Fresh from Absurdistan N°24 – Der kleine Sozial-Autist

Wann immer sich die Gelegenheit ergibt, versuche ich es mit etwas Chillen. Man unterstellt den etwas gewichtigeren Menschen – und zu dieser Subkategorie unserer Spezies zähle ich – ganz gerne, dass sie einfach zu faul seien. Und darum habe ich neulich mal nachgerechnet. Ich komme, wenn man meine 100%-Stelle und das Studium zusammennimmt im Mittel auf 55-60 Stunden/Woche. Was daran jetzt faul sein soll, weiß ich beim besten Willen nicht; zumal man ja auch noch etwas Zeit für die Pflege seiner sozialen Kontakte braucht.

Keine Frage: ich könnte etwas weniger essen und noch mehr laufen und vor allem Fahrrad fahren, als ich das im Moment tue. Der Ratschlag ist angekommen. Wobei ich tendenziell mit Ratschlägen immer ein Problem habe. Ich gebe manchmal selbst welche – wenn ich danach gefragt werde. Ansonsten ist es mir lieber, die Leute von selbst auf die richtigen Fragen kommen zu lassen. Denn die eventuell passenden Antworten sind in aller Regel so individuell, dass ICH sie höchstens für mich selbst geben kann. Und auch dann sind sie oft genug einfach falsch…

Doch zurück zum eingangs erwähnten Chillen. Faulheit hat für mich einen Selbstzweck. Nämlich, sich bewusst und absichtsvoll den Zwecken Anderer zu entziehen. Viel zu oft rennen wir heute den Idealen und Ideen nach, die eben Andere uns vorgeben. Wenn man auf der Suche nach etwas Sinn für sein Leben ist, stolpert man leider recht schnell über Menschoiden, die einem erzählen wollen, was gut für einen ist. One-Size-Fits-All ist und bleibt jedoch Bullshit! Ich werde es immer wieder sagen; solange, bis die Menschoiden um mich herum es endlich zu verstehen beginnen.

Wenn ich also von Chillen rede, bedeutet das mitnichten, dass ich den ganzen Tag in der Hängematte liege und nichts tue. Zum einen kann der Mensch genauso wenig nicht denken, wie er nicht kommunizieren kann (siehe Watzlawick); jeder, der schon mal von seinem Gedanken-Zirkus um 03:25 in der Früh mit Macht am Wieder-Einschlafen gehindert wurde, weiß genau, wovon ich gerade rede. Zum anderen sprach ich ja auch von Sinn. Der kann sich zwar auch mal in einem verluderten Nachmittag der Prokrastination finden lassen. Häufiger jedoch tue ich dann etwas , einfach, weil ICH das tun will und es mir im Gegenzug gut tut. Schreiben zum Beispiel.

Allzu häufig finde ich mich dann aber dabei wieder, etwas zu erledigen, dass auch mit meiner Arbeit (also dem Vorbereiten, Nachbereiten, Planen, Unterrichten) oder meinem Studium zu tun hat. Ich hielt mich bislang nie für einen Workaholic – und dennoch bereiten mir solche Tätigkeiten häufig Freude. Oder ich erledige diese jetzt, damit ich später entspannter prokrastinieren kann. Na ja, es könnte schlimmer kommen… Nun ist es so, dass der Corona-Lockdown mich etwas mehr auf mich selbst und mein kleines Reich (also mein echtes Home-Office) zurückgeworfen hat, als dies üblicherweise der Fall ist. Ich habe hier viel Zeit zugebracht und dabei etwas herausgefunden, dass mir eine Zeit lang gar nicht bewusst war: ich könnte das noch viel länger! Und mein Arbeitgeber müsste keine Angst haben, dass die Arbeit nicht erledigt wird. Denn irgendwie gehen meine ganzen kreativen Tätigkeiten Hand in Hand. Denn man kann nicht nur nicht denken und nicht kommunizieren – ich kann auch nicht wirklich gut faul auf meinem Allerwertesten sitzen. Sitzen schon – aber bitte nicht faul!

Ich habe mich mehr als einmal über diese Work-Life-Balance-Gurus lustig gemacht. Und ich stehe noch immer auf dem Standpunkt, dass die allermeisten von denen weg können, weil das, was sie betreiben keine Kunst ist, sondern allenfalls gesunden Menschenverstand und etwas Selbstreflexion braucht. Nun ist klar, dass manche Leute weder über das eine, noch das andere verfügen – die sind aber zumeist auch nicht in der Position, Home-Office arbeiten zu dürfen, bzw. zu müssen, weil das doch eher Jobs mit gewissen kognitiven Anforderungen vorbehalten ist. Klingt das arrogant? Vielleicht, aber das ist mir gerade egal. ICH komme gut klar und meine Balance hat sich wieder ausgepegelt.

Paradoxerweise sind jene, die viel mit Menschen arbeiten oft auch jene, die lernen müssen, dass Menschen insgesamt gar nicht so toll sind und es sich deswegen rausnehmen, abseits des Jobs bezüglich ihrer Sozialkontakte sehr eklektisch zu sein. Gilt auch für mich. Und manchmal wäre ich auch während der Arbeit gerne eklektisch. Weshalb ich sehen werde, ob ich das mit dem Home-Office beibehalten kann. Es tut mir und meiner Leistung nämlich gut. Und der Weg vom Prokrastinieren zur Arbeit und zurück ist auch kürzer. Spart Zeit, Nerven und Geld. In diesem Sinne wünsche ich euch ein schönes, stressfreies und von den Ansprüchen Anderer unberührtes Wochenende!

Auch zum Hören…

The new normal bullshit mountain…

Gewöhnung ist eingetreten. Gewöhnung an physical distancing, an Schließungsmaßnahmen, Maskenpflicht, Versammlungsbeschränkungen, etc. Allerdings lässt dieser Gewöhnungs-Effekt stark nach, weil die Leute wieder Normalität haben wollen. Ich meine neulich schon mal gesagt zu haben, dass die alte Normalität scheiße war und dass die Neue nicht danach aussieht, wesentlich besser zu werden – oder, präziser gesprochen: in wesentlichen Belangen besser zu werden. Nichtsdestotrotz gehen die Leute auf die Straße, weil sie mit den Maßnahmen nun nicht mehr einverstanden sind. Und demonstrieren dabei nicht nur für ihre Rechte, sondern auch, dass sie weder den Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation, noch die Bedeutung von Solidarität verstanden haben. Wie ausgesprochen traurig.

