Fresh from Absurdistan N°24 – Der kleine Sozial-Autist

Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, versuche ich es mit etwas Chillen. Man unterstellt den etwas gewichtigeren Menschen – und zu dieser Subkategorie unserer Spezies zähle ich – ganz gerne, dass sie einfach zu faul seien. Und darum habe ich neulich mal nachgerechnet. Ich komme, wenn man meine 100%-Stelle und das Studium zusammennimmt im Mittel auf 55-60 Stunden/Woche. Was daran jetzt faul sein soll, weiß ich beim besten Willen nicht; zumal man ja auch noch etwas Zeit für die Pflege seiner sozialen Kontakte braucht.

Keine Frage: ich könnte etwas weniger essen und noch mehr laufen und vor allem Fahrrad fahren, als ich das im Moment tue. Der Ratschlag ist angekommen. Wobei ich tendenziell mit Ratschlägen immer ein Problem habe. Ich gebe manchmal selbst welche – wenn ich danach gefragt werde. Ansonsten ist es mir lieber, die Leute von selbst auf die richtigen Fragen kommen zu lassen. Denn die eventuell passenden Antworten sind in aller Regel so individuell, dass ICH sie höchstens für mich selbst geben kann. Und auch dann sind sie oft genug einfach falsch…

Doch zurück zum eingangs erwähnten Chillen. Faulheit hat für mich einen Selbstzweck. Nämlich, sich bewusst und absichtsvoll den Zwecken Anderer zu entziehen. Viel zu oft rennen wir heute den Idealen und Ideen nach, die eben Andere uns vorgeben. Wenn man auf der Suche nach etwas Sinn für sein Leben ist, stolpert man leider recht schnell über Menschoiden, die einem erzählen wollen, was gut für einen ist. One-Size-Fits-All ist und bleibt jedoch Bullshit! Ich werde es immer wieder sagen; solange, bis die Menschoiden um mich herum es endlich zu verstehen beginnen.

Wenn ich also von Chillen rede, bedeutet das mitnichten, dass ich den ganzen Tag in der Hängematte liege und nichts tue. Zum einen kann der Mensch genauso wenig nicht denken, wie er nicht kommunizieren kann (siehe Watzlawick); jeder, der schon mal von seinem Gedanken-Zirkus um 03:25 in der Früh mit Macht am Wieder-Einschlafen gehindert wurde, weiß genau, wovon ich gerade rede. Zum anderen sprach ich ja auch von Sinn. Der kann sich zwar auch mal in einem verluderten Nachmittag der Prokrastination finden lassen. Häufiger jedoch tue ich dann etwas , einfach, weil ICH das tun will und es mir im Gegenzug gut tut. Schreiben zum Beispiel.

Allzu häufig finde ich mich dann aber dabei wieder, etwas zu erledigen, dass auch mit meiner Arbeit (also dem Vorbereiten, Nachbereiten, Planen, Unterrichten) oder meinem Studium zu tun hat. Ich hielt mich bislang nie für einen Workaholic – und dennoch bereiten mir solche Tätigkeiten häufig Freude. Oder ich erledige diese jetzt, damit ich später entspannter prokrastinieren kann. Na ja, es könnte schlimmer kommen… Nun ist es so, dass der Corona-Lockdown mich etwas mehr auf mich selbst und mein kleines Reich (also mein echtes Home-Office) zurückgeworfen hat, als dies üblicherweise der Fall ist. Ich habe hier viel Zeit zugebracht und dabei etwas herausgefunden, dass mir eine Zeit lang gar nicht bewusst war: ich könnte das noch viel länger! Und mein Arbeitgeber müsste keine Angst haben, dass die Arbeit nicht erledigt wird. Denn irgendwie gehen meine ganzen kreativen Tätigkeiten Hand in Hand. Denn man kann nicht nur nicht denken und nicht kommunizieren – ich kann auch nicht wirklich gut faul auf meinem Allerwertesten sitzen. Sitzen schon – aber bitte nicht faul!

Ich habe mich mehr als einmal über diese Work-Life-Balance-Gurus lustig gemacht. Und ich stehe noch immer auf dem Standpunkt, dass die allermeisten von denen weg können, weil das, was sie betreiben keine Kunst ist, sondern allenfalls gesunden Menschenverstand und etwas Selbstreflexion braucht. Nun ist klar, dass manche Leute weder über das eine, noch das andere verfügen – die sind aber zumeist auch nicht in der Position, Home-Office arbeiten zu dürfen, bzw. zu müssen, weil das doch eher Jobs mit gewissen kognitiven Anforderungen vorbehalten ist. Klingt das arrogant? Vielleicht, aber das ist mir gerade egal. ICH komme gut klar und meine Balance hat sich wieder ausgepegelt.

Paradoxerweise sind jene, die viel mit Menschen arbeiten oft auch jene, die lernen müssen, dass Menschen insgesamt gar nicht so toll sind und es sich deswegen rausnehmen, abseits des Jobs bezüglich ihrer Sozialkontakte sehr eklektisch zu sein. Gilt auch für mich. Und manchmal wäre ich auch während der Arbeit gerne eklektisch. Weshalb ich sehen werde, ob ich das mit dem Home-Office beibehalten kann. Es tut mir und meiner Leistung nämlich gut. Und der Weg vom Prokrastinieren zur Arbeit und zurück ist auch kürzer. Spart Zeit, Nerven und Geld. In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, stressfreies und von den Ansprüchen Anderer unberührtes Wochenende!

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The new normal bullshit mountain…

Gewöhnung ist eingetreten. Gewöhnung an physical distancing, an Schließungsmaßnahmen, Maskenpflicht, Versammlungsbeschränkungen, etc. Allerdings lässt dieser Gewöhnungs-Effekt stark nach, weil die Leute wieder Normalität haben wollen. Ich meine neulich schon mal gesagt zu haben, dass die alte Normalität scheiße war und dass die Neue nicht danach aussieht, wesentlich besser zu werden – oder, präziser gesprochen: in wesentlichen Belangen besser zu werden. Nichtsdestotrotz gehen die Leute auf die Straße, weil sie mit den Maßnahmen nun nicht mehr einverstanden sind. Und demonstrieren dabei nicht nur für ihre Rechte, sondern auch, dass sie weder den Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation, noch die Bedeutung von Solidarität verstanden haben. Wie ausgesprochen traurig.

