Introspektion reloaded…

Ich bin eine Rampensau! Man könnte dieses Fakt freundlich umschreiben und zum Beispiel sagen, dass ich mich manchmal ganz gerne ein wenig vordrängle; oder das es mir vielleicht dann und wann echt schwer fällt, nicht einfach mit Anlauf ins Rampenlicht zu springen. Aber ganz gleich, wie viel Euphemismus man auch einsetzen mag, ich bin jemand, der von sich gerne denkt, dass da wo er ist, vorne sein muss. Das kann durchaus charmante Züge annehmen. Es fällt mir selten schwer, die Leute mit einem markigen Spruch oder ein bisschen Stand-up-Comedy abzuholen, um sie zu unterhalten; vielleicht manchmal auch, um ihnen meine Denke nahe zu bringen. Das Problem ist, dass ich genau deswegen oft nicht Fünfe gerade sein und mal Andere machen lassen kann. Was einerseits die Gefahr der Redundanz in sich birgt, andererseits Jenen, die nicht so vehement vorwärts preschen, wie ich das zu tun pflege, den Raum zu agieren nimmt. Und das bedauere ich zutiefst!

Ich mache das ja nicht, weil ich böse bin und denke, dass diese Anderen es nicht drauf hätten. Im Gegenteil gehe ich bei (fast) jedem Menschen zunächst davon aus, dass er beziehungsweise sie genau wie ich einfach nur ein Mensch ist, der seine Sache – gleich welche Sache – ganz ordentlich macht und sich den üblichen Regeln des Zusammenlebens entsprechend zu benehmen weiß; ruhig aber nicht vollkommen passiv, höflich aber nicht devot, beflissen aber nicht servil, aufmerksam aber nicht speichelleckerisch, und so weiter… na sie wissen schon. Dieses Vorschussvertrauen wird üblicherweise bis zum Beweis des Gegenteils der ersten Annahme aufrechterhalten. Personen, die nicht in den Genuss dieser Behandlung kommen, haben das Pech, dass ich, genau wie jeder andere Mensch auch leider bezüglich bestimmter Sachverhalte und Personen Vorurteile habe. Man kann in mancherlei Hinsicht einfach nicht aus seiner Haut, auch wenn das vielleicht angebracht wäre…

Was jedoch mich betrifft, so brennt in mir ein Feuer. Das klingt jetzt sicher pathetisch und wenn man mich so anschaut, würde man vermutlich eher an ein Häufchen Grillkohle anstatt eines beachtlichen Osterfeuers denken. Doch tatsächlich bin ich ein eher unruhiger Geist und sehr häufig auf der Suche nach Stimuli. Da ich irgendwann beschlossen habe, dass bewusstseinserweiternde Substanzen abseits von alkoholhaltigen Getränken für mich nix sind, extreme Sportarten wie Downhillbiking, Fallschirmspringen und Ähnliches mich nicht reizen und ich dafür überdies NULL Begabung habe, blieb neben kognitiven Herausforderungen noch das soziale Feld… darauf kann ich gut spielen und tue es auch sehr gerne, was aber dazu führt, dass ich – deutlich öfter, als mir lieb ist – Menschen mit meiner Präsenz an die Wand fahre.

Nur, um dies als Teil meiner Entschuldigung in Positur zu bringen: ich plane sowas nur höchst selten, das passiert einfach. Menschen sagen irgendwas und vor meinem geistigen Auge klappt, wie bei Windowsprogrammen so ein Dropdown-Menü runter, mit zwischen drei und sieben wahlweise gaghaltigen, bösartigen, lustigen oder ironischen Kontern. Manchmal mischen sich auch mehrere der vorgenannten Optionen und mein launiges Konversationsstammhirn feuert munter drauf los, oft ohne vorher mögliche Folgen abzuwägen. Oh doch, ich kann durchaus diplomatisch sein, mich vorsichtig erklären, auf Menschen zugehen und sie auch gewähren lassen. Es gibt aber zwei Typen von Situationen, in denen dieses Feature meiner Persönlichkeit unwillkürlich zuschlägt: wenn ich mich wohl fühle und merke, dass jemand mitzieht, brenne ich gerne mal ein Feuerwerk an Albernheiten ab. Falls mein Gegenüber aber eher passiv ist, kann es passieren, dass ich die Person durch meine Worte und Handlungen dominiere, ihm oder ihr meine Deutung der aktuellen Situation aufnötige und entsprechend meiner jeweils gezogenen Schlüsse ohne ein weiteres Wort handle; auch wenn das bedeutet, dass ich mich später einer Diskussion stellen muss, wenn der derart überfahrene nämlich festgestellt hat, was ich gerade abzuziehen die Stirne besessen hatte.

Man muss keine Intelligenzbestie sein, um erahnen zu können, dass mich das gelegentlich in Schwierigkeiten bringt. Menschen, die sich von mir in irgendeiner Weise unangemessen behandelt oder benachteiligt fühlen, sind was Unschönes, egal ob sie ihren Frust verbalisieren oder nicht. Denn ich merke oft sehr wohl, dass ich über das Ziel hinaus geschossen bin. Aber zum sich entschuldigen können gehört eine Größe, an der es mir manchmal ebenso mangelt, wie an der Bedachtsamkeit, welche die Notwendigkeit einer Entschuldigung verhindern könnte. Daher sei es auf diesem Wege als digitaler Dispens erbeten: wenn ich in letzter Zeit jemanden zu sehr überfahren haben sollte, tut es mir ehrlich und aufrichtig leid! Ich versuche mich zu bessern. Nur das spontane Reißen bösartig-ironischer Witzchen, das werde ich wohl nie ablegen können. Ironymus ist halt mein zweiter Vorname…

Smalltalk statt serious content?

Wir haben an dem Tag, da ich diese Worte schreibe den 19 Oktober und ich sitze in T-Shirt und kurzer Hose im Garten. Eigentlich ist es ja eher nicht mein Ding, mich zum Wetter zu äußern, denn bei diesem Thema gibt’s wenig argumentative Arbeit. Das Wetter ist wie das Wetter ist wie das Wetter. Andererseits soll man ja an den Klimadaten schon sehen können, wohin unsere Treibhausgaserei uns noch führen wird; nämlich ins Armageddon. Hm… es gehört auch nicht unbedingt zu meinem Portfolio Katastrophenszenarien zu entwerfen, wie das amerikanische Doku-Sender immer wieder tun. Kann man super an unseren Nachrichtenkanälen beobachten, wenn man mal nicht zur Primetime einschaltet. Da ist vom Meteoriteneinschlag, über Sonneneruptionen, Aliens und natürlich auch Klimakatastrophen und Kriege alles dabei, was das Herz zum Verdüstern braucht. Früher hat man sich zum Gruseln Freddy Krüger oder Jason Vorhees reingezogen, heute reichen dazu wenig seriös aufgemachte Dreiviertelstünder auf dem Newschannel. Es verwundert auch wenig, dass alle 12-13 Minuten Werbepause ist. Das folgt dem schon lange bekannten Muster, den Konsumenten zu immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen zu erziehen. Denn wer ungeduldiger ist, kauft öfter Neues, weil die Befriedigungsdauer zusammen mit der Aufmerksamkeitsspanne ebenso sinkt.