Selbst das “Handelsblatt” – seiner Funktion nach nicht gerade ein Hort des Gemahnens der sozialen Ungleichheit liefert dieser Tage einen ungewöhnlich ausgewogenen Teil-Artikel darüber ab, dass vor allem Kinder durch die Corona-Maßnahmen benachteiligt würden; um im Nachgang dann doch noch die, vom Ifo-Institut einfach mal ohne nennenswerte wissenschaftliche Solidität in den Raum geworfenen 5,4 Billionen sozialer Kosten durch das Absinken des Bildungsniveaus zu verwursten. Na ja… “Wirtschaftswissenschaftler” machen bei Prognosen halt vor allem Voodoo… Dass hier wieder eifrig das Bild des Homo Oeconomicus gepflegt und alles auf die wirtschaftliche Verwertbarkeit des Individuums verengt wird, stimmt mich ebenfalls traurig.

Doch die anderen Argumente des Artikels sind durchaus bedeutsam: es ist Kindern und Jugendlichen schwer zu erklären, warum sich alles andere schrittweise normalisiert, ihr Leben jedoch nach wie vor erheblich eingeschränkt bleibt – mit dem diffusen Argument, dass ihre generelle Verantwortungslosigkeit keinen Normalbetrieb zulässt. Nun ja, diese können sie dieser Tage vor allem bei den Erwachsenen beobachten, die den Mund-Nasen-Schutz für ein Kinn-Accessoire halten, allenthalben und sehr lautstark ihre unfassbaren Einschränkungen beklagen und beim Abstand-Halten bestenfalls auf eine 5+ kommen. Was jedoch die, implizit unterstellte kindliche Verantwortungslosigkeit angeht: ist es nicht eher so, dass wir “Erwachsenen” – was auch immer dieser Begriff bedeuten mag – unsere eigenen Defizite auf unsere Nachkommen projizieren?

Mein Kerngebiet als Pädagoge liegt zwar definitiv im Bereich der Berufsbildung; doch auch meine dort im Zusammenhang mit dem Lockdown gemachten Erfahrungen bringen mich zu der Auffassung, dass die sozialen Kosten – und damit meine ich explizit nicht vermutete volkswirtschaftliche Ausfälle, sondern die sozial-psychologischen Auswirkungen auf jeden Einzelnen von uns – einen Break-Even haben. Wir müssen hier tatsächlich Art. 1, Abs, 1 GG gegen Art. 2, Abs. 2 abwägen. Was beinhaltet denn die Würde eines Menschen? Folgt man della Mirandola, so liegt die Würde des Menschen gegenüber der Natur darin begründet, dass er sein Wesen selbst erschafft. Man könnte das verstehen als die Fähigkeit zur Schöpfung der eigenen Identität und des eigenen Zweckes aus sich selbst heraus. Ob irgend ein anderes Wesen dazu im Stande ist, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Kant begründet die Würde in der gegebenen Vernunft des Menschen, durch die dieser sich sein eigenes Gesetz geben und damit autonom (von der Natur) werden kann. Nach diesen Überlegungen ist die weitere Vernachlässigung des Schul- und KiTa-Betriebes gegenüber den, rein wirtschaftlich begründeten, anderen Lockerungen ein bewusstes Unterlassen der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen – mit der Konsequenz, dass sie u. U. wichtiger Ressourcen zur Entwicklung ihrer Identität und Reifung ihrer Vernunft beraubt werden. Und das ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde! Was nun einzig bleibt, ist die Frage, ob die Würde unserer kommenden Generationen, zumindest in Teilen für die körperliche Unversehrtheit zugegebenermaßen schwer abgrenzbarer Teile unserer Bevölkerung geopfert werden darf?

Ganz ehrlich – ich weiß es auch nicht! Aber jeder, der aus purem Egoismus, oder aber aus persönlicher Überforderung nach Lockerungen ruft, begibt sich ebenso auf den “new normal bullshit mountain” der Unreflektiertheit, wie jene, die unsere Kinder aus Angst um die Gesundheit der Risikogruppen am liebsten bis zur unbegrenzten Verfügbarkeit eines sicher wirksamen Impfstoffes wegsperren würden. Ich halte das auch nicht mehr lange aus: das Warten auf die Entwicklung der Vernunft bei all den vielen Meinungen. Na ja, vielleicht ist da doch gar nicht so viel schützenswerte Würde (und damit Vernunft) in den Menschen. Zumindest ist sie oft nur sehr schwer auszumachen. Ich gehe jedenfalls morgen wieder unterrichten. In Präsenz. Mit Hygienemaßnahmen. Aber ohne Angst. Und ihr so…?

Auch zum Hören…

Ich rufe in die Weite – du willst doch nur Likes für deine Seite…

Das Netz ist eine Echokammer. Diese Feststellung ist eine Binse, denn alles, was ich – etwa über Antisocial-Media-Kanäle – hineintue, wird zwangsläufig in irgendeiner Form bewertet. Und wenn dies nur durch eklatante Nichtbeachtung geschieht. Man kann nicht nicht kommunizieren. Watzlawick ist anscheinend also auch in den Weiten des Internets gültig. Allerdings ist ja auch genau das der Zweck vieler dieser Äußerungen. Wir heischen nach Aufmerksamkeit, wie ein Kind, dass uns sein neuestes “Kunstwerk” präsentiert; selbst wenn die liebenden Augen der Eltern in die ungelenken Striche und schreienden Farben nur mit großer Mühe eine Blume interpretieren können, werden wir unsere Brut loben, denn positive Bestätigung braucht jeder. Vor allem ein Kind.

Im Netz jedoch ist nur eines gewiss, nämlich das mein Nucleus Accumbens und meine Amygdala im ständigen Wettstreit liegen, wenn ich z.B. Facebook öffne. Wie wird das Echo ausgefallen sein? Lieben sie mich noch? HASSEN SIE MICH JETZT? Und diesen Scheiß tuen sich sehr viele von uns täglich an; während wir gleichzeitig über Suchtkranke die Nase rümpfen. Der zu Grunde liegende Mechanismus ist jedoch der selbe! Ich bin nun bei weitem nicht der Erste, der sich darüber beklagt, nicht der Lauteste und ich werde auch gewiss nicht der Letzte sein. Aber mir geht es auch gar nicht so sehr um den Aspekt der Sucht; sondern vielmehr um den der Identitätsbedrohung.

In der Psychologie kennt man den pathologischen Prozess der Identitätsdiffusion. Man darf sich die individuelle Identität nicht als starres Konstrukt vorstellen. Es ist eher ein ein ständiges Austarieren des Gleichgewichtes zwischen den Anforderungen, welche die verschiedenen Rollen an uns herantragen, die wir im Laufe des Tages spielen müssen: Kind, Elternteil, Freund, Feind, Kollege, Mentor, Auszubildender, Chef, Angestellter, etc. Jede dieser Rollen beinhaltet ein spezielles Portfolio akzeptablen (und inakzeptablen) Verhaltens, welches wir durch Erfahrung erlernen. Aus den Erfahrungen formieren sich mentale Landkarten, die uns helfen, durch die Anforderungen zu navigieren.

