Alles umsonst?

Wir Menschen werden oft richtig wild, wenn wir irgendwo ein Schnäppchen riechen, oder gar die Gelegenheit, etwas für lau abzugreifen. Nicht selten werden dabei die üblichen Regeln des sozialen Miteinanders vergessen, weil man dann getrieben ist von Gier und dem Gefühl, die anderen, welche die Gelegenheit vielleicht auch bemerkt haben als Konkurrenten ausstechen zu müssen. Wenn’s billig oder umsonst ist, neigen wir überdies dazu, die Qualität des Angebotes nicht mehr so objektiv zu bewerten, sondern vordringlich an Hand des Attributes „Preis“. Das führt allerdings nicht selten zu Enttäuschungen, weil wir eben, geblendet von der eigenen Sparwut, nicht genau genug hingesehen haben. Aber auch das andere Extrem, nämlich Schnäppchen zu meiden, weil „das ja eh nix sein kann“, trifft man dann und wann. Objektiv ist diese Haltung ebenso Käse, weil man letztlich von Fall zu Fall beurteilen muss, ob eine Occasion passt, oder eben nicht.

Das so genannte low- oder no-cost-offers manchmal eine zweifelhafte Qualität haben, oder auch Lockangebote sinisterer Agenten sein können – also Betrug, Nepp, etc. – darf allerdings nicht davon ablenken, dass es Bereiche gibt, in denen kostenfreier Zugang, nicht nur aus meiner Sicht ein Grundrecht darstellt. Reden wir zum Beispiel mal von Bildungsangeboten und der Arbeit, die üblicherweise dahintersteht. Um Beispielsweise eine Lernplattform im Web aufzubauen, braucht es technisches Know-How, eine Infrastruktur (deren Bereitstellung und Pflege Zeit und Geld kosten), Inhalte (die zuvor aufbereitet werden müssen) und nicht zuletzt auch didaktisch-methodische Kenntnisse, die auf wissenschaftlicher Arbeit und Ausbildung basieren. In der akademischen Landschaft selbst wird schon seit Jahren darüber diskutiert, wie man den Zugang zu bestimmten Wissensbereichen dennoch für Nutzer freihält, weil es natürlich jede Menge Akteure (z.B. Verlage, professionelle Anbieter von Lernplattformen und -software, etc.) gibt, die Bildung vor allem unter dem Aspekt wirtschaftlicher Verwertbarkeit (oder besser: Gewinninteresse) betrachten.

Ohne Frage muss ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen kosteneffizient arbeiten, um Geld verdienen zu können. Man muss sich allerdings folgende Fragen stellen: (a) welche Wissensbereiche darf man nicht mit einer „Paywall“ versehen, weil sie alle Menschen angehen? (b) wie kann man den kostenneutralen Zugang zu solchen Wissensbereichen fördern/sicherstellen? (c) welche minimalen Qualitätskriterien müssen kommerzielle Bildungsangebote erfüllen? (d) wer soll über die eben genannten Fragen entscheiden dürfen? Das sind alles in allem ein paar ziemlich dicke Bretter, vor allem, weil man sich zur Beantwortung mit seinen eigenen normativen Vorstellungen und seinem Menschenbild auseinandersetzen muss. Zu (a) und (b) kann ich aus meiner persönlichen Sicht antworten. Zu (c) bedürfte es eigentlich eines gesetzgeberischen Eingriffes, der im Neokorporatismus bundesrepublikanischer Prägung allerdings nicht kommen dürfte, weil man damit ja verschiedenen Akteuren quasi ein Berufsverbot aussprechen müsste. Und bei (d) wird es ganz schwierig…

In den Bildungs- und Erziehungswissenschaften wird schon lange lebhaft darüber gestritten, ob sich Bildung am Prinzip der unbedingten Verwertbarkeit des Gelernten orientieren soll (im Sinne der Erzeugung eines möglichst hohen Arbeitsmarktwertes des Lerners), oder am Humboldt‘schen Ideal ganzheitlicher Menschenbildung (um den Mensch an die Entfaltung all seiner Potentiale heranzuführen). Und je nachdem, ob man eher neoliberalistisch oder eher humanistisch orientiert ist, fallen auch die Argumente hinsichtlich kommerzieller Bildungsangebote sehr unterschiedlich aus. Orientierung an Verwertungsinteressen bedingt eine Befürwortung der privatwirtschaftlichen Verwertung von Lerninhalten, gemäß der Logik, dass auch Bildung den Gesetzen des Marktes zu gehorchen hätte. Ich elaboriere die akademischen Positionen dazu hier jetzt nicht in großer Breite, aber als Humanist finde ich diesen Gedanken furchtbar!

Meine Meinung zu (a) und (b) lässt sich wie folgt zusammenfassen: Alle Wissensbereiche, die direkt mit Grundbildung (Alphabetisierung, mind. eine Fremdsprache, Mathematik, einfache naturwissenschaftliche Zusammenhänge, ein Grundverständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge und Prozesse) und der Ertüchtigung zur gesellschaftlichen Teilhabe zu tun haben, müssen frei zugänglich bleiben und für den Lerner kostenneutral beschult werden! Und jeder, der über, dazu geeignete Fähigkeiten und Kenntnisse verfügt, hat die Pflicht, an der Erreichung dieses Ziels mitzuarbeiten! Ferner gilt, dass wissenschaftliche Erkenntnis, gleich welcher Disziplin nicht kommerzialisiert werden darf, sondern für die weitere akademische Arbeit zum Nutzen der Gesellschaft frei zugänglich bleiben muss! Es gibt genug abgeleitetes Spezialwissen, dessen Vermittlung kommerzialisiert ist, bzw. werden kann. Da muss man nicht z.B. den angehenden Akademikern das Leben sauer machen, indem man relevante wissenschaftliche Papers extra teuer Seite für Seite verkauft.

Allerdings ist mir bewusst, dass es für den Laien sehr schwer zu beurteilen sein mag, welche Güte ein spezifisches kostenfreies Bildungsangebot hat, dass von irgendeinem Freiwilligen entwickelt/betreut wird; daher bräuchte es eigentlich dringend eine Art Gütesiegel, an Hand dessen die Qualität für den Nutzer transparenter wird. Trotzdem ändert das nichts daran, dass wir mehr hochwertige, frei zugängliche Bildungsangebote brauchen. Mal sehen, was ich selbst dazu beitragen kann. Was ich sagen kann ist, dass ich mich mit den Techniken im Moment ausgiebig beschäftige und für mich einen halbwegs kostenneutralen Weg gefunden habe, eine Plattform anzubieten. In jedem Fall stehe ich zu meiner humanistischen Überzeugung. Ist vielleicht noch jemand da draußen, der Zeit und Lust hat, mir zu helfen, bzw. mit mir zusammenzuarbeiten? Das wäre doch mal was, oder…?