Selbst das “Handelsblatt” – seiner Funktion nach nicht gerade ein Hort des Gemahnens der sozialen Ungleichheit liefert dieser Tage einen ungewöhnlich ausgewogenen Teil-Artikel darüber ab, dass vor allem Kinder durch die Corona-Maßnahmen benachteiligt würden; um im Nachgang dann doch noch die, vom Ifo-Institut einfach mal ohne nennenswerte wissenschaftliche Solidität in den Raum geworfenen 5,4 Billionen sozialer Kosten durch das Absinken des Bildungsniveaus zu verwursten. Na ja… “Wirtschaftswissenschaftler” machen bei Prognosen halt vor allem Voodoo… Dass hier wieder eifrig das Bild des Homo Oeconomicus gepflegt und alles auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit des Individuums verengt wird, stimmt mich ebenfalls traurig.

Doch die anderen Argumente des Artikels sind durchaus bedeutsam: es ist Kindern und Jugendlichen schwer zu erklären, warum sich alles andere schrittweise normalisiert, ihr Leben jedoch nach wie vor erheblich eingeschränkt bleibt – mit dem diffusen Argument, dass ihre generelle Verantwortungslosigkeit keinen Normalbetrieb zulässt. Nun ja, diese können sie dieser Tage vor allem bei den Erwachsenen beobachten, die den Mund-Nasen-Schutz für ein Kinn-Accessoire halten, allenthalben und sehr lautstark ihre unfassbaren Einschränkungen beklagen und beim Abstand-Halten bestenfalls auf eine 5+ kommen. Was jedoch die, implizit unterstellte kindliche Verantwortungslosigkeit angeht: ist es nicht eher so, dass wir “Erwachsenen” – was auch immer dieser Begriff bedeuten mag – unsere eigenen Defizite auf unsere Nachkommen projizieren?

Mein Kerngebiet als Pädagoge liegt zwar definitiv im Bereich der Berufsbildung; doch auch meine dort im Zusammenhang mit dem Lockdown gemachten Erfahrungen bringen mich zu der Auffassung, dass die sozialen Kosten – und damit meine ich explizit nicht vermutete volkswirtschaftliche Ausfälle, sondern die sozial-psychologischen Auswirkungen auf jeden Einzelnen von uns – einen Break-Even haben. Wir müssen hier tatsächlich Art. 1, Abs, 1 GG gegen Art. 2, Abs. 2 abwägen. Was beinhaltet denn die Würde eines Menschen? Folgt man della Mirandola, so liegt die Würde des Menschen gegenüber der Natur darin begründet, dass er sein Wesen selbst erschafft. Man könnte das verstehen als die Fähigkeit zur Schöpfung der eigenen Identität und des eigenen Zweckes aus sich selbst heraus. Ob irgend ein anderes Wesen dazu im Stande ist, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Kant begründet die Würde in der gegebenen Vernunft des Menschen, durch die dieser sich sein eigenes Gesetz geben und damit autonom (von der Natur) werden kann. Nach diesen Überlegungen ist die weitere Vernachlässigung des Schul- und KiTa-Betriebes gegenüber den, rein wirtschaftlich begründeten, anderen Lockerungen ein bewusstes Unterlassen der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen – mit der Konsequenz, dass sie u. U. wichtiger Ressourcen zur Entwicklung ihrer Identität und Reifung ihrer Vernunft beraubt werden. Und das ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde! Was nun einzig bleibt, ist die Frage, ob die Würde unserer kommenden Generationen, zumindest in Teilen für die körperliche Unversehrtheit zugegebenermaßen schwer abgrenzbarer Teile unserer Bevölkerung geopfert werden darf?

Ganz ehrlich – ich weiß es auch nicht! Aber jeder, der aus purem Egoismus, oder aber aus persönlicher Überforderung nach Lockerungen ruft, begibt sich ebenso auf den “new normal bullshit mountain” der Unreflektiertheit, wie jene, die unsere Kinder aus Angst um die Gesundheit der Risikogruppen am liebsten bis zur unbegrenzten Verfügbarkeit eines sicher wirksamen Impfstoffes wegsperren würden. Ich halte das auch nicht mehr lange aus: das Warten auf die Entwicklung der Vernunft bei all den vielen Meinungen. Na ja, vielleicht ist da doch gar nicht so viel schützenswerte Würde (und damit Vernunft) in den Menschen. Zumindest ist sie oft nur sehr schwer auszumachen. Ich gehe jedenfalls morgen wieder unterrichten. In Präsenz. Mit Hygienemaßnahmen. Aber ohne Angst. Und ihr so…?

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Ich rufe in die Weite – du willst doch nur Likes für deine Seite…

Das Netz ist eine Echokammer. Diese Feststellung ist eine Binse, denn alles, was ich – etwa über Antisocial-Media-Kanäle – hineintue, wird zwangsläufig in irgendeiner Form bewertet. Und wenn dies nur durch eklatante Nichtbeachtung geschieht. Man kann nicht nicht kommunizieren. Watzlawick ist anscheinend also auch in den Weiten des Internets gültig. Allerdings ist ja auch genau das der Zweck vieler dieser Äußerungen. Wir heischen nach Aufmerksamkeit, wie ein Kind, dass uns sein neuestes “Kunstwerk” präsentiert; selbst wenn die liebenden Augen der Eltern in die ungelenken Striche und schreienden Farben nur mit großer Mühe eine Blume interpretieren können, werden wir unsere Brut loben, denn positive Bestätigung braucht jeder. Vor allem ein Kind.

Im Netz jedoch ist nur eines gewiss, nämlich das mein Nucleus Accumbens und meine Amygdala im ständigen Wettstreit liegen, wenn ich z.B. Facebook öffne. Wie wird das Echo ausgefallen sein? Lieben sie mich noch? HASSEN SIE MICH JETZT? Und diesen Scheiß tuen sich sehr viele von uns täglich an; während wir gleichzeitig über Suchtkranke die Nase rümpfen. Der zu Grunde liegende Mechanismus ist jedoch der selbe! Ich bin nun bei weitem nicht der Erste, der sich darüber beklagt, nicht der Lauteste und ich werde auch gewiss nicht der Letzte sein. Aber mir geht es auch gar nicht so sehr um den Aspekt der Sucht; sondern vielmehr um den der Identitätsbedrohung.

