Mannomann, war Kindsein geil! Die Sommerferien kamen einem vor wie ein endloses Abenteuer. Vielleicht auch deswegen, weil der größte Abenteuerspielplatz direkt vor unserer Haustür lag. Ich musste also nicht allzuweit gehen/fahren, um Spaß haben zu können. Ja, meine Eltern hatten jetzt nie so viel Kohle übrig, dass wir groß ins Ausland gefahren wären, aber es gab dennoch schöne Urlaube, in denen ich das eine oder andere erlebt habe; und einiges von Deutschland gesehen. Irgendwann, so mit 17 hatte ich jedoch eigene Wünsche und bemerkte alsbald, dass meine Eltern nicht bereit waren, mir diese Ideen, wie etwa meine erste Auslandsreise zu finanzieren. Ich jobbte, seit ich 14 war relativ häufig und hatte folglich trotzdem keine Probleme, mir selbst was zu leisten. Und meine Eltern legten mir auch keine Steine in den Weg. Aber irgendwie änderte sich meine Wahrnehmung von freier Zeit, Ferienzeit, Urlaub dadurch. Da war damals immer noch diese unbeschwerte Freiheit, doch ich ahnte bereits früh, dass man sich als Erwachsener diese Freiheit durch Arbeit erkaufen musste. Damals hat mich das tatsächlich nicht besonders gejuckt, denn ich empfand als junger Kerl auch die Arbeit irgendwie als Abenteuer. Ich bin einer von diesen komischen Gen-X-Typen, die einen gewissen proletarischen Stolz auf die von Ihnen erbrachte Leistung empfinden konnten; insbesondere, wenn diese in Zahlen darstellbar war. Auch heute noch bin ich durchaus stolz darauf, wenn ich etwa ein Projekt abschließen kann, oder wenn Unterricht funktioniert hat, oder wenn ich sehe, dass jene Pläne, die ich seit geraumer Zeit verfolge, langsam Früchte tragen. Die Leichtigkeit ist allerdings perdu. Ich bemerke den Preis – also die Arbeit – wesentlich intensiver, als die Freiheit, welche er mir von Zeit zu Zeit zu erkaufen vermag. Vielleicht mag ich meine Arbeit nicht mehr? Ich weiß es nicht wirklich; aber wie ein Abenteuer, dass zu erleben wert ist, fühlt es sich schon eine geraume Zeit nicht mehr an.

Das Kind in mir erinnert sich an endlose Tage, laue Abende, Fahrten ins Schwimmbad, an den Rhein oder an den See. An das Grillen, später an die vielen TTRPG-Runden, die wir in meinem ehemaligen Zuhause gespielt haben. An gute Zeiten. An das Gefühl, sich in jede Richtung entwickeln zu können, alles tun und die Welt erobern zu können. Selbst nachdem ich irgendwann in der harten Realität des Berufslebens angekommen war, spürte ich so gut wie nie den Druck, der mir heutzutage das Schaffen sauer macht. Ich hab damals meine beste Ehefrau von allen kennengelernt. Sie war und ist meine erste große Liebe und… es hält immer noch. Wir sind unterdessen zu anderen Menschen geworden, als diese jungen Wilden, die damals so mache Verrücktheit unternommen haben. Und dennoch fühlt sich das immer noch richtig an. Was sich nicht mehr richtig anfühlt, ist der endlose Sommer. Ich meine – seien wir realistisch, für den 8-, 10, 13-Jährigen fühlten sich diese Sommer so lang an, weil die relative Länge im Vergleich zur bisherigen Lebenserfahrung tatsächlich viel größer war, als für den heute 52-jährigen. Aber das ist nicht das Einzige, was sich geändert hat. Ich empfinde die Hitze wesentlich stärker – weil sie stärker geworden ist. Ich hatte nur wenig Ahnung von Ozonloch, Klimaerwärmung, saurem Regen mit Waldsterben (das war in der 80ern ein Riesenthema), etc., bevor ich einen Physiklehrer bekam, der mir all diese Aspekte näher brachte. Irgendwie habe ich seitdem einen Knacks. Nicht wegen des Physiklehrers, sondern weil mir nach und nach bewusst wurde, wie fragil diese Welt ist, wie beschissen wir Menschen aus niedersten Beweggründen mit ihr umgehen – und was das für mich als Mensch eines Tages bedeuten würde – was es JETZT für mich bedeutet. Ich denke, ich bin eine linksgrüne Zecke, weil es in meinen Augen keine andere Hoffnung für diesen Planeten gibt, als dass wir alle linksgrüne Zecken werden. Mit anderen Worten – es mangelt mir an Hoffnung.