Ach ja, am Bosporus…

Man mag sich darüber erregen, dass die Führungsriege der AKP sich gegenwärtig auf Herrn Erdogan als uneingeschränkten Anführer eingelassen hat und dass dieser momentan anscheinend versucht ein Präsidialsystem einzurichten, dass ihm erhebliche Machtbefugnisse einräumen würde. Solche Machtbefugnisse, von denen manche Leute sagen, dass sie den Weg in eine Diktatur bedeuten. Also ungefähr solche Machtbefugnisse, wie sie der US-Präsident schon seit Jahr und Tag innehat. Man verknüpft natürlich überdies immer das Streben des beteiligten Protagonisten nach Veränderungen mit dessen mutmaßlichen Machtambitionen. Aber vollkommen unabhängig davon, dass der brillante Rhetoriker aus kleinen Verhältnissen seinen Traum von Macht lebt, strebt er Veränderungen an, die ihn lange überdauern sollen. Denn er hat gewiss Angst, dass eine Türkei ohne starken Mann an der Spitze sich nicht als Regionalmacht behaupten kann. Speziell gegenüber Syrien, Israel und dem Iran. Und mit dem Gefühl im Herzen, dass der Weg zur EU-Mitgliedschaft auf längere Sicht verbaut ist, sieht er den besten Weg, die Interessen seiner Heimat zu schützen darin, die Türkei zum regionalen Hegemon auszubauen. Immerhin gründet die Macht der AKP vor allem auf dem Gefühl der kleinen Leute, endlich wieder eine starke Heimat zu haben.

Es ist derzeit durchaus nicht unüblich, gegenüber Geschehnissen in der Türkei entweder mit Häme oder mit unverhohlenem Hass zu reagieren. Zumindest habe ich diesen Eindruck beim Überfliegen der üblichen Medienangebote gewonnen. Häme nach dem Muster „wir haben doch gesagt, dass die keine zuverlässigen Partner sind“, oder „wer Wind säht, wird Sturm ernten“; oder man agiert eben vollkommen xenophob und Islamfeindlich. Es gibt natürlich auch noch das andere Ende des Stimmenspektrums, wo sich jene tummeln, die dem Anschein nach alles glauben, was die türkische Regierung so verlauten lässt. Und dann dementsprechend genauso hasserfüllt über die hiesige Presse, Politiker, etc. herziehen, wie manche meiner teutonischen Mitmenschoiden über die Türkei. Also mal wieder unnötiges verbales Aufrüsten 2.00 in der größten Sprachkloake der Welt: dem Internet. Aber im „alle über einen Kamm scheren“ waren wir ja schon immer Spitze. Ich habe hier im Übrigen nicht die Absicht, Herrn Erdogan zu schmähen. Das schafft er durch sein eigenes Tun viel besser und nachhaltiger, als ich es je könnte.

Es gilt zwar auch für die Printmedien, dass die Berichterstattung alles andere als differenziert und ausgewogen daherkommt, doch was sich in den Kommentarspalten tummelt, kann man getrost als armseligen Möchtegerndjihad kleinbürgerlicher Großmachtträumer bezeichnen. Egal, welchen Glaubens oder welcher Herkunft die Kombatanten sind. Es ist mehr als beschämend für meine Spezies, wie kleingeistig, dumpf und aggressiv hier zu Werke gegangen wird. Vor allem offenbart sich dabei, dass die Skripte der verbalen Eskalation sich auf beiden Seiten extrem ähneln: die Menschen aus den kleinbürgerlich-traditionellen, wertkonservativen Milieus beider Seiten – wie stets in Sorge um ihren bescheidenen Wohlstand und ihre ebenso bescheidene Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen – fühlen sich von ihrem jeweiligen Spiegelbild in ihrer Autonomie und Identität bedroht. AKP oder AfD… die Klientel sind sich heute zu ähnlich, weil auf beiden Seiten einfache Lösungen für hoch komplexe gesellschaftliche Probleme angeboten werden.

Würde man genauso eindimensional und kurzsichtig agieren wollen, wie die Bauernfängeropfer auf beiden Seiten, könnte man sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass Herr Erdogan sich halt an den demokratischen Prinzipien Europas zu orientieren habe, wenn er etwas von der EU möchte. Nun ist es aber so, dass a) die EU etwas von ihm will, b) die EU gewiss kein Monopol auf die Demokratie hat und c) DIE demokratischen Prinzipien der EU schwer auszumachen sind. Vielleicht sollten wir mal Viktor Orban nach seiner Definition fragen…? Nein, wir Deutschen sind nicht Kraft Verfassung im Besitz der einzig seligmachenden Wahrheit; die Türken auch nicht, aber es könnte ja mal helfen, wenn man sich von derlei Gedankengut einfach verabschieden würde.

Eine Spitze in Richtung der Türkei als Staatswesen und Rechtsnachfolgerin des osmanischen Reiches kann ich mir aber dennoch nicht verkneifen: Völkermord ist Völkermord, auch wenn man keinen Bock darauf hat, an die Fehler seiner Vorfahren erinnert zu werden. Das passiert uns Deutschen dauernd und ich kann versichern, dass man sich daran gewöhnt. Ich fände es jedenfalls total erfrischend, wenn man sich auf beiden Seiten die Zeit nähme, mal länger als 12 Mikrosekunden über das nachzudenken, was man zu äußern plant. Insbesondere wenn man Schmähungen, Herabsetzungen und Beleidigungen plant. Aber wer bin ich schon, dass ich euch gewaltgeilen Verbaldjihadisten und -kreuzrittern da draußen einen sinnvollen Ratschlag geben darf? Daher sei allen Hetzern im Netz gesagt: Sterbt wohl, ihr trüben Tassen!

Einfach mal schreiben?

Immer mal wieder werde ich gefragt, ob bzw. warum ich keine Bücher mehr scheiben würde. Es gäbe schon so lange nix Neues mehr zu lesen. Wenn ich dann auf meine Bloggerei verweise, sind die Leute meist enttäuscht. Ein bisschen so, als wenn ein Blog ja kein richtiges Scheiben wäre. Man muss da, wie ich glaube mal mit dem Missverständnis aufräumen, dass das Schreiben an sich einfach so geschieht und keiner weiteren, besonderen Anstrengung bedarf.

Hierzu nun also ein kurzer Exkurs: Ein längerer Text, der in irgendeiner Weise einem roten Faden folgen soll, an den man also den Anspruch stellt, dass einerseits der Inhalt gewissen Ansprüchen genügt und andererseits Inhalt und Erzählweise konsistent zueinander sind, bedarf gewisser redaktioneller Vorbereitungen. Handelt es sich um erzählerische Prosa, erarbeitet man, bevor überhaupt eine Zeile des eigentlichen Textes geschrieben wird, den Kontext, das Storyboard und die Charaktere. Nimmt die Geschichte auch noch Bezug auf reale Ereignisse, wird mehr oder weniger umfangreiche Recherche-Arbeit fällig; selbiges gilt übrigens auch für Sachtexte, wie etwa meine Blogbeiträge. Wenn ich zum Beispiel über Jugend-Kriminalität spreche, habe ich vorher die jeweils aktuellste polizeiliche Kriminalstatistik studiert. Bei anderen Themen können auch mal Besuche beim statistischen Bundesamt, oder eine größere Literaturrecherche fällig werden, wie ich sie etwa für meine wissenschaftlichen Hausarbeiten durchführen muss. Auch wenn ich festgestellt habe, dass Sachlichkeit und Argumente manchmal nur die halbe Miete sind – unvorbereitet auf das verbale Schlachtfeld ziehen zu müssen, ist nicht so mein Ding.