Als Produkt dieser vielen externen Anforderungen und unserer internen Bedürfnisse entsteht unsere Identität als Prozess. Sie verändert sich mit unseren Erfahrungen und unserem Umfeld immer wieder. Allerdings geschieht diese Veränderung nicht nur schleichend. Dann und wann geraten Menschen in Krisen – etwa durch Verlusterfahrungen (Partner, Job, etc.), Krankheit, das Älterwerden als solches (Midlife-Crisis); oder, weil die Persönlichkeit noch nicht ausgereift ist (Jugend- und Adoleszenzalter). In solchen Krisensituationen sind wir, weil auf der Suche nach (neuer) Orientierung, besonders empfänglich für externe Trigger. Und dann kommt Antisocial-Media daher…

Natürlich suchen Menschen in kritischen Situationen – selbst, wenn ihnen dies gar nicht bewusst wird – besonders verzweifelt nach Bestätigung. Krisen entwerten oft das, was wir als Gewissheiten wähnten, zerschmettern unseren Lebensentwürfe und zwingen uns, wirklich ALLES auf den Prüfstand zu bringen. Das ist purer Stress, Cortisol im Überfluss, das uns krank macht und wir wollen das nicht. Niemand will das! In solchen Stress-Situationen suchen Menschen oft nach externen Befriedigungen. Manche gehen shoppen, andere springen, nur mit einem Gummiseil am Fuss, von ‘ner Brücke (manche auch ohne Gummiseil…) – und viele nutzen die Echokammer der eigenen (Anti)Social-Media-Blase, um besser drauf zu kommen.

Man könnte jetzt sagen: Das ist doch nicht verwerflich! Ist es grundsätzlich auch nicht. Da diese Menschen aber psychisch vulnerabel sind, werden sie empfänglich für die Dogmen, mit denen nicht wenige Verschwörungs-Bummsköppe heutzutage um sich werfen. Oder sie rutschen in die Social-Media-Sucht. Das Tückische dabei ist, dass man auch ein hohes Maß an Konsum noch sehr leicht begründen kann. Doch die Grenze ist fließend und die Gefahren mannigfaltig. Mir geht es nicht darum Social-Media-Nutzung zu verteufeln. Da müsste ich mich ja selbst exorzieren… Aber einmal mehr – gerade im Zusammenhang mit dem, nun langsam ausschleichenden Cornona-Lockdown und dem daraus resultierenden Online-Hype – will ich dazu aufrufen, bewusster mit diesen Medien umzugehen und gerade jetzt, wenn das vielen auch paradox klingen mag, mal Digital Detox zu versuchen. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #17 – Datenschutz olé!

Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit für die breite Masse der Lehrkräfte sagen, aber soweit ich das in meinem persönlichen Umfeld überblicken kann, nutzen viele, sowohl in der Grund- als auch in der Berufsbildung private Geräte wie Laptops, Tablets, Convertibles, Kameras etc. im, bzw. rund um den Unterricht. Mir geht das nicht anders. Und ich stelle fest, dass die Nutzung sogar einen gewissen Convenience-Faktor hat, weil ich an diese Geräte gewöhnt bin, dadurch deren Funktionalitäten kenne und sinnvoll nutzen kann. Allerdings ist eine derartige Nutzung der eigenen IT-Infrastruktur ein zweischneidiges Schwert.

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass der Arbeitgeber gefälligst vernünftige Ausstattung zur Verfügung zu stellen hat. Und im Grundsatz stimmt das auch. Dies lässt jedoch außer Acht, dass eine vom AG gestellte Infrastruktur häufig den eigenen Ansprüchen an den Workflow kaum genügen kann/wird; insbesondere, wenn man selbst bereits an bestimmte Hersteller und deren Systemumwelten gewöhnt ist und der AG etwas vollkommen anderes beschafft, z.B. aus Kostengründen; oder weil das technische Know-How fehlt. Nimmt man noch das Thema Datenschutz in Betracht, wird es richtig kompliziert. Werden nämlich Schüler/Teilnehmer-Daten auf privaten Endgeräten verarbeitet, entsteht allein daraus zumeist ein Verstoß gegen die DSGVO. Und das so etwas irgendwann die Datenschutzbeauftragten der Länder auf den Plan zieht, ist auch klar.

Doch wie hätte in vielen Fällen Distance-Learning in Corona-Zeiten ohne den Rückgriff auf schnell verfügbare, vertraute und wohl beübte Techniken aus dem privaten Umfeld funktionieren sollen? Diese Frage stellt sich auch mit Blick auf diesen Artikel. Nun Lehrer für die Nutzung von Plattformen wie Zoom oder Whatsapp für den Online-Unterricht auf Basis von Datenschutzverstößen abmahnen zu wollen, erscheint vor dem Hintergrund der schlechten digitalen Infrastruktur an der Mehrzahl der deutschen Schulen wie Hohn. Diese Techniken und Plattformen stellen leider nun mal günstige Alternativen für Out-of-the-box-Lösungen dar. Sich einerseits genötigt zu sehen, dass zu nutzen, was halt gerade zur Verfügung steht, um den Schülern, die für die Situation ja nichts können, wenigstens irgendeine Form von Betreuung anbieten zu können und dann dafür eventuell abgestraft zu werden? Ich würde ab morgen auf Dienst nach Vorschrift zurückfallen.

Unterrichtsvorbereitung in meiner Freizeit? Nö, gibt’s nicht mehr. Zusatzaufgaben im Schulbetrieb ohne Entgelt? Macht doch in der freien Wirtschaft auch keiner. Korrekturen am Wochenende? Spinnt ihr vollkommen? Wie man es auch dreht und wendet, ohne das – sehr häufig nicht ausreichend honorierte – Engagement vieler Lehrkräfte wäre das Bildungswesen in Deutschland noch wesentlich weniger leistungsfähig, als es das eh schon ist. Aber wir sind ja nur Pädagogen; wir produzieren ja nichts, wir sind ja keine Leistungsträger… Nur damit es an dieser Stelle einmal mehr laut und deutlich gesagt sei: Pädagogen bereiten den Weg für die Zukunft! Ohne unsere Arbeit gibt es keine Zukunft! Wer das immer noch nicht verstanden hat und wieder einmal aus strategischen Interessen irgendeinen Konzern rettet, den eigentlich niemand braucht, den brauche ich auch nicht! Nie wieder!