Aber allen potentiellen Katastrophen zum Trotz – fiktiven, wie wahren – gilt das Wetter als Part des Smalltalks, des gepflegten Austausches von Unwichtigkeiten. Nun gehört zur Fähigkeit der Konversation – und zu dieser Disziplin zählt auch der Smalltalk – die Kenntnis um die korrekte Unterscheidung von nichtig und wichtig, sowie ein Grundverständnis für größere Zusammenhänge. Nichts ist für mich bei einem Gesprächspartner nervtötender, als feststellen zu müssen, dass hinter einigen Allgemeinplätzen und viel heißer Luft wenig substantielles bleibt, was die Hoffnung auf eine interessante und eventuell sogar tiefschürfende Unterhaltung nähren könnte, nachdem das gefällige Blendwerk abgebrannt wurde. Ich habe kein Problem, wenn jemand zu einem Thema nichts beizutragen weiß, es gibt jede Menge Dinge, von denen ich nicht den leisesten Schimmer habe. In solchen Fällen soll Zuhören helfen, denn dabei kann man unter Umständen etwas lernen. Was ich jedoch auf den Tod nicht ausstehen kann, sind Menschen, die versuchen, sich mit gefährlichem Halbwissen, ein bisschen Hörensagen und einem aufgeblähten Ego in jede sich bietende Kommunikationssituation zu drängen; wenn man mit den Wölfen heult, sollte man auch wissen, wie gebissen wird.

Abseits dieses Exkurses findet man rasch wieder zur eigentlich interessierenden Frage: ist das Wetter ein Thema für Smalltalk, oder vielleicht doch serious content. Und die ist aus meiner Sicht ganz einfach zu beantworten. Wenn man nur wenig Ahnung davon hat, sollte man es beim Smalltalk belassen. Ich bin kein Meteorologe, Physiker und was weiß ich, was für Fachrichtungen sich noch damit befassen … als Dendrochronologen tätige Botaniker kämen vermutlich auch noch in Betracht. Daher kann ich zum Thema Klimawandel aus wissenschaftlicher Sicht nichts Sinnvolles beitragen. Allerdings regt mich die aus meiner ganz persönlichen Sicht ungewöhnliche Witterung zum Nachdenken an. Und alsbald bin ich wieder bei der einen Frage, die mich in der letzten Zeit dauernd umtreibt: wann werden jene, die angetreten sind, uns zu regieren – oder auch zu beherrschen, das hängt ja immer von der jeweiligen Perspektive des Handelnden ab – endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir Menschen wichtiger sind, als jedwedes geopolitisch-wirtschaftliche Machtinteresse? Weil wir Menschen jeden Staat auf dem Erdenrund konstituieren. Und weil wir, diese Menschen, jeder in sich drin, einfach nur Menschen sind, mit menschlichen Bedürfnissen, Interessen und Sehnsüchten, menschlichen Konflikten, Sorgen und Problemen.

Aus dieser Sicht könnte es eigentlich egal sein, ob man Smalltalk macht, der Menschen einander näherzubringen helfen kann, oder ob man über ernsthafte Themen redet, die uns alle angehen. Eigentlich hat jedes Sujet diese zwei Seiten, doch ob man mit der Medaille richtig umgehen kann bestimmt, ob wir miteinander auskommen oder nicht. Immer wieder von der einen Ebene zur Anderen wechseln zu können, ohne Brüche zu erzeugen, ohne das Interesse oder den Respekt für das Gegenüber zu verlieren; erst dieses Verständnis stiftet ein Miteinander. Doch solange so viele Individuen Kommunikation als Ort der Selbstdarstellung missbrauchen, anstatt in einen ehrlichen und respektvollen Dialog einzutreten, solange das Ego alles Handeln diktiert und jedes Gespräch wie ein Kampf geführt wird, bleiben wir weiter mit Highspeed auf dem Highway der Missverständnisse und Konfrontationen – zu schnell, um je eine Ausfahrt erkennen zu können. Lehnt euch doch alle mal zurück und versucht euch selbst beim Reden zuzuhören. In diesem Sinne, eine schöne Woche.

Kampf dem ISmus…

An humanitäres Elend haben uns die Nachrichten in den vergangenen Jahrzehnten gewöhnt. Ich kann mich an kaum eine seriöse Nachrichtensendung der letzten dreißig Jahre – oder wie lange ich das schon halbwegs bewusst verfolge – erinnern, in der nicht von der einen oder anderen Ecke der Welt die Rede war, die gerade niederbrannte. Fast scheint es, als wenn die Zahl der Hiobsbotschaften sich in den letzten Jahren stetig nach oben entwickelt hätte. Die Krisen wechselten einander zumeist im Monatstakt ab, die eine oder andere kam und blieb – mehr oder weniger ungelöst bis heute – aber daran hat man sich gewöhnt. Politiker brauchen solche Krisen, oder zumindest die Bilder davon in den Köpfen der Menschen, denn ohne substantielle Existenzängste kommt das Volk womöglich auf die Idee, nach mehr Demokratie zu fragen. Manchmal passieren auch bemerkenswerte Dinge, die zunächst Hoffnung schüren; wir erinnern uns vielleicht an die Büchse der Pandora. In einer Version des Mythos war das letzte Übel, welches daraus entfleuchte und auf die Welt losgelassen ward, die Hoffnung.

Der arabische Frühling von 2011 war so ein Ereignis. Beschaut man sich heute nüchtern die Ergebnisse, wurde wohl doch der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. In Tunesien ringt man tatsächlich bemüht um Demokratie, doch das soziale Elend ist seit dem Fall der Autokraten erheblich gewachsen, weshalb Tunesier auch einen nicht unerheblichen Teil der IS-Truppen stellen. Krieg ist besser als gar kein Job. Libyen liegt im Chaos. Keine zentrale Regierungsgewalt, verschiedene mehr oder weniger radikale, islamische Milizen ringen um die Macht und das soziale Elend ist seit dem Fall der Autokraten erheblich gewachsen. In Ägypten regiert faktisch wieder das Militär, was keinen nennenswerten Unterschied zum alten Regime macht, mit einem Unterschied: das soziale Elend…; Moment habe ich das gerade eben nicht schon mal gesagt? Und Syrien? Wäre das Elend, welches im Beharren auf die alten Strukturen vom Regime Assad über die Zivilbevölkerung gebracht wurde, nicht so niederschmetternd, könnte das Ganze auch einem Film von Sascha Baron Cohen entsprungen sein, so vollkommen überzogen wirkt die Rhetorik des Autokraten.

Und nun der Islamische Staat. Es ist die Schuld einer Koalition gegen den Terror, dass dieses Regime des totalen Terrors überhaupt entstanden ist. „There are weapons of mass destruction in Iraq!“. Diese eine, perfide orchestrierte Lüge hat die ganze Region ins Chaos gestürzt. Ich sage nicht, dass zum Beispiel das Regime von Saddam Hussein irgendeine Form von Rechtsstaatlichkeit gehabt hätte und die Verbrechen an den Kurden im Norden des Irak waren zweifellos furchtbar. Aber dieses Regime zu stürzen und sich dann, als ruchbar wurde, dass ein solcher, asymmetrischer Konflikt selbst für die höchst entwickelte Streitmacht unserer Welt nicht zu gewinnen ist, überstürzt zurückzuziehen, weil die Inlandsumfragen schlechte Werte für den Präsidenten verkündeten, beinhaltet eine ganze Kette historischer Fehler. Vom Kampf gegen die Taliban in Afghanistan, an dem unsere eigenen Truppen beteiligt waren kann man auch nicht behaupten, dass er ein voller Erfolg gewesen wäre. Zwar sind dort die extremen Kräfte gegenwärtig trotz all ihrer grausamen Bemühungen nicht in der Lage, das Blatt entscheidend zu wenden, aber Frieden sieht anders aus!