Neben diesen lästigen Vorarbeiten bleibt dann aber auch noch der Zeitaspekt des eigentlichen Schreibens. Der geneigte Leser / Zuhörer darf gerne davon ausgehen, dass für eine DIN-A4-Seite Text 30-45 Minuten Arbeit anfallen, je nachdem, wie geschmeidig die Muse die Zeilen fließen lässt. Immerhin muss man über seine Worte, also WAS man WIE sagen will auch ein wenig nachdenken. Zumindest wäre das besser, wenn das Ergebnis verständlich lesbar sein und nicht allzu viele Menschen vor den Kopf stoßen soll; es sei denn natürlich, genau das war beabsichtigt. Ist aber auch bei meinen Texten mitnichten immer der Fall. Ja, ich provoziere und polemisiere ganz gerne, aber nicht nur! Um es also abschließend zusammenzufassen: Scheiben ist, wenn es richtig betrieben werden soll, eine unter Umständen ziemlich anspruchsvolle und zeitintensive Arbeit.

Ich fasse einfach viel zu viel andere Texte ab, als dass ich noch zum Bücherschreiben käme. Geschichten hätte ich durchaus im Kopf, daran hat in den letzten 20 Jahren so gut wie nie ein Mangel geherrscht, doch wenn den Pflichtaufgaben schließlich Genüge getan ist und das Blog, dessen Pflege ich jetzt wieder ernster nehmen möchte ausreichend gefüttert wurde, bleiben weder Zeit noch Energie, mal eben ein Buch zu schreiben… oder zwei…oder drei.

Und letztlich bleibt noch ein Aspekt, der mir sehr am Herzen liegt: auch wenn ich hier natürlich als Privatmann schreibe und somit zumeist auch das Private meine Texte strukturiert, so besteht dennoch nach wie vor mein impliziter Anspruch, mit meinen Worten etwas bewegen zu wollen. Zwar kann eine Geschichte die Menschen auch bewegen und wichtige Nachrichten transportieren – dies ist eines der größten und wichtigsten Privilegien der großen Kunst – doch ich selbst vermag dies eher durch Sachtexte. Diese mögen zwar gelegentlich einen eher prosaartigen Stil haben, doch mir geht der Inhalt über die Form, nicht umgekehrt. Vielleicht ist es diese Vorliebe, die das Bücherscheiben hat in den Hintergrund treten lassen. Ich kann das nicht mit Bestimmtheit sagen, für die Sache ist es auch einerlei. Ich kann jedenfalls nicht einfach mal so ein Buch schreiben und so spare ich mir meine Energie lieber für das, was ich halbwegs gut kann, nämlich das Bloggen; das muss euch reichen…

Der Prokrastinator

Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich zu belohnen. Mein erstes Halbjahr 2016 war angefüllt mit Prüfungen und Terminen und Fährnissen die es in ihrer Gesamtheit durchaus gerechtfertigt hätten, sich mal was zu gönnen. Ich hatte darum begehrliche Blicke auf eine neue Prokrastinationsmaschine geworfen; präzise ging es m eine Spielekonsole und zwei, drei Titel, die mich wirklich interessiert hätten. Ich werde jetzt nicht auf meinen diesbezüglich bevorzugten Hersteller eingehen, weil sowas immer zu unnötigen Diskussionen, rumgebitche und gebashe führt. Die Scheiß Fanboys können halt einfach nicht ihre Fresse halten, wenn sie meinen, über irgendwas irgendwas zu wissen. Ich weiß nicht wieso, aber Dogmatiker gibt es überall und komischerweise sind sie oft umso penetranter, je unwichtiger das Thema ist. Oder stirbt man neuerdings, wenn ein Wohnzimmer-Gadget nix taugt? Ist aber auch alles egal, denn bisher kam es noch nicht dazu, weil ich mich schlicht nicht getraut habe, mich selbst der Versuchung fortgesetzter Zerstreuung auszusetzen.

Oh ja, Freunde, ich bin mir meiner Affektinkontinenz schmerzvoll bewusst. Und sie nervt! Wenn ich mal an etwas Gefallen gefunden habe, fällt es mir verdammt schwer, wieder davon zu lassen, selbst wenn ich weiß, dass es eigentlich wichtigeres zu tun gäbe. Ich würde allerdings meinen Hintern verwetten, dass ich da nicht der einzige bin, dem es so geht. Ist euch da draußen sowas eigentlich ein Trost? Wie dem auch sei, ich wollte mir die Dinge einfacher machen, weil mir ja bewusst ist, dass ich dieses Jahr noch ein paar wichtige Aufgaben zu erledigen habe und ich meine Ansprüche an die Qualität meiner Arbeit auch nicht unbedingt senken möchte. Immerhin versuche ich gerade, etwas aufzubauen.

Wisst ihr, wie blöd das ist, wenn man nun – teils freiwillig, teils aus Notwendigkeit – an verschiedenen Projekten arbeitet und nun doch dauernd auf dieses Gadget schielt, dass man sich zuvor versagt hat, um sich nicht abzulenken? Super Plan, dass mit der Anschaffung eine neuen Prokastinationsmaschine auf später zu verschieben, oder? Ich jedenfalls bin fast überhaupt gar nicht abgelenkt von den sehnsuchtsvollen Gedanken daran, endlich mal wieder ein paar Nächte durchzuzocken. OK, bei mir sind es nur noch maximal halbe Nächte, aber ich bin ja auch schon über 40… Am besten ist allerdings die Reaktion meiner Frau auf solche Äußerungen. Sie hat da überhaupt kein Mitleid mit mir, denn seit wir Kinder haben, kommt sie selbst nicht mehr dazu; womit ich in unserem Haushalt diesbezüglich tendenziell der Lucky Guy bin. Wenn sich’s doch nur auch so anfühlen würde!

Ich werde noch ein bisschen standhaft bleiben, denn zumindest eine Sache muss in jedem Fall noch fertig werden. Aber so ganz generell – mal so abseits meiner eigenen, unwichtigen Probleme – erscheint mir die Fähigkeit zum Bedürfnisverzicht bei den Menschen immer weniger ausgeprägt zu sein. Denn wenn ich mir zum Beispiel ansehe, wie oft mache Menschen mir neue Gadgets unter die Nase reiben… Stop! Könnte es sein, dass ich gerade projiziere? Ach, ist doch egal, ob dies so ist, oder nicht; es fällt mir einfach schwer zu glauben, dass immer kürzere Produktzyklen, immer aggressivere Werbestrategien, eine immer größere Durchdringung der Gesellschaft mit sozialen Medien und das daraus resultierende Gefühl dauernder Verfügbarkeit von allem und jedem, nicht zu größerer Ungeduld führen.

