Heatwave N°2

Heidewitzka, ist das gerade wieder verdammt heiß! Und so natürlich, wie wir alle Schwitzen, uns nach Freizeit am Baggersee, einem leckeren Eis und einem kleinen Sommergewitter am Abend sehnen, so natürlich schwadroniert die Presse über diesen Umstand. Dabei werden – je nach politischer Orientierung der Postille – wahlweise Untergangs-Szenarien oder Artikel voller Whataboutism rausgehauen, was in den Kommentarspalten zu eher belustigenden Scharmützeln führt. Denn zum Thema Wetter und Klima hat jeder eine Meinung. Oft genug ziemlich viel Meinung für verdammt wenig Wissen…

Ja, der Unterschied zwischen Klima und Wetter ist mir durchaus geläufig, danke der Nachfrage. Und auch, wenn dies hier gewiss nicht der Ort ist, über das Wetter zu plauschen, so ist Klima doch ein ziemlich gutes Thema. Dazu muss man allerdings wissen, dass es natürlich wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, welche sowohl die landläufige These stützen, dass ein nicht unerheblicher Teil der gegenwärtigen Erderwärmung anthropogen ist, als auch solche, die diesen Allgemeinplatz in Zweifel ziehen. Der Umstand, dass das Klima sich im Verlaufe der Zeit auch ohne menschliches Zutun recht häufig in die eine (+), wie in die andere Richtung (-) geändert hat, ist dabei Wasser auf den Mühlen der Klimawandel-Leugner.

Nun ist es so, dass “die Wissenschaft” als System so nicht existiert; so wenig, wie “der Deutsche” oder “der Islam” als hoch dogmatisierte Begriffe mit eng umrissenem Bedeutungs-Gehalt irgendeine letztgültige Wahrheit beinhalten können. All diese Begriffe sind von Menschen gemacht, die – genau wie du und ich – Irrungen, Wirrungen, und Meinungen unterworfen sind. Wissenschaft ist oft weniger deskriptiv (die Dinge beschreibend wie sie sind), als vielmehr normativ (die Dinge beschreibend, wie man sie gerne hätte). Das gilt in der Gesundheits- Sozialpolitik genauso, wie bei Klimafragen. Wir neigen recht gerne dazu, die Meinung irgendeines Prof. Dr. Dr. als unumstößlich hinzunehmen, wenn sie unseren eigenen Interessen genehm ist. Letztlich ist aber auch diese Meinung genau das; nur eine Meinung unter vielen, die mehr oder weniger Substanz haben kann.

Ich rede mitnichten der Unwissenschaftlichkeit, oder gar der neuen Postfaktizität das Wort. Dafür haben wir Trump, die AfD und die ganzen Idioten, welche Ihnen hinterher rennen. Die setzten auf dumpfe Gefühle (insbesondere negative) und erreichen damit viel mehr Menschen, als alle vernünftiger Artikel, die ausgewogen die Fakten darstellen zusammengenommen. Denn offenkundig wollen die Leute hassen, nicht wissen! Ich möchte genau deshalb darum bitten, dass man sich genau anschaut, wessen konkrete Interessen durch irgendwelche wissenschaftlichen Publikationen vertreten werden, bevor man irgendetwas für “alternativlos” hält. Dies ist im Übrigen das Gottverdammte Unwort des frühen 21. Jahrhunderts. Für diesen Nonsens-Begriff könnte ich Fr. Dr. Merkel immer noch… aber ich schweife ab.

Zweifellos wäre es schön, wenn wir das Wort alternativlos einfach wieder aus unserem Wortschatz streichen könnten. Denn es soll ja einfach nur suggerieren, dass mein Gegenüber keinen Bock hat, über meine Argumente wenigstens nachzudenken, oder in seinem Denken schon so verbohrt ist, dass er nicht mal mehr die Möglichkeit einer anderen Meinung in Betracht zieht. Et voilá – Dogmatismus. Bringt keinen weiter und erzeugt einfach nur heiße Luft, welche die Heatwave N°2, die gerade über’s Land zieht bestenfalls nur ein bisschen schlimmer macht. Das einzige, was diese Art von “Berichterstattung” schafft ist, die Gräben durch unsere Gesellschaft noch mehr zu vertiefen und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Keinen Dank dafür.

Wir brauchen gesellschaftlichen Dissens! Aber bitte auf dem Boden von Fakten und nicht von Gefühlen, die allenthalben gerade das Szepter im öffentlichen Raum übernehmen. Hätte irgendjemand Lust auf eine echte Diskussion? Wenn sich welche finden, stehe ich gerne zur Verfügung. Aber bleibt mir mit eurer postfaktischen Phrasendrescherei, eurem Auf-Andere-Zeigen, eurem Whataboutism und eurere Bigotterie vom Hals. Die Apologeten der vorgenannten Unnötigkeiten dürfen gerne in der Hitzewelle verdunsten. Allen anderen eine gute Zeit…

Erwachsen bilden #05 – Keep your distance, buddy…

Man muss es einfach mal sagen: mit 45 bin ich kein junger Hüpfer mehr. Also, ich fühle mich nicht alt (nur manchmal, nach einer Woche des frühen Aufstehens vielleicht) und habe immer noch jede Menge Spaß an Musik, an Kino, am Zocken, etc . Aber manche Expressionen der zeitgenössischen Jugendkultur verstehe ich nicht mehr so, wie noch vor 10 Jahren. Könnte daran liegen, dass mich dieses ganze trendige Gesummse und Gebrumse einfach nicht interessiert. Aber manche Sachen kapiere ich einfach nicht. Z.B. nackige Knöchel bei -2°C.

Nun ist es so, dass ich – berufsbedingt – viel mit jungen Menschen zu tun habe. Und ich gewinne den Eindruck, dass die meisten von denen mich, den grauen Haaren und der Plautze zum Trotz, dennoch nicht als alten Sack sehen, sondern eher auf Augenhöhe. Irgendwie ist das schmeichelhaft. Aber leider auch gefährlich. Denn obschon ich durchaus Sympathien für meine jungen Kolleginnen und Kollegen (egal, ob noch in Ausbildung, oder schon fertig mit der Welt) empfinde, bin ich als Ausbilder dazu aufgerufen, professionelle Distanz zu wahren.

