FSJB (Frühsoziale Jugendbildung)

Es ist wahnsinnig schwierig herauszufinden, was man mit seinem Leben anstellen möchte. Ich meine, man absolviert die Schule, man rauft sich dort mit Menschen zusammen, die einen über mehrere Jahre als Konstante begleiten, einen auch mit sozialisieren. Man schließt Freund- und Feindschaften, findet langsam heraus, wie die Welt, zumindest im Kleinen funktioniert; und kaum, dass man sich angekommen wähnt und überdies so halbwegs erwachsen, kriegt man einen Tritt in den Arsch und soll genau das sein: erwachen. Und am besten auch genauso handeln. Was bedeutet, dass man einen Plan braucht, was als nächstes geschehen soll. Man wurde ja schließlich bis zu 13 lange Jahre mit durchgefüttert und auf Brauchbarkeit für den Verwertungsorientierten Teil des Schulsystems gedrillt. Denn nicht für die Schule, sondern für das (Erwerbs)Leben lernen wir…

Da stehen die jungen Menschen nun und sollen auf Anhieb wissen, wie ihr Lebensplan aussieht. Damit sie wenigstens eine Chance bekommen, ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft zu beweisen, dürfen sie ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) ableisten. Was bedeutet, dass sie mit einer Minimal-Ausbildung irgendeine, zumeist einfache Tätigkeit im Gesundheitswesen ausüben und dabei einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zumindest teilweise einsparen. Das mit der Chance zur beruflichen Orientierung und zur Charakterentwicklung ist – meine bisherigen Arbeitgeber mögen mir dies bitte verzeihen – Augenwischerei. Es geht in allererster Linie um’s Geldsparen.

Natürlich sammeln die jungen Menschen die eine oder andere, prägende Erfahrung, doch die Art, wie sie diese in ihr sonstiges Wissen und Tun integrieren, hängt sehr vom Ausgangs-Charakter ab. Aus einem arroganten Arschloch wird keine Altruismus-Koryphäe, nur weil er/sie ein FSJ absolviert. Diesen Effekt könnte ich nur mit höherer Wahrscheinlichkeit erzielen, wenn ich mehr in deren Ausbildung investieren würde. Doch dann wäre ihre FSJ-Ableistung nicht mehr wirtschaftlich produktiv. Und was sich nicht rechnet, findet heutzutage nur noch selten statt.

Würde ich jedoch meinen Auftrag als Arbeitgeber eines freiwilligen sozialen Jahres ernst nehmen, dürfte der Gott unserer Modernen Welt – vulgo Mammon – hier kein entscheidendes Kriterium sein. Wenn ich junge Menschen auch im, zumeist ersten Berufsumfeld, dem Humboldt’schen Ideal folgend ganzheitlich bilden möchte, darf deren Arbeitsproduktivität nicht mein primäres Movens sein. Denn ansonsten darf ich mich hinterher nicht wundern, wenn sie zwar funktionieren, ihnen gesellschaftliche Teilhabe auf allen Ebenen aber schnurz bleibt und sie demzufolge irgendwann, im Verkennen sozialer und gesellschaftlicher Realitäten, zu den nächsten AfD-Wählern werden. Oder – in meinem Metier – zu arroganten Notärzten.

Daraus folgt für mich, dass meine Bemühungen in der Ausbildung der von FSJlern in eine andere Richtung gehen müssen, als die derzeitige betriebliche Linie dies vorgibt. Freunde der Nacht, das wird nicht einfach, denn momentan – oh Wunder – spielen natürlich Verwertungsinteressen die erste Geige. Ich bin gespannt, ob meine Argumente Gehör finden.