Zumindest kommt es mir so vor, als wenn wir auf mediale Affektinkontinenz dressiert würden. Ich werde jetzt keine Verschwörungstheorien bezüglich koordinierter Konsumkontrolle durch den „staatlich-industriellen Komplex“ dahin fantasieren, denn sowas ist Käse. Aber ich finde, es ist einen Gedanken wert, wie leicht wir uns durch Ereignisse oder Gadgets vom Wesentlichen ablenken lassen, nur um uns dann hinterher trotzdem schlecht zu fühlen. Da steht sicher kein Masterplan der Illuminaten dahinter, aber es gibt immerhin eine ganze Branche, die sich nur damit beschäftigt, in Konsumenten Bedürfnisse zu erzeugen – man nennt dies Werbung! Und schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich der einflusseiche Publizist Walter Lippmann in seinem Buch „Public Opinion“ mit der Frage, wie man eben diese manipulieren könne.

Nun fühle ich mich nicht derart manipuliert. Und wenn es so wäre, würde es mich eher wenig kümmern, denn es fühlt sich so an, als hätte ich die Sache zumindest momentan im Griff. Aber irgendwann werde ich wieder prokrastinieren; mit neuem Equipment! Und dann werde ich ein schlechtes Gewissen haben. Nicht nur, weil ich kostbare Zeit verschwenden werde, sondern auch, weil ich dann den vorhin erwähnten Manipulationen doch noch erlegen bin. Weiß nicht, ob’s besser ist, wenn man sich dessen bewusst ist, aber ich beruhige mich mit der Illusion, dass ich dann trotzdem noch volle Kontrolle habe.

Und womit verschwendet ihr so eure Zeit?

Rational? Ich? Ohgottogott…

Immer und immer wieder wird einem eingetrichtert, dass man sachlich bleiben soll, höflich und politisch korrekt; was auch immer man darunter nun verstehen mag. Argumente muss man bringen, den Diskussionskontrahenten mit Tatsachen in die Knie zwingen; ach und hab‘ ich’s schon gesagt: höflich muss man bleiben! Freunde der Nacht, ihr habt schon mitbekommen, auf welche Art die Brexiteers ihre Kampagne zum Erfolg geführt haben, oder? Da war keine argumentative Ausgefeiltheit auszumachen, oder auch nur der ernstgemeinte Versuch, der vollkommen verqueren und überkandidelten Kriegsrhetorik den Anschein von Seriosität geben zu wollen. Ich kann beim besten Willen nicht glauben, dass so viele Briten so dumm sein können, Nigel Farage seine ganzen offenkundigen Lügen zu glauben. Dass er, nachdem er tatsächlich Europa in den Wahnsinn geführt hat zurücktritt – er behauptet ja, er tue das, weil er sein Ziel erreicht habe – um auf keinen Fall die Verantwortung für diesen Mist übernehmen zu müssen, ist der tragikomische Schlusspunkt eines bislang noch nie dagewesenen, politischen Schmierentheaters.

Aber über den Brexit wird schon so viel geschrieben, dass ich mich hier zu keinem weiterführenden Kommentar herablassen werde. Die tatsächlichen Konsequenzen kann ja sowieso noch keiner in ihrer Gänze abschätzen und wilde Spekulationen wurden schon zur Genüge geäußert. Nein, mir soll es heute tatsächlich um die Frage gehen, ob rational, ob sachlich immer der richtige Weg ist, um Menschen in Bewegung zu bringen. Ich selbst habe ja immer wieder auf der Sachebene versucht, zum Beispiel die vollkommen absurden Argumentationsketten der AfD zu entkräften. Ich habe – auch mir selbst – zu beschreiben versucht, warum Menschen diesen ewig gestrigen, rassistischen, antidemokratischen Wirrköpfen Gehör schenken. Ich wollte die Menschen um mich herum davon überzeugen, dass es echte Alternativen zur AfD gibt; tatsächlich wählbare Alternativen.

Dann musste ich mit mildem Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass der Wahlkreis Mannheim-Nord der stärkste AfD-Kreis Baden-Württembergs ist. Und wieder fingen die gewohnten Denkspiralen an. Ja, die Menschen dort sind ins soziale Hintertreffen geraten, oder empfinden dies zumindest so. Das vorgebliche Argument der AfD, dass Zuwanderer uns „unsere“ Sozialleistungen stehlen würden, verfängt hier also auf Grund der immanenten Abstiegsängste und des Gefühls, bei staatlichen Transfer-Leistungen „zu kurz zu kommen“. Und ebenso weiß man, dass die klassischen ehemaligen SPD-Wähler zum konservativen, kleinbürgerlich-traditionellen Milieu gehören. Es mag dem in den Sozialwissenschaften nicht bewanderten zunächst seltsam erscheinen, aber die so genannten Sozialisten und die Rechten sind sich hinsichtlich ihrer wertkonservativen Einstellungen und ihrer Beharrungsfähigkeit gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen sehr ähnlich. Menschen aus den kleinbürgerlichen Milieus haben nun mal traditionell Angst davor, ihren bescheidenen Wohlstand teilen zu müssen, oder ihn gar einzubüßen; unabhängig davon, ob die Angst begründet ist, oder nicht. Und so darf man sich nicht über diesen Schwung nach rechts auch nicht wirklich wundern…

Wenn man sich jedoch politische Debatten aller Art einmal ansieht, so ist es schwer zu fassen, wie sich irgendjemand tatsächlich entblöden kann, beim jeweiligen Gegner nach mehr Sachlichkeit zu verlangen, wenn doch wirklich alle Beteiligten nur Klischees bedienen und immer die gleiche Klientel bauernfängerisch an sich zu binden suchen. „Tu was ich sage, nicht, was ich tue…“. Es geht nicht rational zu in der politischen Landschaft. Auch wenn viele das immer wieder behaupten.

Gut, es gibt einen, der das nie behauptet. Der bajuwarische Problembär ist ja stets bemüht, die Lufthoheit über den Stammtischen zu behalten, bzw. sie von der AfD zurückzuerobern. Er schämt sich dafür nicht – zumindest zeigt er eine solche Regung nie – und schießt seine Salven munter in jede Richtung, wenn er sich davon ein kleines bisschen Machterhalt verspricht. Ich weiß nicht, ob er sich selbst noch ernst nimmt, ich jedenfalls halte ihn mittlerweile für vollkommen untragbar und würde mir wünschen, dass irgendjemand diesen sinnfreien Trachtenverein aus dem Alpenvorland endlich aus der Bundespolitik abserviert. Was hätten wir schon zu verlieren außer Seehofer, Söder, Stoiber, etc…?