Man kann miteinander arbeiten, miteinander Quatsch machen, miteinander über alles mögliche reden und auch mal miteinander ein Bier trinken; was heute Abend der Fall sein wird. Und doch bleibt da eine unüberbrückbare Distanz zwischen uns. Denn ich diene in meiner Funktion, egal, ob ich und die anderen das wollen oder nicht, als Role-Model, also als Vorbild und irgendwie auch als Respektsperson. Auch wenn ich mir mit meiner flapsigen Fletsche manchmal alle Mühe geben, das zu untergraben.

Doch, wie man es auch dreht und wendet: diese Distanz muss ich wahren. Tue ich das nicht, so wie mancher Ausbilder-Kollege vor mir es getan hat und gewiss auch noch mancher nach mir es tun wird, endet das unweigerlich in einem Desaster. Die schlimmste denkbare Entgleisung ist dabei eine Beziehung zu einem der eigenen Azubis einzugehen. Denn das unterminiert den Respekt für die eigene Funktion auch bei den Anderen und konstituiert, zumindest aus meiner Sicht, die Ausnutzung eines Schutzbefohlenen. Das mag altmodisch klingen und ich gebärde mich auch gewiss nicht als jemandes Papa; aber mit so einer Aktion verspielt man seinen ganzen Kredit.

Und wer ein solches Szenario zu Ende denkt, kommt am Schluss ganz schnell bei einem sehr unschönen Vorwurf heraus: sexuelle Belästigung/Nötigung. Denn, wenn in einem solchen Verhältnis die Luft raus ist und es eventuell zu Streitigkeiten kommt, oder aber jemand seine Meinung ändert, ist ratzfatz eine solche Anschuldigung ausgesprochen. Diese stigmatisiert (u. U. Beide), ist nur sehr schwer aus der Welt zu schaffen und kann eine Existenz zerstören. Das wäre es mir niemals wert!

Das ist der Grund, warum ich so gut wie nie jemanden weiblichen Geschlechts in meinem beruflichen Umfeld berühre (dazu sei gesagt, dass ich mich selbst als streng heterosexuell einordne). Das klingt jetzt vielleicht paranoid, aber auch ich bin nicht aus Eis. Und daher versage ich es mir, etwas zu tun, das vielleicht falsch ausgelegt werden könnte. Mal davon ab, dass ich glücklich verheiratet bin… Nun ja, manchmal muss man seine Gedanken einfach mal ordnen und aussprechen. Das ist hiermit getan und ich wünsche allen ein schönes Wochenende!

Auch zum Hören…

Stress vs. Angst…?

Es ist seit Ulrich Beck’s Diktum von der Risikogesellschaft ein Allgemeinplatz, dass die steigende Komplexität unseres sozialen Umfeldes die Menschen ängstigt. Weniger – und vor allem auch weniger prägnante – Landmarken, höhere Anforderungen, eine schnellere Taktung; all das fordert unsere Sinne tagtäglich heraus, lässt unser ARAS (Aufsteigendes reticuläres Aktivierungs-System) heißlaufen und gibt unserem Hirn bisweilen mehr Futter, als es zu verarbeiten in der Lage ist. Erst, wenn wir eine Situation oder einen Sachverhalt als bedrohlich empfinden und außerdem feststellen, dass wir zu wenig, oder gar keine Ressourcen zur Verfügung haben, damit umzugehen, wird aus der Anforderung Stress.

Doch es gibt natürlich auch eine Feedbackschleife (in diesem Modellbild blau). Diese erlaubt es uns, aus bisher erlebtem Stress zu lernen und resilienter gegenüber später auftretenden Situationen zu werden. Das ist der Grund, warum High-Risk-Teams unter (weitestgehend) realen Einsatzbedingungen trainieren. Denn auch unsere individuelle mentale Resilienz ist – zumindest teilweise – wie ein Muskel, den man aufbauen kann. Doch man kann sich nicht auf alle Situationen vorbereiten. Es gibt viele soziale und politische Rahmenbedingungen, auf die wir keinen Einfluss haben und an denen wir primär nichts ändern können. Den daraus entstehenden Stress zu ertragen lernen funktioniert zwar auch durch Exposition; jedoch nur begrenzt.

Angst hingegen ist eine Grundemotion, die üblicherweise mit einer physischen (sympatho-adrenergen) Reaktion einhergeht und zumeist einen klar benennbaren Auslöser hat. Neuere Forschungen zeigen, dass es wohl einen physiologischen Zusammenhang zwischen Stress und Angst gibt; allerdings ist dieser noch nicht vollständig entschlüsselt. Wohl aber darf man davon ausgehen, dass ständiger Stress mit pathologischer Angst einher geht. Sehr individuell ist jedoch die Frage, was als Stressor auf uns wirkt. Es gibt verschiedene Theorien, die auch Einstellungen und andere sozialpsychologische Dispositionen in die Genese von Stressoren einbeziehen. Letztlich geklärt ist diese Frage nicht.

Wie komme ich überhaupt darauf? Nun, ich las dieser Tage mal wieder Zeitung und stolperte über einen Artikel, der die Geschichte rechtsextremistischen Terrors in der BRD seit Ende des zweiten Weltkrieges beleuchtet. Für sich betrachtet interessant, aber jetzt nichts ultimativ Neues. Interessant fand ich jedoch die Diskussion, die sich um die Eigenart rechten Terrors dreht, dass es eigentlich fast immer Lone-Wolf-Täter waren, die sich zudem so gut wie nie öffentlich zu ihren Taten bekannt haben, wie man das z.B. von der RAF oder der Action Directe kannte. Und das man gegen den allein operierenden Terroristen eigentlich nichts tun könne. Was leider eine korrekte Annahme darstellt.

In der Darreichungsform ist islamistischer Terror also von rechtsextremistischem Terror nicht zu unterscheiden. Beide Tätertypen radikalisieren sich zumeist alleine, heutzutage im Online-Umfeld und betätigen sich aus intrinsischer Motivation heraus als Verbreiter von Gewalt. Interessant daran ist, dass beide Gruppen jeweils eine tatsächliche Wahrnehmung der Realität des anderen vollkommen ausblenden und nur das Gegner-Klischee verinnerlichen. Die menschliche Grundfähigkeit Empathie wird – im Hinblick auf den vermeintlichen Feind – quasi abtrainiert. Der Stress beim Anblick dieses – für wahr genommenen – Zerrbildes nimmt zu, kann nicht mehr verarbeitet werden und kulminiert in dem Bedürfnis, zu zerstören, was einen ängstigt.