Ohne Zweifel ist Datenschutz wichtig. Die Privatsphäre unserer Schüler / Teilnehmer ist ein hohes Gut, denn das Private soll eigentlich unser Rückzugsort vor den Interessen der Arbeitgeber und der Politik sein. Die möglichen Strafandrohungen zeigen jedoch, dass der Datenschutzbeauftragte nichts verstanden hat – denn die eigentlichen Geschädigten sind die Lehrkräfte, die mit eigenem Kapital und eigener Kraft strukturelle Defizite ausgleichen, welche die Politik in beinahe jahrzehntelanger Missachtung der legitimen Bedürfnisse unseres Grund- und Berufsschulwesens produziert hat. Anstatt zu entlasten werden jedes Jahr höhere gesetzliche Hürden und Ansprüche formuliert, ohne dass es gleichwertige Kompensationen für den Mehraufwand gibt. Und die Hürden und Ansprüche reflektieren noch nicht einmal die tatsächlichen Bedürfnisse.

Ich könnte es ja verstehen, wenn man Praktiker die Regeln machen ließe. Doch stattdessen gibt man Verwaltungsjuristen eine Spielwiese, auf der sie sich austoben und mächtig fühlen dürfen und die wahren Notwendigkeiten des jeweiligen Feldes finden kaum, oder auch mal gar keine Beachtung. Und dann kommt auch noch so ein, allzu häufig nutzloser Landesbeamter daher und schlägt wahren Leistungsträgern derart ins Gesicht? Tja, dann weißt du wieder mit Sicherheit: du lebst in Deutschland – Datenschutz olé!

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°23 – Old Blues…

Es ist wieder mal Melancholie-Zeit. Morgen müssen wir schon wieder nach Hause fahren. Wenigstens schmeißt uns das Wetter hier gerade raus. Was nicht etwa bedeuten soll, dass man nicht auch bei lausig kaltem Regen was unternehmen könnte. Heute haben wir uns zum Beispiel mit den Kindern einen Wildpark angeschaut. Hübsche Viecher können einen wahnsinnig erden. Sie machen einem nämlich klar, dass man manchmal seine ganze Existenz auf die grundlegenden Funktionen zurückführen muss: Futter suchen, essen, trinken, schlafen – und das andere mit der Reproduktion… na, ihr wisst schon!

Immer von Entschleunigung zu reden ist jedoch ziemlich beknackt. Übrigens genau so, wie im Zusammenhang mit so Schlümpfen wie Hildmann und Naidoo von Verschwörungs-“Theoretikern” zu reden. Hasnain Kazim merkte neulich an, dass man sie bestenfalls Verschwörungs-Fuzzis nennen könnte, denn Theoriebildung hat was mit Wissenschaft zu tun; und was diese Honks betreiben, ist in etwa so wissenschaftlich, wie sich mit Kuhmist beschmiert beim Sonnentanz im Feuer für Ishtar zu opfern, damit man die nächste Schlacht gewinnen kann. Nun ja, witzig ist die Vorstellung schon, dass Hildmann und Naidoo sich zugedröhnt ins… na ja, lassen wir das.

Aber zurück zur Ent-Schleunigung, welche ja eine zuvor abgelaufene Be-Schleunigung voraussetzen würde. Diese Marketing-Schlachtrufe derer, die gerne Achtsamkeits-Ratgeber, Coachings und anderen Tand verkaufen wollen, suggerieren, dass man sich unwillentlich von der Welt und ihrem stets rasanten Tempo so beschleunigen lässt – bzw. lassen muss, dass man dann gar keine andere Wahl hat, als unter Zuhilfenahme (teurer) Lifestyle-Produkte wieder auf den Boden kommen zu können. Wir sind – so unterstellen diese Menschen durch ihre Angebote – allesamt zu dumm, zu unaufmerksam und auch noch eingespannt, um unsere eigenen Bedürfnisse erkennen zu können. Zugegeben, das ist eine schöne Marketing-Masche. Ich fühle mich jedoch durch dieses allzu oft inhaltsleere Geschwurbel beleidigt.

Ich hab meine persönlichen Erfahrungen mit einer echten psychiatrischen Erkrankung gemacht und mir sind diese Typinnen und Typen, die nutzlose One-size-fits-all-“Lösungen” für Zivilsations-müde “Leistungsträger” als Ersatzreligion für spirituelle Krüppel anbieten, ehrlich gesagt ziemlich zuwider. Einerseits, weil Hilfe in problematischen Lebenslagen stets maßgeschneidert sein muss und andererseits weil auch die Unterstellung, als moderner Mensch zu blöd für eine eigene Spiritualität zu sein mich brüskiert. Wie wenig reflektiert und bar jeden Verständnisses für das eigene Bedürfnis nach Spiritualität viele Menschen sind, ist mir bewusst; jedoch gerade damit Kasse machen zu wollen, ist in meinen Augen eine bodenlose Frechheit. Insbesondere, weil hier “Wahrheiten” verkauft werden, die brandgefährlich sind.

Wahrheit ist – wenden wir den Blick zurück auf Hildmann und Naidoo – etwas sehr subjektives. Es gibt keine letztgültigen, immer gleichen Wahrheiten. Nur dass, was man für sich selbst fürwahr herausfindet. Und das kann im Laufe eines Lebens sehr wohl einem Wandel unterworfen sein. Menschen, die vorgeben (einfache) Wahrheiten anzubieten, verkaufen zumeist Dogmen – also ihre ganz persönliche, verabsolutierte Meinung! Wie leicht hier an Menschen, die einfach nur auf der Suche nach Antworten für die schwierigen Fragen im Leben (Wer bin ich? Wer will ich sein? Warum bin ich? Wohin führt das Alles? Was bedeute ich für Andere? etc.) sind, Manipulationen vorgenommen werden können, erklärt sich von selbst. Denn, bin ich im Bezug auf meine Identität im Zweifel, sauge ich den Mist, den manche Ratgeber-Fuzzis absondern besonders neugierig auf und beginne unter Umständen, das fürwahr zu nehmen.

Für den aufmerksamen Beobachter ist damit einer der Mechanismen, der Verschwörungs-Kacke ans Laufen bringt auch schon (populärwissenschaftlich) erklärt. Ich bevorzuge es seit jeher, selbst zu denken und selbst zu fühlen. Und ich fühle jetzt gerade Melancholie, weil ich weiß, dass ein paar Tage mehr Urlaub an diesem friedlichen Ort mich als Mensch wieder ein bisschen kompletter machen würden. Aber so ist das – wir bekommen selten, was wir uns wünschen. Und wenn, dann steht es nicht zwischen zwei überteuerten Buchdeckeln, sondern wir erfahren es in den Dingen die wir wahrnehmen, durchdenken und dann teilen – damit andere sie auch durchdenken können. Ohne Dogmen, ohne Verkaufsabsicht, einfach so. Denn die wichtigen Dinge im Leben kosten Mühe, keine Euros.