In der Psychologie kennt man den pathologischen Prozess der Identitätsdiffusion. Man darf sich die individuelle Identität nicht als starres Konstrukt vorstellen. Es ist eher ein ein ständiges Austarieren des Gleichgewichtes zwischen den Anforderungen, welche die verschiedenen Rollen an uns herantragen, die wir im Laufe des Tages spielen müssen: Kind, Elternteil, Freund, Feind, Kollege, Mentor, Auszubildender, Chef, Angestellter, etc. Jede dieser Rollen beinhaltet ein spezielles Portfolio akzeptablen (und inakzeptablen) Verhaltens, welches wir durch Erfahrung erlernen. Aus den Erfahrungen formieren sich mentale Landkarten, die uns helfen, durch die Anforderungen zu navigieren.

Als Produkt dieser vielen externen Anforderungen und unserer internen Bedürfnisse entsteht unsere Identität als Prozess. Sie verändert sich mit unseren Erfahrungen und unserem Umfeld immer wieder. Allerdings geschieht diese Veränderung nicht nur schleichend. Dann und wann geraten Menschen in Krisen – etwa durch Verlusterfahrungen (Partner, Job, etc.), Krankheit, das Älterwerden als solches (Midlife-Crisis); oder, weil die Persönlichkeit noch nicht ausgereift ist (Jugend- und Adoleszenzalter). In solchen Krisensituationen sind wir, weil auf der Suche nach (neuer) Orientierung, besonders empfänglich für externe Trigger. Und dann kommt Antisocial-Media daher…

Natürlich suchen Menschen in kritischen Situationen – selbst, wenn ihnen dies gar nicht bewusst wird – besonders verzweifelt nach Bestätigung. Krisen entwerten oft das, was wir als Gewissheiten wähnten, zerschmettern unseren Lebensentwürfe und zwingen uns, wirklich ALLES auf den Prüfstand zu bringen. Das ist purer Stress, Cortisol im Überfluss, das uns krank macht und wir wollen das nicht. Niemand will das! In solchen Stress-Situationen suchen Menschen oft nach externen Befriedigungen. Manche gehen shoppen, andere springen, nur mit einem Gummiseil am Fuss, von ‘ner Brücke (manche auch ohne Gummiseil…) – und viele nutzen die Echokammer der eigenen (Anti)Social-Media-Blase, um besser drauf zu kommen.

Man könnte jetzt sagen: Das ist doch nicht verwerflich! Ist es grundsätzlich auch nicht. Da diese Menschen aber psychisch vulnerabel sind, werden sie empfänglich für die Dogmen, mit denen nicht wenige Verschwörungs-Bummsköppe heutzutage um sich werfen. Oder sie rutschen in die Social-Media-Sucht. Das Tückische dabei ist, dass man auch ein hohes Maß an Konsum noch sehr leicht begründen kann. Doch die Grenze ist fließend und die Gefahren mannigfaltig. Mir geht es nicht darum Social-Media-Nutzung zu verteufeln. Da müsste ich mich ja selbst exorzieren… Aber einmal mehr – gerade im Zusammenhang mit dem, nun langsam ausschleichenden Cornona-Lockdown und dem daraus resultierenden Online-Hype – will ich dazu aufrufen, bewusster mit diesen Medien umzugehen und gerade jetzt, wenn das vielen auch paradox klingen mag, mal Digital Detox zu versuchen. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.

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Fresh from Absurdistan N°23 – Old Blues…

Es ist wieder mal Melancholie-Zeit. Morgen müssen wir schon wieder nach Hause fahren. Wenigstens schmeißt uns das Wetter hier gerade raus. Was nicht etwa bedeuten soll, dass man nicht auch bei lausig kaltem Regen was unternehmen könnte. Heute haben wir uns zum Beispiel mit den Kindern einen Wildpark angeschaut. Hübsche Viecher können einen wahnsinnig erden. Sie machen einem nämlich klar, dass man manchmal seine ganze Existenz auf die grundlegenden Funktionen zurückführen muss: Futter suchen, essen, trinken, schlafen – und das andere mit der Reproduktion… na, ihr wisst schon!

Immer von Entschleunigung zu reden ist jedoch ziemlich beknackt. Übrigens genau so, wie im Zusammenhang mit so Schlümpfen wie Hildmann und Naidoo von Verschwörungs-“Theoretikern” zu reden. Hasnain Kazim merkte neulich an, dass man sie bestenfalls Verschwörungs-Fuzzis nennen könnte, denn Theoriebildung hat was mit Wissenschaft zu tun; und was diese Honks betreiben, ist in etwa so wissenschaftlich, wie sich mit Kuhmist beschmiert beim Sonnentanz im Feuer für Ishtar zu opfern, damit man die nächste Schlacht gewinnen kann. Nun ja, witzig ist die Vorstellung schon, dass Hildmann und Naidoo sich zugedröhnt ins… na ja, lassen wir das.

Aber zurück zur Ent-Schleunigung, welche ja eine zuvor abgelaufene Be-Schleunigung voraussetzen würde. Diese Marketing-Schlachtrufe derer, die gerne Achtsamkeits-Ratgeber, Coachings und anderen Tand verkaufen wollen, suggerieren, dass man sich unwillentlich von der Welt und ihrem stets rasanten Tempo so beschleunigen lässt – bzw. lassen muss, dass man dann gar keine andere Wahl hat, als unter Zuhilfenahme (teurer) Lifestyle-Produkte wieder auf den Boden kommen zu können. Wir sind – so unterstellen diese Menschen durch ihre Angebote – allesamt zu dumm, zu unaufmerksam und auch noch eingespannt, um unsere eigenen Bedürfnisse erkennen zu können. Zugegeben, das ist eine schöne Marketing-Masche. Ich fühle mich jedoch durch dieses allzu oft inhaltsleere Geschwurbel beleidigt.

Ich hab meine persönlichen Erfahrungen mit einer echten psychiatrischen Erkrankung gemacht und mir sind diese Typinnen und Typen, die nutzlose One-size-fits-all-“Lösungen” für Zivilsations-müde “Leistungsträger” als Ersatzreligion für spirituelle Krüppel anbieten, ehrlich gesagt ziemlich zuwider. Einerseits, weil Hilfe in problematischen Lebenslagen stets maßgeschneidert sein muss und andererseits weil auch die Unterstellung, als moderner Mensch zu blöd für eine eigene Spiritualität zu sein mich brüskiert. Wie wenig reflektiert und bar jeden Verständnisses für das eigene Bedürfnis nach Spiritualität viele Menschen sind, ist mir bewusst; jedoch gerade damit Kasse machen zu wollen, ist in meinen Augen eine bodenlose Frechheit. Insbesondere, weil hier “Wahrheiten” verkauft werden, die brandgefährlich sind.

