Benvenuti nelle Marche N°17 – Warum soll man wollen?

Ich habe die Tage darauf hingewiesen, dass unser Wille stets in unser kulturelles Korsett – also jenen Rahmen aus Werten, Normen, Vorstellungen und Erfahrung – eingebettet ist, was immer wieder die ziemlich böse Frage aufwirft, ob es denn überhaupt so etwas wie einen freien Willen geben kann; wenn doch von vornherein klar ist, dass wir einen echt großen Rucksack voll Biographie mit uns herumschleppen, der unser Denken und damit auch unseren Willen zumindest teilweise strukturiert? Womit ebenso die Frage auftaucht, ob ich denn überhaupt etwas wollen sollte, wenn ich doch gar nicht sicher sagen kann, dass ICH selbst als freies Individuum diesen Willen äußere oder nicht doch einfach nur meine Sozialisation. Schopenhauer würde wahrscheinlich NEIN gesagt haben. Ich denke jedoch – es hängt davon ab! Es hängt davon ab, mit welchem Lebensbereich wir uns befassen. Ich habe keinen freien Willen, wenn es um die Frage des Steuernzahlens geht (obwohl manche Menschen hierbei wohl recht kreativ werden, weil sie GLAUBEN, da einen freien Willen zu haben). Ich kann aber sehr wohl über mein Berufsfeld, meinen Kleidungsstil, meinen Wohnort, meine Freizeitpräferenzen, etc. entscheiden; zumindest, sofern ich nicht in Nordkorea oder so wohne… Es hängt davon ab, ob wir etwas nur für uns oder auch für Andere entscheiden. Spätestens, wenn ich die Freiheit anderer Menschen durch das Ausleben meines Willens einschränke, wird es schwierig. Geht es jedoch “nur” um mich selbst und tangiert meine Entscheidung die Lebensbereiche Dritter nur peripher, so mag dies zumindest recht oft keine Probleme erzeugen. Es hängt davon ab, wie wichtig die Entscheidung für mich ist. Erst, wenn wir uns mit großen Fragen beschäftigen, ist es relevant, ob wir uns frei entscheiden können, oder eben nicht. Bei vielen kleinen Alltagsentscheidungen bemerken wir überhaupt nicht mehr, dass wir sie überhaupt getroffen haben (wobei man nun einwenden könnte, dass eine Entscheidung, die sich wie von selbst trifft – etwa unsere Kleidung für diesen Tag – u. U. ein Hinweis auf das Nichtvorhandensein eines freien Willens sein könnte). Und es hängt natürlich davon ab, ob es in der zu entscheidenden Angelegenheit überhaupt eine freie Wahl gibt, oder nur bloße Notwendigkeiten. Schon eine JA/NEIN-Entscheidung ist zumeist nicht von echter Freiheit gekennzeichnet, sondern oft lediglich die Wahl des “kleineren Übels”. Zerdenken wir das ganze noch ein wenig tiefer, tauchen gewiss noch ein paar andere Fragestellungen auf. Wollen wir jedoch etwas simpler zu Werke gehen, können wir das Ganze einengen auf folgende Herausforderung: Wohin führt mich das, was ich zu wollen glaube, falls es mich überhaupt irgendwohin führt?