So, jetzt haben wir festgestellt, dass so gut wie keiner sauber argumentiert; aber was fangen wir mit dieser Erkenntnis an? Als Sozialwissenschaftler stelle ich fest: es ist echt Käse, dass keiner sich an die üblichen Standards korrekter, faktenorientierter Argumentation hält. Das führt dazu, dass sich die ganze politische Diskussion nur selten an tatsächlichen Sachverhalten orientiert. Als Mensch verstehe ich allerdings, dass man als Politiker ein Interesse am Erhalt der eigenen Machtposition hat und deshalb nicht beschreibt, was ist, sondern raushaut, was man denkt, wie es sein sollte. Das hat etwas mit Gestaltungswillen zu tun, was ganz grundsätzlich nicht schlimm oder böse ist.

Gestaltungswille bedeutet lediglich, dass man die Machtbasis, welche man sich erarbeitet hat nutzen will, um Dinge zu verändern – oder dies zu verhindern. Das Eine kann gut oder schlecht sein, das Andere aber auch. Es hängt vom Betrachter und den Umständen ab. Für mich persönlich muss ich daher den Schluss ziehen, dass Argumente alleine nicht ziehen und ich deshalb auch die emotionale Ebene meiner Leser/Zuhörer bedienen muss, um sie auf meine Seite ziehen zu können. Denn Gestaltungswillen habe ich auch; ebenso, wie ich überzeugt bin, dass die demokratischen Prinzipien der sozialen Teilhabe und der Transparenz uns weiterbringen, dass viele aber bis heute nicht verstanden haben, was diese Worte nun tatsächlich bedeuten. Wie man dahin kommt, weiß ich noch nicht, aber das macht nichts, ich habe ja noch Zeit. Bis ich es rausgefunden habe, haue ich noch ein paar schöne Polemiken raus. Stets in der Hoffnung, dass ihr Couch-Potatoes mal aufwacht. Ach, und übrigens – ICH BIN WIEDER DA!

Das Fratzenbuch als Spiegel.

Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald! Wenn man dieser Tage so durch die sozialen Netzwerke segelt, gewinnt man den Eindruck, dass diese immer mehr verlanden; und das bezieht sich nicht wirklich nur auf die Menge von Hetze, welche durch die Kommentarzeilen schwappt. Denn wenn man den Fehler begeht und versucht sachlich zu argumentieren, kommen die Arschkrampen auch schon aus allen Löchern gekrochen, geben ihren vollkommen unreflektierten und vor allem meistens überhaupt nicht kontextrelevanten Senf dazu und sind dann auch noch pikiert, wenn man sie darauf hinweist, dass man weder per du ist, noch auf Beleidigungen oder sinnfreies Gelaber steht… Ich erwarte ja schon lange nicht mehr, dass man zum Beispiel auf Facebook auf intelligentes Leben am anderen Ende des virtuellen Spiegels trifft. Aber wenigstens die Grundregeln der Kommunikation? Die auch nicht? Ja wie wäre es denn dann, wenn man seine Fresse hielte? Tun sie aber nicht und nun wird es dumm, es gibt nämlich nirgendwo genug Söldner mit Äxten, die diesen ganzen Spacken die Hände abschlagen könnten, damit sie um Gottes Willen nie mehr eine Tastatur berühren.

So für ungefähr 5 bis 10 Minuten ist es ja ganz amüsant, solche Honks verbal abzuwatschen. Das Problem ist, dass die meisten von denen zu blöd sind, zu kapieren, dass ich mich über sie lustig mache. Man kann ihnen die Lückenhaftigkeit ihrer Argumentation erläutern, ihnen Fakten hinlegen, die ihre Position entkräften und dann benehmen sie sich wie besoffene Paviane: sie drohen, kacken auf den Bildschirm und tun so, als wenn die „den Kampf“ gewonnen hätten – lächerlich! Bedauerlich ist dabei vor allem, dass es sich vermutlich um „Erwachsene“ handelt, die mit dieser Geisteshaltung (falls man das überhaupt so nennen kann) auch noch durchs Leben kommen. WO SIND NUR DIE ÄXTE? Falls irgendjemand jetzt meint, dass ich Gewalt gut finde – eigentlich ist das nicht der Fall, aber bei massiver Ignoranz der eigenen Beschränktheit würde ich gerne mal Ausnahmen machen.

Ich habe in den letzten Monaten eine gewisse Sympathie für Gernot Hassknecht entwickelt. Mir ist bewusst, dass er nur eine Kunstfigur ist, aber als gefühlt legitimer Nachfolger des HB-Männchens bereitet er mir mit seinen polemischen Ausbrüchen große Freude. All die dummen Menschen im Fratzenbuch so anzuschreien wäre doch emotional eigentlich eine runde Sache. Nur könnte ich mir zu gut vorstellen, dass jemand, der hetzt und zur Gewalt gegen Fremde aufruft, seine Verfassungsuntreue öffentlich stolz zur Schau trägt und dabei seine Dummheit genauso öffentlich demonstriert mich dann wegen Beleidigung vor den Kadi ziehen würde. Und diese Selbstverständlichkeit, mit der man seine unlogische, unfundierte, inhumane, kurzsichtige und von wenig Fakten getragene Meinung für maßgeblich hält, macht mich rasend. Also habe ich beschlossen, ihnen zu sagen, dass ich sie für dumm halte und wenn sie’s nicht kapieren, blockiere ich sie. Selbst Spacken haben eine Chance verdient – aber nur eine!

Nun ist das ein schmaler Grat. Denn einerseits steht rassistische Hetze in der BRD zwar unter Strafandrohung. Andererseits ist Vieles von dem, was geäußert wird, aber „nur“ diffus dumpfes borderline-braunes Gesülze vom Typus „das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“. Man muss sie schon dazu bringen, sich selbst als braune Schweine zu entlarven. Und eigentlich bin ich keine Strafverfolgungsbehörde, sondern nur ein Typ, der niemals live Pogrome oder noch Schlimmeres erleben müssen will! Aber wenn wir nicht genau darauf achten, was geäußert wird und wie die breite Masse der Bevölkerung darauf reagiert, könnten wir sehr wohl einen echten Rutsch nach rechts erleben.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs: 24% für die „Armselige finden Dumme“ in Sachsen-Anhalt mögen ein erschreckendes Ergebnis sein, aber mit einem Abstand von einer knappen Woche muss ich sagen: die Herkunfts-Melange dieser Wähler sagt vieles über den Zustand unserer Demokratie aus; insbesondere, dass sich Menschen nicht mehr von unseren Politikern abgeholt und zumindest halbwegs verstanden fühlen. Man könnte jetzt sagen, dass sie dann doch die bibeltreuen Christen oder die Marxisten wählen sollen, aber mal ehrlich: können die Populismus auch nur annähernd so gut wie unsere ultraneoliberalistisch-nationalistischen Bauernfänger, die jetzt „Petry Heil“ rufen…? Eher nicht. Und wenn man die AfD genau betrachtet sieht man, dass sie zu einem Sammelbecken für die enttäuschten geworden war, dass jetzt von strammen Vaterlandsvertretern auf eine neu nationalethische Linie getrimmt werden soll, die es „leider“ noch nicht gibt – also bedient man sich bei bewährter Kost. Hat in der Weimarer Republik doch auch funktioniert, nicht wahr? Mich beunruhigt dabei vor allem der Gedanke, dass das Polit-Establishment immer noch glaubt, diese Partei und ihre Wähler einfach abkanzeln zu können. Das wäre allerdings ein sehr, sehr dummer Fehler.