Wahrheit ist – wenden wir den Blick zurück auf Hildmann und Naidoo – etwas sehr subjektives. Es gibt keine letztgültigen, immer gleichen Wahrheiten. Nur dass, was man für sich selbst fürwahr herausfindet. Und das kann im Laufe eines Lebens sehr wohl einem Wandel unterworfen sein. Menschen, die vorgeben (einfache) Wahrheiten anzubieten, verkaufen zumeist Dogmen – also ihre ganz persönliche, verabsolutierte Meinung! Wie leicht hier an Menschen, die einfach nur auf der Suche nach Antworten für die schwierigen Fragen im Leben (Wer bin ich? Wer will ich sein? Warum bin ich? Wohin führt das Alles? Was bedeute ich für Andere? etc.) sind, Manipulationen vorgenommen werden können, erklärt sich von selbst. Denn, bin ich im Bezug auf meine Identität im Zweifel, sauge ich den Mist, den manche Ratgeber-Fuzzis absondern besonders neugierig auf und beginne unter Umständen, das fürwahr zu nehmen.

Für den aufmerksamen Beobachter ist damit einer der Mechanismen, der Verschwörungs-Kacke ans Laufen bringt auch schon (populärwissenschaftlich) erklärt. Ich bevorzuge es seit jeher, selbst zu denken und selbst zu fühlen. Und ich fühle jetzt gerade Melancholie, weil ich weiß, dass ein paar Tage mehr Urlaub an diesem friedlichen Ort mich als Mensch wieder ein bisschen kompletter machen würden. Aber so ist das – wir bekommen selten, was wir uns wünschen. Und wenn, dann steht es nicht zwischen zwei überteuerten Buchdeckeln, sondern wir erfahren es in den Dingen die wir wahrnehmen, durchdenken und dann teilen – damit andere sie auch durchdenken können. Ohne Dogmen, ohne Verkaufsabsicht, einfach so. Denn die wichtigen Dinge im Leben kosten Mühe, keine Euros.

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Fresh from Absurdistan N°22 – Back to normal – really…?

Allenthalben hört man davon, dass die coronesken Beschränkungen zurückgefahren werden können, dass ein Stück Normalität zurückkehren könnte, würde, sollte, müsste… Aber zum einen ist “ein Stück weit” ein Begriff, der, seit Torsten Sträter sich damit befasst hat (ihr müsst es ein paar Minuten in die Sendung schaffen) nicht mehr so leicht über meine Zunge oder meine Tasten kommt; und zum Anderen weiß ich beim besten Willen nicht, zu welcher Normalität ICH zurückkehren wollen würde.

Gegängelte Fachkräfte im Gesundheitswesen und im Einzelhandel, denen nun wieder keiner Beachtung schenkt (und leider auch kein Geld)? Power-Shopper auf Ego-Trips? Flugmeilen, bis Mutter Erde kollabiert? Neid, Gier, Missgunst und ihre kleinen Bastard-Schwestern Arroganz, Besserwisserei und Protz? Na vielen Dank auch. Wenn es nach mir ginge, könnte der Lockdown zumindest für manche Menschoiden noch bis 2025 weiter gehen – aber bitte ohne Internet-Zugang.

Zweifelsfrei kann ich sagen, dass die Schulschließungen weder meinen Nerven, noch denen der besten Ehefrau von allen sonderlich gut getan haben. Und dass unsere Kinder sicherlich nicht so sehr vom Homeschooling durch uns profitiert haben, wie sie von normalem Präsenz-Unterricht mitgenommen hätten. Auch wenn die Größere den einen oder anderen Klassenkameraden offenkundig überhaupt nicht vermisst hat. Obercoole Vollidioten gibt’s anscheinend auch schon in der Fünften… Immerhin wissen wir jetzt, welche Lehrer mit Distance-Learning können – und welche nicht! Ob das für die Zukunft irgendwie nützlich ist, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber, wenn ich ehrlich bin, will ich das eigentlich auch nie herausfinden müssen…

Wird es also nun ein neues “Normal” geben? Vermutlich. Und leider, leider, wird es kaum anders aussehen, als das Alte, denn alle Hoffnungen auf eine Wende hin zu einer besseren Menschheit, zu mehr Solidarität miteinander, zu mehr Verantwortung füreinander und unsere Umwelt zerschlagen sich mit jeder noch so kleineren Justierung des Lockdowns. Die Leute wollen IHRE FREIHEIT. Sie haben zwar keine Ahnung, was das Wort wirklich bedeutet und dass es eine Schwester namens Verantwortung hat. Aber hey, Schwamm drüber. Hauptsache, man kann mal ohne jede Sachkenntnis auf die Kacke hauen und aus dem Grundgesetz zitieren, nicht wahr…? Nicht wahr, ihr Kognitions-Amateure?

Der Kategorische Imperativ ist in unserem Staat nicht ohne Grund eine der wichtigsten rechts-philosophischen Figuren. Aber die ganzen Jubler sehen nur, dass sie ab bald wieder ihre ganz normale Ausbeutung unserer Umwelt betreiben dürfen. Ach Lockdown, was hast du mir nicht Freude beschert. Fast ganz alleine, nur von meinen Gedanken gejagt durch den Waldpark spazieren hatte schon was. Und auch an Home-Office für bestimmte Aufgaben konnte ich mich gut gewöhnen. Zum einen, weil mein “Home-Office” (Also der Raum, in dem mein Arbeitsplatz steht) wesentlich besser ausgestattet ist, als dass “im Büro”. Und zum anderen, weil manche Arbeiten Muse erfordern, die bei ständigem Kontakt mit den Kollegen nicht immer so Recht aufkommen will. Aber ich schweife ab…