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°22 – Back to normal – really…?

Allenthalben hört man davon, dass die coronesken Beschränkungen zurückgefahren werden können, dass ein Stück Normalität zurückkehren könnte, würde, sollte, müsste… Aber zum einen ist “ein Stück weit” ein Begriff, der, seit Torsten Sträter sich damit befasst hat (ihr müsst es ein paar Minuten in die Sendung schaffen) nicht mehr so leicht über meine Zunge oder meine Tasten kommt; und zum Anderen weiß ich beim besten Willen nicht, zu welcher Normalität ICH zurückkehren wollen würde.

Gegängelte Fachkräfte im Gesundheitswesen und im Einzelhandel, denen nun wieder keiner Beachtung schenkt (und leider auch kein Geld)? Power-Shopper auf Ego-Trips? Flugmeilen, bis Mutter Erde kollabiert? Neid, Gier, Missgunst und ihre kleinen Bastard-Schwestern Arroganz, Besserwisserei und Protz? Na vielen Dank auch. Wenn es nach mir ginge, könnte der Lockdown zumindest für manche Menschoiden noch bis 2025 weiter gehen – aber bitte ohne Internet-Zugang.

Zweifelsfrei kann ich sagen, dass die Schulschließungen weder meinen Nerven, noch denen der besten Ehefrau von allen sonderlich gut getan haben. Und dass unsere Kinder sicherlich nicht so sehr vom Homeschooling durch uns profitiert haben, wie sie von normalem Präsenz-Unterricht mitgenommen hätten. Auch wenn die Größere den einen oder anderen Klassenkameraden offenkundig überhaupt nicht vermisst hat. Obercoole Vollidioten gibt’s anscheinend auch schon in der Fünften… Immerhin wissen wir jetzt, welche Lehrer mit Distance-Learning können – und welche nicht! Ob das für die Zukunft irgendwie nützlich ist, kann man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber, wenn ich ehrlich bin, will ich das eigentlich auch nie herausfinden müssen…

Wird es also nun ein neues “Normal” geben? Vermutlich. Und leider, leider, wird es kaum anders aussehen, als das Alte, denn alle Hoffnungen auf eine Wende hin zu einer besseren Menschheit, zu mehr Solidarität miteinander, zu mehr Verantwortung füreinander und unsere Umwelt zerschlagen sich mit jeder noch so kleineren Justierung des Lockdowns. Die Leute wollen IHRE FREIHEIT. Sie haben zwar keine Ahnung, was das Wort wirklich bedeutet und dass es eine Schwester namens Verantwortung hat. Aber hey, Schwamm drüber. Hauptsache, man kann mal ohne jede Sachkenntnis auf die Kacke hauen und aus dem Grundgesetz zitieren, nicht wahr…? Nicht wahr, ihr Kognitions-Amateure?

Der Kategorische Imperativ ist in unserem Staat nicht ohne Grund eine der wichtigsten rechts-philosophischen Figuren. Aber die ganzen Jubler sehen nur, dass sie ab bald wieder ihre ganz normale Ausbeutung unserer Umwelt betreiben dürfen. Ach Lockdown, was hast du mir nicht Freude beschert. Fast ganz alleine, nur von meinen Gedanken gejagt durch den Waldpark spazieren hatte schon was. Und auch an Home-Office für bestimmte Aufgaben konnte ich mich gut gewöhnen. Zum einen, weil mein “Home-Office” (Also der Raum, in dem mein Arbeitsplatz steht) wesentlich besser ausgestattet ist, als dass “im Büro”. Und zum anderen, weil manche Arbeiten Muse erfordern, die bei ständigem Kontakt mit den Kollegen nicht immer so Recht aufkommen will. Aber ich schweife ab…

Wie auch immer das neue Normal aussehen mag – wenn ich Wünsche äußern dürfte, wären diese einfach: mehr Wertschätzung für die Berufsgruppen, die uns durch den Lockdown gerettet haben und das nicht nur durch dämliches Geklatsche, sondern durch substantielle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen (JA, das meint auch mehr Geld). Weniger Ego-Trips. Mehr Geld für Bildungsinfrastruktur und Lehrerbildung. Weniger Geld für nutzlose Dienstleistungen (Flugreisen) und Tand (jedes Jahr ein neues IPhone – habt ihr sie noch alle?). Mehr WIR. Weniger ICH. So einfach könnte das sein. Gott sei Dank bin ich noch im Urlaub, da kann man ja mal träumen…

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°21 – another Absurdistan…

Es fällt einem erst auf, wie surreal die gegenwärtigen Umstände sind, wenn man sich mal ein Stück aus der eigenen Homezone herausbewegt. Zumindest mir ist in den letzten Wochen natürlich aufgefallen, um wie viel komplizierter und langwieriger manche alltäglichen Verrichtungen geworden sind und wie wenig empathisch die Menschen neuerdings miteinander umgehen. Online natürlich noch viel mehr als im wahren Leben. Aber selbst gemessen an den eh schon beschissenen Umgangsformen auf Facebook ist es in den letzten Wochen nochmal ein ganzes Stück schlechter geworden. Eigentlich gehört der Dreck samt und sonders ohne Entschädigung enteignet und abgeschaltet.

Nun sind wir ein paar Kilometer gefahren. Auch in Deutschland gibt’s ja schöne Fleckchen, die man besuchen kann, wenn man’s in den eigenen vier bis zwanzig Wänden nicht mehr aushält. Das letztgenannte war schon seit Wochen der Fall; das mit dem Besuchen machen wir jetzt – man benennt das mit einem Fremdwort aus Prä-coronesken Zeiten übrigens recht klangvoll als “Urlaub”. Unser Weg führte uns gestern ein Stück den Rhein hinab bis in die Vulkaneifel. Ist hübsch hier und ruhig obendrein. Und unsere Vermieter sind reizende, höchst gastfreundliche Leute, die sich darüber beschwert haben, dass sie im Moment nicht so gastfreundlich sein können, wie sonst. Ich habe ehrlich gesagt nichts vermisst. Aber so unterscheidet sich die Wahrnehmung…