Mein Dilemma bleibt, dass ich unterdessen wirklich glaube, mich beruflich neu orientieren zu wollen, mir aber weder sicher bin, ob ich in anderer Position weiterhin nachhaltig zum Familieneinkommen – sowie dem unterdessen an das Einkommen angepassten Lebensstil – beitragen könnte, noch ob ich so tatsächlich an einen Punkt kommen könnte, an dem mein Leben sich wieder wahrhaft lebenswert anfühlte. Was auch immer das im Detail bedeuten würde. Man hat ja oft dieses Gefühl, das irgendwas nicht stimmt. Aber wenn dann so ein wachsamer Penner von der Innenrevision (Selbstreflexion) vorbeikommt, um zu fragen, was denn nun konkret Phase sei… tja, dann stehst du halt erstmal mit runtergelassenen Hosen da; und hoffentlich nur im übertragenen Sinne. Ich meine… different job, same shit ist jetzt nix, was nicht vorkommt, nicht wahr? Und am neuen Shiny-Shiny ist recht oft auch recht schnell der Lack ab. Denn das Bedürfnis, seinen freien Willen zu haben bzw. zu bekommen und demzufolge eine wegweisende Entscheidung zu treffen ist leider meist viel größer als der Überblick über die möglichen Konsequenzen. Es gibt da quasi einen Breaking Point: wenn der persönliche Break-Even der Relation [Einsatz vs. Benefit] dauerhaft unterschritten wird, MUSS man handeln. Da zum persönlichen Benefit neben den pekuniär-existenziellen Faktoren wie Salär, Incentives und Jobsicherheit jedoch auch soziale und psychologische wie etwa Workload, Zufriedenheit, Sinnstiftung, Teamgeist, Gestaltungsmöglichkeiten, Entwicklungschancen, etc. gehören, ist die Gleichunng nicht immer so einfach zu lösen. Da muss jede*r seine/ihre eigenen IPLI (Individual Purpose and Luck Indicators) finden. Und das tut regelmäßig weh. Denn wenn ziemlich viele von uns Menschlein etwas überhaupt nicht gut können, dann ist das, klar zu artikulieren, was wir warum anstreben und wieviel wir dafür zu geben bereit sind. Im Ungefähren lebt es sich nämlich bequemer. Im Konjunktiv musst du keine unangenehmen Entscheidungen treffen und kannst dich im güldenen Lichte deiner Brillanz sonnen.

Ich kann klar sagen – ich will die Freiheit, den Arbeitsbereich, welchem ich vorstehe in den Grenzen des wirtschaftlich und pädagogisch Sinnvollen nach meinem Bilde gestalten zu dürfen und mich nicht dauernd irgendwelchen vollkommen ungerechtfertigten und rein politisch motivierten – als “Arbeitsgruppen” deklarierten – Tribunalen aussetzen müssen, die lediglich zum Zwecke haben, mich zu disziplinieren und zu diskreditieren, weil ich angeblich alles falsch gemacht hätte. Außerdem schafft man sich einen Strohmann, um beliebig Druck aufbauen zu können. NICHT MEHR MIT MIR! Wenn ich also nicht einfach meinen Frieden haben kann, haue ich in den Sack. Dieses Mal for sure und absolut ohne Reue. Denn was ich hinterlasse, funktioniert einwandfrei. Wenn man mich zukünftig nicht zufrieden lässt, müssen halt Andere darauf aufbauen. Der Acker ist gut bestellt. Ich hätte für diese Erkenntnis nicht unbedingt bis nach Italien fahren müssen, denn eigentlich ist die alt. Nun fiel jedoch das ganze Gezuchtel, welche mich meinen Rücktritt hat anbieten lassen zufällig in die Woche vor meinem Urlaub. Und wie das im Leben so ist – du kannst deinen Dienstlaptop zu Hause liegen lassen, nicht jedoch deine Gedanken und Gefühle. Nun ist es, wie es ist und ich kann daran sachlich erst etwas ändern, wenn ich übernächste Woche wieder im Dienst bin. Drauf geschissen, denn ich lasse es mir gerade gut gehen. Eben gab es Bistecca alla fiorentina vom Grill unseres Anwesens, dazu Spargel, eingelegte Oliven und Salat. Ein Festmahl. Und davor konnte ich lesen, denken, schreiben und 100 Bahnen im Pool ziehen. Mal sehen, wie sehr meine Seele sich beruhigt, bis wir wieder daheim sind. Wenn’s nach mir ginge, wäre das allerdings erst in ein paar Monaten. Buonasera…

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