Da sitze ich nun also Sonntagvormittag auf der kleinen Terrasse unseres Ferienhauses im Schatten, bei leichtem Wind aus Südost und schreibe diese Zeilen. Gestern Abend war ich – der Ankunft am Urlaubsort zum Trotze – ziemlich down. Ich musste mich erst noch mit der Hitze der Pyrenées-Orientales neu anfreunden. Heute Morgen ging’s dann schon besser, wenngleich es hier die nächsten Tagen schwülwarm mit 30-33°C sein wird und die Nächte mit 21-24°C jetzt auch nicht unbedingt als Kühlschrank gelten dürfen. Das liegt daran, dass auflandige Winde vom nahen Mare Nostrum feuchte Luftmassen ins Landesinnere befördern. Nun ja, kann man wohl als selbstgewähltes Schicksal betrachten. Obschon ich mir unterdessen die Frage stellen muss, wie die Urlaubsgestaltung in den nächsten Jahren wohl aussehen soll. Es ist ja nicht so, dass die Temperaturentwicklung hier abwärts zeigen würde. Das beinhaltet natürlich auch die Frage, WIE man WOHIN kommt. Ich nehme mir dabei folgende Entscheidungshilfe zur Hand: 500 kg CO2 für DREI Personen im Auto nach Südfrankreich, durch Südfrankreich und zurück (gilt auch für Mittelitalien) oder ca. 700KG bei einer Irlandrundreise VS. 450 – 650 kg CO2 Flug für EINE Person nach Malle und zurück (die Varianz ist abhängig vom Startflughafen und der gebuchten Sitzklasse). Do the math, retards! So gesehen wäre natürlich Urlaub auf Balkonien die klimaneutrale Variante. Atmen muss man ja trotzdem… Warum also zum Teufel reisen wir überhaupt. Es kostet Geld, manchmal ganz schön Nerven (insbesondere, wenn man an einem “Samedi noir” subjektiv mit ganz Frankreich zusammen auf der “Méridienne” unterwegs ist; Credo: ich fahre nie wieder am ersten Augustwochenende quer durch Frankreich!) und fordert die eigenen Fremdsprachenkenntnisse heraus. Erste Erkenntnis vom Einkauf gestern Abend: mein Französisch ist nicht so eingerostet, wie ich befürchtet hatte…

Glaubt man der Psychologie, so hat es etwas mit der Flucht aus, bzw. vor dem Alltag, dem Hintersichlassen von Verpflichtungen (insbesondere der Arbeit) und dem Ausleben der eigenen Bedürfnisse zu tun. So weit so klar. Man unterscheidet dabei übrigens zwischen hedonistischen Bedürfnissen (chillen und genießen) und eudämonischen Bedürfnissen (Neugier und Lernlust). Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, die eben genannte Lernlust bedeute, dass man auch im Urlaub pauken soll, für irgendwelche Prüfungen o.Ä. – es geht darum, den eigenen Horizont aus Eigeninteresse und ohne Zielsetzung erweitern zu wollen. Stell dir vor, du kommst auf Reisen irgendwohin, siehst dich da um und irgendetwas erregt deine Aufmerksamkeit; du willst mehr darüber wissen und setzt dich damit auseinander, bis dein Erkenntnisinteresse befriedigt ist. Das kann schnell erledigt sein oder begründet ein Hobby, welches dich für den Rest deines Lebens begleitet. Meist geht es dabei um Kunst, Architektur, besondere Aspekte der Kultur und/oder Landschaft, nicht jedoch um Buchwissen, sondern um das Bemühen, ein eher praktisches Verständnis dessen zu erlangen, was man gerade wahrnimmt. Und das auch nur, solange der Spaß anhält. Man lernt dabei trotzdem etwas dazu. Daher nennt man das Lernlust. Während hedonistisch motivierte Reisende am Reiseziel eher ortsfest bleiben, weil sie sich eine Location ausgesucht haben, an der sie alles finden, wonach ihr Herz begehrt, machen eudämonisch motivierte Urlauber oft nicht wenig Kilometer, weil sie sich “das da” auch noch anschauen wollen. Ich glaube übrigens nicht, dass die eine Motivation besser oder schlechter sei, als die andere. Ich selbst konnte nur dem all-inclusive nie viel abgewinnen. Wenn man das aber mag, dann bekommt man alles, ohne dafür Anstrengung unternehmen zu müssen und das ist vollkommen okay, wenn es die Person glücklich macht und erholt. Wie man seinem Alltag entflieht, ist völlig einerlei, solange es einem gut tut.
Am Ende sind beide Varianten eh gleichwertig, denn der typische Erholungseffekt, welcher ja vor allem auf der Entkopplung von a) der normalen Lebensumgebung, b) den typischen Verpflichtungen und c) den gewohnten sozialen Kontakten beruht, ist in beiden Fällen nach ca, drei Wochen weitestgehend abgeklungen; sagt zumindest die Sozialpychologie. Was die Erfahrung dennoch jedes Mal wieder wertvoll macht, ist das Auffüllen der eigenen Batterie mit frischer Motivation, unsere Fähigkeit, schöne Erinnerungen zu nutzen, um zumindest im Geiste noch mal erleben zu dürfen, was den Urlaub für uns so wertvoll gemacht hat; und eben die Möglichkeit etwas “dazuzulernen” dass uns auch später noch begleitet. Diesem letzten Aspekt messe ich besondere Bedeutung zu, da ich selbst eben ein eudämonisch motivierter Reisender bin. Außerdem macht man manchmal Bekanntschaften, die als etwas Besonderes gelten dürfen. Ich habe so zu ein paar Vermietern im Urlaub ein ziemlich gutes Verhältnis entwickelt. Und das hat so manche Urlaubsreise in den letzten Jahren zu einem Heimkommen werden lassen. Was aber nun die Temperaturen angeht – ich mag den Süden, ich mag eigentlich auch die Wärme. Ich befürchte nur, dass wir als Menschheit SEHR, SEHR, SEHR viel mehr unternehmen müssen, damit es nicht noch viel heißer wird und die Zahl und Intensität der Klimakapriolen ein Maß erreicht, dass ganze Teile der Erde völlig unbewohnbar macht. You hear me, Gas-Kathi? You hear me, Fotzenfritz? Zieht endlich eure Köpfe aus den Ärschen der Industrie und macht Politik für ALLE Bürger, während wir schon mal loslegen. Und ich befürchte als Individuum, dass mir immer noch die Erfahrungen der atomaren Hitzewelle Ende Juni in den Knochen stecken, die meine Depression dermaßen aus der Bahn geworfen hat, dass ich Wochen brauchte, mich davon zu erholen. Ich werde langsam älter und damit anfälliger. Der Versuch, wieder etwas Form in diesen Körper zu bekommen trägt zwar ganz langsam erste Früchte, aber ich befürchte, ein gesunder Geist kann tatsächlich nur in einem halbwegs gesunden Körper stecken. Weshalb ich diesen Urlaub über mit mir selbst werde verhandeln müssen, was ich zukünftig noch aushalten kann – und was nicht. Auf Balkonien ist es ja unterdessen auch verdammt warm. Also Nachbarn – wenn wir schon Urlaub machen, dann bitte mit ein BISSCHEN mehr Verantwortungsbewusstsein. Einstweilen gute Zeit, wir lesen uns…
