Bienvenue en Alsace N°1 – Alleinsam?

Alle paar Jahre, wenn mein chronisches Leiden mal wieder zu sehr drückt, schickt mich die beste Ehefrau von allen weg. Oder besser gesagt, sie duldet es, dass ich mich selbst wegschicke, weil ich bemerkt habe, dass es echt nicht mehr geht. Manchmal bemerkt sie das auch als erste – und ich bekomme das dann deutlich mitgeteilt. Dass der diesmal dazu halbwegs kurzfristig (vor ca. 2,5 Monaten) ausersehene Termin ausgerechnet mit einem Ereignis zusammenfällt, das unter dem Aspekt “nicht mehr können” eine tragische Brisanz hat, konnte keiner kommen sehen. Und nun war’s zu spät, Pläne noch umzuwerfen. Auch, weil es einen Haufen Geld gekostet hätte, den ich nur ungern hätte abschreiben müssen. No-Show/Storno kostet halt im Gastgewerbe. Nun bin ich also hier (im Elsass) und kann den Fallout aus der Ferne rieseln sehen. Und wisst ihr was – mittlerweile ist es mir egal. Nur dass wir uns nicht falsch verstehen: die Person um die es ging/geht, ist/war mir nicht egal – wohl aber einige andere Personen und Dinge, die im Windschatten des einen Ereignisses nun geschehen. Aber ich kann das ignorieren solange die Protagonisten irgendwann verstehen, dass man manche Dinge einfach NICHT tun oder sagen kann. Aber das werden sie schon… Ergo: Schwamm drüber für’s Erste, denn ich muss mich genau JETZT um mich selbst kümmern. Tun nämlich sonst nur sehr wenige Andere – z. B. die beste Ehefrau von Allen!

Blick vom Ballond ‘Alsace

Passenderweise finden mich, jedes Mal, wenn ich über ein spezielles Thema sehr intensiv nachdenke, Artikel, Youtube-Videos, etc. wie von Geisterhand; dieser Tage etwa waren da zuerst zwei Artikel auf ZON, die sich mit der Diskussion um Alleine vs. Einsam sein und der Frage befassten, ob tatsächlich so viele (vor allem junge) Menschen in Deutschland von Einsamkeit so sehr bedroht sind, dass die Politik Handlungsbedarf hat. Zuallererst denke ich Folgendes: die Politik hat mit Bezug auf eine Neuorganisation des Gesundheitswesens, die Besserstellung seiner Mitarbeiter zur Verbesserung der Attraktivität dieser Berufe und einem Abstellen des Sparwahns (es droht DIE SCHWARZE NULL) schon mehr als genug zu tun. Stellt ihr das alles ab, habt ihr vielen (jungen) Menschen eine Perspektive gegeben, dann drückt das Alleinsein auch nicht mehr so. Und was die SCHWARZE NULL angeht – damit ist nicht nur die Schuldenbremse gemeint, sondern auch dieser sonderbare Sauerländer, der meint als Millionär sei man Mittelstand. Der ist auch keine Kunst, der kann weg! Bleibt also die Frage nach dem persönlichen Empfinden von Einsamkeit. Ich nehme als Beispiel mal die Eremiten her, die sich (früher zumeist aus religiöser Überzeugung, heute auch aus anderen Gründen) in selbstgewählte Einsamkeit zurückziehen. Davon gibt es nicht viele, weil es nicht viele Menschen gibt, die dieses Lebensmodell attraktiv finden. Daraus jetzt zu schließen, dass die meisten Menschen an Einsamkeit krank werden müssten, ist genauso großer Käse, weil es z. B, introvertierte und extrovertierte, aber auch mehr oder weniger empfindsame Menschen gibt. Und jetzt…?

Ich denke, dass man die Frage nach “nur alleine aus Gründen” oder “schon pathologisch einsam” nur aus einer sehr persönlichen Perspektive klären kann – und dass diese Perspektive die Politik einen Scheiß angeht! Denn das Einzige Movens, dass ich hier im öffentlichen Diskurs zu erkennen vermag, ist die Gesunderhaltung des Volkes zum Zwecke der Erhaltung möglichst günstiger Arbeitskraft für die Wirtschaftslobby. Jemand der nicht so einsam ist, dass es ihn/sie psychisch krank macht, hat weniger Krankenfehltage und ist folglich für seinen Arbeitgeber produktiver, was sich auch auf die Summe des Bruttoinlandsproduktes positiv auswirkt => man kann schöne Kennzahlen vorstellen und alle klopfen sich auf die Schulter. Nur nicht jene Menschen, die um den Willen des kapitalistischen Systems pathologisiert werden. Dazu gleich mehr. Aber schaut euch doch mal die Konjunktur an, die Artikel gegen Alkohol, Cannabis, Tabak, andere Genussmittel im Allgemeinen oder auch gerne eine als ungesund bezeichnete Ernährung heutzutage haben. Man kann gerne darüber diskutieren, welchen dieser Lastern zu fröhnen man vielleicht besser bleiben lassen sollte, um der eigenen Gesundheit und Lebenserwartung Willen. Aber jedesmal kommen Idioten aus allen Ecken gekrochen und fangen an, über “solidarisierte Kosten” zu schwadronieren, etwa weil dicke Menschen das Gesundheitssystem im Median mehr kosten. Dabei wird dann immer gerne ausgeblendet, welche unnötigen Risiken man selbst in Kauf nimmt… Kann man endlos weiterführen, bringt aber niemanden irgendwohin

Menschen, deren Wahrnehmung anders funktioniert (Neurodivergente, also etwa Menschen mit ADS/ADHS, Störungen aus dem Autismus-Spektrum, etc.), deren Denken anders funktioniert (Beeinträchtigte, aber auch höher und hoch Begabte) und jene mit verschiedenen chronischen psychischen Erkrankungen werden stets als pathologische Störfaktoren der Gesellschaft gebrandmarkt, weil sie sich nicht so leicht FUNKTIONAL einpassen lassen, wie Otto und Ilse von Gegenüber. Mit der Folge, dass ihr ganzes individuelles Sein jeweils auf die vermeintliche Abweichung reduziert wird, wobei oft genug aus dem Blick gerät, was diese Menschen alles für die Gesellschaft leisten können. Um es mal ganz platt mit Controlling-Sprech auszudrücken: man deklariert sie zu Cost-Centern, obwohl sie sehr wohl Profit-Center sein könnten, ganz oft aber einfach eine ausgeglichene Bilanz tragen… Aber in der Politik geht es nicht um Menschen, nie um individuelle Schicksale (außer, diese lassen sich für die eigene Agenda nutzen, siehe den Polizistenmord in Mannheim), oder um die Möglichkeit, Ausgleich zu schaffen, wenn dieser gebraucht wird und Leistung abzurufen, wann und wo sie verfügbar ist. Es geht ganz platt um Kennzahlen: Wachstum (das goldene Kalb unseres Wirtschaftens ), Inflation, Zinsen. Immer nur um die eine Seite des Menschseins, nämlich die fiskalische. Dass das ganze Soziale auch essentiell und existenziell ist, spielt da keine Geige.

Und was mache ICH nun daraus? Ja Blogposts halt, nich. Ne, mal im Ernst, ich sitze hier auf dem kleinen Balkönchen meines Gîte, hacke in die Tasten, genieße den milden Abend und habe Zeit, allein zu sein um zu schauen, zu lesen, zu denken, zu schreiben. Ich habe Zeit, über Entscheidungen nachzudenken, ohne dass dauernd jemand reinplatzt, reinschwätzt, reinmanipluliert. Und ich komme zu einer analytischen Tiefe, die sonst im Tagesgeschäft zu oft verloren geht. Aber ich kann auch einfach sein; ohne Ziel, ohne Zweck, ohne Hast, ohne Last. Und ich genieße das. Mal sehen, was die nächsten Tage bringen. Auf jeden Fall noch einen Post über Zwecke. Da habe ich Lust drauf. Einstweilen – schönen Abend.

Auch als Podcast…

Ver-Zweiflung… oder auch nicht…?

Wann immer ich mich – dummerweise – dazu anschicke, mir ernsthafte Gedanken über den Zustand unserer Welt machen zu wollen, droht dieses eine Gefühl mich zu übermannen: Verzweiflung! Allüberall, wohin das Auge auch blicken mag, sieht man ein riesiges, heiß brodelndes Meer aus Bullenscheiße, während im Maschinenraum des Schicksals die Kleingeistigen, die Engstirnigen, die Kurzsichtigen, die Ängstlichen, die Berechnenden und die paar wenigen – aber umso gefährlicheren – wahrhaft Bösen in gemeinschaftlicher Anstrengung das Feuer unter dem Kessel anheizen, damit es auch immer schön weiter kocht. Die Hoffnung hingegen bleibt allzuoft ein kleiner, zerbrechlich wirkender Nachen, der von der tosenden See ein ums andere Mal verschlungen zu werden scheint. Doch… doch… untergehen kann sie scheinbar nicht. Immer wieder schwingt sie sich auf die absurdesten Wellenkämme, um ein Licht dorthin zu tragen, wo es allzu finster wird. Aber jedes Mal, wenn sie kurz außer Sicht gerät, wenn die Wellen so hoch schlagen, dass man insgeheim denkt “jJtzt ist’s um sie geschehen!” nagt dieser Zweifel, drängt dieses alte Sprichwort: “Hoffen und Harren hält Manchen zum Narren!”