Versteht mich bitte nicht falsch. Ich mag den Sommer immer noch. Ich mag die endlosen Abende. Ich mag es, mit meiner Kamera knipsend durch die untergehende Sonne, die blaue Stunde und das erste Dunkel der Nacht zu stromern. Ich mag es, meine langen Bahnen durch Seen und Flüsschen zu ziehen. Ich mag lange Spaziergänge oder Wanderungen. Ich bin einfach gerne draußen unterwegs. All das ist in der dunkel-kalten Jahreshälfte nicht in der Form möglich, die mir wirklich Spaß macht. Aber auch hier ist die unbeschwerte Freiheit weg, ersetzt durch das Gefühl, an allem, was in den nächsten Jahrzehnten an Unbill für die Menschheit folgt, schuld zu sein. Was vollkommener Quatsch ist – zumindest in endgültiger Eindeutigkeit. Wenn überhaupt, war bzw. bin ich nur ein sehr kleines Teil in einem sehr großen System namens Gesellschaft. Und unterdessen tue ich, was mir möglich ist, um dem Klimawandel zu begegnen. Wenn ich so aus dem Fenster schaue, dann frage ich mich, wann es sich wie ein “normaler” Spätsommer oder Herbst anfühlen wird, während tief in mir die Angst steckt, dass wir schon in einem endless Summer angekommen sind. Das Kind in mir schaut hinaus und denkt sich “Ei der Daus – ich war im Spetember noch schwimmen!” Der Erwachsene hingegen – was auch immer mich für diesen Status qualifizieren mag – erinnert sich daran, schon früher im Jahr wegen der unglaublichen Temperaturen aus der Stadt geflohen zu sein, weil er es nicht mehr ausgehalten hat. An einem Wochenende fuhr ich hinaus in den Odenwald, an einem anderen in den Pfälzerwald und suchte mir schattige Plätzchen, wo man den Tag halbwegs verleben und seinen Gedanken nachhängen konnte. Nur um feststellen zu müssen, dass diese Gedanken finster wurden. So ist das, wenn man an einer Depression leidet – manchmal überwältigen und lähmen dich diese negativen Emotionen so hart, dass du kaum mehr leben willst. Es dauert dann stets lange, bis man sich des Umstandes erinnert, dass man sein Leben auch selbst in die Hand nehmen kann.
Dass man etwa der Politik Beine machen kann – wenn wir nur viele sind. Dass man seine eigenen Lebensumstände beeinflussen kann – wenn man beginnt, Optionen zu denken, anstatt nur der Angst zu folgen. Dass das unbeschwerte Kind, das die allermeisten von uns einst waren, noch irgendwo da drin schlummert, bereit sich diesem Abenteuer Leben zu stellen – und so den Dingen jeden Tag neu zu begegnen, wie es möglich und sinnvoll ist. Man muss sich nur daran erinnern, dass der endless summer auch Freude bereit hält, dass es diese schönen Dinge gibt, die zu erhalten man lediglich seinen Arsch hochkriegen und gegen das Andere kämpfen muss. Dass man mit dieser Aufgabe nicht alleine ist. Und dass die Zukunft – allem Gezänk und aller Bosheit zum Trotz – ein Weg ist, dessen Karte noch nicht fertig geschrieben wurde. Denn… schreiben müssen wir diese selbst. Und das jeden Tag neu. Gegen die Dummheit, gegen die Gleichgültigkeit, gegen die Angst, gegen die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde. Mit frischen Ideen, Hoffnung, Mut und Miteinander. Dann lässt sich die Angst vor dem endless summer auch als Erwachsener aushalten. Dann wird das Leben auch wieder zu einem Abenteuer, dass zu erleben wert ist. Wir sehen uns, da draußen, im Abenteuer…