Es gibt für den Begriff “Terrorismus” keine eindeutige Definition; die allermeisten von uns verstehen darunter aber üblicherweise hinterhältige, unvorhersehbare Gewaltakte gegen ein Gemeinwesen, mit dem Ziel, die Menschen darin in Angst und Schrecken zu versetzen, um so bestimmte politische Ziele durchsetzen zu können. Und die Frage, die mich seit dem Lesen umtreibt ist folgende: Haben wir uns mittlerweile so sehr an Terror gewöhnt, dass uns das hasserfüllte, rassistische, durch und durch verachtende Treiben und Skandieren des rechten Mobs einfach nicht mehr kratzt? Hat uns die Erfahrung tatsächlich so sehr gegen die Angst vor einer Wiederholung der Geschichte imprägniert, dass wir das alles nurmehr als riesige Reality-Soap begreifen?

Denn der Stress im Umgang mit den anderen, die Ängste, die daraus entstehen, sind ja durchaus ernst zu nehmen. Denn Angst als solches manifestiert sich für diejenigen, die unter dauerndem Stress stehen als vollkommen real. Ich unterstelle jetzt nicht jedem Rechten oder Nationalkonservativen eine Psychopathologie im Sinne einer Angst-Störung. Jedoch scheint mir der Mechanismus ähnlich. Und ich frage mich, wie wir als Gesellschaft diesen Kreislauf durchbrechen können, um wieder zu einem normalen Miteinander zu kommen. Denn wenn die Verrohung des Umgangs weiter zunimmt, kommen wir irgendwann an einen sehr finsteren Ort. Einen Ort, an dem ich nicht leben will. Denken wir doch mal gemeinsam drüber nach…

Auch zum Hören…

Ein Abend im Theater

Ich war anlässlich meines Geburtstag mit der besten Ehefrau von allen (Dank an Ephraim Kishon für den Begriff) Abends im Theater. Präzise in der Mannheimer Freilichtbühne, die diesen Sommer ihre Interpretation von William Shakespears’ Komödie “Viel Lärm um nichts” gibt. Ich mochte die Darbietung. Ich kam jedoch nicht umhin, aus hinteren Reihen Gemuffel darüber wahrnehmen zu dürfen, dass die besser in klassischen Kostümen gespielt hätten; und überhaupt… Und ich musste spontan an einen Text denken, den ich schon vor über sechs Jahren geschrieben habe. Ich reblogge mich selbst eher selten, aber in diesem Fall hielt ich es für angemessen.

Recyclingkreativität – gibt’s sowas überhaupt?

Es gibt offensichtlich in der englischsprachigen Welt eine Bewegung unter Künstlern und Kritikern, welche sich der Idee verschrieben hat, dass jedwede Art von Kunst nicht viel mehr ist als – wenn auch hoch entwickelter – Plagiarismus. Nicht in einem negativen Sinne, sondern eher aus einer Sicht auf die Kunst- und Kulturgeschichte heraus, welche den Verdacht nahe legt, dass alles irgendwie schon mal da gewesen ist; und dass echte Innovativität und kreatives Genie Mythen sind, da Schöpfung ex nihilo anscheinend wohl außerhalb der menschlichen Möglichkeiten liege.

Meine Lesart ist – und nicht nur, weil ich selbst schon publiziert habe und dies auch fürderhin tun werde – nicht kongruent. Die Idee, dass der Mensch, bzw. der Künstler stets lediglich verwertet, was andere vor ihm gedacht und erschaffen haben, dass er so quasi nur recycelt, dass alles Neue mehr oder weniger direkt aus Altem entsteht und somit gleichsam alt ist, entspringt einerseits der Erkenntnis, dass alles Dasein und auch alles Kulturschaffen als, in dieses Dasein eingebettet, ein Prozess ist, bei dem bestimmte Elemente sehr wohl tradiert oder vererbt werden; andererseits unser heutiger Mediengebrauch das Plagiat quasi befördert, macht doch das Internet Copy-Paste quasi zur einfachsten aller Kunstformen. Früher bedurfte es profunder technischer Kenntnisse, um ein einigermaßen brauchbares Bild zu schießen. Heute kriegen auch unbedarfte Amateure mit digitalem Equipment und etwas Software Know-How achtbare visuelle Produkte zu Stande. Gleiches gilt auch für das Texten und sicherlich haben sich die Wege des Veröffentlichens dermaßen pluralisiert (und damit auch demokratisiert), dass man das Plagiat schon fast als eigene Kunstform betrachten muss.

Doch diese Pluralisierung geht noch weiter. Die Menge an Information und Kunst, die täglich vor meinen Augen und Ohren vorbeizieht, hat sich vervielfacht, so dass die Leute, welche “recreativity” als Prinzip schöpferischen Tuns deklarieren, jeden Künstler nur noch als Knoten in einem Netzwerk sehen, der mit anderen korrespondiert, deren Signale interpretiert, modifiziert, variiert und weitersendet. Das World Wide Web als Analogie für unser Kulturschaffen. Doch bedeutet diese (gefühlt) fast ubiquitäre Verfügbarkeit älterer Produkte des menschlichen Kulturschaffens tatsächlich, dass wir nicht (mehr) wirklich kreativ sind, sondern stets mit der einen oder anderen Form des Abkupferns beschäftigt sind, gleich wie originell und spannend diese auch sein mögen?

Zum einen vermisse ich einen wichtigen Aspekt der Prozessualität von Leben und (menschlichem) Schaffen, nämlich den der je individuellen wie auch zeitgenössischen Eigenheiten der kreativ tätigen Menschen. Methoden ändern sich, Materialien und Techniken ändern sich; und natürlich ändern sich auch die Menschen. Das was wir als tradierte Güter ehemaligen Kulturschaffens mit uns herum tragen, mag eine gewisse Präsenz haben, doch es diktiert nicht mein eigenes schöpferisches Tun. Ich nutze Geschriebenes, Gemaltes nicht als Blaupause für meine eigenen Werke, so wenig wie die viele andere dies tun.