Jedenfalls sitze ich in einem zauberhaften kleinen Garten unter alten Weinreben, Vögel zwitschern, Bienen summen, der Wind rauscht – und sinniere über den Einkauf gestern, in dem kleinen Supermarkt im nächsten Ort, mit Maske, wie überall in Deutschland sinnvollerweise vorgeschrieben. Und erinnere mich: Corona ist im Moment überall und soweit ich auch fahren, fliegen, schwimmen oder sonstwas könnte, ich käme dem Virus nicht davon. Zumindest räumlich nicht. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Allüberall schwadronieren sie immer lauter, dass jemand ihnen die Grundrechte genommen hat, faseln von Diktatur und erregen sich immer noch darüber, solidarisch sein zu müssen. Soviel zu der Behauptung, die Pandemie könne etwas zum Guten ändern. Menschen bleiben Menschen; sie können nicht einfach nett zueinander sein, anderen etwas gönnen, einander helfen, wenn das angezeigt wäre und ihre Bedürfnisse hintenan stellen, weil im Moment Anderes wichtiger ist. Sie können es nicht. Sie konnten es nie, und sie werden es auch fürderhin nicht können, weil sie Menschen sind! Soweit bin ich mit der Sache versöhnt. Was nichts daran ändert, dass ich jedem dieser Covidioten auf Fratzenbuch jeden Morgen eine in die Fresse schlagen könnte für ihren Egoismus, ihre Dummheit, ihre Arroganz, ihre Indolenz und ihre Beleidigungen. Aber es gibt so viele von denen, dass ich Angestellte bräuchte, um alle gleich behandeln zu können, also muss ich das wohl lassen…

Was tue ich also nun? Ich mache Urlaub. Nicht etwa in der Eifel, sondern in Indolentien und Ignoranzien, lass die Deppen schwadronieren und mache mein Ding. In aller Ruhe, höflich und mit Maske, sofern nötig. Gott möge mir noch etwas mehr Gelassenheit geben, dann könnte da was draus werden. Ich werde mich NICHT, wie mancher aus meiner Timeline in unnötige Diskussionen um das Für und Wider der Alltagsmaske verstricken lassen und nur die Quellen rezipieren, die meine Meinung bekräftigen. Das systemische Denken geht in Zeiten des Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Seins, wie etwa jetzt, offenkundig verloren. Es wäre an der Zeit, dieses wieder zu kultivieren. Auch, wenn man sich fragen sollte, ob tatsächlich das Leben oberstes Primat allen politischen Handelns sein sollte, oder doch die Menschenwürde; und wie man Beide unter einen Hut bekommt? Ich wünsche frohe Pfingsten. Möge beim Nachdenken über solche Fragen der Heilige Geist auch über euch kommen…

Auch zum Hören…

Der verwirrte Spielleiter #21 – Struktur, Baby, alles braucht Struktur…

Ach Gottchen, über was alles wir schon gesprochen haben: dass Rollenspiel von den Entscheidungen seiner Spieler und den damit verbundenen, vom SL zugemessenen Schwierigkeiten bestimmt wird. Dass ich demgemäß eine flexible Möglichkeit benötige, das jeweilige Szenario entlang der Bedürfnisse und Ideen der Spieler laufen zu lassen (a.k.a. Nexus-Vortex-Methode). Dass ich manchmal auch Action (also Konflikte, wie z.B. Kämpfe) bringen muss, um eine Situation auflösen zu können. Und dass Pacing, also die Rhythmik des Szenarios einen manchmal vor Probleme stellt. Und in der letzten Folge sprach ich auch über das Showrunning. Doch wenn wir uns all das zusammen anschauen, wird klar, dass ich auch in jedem einzelnen Szenario – oder jeder Sitzung – an Hand einer übergeordneten Struktur arbeiten muss…

Ich höre sie schreien, die “RAILROADING”-Rufer, die jetzt bestimmt denken, Struktur bedeutet zwangsläufig einen Mangel an Flexibilität und damit wirklich freien Spieler-Entscheidungen Doch wenn wir uns die Struktur üblicher Pen’n’Paper-Szenarien ansehen, ist es eigentlich ganz einfach zu verstehen, dass dem nicht so ist:

Situation => Motivation/Ziel => Entscheidung => Spezifische Aktion => Auflösung gemäß Spielmechanik => Resultat => neue Situation!

Die Situation ergibt sich (zu Anfang) aus dem Narrativ des SL. Die Spieler leiten aus dem Narrativ ihre Motivation, bzw das präzise Ziel ab, aus dem sich Handlungsmöglichkeiten ergeben und treffen eine Entscheidung darüber, wie sie vorgehen wollen. Das betrifft sowohl Einzelaktionen wie “Ich greife den dritten Ork von links an”, wie auch kritische Pläne wie “A kappt die Telefonleitung und den Strom, B gibt von gegenüber Deckung, C hält das Fahrzeug bereit, D und E gehen rein und holen die Geisel.” Der SL trifft – in Abhängigkeit von der Situation und den gültigen Regeln – seinerseits eine Entscheidung über die zu meisternden Schwierigkeiten und gemäß der Spielmechanik wird ermittelt, ob die Aktion(en) Erfolg haben, oder nicht. Dieses Resultat erzeugt eine neue Situation, die nach genau den gleichen erzählerischen Regeln behandelt wird, wie eben beschrieben.

Was sich von Szene zu Szene unterscheidet ist nicht die stets gleiche, zu Grunde liegende Struktur, sondern lediglich die Art der hier erforderlichen Aktionen und die dazugehörige Spielmechanik zur Auflösung der Frage, ob’s klappt, oder eben nicht. [Justin Alexander vertritt in dieser Artikelreihe übrigens die Ansicht, dass der gute alte Dungeon Crawl als Archetypus für jede Art von Struktur herhalten muss. Soll sich jeder seine Meinung zu bilden, ich halte das für zu simplifizierend. Insgesamt ist sein Blog “The Alexandrian” dennoch sehr lesenswert.] Was sich nun unterscheidet, ist tatsächlich nur die Art der regelmechanischen Auflösung der jeweiligen Szenen: reden wir über Rätsel und Probleme lösen, über Kampf, oder über social events in play? Regelwerke bieten hierfür häufig Mechaniken an, die sich zum Teil erheblich unterscheiden. Manche lassen aber auch einfach immer den gleichen Würfel mit unterschiedlichen Modifikatoren werfen und moderieren die notwendigen Erfolgszahlen, um das notwendige Maß an Spannung hinsichtlich Erfolg/Misserfolg zu schaffen. Ist aber auch egal; Hauptsache, am Ende steht eine Auflösung der Szene/Aktion.

