uns fehlt immerzu irgendetwas. Manche bleiben dann einfach unzufrieden und nehmen es passiv duldend zu Kenntnis, dass es einer gewissen Anstrengung bedürfte, um diese Unzufriedenheit ausgleichen zu können – passiv duldend, weil sie nicht bereit, oder nicht fähig sind, diesen Extrakilometer zu gehen. Andere jedoch fangen auf Grund dieses subjektiven Mangels an, zu streben: nach mehr Liebe, mehr Anerkennung, mehr Geld, mehr Macht, mehr wasauchimmer… Dieses Streben setzt Energien frei, die einen früher oder später zumindest zu Etappensiegen befähigen; ein Mangel wird dabei ausgeglichen.

Aber… Moment mal… das da drüben sieht doch noch viel besser aus, als das, was ich eben errungen habe. Die sprichwörtlichen Kirschen in Nachbars Garten scheinen uns immer zum Greifen nah. Doch haben wir sie gepflückt, lockt schon der nächste Garten, mit noch vielversprechenderen Früchten als jener, in dem wir gerade stehen. Und so mutiert die eben erreichte Zufriedenheit immer wieder zu einer höheren Stufe von Unzufriedenheit. Und denen, die meine Beschreibung dieses Strebens jetzt als Sinnbild für das Anhäufen von materialistischen Quatsch abtun, was ihnen ja nicht passieren kann, weil sie ja alle so aufgeklärt sind, sei folgendes gesagt: diese Streben kann auf alles Mögliche gerichtet sein: körperliche Fitness ebenso wie akademische/berufliche Meriten oder Anerkennung für soziales Engagement. Dinge, nach denen man streben kann, gibt’s wie Sand am Meer. Und viele Kategorien kennen qualitative Steigerungen. Man denke an Sport; oder Autos…

Das bis hierhin Gesagte klingt vielleicht ein wenig resigniert, weil man es so interpretieren könnte, dass alles Streben nie zu wahrer Zufriedenheit führen kann und deshalb nutz- und wertlos ist.. Oder arrogant, weil man ja auch meinen könnte, ich würde diesen Marathon der Unzufriedenheit sardonisch lächelnd aus der Zen-Meister-Position beobachten. Aber vielleicht ist das alles auch nur eine ironische Volte, ohne Ziel und Sinn, um über euch lachen zu können, weil ihr den Gag nicht kapiert? Nun, zumindest eines kann ich versichern: als ich das letzte Mal nach irgendeinem Blödsinn, den meine Kinder getrieben hatten meinen Puls gemessen habe, war da gar nichts Zen-Meister-entspanntes dran… GAR NIX! Ich glaube halt, dass man sich damit schon arrangieren kann. Aber das dazu notwendige Reframing kostet Zeit und Kraft. Denn ich muss erst dahinter steigen, was mich selbst motiviert – und wie ich meine Erfolge festhalten kann. Das ist allerdings ein schmerzhafter Prozess.

Ich lerne gerne. Das ist so eine Eigenschaft, die ich irgendwann an mir bemerkt habe. Ich mag nicht blöd sterben. Ich will mich lieber meines Intellektes bedienen. So ganz Kant-Like Aufklärung erfahren (ne, nicht mehr DARÜBER, da weiß ich schon halbwegs Bescheid, danke der Nachfrage…). Früher dachte ich immer, dass es mir um meinen Wert auf dem Arbeitsmarkt geht. Das ist nämlich so eine beliebte Begründung, sich noch mal in die Knochenmühle des Hochschulstudiums zu werfen. Mittlerweile denke ich jedoch, dass es bei mir eher daran liegt, dass ich verdammt noch mal verstehen will, wie manche Dinge funktionieren. Und weil ich mit Maschinen nicht so super kann, wie ich als Jugendlicher mal dachte, versuche ich das halt mit Menschen und ihrem Bemühen zu lernen. Eigentlich ist das sogar eine Metareflexive Position, denn ich lerne über das Lernen um des Lehrens Willen – und erfahre dabei viel über mich selbst. Und ob ihr das nun glaubt oder nicht – das macht mich zufrieden.

Auch diese Zufriedenheit hält nicht ewig (ich verweise auf meine Dämonen) . Und manchmal muss ich erst von jemand anders daran erinnert werden, wie verdammt zufrieden ich eigentlich sein dürfte. Was mich allerdings zu dem Dilemma bringt, in der nächsten Meditation über das Thema bedenken zu müssen, ob Zufriedenheit extern erzeugt werden kann, oder doch nur in mir drin erwächst. Bis dahin wünsche ich euch einen schönen Abend.

Meinungshoheit?