Historische Dramen kennen Sieger und Verlierer. Doch im Kampf gegen IS gibt es keinen Sieg, weil keine Schlachten geschlagen werden. Die Nomenklatur vergangener Konflikte hier anzuwenden ist schlicht falsch, denn die Truppen des islamischen Staates sind zum größten Teil feige aus dem Hinterhalt agierende, hochmobile, gut ausgestattete Guerillas, die organisiertes Verbrechen wie Prostitution, Glücksspiel, Menschenhandel und Schmuggel nutzen, um ihre Terroroperationen zu finanzieren; und das im Namen wahren Glaubens. Eigentlich ist der IS nichts weiter als eine große Mafiabande, nur dass sie ihre Exekutionen öffentlich vornehmen. Die Unterschiede zu anderen Staaten in der Region, wie etwa Saudi Arabien, die ja „wichtige Verbündete“ darstellen, sind übrigens marginal. Nur bei den Saudis sieht man nicht alltäglich im hiesigen Fernsehen, wie deren Frauen unterdrückt und alle mit einer abweichenden Meinung drangsaliert, eingesperrt und gefoltert werden. Die Türkei sieht zu, weil sie hofft, dass der IS Bashar al Assad endgültig das Rückgrat bricht. Man hofft von diesem Machtvakuum in Syrien zu profitieren und wartet, während Unschuldige abgeschlachtet werden. Der Westen bombardiert, wie stets mit „chirurgischer Präzision“ dort, wo er den Feind vermutet, scheut sich aber, Bodentruppen zu schicken, weil man ein Desaster wie im Irak oder in Afghanistan befürchtet, wo all die Macht zu nichts nutze war, weil man sich den Taktiken des Feindes nicht anzupassen wusste.

Dieser Konflikt offenbart nicht nur die tatsächliche Unfähigkeit des Militärs, gegen Verbrecher zu kämpfen, sei es aus organisatorischen, technischen oder ideologischen Gründen, sondern auch die Unfähigkeit der Politik, auf grundlegende Fragen des 21. Jahrhunderts Antworten zu geben: Wie geht man mit radikalfundamentalistischen, staatsfeindlichen Strömungen, gleich welcher Couleur um? Wie bringt man Gläubige verschiedenster Religionen und eher säkular orientierte Menschen zusammen, ohne dass sie anfangen, sich gegenseitig umzubringen? Wie viel Rede- und Meinungsfreiheit muss eine vitale Demokratie gewähren und ab wann muss sie einschreiten? Wie bringt man die Politik dazu, endlich den Menschen, welche jeden Staat konstituieren die Priorität vor geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen einzuräumen, die ihnen schon immer zusteht?

Wie viele Unschuldige müssen diese Verbrecher noch abschlachten, bevor man einfach das tut, was jetzt – zumindest aus meiner Sicht – das sinnvollste wäre: nämlich alle, denen Gefahr durch den islamischen Staat droht, in Sicherheit bringen, den IS im dann verbleibenden Territorium international isolieren, alle Ressourcen- und Finanztransaktionen unterbinden und ihnen dann gelassen dabei zusehen, wie sie sich selbst zu Grunde richten! Das bedürfte einer gewissen Geduld und mit Sicherheit hätte man dort noch ein, zwei Jahre Zulauf. Aber wer drin ist, ist drin und darf auf eigenes Betreiben mit untergehen. Und wenn dieses politische Großexperiment beendet wäre, hätte man ein Exempel für die Weltgemeinschaft, wie es NICHT geht. Ob wohl irgendjemand etwas daraus lernen würde? Da es aber am Mut, an der Entschlossenheit und dem Interesse an den Menschen mangelt und stets nur geopolitisches Kampfschach gespielt wird, darf das Krebsgeschwür weiter wachsen und noch viele vergiften bzw. töten. Und wenn der Terror endlich auch in unseren Straßen angekommen ist, beginnt man vielleicht darüber nachzudenken, dass isolationistisches Denken à la „mein Staat, dein Staat“, keine Zukunft mehr hat. Schöne Woche noch…

Ist Forschung sozial?

Das ist so eine Sache mit der Sozialforschung. Ich musste mich im letzten Jahr damit befassen, da ein Studium der Bildungswissenschaft zwangsläufig nach einer gewissen Methodenkenntnis verlangt. Ich käme nie auf das schmale Brett, mich bezüglich Statistik mit einem Psychologen oder Soziologen vergleichen zu wollen, die machen ja bekanntlich fast alles damit; egal, ob es Sinn macht oder nicht. Aber wenn ich so auf meine Studien zurück blicke, komme ich nicht umhin, mich zu fragen, was genau ich da gelernt habe…

Dies soll kein despektierlich‘ Reden sein, aber mein Vertrauen in die Möglichkeiten der Sozialforschung wurde, zumindest hinsichtlich der quantitativen Methoden, eher erschüttert denn aufgebaut. Was eventuell daran liegen könnte, dass die zwangsläufig mit klassischen Erhebungsmitteln wie etwa Fragebögen einher gehenden Simplifikationen meines Erachtens die subjektive Perspektive derart beschneiden, dass es kaum möglich bleibt, sinnvolle Erkenntnisse über deren Bedeutungszuschreibungen zu gewinnen. Denn das Subjekt – oder in Normalsprech der Mensch – soll doch sein, worum es bei „Sozial“-Forschung gehen soll … oder? Nun ist es so, dass es in der wissenschaftlichen Welt einen sehr langen und umfangreichen Disput darüber gibt, auf welche Art man soziale Sachverhalte erforschen kann und soll. Ich habe offensichtlich aus meinen Erfahrungen und Studien heraus eher eine Verbindung zu den, so genannten qualitativ-interpretativen Ansätzen entwickelt, was daran liegen mag, dass ich die Zuverlässigkeit statistischer Instrumente für fragwürdig halte, sobald es um die Erfassung des sozialen Binnenraumes geht.

Warum ich davon spreche? Ich hatte neulich eine zugegeben zu kurze Online-Diskussion mit einem Sozialwissenschaftler, der den Bologna-Prozess – also die Entwicklung hin zu Europaweit einheitlichen Bachelor- und Masterabschlüssen an Universitäten – für totalen Käse hält, weil die Vergleichbarkeit der Ergebnisse einzelner Studenten nicht gegeben sei. Er meinte, es gäbe keine einheitlichen Qualitätskriterien, es würde nur innerhalb einzelner Kurse bzw. Jahrgänge gemessen, was diese neuen Bildungsabschlüsse entwerten würde. Das hat mich natürlich schon nachdenklich gemacht, weil er damit irgendwie meine neben einem Vollzeitjob her betriebenen, durchaus anstrengenden Fortbildungsbemühungen quasi en passant für wertlos erklärt. Das hat mich vor den Kopf gestoßen!

Die Diskussion drehte sich auch um Sinn und Unsinn unseres Bildungssystems in seiner jetzigen Form aber das führte hier zu weit. Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Forschungsergebnisse in den Sozialwissenschaften sind IMMER erheblich von der Deutungsperspektive des Forschers und der Wahrnehmung durch die Rezipienten abhängig. Somit ist es Verschwendung von Papier oder Online-Bandbreite, einfach irgendwelche – womöglich auch noch aus dem Zusammenhang gerissene – Kennzahlen für den Wert von Bildung zu zitieren. Die Biographie, sowie Lebens- und Arbeitsumstände des Forschers nehmen genauso Einfluss auf den Zuschnitt von Forschungsvorhaben, wie dies die Wahrnehmung durch die Scientific Community in Bahnen lenken kann; vom Erkenntnisinteresse des Auftraggebers irgendeiner Studie ist hier noch nicht einmal die Rede. Dass man mittels Daten das Eine oder das Andere „beweisen“ kann, wenn man sich nur Mühe gibt, sieht man an der Qualität so mancher Studie, die dann gerne im Marketing genutzt wird. Ein Blick auf Volker Pispers Beitrag zum Thema McKinsey kann hier helfen, die Augen zu öffnen.