SEHNSUCHT!

Das ist das Wesen der Verzweiflung: sie ist der Summe all unserer Zweifel, die mit etwas Pech so groß werden kann, dass wir unter der Last zusammenzubrechen drohen. Sie ist ein Attentäter in der Nacht, wenn unsere Emotionen viel weiter oben liegen, als im hellen Tageslicht, weil unser präfontaler Cortex – geschaffen, mit der Kraft der Ratio unser Fühlen im Zaum zu halten – des Nachts auch mal Ruhe braucht. Sie ist der Windstoß, der die letzte Kerze löscht; oder diese umwirft, um alles niederzubrennen. Sie ist die Quelle unserer inneren Finsternis. Sie ist die Erkenntnis, dass es ein Omega wirklich gibt… Derzeit betrachte ich all das wie von außen, als wenn es mich nicht beträfe. Einmal mehr haben sich meine Gefühle scheinbar verabschiedet, der rationalen Betrachtung das Steuer übergeben und warten ab, was passiert. Und so betrachtet bin ich auch nicht wirklich verzweifelt. Im Gegenteil habe ich eine Klarheit über das, was zukünftig getan werden muss, wie schon lange nicht mehr. Ich sehe alle Optionen, ich sehe den Weg, der genommen werden sollte und ich weiß, dass ich – tief drin – bereits alle wichtigen Entscheidungen getroffen habe und diese nur noch umsetzen muss, COME HELL OR HIGH WATER!

Doch natürlich sind meine Emotionen nicht weg, auf Urlaub in Italien oder so. Ganz im Gegenteil schauen sie immer mal wieder kurz rein und fragen mich, wann ich mal wieder so richtig austicken möchte. Ich sagte neulich mal wieder zu jemandem meinen beliebten Spruch, dass ich einfach dauernd wütend sei (ihr wisst schon, DAS Zitat aus “Marvel’s The Avengers”). Ich kanalisiere diese Wut nur anders. Bis zu einem gewissen Punkt nehme ich diese Wut eher als Eustress war, als Energie, die ich nutzen kann, um weiterzumachen. Klar, das kann auch in die andere Richtung gehen (wie ich einstmals schmerzlich erfahren musste), aber derzeit nehme ich keine derartigen Tendenzen an mir wahr. Ich bin allerdings wütender als sonst, weil ich ein paar Dinge auf der Arbeit einfach nicht sehen konnte (oder sehen wollte) und jetzt einen hohen Preis dafür zahlen muss. Eigentlich (und in diesem Fall ist die Einschränkung leider wahr) bin ich ein sehr auf Gerechtigkeit und Ausgleich bedachter Mensch. Aber ich lies mir meine Entscheidungen von der Amygdala Anderer diktieren, weil geschäftlich ja immer irgendwas auf dem Spiel steht. Wir neigen bei dieser verfickten Zahlenschubserei unter dem Diktat des nächsten Abschlusses manchmal aus dem Blick zu verlieren, das Menschen zuerst fehlerbehaftete soziale Wesen sind und erst dann – mit langem Abstand – produktive Arbeitnehmer! Ich hab’s gerade mal wieder verstanden und MUSS meine Konsequenzen daraus ziehen. Doch was bedeuten solche Konsequenzen im Angesicht der Anderen?

Einmal mehr werden mich irgendwelche Menschen bezichtigen, wie eine Maschine zu handeln, emotional tot, mindestens aber unempathisch oder sonst noch irgendetwas zu sein. Andere werden mir genau das Gegenteil vorwerfen, jede*r einfach deshalb, weil sie es glauben. Früher hat mir so eine Aussicht Angst gemacht, oder zumindest ambivalente Gefühle hervorgerufen. Heute weiß ich allerdings zwei Dinge, die ich früher noch nicht wusste: Erstens, dass ich meine Entscheidungen IMMER zu meinem Wohle und dem meiner Lieben treffen muss; Ausnahmen nur für jene, die es sich verdient haben! Jemand anderes Interessen oder Meinungen (etwa von manchen Chefs oder manchen Kollegen) spielen dabei keine Rolle mehr. Die würden doch genauso zuerst IHRE ureigensten Interessen vertreten. Zweitens kenne ich heute meinen Wert; und der ist sowohl auf der sozialen wie auch der fachlichen Ebene nicht eben gering! Ich werde vielleicht nächste Woche 50, aber ich bin noch lange kein altes Eisen! Ich stellte letzthin fest, dass man seine Interessen und Prioritäten öfter neu bewerten muss, als ich das bislang getan habe. Woraus folgt: wenn’s sein muss, werden nun alte Zöpfe abgeschnitten, Prozesse und Beziehungen neu geordnet. Was getan werden muss, wird getan, auch wenn es ein ums andere Mal wehtun wird. Und definitiv nicht nur mir… Aber ich habe es satt, mich um irgendjemand anderes Willen manipulieren zu lassen.

Klinge ich bitter? Das täuscht. Das darf ich euch versichern, denn ich war schon lange nicht mehr so mit mir im Reinen, wie jetzt. Und wenn ich von meinem Erholungskurztripp zurückkomme, werde ich die Kraft haben, Tabula Rasa zu machen. Bin mal gespannt, wie das Spielfeld danach aussieht. Wie’s auch kommt – gehabt euch wohl und lasst euch nicht vom Regen wegspülen.

Auch als Podcast…

Überzeugter Trottel…?

Ich bin ein reflektierter Mensch. Ich denke viel über die Dinge nach, die ich zu tun und zu lassen habe. Ich treffe meine Entscheidung stets erst nach reiflicher Abwägung aller Interessen, die berührt sein könnten und versuche dabei alle Stakeholder so gut wie nur möglich zufrieden zustellen. Ich – FUCK IT, GODDAMIT! Wenn du am Ende einer Straße an einer T-Kreuzung stehst und dich nun fragen musst, ob du besser rechts oder links abbiegen solltest, allerdings in dem intuitiven Wissen, dass beide Optionen dich ziemlich sicher nicht (wieder) glücklich machen werden, weil du glaubst, genau zu wissen wohin das alles führen wird… könnte es dann sein, dass der Weg in das Dickicht direkt vor dir der Beste von allen ist…? Meine aktuelle T-Kreuzung ist schon vor einer geraumen Weile in Sicht gekommen; und ich war tatsächlich sogar schon abgebogen, bin ein paar Schritte des Weges gegangen und stehe nun doch wieder zögernd da, weil ich eigentlich keinen Bock mehr habe, DIESE Straße zu gehen. Es gibt diesen einen Moment, in dem du wahrhaft feststellst, dass du auf dem falschen Dampfer bist: nämlich, während du jemandem mit deinem Mund versicherst, dass du bereit wärst, bestimmte Dinge zu tun, während jede andere Faser in deinem Körper aufspringen, “FICKT EUCH DOCH ALLE!” schreien und gehen will. Yup, bin gerade genau dort gewesen!

Bei mir fließt es nicht mehr…

Ich werde in genau drei Wochen 50 und lese derzeit gelegentlich in verschiedenen Magazinen, dass DAS für den Arbeitsmarkt sowas wie eine magische Grenze ist, ab der es recht schnell exponentiell schwerer würde, sich zu beruflich verändern. Ich glaube da jetzt nicht so wirklich dran, denn a) habe ich ein umfangreiches Qualifikationsportfolio, b) ist in meinem Metier der Fachkräftemangel so verf***t groß, dass ich wohl verdammt schnell wieder “unter der Haube” wäre; und c) hängt es ja immer von der individuellen Bereitschaft ab, sich auf etwas Neues einzulassen. Jemand, der sein Leben lang “irgendwas mit Medien” gemacht hat, könnte da eher unter die Räder kommen. Vielleicht sage ich das aber auch nur, weil ich denke, dass wir heute viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten legen und zu wenig auf echte innere Werte achten… Schwamm drüber. Ich glaube, mit Fug und Recht behaupten zu können, dass ich ein Mensch bin, der seine Überzeugungen zu leben versucht. Ich schaffe das natürlich nicht immer, weil wir Menschen nun mal schwache, fehlerbehaftete Wesen sind, die meist einfach nur versuchen, dieses Ding namens “Leben” irgendwie zu überstehen, ohne allzuviel kaputt zu machen und irgendwie ans gerade aktuelle Ziel zu kommen. Allzuoft war das für mich allerdings in letzter Zeit der nächste Freitagnachmittag…