Vielmehr ist diese, dem Wandel innewohnende, Varianz Motor für Vielfalt, für Innovation. Mag sein, dass einmal Gedachtes oder Gemachtes hie und da seinen Widerhall in den Kreationen kontemporärer Künstler findet; doch dies entwertet die Kunst in keinster Weise, wenn die Idee und Erkenntnis des Künstlers in ihm selbst gereift ist und so seinem Werk zur Kraft gereicht, Idee und Erkenntnis zu transportieren. Wie oft denkt man einen Gedanken, nur um später herausfinden zu müssen, dass ein Anderer diesen auch schon hatte. Dennoch ist der vielleicht auf ganz anderem Wege dahin gelangt und wird für sich reklamieren, von selbst darauf gekommen zu sein, selbst wenn es auch vor ihm schon mal jemanden gegeben haben sollte, usw..

Die eine oder andere Idee kommt immer wieder zum Vorschein und gewisse künstlerische Motive werden ja sogar als Standardtypen an der Kunstschule gelehrt. Doch das macht Kunstschaffen nicht zum Plagiarismus, denn das Werk ist immer Spiegel des Individuums, welches es geschaffen hat. Und eben dieses Individuum ist immer selbst dauernd im Wandel befindliches Produkt eines Prozesses, der so sehr von Zufällen und Chaos bestimmt ist – nämlich unser Leben – das die Ergebnisse der kreativen Arbeit – natürlich unter bestimmten Voraussetzungen wie etwa Talent, Fähigkeiten, etc. – mindestens so spannend sein werden, wie das Leben selbst.

Mit Sicherheit verfangen einige Aspekte der Idee von der Recyclingkreativität. Sie jedoch als ausschließliches Prinzip der Kunstschöpfung zu deklamieren, um gleichzeitig die Existenz von wahrer Kreativität, vulgo des schöpferischen Genius zu negieren, nur weil das Internet nach und nach einige Modi des Kulturbetriebes verändert, halte ich für drastisch übertrieben. Mit Sicherheit ist an der Idee vom Künstler als Empfänger/Transmitter, als Knotenpunkt im Netz(werk), der Signale – oder besser im semiotischen Sinne Symbole – dekodiert, interpretiert, modifiziert, usw. insofern etwas dran, als wie bereits oben erwähnt, eine Demokratisierung des Kulturbetriebes mehr Menschen in die Rolle des kreativen (Inter)Akteurs gebracht hat; Menschen, die sicherlich oft viel Enthusiasmus, aber wenig Erfahrung und kaum formale Kenntnisse mitbringen. Aber auch für diese Leute gilt, dass sie als Individuen je eigene Algorithmen der Symbolinterpretation/Kodierung mitbringen, die auf mittlere Sicht eher einen Gewinn darstellen dürfte, denn eine “Verwässerung” des künstlerischen Schaffens.

Abschließend würde ich sagen, dass Kreativität zu fast gleichen Anteilen aus bewusstem Recycling, einer Beeinflussung durch tradierte Kulturerfahrungen und Originalität besteht. Kontemporäres kreatives Arbeiten aber als reines “Remixen” zu betrachten, rechtfertigt diese Erkenntnis in keinem Fall. Viel Spaß bei der Suche nach einer eigenen Meinung.

Auch zum Hören…

…muss halt!

Diese Redewendung kennt man, wenn man schon mal Menschen nach Ihrem Befinden gefragt hat. Wenn die wahre Antwort darauf zu kompliziert oder zu persönlich ist, oder wenn man einfach nicht ausbreiten möchte, was einem gerade alles durch den Kopf oder den Leib geht, dann sagt man oft, dass es halt irgendwie geht, weil es gehen muss. Man hat Verpflichtungen, so wie alle anderen auch. Man hat Sorgen und Ängste, so wie alle anderen auch. Man hat knappe Ressourcen, so wie alle anderen auch. Aber irgendwie geht es trotzdem immer weiter… muss halt!

Ist es das, wofür wir leben? Muss halt? Ist es das, was wir uns eigentlich wünschen, wonach wir streben? Oder ist es nicht eher so, dass wir uns, jeder auf seine Weise das Wünschen und Streben nach und nach aberziehen, weil zuerst die Last des Alltages gestemmt werden muss? Eigentlich ist es traurig; zumindest auf den ersten Blick. Doch denkt man länger darüber nach, fällt auf, dass so viele Wünsche, so manches Streben einfach vollkommen unrealistisch ist. Damit trösten wir uns – mit Realismus, mit Bodenständigkeit, mit dem Verwurzelt-Sein im Hier und Jetzt…

JA VERDAMMTE SCHEISSE, SIND WIR DEN VOLLKOMMEN BEKLOPPT?

Unsere Träume sind es, die uns aus den Höhlen geführt haben, die uns ungeahnte Entdeckungen machen ließen, uns zu faszinierenden Einsichten geführt und zur dominanten Spezies auf dem Erdenrund gemacht haben. Und auch, wenn man jetzt einschränkend hinzufügen muss, dass dies für das Erdenrund teilweise fatale Konsequenzen mit sich gebracht hat, bleibt die Faszination über ein Wesen, dass sich so weit entwickeln konnte und dies immer noch tut. Doch berauben wir uns dieses Erbes, wenn wir immer nur “…muss halt!” sagen. Denn wir können so viel mehr!

Ich habe lange darüber nachgedacht, was mich in letzter Zeit unglücklich, ja wahrhaft depressiv gemacht hat. Und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass es meine eigene Unfähigkeit zu Entscheidungen war, die mich behindert hat; in mehr als einer Hinsicht. Doch ich habe meine Entscheidungen getroffen, Ultimaten (auch an mich) formuliert und meine Weichen gestellt. Ganz gleich, wie’s ausgehen mag – bis meine Familie und ich Ende Juli in Urlaub fahren, hat mein Leben wieder eine klare Richtung. Und diese Gewissheit wirkt befreiend.

Ich werde heute 45 und ich kann sagen, dass ich mich noch nicht so alt fühle. “…muss halt!”? Am Arsch, ich habe noch so viel vor und ich werde mich von “…muss halt!” mit Sicherheit nicht länger aufhalten lassen. Das bedeutet nicht, dass ich irgendwen im Stich lassen will; wohl aber habe ich meine Prioritäten sortiert. Und das bedeutet, dass ich mit 45 einfach zu alt bin, mir bestimmten Bullshit noch länger anzutun. In diesem Sinne wünsche ich euch Kraft und ein schönes Wochenende.

