What about happiness N°10 – what about “Erwachsen bilden”…?

„Auf niedrigem Niveau stabil“. Das ist ein Satz, den ich meinem Leben selbst schon häufiger gesagt habe. Meist im Zusammenhang mit Patienten, an deren Versorgung ich beteiligt gewesen war; Patienten, die unterdessen dem Tode näher gewesen waren, als dem Leben. Man trifft solche Fälle gelegentlich. Wenn man das allerdings als Antwort auf die Beschreibung der eigenen psychischen Befindlichkeiten hört, macht einen das hellhörig. Denn gerade fühlt es sich für mich eigentlich anders an. Wenn man irgendeinen Grund zum Nölen sucht, findet man ja immer was; insbesondere, da man mit über 50 morgens wenigstens ein paar Schmerzpunkte fühlen sollte, denn sonst ist man halt tot… Aber bin ich jetzt wirklich immer noch nur auf niedrigem Niveau? Ich weiß es nicht, denn ich kann mich nicht mehr erinnern, wie sich ein weitestgehend sorgenfreies Leben anfühlt. Das hatte ich zuletzt vermutlich mit Anfang bis Mitte 20. Seitdem hat sich vieles geändert. Ich bin meiner Sterblichkeit bewusster geworden, was allerdings bei zunehmendem Alter als normal betrachtet werden muss. Das Endgame kommt halt langsam, aber unweigerlich näher. Ich trage viel mehr Verantwortung als früher. Oder besser: ich bin mir dieser bewusster geworden. Ich habe mehrfach die Fragilität meiner wichtigsten Energieressource, nämlich meiner Kreativität erlebt. Anders gesagt, mir ist bewusst geworden, dass ich diese Ressource besser pflegen muss, ebenso, wie meinen Körper. Wenn man genau hinsieht, ist da also ein Muster: Bewusstsein. Und das Ironische daran ist, dass mich das alles nicht so stören würde, wenn ich ein dummer Mensch wäre. Dumme Menschen glauben an einfache Lösungen, suchen Schuldige anstatt Verbesserung und wählen Faschisten, weil die ihnen das befriedigende Gefühl vermitteln, die gute alte Zeit zurückbringen zu können, die es nie gegeben hat. Und die Macht, die Welt nach dem eigenen Bilde zu gestalten; wie rassistisch, misogyn und kleingeistig dieses auch immer sein mag. Ach, irgendwie klingt das verfickt armselig – dann bleibe ich doch lieber intelligent und depressiv.

Ich bin im Moment körperlich erschöpft, weil meine Physis nicht so mitmacht, wie ich mir das wünschen würde. Dagegen sind Bewegung, Medizin und weniger Futtern gewachsen. Aber meine Psyche? Es fühlt sich besser an als noch vor ein paar Wochen. Ich würde es jetzt nicht als Hochgefühl beschreiben, aber ich bin produktiv, performant und nehme mir trotzdem meine Freiräume, um nicht wieder zu schnell und zu heiß zu brennen. Das man manche Baustellen nicht von jetzt auf gleich erledigt bekommt, weiß ich und habe daher von Sprint auf Marathon umgeschaltet. Mit dem Ergebnis, dass sich fast alles weniger belastend anfühlt; außer die Arschlöcher bei der Arbeit, aber die kriege ich schon noch klein. Einzig mein Schlaf bereitet mir Sorge. Allerdings nicht unbedingt, weil ich nachts zu viel grübelnd wachliegen würde. Das passiert mir – wie so vielen anderen Menschen auch – durchaus halbwegs regelmäßig. Das durch den Job regelhaft erzwungene Frühaufstehen fickt mich jedoch wesentlich härter. Der Wecker und ich werden in diesem Leben definitiv keine Freunde mehr. Aber Dauer-Home-Office mit täglichem Ausschlafen würde mich wahrscheinlich irgendwann aus Ermangelung fester Strukturen auch wahnsinnig machen. Okay, wenn man alles zusammennimmt, ist es vielleicht kein hohes Niveau, aber ich möchte wenigstens darauf bestehen, dass es auch kein niedriges Niveau ist. Das anzuerkennen wäre nämlich auch nicht gut für meine Motivation. Immerhin spüre ich derzeit meine Kreativität ganz langsam, aber sicher wieder auf ein für mich normales Niveau zurückkehren. Und diese Entwicklung darf ich auf keinen Fall dämpfen, sonst geht’s wieder in die Abwärtsspirale.