Was sagt das über mich aus? Nicht viel mehr, als dass ich meine Verpflichtungen ernst nehme und versuche, meinen Job mit halbwegs akzeptabler Fehlerquote irgendwie hinzubekommen. Jeden Tag auf’s Neue. Aber Freude…? Freude habe ich schon seit einer ganzen Weile bei meiner Arbeit nicht mehr empfinden können. Oh sicher, dann und wann komme ich echt in den Flow, wenn ich die Aufgabe, mit der ich dann gerade beschäftigt bin als sinnvoll und interessant empfinde. Aber natürlich will auch der Quatsch erledigt werden, der einfach nur dadurch entsteht, dass wir Menschen leider dazu neigen, uns Sicherheiten schaffen zu wollen – Stichwort Bürokratie! Es ist nicht so, dass mir das schwerfällt. Dazu bin ich mittlerweile ein bisschen zu geübt und erfahren. ABER… ich halte es langsam nicht mehr aus. Nicht den Umstand, dass es Bürokratie gibt. Auch nicht den Umstand, dass sich meine Arbeit durch Umstrukturierungsprozesse verdichtet hat. Selbst die “Zahlen-Schubserei” ist mir mittlerweile nicht mehr fremd. Aber aus politischen Gründen gegen meine Instinkte und Überzeugungen handeln zu müssen… das geht nicht mehr lange gut! Ich höre meine beste Ehefrau von allen schon wieder diesen Satz sagen: “Dann kündige doch – mach was anderes…” Wenn das nur so einfach wäre…

Ich meine, etwas anderes zu machen, wäre vermutlich nicht schwer. Stellen, auf die meine Qualifikationen passen würden, gibt es schon einige. Auch einige, bei denen das Salär zum mittlerweile erreichten Lebensstandard passen würde. Aber ich lasse nur sehr ungern Dinge halbfertig liegen. Und im Moment hat mein Job, allen bislang schon erreichten Meilensteinen zum Trotz immer noch Projektstatus! Und das mindestens noch zwei Jahre lang. Außerdem weiß man nach über 30 Jahren im Berufsleben, dass nicht alles Gold ist, was glänzt und andere potentielle Arbeitgeber ebenso ihre Problemzonen haben, die man nicht immer auf den ersten Blick sehen kann. Wenn ich doch nur ein bisschen geduldiger wäre. Aber ich will ehrlich sein – ich bin schon viel geduldiger, als noch vor ein paar Jahren oder gar Jahrzehnten. Allerdings bin ich wesentlich weniger duldsam gegenüber BULLSHIT! Und die strategische Kurzsichtigkeit (immer schön in dem charmant klingenden Diktum “Leben in der Lage” verbrämt), der Quartalszahlenangst-getriebene Aktionismus, das vollkommene Verkennen struktur-organisatorischer und rechtlicher Begrenztheit, der Mangel an Feingefühl gegenüber Anderen, stets gepaart mit extremer (an Narzissmus grenzender) Empfindlichkeit hinsichtlich der eigenen Person… all diese Dinge, die ich nun seit Jahren an einigen Protagonisten beobachte, die sind Bullshit. Bullshit der übelsten Sorte. Bullshit, der in dem Spruch kulminiert: “Menschen kommen wegen toller Teams und gehen weger schlechter Chefs!” Und der Teufel weiß, ich habe auch meine Fehler gemacht.

50! Ist das nicht der Geburtstag, an dem man sein bisheriges Leben auf die Waage legt, und evtl. etwas Neues anfängt, wenn das Alte einfach Scheiße ist? Wenn ich nur nicht so ein Trottel wäre, der davon überzeugt ist, dass man Dinge, die man anfängt auch zu Ende bringt! Ganz ehrlich – dieses eine Mal könnte ich mit dieser Regel brechen. Ich versuche es noch ein bisschen. Ein kleines bisschen. Aber wenn ein paar Menschen den Olivenzweig, den ich ihnen – wider meine Überzeugung, weil ich nicht mehr verstehen kann, nicht mehr verstehen will, warum man ums Verrecken nicht zur Selbstkritik fähig ist – hinhielt nicht nachhaltig annehmen und ihr wiederliches, kleinliches, Ego-getriebenes Rumgepisse hinter den Kulissen bleiben lassen, lasse ich vielleicht zur Abwechslung einfach zurück, was ich aufgebaut habe und warte was passiert. Mittlerweile täte es nicht mal mehr sonderlich weh. Nachher geh ich ins Kabarett – DAS wird sicher nett. Schönen Samstag.

Auch als Podcast…

Midazolam und Marterhörner N°0 – Ye olde medic…

Es war der Winter ’93-’94, als ich das erste Mal mit der wüsten Welt der Notfallmedizin in Berührung kam. Damals war ALLES anders. Alle Gerätschaften waren schwerer (auch wenn’s mir nicht so vorkam, immerhin war ich ja deutlich jünger), unschieriger und wesentlich weniger performant, als man das heute so kennt. 12-Kanal-EKG? Gab’s in der Klinik. Die RTWs? Düsseldorfer Transporter von Mercedes (immerhin kam ich erst, als es schon 3-10er und 5-10er waren, keine 4-8er mehr). Ich bin auch auf Iveco gefahren (in den 90ern furchtbare Schleudern, keine Ahnung, wie die heute sind) und auf VW (in meiner Erinnerung immer ein bisschen wehleidiger als Mercedes; außer die KTWs auf Bully-Basis. Die waren Bombe). Viele Hilfsmittel gab’s noch nicht und überhaupt war das ganze Tun eher Basic. Wobei ich nicht weiß, ob die Qualität der Patientenversorgung heute so viel besser ist. Es kommt ja nicht auf die Gadgets an, sondern auf die Menschen, die sie nutzen; bzw. dies im richtigen Augenblick auch mal unterlassen. Immerhin ging es in dem Job schon immer um Menschen, die an Menschen mit Menschen für Menschen arbeiten. Und ich bin mir nicht so sicher, ob die Entwicklungen der letzten Jahre genau diesen Aspekt nicht haben aus dem Fokus geraten lassen? Aber darum soll’s hier heute gar nicht gehen.

Heute hinterm Schloß – alter Sani, alter Weg…

Damals war vor allem deswegen alles anders, weil die technische Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten war, weil die Welt sich anders anfühlte, weniger vernetzt war – und weil ICH selbst diese Gefühle hatte, welche vermutlich jeden jungen Menschen erfüllen, der/die/das in die weite Welt aufbricht, um dort eigene Spuren hinterlassen zu dürfen: unbesiegbar, unsterblich, unfehlbar… in Summe also unglaublich arrogant. No hard feelings Leute, chillt und versucht Folgendes zu verstehen: es war immer so, ist heute so und wird wohl auch immer so bleiben, dass die Jungen den Alten zeigen müssen, wo der Hammer hängt. Es ist ein notwendiger Rite de Passage. Ein Übergeben/Übernehmen des Staffelholzes, welches nie ganz ohne Schmerzen und Reibungsverluste abgehen KANN, weil wir Menschen uns recht einfach an die Dinge gewöhnen. Zum Beispiel daran, Recht und den Hut aufzuhaben. Ich war ja genauso. Insbesondere am Anfang meiner beruflichen “Karriere” im Rettungsdienst hatte ich den Kopf voll Nix, aber ‘ne Fresse, groß wie bei ‘nem T-Rex. Ich habe damals relativ schnell lernen müssen a) demütiger, b) besser und c) sozial verträglicher zu werden. So, wie alle anderen auch. Hat weitestgehend geklappt. Das Prinzip SATAN beherrsche ich allerdings immer noch in Perfektion: Sicheres Auftreten Trotz Absoluten Nichtwissens, a.k.a. “Fake it, until you make it!”.

Die gesellschaftlichen, technischen, organisatorischen Voraussetzungen waren also ganz andere, als für unsere heutigen Berufsanfänger. Es vermag zumindest mich daher wenig zu verwundern, wenn meine jungen Kolleg*innen heute an viele Dinge anders herangehen. Und vielleicht klingen meine Worte deshalb ein bisschen wehleidig, weil ich diese Zeit vermisse. Weil ich mit einem gewissen Neid auf die jungen Menschen blicke und selbst gerne noch mal so carefree, laid back und auf die Action versessen wäre, wie damals. Ich erinnere mich einige Jahre zurück, als ich mich mit einen älteren Kollegen unterhielt, der in seinen 60ern noch mal das Mopedfahren für sich entdeckt hatte. Ich fragte ihn, wie das so sei und er antwortete: “Ich bin mir meiner Sterblichkeit mittlerweile zu sehr bewusst…”. Damals war es ein guter Lacher für uns beide, aber heute…? Ich bin weit davon entfernt, in Weltschmerz zu versinken, weil ich selbst schon eine Weile keine Sanitätsdroschke mehr bewegt habe; ich habe ja auch so eigentlich genug zu tun. Aber neulich kam jemand auf mich zu und machte einen Vorschlag, der mich seitdem nicht mehr loslässt. Ich glaube, ich muss es wieder tun: RTW fahren! Und zwar wie früher – mit Glanz und Gloria! Auch wenn der Lack zumindest bei mir schon ein bisschen ab ist.