Auch zum Hören…

Me, Self and I #07 – allzu gewollt?

Ich bin, was manche Dinge angeht ein ziemlich normaler Typ: ich habe eine Familie, die mir manchmal, aller Liebe zum Trotz, den letzten Nerv raubt. Wenige wahre Freunde, mit denen ich immer noch stetig Kontakt pflege. Einen Job, der mich fordert, aber wenigstens meistens Spaß macht. Und natürlich Schulden; also das ganze Portfolio des Mittelstands-Mittvierzigers. Man könnte auch sagen: so cliché!

Auf der anderen Seite pflege ich seit 30 Jahren ein Hobby, das erst in letzter Zeit ein bisschen Mainstream geworden ist: Rollenspiel. Und das kotzt mich irgendwie an. Denn früher konnte man sich wenigstens beim Zocken un-mainstreamig fühlen. Da sind aber auch noch andere Aspekte, durch die ich mich als was Besonderes definiere; so wie jeder andere Mensch das auch tut. Und so wie die allermeisten von uns bin ich nicht besonders. Nicht besonders schlau, oder geschickt, oder stark. Ich bin einfach ich.

Wie jeder Mensch habe ich Träume. Welche, an denen ich festhalte, welche, die ich tatsächlich aktiv verfolge und jene, die ich zur Ruhe gelegt habe. Um einen meiner alten Freunde zu zitieren: es gibt da in meinem Hinterkopf einen Gottesacker, den ich stets alleine besuche. Denn dort stehe ich manchmal und streichle traurig die Grabsteine dieser gestorbenen Träume. Und weiß insgeheim doch genau, dass jeder so einen Friedhof im Hinterkopf hat. Denn was wollte man nicht schon alles tun…?

Als Kind lernt man – meist mühsam – Bedürfnisverzicht. Sich selbst zugunsten anderer Menschen oder einer Sache zurückzunehmen, sich mit dem zufrieden zu geben, was man jetzt gerade hat. Und doch hört das Wollen nie auf. Denn aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben; zumindest nicht in einer Welt andauernden Konsum- und Wachstums-Versprechens. Schwierig wird es allerdings in dem Moment, da sich unser Wollen auf etwas einschießt, das nur sehr schwer zu erreichen ist. Denn oft steht am Ende der Geschichte nur ein weiterer Grabstein auf dem eben beschriebenen Gottesacker.

Ich schrieb irgendwann die Tage, dass ich doch eigentlich zufrieden sein müsste, anstatt wieder einmal im finsteren Tal der Depression umher zu irren. Aber ich glaube, jetzt zumindest eine Teilantwort darauf gefunden zu haben, was mir momentan so sehr auf’s Gemüt schlägt. Natürlich hat das mit Wollen zu tun, denn sonst hätte ich ja nicht mit den obigen Ausführungen starten müssen, oder…?

Das größte Problem ist, dass Wollen und Träume manchmal miteinander konfligieren. Wir wollen etwas allzu oft, weil es vernünftig ist und uns erlaubt, zum Beispiel im Job weiterzukommen; was uns dann erlaubt, sich selbst und den Lieben mehr Wünsche erfüllen zu können. Zumindest reden wir uns ein, dass ein bisschen mehr Kohle, die man in einer neuen, bedeutenderen Position erzielen kann uns tatsächlich weiter bringt.

Doch tatsächlich ist es nicht das, was uns glücklich macht. Ich werde vermutlich demnächst aufsteigen können, wie man das so schön nennt. Es läuft also eigentlich alles super. Ich habe meinen Immatrikulationsantrag für ein Masterstudium auf den Weg gebracht, in dem Wissen, dass ich noch knapp 25 Jahre arbeiten muss und dabei lieber führen als geführt werden möchte. Und doch bleibt ein schales Gefühl; nicht dem Herzen zu folgen, sondern wieder nur das zu wollen, was vernünftig ist.

Denn eigentlich will ich vor einem alten Natursteinhaus sitzen, das auf einem sanften Hügel liegt, umgeben von uralten Olivenbäumen und Weinreben. Ich will mir immer neue Geschichten ausdenken und erzählen. Und ich wünschte mir so sehr, mehr Zeit für die Menschen und Dinge zu haben, die mir etwas bedeuten, anstatt der Illusion von Karriere hinterher rennen zu müssen, weil Träume meist nun mal kein Essen auf den Tisch bringen, den Kleiderschrank füllen, oder den Turnverein für die Kinder bezahlen.

Ich bin, was ich bin ; das was man sehen kann, weil ich es zulasse. Aber auch das, was ich in den tiefsten Tiefen meines Selbst verberge. Wenigstens gibt mir das die Sicherheit, dass man mir meine Träume nicht einfach wegnehmen kann. Ob ich sie zu Grabe lege oder weiter träume, ist ganz allein meine Entscheidung. Wir alle sollten, wenigstens dann und wann wagen, mehr zu träumen…

Auch zum Hören…

Alter Sack – am Arsch…

Ich habe gerade spaßeshalber mal geschaut, was ich zu Beginn dieses Blogs, also vor etwa sechs Jahren, im Mai 2013 zum Besten gegeben habe. Mir fiel ein Artikel auf, der sich offensichtlich mit einem Aufmacher in der Wochenpostille “Stern” beschäftigte. Da ging es wohl um das Thema “40, was nun?”. Damals war ich noch nicht mal 40, habe mich aber tierisch darüber aufgeregt, dass die Autorin wohl zu dem Schluss kam, dass man nach 40 automatisch langsamer wird (werden muss), weil’s nicht mehr so geht. Und mir ging tierisch der Hut hoch. Retrospektiv betrachtet vollkommen zu Recht!