Wie auch immer das neue Normal aussehen mag – wenn ich Wünsche äußern dürfte, wären diese einfach: mehr Wertschätzung für die Berufsgruppen, die uns durch den Lockdown gerettet haben und das nicht nur durch dämliches Geklatsche, sondern durch substantielle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen (JA, das meint auch mehr Geld). Weniger Ego-Trips. Mehr Geld für Bildungsinfrastruktur und Lehrerbildung. Weniger Geld für nutzlose Dienstleistungen (Flugreisen) und Tand (jedes Jahr ein neues IPhone – habt ihr sie noch alle?). Mehr WIR. Weniger ICH. So einfach könnte das sein. Gott sei Dank bin ich noch im Urlaub, da kann man ja mal träumen…

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Fresh from Absurdistan N°21 – another Absurdistan…

Es fällt einem erst auf, wie surreal die gegenwärtigen Umstände sind, wenn man sich mal ein Stück aus der eigenen Homezone herausbewegt. Zumindest mir ist in den letzten Wochen natürlich aufgefallen, um wie viel komplizierter und langwieriger manche alltäglichen Verrichtungen geworden sind und wie wenig empathisch die Menschen neuerdings miteinander umgehen. Online natürlich noch viel mehr als im wahren Leben. Aber selbst gemessen an den eh schon beschissenen Umgangsformen auf Facebook ist es in den letzten Wochen nochmal ein ganzes Stück schlechter geworden. Eigentlich gehört der Dreck samt und sonders ohne Entschädigung enteignet und abgeschaltet.

Nun sind wir ein paar Kilometer gefahren. Auch in Deutschland gibt’s ja schöne Fleckchen, die man besuchen kann, wenn man’s in den eigenen vier bis zwanzig Wänden nicht mehr aushält. Das letztgenannte war schon seit Wochen der Fall; das mit dem Besuchen machen wir jetzt – man benennt das mit einem Fremdwort aus Prä-coronesken Zeiten übrigens recht klangvoll als “Urlaub”. Unser Weg führte uns gestern ein Stück den Rhein hinab bis in die Vulkaneifel. Ist hübsch hier und ruhig obendrein. Und unsere Vermieter sind reizende, höchst gastfreundliche Leute, die sich darüber beschwert haben, dass sie im Moment nicht so gastfreundlich sein können, wie sonst. Ich habe ehrlich gesagt nichts vermisst. Aber so unterscheidet sich die Wahrnehmung…

Jedenfalls sitze ich in einem zauberhaften kleinen Garten unter alten Weinreben, Vögel zwitschern, Bienen summen, der Wind rauscht – und sinniere über den Einkauf gestern, in dem kleinen Supermarkt im nächsten Ort, mit Maske, wie überall in Deutschland sinnvollerweise vorgeschrieben. Und erinnere mich: Corona ist im Moment überall und soweit ich auch fahren, fliegen, schwimmen oder sonstwas könnte, ich käme dem Virus nicht davon. Zumindest räumlich nicht. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Allüberall schwadronieren sie immer lauter, dass jemand ihnen die Grundrechte genommen hat, faseln von Diktatur und erregen sich immer noch darüber, solidarisch sein zu müssen. Soviel zu der Behauptung, die Pandemie könne etwas zum Guten ändern. Menschen bleiben Menschen; sie können nicht einfach nett zueinander sein, anderen etwas gönnen, einander helfen, wenn das angezeigt wäre und ihre Bedürfnisse hintenan stellen, weil im Moment Anderes wichtiger ist. Sie können es nicht. Sie konnten es nie, und sie werden es auch fürderhin nicht können, weil sie Menschen sind! Soweit bin ich mit der Sache versöhnt. Was nichts daran ändert, dass ich jedem dieser Covidioten auf Fratzenbuch jeden Morgen eine in die Fresse schlagen könnte für ihren Egoismus, ihre Dummheit, ihre Arroganz, ihre Indolenz und ihre Beleidigungen. Aber es gibt so viele von denen, dass ich Angestellte bräuchte, um alle gleich behandeln zu können, also muss ich das wohl lassen…

Was tue ich also nun? Ich mache Urlaub. Nicht etwa in der Eifel, sondern in Indolentien und Ignoranzien, lass die Deppen schwadronieren und mache mein Ding. In aller Ruhe, höflich und mit Maske, sofern nötig. Gott möge mir noch etwas mehr Gelassenheit geben, dann könnte da was draus werden. Ich werde mich NICHT, wie mancher aus meiner Timeline in unnötige Diskussionen um das Für und Wider der Alltagsmaske verstricken lassen und nur die Quellen rezipieren, die meine Meinung bekräftigen. Das systemische Denken geht in Zeiten des Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Seins, wie etwa jetzt, offenkundig verloren. Es wäre an der Zeit, dieses wieder zu kultivieren. Auch, wenn man sich fragen sollte, ob tatsächlich das Leben oberstes Primat allen politischen Handelns sein sollte, oder doch die Menschenwürde; und wie man Beide unter einen Hut bekommt? Ich wünsche frohe Pfingsten. Möge beim Nachdenken über solche Fragen der Heilige Geist auch über euch kommen…

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Fresh from Absurdistan N°20 – Breaking Point!

Es gibt diese Momente im Leben eines und einer jeden, die man am liebsten ungeschehen machen, oder wenigstens aus dem Gedächtnis streichen möchte. Nun ist es so, dass wir uns an genau diese Momente natürlich stets am Besten erinnern, da sie uns – quasi als Fehlerfilter – daran gemahnen sollen, was man besser bleiben lässt. Funktioniert voll gut – NICHT! Wer mich näher kennt weiß, dass unter der zumeist gediegen-lustig daher kommenden Benutzeroberfläche Dämonen lauern, die uncharmant, unbeherrscht, laut und niederträchtig sind und manchmal zum Spielen nach draußen MÜSSEN…

Wie das Leben so spielt, gelingt es jenen Menschen, die uns am nächsten stehen, auch am leichtesten, solche Dämonen aus ihren Käfigen der Zivilisiertheit zu lassen. Zum Beispiel meine Kinder. Im Moment kann ich sie gerade mal wieder überhaupt nicht leiden, weil sie sich aufführen, als wenn Mama und Papa ein Selbstbedienungsladen wären, dessen Einrichtung man auch noch nach Belieben misshandeln kann. Ist ja nicht so, dass Eltern im Moment durch den Spagat zwischen Job und Homeschooling nicht sowieso schon extrem belastet wären. Und wenn die “lieben Kleinen” dann noch ‘ne Extraschippe obendrauf legen. Was soll ich sagen – heute ist dicke Luft und ich bin fast froh, dass ich später mal wieder im Einsatzdienst aushelfen muss.