Ich will’s noch mal wissen: kann ich das noch so gut wie früher. Ich meine, ich war nie der “Spitzensani”. Ich habe mich immer eher so im guten oberen Mittelfeld gesehen. Aber der Drang, wieder selbst “gegen Tod, Not und Elend zu reiten” ist auch nach über 30 Jahren immer noch da. Ich bin wohl einer dieser “Dinosaurs of EMS”, die diesen ganzen Scheiß einfach im Blut haben. Und es ist nicht so, dass ich ganz am Anfang – dank der oben beschriebenen Gefühle – nicht gegen die eine oder andere Tür gelaufen wäre, Fehler gemacht hätte und Lehrgeld bezahlen musste. Oh nein, von alledem ist mir genug widerfahren. Doch diesen Schmerz kann ich heute verkraften. Allerdings musste ich mittlerweile schon ein paar Kollegen in das große Danach gehen lassen, von denen ich so Einiges gelernt habe; das tut schon weh. Ich hoffe, es gibt so was wie ein Walhalla für Paramedics; sie hätten es verdient. Die Straße war nie gerade, sie war nie einfach und sie hat dir Fehler niemals leicht verziehen. Trotzdem bin ich sie, nachdem ich ein paar Dinge über mich und den Job gelernt hatte, allen Schmerzen und Widrigkeiten zum Trotz gerne gegangen; und wurde stolz auf meinen Job, weil ich immer mit Menschen an Menschen für Menschen arbeiten durfte. Auch heute als Pädagoge stimmt dieser Satz noch – und trotzdem ist es etwas vollkommen Anderes. Und mittlerweile weiß ich: die alte Straße möchte mich noch nicht vollkommen gehen lassen. NA DAS WIRD WAS GEBEN… vor allem Geschichten. Vielleicht erzähle ich hier in Zukunft ein paar. Alte und Neue. Bis dahin – startet gut in die neue Woche.

Auch als Podcast…

New Work N°16 – work ethics…?

Man liest, so ungefähr seit Anbeginn der Pandemie im Frühjahr 2020 immer wieder etwas über die Themen “Home-Office”, “Work-Life-Blance”, “4-Tage-Woche”, “Renteneintritt” usw. Und je nachdem, WER sich da gerade äußert, ist die andere Meinung Teufelswerk. Ich habe ja schon öfter gesagt, dass es total nice wäre, WENN IHR ENDLICH MAL MIT EUREM EGO-GETRIEBENEN DOGMATISMUS AUFHÖREN KÖNNTET, IHR VERF*****N A*******GEN! Ach es ist so wunderbar; manche behaupten, nachweisen zu können, das Home-Office die Produktivität steigert, andere, dass es sie senkt. Manche sagen, dass weniger Wochen- bzw. Lebens-Arbeitszeit den Gesamtwohlstand unserer Landes bedrohen würden, andere sagen jedoch, dass wir das mit gesteigerter Produktivität locker wieder reinkriegen würden. Was ist denn nun wahr? Sagen wir mal so – nichts davon wirklich vollkommen und ebenso nichts davon wirklich vollkommen nicht. Das wahre Problem dabei ist, dass auf dem Marktplatz der Interessen und Meinungen jene seit jeher ein größereres Gewicht genießen, die von so genannten “Elitenvertretern” geäußert werden – also Menschen, die hinreichend viel Geld und/oder Macht haben, Meinungen zu kaufen, die ihren Wohlstand und ihre Macht schützen. Denn Macht ist ein autopoietisches System und versucht sich daher selbst zu erhalten. Die ganze öffentliche Debatte ist also weitgehend nutzlos, weil man entweder die eine oder die andere Seite schreien hört. Ausgewogene Berichte, Ideen und Meinungen? Weitestgehend Fehlanzeige…!

Ich las (leider auf ZON hinter der Bezahlschranke, sorry) einen Artikel, in dem vier recht junge Menschen (zwischen 21 und 26) von ihrem Einstieg ins Berufsleben, dem Clash mit der 40h-Woche und der Enttäuschung über den Verlust an subjektiver Freiheit berichten. Und natürlich von der daraus resultierenden Bereitschaft, relativ schnell den Job/Arbeitgeber zu wechseln, in der Hoffnung, dass es doch woanders schöner, chilliger, einfacher, weniger anstrengend, etc sein muss. Wer sagt es Ihnen…? Blödsinn beiseite hat der Umgang mit der eigenen abhängigen Lohnarbeit etwas mit psychologischem Framing zu tun, mit Geduld, mit Verantwortungs-Bewusstsein, mit Genügsamkeit und letzten Endes auch mit der Zurücknahme des eigenen EGOs. Insbesondere, wenn Teamwork gefragt ist. [EXKURS: Notfallsanitäter*innen glauben von sich, sie seien hoch teamfähig. Das ist eine Illusion, denn sie bilden lediglich kurzfristig (tageweise) Arbeitsgruppen, um unter Druck ebenso kurzfristige Ergebnisse für die Patienten zu erzielen. In der Theorie zumindest, denn in der Realität sind nicht wenige von ihnen eher damit beschäftigt, sich fortwährend einen auf ihr Blaulicht-Ego runterzuholen; vollkommen egal, ob Männlein, Weiblein, oder Diverslein! Das Einzige, was sie dabei hinkriegen, ist für kurze Phasen ihr EGO an die Kette zu legen, damit es so aussieht wie Teamarbeit… EXKURS ENDE] Auch, wenn der Absatz in der Wahrnehmung mancher so begonnen haben mag: das hier ist kein wohlfeiles Gen-Z-Bashing, sondern der Hinweis darauf, dass JEDE GOTTVERDAMMTE GENERATION erst einmal lernen muss, sich mit den (sehr realen) Zwängen des Arbeitslebens zu arrangieren. Daran hat sich seit der Antike wenig geändert. Was sich jedoch geändert hat, sind die Bedingungen, zu denen eben diese Zwänge u.U. verhandelbar sind. Und die jungen Leute nehmen diese Chance auch aktiv wahr!

Aus Gen-Xern wie mir spricht da manchmal einfach der blanke Neid, dass WIR diese Chance nicht hatten, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass wir sie ebenso ergriffen und uns unsere Nische etwas bequemer gemacht hätten. Ich nehme die jungen Leute heute auch nicht als weniger leistungsbereit oder belastbar wahr; sie sind jedoch – zumindest teilweise – viel kritischer, als viele meiner Altersgenossen dies jemals waren. Kommen wir also zum Anfang zurück; oder besser zur Frage nach dem eigenen Arbeitsethos und dem Umgang mit den eben angesprochenen Zwängen. Wie etwa, xx Stunden pro Woche an einem bestimmten Ort anwesend sein zu müssen (außer man ist krank, oder hat Urlaub), dort auch noch Dinge tun zu müssen, die jemand anders für einen bestimmt und sich an verschiedene Verhaltensregeln halten zu müssen. Ich sage es mal so: am Anfang stand die Berufswahl, und die ist in Deutschland laut Art. 12 GG eine persönliche Entscheidung! Also chillt mal alle eure Base und kommt klar! Es heißt “Arbeit” und die verbraucht in jeder physikalischen Betrachtung Energie. Ihr gebt also eure Energie für das Geld, dass man euch zahlt. Fun Fact: es ist erneuerbare Energie und sie erneuert sich tatsächlich von selbst, wenn ihr ein bisschen nett zu eurem Körper seid. Sozialen Zwängen ist man überall unterworfen, nicht nur bei der Arbeit. Oder randaliert ihr in der Straßenbahn, pisst beim Fußball eurem Banknachbarn ins Bier, jagt eure Familie mit dem Auto, schlagt euren Hund und zündet den Stadtwald an…? Wenn die Arbeitsstelle und der Arbeitnehmer nicht zusammenpassen, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ein Wechsel zumindest erwogen werden muss – egal, in welchem Lebensalter. Jetzt könnte jemand sagen “Ja, aber uns Alte will doch niemand mehr haben!”. Wenn das wirklich der Fall ist, ist allerdings zumeist vorher schon so einiges schief gelaufen. Und jeder Personaler, der auch nur ein bisschen Grips im Kopf hat, weiß, dass Erfahrung durch nichts zu ersetzen ist, außer durch mehr Erfahrung.

Ob wir tatsächlich so viele Arbeitsstunden brauchen, wie speziell die neoliberalen Politiker derzeit überall gerne behaupten, hängt von der Art und Organisation der jeweiligen Arbeit ab. Manche braucht Ruhe, andere Action, manche ist körperlich (und lässt einen u.U. physisch vor der Zeit altern), andere eher kognitiv, manche braucht Präsenz, widerum andere lässt sich remote erledigen, manche erfordert eine intensive Ausbildung, andere nur ein kurzes Anlernen. So vielfältig wie Menschen, das Leben, unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt sind, so vielfältig sind auch die Anforderungen an unser berufliches Handeln. Und trotzdem gibt es eine Menge Leute (insbesondere so Typen, wie Arbeitgeberpräsidenten), die glauben, alles und jeden in Schablonen pressen zu können. Ich glaube, es täte der Debatte und uns allen gut, wenn man sich einfach kollektiv folgender dreier Tatsachen erinnern könnte:

1) Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt erzeugen eine Dynamik, die althergebrachte Arbeitsformen und -modelle nach und nach obsolet macht. Die Dynamik gesellschaftlicher Veränderungsprozesse braucht daher eine äquivalente Antwort im Handeln der Arbeitgeber.