Wahlkrampf

Also dreht sich der Wahlkampf nur noch um die Frage, ob es Ende Schwarz-Gelb oder Schwarz-Grün weitergeht, wie es dieser Tage ein Artikel in Zeit-Online verkündete? Ein Albtraum! Ich bin jetzt ganz offen: ich habe in meinem Leben noch nie eine Stimme für die CDU, oder einen ihrer Kandidaten abgegeben, weil ich deren vollkommen gestrige Art, mit modernen Problemen umzugehen für restlos anachronistisch und unerträglich bigott halte. Sie schreiben sich konservative Werte auf die Fahnen, ohne überhaupt zu wissen, was das ist; andernfalls würde das verkümmerte Machterhaltungsorgan der mecklenburgischen Eule (mehr ist dieser Haufen von national-kapitalistischen Heuchlern nicht mehr) wissen, dass Kultur ein dynamischer Begriff ist, der sich ändert. Der sich vor allem schon geändert hat! Statt anzuerkennen, dass die Zeiten sich ändern, kotzt sich ein Minister öffentlich zu seiner Version von Leitkultur aus. In der Bild am Sonntag! Schön zu wissen, wie die CDU jetzt versucht, ihre Klientel zu stärken.

Versuchen wir mal konservative Werte zu beschreiben: Ich hätte gerne, das für jeden Menschen in diesem Land die gleichen Regeln gelten, nämlich unsere Gesetze. Klingt gut, klingt stark konservativ, ist ein richtiger Slogan, oder? Wie sieht’s denn mit Gleichberechtigung aus? Warum bekommen Frauen in Deutschland weniger Lohn als Männer – wohl bemerkt für die gleiche Arbeit – es sei denn, sie arbeiten nach Tarifvertrag? Und was genau hat jede Regierung seit Schröder (ja auch die SPD) Stück für Stück demontiert? Ja genau: auskömmliche Tariflöhne für einen großen Teil unserer Gesellschaft, insbesondere für jene Berufsgruppen, die eher am unteren Ende der Gehalts-Skala unterwegs sind. Anstatt genau dort den Kapitalismus der Chickagoer Schule an die Kandare zu nehmen, hat man dereguliert, prekäre Beschäftigung gefördert und jenen, die eh schon mehr als genug haben die Kohle in den Arsch geschaufelt. Schlechte Sozialpolitik? CDU check! SPD check! Und über die FDP, deren – er möge in Frieden ruhen, ein Idiot war er trotzdem – ehemaliger Vorsitzender Hartz IV als spät-römische Dekadenz bezeichnet hat, werde ich nicht mehr sagen, als dass ich hoffe, sie mögen nie mehr an irgendeiner Regierung beteiligt sein!

Kommen wir aber zurück zu Recht und Gesetz. Unsere Steuergesetzgebung bevorzugt Kapital- vor Erwerbseinkommen, was zu einer weiteren Umverteilung von Unten nach Oben führt. Ebenso werden mittlere Einkommen viel zu sehr belastet. Schlechte Wirtschaftspolitik: CDU check! SPD check! FDP check!

Asylbewerber müssen sich an unsere Regeln halten. Ja, das finde ich auch. Bevor wir aber hysterisch werden, wäre es sinnvoll auf Basis der Realität zu argumentieren. Warum hat denn die Wirtschaft hierzulande die Zuwanderung seit 2015 begrüßt! Weil man sich ausgerechnet hat, dass es mehr Fleisch in den Wettkampf um ohnehin schon prekäre Jobs schwemmt und man die Preise gerne noch ein bisschen drücken möchte. Schließlich muss die Rendite zweistellig sein! Anstatt schon lange ein Zuwanderungsgesetz mit klaren Regeln, Procedere und Infrastruktur für eine geregelte Zuwanderung geschaffen zu haben, um auch langfristig immer wieder auf Migration reagieren zu können, macht man ein Flickwerk ans andere und lässt ehrenamtliche Helfer und bestehende Systeme (die dafür aber nicht ausgelegt sind) eine Aufgabe erledigen, die eindeutig dem Staat zufällt. Schlechte Zuwanderungspolitik? CDU check! SPD check! FDP check! Grüne check!