Es gibt da einen Begriff in den Geistes- und Sozialwissenschaften, der immer mal wieder an das öffentliche Bewusstsein dringt: “Deutungshoheit”. Diese zu besitzen bedeutet, dass der Inhaber sich sicher ist, über ein derzeit unhintergehbares und damit vorläufig sicheres Wissen über einen Sachverhalt zu verfügen. Diese, dem Falsifikationismus verpflichtete erkenntnistheoretische Position wird im öffentlichen Diskurs allerdings ganz oft mit der dogmatischen Position verwechselt, über eine unumstößliche Wahrheit zu verfügen, die alle anderen Mitdiskutierenden verdammt noch mal anerkennen müssen…

Wenn also Menschen im öffentlichen Diskurs Deutungshoheit für sich beanspruchen, ist der tatsächliche Wahrheitsgehalt Ihrer Aussagen üblicherweise umgekehrt proportional zur Lautstärke und Überzeugtheit, mit welcher diese vorgetragen werden. Kommt dann, wie z. B. bei Donald Trump noch eine ordentliche Portion Dunning-Kruger-Effekt hinzu, ist der “Dogmatidiot” (die gesellschaftspolitische Oberkategorie des Covidioten) perfekt. Denn Meinungshoheit für sich zu reklamieren bedeutet eben nicht – nicht mal im Ansatz – Deutungshoheit zu besitzen. Meist ist eher das Gegenteil der Fall.

Eigentlich sind diese Zusammenhänge so einfach zu erkennen, dass ich mir nicht die Mühe machen müssen dürfte, sie noch mal zu erklären. Und doch… doch gibt es immer noch genug Menschoide, die Wissen und Glauben verwechseln. Da gibt’s zum Beispiel diesen evangelischen (eigentlich evangelikalen) Pastor in Bremen, der gegen Homosexuelle und die Ehe für alle hetzt, weil er sich durch seinen Glauben im Recht dazu sieht. Mit Verlaub: was für ein ekelhafter Kognitionsamateur teilt da nominell meinen Glauben? Ich bin auch protestantisch getauft und selbst, wenn ich mein Bekenntnis nicht durch regelmäßigen Kirchgang praktiziere und zur Institution Kirche ein eher ambivalentes Verhältnis pflege, kann und will ich den Ansatz der Bremer Landeskirche, einen Dialog mit solchen Renegaten pflegen zu wollen nicht verstehen. Und auch nicht tolerieren.

Ich will, dass man dieses unwürdige Geschöpf seiner Weihen beraubt und ihn in Schimpf und Schande fortjagt; und zwar dahin, wo er hingehört: in jene Ecke der Geächteten, wo sich Nazis, Chauvinisten und anderes Gelichter tummeln, dass in unserer Gesellschaft keine Stimme mehr haben darf – weil alles, was diese Stimme verbreitet, Hass, Zwietracht und Stigma ist! Wann verstehen wir endlich, dass man diesen Leuten die Stirn überall bieten muss – auch und gerade im Glauben. Denn die Evangelikalen sind ein Hort der Neurechten im Schoss von Mutter Kirche. Doch seit Jahr und Tag hält man dort die andere Wange hin, während diese Möchtegern-Christen immer wieder mit Wucht guten, liebenden Christenmenschen in die Fresse schlagen. Was für ein Mist!

Es mag in der Natur des christlichen Glaubens liegen, Nächstenliebe auch zu den Feinden bringen zu wollen. Doch in diesem Fall ist das eine Verschwendung humaner Ressourcen, die mich irritiert zurücklässt. Wie lange möchte man solche Umtriebe noch hinnehmen? Insbesondere in politisch bewegten Zeiten wie diesen? In dem Wissen um die Nähe der Evangelikalen zum Rechtsextremismus? Müssen erst irgendwelche Prediger offen zur Wahl von Demokratiefeinden aufrufen, bevor man sich hierzulande zu erkennen wagt, welche Gefahr sich da in manchem Gottesdienst zusammenbraut?

Ganz ehrlich – was ich glaube und warum, geht nur mich etwas an. Ein wenig Spiritualität braucht vermutlich jeder Mensch in seinem Leben. Aber dieses braune Sauce infiziert Menschen auf der Suche nach ebendieser Spiritualität mit vermeintlich gottgerechtem Hass auf alles, was die nicht verstehen (wollen)! Und solchem Treiben muss man einen Riegel vorschieben. Und wenn man dafür auch mal einen angeblich evangelischen Pastor von der Kanzel runter verhaften muss, dann ist das halt so! Fangt endlich damit an. Schöne Woche noch.

Zufriedenheit… wie geht das (wahrscheinlich N°0)?

Ich bin ( man darf einen Post im eigenen Blog, glaub ich, ich ruhig mal so egoistisch beginnen) objektiv betrachtet ein Lucky Guy: Tolle Frau, großartige Kinder, liebe Freunde, einen Job den ich gerne mache, keine existenziellen Sorgen – es gibt da draußen unheimlich viele Menschen, denen es bedeutend schlechter geht. Schaue ich gerade auf dieses Wochenende, war es bislang großartig. Ich konnte meinem Hobby N°1 frönen, wurde heute lecker bekocht und durfte im Garten Vitamin D tanken. Kein Stress, keine….