2) Wir haben abseits produzierender Gewerke immer noch keine guten Modelle, mit denen sich die Produktivität kognitiver und kreativer Arbeit sauber bewerten lässt. Diese Frage MUSS ebenso geklärt werden, wie der Wert von Care-Arbeit.

3) Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem produziert eine weiterhin unnötig große soziale Ungleichheit. Erwerbsloses Einkommen aus Kapitalerträgen muss mindestens äquivalent zum Erwerbseinkommen aus unselbstständiger Arbeit besteuert werden.

Was der Satz “Arbeit muss sich (wieder) lohnen!” tatsächlich bedeutet, muss jede*r für sich selbst entscheiden. Was er NICHT bedeuten kann ist “weiter so”. Menschen vorzuwerfen, sie würden zu wenig arbeiten, während man sich an ihrer Produktivität in unzulässigem Maße bereichert, ist ASOZIAL SCHEISSE vom Feinsten. Und was machen meine Mitmenschoiden: bezeichnen andere als Schlafschafe, während sie selbst die dämlichen Schafe sind, die jenen Wolf zu ihrem Schäfer wählen wollen, der sie fressen wird. Und das nur, weil er verspricht, dass alles so bleibt, wie es ist. Was es nicht sein wird, weil es nicht mehr sein kann! Der Wandel ist da. Unsere einzige Chance ist, jetzt selbst in die Hand zu nehmen, diesen aktiv mitzugestalten. Geht wählen ihr Pappnasen; und zwar NICHT die AfD, die CDU oder die FDP. Es sei denn ihr seid Unternehmer und habt schon ein paar Mio. auf dem Konto. Dann habt ihr natürlich kein Interesse mehr am Wandel. Alle anderen sollten dieses Interesse haben. Rohe Pfingsten, ihr lustigen…

Auch als Podcast…

Erwachsen bilden N°50 – Lesen bildet…?

Während einer Veranstaltung, der ich in den letzten Tagen beiwohnen durfte, beklagte sich ein Kollege zumindest ein bisschen darüber, dass er bei einigen seiner Schüler Qualität in der Lesekompetenz vermisse, was sich nachteilig auf den Erfolg der Ausbildung auswirken könne; immerhin müsse man sich ja mit fachwissenschaftlichen Texten auseinandersetzen, um größere Zusammenhänge durchblicken zu können. Das lies mich aufhorchen. Ich hatte vergangene Woche vor Praxisanleitern in Ausbildung meinen üblichen Vortrag gehalten über unsere Möglichkeiten, als in der Berufsbildung Tätige Lernkompetenzen der Schüler*innen zu entwickeln und/oder zu stärken. Und meine Ausführungen gingen (wie stets) in der Tat davon aus, dass die Auszubildenden schon über ausreichende Lesekompetenz verfügen würden. Offenkundig habe ich mich da jedoch getäuscht, was bedeutet, dass ich diesbezüglich noch mal ein paar Brikettts nachlegen muss. Immerhin weisen ja auch die aktuellen Studien darauf hin, dass man sich nicht darauf verlassen darf, dass das “Rohmaterial”, welches in unsere Einrichtungen strebt bestimmte – implizit in den Köpfen der Ausbildenden vorhandene – Voraussetzungen erfüllt… Man muss jetzt kein Genie sein, um zu verstehen, dass dieses Gap, welches sich hier auftut in der nahen Zukunft kein Einzelfallbefund bleiben wird; und dass daraus Konsequenzen für unser Handeln in der Berufsbildung abzuleiten sind.

Ich bin da jetzt in einem Zwiespalt: einerseits habe ich natürlich einen gewissen Anspruch an die mitgebrachten persönlichen Merkmale, wenn es an die Auswahl von Bewerbern für die Ausbildung geht. Und wir thematisieren diese idealtypischen Aspekte natürlich auch in der Weiterbildung zum/zur Praxisanleiter*in (Stichwort: Personalauswahl). Doch ich beginne an meinen eigenen Ideen zu zweifeln, denn einerseits wäre es vollkommen absurd, an evtl. nicht (mehr) erfüllbaren Voraussetzungen festzuhalten, andererseits verändert es die Herangehensweise an die Ausbildung als solche erheblich, wenn bestimmte sprachliche Kompetenzen, die für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit den fachwissenschaftlichen Themen unseres Gewerkes schlicht notwendig sind, erst von uns geschaffen werden müssen, bevor wir diese nutzen können. Werden wir vielleicht in Zukunft – ähnlich einem Berufskolleg – mit den Bewerbern*innen erst Sprachqualifizierung betreiben müssen, bevor wir mit der eigentlichen Berufsausbildung beginnen können? Ich weiß es nicht, aber es erscheint nicht so unwahrscheinlich, dass sich hier in den nächsten Jahren so einiges tun muss. Vor diesem Hintergrund bin ich jetzt auch bereits daran, meine Unterrichtsvorbereitungen dazu zu überarbeiten. Und es ist ja auch nicht so, dass das Thema nicht an vielen Stellen angekommen wäre, wie die nicht unerheblich ironischen Ausführungen dieses Podcasters hier zeigen!

Es wäre mir allzu wohlfeil, jetzt wieder zu diesem – in den antisozialen Medien nicht eben selten anzutreffenden – Gen-Z-Bashing anzusetzen. Aber zumindest der Aspekt, dass der Umfang des Medienkonsums auf digitalen Endgeräten (Smartphones) vermutlich einen Einfluss auf die Modalitäten des (Schrift)Sprachgebrauches hat, lässt sich nicht von der Hand weisen. Nicht unbedingt auf die Aufmerksamkeitsspanne. Das darf man getrost weitestgehend als Legende abtun. Jedoch offenkundig auf Wortschatz, Orthographie, Satzbau, Interpunktion; und damit mittelbar auf die Fähigkeit, den semantischen Gehalt komplexerer Sprache schnell und präzise erfassen zu können. Ist man noch dazu kein Muttersprachler, und somit nicht per se in der Lage, sein übliches Sprachniveau ohne größere Mühe unterschiedlichen sozialen Settings anzupassen, wächst das Problem plötzlich zu erheblicher Größe an. [Anmerkung: auch so mancher Muttersprachler erreicht NICHT das Sprachniveau, welches man Muttersprachlern üblicherweise unterstellen möchte…] Wie man es auch drehen und wenden möchte – die resultierenden Probleme sind real und werden in den nächsten Jahren Arbeit verursachen. Insbesondere, weil ich keinerlei Spielraum sehe, etwas am Inhalt und dem damit einher gehenden Anspruch der Ausbildung abzuknapsen. Denn das liefe allen Bemühungen, das Berufsbild endlich als echte Profession mit zugehöriger Professionswissenschaft zu etablieren vollkommen zuwider. Und das KANN NICHT der Anspruch sein!

Ich stelle immer wieder fest, dass der in mir selbst vorhandene intrinsische Drang, sich mit verschiedensten Sach- und Wissensgebieten lesend auseinanderzusetzen bei meinen Nachkommen nicht im Ansatz so ausgeprägt ist, wie bei mir. Und ich weiß nicht präzise, woran das liegen könnte. Ich würde jedoch mutmaßen, dass der deutlich eingeschränkte Zugang zu anderen Medien meine, schon immer regelmäßig Amok laufende kreative Ader in diese Richtung hat laufen lassen. Da war halt über lange Zeit wenig anderes als Bücher, um meine Fantasie zu befriedigen; und ein in Kinder- und Jugendtagen erlernter Modus der Aneignung (wie bei mir eben das “klassische Lesen”) bleibt über die gesamte Biographie hinweg wirkmächtig. Irgendwann kam dann auch Fernsehen dazu. Mein erster Computer hingegen (ein Commodore C64, den ich mir von meinem Konfirmatonsgeld kaufte) eignete sich natürlich auch zum Spielen, regte aber vor allem meine Auseinandersetzung mit der Technik an. Basic- und Assembler-Programmieren habe ich mir selbst beigebracht. Internet hingegen gab es damals noch nicht. Das lernte ich erst Ende der 90er wirklich kennen. Meine Kinder hingegen hatten, genauso wie die meisten ihrer Altersgenossen schon früh Zugang zu digitalen Medien. Die beste Ehefrau von allen und ich hatten stets versucht, das zu bremsen und zu regulieren; mit ungefähr dem gleichen Erfolg wie andere auch. Was dazu führt, dass Lesen für die zwei nur eine Kulturtechnik von vielen ist; und nicht, wie für meine Gattin und mich DIE ERSTE UND WICHTIGSTE Kulturtechnik.

Das alles ist natürlich rein anekdotische Evidenz. Aber es scheint mir zumindest teilweise zu erklären, wo die oben beschriebenen Probleme herkommen. Denn wenn man Auswahl hat, ist Lesen definitiv nicht die attraktivste Option; es erfordert Ausdauer, Konzentration und ist somit anstrengend. Ist man nicht so sehr daran gewöhnt, tut man sich damit schwerer. Wobei man das nicht als Kausalbeziehung sehen darf. Die Wahrscheinlichkeit, Lesen geil zu finden sinkt jedoch mit der ubiquitären Verfügbarkeit bunter bewegter Bilder u. U. erheblich. Und was mache ich jetzt mit diesen Gedanken…? Keine Ahnung. Wahrscheinlich versuche ICH, noch etwas mehr Literatur darüber zu finden. Und was tut/denkt IHR so…?