Unsere Kultur muss also vor Überfremdung geschützt werden. Seien wir mal ernst: jedes Jahr kommen mehrere 100.000 ausländische Besucher zum Oktoberfest. Müssen wir Angst haben, dass die Theresienwiese ihren Charakter verliert. Also diesen Charakter mit Bierzelthumptata, Schaulaufen der Möchtegernwichtigen und Schönen und Tonnenweise ethyltoxischer Kotze? Ich glaube nicht. Unsere Kultur wird nicht überfremdet. Sie assimiliert Teile des Neuen, wie sie das schon immer getan hat, oder gab es hier 1875 schon Pizzalokale? Wir werden Wege finden, den arabischen Machismo in Bahnen zu leiten. Und jene, die tatsächlich nicht hierher passen, weil sie nicht bereit sind, zumindest unsere Gesetze zu achten die sortieren wir aus. Aber dazu müsste man sich erst mal darüber klar werden, was Integration überhaupt bedeutet, anstatt immer die falschen Leute zu fragen und immer zu erwarten, dass, sich zu integrieren, das Verleugnen der eigenen Identität/Herkunft bedeuten muss. Das ist nämlich die aktuelle Doktrin.

Und weder mit Schwarz-Gelb, noch mit Schwarz-Grün wird sich daran irgendwas ändern, dass die Reichen reicher, die Armen ärmer, die Andersartigen stigmatisiert, ghettoisiert und ausgebeutet werden, oder das auf die relevanten Fragen unserer Zeit wie Klimawandel und Landflucht immer die Antworten der Wirtschaftsvertreter (Lobbyisten) gegeben werden, anstatt das eigene Volk zu hören. Ich kann also weder CDU/CSU, noch FDP, noch SPD guten Gewissens meine Stimme geben, weil Sie’s verbockt haben, und zwar richtig – immer und immer wieder! Und über das ganze rechte Geschmeiß werde ich hier nur sagen: wer die wählt, hat (leider nicht zu Unrecht) viel Wut im Bauch, übersieht aber, dass er versucht, das politische Establishment mit gefährlichen Undemokraten auszutreiben.
Ich gebe hier bestimmt keine Wahlempfehlung ab. Denkt euch einfach euren Teil. Aber wenn ihr die dämliche Eule wieder ins Kanzleramt hievt, bin ich euch böse.

Und es war Sommer

Ich schreibe jedes Jahr im Sommerurlaub was über Entschleunigung. Klingt ja auch logisch, wenn man sich eingesteht, dass genau das der gewünschte Effekt des Verreisens ist. Ich möchte mich mal zwei, drei Wochen nicht mit den Problemen des Tagesgeschäftes befassen, sondern lediglich darüber nachdenken müssen, ob ich heute am Pool liegenbleibe (bzw. darin herumschwimme), oder mir irgendwas anschaue; und falls ja, was. Ist ja nicht so, dass es in Mittelitalien nicht mehr als genug zu sehen gäbe, wenn man, wie ich, auf alte Steine steht. Allenfalls dreht sich die Welt noch um derart wichtige Dinge, wie das Menü des Tages und die Ethyltoxin-Vorräte für die Abendunterhaltung der adulten Mitreisenden. Eben wahrhaft existenzielle Fragen…

Nun ist es aber so, dass mich der Urlaub diesmal quasi akzidentiell aus verschiedenen Projekten reißt, mit denen ich momentan befasst bin. Will heißen, ich musste Arbeiten unterbrechen, an denen mir wirklich etwas liegt und die ich alsbald zum Ende gebracht sehen möchte/muss. Ich hätte wirklich gedacht, dass es mir schwer fallen würde, loszulassen. Doch mit jedem Kilometer, den sich meine Heimatstadt im Rückspiegel entfernte wurden mir diese Dinge schnurzpiepegaler. Vielleicht, weil mein Geist unterschwellig noch besser wusste als mein Körper, dass ich gerade mal wieder im Begriff war, mir zu viel zuzumuten.
Und so kam es, dass ich mich die Tage beim Schwimmen im Pool bei Gedankenspielen ertappte, die mit Auswandern und den ganzen Scheiß in Good Old Germany hinter mir lassen zu tun hatten. Reine Gedankenspiele, weil ich ein paar soziale Verpflichtungen habe, die ich sehr ernst nehme und meine Partnerin absolut keinen Bock hätte, sich irgendwo im Outback eine neue Bleibe und eine neue Existenz aufbauen zu müssen. Aber so weit weg in diesem Fall die Realität auch gewesen sein mag; es hat so verdammt gutgetan, darüber zu sinnieren, den überkandidelten Alltag daheim einfach sein zu lassen. Denn man hat dort manchmal mit Menschen zu tun, auf die man gut verzichten könnte.