Es liegt mir fern, jemandem, der schon deutlich mehr akademische Meriten gesammelt hat als ich, ans Bein pissen zu wollen. Aber hinsichtlich des Wertes von Diesem oder Jenem stelle ich lieber mal eigene Beobachtungen an. Und mit einem durch zwei Jahrzehnte Arbeit mit Menschen durchaus gut geschulten Blick auf allzu Menschliches verlasse ich mich manchmal auch – vollkommen unwissenschaftlich – auf meine Intuition. Es erscheint mir daher auch allzu billig, auf das „verschulte“ Studium durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse zu schimpfen, wenn eigentlich die Verantwortung für die individuelle Qualität des Abschlusses, übrigens auch schon zu Zeiten von Diplom und Magister vor allem beim Studiosus selbst zu suchen wäre. Vielleicht wäre es hilfreich, das System auf den Prüfstand zu stellen; aber eben nicht nur das System, sondern auch die Menschen, welche es konstituieren. In diesem Sinne eine schöne Woche!

Sharia-Polizist oder Schützenkönig?

Medialer Furor bezüglich religiöser oder politischer Phänomene abseits des Mainstreams ist in unserer Gesellschaft Alltagsgeschäft. Menschen, welche sich durch nicht gesellschaftlich konzessioniertes Verhalten abheben, werden in aller Regel sofort dämonisiert, mindestens aber als abschreckendes Beispiel gehandelt. Da haben wir nun Sven Lau und seine Sharia-Polizei, die einstweilen von Wuppertal nach Düsseldorf weitergezogen ist und mit weniger auffälliger Tracht aber mindestens eben so viel staatsmächtiger Aufmerksamkeit ihrem in aller Welt Augen seltsamen Geschäft nachgeht. Und es ist eigentlich ein Riesenblödsinn, diesen Typen so viel Aufmerksamkeit zu widmen, denn genau das wollen sie.

Man muss nicht allzu viel vom Islam verstehen, um begreifen zu können, dass die salafistisch indoktrinierte Auslegung des Koran ideologischer Hardcore-Fundamentalismus ist, der die Rechte der Frauen auf Gleichberechtigung ebenso negiert, wie die Toleranz gegenüber anderen Religionen oder Lebensstilen. Nun ist unser Lebensstil – vulgo dass, was den Salafisten westliche Dekadenz heißt – durch und durch säkular. Der durchschnittliche Bundesbürger gehört formell einer Religionsgemeinschaft an, lebt vielleicht auch deren Gebote, zumindest soweit es nicht mit seinen persönlichen Befindlichkeiten kollidiert und besucht Gotteshäuser zu den üblichen Gelegenheiten, was sich bei den Meisten, genau wie bei mir in Hochzeiten und Todesfällen erschöpfen dürfte. Dass ich Sakralbauten auch gerne als Fotomotiv nutze, dürfte bekannt sein. Der Punkt, den ich aber gerade zu verdeutlichen suche, ist folgender: einem guten Stück der Bundesbürger ist die organisierte Religion als Selbstzweck Wumpe. Was vermutlich auch an der hierorts tiefgehenden Entkopplung von Staat und Kirche liegen dürfte, die in unseren Breiten aber auch noch nicht so lange anhält.

Was nun diese jungen Männer mit der auffallend mächtigen Gesichtsbehaarung und dem Missionierungstrieb angeht, so haben sie, zumindest Angaben staatlicher Behörden zu Folge den Anschluss an die Gesellschaft verpasst. Oft stark segmentierte Bildungs- und Berufskarrieren, verschiedene kleinere Delikte und mangelnde soziale Fähigkeiten kulminieren häufig in der Selbstfindung durch eine Gruppe, die – vollkommen im Gegensatz zu unserer Gesellschaft – starke Regeln, mögliche Identifikationsfiguren als Führer und die Verheißung einer besseren Zukunft in sich trägt. Dass die Quelle dieser Ideologie, nämlich der Koran, genauso wie jedes andere heilige Buch im Kontext seiner Entstehungszeit gesehen werden muss und im Wesentlichen auch die Nächstenliebe als hohes Gut propagiert, wird bei der wörtlichen Zitierung des Missionierungsgebotes gerne unterschlagen. Menschen, die sich von einer materialistischen Gesellschaft zurück gelassen fühlen mit religiösen Heilsversprechen zum Kampf aufzurufen ist ein Muster, das ein wenig an die Rekrutierungspraxis der christlichen Kreuzzüge im Hochmittelalter erinnert. Insofern ist der erhobene Zeigefinger durch allzu christliche Menschen vielleicht auch nicht so angebracht.

Das Problem sind nicht ein paar Kerle, die angesichts ihrer prekären sozialen und wirtschaftlichen Situation Erfüllung darin suchen, im Schoß einer Gemeinschaft Stärke zu fühlen, die sie im Leben anders bislang nicht zu erlangen fähig waren. Das Problem ist auch nicht der Zuspruch, den sie durch Andere erfahren. Junge Männer, die offensichtlich von ihrem Testosterongetränkten Machismo getrieben in die Kameras des Privatfernsehens stammeln „das die Recht haben, die Mädchen gehörten ja Abends schon irgendwie nach Hause“. Natürlich zur besten Sendezeit und genauso geschnitten, dass unsere Migrationsmitbürger mal wieder als ewig gestrige Frauenhasser rüberkommen. Derlei Berichterstattung ist ja vollkommen unparteiisch… Ebenso wenig ist die Sprengkraft der Angelegenheit auf die Nazis beschränkt, die derlei Tun unaufhaltsam auf den Plan ruft. Die kommen eh bei jedem Wetter aus ihren Löchern, wenn sie Ausländer klatschen dürfen; egal ob mit oder ohne Grund. Doch das sind alles nur Symptome.

Und zwar dafür, dass unsere Gesellschaft es immer mehr verlernt, sinnvolle Antworten auf die Fragen der Zeit zu finden. Dafür, dass es den Menschen an Vorbildern mangelt, die in der Lage sind Werte zu vermitteln. Ich rede dabei nicht von Tugend, Pflichterfüllung und Gehorsam sondern von Solidarität, Ehrlichkeit und Kreativität, sowie dem Bestreben und Durchhaltevermögen, seine Träume wenigstens zum Teil Realität werden zu lassen. Überhaupt mangelt es uns an Träumen. Einmal mehr muss ich Herrn Steinbrück meine Geringschätzung dafür zollen, dass er Visionen für unnütz hält. Schließlich aber sind die Scharia-Polizisten ein Hinweis darauf, dass unsere Gesellschaft Wandel dringend nötig hat, denn Schützenkönige brauchen wir ebenso wenig, wie diese bärtigen Wirrköpfe.
[PS: Wer den letzten Satz nicht verstanden hat, rufe sich ins Gedächtnis, dass die Brauchtumspflege oft genug auch ein Hort für reaktionäres, wenig der Zukunft zugewandtes Gedankengut ist. Ich habe nichts gegen Traditionen, aber viel zu oft erstarrt mit den Ritualen und den Trachten auch der Geist…]

Schwächen hat jeder…

…ob es allerdings auch sinnvoll ist, sie zu offenbaren, ist in den Augen der meisten Menschen höchstwahrscheinlich vom jeweiligen sozialen Kontext abhängig. Neulich hat jemand, den ich kenne sich ein wenig darüber belustigt, dass eine deutsche Zeitung dazu aufrief, bei Bewerbungsgesprächen doch auch auf seine persönlichen Defizite einzugehen; ich habe den betreffenden Artikel nur überflogen, würde jedoch meinen, dass dies einen Aufruf zu mehr Ehrlichkeit im Umgang mit Dritten konstituieren soll. Quasi eine Erinnerung daran, dass es Tugenden gibt, die mit den rein ökonomischen Aspekten des Arbeitens nichts zu tun haben. Kant würde sagen, dass es nur dann ein moralisches Handeln gibt, wenn man sich der Pflicht dazu hingibt, richtig zu handeln und nicht wenn man es tut, weil es einen voran bringt. Und richtig handeln bedeutet in Kant‘schen Kontext, jeden Menschen auf Grund seiner angeborenen Würde als vernunftbegabtem Wesen Achtung entgegen zu bringen – wozu eben auch gehört, sein Gegenüber nicht zu belügen.