Denn Chauvinismus, Nationalismus, Konservativismus, soziale Abstiegsängste und noch manches mehr sind Gefühle, die in jedem von uns latent vorhanden sind, auch wenn wir dies nur allzu gerne bei Seite schieben und uns als über solchen Dingen stehend wähnen. Aber auch ich ertappe mich dabei, wie ich auf wenig freundlichen Stereotypen herumreite und Menschen auf Grund ihrer Ethnie, ihrer Kultur oder ihres Glaubens abqualifiziere. Ich bin dann wütend über mich selbst und das ist OK so. Aber was ist mit denen, die es nicht differenzieren (können), wenn sie anfangen zu stigmatisieren? Und solche gibt es offensichtlich ziemlich viele. Kann ich die wirklich einfach alle irgendwann blockieren?

NÖ! Kann ich natürlich nicht. Erstens weil es technisch ziemlich schwierig, vielleicht sogar unmöglich ist. Und zweitens, weil es meiner Idee von staatsbürgerlicher Verantwortung zuwiderläuft. Das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, aber ich meine das ernst. Denn, wenn ich sie immer nur blockiere, anstatt tatsächlich auch mal den Streit zu suchen, multiplizieren sie in ihrer braunbunten Sozialblase nur munter ihren Hirnquatsch miteinander. Und Unwissen x Rassismus bleibt nun mal unwissender Rassismus! Also halte ich ihnen den Spiegel vor und hoffe, dass wenigstens der eine oder andere erkennt, wie hässlich sein hass- und angsterfülltes Antlitz via Fratzenbuch rüberkommt. Und wenn auch weiterhin Viele mitmachen, brauchen wir auch keine Angst vor der AfD zu haben. Eine vitale Demokratie kann auch eine Partei voller rassistischer Idioten aushalten. Wenigstens weiß man dann genau, wo man nach ihnen zu suchen hat, wenn man mal einen einlochen muss, weil er es doch zu (un)bunt getrieben hat…

JA, ich blogge noch!

In den zurückliegenden Wochen ist so manches passiert. Vieles davon war, global betrachtet furchtbar. Die Kolumne von Meike Winnemuth im Stern rekurrierte darauf, dass das Jahr 2015 insgesamt ein ziemlich schlimmes gewesen sei und dass es wohl am besten wäre, wenn man diesem Zeitabschnitt, analog zum Sarg von Helmut Schmidt einen Kranz aus Sonnenblumen flechten würde, sozusagen als einen fröhlichen Kontrapunkt zum grausigen Geschehen. Auf Wiedersehen Helmut, auf Wiedersehen 2015, möge die Trennung nicht allzu sehr schmerzen. Eigentlich ein schöner Gedanke; nur dass mein Jahr 2015 ein so schlechtes gar nicht wahr.

Gewiss, auch ich hatte meine Ups & Downs und ebenso gewiss haben verschiedene Ereignisse rings um den Globus mich 2015 entsetzt, in Atem gehalten, zur Äußerung genötigt, mir auf’s Gemüt geschlagen und mich insgesamt ganz bestimmt auf die eine oder andere Art in meinem Tun und Denken beeinflusst. Der Mensch existiert als soziales Wesen im Dialog mit seiner Umwelt. Typisches Soziologengeschwafel, und man könnte überdies jetzt kleinlich sagen, dass Umwelt doch maximal jener kleine Bereich ist, den ich regelmäßig selbst durchwandern kann. Weitet man das aber vom Physischen auf das Mentale und vor allem das Virtuelle aus, dann ist die ganze Welt meine Umwelt, zumindest in einem übertragenen Sinne. Und eben dieses Gefühl, dass mich die ganze restliche Welt auch etwas angeht, weil wir die Probleme dieser ganzen Welt nur alle gemeinsam werden lösen können, ist meiner bescheidenen Meinung nach immer noch nicht weit genug verbreitet.

Ja, jeder hat auch hierorts sein Bündel zu tragen, seine Sorgen, Probleme, Aufgaben. Aber wenn ich mich so umsehe, dann ist echte, knallharte, existentielle Not hier in der BRD ein weitgehend unbekanntes Phänomen. Selbst Menschen, denen es schlecht geht hier in unserem Lande, geht es immer noch bedeutend besser als ungefähr 75% der restlichen Weltbevölkerung. Ein Fakt, dass immer wieder gerne verschwiegen wird. Ich werde jetzt nicht nochmal zur Überfremdungs-Debatte entgegnen, das habe ich im späten Oktober ausführlich genug getan und an meiner diesbezüglichen Meinung hat sich seitdem nix geändert. Aber ich weise darauf hin, dass meine Publikations-Tätigkeit schon gut illustriert, dass die großen politischen und sozialen Fragen von 2015 nicht spurlos an mir vorbeigegangen sind.

Mein ganz privates Jahr 2015 war indes gekennzeichnet von einem Arbeitgeberwechsel, der mich an einen Ort geführt hat, wo man meine Fähigkeiten und meinen Einsatz besser zu schätzen weiß, als bei meinem letzten Beschäftiger. Meine Familie erfreut sich guter Gesundheit, die Kinder wachsen und gedeihen (die „große“ geht jetzt in die Schule) und meine Beziehung zeigt auch nach fast 22 Jahren noch keine echten Ermüdungserscheinungen. Mein Studium geht gut voran (bin immer noch in Regelzeit) und mein Aufgabenspektrum erweitert sich in den Bereich, in den ich schon lange wollte und das mit dem nötigen professionellen Background. Das klingt doch gar nicht so schlecht, oder?

Ich sollte hier nicht verschweigen, dass ein hohes Arbeitspensum und der Dauerenisatz an einem Arbeitsplatz, dem ich nicht ganz so viel Liebe entgegenbringe, dem ich aber selbst zugestimmt habe, mich ein bisschen an einem neuerlichen Burn-Out haben entlang schliddern lassen. Doch jetzt, da sich endlich Land hinter den vielen Aufgaben abzeichnet, die gleichzeitig zu bewältigen sind und eine Marschroute fertig ist, die ich nur noch abzuschreiten habe, spüre ich Morgenluft und mein Herz wird freier. Man muss kein Genie sein, um zu wissen, dass ein gewisses Pensum auch den stärksten Esel zusammenbrechen lässt; aber es braucht eine Menge Verständnis für sich selbst, um erkennen zu können, wann das Pensum zu viel wird. Ich mag Esel übrigens sehr. Sie sind nicht stur, sondern charakterstark und wissen, wann es genug ist. Dieses Wissen fehlt mir manchmal, weshalb ich bei verschiedenen Aktivitäten die Notbremse gezogen habe, um mentale Ressourcen und Zeit freizuschaufeln.