Ex post betrachtet stellen sich die vergangenen sechs Jahre in vielerlei Hinsicht als ein Parforce-Ritt dar, der mich durch viele Tiefen aber auch einige Höhen geführt hat und mich nun, mit knapp 45 vor neuen Projekten und Aufgaben hat ankommen lassen, die man getrost als ein wichtiges Etappenziel bezeichnen kann. Eigentlich bin ich genau da, wo ich sein will. Nicht dass ich vor sechs Jahren präzise hätte sagen können, wo ich hin will; auch, wenn ich damals im Grunde meines Herzens schon wusste, dass mein alter Arbeitgeber mir nicht gut tut.

Ich sagte Etappenziel, weil’s jetzt erst richtig losgehen soll. Zumindest beruflich. Und auch, was mein liebstes Hobby, das Geschichten erzählen (oder besser: das Bücher schreiben) angeht, läuft’s gut. Privat befinde ich mich zudem nach wie vor in halbwegs stabilem Fahrwasser. Wenn da nicht mein alter, dunkler Freund wäre, der mich in letzter Zeit dann und wann besucht hat, um mich daran zu erinnern, dass zu hoch zu fliegen für mich keine Option darstellt: Depressionen.

Es wäre manchmal fast zum Lachen, wenn es sich nicht nach dem Gegenteil anfühlen würde: objektiv betrachtet könnte es im Moment nur schwerlich besser laufen und ich kratze gerade am Grund eines tiefen, kalten Beckens an den Steinen und frage mich, wie man da raus kommt. Es ist nicht so, dass mich das an irgendwas hindert, oder von irgendwas abhält. Im Gegenteil “funktioniere” ich fast schon exzellent. Beängstigend exzellent, wenn man die Innenschau in Betracht zieht.

Gegenwärtig nehme ich das mit Irritation zur Kenntnis und versuche das Beste daraus zu machen; mich nicht zu sehr über jene zu ärgern, die mein Leben gelegentlich unnötig schwerer machen, oder meinen, mich benutzen zu können, wie’s ihnen in den Kram passt. Ich habe eine Familie, die – wie Familien nun mal sind – mal mehr Stütze und mal mehr Schubser ist. Und ich habe einige wenige Freunde, auf die ich mich stets verlassen kann. Und doch… und doch fehlt etwas. Nämlich das Gefühl von Glück.

Es ist ja nicht so, dass man als Mensch ein Anrecht auf dauerndes Glücklichsein hätte – auch wenn ich finde, dass man das ruhig in die Menschenrechtscharta mit aufnehmen könnte. Aber im Moment ist es dessen persistente, sachgrundlose Abwesenheit, die an mir nagt. Ich bitte daher um Entschuldigung, wenn meine übliche Benutzeroberfläche manchmal rissig wird und ich dem einen oder anderen nicht so begegne, wie er oder sie das verdient hätte. Manchmal ist einfach alles zu schwer. Dennoch möchte ich allen ein akzeptables Restwochenende wünschen.

Auch zum Hören…

Me, Self and I #06 – allzu wütend…?

Bruce Banners legendär markiger Einzeiler “Mein Geheimnis ist – ich bin immer wütend!” könnte zu manchen Zeiten als Charakterisierung meiner Gefühlswelt dienen. Nicht immer, aber immer noch oft genug spüre ich diesen Drang, dummen Menschen einfach eins in die Fresse zu hauen. Im Gegensatz zu Bruce Banner hätte ich für derlei Aktionen allerdings keine große, grüne Entschuldigung, die in mir wohnt und manchmal einfach zuschlagen MUSS. Also zähle ich, innerlich kochend, bis zehn und denke mir mein Teil. Gäbe es entweder Denkblasen in der Realität, oder würde ich meinem Drängen doch mal nachgeben … oh mein Gott, man müsste mich auf ewig wegsperren!

Überhaupt sind emotionale Entgleisungen in vielen Kulturen mit dem Verlust von “Gesicht” verbunden, mit sozialer Stigmatisierung und Sanktionen. Warum eigentlich? Wie befreiend es wäre, einfach mal einen strunzdummen Nazi plätten zu dürfen. So eine “Purge Night” klingt an manchen Tagen wie eine ziemlich gute Idee. Andererseits haben die Zehn Gebote als Grundlage sozialen Miteinanders durchaus ihre Daseinsberechtigung. Denn im Umkehrschluss dürften die Nazis dann ja auch; also ehrlich – so herum betrachtet ist’s dann schon nicht mehr ganz so spaßig. Nun ja – drauf geschissen. Es gibt ja auch andere Möglichkeiten seine Wut zu kanalisieren. Manche gehen in den Wald und schießen auf Rehe (andere auf Menschen, aber das ist ja eigentlich unter Strafandrohung verboten!), manche springen ohne Not, nur mit einem Gummiseil am Fuß von ‘ner Brücke (wiederum Andere auch mal ohne Seil, dass ist dann nicht ganz so lustig), oder gehen auf den Fußballplatz – und ärgern sich dann hinterher auch noch darüber, dass das Beinahe-Abfackeln des Nebenmannes zu Sanktionen für den geliebten Verein führt. Nun ja…

Ich versuche meine Wut unter anderem hier zu kanalisieren. Oder auf Fratzenbuch, wo meine verbalen Auslassungen gegenüber strunzdummen Nazis mittlerweile deutlich an Schärfe gewinnen. ich bin noch nicht im Bereich der hemmungslosen Beschimpfung angekommen, aber… wer weiß, kommt vielleicht noch. Wut ist Energie und Energie kann nicht vernichtet werden, sondern nur umgewandelt (ich weiß, dass diese Beschreibung vereinfachend ist, aber wenn ich schon mal Physik für Psychologie missbrauche, sind Verluste einzukalkulieren 😉 ). Also wandele ich einen Teil in Bewegung um, was bei mir nicht annähernd so spektakulär wie bei Bruce Banner oder irgendwelchen Hooligans aussieht. Ich gehe nämlich einfach nur spazieren. Und ein anderer Teil fließt in meine Kreativität.