In jedem Fall bedeutet es, dass ich eine Struktur-Mechanik habe, die es mir eindeutig erleichtert, meine Sitzungen zu planen und durchzuführen. Indem ich meinen Spielern so – durch die Hintertür – Aufgaben zu geben versuche, indem ich ihre Aufmerksamkeit fokussiere, schaffe ich quasi Handlungsdruck für meine Spieler und stupse sie in eine gewisse Richtung. Man darf mich bitte nicht falsch verstehen: die Effekte meiner Beschreibungen sind keinesfalls vorhersagbar. Manchmal könnte ich auch einen Plot-Bus vorbeifahren lassen und es käme das Gleiche dabei raus; nämlich nix. Und manchmal werfen sie sich auf Details, die ich nie auf dem Plan gehabt hatte. Spielt man ein wenig Open World, muss man allerdings auch damit rechnen, dass die Spieler manchmal “lost in translation” sind…

Die obige Beschreibung soll meine Nexus-Vortex-Methode noch einmal etwas präziser darstellen. Mir ist bewusst, dass ich, vermutlich auf Grund meiner Erfahrung viele Dinge intuitiv abhandele, mit denen ein unerfahrener SL wahrscheinlich seine liebe Müh und Not hätte. Doch wenn ich mir einmal die Mühe mache, die Ziele und Motivationen der NSCs zu durchdenken und danach mit denen der Spieler und ihrer Charaktere zu vergleichen, weiß ich, welche Entscheidungsmöglichkeiten ich anbieten muss, um das Spiel im Fluss zu halten. Allerdings ist es manchmal schwierig die lang-, mittel- und kurzfristigen Ziele der Spieler und ihrer Charaktere herauszubekommen. Denn manchmal nutzt diesbezüglich fragen wenig, wenn man nur ein “Och, schauen wir mal” zu hören bekommt; dafür dann aber lange Gesichter, wenn irgendwelche Pläne voll in die Binsen gehen, oder Ziele nicht erreicht werden können.

Wenn man allerdings gar nicht fragt, sondern einfach sein Ding durchzieht (was ich gelegentlich auch mal tue, besonders, wenn ich einfach kein Feedback bekomme und welches provozieren möchte…), darf man sich halt nicht wundern, wenn hinterher alle gefrustet sind. Ist mir neulich passiert, weil ich a) wirklich nicht wusste, wohin die Spieler und ihre Chars jetzt wollten und b) die Spieler nicht miteinander gesprochen haben. Passiert. Muss man mit leben. Und ändert nichts daran, dass ich zumeist versuche, oben beschriebene Methode zu nutzen. Ich würde mich aber sehr dafür interessieren, ob jemand anders mir mal sein Strukturmodell und seine Methoden erläutern möchte. Ich würde mich sehr freuen und wünsche allen bis dahin – always game on!

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #16 – Technik ist Trumpf?

Ich gebe es an dieser Stelle immer mal wieder ganz gerne zu – ich bin ein technikaffiner Mensch, ich spiele gerne mit (neuen) Gimmicks und versuche dabei meist selbstständig herauszufinden, wie etwas funktioniert – früher bedeutete das: ich (in der Hinsicht typisch männlich) nahm die Bedienungsanleitung erst zur Hand, wenn es gar nicht anders ging. Nun werden mit zunehmendem Alter die Gimmicks teurer und komplexer. Überdies hat meine jugendliche Sturheit mutmaßlich mindestens ein Gerät getötet. Also bin ich heute um einiges vorsichtiger und lese Manuale. Ich bin dabei immer noch ungeduldig, aber auch das wird sich irgendwann im nächsten Jahrzehnt noch geben … hoffe ich …

Man ist im Unterrichtsalltag ja dazu aufgerufen, einen gewissen Methodenpluralismus zu beüben. Will heißen 24 Powerpoint-Folien/Sekunde = Film sollte eigentlich – vor allem in der offiziell Lernfeld-zentrierten Berufsausbildung – nicht mehr vorkommen. Insbesondere deswegen, weil visuell aufbereitete Informationen in einer prozessualen Struktur wie unserem Gesundheitswesen – genau wie Medikamente – eine Halbwertszeit haben. Was bedeutet, dass man Foliensätze irgendwann auch mal bearbeiten, bzw. korrigieren muss. Das wird offensichtlich allenthalben gerne mal vergessen.

Nun ist es so, dass die zwei vorgenannten Mechanismen in ihrer Dualität tödlich für den Unterrichts-Erfolg wirken können; und das auf verschiedene Arten:

  • Materialien, deren Informationsgehalt überaltert, führen zu nur teilweise korrekten oder sogar vollkommen falschen Lehr-Aussagen der Dozenten => jeder Dozent ist dazu verpflichtet, sein Fachwissen regelmäßig zu überprüfen und evtl. durch die Evidenz überholte Aussagen zu korrigieren.
  • Dem Dozenten mangelt es an Zeit, die vorgenannte Aufgabe angehen zu können, weil dafür keine Deputate vorgesehen sind => strukturelles Problem, dass sich leider – auch wenn Chefs das gar nicht so gerne hören im Sinne einer besseren Lehre nur mit Geld bewerfen lässt; also mit mehr Deputaten und damit mehr Personal…
  • Methodenpluralismus unterbleibt auf Grund mangelnder Medienkompetenz der Dozenten => diese muss aufgebaut, bei Bedarf angepasst und erhalten werden; womit wir wieder bei der Personal-Problematik wären. Aber gute Lehre kostet halt Geld!
  • Methodenpluralismus geschieht, doch Medien werden eingesetzt, weil es “cool” ist, diese Medien einzusetzen => Medium und Content lassen sich nicht auf beliebige Art voneinander trennen und re-kombinieren. Manchmal verlangt die Struktur einer Information nach einem bestimmten Transportmittel, manchmal nicht. Hier sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, ist aber trainierbar.
  • Das eben Gesagte gilt genau gleich auch für technische Gimmicks, die im Unterricht zu Einsatz kommen (sollen). Man muss immer hinterfragen, aus welchem Motiv heraus ich eine Technik einsetze. Wenn’s nur darum geht, dass die Technik geil ist – LASST ES!

Auch mich juckt es immer wieder in den Fingern, wenn ich was Neues vor die Flinte kriege. Von Hochglanz-Prospekten mit vollmundigen Werbeversprechen (“… das wirkt Wunder für Ihren Workflow!”) sollte man sich eigentlich schon lange nicht mehr beeindrucken lassen; und doch, und doch… Ich habe da meine persönliche “Rule of Cool”. Wenn mich etwas flasht, klicke ich es weg und schaue es mir am nächsten Tag genauer an. Wenn mich irgendwas daran immer noch flasht – ihr ahnt es schon – lege ich es weg und schaue es ein paar Tage später noch mal an. Dann beginne ich zu recherchieren: Nutzer-Erfahrungen (aber bitte nicht von der Anbieter-Webseite), bei Technik Reviews in Fachzeitschriften und schließlich die Überlegung, wie ich es einsetzen würde. Und ganz ehrlich – wenn mir nicht relativ spontan einfällt, was ich damit machen würde, verwerfe ich die Idee. Nicht jedoch meine Notizen, denn vielleicht gibt es ja zu einem späteren Zeitpunkt einen durchaus sinnvollen Verwendungszweck.