Eigentlich kann ein Aufruf zu mehr Aufrichtigkeit speziell bei Menschen in leitenden Positionen doch nie verkehrt sein, würde man im ersten Augenblick denken. Doch ich denke, es ist oft nicht so sehr ein echter Mangel an Tugend, der dem einfachen Ottonormalverbraucher einen Chef als… nun sagen wir mal von Grund auf Suspekt erscheinen lässt. Wir neigen nur einfach dazu, Menschen mit höherem Einkommen (und übrigens auch mehr Verantwortung) Unaufrichtigkeit in Reden und Handeln quasi als Grundvoraussetzung für das Erreichen einer höheren Position zu unterstellen. Ich weigere mich das zu glauben. Weil wir Menschen entgegen der Hobbes’schen Philosophie nicht von Grund auf schlecht sind; wir haben vielleicht die Tendenz, uns durch verschiedene Anreize korrumpieren zu lassen, aber auch dabei gilt, dass es schwächere und stärkere Charaktere gibt. Aber jemand, der eine gewisse Position erreicht hat, kam dort in den meisten Fällen durch harte Arbeit hin und erwartet – nicht ganz zu Unrecht, wie ich meine – für seine Leistung respektiert zu werden. Das tun wir alle auf die eine oder andere Weise. Aber bei jemandem, der zumeist eine gesellschaftlich höhere Position innehat, sträuben wir uns dagegen, das anzuerkennen, weil wir, aus welchen Gründen auch immer – Neid käme aber wohl durchaus in Frage – das Recht auf diese Position bezweifeln.

Von daher verwundert es nicht, dass ein solcher Artikel, der eben nach mehr Aufrichtigkeit verlangt unsere populistischen Instinkte anspricht: „JA, zeig schon her, was mit deiner ach so weißen Weste alles nicht stimmt!“. Nun ja, was soll ich sagen, Stammtischparolen waren mir schon immer fremd. Ebenso bezweifele ich aber, dass jeder Personaler diesen Kandidaten sofort als untauglich abhakt, nur weil er zugibt, einen menschlichen Makel zu haben. Zugegeben entspräche genau das dem allzu stereotypen Bild, welches wir von der Unmenschlichkeit der Arbeitswelt haben, doch auch hier empfiehlt es sich, nicht alle über einen Kamm zu scheren. Vielleicht ist das Zugebenkönnen ein erster Schritt hin zu einem achtungsvollen Umgang miteinander, wie ihn Kant uns angemahnt hat?

Natürlich lässt sich kaum verleugnen, dass unsere Arbeitswelt einem entmenschlicht vorkommen kann, verglichen mit den Gutsherrenzuständen, wie sie vor 100 Jahren geherrscht haben, geht es zumindest in unseren Gefilden heute jedoch ziemlich gesittet zu. Und nur weil man im Umfeld der Erwerbstätigkeit, wie allerdings auch überall sonst, vielleicht noch nicht an einem Ziel wie dem Diskurs auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten angekommen ist (der zumindest gegenwärtig gar nicht möglich ist, weil eben nicht alle Menschen als gleich anerkannt sind), bedeutet das nicht, dass es sich nicht lohnt, darauf hin zu arbeiten. Auch wenn der Weg noch lang sein mag.

Was nun die Aufrichtigkeit bei Personalgesprächen angeht, habe ich keinen Ratschlag. Ich würde aber vermuten, dass es sich mittelfristig als eher nachteilig heraus stellen könnte, wenn man tatsächlich vorhandene Defizite verschweigt. Ich persönlich empfinde Aufrichtigkeit als einen Wert an sich, dem ich mich verpflichtet habe, weil ich die Menschen um mich herum respektiere – natürlich nur, sofern sie dies auch tun. Aber zum einen findet man das mit ein wenig sozialem Geschick recht schnell heraus. Und zum anderen dürfte diese Einschränkung umgekehrt genau so gelten…! Schöne Woche noch.

Manchmal redet man von “denen da oben”…

…oder vom “System”, das ja so böse ist und diese oder jene Ungerechtigkeit verursacht. Ich bin mir ja nicht so sicher, was Stammtischparoleure landauf, landab meinen, wenn sie von “dem Kapital“ sprechen, oder “den Politikern“, oder “der Wirtschaft“. Vermutlich wissen sie das selbst nicht so genau, aber “die Wirtschaft“ ist in deren Hirnen dann trotzdem gerne Schuld daran, dass wir alle am Hungertuch nagen… oder? Vielleicht sollte man einfach mal ein paar Begriffe klären.

Menschen sprechen gerne von Systemen, wenn eine Gruppe von Menschen eine bestimmte Größe erreicht hat und deshalb notwendigerweise begonnen hat, eine Binnenstruktur auszuprägen; das heißt, einzelne Personen, oder kleinere Personengruppen übernehmen bestimmte Funktionen innerhalb der größeren Gruppe, die man braucht, um die größere organisieren und am Laufen halten zu können. Das gilt so etwa für jeden Handwerksbetrieb mit mehr, als sagen wir mal zehn, fünfzehn Beschäftigten. Da macht dann einer die Auftragsakquise, einer schreibt Angebote, einer macht die Personaldisposition – in einem so kleinen Maßstab vermutlich jeweils neben dem normalen Arbeiten an aktuellen Aufträgen. Doch nehmen wir mal an, der Betrieb hätte 100 Außendienstmitarbeiter. Dann werden die vorgenannten Funktionen zu Vollzeitstellen. Und je größer ein Unternehmen, ein Verein, eine Behörde wird, umso mehr solcher Funktionen werden notwendig, um den Apparat in Gang zu halten. Das entspricht der Autopoiese, also dem Drang zur Selbsterhaltung, der größeren Organisationen jedweder Art innewohnt. Denn allen Automatismen der differenzierten Strukturfunktionalität zum Trotz, bleibt auch die größte Organisation zunächst nur eine Ansammlung von Menschen; Menschen mit Werten, Normen, Zielen, Träumen, Befindlichkeiten, die ein Stück weit dazu gezwungen sind, miteinander zu arbeiten oder zu leben, auch wenn sie sich vielleicht auf den Tod nicht ausstehen können. Gezwungen deshalb, weil einerseits ihre materielle Existenz vom Fortbestand der Organisation abhängen kann (z.B. beim Arbeitgeber), oder ihre ideelle Existenz (etwa bei einem Verein, in dem man sich schon lange engagiert), aber natürlich auch ihre soziale Existenz (im Sinne der Kommune, des Landes, des Staates, in dem sie leben).