Auch als Podcast…

Verdammt – schon wieder Sonntag…?

Ich sah die Tage auf Insta ein kleine Bildergeschichte, die ungefähr so ging:

Mitarbeiter und Chef in Videokonferenz
Chef: "Mir ist aufgefallen, dass Sie jeden Tag exakt um 09:00 ein- und um 17:00 ausstechen..."
Mitarbeiter: "Ja, ich bin um 17:00 mit meiner Arbeit fertig."
Chef: "Sie gehen also nach Hause, wenn alle anderen noch arbeiten?"
Mitarbeiter: "Ja, da ich mit meiner Arbeit fertig bin."
Chef "Sie wissen, dass bald Beförderungen anstehen und dass jemand, der nicht etwas mehr für den Laden tut, dann leicht übersehen werden kann...?"
Mitarbeiter: "Oder ich stehe auf der Liste ganz oben, weil ich effizienter arbeite, als alle anderen. ICH bin um 17:00 mit meinen Aufgaben fertig!"
Chef: "...?"
Mitarbeiter: "Ich kann Ihnen ja auch mal zeigen, wie man es schafft, vor 20:00 rauszukommen. Es braucht nur ein wenig Übung. Und schon hat man auch wieder ein Privatleben! Ah... wir haben 17:00"
Mitarbeiter loggt sich aus
Chef:"...?"
Der kleinen Ziege ist der Boss egal – sei wie die kleine Ziege!

Um es gleich vorwegzunehmen: die kleine Geschichte bekam einen shitload of hate von Menschen, die es offenkundig gewohnt sind, “die Extrameile zu gehen”; viele von ihnen stammen zudem anscheinend aus den USA, wo das mit der Arbeit noch mal eine ganz andere Geschichte ist. Aber warum, wenn ich mal ganz frech fragen darf, sollte ich mich von jemandem auffordern lassen müssen, mehr zu tun, als vertraglich vereinbart wurde? Ich meine – ja, es gibt Menschen, denen ihre Arbeit so viel Freude bereitet und so viel (positive) Herausforderung bietet, dass sie gerne etwas mehr geben. Dann gibt es jene Menschen, die mit einem typischen 9-to-5-Model nix anfangen können, weil ihr (zirkardianer) Biorhythmus, ihre Lebensgewohnheiten, ihre Sozialisation, ihre psychische Verfasstheit nicht mit 9-to-5 zusammenpassen. Ich gehöre übrigens auch in diese Kategorie. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich mir meine Wochenarbeitszeit kreuz und quer über die Tage legen und käme wahrscheinlich trotzdem immer noch auf 5 – 10% mehr, als ich eigentlich müsste. Weil ich gerne an Problemen tüftele, mich unterschiedlichste Themen aus meinem Fachbereich interessieren und beackert werden wollen, weil mein Job sehr vielfältig und fordernd ist. JA, er ist manchmal auch mit Arschlöchern durchsetzt; aber die findet man, Gauß’schen Normalverteilungen zufolge überall. Trotzdem fickt mich dieses ewiggestrige Modell des Festzeit-Präsentismus so sehr, dass ich immer wieder überlege, mir einen Job mit fester Home-Office-Garantie zu suchen, selbst, wenn ich dann weniger verdienen würde. Weil mich dieses “Sie müssen im Büro sichtbar sein!” an preußische Gutsbesitzer erinnert, die ihre Länderein abschreiten, um nachzuschauen, ob die Frohndienste auch sauber erbracht werden. WAS FÜR EIN SCHWACHSINN!

Dass Lehrkräfte für die verschiedenen Unterrichte da sein müssen, die sie zu geben haben, dass es Sprechzeiten für Auszubildende und die anderen an der Ausbildung beteiligten Stellen geben muss, steht außer Frage. Dass ich als Administrator auch noch für einen Haufen anderer Menschen erreichbar sein muss, werde ich nicht bestreiten. Aber ganz ehrlich: Klausuren korrigieren, Stoff noch mal tiefergehender recherchieren, Unterricht vorbereiten, Distanzlehreveranstaltungen entwickeln und zusammenbauen, strategische Planung und Entwicklung – all das geht mir in meinem eigenen dedizierten Büro, so klein es auch sein mag, IMMER besser von der Hand, als im großen Lehrerzimmer oder meinem Präsenz-Office, wo sehr häufig am Tage jemand hereinspaziert kommt und mich ablenkt. Wenn dann noch eine zwanghafte Orientierung an der Uhr dazukommt, macht mich das mit der Zeit, müde, mürrisch, unglücklich – und vor allem ineffektiv und weniger produktiv. Und es ist definitiv nicht mein Ziel, zu wenig oder zu schlechte Arbeit abzuliefern. MICH hat schon sehr lange niemand mehr aufgefordert, dass ich länger bleiben müsse. Wohl aber haben Leute in letzter Zeit zu spüren bekommen, was passiert, wenn ich mich auf andere Weise zu sehr gegängelt fühle. Und das fanden sie nicht so gut, dass da offensichtlich immer noch Dämonen hinter der Fassade lauern, die man mit der richtigen (oder besser: falschen) Strategie aufwecken kann; und die dann allen Beteiligten den Tag versauen können. Wie schon des öfteren gesagt: meine Toleranz für Bullshit ist bei ZERO; und sie wird auch nicht wieder steigen!

Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen über die strategische Ausrichtung und die Modalitäten der Kommunikation; und immer wieder sage ich mittlerweile laut “NEIN”, wenn ich das Gefühl habe, Dinge tun zu sollen, die sinnlos sind. Auch steht regelmäßig das Thema Präsentismus auf der Tagesordnung – und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass man mit mir nicht mehr darüber reden möchte. PECH GEHABT. Denn Präsentismus vertreibt Mitarbeiter, vernichtet oft mehr Output als er Synergien schafft und nervt ganz allgemein Menschen, die anders funktionieren als eine gut geschmierte 9-to-5-corporate-drone zu Tode. Mal ganz davon abgesehen, dass die körperliche Anwesenheitszeit am Arbeitsplatz mit erledigter Arbeit gleichsetzen zu wollen in etwa so sinnvoll ist, wie der Versuch, Alligatoren das Fliegen beizubringen. Jeder weiß doch, dass das nur mit Haien geht; und nur in der Tornadosaison… Hübsche Hutständer, deren tatsächlicher Leistungsoutput – umgekehrt proportional zur Menge bewegter heißer Luft – gegen Null konvergiert, gibt’s in jedem Laden. Meistens haben diese Kanaillen auch noch die allergrößte Klappe. Und sind super darin, mit den richtigen Leuten bei den richtigen Anlässen einen zu heben, um persönlich voran zu kommen. Selbstdarsteller eben. Konnt ich noch nie gut; ich neide den Leuten ihren Erfolg aber auch nicht, denn im Arsch vom Chef ist es halt auch dunkel und stickig. Das muss man wollen! Wenn es nach mir ginge, ließe man mich (und mein Team) einfach in Ruhe unseren Job machen und in regelmäßigen Abständen Informationen liefern. Aber so einfach wird es wohl nicht so schnell werden. Schade eigentlich. Ist morgen tatsächlich schon wieder Montag…

Auch als Podcast…

Reality Reloaded!

Jeder Mensch macht sich seine eigene Realität! Man könnte diesen Satz einfach so stehen lassen, an Donald Trump und Konsorten mit ihren “alternativen Fakten” denken und ein Schulterzucken später wieder zum “business as usual” übergegangen sein; oder man denkt doch noch mal ein bisschen darüber nach, was das EIGENTLICH bedeutet. Ich meine, jede*r von uns (Erwachsenen) nimmt die Welt auf Basis seiner/ihrer zuvor gemachten Erfahrungen wahr. Das bisherige Erleben strukturiert somit das folgende Erleben. Jemand, der zum Beispiel in seinem ganzen Leben immer nur ausgenutzt und beschissen wurde, wird ein x-beliebiges, günstiges Angebot mit großem Misstrauen beäugen und vermutlich ausschlagen, weil hier in seiner Realität doch nur wieder eine weitere Enttäuschung lauert. Eine andere Person mit positiveren Erfahrungen hingegen… man weiß es nicht, aber es klingt plausibel, anzunehmen, dass dieser Mensch anstatt eines Risikos oder eine Falle eher eine Chance zu erkennen vermag. Das ist nur ein Beispiel, wie sich individuelle Faktoren, wie das soziale Umfeld und Kapital, Bindungserfahrungen, Peergroups deren Teil man ist, schulische und außerschulische Lernerfahrungen, etc. auf die Struktur der Wahrnehmung unserer Welt auswirken, die sich im Umkehrschluss in der Struktur der, in der eigenen Psyche rekonstruierten Realität wiederfindet! Hier allerdings Kausalität unterstellen zu wollen (er/sie ist, so, weil das Elternhaus, die Schule, der erste Lebensabschnittspartner so waren) ist aus wissenschaftlicher Sicht großer Kokolores. Bestimmte Erfahrungen steigern Wahrscheinlichkeiten, aber Menschen sind nun mal (oder doch Gottseidank) keine Maschinen, die man per Algorithmus steuern kann.