Dennoch ist dieser Blog nicht tot, bedeutet mir das Schreiben hier aus so vielen Gründen doch eine Menge. Ich habe schon mal erwähnt, dass es mir eine Mischung aus politischem Aktivismus, Ergotherapie und Selbstreflexion ist, die mir verdammt gut tut. Es wird zwar auch in den nächsten Wochen nicht allzu viele Beiträge geben, aber um es mal mit den Worten von Arnie zu sagen „I’ll be back!“. In diesem Sinne: frohe Weihnachten!

Werte-Gemeinschaft – Part VII

Eigentlich wollte ich in dieser Reihe jeden Tag einen Beitrag bringen, einfach weil das Thema brandaktuell ist, jeden von uns angeht, tatsächlich auch viele Menschen bewegt und weil es mir am Herzen liegt, ein wenig Licht in das Dickicht von Ängsten, Mythen, Halbwahrheiten und gezielter Desinformation zu bringen, welches sich rings um die Einwanderungswelle rankt, die derzeit in unser Land rollt. Doch ich habe mich in online-Konversationen verstrickt, die teils als direkte Reaktion auf meine Blogposts, teilweise auf Kommentare, die zu äußern ich mich genötigt gefühlt habe, mehr oder weniger von selbst entstanden sind. Ich habe dabei in der Diskussion speziell auf Facebook – das dieser Tage ja gern als Plattform für rechte Propaganda geschmäht wird – ein paar harte aber auch durchaus fruchtbare Gespräche geführt. Was mich betroffen macht ist der Umstand, dass selbst in den Äußerungen jener, die sich selbst grundsätzlich als weltoffen betrachten, mittlerweile allzu oft ein Unterton der Besorgnis, ja eines echten Zukunftspessimismus mitschwingt. Und deshalb muss ich diese Diskussion hier reflektieren!

Nun muss man kein grundsätzlich negativ eingestellter Mensch sein, um eingedenk der Bilder, die tagtäglich durch die Medien schwappen und der Zahlen, die da in der Politik jongliert werden ein wenig Muffensausen zu bekommen: schaffen wir das? Wirklich? Und wie? Die Ängste drehten sich bei den Gesprächen, welche ich geführt habe vor allem um die Frage, in wie weit speziell die muslimischen Flüchtlinge, die zu uns kommen überhaupt integrationswillig und -fähig sein würden; und ob man jenen – aber den Flüchtlingen insgesamt – überhaupt nachhaltig Respekt vor unserer demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung und die Tatsache der Gleichberechtigung von Frau und Mann beibringen könne? Ein komplexes Problem, stammen doch sehr viele Asylbewerber aus stark patriarchalisch-chauvinistisch geprägten Kulturen. Übrigens auch so mancher, der nominell Christ ist.

Ich wurde auf einen Beitrag auf ZDF Zoom vom 02.09 dieses Jahres aufmerksam gemacht, welcher der Frage nach Parallelgesellschaften in der BRD nachgeht. Und wie ich bereits hier sagte, gibt es die. Aber gerade die Fehler, die man damals gemacht hat – aus den im verlinkten Beitrag beschriebenen Gründen – sollten uns heute eine Mahnung sein, es gleich von Beginn an besser zu machen. Und nun folgt ein weiterer Aufruf an die Regierung, den übrigens die Bundesbeauftragte für Migration in dem ZDF-Beitrag bereits auch verlautbaren ließ: wir brauchen neben Betreuung und Unterbringung vor allem von Anfang an Unterrichtung in unserer Sprache und in Staatsbürgerkunde. Und ich gehe einen Schritt weiter und sage Folgendes: Jene, die sich diesem Unterricht verweigern, oder auf andere Art und Weise zeigen, dass sie die, von mir in dem verlinkten Beitrag ebenfalls berufenen Werte nicht für sich akzeptieren können, dürfen unser Land gerne auf dem schnellsten Wege wieder verlassen.

Nochmal: ich würde niemanden an der Grenze abweisen, weil Deutschland mittlerweile längst ein Einwanderungsland ist! Doch wir brauchen neben der rechtlichen Würdigung dieser Tatsache in einem Zuwanderungsgesetz auch klare Regeln, was wir von denen, die hier Asyl bekommen möchten im Gegenzug erwarten, nämlich Respekt für unsere Staatsordnung, unsere Gesetze und die Werte, welche diese reflektieren: Freiheit, Demokratie, Solidarität, Toleranz, Ausgleich. Was umgekehrt bedeutet, wer nicht bereit ist, diese Werte zu leben, gehört nicht zu Deutschland und darf sein Glück daher gerne woanders versuchen. Zu der Liste sei noch gesagt, dass sie den für mich persönlich wichtigsten Teil unseres Wertekanons umfasst, differierende Meinungen sind natürlich durchaus willkommen, sofern sie die Demokratie achten!

Die Angst vor den Folgen der Einwanderung ist, auch wenn die grellen Töne auf irgendwelchen PEGIDA-Kundgebungen und die dümmliche Dreistigkeit, mit der dort Nazi-Rhetorik angewandt wird möglicherweise ein Randphänomen vermuten lassen würden, längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und dort sind bei weitem nicht so viele Nazis zu finden, wie mancher Journalist gerne ausmachen möchte. Eher findet man dort Menschen, die sich selbst und ihre Art zu leben bedroht sehen. Dieser Angst muss man entgegen treten und sagen, JA unser Land wird sich verändern, aber Veränderung kann gut sein, wenn sie richtig betrieben wird und wir werden uns bemühen, sie besser zu betreiben, als wir das in der Vergangenheit getan haben! Doch genau hier versagt die Politik noch immer, zerstreitet sich in Grabenkämpfen, die mehr über den geistigen Zustand mancher Politiker als den der Republik aussagen. Meine Sorge ist, dass obschon die Probleme bekannt sind und man auch wüsste, wie man dagegen vorgehen könnte, ohne ein humanitäres Desaster heraufbeschwören zu müssen, das parteipolitisch-Machtinstinkt-gesteuerte Gezerre um die Deutungshoheit in der Flüchtlingsfrage einmal mehr gesellschaftliche Desintegration erzeugt.

Doch hier wäre es an uns mündigen Bürgern, etwas dagegen zu tun, für eine vernünftige Zuwanderungspolitik auf die Straße zu gehen, die PEGIDA-Mobs einfach links liegen zu lassen und dafür zu sorgen, dass sowohl der wirtschaftlichen Notwendigkeit weiterer Zuwanderung als auch der gesellschaftlichen Notwendigkeit gelingender Integration durch Sprach- und Staatsbürgerkunde sowie der stringenten Aussortierung der faulen Äpfel Rechnung getragen wird. Und für all jene, die sich fragen, wie man misslungene Integration objektiv betrachtet und wie groß die Gefahrenpotentiale durch bereits in der Gesellschaft vorhandene mangelhaft integrierte Migranten tatsächlich sind habe ich eine Leseempfehlung. Bis zum nächsten Teil wird es diesmal wohl ein paar Tage dauern, bis dahin alles Gute und auf rege Diskussion!