Corona nötigt uns einfach zu viel Nähe auf und lässt zu wenig Platz für Distanz. Ist so ein Allgemeinplatz, der einfach noch mal gesagt werden musste. Aber da ist noch etwas, dass einfach mal gesagt werden muss, und zwar all den Kinderlosen da draußen, welche die unsägliche Frechheit besitzen, mir und meinesgleichen zu sagen, dass wir nicht so rum heulen sollen, wir hätten ja keine Kinder kriegen brauchen… HALTET… [Hier stand zuvor etwas sehr Unflätiges, dass ich durch folgenden frommen Wunsch an die vorgenannten Individuen ersetzen möchte: Mögen 1000 hungrige Termiten auf eurem mit Honig beschmierten Popo Samba tanzen, während eure Arme von zeitweiliger Parese befallen sind…] Wer zahlt in Zukunft eure Rente? Wer pflegt euch im Altersheim? Wer serviert euch das Essen, füllt eure Supermarktregale auf, erzeugt euren Strom, löscht eure Feuer und rettet eure Angehörigen vor dem Infarkt? Ich könnte hier noch beliebig viele andere Berufe einpflegen und ihnen allen ist eines gemein: ohne Nachwuchs gibt’s keine Dienstleistung und keine Produktion.

Jedes Mal wieder, wenn irgendwelche neuen Widrigkeiten auftauchen, die euch Sozial-Amateuren die Bequemlichkeit versauen, oder euch (subjektiv) irgendwas wegnehmen wollen, haut ihr auf die “Gefühlte-Ungerechtigkeits-Kacke”; und damit auf die Eltern. Und benehmt euch damit kein Jota besser, als meine 7- und 11-jährigen Töchter! Was ist nur in euch gefahren, dass ihr – genau wie die zwei – eurem Gegenüber die Wurst auf dem Brot nicht gönnt? Hattet ihr als Kinder zuwenig Liebe? Ist auch egal. Denn ich bin am Breaking Point! Ich kann und ich will nicht mehr:

Ich will mir nicht mehr das Gejammer anhören müssen, wie schlecht es irgendjemand geht! Ich will nicht mehr irgendwelche verschwubelte Verschwörungskacke in meiner Timeline sehen müssen! Ich will nichts mehr über Diktatur durch die Hintertür hören, wenn keiner von euch auch nur den leisesten Schimmer hat, wie sich Leben in einer Diktatur anfühlt – zieht nach Nord-Korea! Ich will kein Genöle über den Sommerurlaub, der wegen der Pandemie vielleicht storniert werden muss! Ich will nicht blöd angeschaut werden, wenn ich Menschoiden darauf hinweise, dass ein Mund-Nasen-Schutz auch Mund und Nase bedecken sollte, weil man den ansonsten auch genauso gut als Flatulenz-Filter tragen könnte! Und – Ich will keine Milliarde an die Lufthansa verschwendet sehen!

Ich will mehr Freundlichkeit! Ich will mehr Solidarität! Ich will mehr Vernunft! Ich will mehr Verständnis für die Sorgen der existenziell bedrohten Menschen! Ich will, dass meine Kinder begreifen, dass all das auch für mich extrem belastend ist! Ich will einfach mehr gesellschaftlichen und privaten Frieden – und habe einfach keinerlei Energie mehr übrig, mit jenen idiotischen, asozialen, egoistischen Menschoiden zu streiten, die solche Wünsche nicht verstehen können! Fahrt zur Hölle – aber bitte mit Ökostrom! Schönen Tag noch…

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Fresh from Absurdistan N°19 – Vatertag

Traditionen können etwas Wunderbares sein, wenn’s dabei nicht gerade um spitz zulaufende weiße Kappen und brennende Kreuze geht; oder ähnlichen Tand, welcher die Zugehörigkeit zu einer der vielen anderen dummen Rassisten-Organisationen bezeugen soll. Tradition per se bedeutet erst mal nur eine überlieferte Kulturpraxis, an der schon meine Vorväter (und -mütter) Freude hatten. Nun haben Menschen allerdings diese dumme Angewohnheit, Dinge zu (ihrer) Tradition zu erklären, wenn es ihrem verqueren, von Dogmen zugekleisterten Weltbild in irgendeiner Weise dienlich ist. Ein gutes Beispiel sind die Pegidioten, denen entgangen ist, dass Deutschland schon immer ein Ein- und Durchwanderungs-Land war; nur dass es früher keinen Armleuchter gab, der die Losung Nationalstaat ausgegeben hatte. Als wenn Bayern und Bremer tatsächlich so viel gemeinsam hätten… Nun ja.

Jedenfalls gibt es in unseren Breiten eine Menge Brauchtum, dass mit Hingabe gepflegt wird – z. B. der Vatertag. Wie viel sorgfältige Vorbereitung es doch braucht, um für den Spaziergang durch den Wald eine ausreichende Versorgung mit gekühltem Alkohol und eine ansprechende Menüplanung zusammenzustellen und umzusetzen. Schade nur, dass man sich für den Heimweg so oft auf den Rettungsdienst verlässt. Bei mir hätten die eine Falttrage dabei und müssten jene, die sich (mal wieder) vollkommen abgeschossen haben, selbst nach Hause schleifen – Verursacherprinzip und so…

Jedes Jahr an Christi Himmelfahrt nehmen sich gute deutsche Männer – ob’s denn alles Väter sind, will an dieser Stelle gar nicht geprüft sein – also ein Herz und gehen Saufwandern. So weit so schlecht. Was machen die Mädels derweilen? Das Essen? Die Kinder hüten? Eine Mädels-Saufwanderung? Ich stolperte gestern Abend über einen Essay auf Zeit online, in dem eine junge Autorin beklagte, sich unvermittelt durch den Corona-Lockdown in einer traditionellen Rollenteilung wiederzufinden – Frau steht am Herd und Mann tut, was Mann halt so tut… Es entspann sich ein Gespräch mit der besten Ehefrau von allen, nachdem ich ihr den Artikel vorgelesen hatte. Und ich denke immer noch darüber nach.