“Das System“ wie etwa “die Industrie“ ist somit zunächst nichts weiter, als ein Ausschnitt aus der Gesamtheit der hier lebenden Menschen. Natürlich sind NICHT alle Menschen gleich, auch wenn wir das in einer Demokratie gerne annehmen. Doch letztlich korreliert der mögliche Grad an gesellschaftlicher Teilhabe oder gar Einflussnahme mehr oder weniger direkt mit dem jeweils vorhandene Zugang zu Ressourcen; Geld, Bildung, Macht, wobei diese drei unbestritten in einem direkten Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Doch es ist kein gesichtsloses System, dass Ressourcen und damit Chancen auf Teilhabe und Wohlstand verteilt, es sind Menschen. Menschen, die Entscheidungen treffen, jeweils auf der Basis ihres besten Vermögens. Und genau das ist der Knackpunkt: kein Mensch ist frei von seinen Affekten, von Sym- oder Antipathie, von mentalen Landkarten, die diese oder jene Einstellung entstehen lassen; schließlich von Zwängen, die gleich, ob real existent oder nur eingebildet, real wirksam auf das Tun oder Unterlassen werden.

Wir alle beeinflussen einander. Gäbe es zum Beispiel nicht so viele Menschen des unteren Mittelstandes die denken, dass Aktien eine gute Idee sind, für das Alter vorzusorgen, würden die Vorstände der börsennotierten Unternehmen nicht so auf die Befindlichkeiten “der Märkte“ reagieren müssen, welche letztlich nur die Erwartungen vieler Menschen auf einen Reibach wiederspiegeln. Dass man sich, indem man an der Zockerei mit Erwartungen teilnimmt, den eigenen Ast absägt, ist Vielen überhaupt nicht bewusst. Doch überzogene Gewinnerwartungen, geschürt von den Fondsdealern, die ja ihre Produkte verkaufen müssen, um ihren eigenen Lebensunterhalt finanzieren zu können, lassen sich heutzutage zumeist nur noch durch Einsparungen erzielen. Und der größte durchlaufende Posten heißt in den allermeisten Branchen “Personalkosten“. Einerseits Gewerkschaftsmitglied zu sein und auf die Personalpolitik der Konzerne (die ja auch nur Systeme sind, gell ;-)… ) zu schelten, aber andererseits auf fette Gewinne aus einer Fondsgebundenen Rente zu hoffen ist schlicht schizophren! Ich habe auch lange gebraucht, um mir das einzugestehen, aber so ist es halt!

Und was bringt es einem nun, mal was darüber gehört zu haben? Organisationen aus vielen Menschen entwickeln gemeinsame Ziele, nämlich zusammen als Organisation nicht nur einfach überleben zu können, sondern stärker zu sein, weiter kommen zu können, als andere. Je größer die Organisation, desto komplizierter und verflochtener sind aus der organisatorischen Notwendigkeit heraus ihre inneren Strukturen, die aber auf’s kleinste Teil herunter gebrochen alle aus Menschen bestehen; Menschen, wie du und ich. In sozialen Zusammenschlüssen jedweder Natur entwickeln Menschen aber, aus den vorgenannten Gründen, eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame Sprache, die sie wiederum stärker in diese Organisation integrieren. Dadurch entstehen Zwänge, die auf andere Organisationen, gesellschaftliche Teilsysteme und, wenn oft auch indirekt, schließlich wieder auf einen selbst wirken.

Sich dem entgegen zu stellen, ist alleine eigentlich ziemlich aussichtslos, aber es ist möglich, sich ein ganzes Stück weit davon frei zu machen. Entscheidend dafür ist, dass jedes Individuum begreift, dass ein Handeln rein nach ökonomischen Gesichtspunkten einen irgendwann mit Wucht an die Wand fährt, weil wir alle Interessen haben, die sich aber nicht harmonisieren können, weil im Moment fast alle dem Gott Ego huldigen. Die libertäre Vorstellung vom uneingeschränkten Selbsteigentum ist wirklich etwas Furchtbares! Aber Umdenken beginnt stets im eigenen Kopp, weshalb ich einmal mehr (sinngemäß) ein Zitat vom Ghandi einflechte: “Sei du selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst.“ Vielleicht mag ja der eine oder andere da draußen auch mal seine Einstellung “zum System“ überdenken?

Glaub ich nicht!

Ich habe neulich, wenn ich mich noch recht entsinne, mal geschrieben, dass ich Sakralbauwerke eigentlich fast nur zum Zwecke des Fotografierens betrete. Wenn man mal von den wenigen Gelegenheiten absieht, da Familienfeiern etwas mit einem Kirchgang zu tun haben; Hochzeiten, Weihnachten und so was eben. Für sich betrachtet weist diese Bemerkung auf zwei Dinge hin: meine Liebe zum Fotografieren und mein ambivalentes Verhältnis zur Religion. Bezüglich des Ersteren gibt es, zumindest im Moment wenig zu sagen, da ich weder gut genug bin, um anderen Tipps geben zu können; da gibt es gewiss berufenere Kandidaten. Noch bin ich bereit, meine ganz persönlichen gestalterischen Vorstellungen zu diskutieren. Sie reflektieren meinen Geschmack und über den streitet man nicht.

Mitnichten bedeuten seltene Kirchenbesuche indes, dass ich nicht glauben würde. Würde ich meinen Glauben kurz beschreiben wollen, so würde ich sagen, dass es nach meiner Meinung keines Beweises für das Existieren höherer Mächte bedarf, wenn man glauben will; dass sie sich einem aufmerksamen Beobachter aber zumindest indirekt gelegentlich offenbaren. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch eine spirituelle Seite in sich trägt, deren Bedürfnisse befriedigt werden wollen. Was man dafür glaubt, oder an wen, spielt somit keine Rolle, sofern man nur einen individuell passenden Fokus für die metaphysischen Aspekte seines Seins zur Hand hat. Heidegger würde mich vielleicht steinigen, aber das ist mir Wumpe. Ich glaube an eine schöpferische Kraft, die jenseits dessen liegt, was wir mit unseren normalen Sinnen erfassen können, die unser Leben manchmal bereichert – z.B. mit Inspiration – uns aber gelegentlich auch prüft! Ich gebe ihr keinen Namen und mache mir kein Bild von ihr, ansonsten war’s das mit meiner Christlichkeit aber auch schon, denn organisierte Religion beglückt mich nur wenig.

Ich sagte, dass wir vermutlich alle das Bedürfnis haben, an etwas zu glauben. Religionen allerdings, oder besser gesagt die Organisation dahinter, also der jeweilige obere Klerus kommen mir mittlerweile vor wie Meth-Dealer. Sie verteilen das Opium für’s Volk – schönen Dank an Karl Marx – bzw. sie delegieren diese Tätigkeit an Menschen, die durch ihre eigene, vermutlich zumeist sehr ehrliche Gläubigkeit andere zum Glauben bringen, oder dies wenigstens versuchen. Dass sie damit jedoch helfen, etwas Freies, zutiefst menschliches durch Liturgien und Regeln in ein Korsett der Konformität und Unfreiheit zwingen, welches lediglich eine andere Art von Kontrolle über das Individuum repräsentiert, ist für mich pure Ironie des Schicksals. Wenn ich mich doch darüber freue, dass jemand an das Gleiche glaubt wie ich, warum muss ich ihm dann Regeln für das richtige Glauben aufzwingen? So oft ich darüber nachdenke, habe ich nie begriffen, warum Menschen sich überhaupt darauf einlassen. Ich meine, beim Steuern zahlen und Gesetze befolgen hat man keine Wahl. Was aber auch gut ist, weil die Gesetze einem friedlichen Koexistieren dienen und die Steuern einerseits helfen, soziale Härte zu dämpfen, andererseits Zugang zu Bildung, Grundversorgung und Infrastruktur sicherstellen sollen. Dass das nicht immer so klappt, wie ursprünglich gedacht, steht auf einem anderen Blatt…

Beim Glauben jedoch, der etwas sehr persönliches ist, gibt man seine Autonomie frohen Herzens an jemanden, dessen Intentionen nur schwer zu durchschauen sind? Und das womöglich als notorischer Steuerhinterzieher? Seltsam, oder? Nun ist es ja so, dass die Kirchen für sich beanspruchen, moralische Instanzen zu sein, Institutionen, die zu den Fragen nach dem Sinn (die sich jeder stellt) und nach Maßstäben für das Handeln auch in extremen Situationen für jeden gültige Antworten parat haben. Aber ist das tatsächlich so?