Wie, der kann etwas erschaffen, wenn er wütend ist? Oh ja, sagt er; denn Widerspruch und Kampf (selbst nicht-physischer) beflügeln meinen Geist. Ich glaube nicht, dass man die Methode einfach auf andere Individuen transponieren kann. Aber wenn mich irgendwas umtreibt, dann muss es raus. Es ist ein körperliches Drängen, jetzt etwas zu “machen”, also etwas zu erschaffen. So ging es mir die letzten Tage. Mein Urlaub lief nicht ganz so, wie gedacht (es war eh nur freie Zeit zu Hause, was für echte Erholung tödlich ist), was dazu führte, dass mein Gehirn Überstunden an einem fernen Ort gemacht hat. Ich bin Pen&Paper-Rollenspieler (vor allem Spielleiter), also habe ich kurzerhand ein neues Setting geschrieben und gleich mit einer Kleingruppe geplaytested. War leider geil…

Was für mich und mein Wutlevel viel tödlicher wirkt, als alles andere, ist, wenn ich meiner Kreativität keinen Raum lassen kann, weil Zeitdruck und Verpflichtungen, auf die ich keinen Einfluss nehmen kann mich einengen, ja manchmal geradezu erdrücken. Und diese Situationen gibt es, weiß Gott nicht nur im Job! An manchen Tagen hadere ich mit meiner Wut. An anderen umarme ich sie, weil sie mich zur Rampensau macht. Und ich bin, im tiefsten Grunde meines Herzens, gerne eine Rampensau! Nun bemerke ich seit einer Weile, dass mein Wutlevel sinkt und weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Ich bin doch noch zu jung, um altersmilde zu werden, gottverdammt… ah, da ist sie ja doch noch… puh. Wie dem auch sei, ich kann nur dazu raten, sich selbst diesbezüglich genau zu analysieren. Vielleicht steckt ja doch ein guter Hulk in euch. Wenn ihr’s rausgefunden habt, sagt mir bescheid. Bis dahin – schönes Wochenende!

Auch zum Hören…

Work-Love-Balance…? Echt jetzt…?

Ich muss es gestehen – und im Zugeben meiner Lässlichkeiten und Fehler werde ich langsam aber sicher immer besser – dass ich mir über diese Begrifflichkeit noch nie Gedanken gemacht habe. Ja…, Work-Life-Balance damit kann ich was anfangen, seit ich gelernt habe diesen Quatsch zu hassen. Wo kämen wir denn da hin, wenn die guten, guten Arbeitgeber-Lobbyisten keine Möglichkeit mehr fänden, in unseren ach so modernen Zeiten auf allen erdenklichen Wegen in unser privates Leben vorzudringen. Der Gläserne Bürger ist für mich nicht nur auf Grund der Amok laufenden Sicherheits-Fuzzis ein Albtraum; er ist vielmehr die wahr gewordene Ejakulations-Zielscheibe eines jeden, der nicht nur Waren, sondern auch Ideen verkaufen muss.

Denkt doch mal: all diese fortschrittlichen Formen selbst organisierter Arbeit, wie etwa Home-Office sind nachweislich dazu gemacht, Work und Life zu entgrenzen und den Betroffenen mehr und länger arbeiten zu lassen, als der das müsste. DAMIT verdienen Unternehmen Geld. Ich mache meinen Job auch ganz gerne. Aber wenn die Zeit rum ist, ist sie rum – denn ich arbeite um zu leben, nicht etwa umgekehrt. Es ist zweifellos ein Privileg, einer Tätigkeit nachgehen zu dürfen, die man selbst als wert- und sinnvoll empfindet und die auch noch Spaß macht. Das darf aber nie darüber hinweg täuschen, dass mein Job darin besteht, für jemand anders Bigtime Kohle zu scheffeln, während ich selbst mit Peanuts nach Hause gehe. OK, manchmal liegen unter den Peanuts auch noch ein paar dry-aged T-Bone-Steaks und anderer Schischi; aber am Ende der Rechnung bin ich nur ein Rädchen im Getriebe.

Wahrhaft sinnstiftend für meine Existenz sind jedoch – auch wenn ich jetzt gewiss nicht über den Sinn des Lebens referieren werde, den findet ihr eher bei “Monty Python”, als bei mir – meine Familie, meine Freunde, meine kreativen Tätigkeiten und jede Mischung davon. Alles Sachen, mit denen ich kein Geld verdiene; und vor allem auch nicht verdienen muss. Denn die von jedem Lobbyisten gewünschte Durch-Ökonomisierung meines Daseins treibt mir Hasspickel ins Gesicht. “Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps”. So volkstümlich frontal dieses Bonmot auch daher kommen mag, sagt es doch eigentlich alles, was man dazu wissen muss. Und dann kommen irgendwelche Menschoiden daher und fangen an, von Work-Love-Balance zu reden.

Man habe ja so viel zu geben, auch auf der Arbeit (Karma-Friedefreudeeierkuchen-Kollegen-Geschwurbel); oder man bringe zu viel von der Arbeit mit nach Hause (Beziehungs-Coaching-Notwendigkeits-Geschwurbel) und überhaupt müsse man ja bei der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Leben auch immer Beziehungen mitdenken. Ja Scheiß die Wand an… Wie ich drauf komme? Ich hab die Tage so einen Artikel auf Fratzenbuch gesehen, kurz gelesen und einen freundlichen Kommentar dazu hinterlassen. Ja echt, ich war freundlich, habe aber drauf hingewiesen, dass die dort aufgewärmten Ratschläge zur Selbstausbeutung führen können. Wurde wohl sogar positiv aufgenommen, aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass es nur eine vernünftige Sache für Work-Life-Love-Balance braucht: die eigene “NEIN”-Schwäche zu reduzieren!

Wenn ich nicht auf dem Dienstplan stehe, bin ich nicht verfügbar – vor allem nicht an Wochenenden, denn unter der Woche sehe ich oft meine Familie kaum, wenn ich Kernzeit arbeite. Mit Spät- und Nachtdienst ist es nur bedingt besser, aber wenigstens kann ich ausschlafen. Zudem sind da einige einige meiner Buddies, mit denen ich Pen&Paper spiele. Die können nur am Wochenende und kommen von 100-200 KM weit her. Die kommen nicht Donnerstags Abends mal eben auf einen Plausch vorbei. Ich kriege aber eben vor allem mit Hilfe dieser sozialen Events und meiner Familie meine Balance in den Griff, wenn ich nicht noch extra Work mit nach Hause nehmen muss. Das tue ich auch so schon oft genug, denn als Dozent in der Erwachsenen-Bildung kannst du nicht in Ruhe tolle Lehrgänge entwerfen, wenn Hinz und Kunz im zwei-Minuten-Takt mit irgendwelchem Kram durch deine Tür gewalzt kommt. Natürlich ist jedes Anliegen wichtig – zumindest für seinen Besitzer. Aber Kreativität braucht Ruhe und Zeit. Und ohne Kreativität gibt’s keine tollen Aus- und Fortbildungen. Aber der “Fuzzi von der Theorie-Abteilung” ist halt auch noch Sachbearbeiter.