Wir waren uns einig, dass man einerseits dahin kommen muss, dass Frauen und Männer mit ihrem Leben anfangen können müssen, wonach auch immer ihnen der Sinn steht. Das ist heute noch lange nicht gegeben; gläserne Decken gibt es überall in der Gesellschaft. Allerdings übersieht die Autorin etwas Entscheidendes, wenn sie sich fast schämt, dass ihr Backen Spaß macht: es war, wie sie freimütig zugibt, ihre eigene Entscheidung, die sogar zu einem Lustgewinn geführt hat; warum problematisiert sie ihren eigenen Willen, etwas zu tun, dass einem tradierten Rollenmuster ähnelt? Etwa nur, gerade weil es einem tradierten Rollenmuster ähnelt und damit ihr Bekenntnis zum Feminismus in Frage stellt und sie sich darüber schämt? Oder weil es die Wirkmacht von Sozialisation offenbart, obwohl sie doch im Bewusstsein für den Feminismus erzogen wurde?

Zweifellos sind tradierte Rollenbilder in den Köpfen der Männer genauso stark, wie in denen der Frauen; was oft gruselige Auswirkungen hat, wie Joko und Klaas mit ihrer Produktion “Männerwelten” beeindrucken dargelegt haben. Und eben so zweifellos gibt es immer noch mehr als genug Männer, die sich weder in ausreichendem Umfang an der Care-Work beteiligen, noch ihren besseren 75% mit dem Respekt begegnen, den sie verdient haben. Doch ich möchte an dieser Stelle eine Lanze brechen für jene Männer, die eben genau das tun und deren Beitrag zur Emanzipierung der Frau immer totgeschwiegen wird. Und ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass es – allen Gender-Studies über die soziale Strukturierung von Geschlecht zum Trotze, die den Einfluss der Sozialisation auf Geschlechts-Rollenbilder aufgedeckt haben – biologische Unterschiede gibt, die sich bei weitem nicht auf die Reproduktionsorgane beschränken.

Insbesondere die neurophysiologischen Unterschiede können hier als Erklärung dienen, warum manche Dinge so passieren, wie sie passieren – ohne dass dies in irgendeiner Form eine Entschuldigung für das Verhalten vieler meiner Mit-Macho-iden sein soll. Wir sind zweifellos am Vatertag 2020 noch nicht so weit, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Und dass die Corona-Krise uns ausgerechnet in diesem Gesellschaftsbereich auch noch zurückwirft ist mehr als nur bedauerlich. Aber wir könnten ja mal anfangen und den Vatertag als Grund nehmen, uns wie Väter zu benehmen und nicht wie affektinkontinente Brüllaffen. Ich werde mich dann demnächst mal um’s Essen kümmern. Bei dem Wetter mache ich natürlich den Grill an – ich schneide dabei das Grill-Gemüse selber, decke den Tisch (OK, heute machen das vielleicht unsere Kids), räume hinterher ab, etc. Und ihr anderen (Möchtegern)Väter da draußen? Wie sieht’s mit euch aus?

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Fresh from Absurdistan N°17 – Sollen doch die Reptiloiden sie holen…!

Attila Hildmann, Xavier Naidoo und andere Pauschalreisende zu den Aluhuten rauschen die Facebook-Threads rauf und runter. Man könnte meinen, das nicht wenige Menschen sich hier quasi eine Ersatzreligion besorgen: wenn man schon nicht mehr der Regierung und den Spezialisten glauben will, weil sie einem die Förmchen weggenommen haben – ICH will reisen, ICH will shoppen, ICH will feiern, ICH will alles sofort und ohne Einschränkung, ist mir doch Scheißegal, dass ICH Omma Brömmelkamp mit ihrer COPD damit umbringe – haben anscheinend neue Heilsbringer gefunden: einen zweifelhaften Buchautor, der zufällig auch vegan kochen kann – haha, wohl zuviel von seinem Essen genascht, haha – und eine schon seit eh und je nervtötende Heulsuse aus meiner Heimatstadt.

Der Besuch der Youtube-Uni ist somit wohl neuerdings nicht nur den Impfgegnern und neurechten Faktenallergikern vorbehalten; ne, ne, neuerdings finden sich immer mehr “normale Leute”, die nicht nur glauben, alles besser zu wissen, sondern dies auch mit nie gekanntem Sendungsgbewusstsein in die Timelines von jedem spülen, der sich nicht mit Waffengewalt dagegen wehrt. Was am traurigsten daran ist? Der Umstand, dass die meisten dieser Menschoiden leider mutmaßlich auch das Wahlrecht haben.

Soll ich ehrlich sein: der Text klingt wütender als ich mich momentan tatsächlich fühle. Meist empfinde ich einfach nur Mitleid mit diesen Wesen, an denen unser Bildungssystem offenkundig versagt hat. Und das ist mitnichten die Schuld der Lehrer, auf denen man ja immer gerne rumhackt. Ich habe die allermeisten Pädagogen in den letzten Wochen als engagiert, motiviert, reflektiert und selbst lernwillig erlebt. Für Leute, die unterrichten – und das schließt mich selbst, wenn auch in einem anderen Segment ja ein – ist es auch eine Zeit des Lernens! Was von den ganzen intellektuell überforderten im Netz immer recht gerne übersehen wird.

Was jedoch den Zustand unseres Bildungswesens angeht: kein einziger Cent sollte in Kredite für gestrige Wirtschaftszweige, wie etwa die zivile Luftfahrt gesteckt werden. Ich brauche die Lufthansa nicht. Und wenn man es sehr genau bedenkt, brauchen die allerwenigsten Menschen die Lufthansa; oder irgendeine Fluggesellschaft. Denn eines sollte man mal kapieren: Flugreisen sind – unter vielem anderen – schlecht für das Klima. Für die Angestellten ließen sich in einer ökologisch besseren Welt sicher andere Jobs finden. Nein, dieses Geld gehört in unserer Bildungsinfrastruktur und jenes Personal investiert, das die meisten klar denkenden mittlerweile hoffentlich mindestens genauso bitter vermissen gelernt haben, wie ich selbst.