Werte-Gemeinschaft – Part VI

0,055%. Das ist der Anteil der als potentiell islamistisch angesehenen Personen an der Gesamtbevölkerung der BRD, laut Bundesamt für Verfassungsschutz (Stand 12/2014). In Zahlen sind es knapp 44.000 Personen; eine Zahl, die nach Gruppen gesplittet seit mehreren Jahren konstant bleibt. Mit einer Ausnahme: die Zahl der Salafisten hat sich seit 2012 um rund 75% erhöht, auf derzeit ca. 7000. Islamismus ist, den Zahlen zufolge also eine Randnotiz der mannigfaltigen kulturellen Strömungen in unserem Lande. Da stellt sich mir doch die Frage, warum sowohl die Medien, als auch rechte Gruppen so viel Zeit und Aufwand darauf verwenden, diese sozial gescheiterten Wirrköpfe und ihren fundamental-Islam so sehr in den Köpfen aller Bürger präsent zu machen? Muss eine vitale Gesellschaft wie die unsere wirklich Angst vor solchen Splittergruppen haben? 0,055%, insgesamt 0,0086% Salafisten, sind die so ein Gewese wirklich wert, Sharia-Polizei hin oder her?

Nüchtern betrachtet ist die Zahl der islamistisch motivierten Straftaten in unserem Land – auch auf Grund der durchaus achtbaren Arbeit unserer Sicherheitsbehörden – auf einem sehr niedrigen Niveau. Ich werde gewiss nicht in Abrede stellen, dass von diesen Hohlköpfen eine Bedrohung ausgeht, die sich insbesondere gegen das richtet, was man unter Terroristen „weiche Ziele“ nennt; nämlich die Zivilbevölkerung. Aber ich meine, dass unsere Medien einen Wahrnehmungsbias in unseren Köpfen erzeugen: für rechte Gewalt sind immer noch zu viele Menschen blind. Aus der vollkommen falschen Vorstellung heraus, dass die ca. 5,5% Muslime in unserer Bevölkerung ein Fremdkörper sind, der hier nicht her gehört. Die erste Generation hatte man übrigens eingeladen. Und dass die Menschen, die damals kamen, vorwiegend aus den armen, strukturschwachen Regionen Anatoliens stammten und sich in Deutschland gar nicht niederlassen, sondern hier nur etwas Geld verdienen wollten, um sich in der Türkei eine bessere Existenz aufbauen zu können, scheint man auch vergessen zu haben.

Es kamen Menschen, die zu Hause kaum Chancen auf ein besseres Leben gehabt hätten. Hier haben sie eine bekommen und sind geblieben. Doch weil beide Seiten auf der Illusion beharrten, dass es ja nur ein Deal auf Zeit wäre, haben sich weder die „Gastarbeiter“ noch die „Gastgeber“ um so etwas wie Integration bemüht. Ja, wir haben Parallel-Gesellschaften, aber daran ist unser Staat mindestens ebenso sehr schuld, wie die Menschen, auf die unser braunes Gesocks so gerne mit dem Finger zeigt. Und neben der kulturellen Fremdheit – mit der es oft gar nicht so weit her ist – sieht man dann auch noch die fremde Religion. Und es gibt eben Jene, die sich für das Fremde interessieren und Jene, die davor Angst haben; ein zutiefst menschlicher Makel…

Der Anteil der konfessionslosen in der BRD ist ca. 6,5mal so hoch wie der der Muslime. Der Anteil der Nichtwähler, je nachdem welche Art von Wahl man heranzieht zwischen 5,5 und 13mal so hoch. Was uns diese Zahlen sagen? Nun zum einen, das in der „öffentlichen Diskussion“ viel zu oft Äpfel mit Birnen verglichen werden und das blanke Zahlen, so toll Diagramme auch sein mögen nichts über die Menschen dahinter aussagen. Nach meinen persönlichen Erfahrungen – und ich lebe in einer Stadt mit einem Migrantenanteil von um die 30%! – gehen die allermeisten dieser Menschen zu bestimmten Festen ins Gotteshaus und leben ansonsten eine Leben, das sich von meinem kaum unterscheidet; sie arbeiten, ziehen ihre Kinder groß, träumen ihre großen und kleinen Träume, ärgern sich, wenn ihr Club schlecht spielt (OK, ICH interessiere mich nicht für Fußball, aber die meisten anderen schon) und glauben vielleicht so wie ich. Ich bin davon überzeugt, dass da mehr sein muss zwischen Himmel und Erde als die menschlichen Sinne wahrnehmen können, aber organisierte Religion ist mir ein Graus, weil es in meinen Augen vollkommen unsinnig ist, Worte die ein Mensch niedergeschrieben hat als Gottgegeben anzunehmen. Die frühe Bibel war ein Werk, dazu geschaffen, die damals üblichen Systeme der Herrschaft zu legitimieren und zu zementieren. Und diesen Ruch hat das Buch der Bücher nie ablegen können. Ähnliches gilt für den Koran.

Worauf ich aber hinaus wollte ist, dass diese Menschen, obschon Muslime unsere Rechte und Regeln achten und nach ihnen leben. Sie haben sich eingefunden in einem weitestgehend säkularen, auf demokratisch-rechtsstaatlichen Prinzipien basierenden Land, das seine Werte aus seiner sowohl religiös als auch philosophisch geprägten, über Jahrhunderte gewachsenen Kultur ableitet. Doch diese Kultur ist ein „work in progress“! So wie die Technik sich weiterentwickelt, unser Umgang miteinander sich weiterentwickelt, unsere Ideen von und unser Wissen über den Menschen als Individuum und Mitglied der Gesellschaft sich weiterentwickeln, so tut diese unsere Kultur; andernfalls wären uns Worte wie „Trend“, „Meinung“, „Entwicklung“ oder „Tendenz“ (und noch viele weitere) unbekannt.

JA – unser Land wird sich verändern. Das hat es immer, tut es jetzt und muss es auch in Zukunft, um bestehen zu können. Das sich dabei auch unsere Kultur ändert, ist unvermeidlich. Einzig wichtig ist, dass wir die Werte immer wieder neu finden und verteidigen, die den Kern unserer Kultur ausmachen: Das Freiheitliche, das Demokratische, das Solidarische (das freilich im Moment in Vergessenheit geraten scheint), das Tolerante und das Ausgleichende. In diesem Sinne stehe ich dazu, dass jene Menschen die hierher kommen und diese Werte nicht achten können oder wollen, gerne wieder dahin zurückgehen dürfen, wo sie her kommen. Doch glaube ich, dass die Zahl dieser Menschen, ebenso wie die der Islamisten in unserer Gesellschaft, eher ziemlich gering ist. Hört also endlich auf, euch vorzumachen (oder zum Beispiel von diesem bayrischen Vollpfosten vormachen zu lassen), dass man 90% dieser Menschen ganz schnell wieder abschieben kann. Denn DAS entspräche weder den Prinzipien unserer Demokratie noch den Werten, auf denen unsere Gesellschaft ursprünglich aufbaut!