Generated with Bing Image Creator, powered bei DALL-E 3…

Ich stolperte heute beim Stöbern in einem Buchladen, für den ich von meinem letzten Geburtstag noch einen Gutschein hatte über eine Publikation von David Chalmers aus 2022: “Realität +. Virtuelle Welten und die Probleme der Philosophie.” Und das Buch fasziniert mich, weil Chalmers (u. A.) die Hypothese vertritt, dass wir NICHT beweisen können, dass wir nicht in einer Simulation leben. Ein Hoch auf die Matrix könnte man süffisant lächelnd deklamieren. Tatsächlich geht es ihm wohl eher um die Frage, welche Haltung wir, im Angesicht einer sich dramatisch schnell ändernden Welt, die eben auch immer mehr mit Simulation angereichert wird, zur fortschreitenden Vermischung von Realitäten haben wollen? Denn mit Augmented und Virtual Reality als Teil unserer Welt, der sich immer häufiger in der Arbeitswelt, der Bildung, aber eben auch der Freizeit wieder findet brauchen wir Haltungen zu diversen komplexen Fragen: sind VR und AR Illusionen, oder andere Realitäten? Wieviel von unserem Leben ist eine Simulation, wie viel Realität und kann bzw. soll man das überhaupt unterscheiden? Wie kann man in einer simulierten Realität ein gutes, ein richtiges Leben führen (Adorno anybody: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”)? Ich denke, dass wir gut beraten sind, uns dringend mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Insbesondere jetzt, da Artificial Intelligence, oder zumindest ihr Herold in Form von Large Language Models Einzug in verschiedene Lebensbereiche hält.

Ich experimentiere momentan mit verschiedenen AI-Tools für meine kreativen Workflows herum, weil ich denke, dass man nicht alles zu Fuß machen muss, wenn es dafür geeignete Substitute gibt. Ich fahre ja auch nicht mit einem Eselkarren einkaufen oder in Urlaub, beleuchte Abends die Wohnung nicht ausschließlich mit Kerzen; und am RTW findet der Beladeprozess heute mit elektrohydraulischer Unterstütztung statt. In diesem Sinne sind LLMs auch nur ein Werkzeug. Das Bild weiter oben hat Bing Image Creator (unter der Haube steckt da DALL-E 3) auf Basis eines von mir vorgegebenen Prompts erstellt. Je mehr man spezifiziert, desto präziser treffen diese Kreationen die eigene Vorstellung und es bedurfte einiger Versuche für dieses Ergebnis. Insgesamt würde ich die Erfahrungen als befriedigend bis gut einstufen, sie weisen aber auf eine Eigenheit von aktuell frei verfügbaren LLMs hin, mit der man umzugehen lernen muss: diese rudimentären AI-Anwendungen brauchen hoch präzise Angaben, um das Richtige ausspucken zu können. Das bedeutet, dass der kreative Prozess sein Antlitz verändert. Ich selbst beginne eine Skizze (etwa im Bikablo-Stil) und denke mir die Elemente mit dem Stift nach und nach dazu; streiche, korrigiere, redigiere. Und während das passiert, ändert sich meine Wahrnehmung, mein Denken über das, was ich visualisieren möchte. Hier mit DALL-E 3 hingegen brauche ich eine komplett fertige Idee vor meinem geistigen Auge, die ich so treffend wie möglich beschreiben muss, damit das Ergebnis passt. Beide Workflows sind kreativ, intuitiv, spielerisch – aber dennoch grundverschieden.

Letztlich treibt mich nun die Frage um, inwieweit ich gerade die Simulation eines Arbeits-Prozesses erlebe, wenn ich verschiedene Teile einer Arbeit, die ich bislang selbst getan habe an ein LLM auslagere und im Gegenzug die Kontrolle über diesen Prozess durch eine Steigerung gedanklicher und folgend sprachlicher Präzision wiedergewinnen muss? Ich bin mir noch nicht sicher, aber den obigen Überlegungen folgend muss ich wohl oder übel bald eine Haltung dazu einnehmen. Mal sehen, ob mir Chalmers Buch dabei helfen kann.

Auch als Podcast…

Springtime Relief!

Ich bin eine Gadget-Hure. Man kann das drehen und wenden wie man will, aber technische Geräte, die einem (oft nur vorgeblich) das Leben erleichtern, faszinieren mich. Ich bin heute, obschon mit besseren finanziellen Mitteln gesegnet, allerdings nicht mehr so schnell dabei, mir Dinge, die mich interessieren einfach zu kaufen. Mag an einem stetigen Überdenken meines Konsumverhaltens liegen, oder daran, dass ich wirklich gerne Reviews lese. Und dann zwangsläufig auch über jene stolpere, die dieses oder jenes echt coole Dingens als exakt so scheißig entlarven, wie es das auch ist; oder auf Probleme in der praktischen Nutzbarkeit hinweisen. Oder den Zweck des Gerätes als solchen in Frage stellen. Wie viele analoge Notizblöcke und Stifte kann man für ein remarkable(c) kaufen? (ein E-Ink-Tablet, mit dem man genau eine Sache tun kann: handschriftliche Notizen auf einem elektronischen Gerät aufzeichnen, dass sich anfühlt, wie Papier…) Ich denke halt oft darüber nach, wie ich meine kreativen Prozesse besser, geschmeidiger, effektiver gestalten kann. Und manchmal komme ich dabei auf das schmale Brett, dass Tech alles besser macht. Augerechnet ich als Pädagoge müsste es doch besser wissen, oder…? Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir Menschen des frühen 21. Jahrhunderts immer noch an das Fortschritts- und vor allem das Coolness-Versprechen glauben, dass uns seit Jahrzehnten von verschiedenen Konzernen tagtäglich ins Hirn gehämmert wird. Anders kann man es sich kaum erklären, dass die Firma Apple so groß geworden ist, mit Produkten, die andere genausogut entwickeln und herstellen können.

Ich werde dieses Jahr 50 und scheine manchmal trotzdem immer noch zu denken wie ein 20-Jähriger. OK, Jungs werden 14 und wachsen danach maximal noch an Höhe und Breite; dennoch ist es ernüchternd, sich für so unglaublich reflektiert zu halten, um trotzdem wieder und wieder Artikeln auf den Leim zu gehen, die darüber berichten, welche Tech und welche Methoden man UNBEDINGT braucht, um seinen creative workflow auf Level zu bringen. Alleine die Menge an Brechreiz erregendem Marketingsprech, die viele Artikel über Kreativ-Gadgets und Kreativ-Methoden und Kreativ-Räume, sowie die sie erzeugenden Journaloiden umwölkt, könnte mir ein Indikator für die aufgeblasen-scheißige Hohlheit des Inhaltes sein. Und doch… blöd bleibt manchmal blöd. In den vergangenen Monaten war ein Grund – und das soll hier wirklich nichts entschuldigen – der Umstand, dass ich nicht so ganz ich selbst war. Gefangen in einer Dunkelschleife, welche die üblichen Probleme mit sich brachte: Dünnhäutigkeit, Selbstzweifel, Aggressionen, Vermeidungsstrategien, Antriebslosigkeit, gelegentliches Prokrastinieren – und natürlich den Gegenpol: krankhaftes Schuften auf der Suche nach Erfolgserlebnissen. Name it, I know it! Been there, done that… Die unnütze Suche nach dämlichen Gadgets und anderer Leute neuen Ideen (die ich eigentlich selbst schon im Überfluss habe) fällt gleich in mehrere der vorgenannten dysfunktionalen Coping-Strategien. Und ich frage mich, wie viele Andere sich irgendwelchen Müll kaufen, um eine Leere auszufüllem, die mit ein bisschen Lachen, Lesen (BÜCHER), menschlicher Nähe, Sonnenlicht und sozialer Aktivität viel besser zu füllen wäre?