Es erscheint uns oft so, als wenn die Verlautbarungen der Kirche zu den verschiedensten Fragen des Alltags von einer gewissen Gestrigkeit umwölkt wären, von einem wenig realistischen Blick auf das Hier und jetzt. Als wenn die Interpretation alter Schriften und Doktrinen wenig Fruchtbares zu den Problemen der Neuzeit beizutragen hätte. Manchmal ist das auch so, wenn man sich zum Beispiel ansieht, wie die Frau Käßmann sich mit ihrem Kaffeehauspazifismus vergaloppiert hat. Oder an denen Dogmen der katholischen Kirche rings um Alles, was mit der Ehe und dem Beischlafe zu tun hat. Doch gibt es tatsächlich Fragen, die uns neu erscheinen, aber in Wirklichkeit verdammt alt sind und denen man durchaus mit den moral-ethischen Mitteln älteren Datums beikommen kann. Aber die Fähigkeit, Überliefertes richtig transponiert, richtig dosiert im richtigen Moment anzuwenden, die scheint Mangelware zu sein. Ein Grund, weshalb mich organisierte Religion so wenig beglückt.

Ich brauche zum glauben keine Bauwerke, obwohl mich die Hingabe, mit der Glaube in vergangenen Generationen zu Stein geworden ist immer wieder fasziniert. Ich brauche zum glauben keine Regeln und will folglich auch keine, verstehe aber Menschen, die in der Gemeinschaft, welche eine Liturgie und ein besonderer Ort zu stiften vermögen Trost, Ruhe und vielleicht auch Orientierung suchen. Was mich aber immer wieder irritiert ist der Missbrauch, welchen Religion im Namen dieses oder jenes Ziels erfährt; der Missbrauch, der uns als Weltgemeinschaft mit dem Schrecken des Terrors überzieht. Ist es nicht immer wieder erschreckend, wie wenige faule Äpfel man braucht, um eine Kiste zu verderben; manchmal reicht ein einziger. Denn da wo die Religion missbraucht wird, um falsche Wege aus säkularem Elend zu weisen, degeneriert das, was die Irregleiteten nun als ihren Glauben wahrnehmen, zu einer Schimäre, die so vieles verspricht und doch nichts hält; verbreitet von falschen Propheten. Dieses Missbrauchspotential, das jeden Tag irgendwo von irgendwem auf irgendeine Art ausgeschöpft wird ist es, was mich von der organisierten Religion wegtreibt. Und ich meine damit beileibe nicht nur islamische Hassprediger, obwohl bestimmt so mancher gerade jetzt an gerade die gedacht hat! Aber jede Art von organisierter Religion konnte und kann so ge- bzw. missbraucht werden. Darum glaube ich nicht, dass ich so bald zum Gläubigen im kirchlichen Sinne werde. Und was glaubt ihr so, dass ihr glaubt…?

Optimal ist aus!

Irgendjemand hat neulich mal zu mir gesagt, dass ich ihm ein bisschen vorkäme, wie Jason Stathams Charakter in „The Transporter“. Natürlich weder so athletisch, noch so kampferprobt, dazu habe ich die letzten Jahre ein wenig zu gerne gegessen und ein wenig zu ungern trainiert. Aber ich sei ähnlich akribisch im Streben nach dem Optimum. Das bezog sich in der Hauptsache auf mein berufliches Tun, aber letztlich musste ich nach einer Weile des Sinnierens feststellen, dass das auch für andere Bereiche meines Lebens zutrifft; dieser Drang 100% zu erreichen. Diese 100% bedeuten für mich, aus dem Wenigen das manchmal zur Verfügung steht – an Ressourcen, an Zeit, an Ausrüstung – das mögliche Optimum zu erzielen. Es geht also um Effizienz. Oder besser darum, dass man ein solches Maß an Effizienz nicht ohne Unterstützung und vor allem nicht dauernd bieten kann, egal wie sehr man sich auch anstrengen mag. Doch von dem rationalen Begreifen dieses Faktums bis zum emotionalen darauf einlassen ist es ein weiter und steiniger Weg…

Der „Transporter“ hat ein paar Regeln, an die er sich immer hält; bis zu diesem einen Tag, als er nicht ignorieren mehr kann, dass seine Fracht in einer Notlage ist. Dieses Bild lässt sich ebenso übertragen, nur dass es bei der Notlage nicht um eine fremde Person, eben das Paket im Kofferraum eines großen Audis geht, sondern um einen selbst. Ich wünschte wirklich, ich könnte sagen, dass mir der Vergleich schmeichelt, doch irgendwie symbolisiert dieses Fixiert Sein auf Akkuratesse, auf Effizienz und Geschäftsmäßigkeit im Fremdbezug zwanghaftes Verhalten. Ich habe zwar keine schwarzen Anzüge in Reih und Glied im Schrank hängen, doch der sanfte Anklang eines zwanghaften Verhaltens hinsichtlich meines Dranges, immer das Beste erreichen zu wollen, ja zu müssen lässt sich leider kaum verheimlichen.

Jeder hat Idealvorstellungen von bestimmten Orten, von bestimmten Zuständen und Zielen, von sich selbst im Kopf, die einen manchmal dazu bringen, Dinge zu tun, egal ob diese nun gut für einen sind oder nicht. Mein Selbstbild, so wie es jetzt ist, verlangt von mir diese Effizienz, 100% der Mann zu sein, den Andere in mir sehen sollen; ein Vorbild, ein verlässlicher Kollege, bzw. Partner, ein Fels in der Brandung, eine Art Marke, sowohl als Orientierungspunkt, als auch symbolisch, wie bei einem Markenzeichen. Insbesondere wenn ich junge Berufsanfänger auf ihren Wegen ein Stück begleite. Leading bei example, was natürlich verlangt, ein gutes Beispiel zu geben. Dabei bin ich in den letzten anderthalb Jahren regelmäßig über meine eigentlichen Belastungsgrenzen hinausgegangen, habe mich immer wieder motiviert, dass die Durststrecke schon bald vorüber sein werde, dass auch wieder bessere Zeiten kommen, dass am Ende schon alles gut wird. Doch das erhoffte Ende, der ersehnte Wandel sind nicht in Sicht; und ich am Grunde des Fasses angelangt, aus welchem ich bis zuletzt weiter geschöpft habe. Doch meine Reserven sind erschöpft, meine Zuversicht beim Teufel und mein Optimum… tja, ich weiß nicht, ob ich nochmal dahin komme, nein nochmal dahin kommen will.

Denn würde ich alsbald so weiter machen, wie bisher, würde ich in zwei, vielleicht drei Jahren, wahrscheinlich aber viele eher wieder da stehen, wo ich jetzt bin und das will ich nicht, weil ich Verantwortung habe; für mich, meine Familie und meine wahren Freunde an allererster Stelle. Erst weit danach kommen all Jene, denen ich nebenher immerzu auch gegeben habe. Es wird mir – zumindest anfangs – wehtun und es wird ihnen wehtun, aber ich muss mich ändern. Ich muss und werde ein Anderer werden, weil ich sonst an meinem alten Ich kaputt gehen werde. Und wenn der eine oder andere zu mir kommen und mich anmachen wird, das ich mich verändert hätte, so werde ich vielleicht nicht gleich darauf scheißen, sondern erst, wenn derjenige sich selbst auch mal gefragt hat, ob sein eigenes Ich denn so richtig in Ordnung ist, und danach immer noch rumnölt.