Und wenn ich manchmal so sehe, was für vollkommen unflexible Bürokratie-Monster auch im Gefüge karitativer Arbeitgeber entstehen, wenn irgendwelche Menschen was am Tisch auskochen, die offenkundig keine Ahnung haben, wie viel kostbare Zeit durch das unnütze, doppelte und dreifache Verschieben von Informationen verschwendet wird, möchte ich raus, wo der Maurer kein Loch gelassen hat. Aber das geht hier jetzt zu weit. Zum Abschluss nur so viel: ich arbeite gerne selbstbestimmt. Ich habe kein Problem mit Zielvorgaben und Erfüllungszeiträumen, mit Deckungsbeiträgen und Personalwirtschaft. Aber ich habe ein Problem damit, wenn andere denken, sie müssten Dinge zu Tode organisieren, die ich besser könnte, wenn ich dürfte. Was ich gerade beschreibe ist übrigens einer der häufigsten Gründe, warum Unternehmen qualifiziertes Personal verlieren… zum Beispiel mich!

Ich werde dann in Kürze mal sehen, ob ich meine berufliche Stellung nicht doch noch ein bisschen mehr in Richtung selbstbestimmte Tätigkeit bewegen kann. Dann würde auch meine Balance wieder besser. Au revoir.

DU OPFER – oder: was heißt hier schwach…?

Rollenverständnis. Insbesondere bei Geschlechterrollen. Eines der größten Probleme der Menschheit überhaupt. Wenn man es ein wenig überspitzt, ist es die Wurzel allen Übels. Weil sich in dem großem Graufeld zwischen Zero und Hero beiderseits des Gender-Äquators (und auch in dem Raum dazwischen) so viele Möglichkeiten auftun, sich selbst und andere Miss zu verstehen, dass Konflikte vorprogrammiert sind. Und wer glaubt, dass persönliche Kränkungen bei Politikern nicht ausreichen, um mal eben einen neuen Krisenherd aufzumachen, der soll sich einfach die letzten 27 Monate mit Donald Trump noch mal genau ansehen. (Nicht dass Barrack Obama eine blütenreine Weste gehabt hätte – auch unter seiner Administration gab es Staatsterrorismus).

Wir wachsen mit Rollenbildern auf. Es kann gar nicht anders sein, denn unsere Eltern, deren Eltern und wiederum auch deren Eltern und so weiter sind mit Rollenbildern aufgewachsen; tradierten Vorstellungen davon, wie ein Junge oder ein Mädchen sich zu verhalten hätten, während sie zum Mann bzw. zur Frau heranwachsen. Allein der Umstand, dass es Homo-, Bi- und Transsexualität (und noch so viele andere Spielarten) schon immer gegeben hat, wurde durch diese Traditionen in den meisten Kulturen – so auch in unserer – stets negiert. Erst allmählich begann sich dies zu ändern. Zögerlich treten jene ins Licht, die nicht länger bereit sind, ihre wahre Natur zu verstecken. Und ebenso allmählich finden diese “Angriffe” auf tradierte Rollenbilder Eingang in die Medien.

Um wirklich verstehen zu können, wie entsetzlich das alles für “den klassischen Mann” oder “die klassische Frau” ist (heute bestenfalls noch künstliche Begrifflichkeiten, die vielleicht irgendwann einmal ein Korrelat in der realen Welt gehabt haben mögen), muss man sich nur vor Augen führen, wie kurz es erst her ist, dass die Welt subjektiv noch in Ordnung war. Bis 1958 brauchten Frauen die Erlaubnis des Vaters oder Gatten, um den Führerschein machen zu dürfen. Erst ab 1969 sah das BGB eine verheiratete Frau als geschäftsfähig an und erst seit 1977 dürfen Frauen ohne Erlaubnis des Ehepartners einem Beruf nachgehen. Ach, das waren noch gute alte Zeiten…

Wollt ihr mich verarschen? Es gibt keine gute alte Zeit. Es gab sie nie und vermutlich wird es leider auch in Zukunft immer wieder Perioden geben, derer man sich – ex post – unangemessen nostalgisch erinnert, weil Menschen das halt so machen; die Scheiße einfach mal ausblenden, damit das eigene Narrativ nicht ganz so düster daherkommt. Ich nahm gerade eben einen winzigen Ausschnitt aus der jüngeren Emanzipations-Geschichte der Frau, damit klar wird, warum so viele Männer immer noch nicht klar kommen. Jahrtausende des guten alten Patriarchats weggewischt von ein paar links-grün-versifften Emanzen, die einfach nicht verstehen wollen, dass das Primat des Mannes den Naturgesetzen folgt… Wacht auf, ihr Opfer und versteht, dass man Rollen auch ändern kann, aus ihnen ausbrechen, sie neu definieren.

Unsere Welt ist eine wesentlich stärker partikularisierte, als sie dies noch vor fünfzig Jahren war. Wir zahlen den Preis der Moderne durch die Notwendigkeit, uns unseren Platz in dieser Welt immer wieder selbst immer wieder neu suchen zu müssen. Ulrich Beck benannte dieses Phänomen mit dem Schlagwort “Risikogesellschaft”. Und in mancherlei Hinsicht ist seine Analyse immer noch aktuell. Die Medien sind, so sehr sie sich auch bemühen mögen, Avantgarde sein zu wollen, immer auch ein Spiegel des Zeitgeistes. Und es hat lange gedauert, bis wir im Fernsehen nicht mehr dauernd über den “Macho-Hero” auf der Suche nach seiner “Damsel in Distress” gestolpert sind, sondern eben auch ängstliche, (vermeintlich) schwache, suchende, verletzliche Männer zum Vorschein kamen, die in der Realität schon immer da waren. Wenn jetzt die plakative Übersexualisierung beiderlei Geschlechts noch aufhören würde, kämen wir vielleicht endlich zur Normalität. Wär doch mal ganz nett. Schöne Woche noch…