Doch es sieht nun wenigstens für mich ein bisschen so aus, als wenn das Eis langsam bricht. Man mag gar nicht darüber nachdenken, dass Ende nächster Woche evtl. noch mal ein Wintereinbruch kommen soll. Ich kann das Grau in Grau nicht mehr sehen, ich brauche jetzt Frühling. Nicht nur, weil man dann wieder etwas mehr draußen unternehmen kann, wodurch mein Vitamin-D-Pegel auch nicht mehr per Substitution gepushed werden muss. Ebenso nicht, weil bei Sonnenschein gefühlt alles ein bisschen leichter fällt. Sondern weil ich spüre, dass der Griff meiner Depression wirklich nachlässt, der mich dieses Mal mehrere Monate nicht richtig hat zur Ruhe kommen lassen. Ich kann nicht leugnen, dass es mir derzeit immer noch schwer fällt, richtig gut draufzukommen. Und die Arbeit ist derzeit nicht eben ein Quell steter Freude, weil immer neue Hürden auftauchen, die nur selten einfach zu bezwingen sind. Aber es wird. Ganz langsam wird es wieder! Und ich darf erneut feststellen, dass oft der Wunsch nach Konsum nicht mehr ist, als ein gut versteckter Mangel an etwas anderem. Ich habe heute Morgen vor der Playse gesessen und gezockt, war danach mittags im Sonnenschein mit der besten Ehefrau von allen am Rhein spazieren. Danach haben wir uns allen daheim ein köstliches Mal bereitet und nun sitze ich hier und schreibe diese Zeilen. Und ich fühle mich einmal mehr gesegnet, über etwas von meiner Zeit selbst verfügen zu dürfen. Denn dann ergeben sich bei mir die Kreativität, so manche Problemlösung, soziales Miteinander und Zufriedenheit ganz von selbst. In diesem Sinne – startet bedacht und trotzdem offen in die neue Woche. Noch ist der Frühling fragil…

Auch als Podcast…

Looking forward to look back…

Isn't it funny how 
day by day 
nothing changes,
but when you look back
everything is different...
(C. S. Lewis)
Bald wird das Licht wieder so schön…

Wenn du das Gefühl hast, Menschen nicht zu erreichen, gibt es dafür aus meiner Sicht drei mögliche Gründe: 1) du hast sie tatsächlich nicht erreicht, 2) du hast Zuhörer, die eine Weile länger für den Reflexionsprozess brauchen als andere, oder 3) du bist zu hart zu dir selbst. Man sollte sich ab und an den Luxus gönnen, sich dafür zu entscheiden, an Grund Nummer 3 zu glauben. Denn wissen kann man es sowieso niemals sicher. Dieser Sachverhalt ist eines der Probleme, mit denen Geschichtenerzähler in ihrer Tätigkeit öfter zu kämpfen haben – und zwar vollkommen egal, wo, wie, wem und warum sie ihre Geschichten erzählen. Ja sicher, manchmal reißt man sie alle mit und kann es auch sehen (oder besser fühlen), dass alle gerade in die Erzählung eingetaucht sind, mit dieser interagieren (wollen) und sich dabei wohl fühlen. Aber oft sitzen/stehen/gehen alle umher und du bekommst dieses Gefühl, dass, obwohl du dir mit deiner Erzählung echt Mühe gegeben hast, trotzdem nicht dabei rumkommt, was eigentlich rumkommen sollte. Und dann bin ICH der Typ, der nicht den anderen die Schuld dafür gibt, dass es nicht so gelaufen ist. In diesem Moment beziehe ich mich gerade auf eine Simulation, die ich für berufliche Bildungs-Belange inszeniert habe und mit der ich nicht zufrieden bin, ohne wirklich sagen zu können, wo das Problem lag – oder ob es tatsächlich eines gab. Es gibt einfach Teilnehmer-Gruppen, die nicht so homogen sind und bei denen es mir deswegen sehr schwer fällt, zu lesen, was da gerade vor sich geht. Und es ist jetzt nicht so, dass ich nicht regelmäßig üben würde.

Es gibt im englischen den Begriff “jaded“, der einerseits “abgestumpft” bedeuten kann, andererseits aber auch “matt” oder “übersättigt“. Und ich hatte irgendwie den Eindruck, dass meine Bemühungen bei einigen auf ein kaltes Lächeln gestoßen sind, weil sie einfach jaded waren; durch die begriffliche Ambiguität ist der vorgefundene Zustand einfach besser beschrieben. Oder ich täusche mich gewaltig. Was definitiv nicht ohne Präzedenz wäre. So oder so war ich gestern zwar erleichtert, die Woche endlich hinter mich gebracht zu haben, weil sie so vollgestopft war mit Arbeit und (teils unnötigen) Diskussionen. Ich war jedoch nicht so zufrieden mit dem Ergebnis meines Wirkens. Was mich in der Folge regelmäßig dazu bringt, über die Begriffe “Selbstbild” und “Anspruch” nachzudenken. Denn aus berufsbildnerischer Sicht bin ich mir nicht sicher, dass ich die TN so zum Lernen und Reflektieren anregen konnte, wie ich das von mir selbst erwarte. Auf der anderen Seite sitzt der weniger selbstkritsche Teil und sagt:” Fuck off bastards. It’s on YOU, wether you succeed in the end, or not! So – let’s call it a day, I’ve got places to visit and things to do all FOR MYSELF!” Oder etwas freundlicher: Erwachsenenbildung ist ein freibleibendes Angebot und jede’r ist seines/ihres (Un)Glückes Schmied! Dass ich gelegentlich von meiner Arbeit träume und morgens in diesem Dazwischen – noch nicht ganz wach, aber auch nicht mehr ganz in Morpheus Armen gefangen – des öfteren Job-Probleme wälze, anstatt irgendwelche netten, anregenden, unterhaltsamen Phantasien heraufbeschwören zu können, sagt hier wohl mehr als genug darüber aus, wie wenig ich die Dinge an meinem Arsch vorbeilaufen lassen kann… Anscheinend bin ICH immer noch nicht jaded!

Und bevor jetzt irgendwer mit wohlfeilem Gen-Z-Gejammer daherkommt… das ist mir als Erklärung zu kurz gedacht, auch wenn die allermeisten TN dieser willkürlich definierten Kohorte zugehörig sind. Ob sie sich allerdings dem, oft genug multimedial heraufbeschworenen “Mindset” auch zugehörig FÜHLEN, kann ich nicht mit Sicherheit sagen; tendenziell würde ich eher für “NEIN” plädieren. Aber das ist zu 100% gebaucht, nicht geforscht. Worauf ich allerdings hinaus will ist folgendes – ich kennen die TN schon länger und ich kann mit Sicherheit sagen, dass sich im Verlauf der Zeit sehr wohl etwas verändert hat – in Einzelpersonen, aber auch im Umgang miteinander und mit anderen. Wenn irgendwas konstant ist, dann der Wandel; und ich würde die positiv veränderten Aspekte sicher NICHT auf unsere pädagogischen Interventionen zurückführen. Vielleicht bei einen Teil, aber sicher nicht bei allen. Mit Blick auf das Anfangs aufgeführte Zitat von Clive Staples Lewis (den man üblicherweise für seine “Die Chroniken von Narnia”-Bücher kennt) wird aber klar, dass einem im day-to-day-business manchmal der Blick für diese Veränderungen abhanden kommen kann. Auch für jene Veränderungen, auf die unsere Arbeit als Lehrer im Kern abzielt! Bei einer Ausbildung werden die wahrhaft wichtigen “Kennzahlen” halt erst nach ca. drei Jahren sichtbar; auch wenn Betriebswirte das oft nicht wirklich verstehen können.

Das Gleiche gilt übrigens auch für andere Geschichten, die ich zu erzählen beliebe. Auch deren Wirkung zeigt sich oft erst später. Und das unabhängig von der Ernsthaftigkeit. Manche Erzählungen werden unerwartet erinnernswert und verändern gleichsam die Wahrnehmung dessen, was wir taten, was wir tun – und was wir tun werden! Ich käme nie auf die beknackte Idee, Pen’n’Paper wie ‘ne Lehrveranstaltung aufziehen zu wollen. Jedoch ergibt sich dieser Effekt manchmal ganz von selbst. Der wichtigste Unterschied ist, dass eine pädagogische Veranstaltung im Kern immer auf eine Verhaltensanpassung abzielt, ganz gleich ob ich dabei “klassische” Didaktik zum Einsatz bringe, Reform-Ansätze wie Montessori oder Waldorf oder gar ganz freies Lernen. Die Prozesse der Akkomodation und Assimilation werden überall, mehr oder weniger stark moderiert, wirksam! Allerdings sieht man die Wirkung immer erst mit Verzögerung. Daher ist es wichtig, gelegentlich bewusst zurückzublicken, auch wenn die Vergangenheit nicht nur schöne Dinge enthält. Wir Menschen sind ja sehr gut darin, schlechte Erinnerungen aufzubewahren. Eigentlich sollen sie uns davor bewahren, den gleichen Fehler zwei Mal zu machen. Na ja, wenn ich mir das mit der AfD so anschaue, funktioniert das mit dem Generations-übergreifenden Lernen noch nicht so ganz. Schwamm drüber. Für mich war es mal wieder an der Zeit, zurückzublicken. Und ich denke, dass bei weitem nicht alle Anstrengungen der letzten Jahre vergeudet waren. Bis die jungen Leute das erkennen können, müssen sie allerdings erst noch lernen, dass man niemals jaded werden sollte. Sondern immer hungrig auf das Neue bleiben. Auch, wenn man von der mentalen Couch in der eigenen Komfortzone gezerrt und mit potentiellem Scheitern konfrontiert wird. Genau dann lernt man etwas dazu. Jedenfalls ging es mir so. Denn jetzt bin ich mit meiner Arbeit der letzten Tage versöhnt. Sie war definitiv NICHT UMSONST, denn ICH bin daran einmal mehr gewachsen. In diesem Sinne – schönen Samstagabend.

Auch als Podcast…