Auf diese Art spart man Geld und Nerven – und seinen Schülern die eine oder andere halbgare Unterrichtserfahrung, von der ich zuerst geträumt hätte, dass sie einfach bombastisch sein würde 😉 . Es gibt zweifellos Tools, die heute aus einem halbwegs sinnvollen Berufsschul-Unterricht in meinem Fachbereich einfach nicht mehr wegzudenken sind: eine Schul-Cloud, Beamer, Mikros, Kameras und AV-gestütztes Debriefing, Anbindung der mobilen Endgeräte der Schüler, usw.. Doch bei allem Fortschritt dürfen wir bitte nicht glauben, dass die Technik nun unsere Arbeit als Pädagogen erledigen würde.

Die wird durch Gimmicks vielfältiger und möglicherweise auch ein bisschen leichter. Aber den Unterricht vorzubereiten, um dadurch die richtigen Fragen parat zu haben – diese Aufgabe wird uns auch in Zukunft niemand abnehmen. Mäeutik ist auch heute noch eine Kunst, welch der Pädagoge ohne Mühe beherrschen sollte. Womit wir wieder bei den Skills des Pädagogen angelangt wären: diese zu entwickeln und auch nach einem Uni-Abschluss zu fördern ist nicht nur sinnvoll, sondern höchst notwendig, wenn aus dem Flickenteppich rettungsdienstlichen Ausbildungsalltages irgendwann ein homogenes Konstrukt werden soll. Ich will das. Und ihr so…?

Auch zum Hören…

Fresh from Absurdistan N°20 – Breaking Point!

Es gibt diese Momente im Leben eines und einer jeden, die man am liebsten ungeschehen machen, oder wenigstens aus dem Gedächtnis streichen möchte. Nun ist es so, dass wir uns an genau diese Momente natürlich stets am Besten erinnern, da sie uns – quasi als Fehlerfilter – daran gemahnen sollen, was man besser bleiben lässt. Funktioniert voll gut – NICHT! Wer mich näher kennt weiß, dass unter der zumeist gediegen-lustig daher kommenden Benutzeroberfläche Dämonen lauern, die uncharmant, unbeherrscht, laut und niederträchtig sind und manchmal zum Spielen nach draußen MÜSSEN…

Wie das Leben so spielt, gelingt es jenen Menschen, die uns am nächsten stehen, auch am leichtesten, solche Dämonen aus ihren Käfigen der Zivilisiertheit zu lassen. Zum Beispiel meine Kinder. Im Moment kann ich sie gerade mal wieder überhaupt nicht leiden, weil sie sich aufführen, als wenn Mama und Papa ein Selbstbedienungsladen wären, dessen Einrichtung man auch noch nach Belieben misshandeln kann. Ist ja nicht so, dass Eltern im Moment durch den Spagat zwischen Job und Homeschooling nicht sowieso schon extrem belastet wären. Und wenn die “lieben Kleinen” dann noch ‘ne Extraschippe obendrauf legen. Was soll ich sagen – heute ist dicke Luft und ich bin fast froh, dass ich später mal wieder im Einsatzdienst aushelfen muss.

Corona nötigt uns einfach zu viel Nähe auf und lässt zu wenig Platz für Distanz. Ist so ein Allgemeinplatz, der einfach noch mal gesagt werden musste. Aber da ist noch etwas, dass einfach mal gesagt werden muss, und zwar all den Kinderlosen da draußen, welche die unsägliche Frechheit besitzen, mir und meinesgleichen zu sagen, dass wir nicht so rum heulen sollen, wir hätten ja keine Kinder kriegen brauchen… HALTET… [Hier stand zuvor etwas sehr Unflätiges, dass ich durch folgenden frommen Wunsch an die vorgenannten Individuen ersetzen möchte: Mögen 1000 hungrige Termiten auf eurem mit Honig beschmierten Popo Samba tanzen, während eure Arme von zeitweiliger Parese befallen sind…] Wer zahlt in Zukunft eure Rente? Wer pflegt euch im Altersheim? Wer serviert euch das Essen, füllt eure Supermarktregale auf, erzeugt euren Strom, löscht eure Feuer und rettet eure Angehörigen vor dem Infarkt? Ich könnte hier noch beliebig viele andere Berufe einpflegen und ihnen allen ist eines gemein: ohne Nachwuchs gibt’s keine Dienstleistung und keine Produktion.

Jedes Mal wieder, wenn irgendwelche neuen Widrigkeiten auftauchen, die euch Sozial-Amateuren die Bequemlichkeit versauen, oder euch (subjektiv) irgendwas wegnehmen wollen, haut ihr auf die “Gefühlte-Ungerechtigkeits-Kacke”; und damit auf die Eltern. Und benehmt euch damit kein Jota besser, als meine 7- und 11-jährigen Töchter! Was ist nur in euch gefahren, dass ihr – genau wie die zwei – eurem Gegenüber die Wurst auf dem Brot nicht gönnt? Hattet ihr als Kinder zuwenig Liebe? Ist auch egal. Denn ich bin am Breaking Point! Ich kann und ich will nicht mehr:

Ich will mir nicht mehr das Gejammer anhören müssen, wie schlecht es irgendjemand geht! Ich will nicht mehr irgendwelche verschwubelte Verschwörungskacke in meiner Timeline sehen müssen! Ich will nichts mehr über Diktatur durch die Hintertür hören, wenn keiner von euch auch nur den leisesten Schimmer hat, wie sich Leben in einer Diktatur anfühlt – zieht nach Nord-Korea! Ich will kein Genöle über den Sommerurlaub, der wegen der Pandemie vielleicht storniert werden muss! Ich will nicht blöd angeschaut werden, wenn ich Menschoiden darauf hinweise, dass ein Mund-Nasen-Schutz auch Mund und Nase bedecken sollte, weil man den ansonsten auch genauso gut als Flatulenz-Filter tragen könnte! Und – Ich will keine Milliarde an die Lufthansa verschwendet sehen!

Ich will mehr Freundlichkeit! Ich will mehr Solidarität! Ich will mehr Vernunft! Ich will mehr Verständnis für die Sorgen der existenziell bedrohten Menschen! Ich will, dass meine Kinder begreifen, dass all das auch für mich extrem belastend ist! Ich will einfach mehr gesellschaftlichen und privaten Frieden – und habe einfach keinerlei Energie mehr übrig, mit jenen idiotischen, asozialen, egoistischen Menschoiden zu streiten, die solche Wünsche nicht verstehen können! Fahrt zur Hölle – aber bitte mit Ökostrom! Schönen Tag noch…

Auch zum Hören