Und ich vermisse unsere Lehrer nicht nur, weil meine “lieben Kleinen” mich mittlerweile mit ihren Eskapaden die glatte Wand hochtreiben. Ich frage mich auch, wo sie waren, als diese ganzen Verschwörungstheoretiker aufgewachsen sind? Bewusst differenzierender Medienkonsum wurde in der Vergangenheit offenkundig entweder nicht, oder nicht ausreichend thematisiert. Anders sind Kommentarspalten voller Menschoiden nicht zu erklären, die jeden noch so abwegigen Scheiß zu glauben bereit sind, wenn er nur ihr krudes Selbst- und Weltbild bestätigt. Siehe Naidoo und Hildmann. Wenn diese ganzen Pfosten von den Reptiloiden geholt würden, wären die Viecher wenigstens mal zu was nutze. Aber auch auf die ist anscheinend kein Verlass mehr. Sind wohl auch nicht immun gegen Corona…

Es ist Sonntag. Morgen fängt für mich die Arbeit im Lehrsaal wieder an. Erstmal auf kleiner Flamme. Mal sehen, wie wir mit den ganzen Auflagen klar kommen. Denn ich muss für meine Teilnehmer Gas geben, um die – aus pädagogischer Sicht zumindest teilweise – verschwendete Lebenszeit irgendwie wieder reinzuholen. Es wird surreal werden. Wir leben immer noch in Absurdistan. Wahrscheinlich noch für eine lange Zeit. Wäre gut, wenn wir uns langsam dran gewöhnen könnten, anstatt bei Demos zusammen zu stehen und R mit Gewalt wieder hochzutreiben – JA, ICH MEINE EUCH ASOZIALEN, DUMMEN, EGOISTISCHEN ARSCHLÖCHER IN STUTTGART, MÜNCHEN UND BERLIN! Ich bin jedenfalls in meinem Absurdistan angekommen. Jetzt richte ich mich erst mal richtig ein. Und ihr so…?

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Fresh from Absurdistan N°16 – Ja, sind wir im Wald hier…?

Na, schön in den Mai getanzt? Bei mir hat sich wenigstens der Nacken rhythmisch bewegt, wenngleich ich sagen muss, dass alleine zu moshen wohl nicht das Selbe ist. Nun ja, drauf geschissen; Hauptsache meine Kopfhörer machen genug Druck. Und das können sie. Ansonsten ist alles beim Alten. Wir hocken, nach wie vor, daheim und versuchen uns an Aufgaben, für die man normalerweise studieren muss – und wenn mich jetzt jemand darauf hinweisen möchte, dass ich doch auch Pädagoge sei, möchte meine Rechte gerne einen Tunnel durch sein Fressbrett graben. Denn die eigene Brut beschulen zu müssen ist, als wenn du nackig durch einen Sandsturm laufen musst. Das schält dich bis auf die Knochen und reißt dir die Seele raus.

Schwamm drüber. Irgendwie geht’s ja immer weiter. Man könnte vielleicht befremdet sein, dass sich die Bundesliga so abmüht, wieder ans Laufen zu kommen. Auch wenn die überbezahlten Affen, die da unnötig Bälle durch’s Bild schieben offensichtlich weniger Ahnung von physical distancing haben, als meine Siebenjährige. Aber dazu hat Micky Beisenherz ja schon alles Relevante gesagt. Auch die Kaufprämie für Neuwagen ist voll die gute Idee – weil die allermeisten von uns ja während der Krise auch ordentlich durchverdient haben, weil sie nur zum Scheißen eine Pause machen konnten, aber ja eh kein Klopapier verfügbar war und deswegen jetzt alle ordentlich Fett auf der Kette haben… Kann dem Altmaier mal jemand ein Bildchen malen, damit er kapiert, was für einen Stuss er von sich gibt? Aber bitte nicht zu kompliziert, sonst perlts vor Anstrengung auf der Glatze.

Kurz zuvor rollte Wolfgang Schäuble ins Bild; und ich muss sagen, dass ich seine Äußerungen nicht im Ansatz so Menschen verachtend finde, wie Martin Klingst in seiner Kolumne. Wer genau liest, sieht, dass er den Hinweis auf die Menschenwürde als das höchste Gut, welches das Grundgesetz schützt – also ein noch höheres Gut als als das Leben an sich – zunächst auf sich selbst bezieht. Eine Denkfigur, die man angesichts seines Lebens und der Dinge, die er erdulden musste respektieren sollte. Mitnichten redet er hier einer Triage das Wort. Überdies sollte die Würde des Menschen auch beim Sterbeprozess geschützt werden. Etwas, womit man sich hier in Deutschland immer noch sehr schwer tut. Vielleicht war es das, was Her Schäuble sagen wollte? Vielleicht wollte er die ganzen Bedenkenträger auch einfach nur darauf hinweisen, dass das Leben nun mal eine sexuell übertragbare Krankheit ist, die zwangsläufig mit dem Tod endet?

Und nur mal so am Rande: wer ein bisschen Ahnung von Katastrophenmedizin und MANV-Stufen hat, weiß um die ethischen Dilemmata, die mit der Notwendigkeit einer Triagierung einher gehen. Dennoch wird derlei z.B. auch in der rettungsdienstlichen Ausbildung geschult. Reden wir hier also über etwas vollkommen Undenkbares? Nein, tun wir nicht. Insbesondere nicht unter dem Aspekt, dass eine Pandemie wie SARS-CoV2 ein zeitlich prolongierter, supranationaler MANV ist. Und auch, wenn keiner von uns gerne darüber redet: wenn es hart auf hart kommt, haben wir sehr wohl eine informelle Taxonomie zur Hand, um Entscheidungen treffen zu können.

Wie man’s auch dreht und wendet – dieses verdammte Virus beherrscht immer noch unser Leben. Und zwar nicht nur dadurch, dass der Lockdown – wenn auch in abgeschwächter Form – immer noch anhält, sondern vor allem durch das mediale Bombardement, dass Stunde um Stunde neue Berichte produziert, die sich allzu häufig nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Denn im Stundentakt entstehen keine neuen Erkenntnisse. Allerdings kann ich im Stundentakt die Menschen entweder noch ängstlicher, paranoider und neurotischer machen – oder noch gleichgültiger, egoistischer und aggressiver. Beide Varianten sind dem Gemeinwesen wenig zuträglich. Und es wäre wirklich mal an der Zeit, dass die Medienschaffenden ihre wenig rühmliche Rolle in der Corona-Krise noch mal überdenken. Rezo hat dazu ein paar gute Gedanken geäußert und ich hätte auch Bock drauf. Wie sieht’s mit euch da draußen aus?

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