Wir als Menschen sind soziale Wesen; wir haben einen hoffentlich halbwegs festen Charakter und sind doch auch immer einem Veränderungsprozess unterworfen, der unsere Beziehungen stets mit verändert. Motor dessen ist, wie ich vermute, die ungebrochene Bestrebung des Menschen nach Veränderung, vor allem nach Verbesserung. Doch auch wenn man es schafft, für sich selbst das in unserer Zeit leider wildwuchernde Primat der Notwendigkeit zur Selbstoptimierung zu verneinen, steckt man immer noch im sozialen Geflecht und wird sich Anfeindungen ausgesetzt sehen, wenn man sich den allgemeinen „Standards“ wiedersetzt. Ich sehe mich nun der Notwendigkeit gegenüber, diese Anfeindungen zu ertragen und so herausfinden zu können, wer mir wohl meint und wer nur von meiner Energie partizipieren will. Ich habe ein bisschen Angst davor; trotzdem bin ich gespannt, wohin der Weg führt. Denn wer mich fürderhin begleitet, wird vermutlich, genau wie ich selbst, Überraschungen erleben dürfen…

Krieg ist Scheiße, Wegschauen noch schlimmer!

Stellt euch mal vor, es ist Krieg und keiner geht hin! Der Satz ist ziemlich alt, dementsprechend auch schon recht abgedroschen, aber er passt auf die aktuelle Situation, wie die Faust auf’s Auge passen würde, wenn man sich denn dazu entschlösse, seiner Völkerrechtlichen Verpflichtung nachzukommen. Wie jetzt, der Autor dieser Zeilen ist ein Kriegstreiber? Ja, ja, danke geschenkt, macht mich an, wenn ihr so viel besser wisst, dass niemals mehr ein Deutscher außerhalb der Grenzen unseres Landes kämpfen darf, Nazi-Vergangenheit sei Dank. Dass wir eine Truppe haben, die nur zur Landesverteidigung eingesetzt werden darf und dann auch nur schießen darf, nachdem sie den feindlichen Panzer, oder was auch immer höflich zum Anhalten aufgefordert hat; drei Mal und mit dem notwendigen Vierfarbformularvordruck. Habt ihr den Knall nicht gehört?

Nur für den Fall, dass all die Kaffeehauspazifisten, die durch meine Worte eh nicht davon zu überzeugen sind, dass unsere Welt sich als Dauerkriegsschauplatz darstellt und wir Deutschen nur zufällig das Glück hatten, die längste Friedensperiode in der europäischen Geschichte erleben zu dürfen, die es je gab vielleicht doch mal zum Überdenken ihres Hardcore-Im-Stich-Lassens der Weltgemeinschaft zu bewegen wären: Schon seit 15 Jahren kämpft die Bundeswehr nicht mehr ausschließlich zur Landesverteidigung, unsere Truppen lassen sich bestimmt nicht wehrlos beschießen, bis der Gegner keine Lust oder keine Munition mehr hat und regelmäßig kommen Särge zurück in die Heimat. Ich habe keine Ahnung, mit wie viel Enthusiasmus oder Ablehnung diese Männer und Frauen ihrem Auftrag gegenüber stehen, aber sie erfüllen ihn, erfüllen ihre Pflicht, ohne viel Gesäusel.

Ich will nicht sagen, dass ich es gut finde, wenn irgendwo Kriege stattfinden; und noch viel weniger bin ich ein Fan davon, sofort in jeden Konflikt hinein zu rennen. Ich bewundere eher Frank-Walter Steinmeiers Ausdauer als Vermittler, obwohl er doch selbst weiß, wie aussichtslos sein stiller Kampf gegen Betonköpfe vermutlich ist. Aber es gibt Situationen, in denen ein Kampf unausweichlich ist, weil man sich einem Gegner stellen muss, der einfach nur die Welt brennen sehen will. Und solche Leute gibt es. Würde er eine Chance sehen, mit den IS-Terroristen auf irgendeiner Basis sprechen zu können, um sie von noch mehr Gräueln abzuhalten, würde unser Außenminister wahrscheinlich auch das versuchen. Selbst John Kerry wäre das zuzutrauen. Aber die wissen, dass dies in diesem Fall keinen Zweck hat.

Aber unsere Kaffeehauspazifisten, die selbsternannte moralische Instanz im Staate, all Jene, die scheinbar immer noch glauben, dass Beten und Häkeln gegen Mordlust hilft, sitzen auf ihren Händen und predigen Gewaltverzicht. Ich finde das mit der linken und der rechten Wange auch dem Grundsatz nach sehr erbaulich, nur leider unpraktikabel, weil genau die, auf die wir in Gewaltsituationen treffen, entweder die betreffende Stelle der heiligen Schrift nicht kennen, vergessen haben, oder drauf pfeifen, weil sie eine eigene, eher unheilige Agenda haben. Passiert das bei uns in Deutschland, kann man sich in der Regel hinterher bei der Polizei ausheulen und wenigstens Anzeige gegen Unbekannt stellen. Diese Chance haben zum Beispiel die Yeziden nicht. Zum einen gibt es dort keinen, der ihnen helfen oder auch nur zuhören könnte und zum anderen würden sie schlicht nicht dazu kommen, die Hilfe einer Polizei, so es sie gäbe in Anspruch zu nehmen – dazu muss man nämlich noch am Leben sein.

Nein, wir können den Kurden keine Waffen liefern, man weiß ja nicht, wo die dann landen. Tja das weiß man bei den Terroropfern auch nicht so genau, aber irgendjemand wird die Massengräber schon finden, dann können wir ja wenigstens BKA-Spezialisten für die Identifizierung vorbei schicken, nicht wahr. Also ein Militäreinsatz ist vollkommen ausgeschlossen, das ist nicht unsere Aufgabe. Tja, also, wenn das nicht unsere Aufgabe ist, brauchen wir auch keinen Platz im Weltsicherheitsrat der UN, oder sonst irgendeinem Gremium, weil Leute, die sich stets mit einem Achselzucken und dem Satz „Können wir nicht, weil wollen wir nicht“ hervor tun bestenfalls als Unentschlossen, schlimmstenfalls als überflüssige Idioten wahrgenommen werden. Aber genauso gebärden sich unsere selbstbestellten Wächter der rechten Ideologie im Moment gerade – eben wie Kaffeehauspazifisten. Typen und Tussen, die ganz, ganz doll gegen Krieg sind, weil das mit den Nazis ja ganz super furchtbar war und nie wieder Krieg von deutschem Boden ausgehen darf. Das in bestimmten Fällen Krieg und humanitäre Einsätze ein und dasselbe sind, entgeht ihnen in ihrem Fanazismus (für alle, die es mal wieder nicht kapiert haben: fanatischer Pazifismus). Und das sie in den allermeisten Fällen nicht den blassesten Schimmer haben, wie es ist, Menschen beim Sterben zuschauen zu müssen, versteht sich ja wohl von selbst. Ich frage mich, wie viele unserer Soldatinnen und Soldaten wohl frohen Mutes in so einen Einsatz ziehen würden, um Leben zu retten und tatsächlich mal die Demokratie zu verteidigen? Ich denke, nicht wenige würden es einfach als ihre Pflicht ansehen; sowohl als Soldat, aber genauso auch als Bürger! Viel Spaß im Kaffeehaus noch, ihr grausamen Moralapostel…