Tja. Und da waren sie wieder, meine entsetzlichen alten Freunde. Die Dämonen, die mich manchmal nachts um zwei aufwachen lassen, mein Inneres die hell erleuchtete Manege eines Gedanken-Zirkus, erfüllt von dieser Musik, welche die nächste Frage-Nummer ankündigt: Was, wenn ich nicht rechtzeitig liefere? Was, wenn ich nicht gut genug liefere? Was, wenn dies, das oder jenes nicht glatt läuft, ich nicht glänze, ich nicht gewinne, ich nicht….ach scheißegal was? Irgendwas wird schon schief gehen und ich werde wieder sagen – hab ich’s doch gewusst: bin doch zu nix nutze.

Das Innen und das Außen sind bei mir zwei unversöhnliche Kontrahenten. Ich weiß – rational betrachtet – was ich kann, was ich will und sogar ungefähr, wie ich dahin komme. Doch unser Leben besteht mitnichten nur aus Ratio. Und so ist das hier keine literarische Selbst-Sabotage oder gar Mitleidheischendes Männchen-Machen, sondern die schlichte Erkenntnis, das Zufriedenheit für jeden Menschen, egal ob Hedonist oder Asket immer nur ein Prozess ist und das Depressive es einfach nur noch ein kleines bisschen schwerer haben, als alle anderen, weil ihnen manchmal auch noch der Antrieb fehlt, das Gute, welches sie sich erarbeitet haben einfach auf der Bank des Lebens abzuheben; während das Schicksal schon wieder kalt lächelnd einen Wechsel zulasten meines Kontos einlöst.

Bitte, bitte… es ist eine alte Leier. Es macht keinen Spaß, das zugeben zu müssen, aber vermutlich werden mich solche Episoden für den Rest meines Daseins begleiten. Und wenn ich das hier so freimütig äußere, dann geht es mir weniger darum, was mit mir ist – ich kam klar, komme klar und werde auch fürderhin klarkommen, denn ich habe Kraftquellen. Aber, was ist mit denen, die nicht solche Kraftquellen haben, wie ich (siehe Absatz 1)? Wer fängt sie auf, trägt sie ein Stück des Weges, bis die eigenen Füße wieder wollen, sagt ihnen, dass sie genauso wertvoll und wichtig sind, wie jedes andere Individuum. Selbst Donald Trump erfüllt ja einen Zweck: als abschreckendes Beispiel und Figur, die zu hassen man einfach ohne Reue lieben kann. Aber ich wiederhole es noch mal: wer hilft denen, die sich jetzt nicht selbst helfen können?

Meine Einsatzerfahrung aus 26 Jahren Rettungsdienst und Rettungsleitstelle sagt mir nämlich, dass es da draußen eine Menge Menschen gibt, die genau jetzt genau die gleichen Probleme haben, im Gegensatz zu mir aber a) vielleicht kein Blog pflegen, b) sich nicht trauen, ihr Inneres nach Außen zu kehren, c) den Sinn nicht erkennen, sich zu öffnen, oder d) ihren eigenen Wert vergessen haben. Schaut bitte nach solchen Leuten und helft ihnen. Denn es entspricht wiederum meiner Erfahrung, dass solche Menschen gerade auf Grund ihrer über-agilen Empfindsamkeit wertvoll für die Gesellschaft sind. Und damit für uns alle. Sie sehen die Welt nur öfter wesentlich klarer als das was sie ist: streckenweise Scheiße…

Ich weiß nicht, wie oft ich schon mit Kollegen über die Frage diskutiert habe, was eine psychische Erkrankung bedeutet. Nicht wenige von Ihnen haben erst verstanden, was da wirklich passiert, als sie selbst damit konfrontiert waren. Psychisch krank bedeutet für viel zu viele Menschen da draußen nämlich immer noch: “behämmert”, “dumm”, “ne Pussy”, “lebensunfähig”, “Hypochonder”, “schwach”, etc. Keinen Dank dafür, denn nix davon trifft tatsächlich zu. Wen’s interessiert: unter dem ICD10-Schlüssel F32.1 findet man eine recht nüchterne Beschreibung. Ich will einfach nur, dass ihr eure Lauscher und Glotzen aufsperrt um auch mal andere Menschen WIRKLICH wahrzunehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und selbst, wenn ihr keinem depressiven Menschen helfen könnt – mit offenen Sinnen durch die Welt zu gehen, ist eine echt abgefahrene Sache. Probierts doch einfach mal. Schönen Sonntagnachmittag noch…