Ich verspüre zwar immer noch keine gesteigerte Lust auf soziale Interaktion abseits dessen, was ich mir selbst aussuchen darf. Aber immerhin kann ich insbesondere im Lehrsaal trotzdem meine Aufgaben erfüllen, auch wenn das derzeit manchmal viel mehr Kraft kostet als gesund ist. Was mich dabei fasziniert, ist Folgendes: wenn ich merke, dass die Teilnehmenden mitziehen, in das Lernen einsteigen, vielleicht sogar Spaß haben, bin ich zwar am Ende auch gewissermaßen sozial erschöpft, aber trotzdem erfüllt. Erfüllt durch das Feedback und das gute Gefühl, Menschen etwas Sinnvolles mitgeben zu können. Gerade diese Woche habe ich neue Mentoren ausgebildet und da funktionierte das ganz ausgezeichnet. In den NotSan-Klassen kam dieses Gefühl in letzter Zeit nur selten auf, weil ich oft den Eindruck habe, dass die Schüler*innen den Unterricht wie ein Netflix-Abo (oder besser: Job-Flix-Abo) betrachten; sie erwarten anstrengungsfreies Infotainment, werden aber von mir gemeinerweise zum (Mit)Arbeiten aufgefordert und haben dann noch nicht mal die Möglichkeit, in eine andere Show zu wechseln, was manche offenkundig frustriert. Ich zweifle immer wieder daran, dass einigen von denen irgendjemand vorher gesagt hat, wie fordernd die Ausbildung sein würde… Was aber im Umkehrschluss bei mir zu Frustration führt, weil ich zugegebenermaßen keine Kraft und auch kein Interesse mehr habe, uninteressierten, undankbaren und oft auch unsozialen Kindern im Gewande erwachsener Menschen Wissen häppchenweise in den Mund legen zu müssen. Wer nicht lernwillig ist, keine Leistungsbereitschaft und kein Interesse zeigt, scored dann am Ende halt nicht. Ist nicht meine Schuld, wenn Azubioide sich allzu gerne in der Opferrolle sehen.

Ich würde gerne so manches an der Ausbildung ändern, aber auch als Schulleitung steht es mir nicht zu, Dinge zu tun, die so gesetzlich nicht vorgesehen sind. Wie etwa völlig andere Prüfungsmodalitäten (Stichwort „Portfoliobewertung“) oder generelle, zeit- und sachgemäße Änderungen des Curriculums. Und so muss ich mich immer wieder mit Dingen arrangieren, die ich nicht optimal, manchmal sogar regelrecht beschissen finde. Denn hier verbinden sich meine mentalen Befindlichkeiten und mein Job: an der Grenzfläche zwischen kreativen Gestaltungsmöglichkeiten und starren strukturellen wie auch organisatorischen Vorgaben von Staat, Mitbewerbern und Arbeitgeber. Mein inneres Kind würde gerne noch viele Methoden und Gadgets ausprobieren, spielerischer arbeiten, doch der erwachsene Anteil meiner Selbst (das ist übrigens der depressive Typ!) muss immerzu auf die Bremse drücken – auch weil er weiß, dass selbst das mächtigste pädagogische Feuerwerk den Job-Flix-Abonnenten im Publikum bestenfalls ein Schulterzucken und ein Resting-Bitch-Face entlocken würde. Denn das Problem mit dem Lernen liegt nicht auf meiner Seite! Nun, da ich das weiß, muss ich nochmals bekräftigen: ich stehe besser da als nur auf niedrigem Niveau stabil! Und DAS macht mich dann doch ein bisschen glücklich. Wir hören uns.

Auch als Podcast…

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