Andererseits, wer sagt, dass dies woanders nicht genauso wäre? Keine Ahnung. Aber eines weiß ich ganz genau: wenn man eine Zeit lang Gelegenheit bekommen hat, sein Umfeld neu zu beurteilen, entstehen meist ganz von selbst Ideen, wie man es lieber hätte. Ich denke, dass es an der Zeit ist, ein paar Dinge zu ändern, mir meine Aufgaben und meine Kompetenzen neu zu suchen; ja irgendwie zumindest ein bisschen mein Leben zu ändern. Mal sehen, ob das klappt. Ich bin ja noch jung…

Asoziale Medien…?!

Es heißt ja immer, wir wären soziale Wesen. Nun könnte man diese Behauptung, offen gestanden, nach einem kurzen Blick in die Kommentar-Spalten bei Facebook, oder nach dem „Genuss“ eines durchschnittlichen Nachrichten-Potpourris als Nonsens abtun. Das Maß an verbaler Gewalt macht es nicht eben leichter, an die Bildbarkeit, oder aber die Soziabilität des Menschen an sich zu glauben. Ich kann mir da aber mit einem kleinen – wissenschaftlich untermauerten – Trick helfen: Soziabilität, Extrovertiertheit und Offenheit für Neues sind drei von fünf Variablen, welche die Sozialpsychologie zur Persönlichkeits-Beurteilung heranzieht. Der Trick liegt darin, dass ICH weiß, dass diese Parameter bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt sind. Damit kann ich manchen Quatsch, den man auch genauso gut als Beleidigung des eigenen Menschseins auffassen könnte, einfach als das abtun, was es ist: ungefilterte, unreflektierte Gehirnkacke. Und schon geht’s mir besser, weil ich das nicht allzu ernst nehmen muss.

Unter dem Strich bleibt aber stehen, dass jedes menschliche Wesen die Nähe anderer menschlicher Wesen braucht, um nicht zu verkümmern oder gar zu sterben. Und dass ein Ball mit dem Namen Wilson hier nur ein sehr kümmerliches Substitut ist, hat uns Tom Hanks sehr schön vorgeführt. Ob diese andere Menschen nun Typen sind, die ich leiden kann, oder nicht, ist dabei vollkommen Wurst, denn auch negativer Input hat seinen Wert, schärft er doch unsere Wahrnehmung. Allerdings ist es mit dem Sozialen wie mit allem anderen auch; wie der alte Paracelsus schon wusste: „Jedes Ding ist ein Gift. Nur die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Bezogen auf Mehrsamkeit heißt dies, dass Solitude gelegentlich hilfreich sein kann. Ein Gleichgewicht herzustellen ist in unserer Zeit aber nicht immer so leicht. Zum einen sind wir stets eingebunden in Familie, Arbeit, Freundeskreis. Zum anderen lassen wir uns nur allzu gerne zu noch manchem mehr einbinden, als gut oder gar gesund wäre. Dass ich im Rahmen meiner Arbeit viel zu kommunizieren habe, liegt in der Natur der Sache (Gesundheitswesen, Ausbildung, etc.). Dem kann ich mich nicht entziehen, aber ich habe Wege gefunden, es zu kanalisieren. Im privaten Bereich stört es mich vermehrt, dass Menschen offensichtlich glauben, dass ein Smartphone bedeutet, dass man darauf immer und dauernd erreichbar sein muss. Einen Bullshit muss ich!

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was für Inhalte mich tatsächlich interessieren und habe daher verschiedenes deinstalliert, was Zeit verbraucht, ohne einen Mehrwert für mein Leben zu erzeugen: Instagram, Facebook, Twitter, Signal; WhatsApp habe ich im Moment noch, weil verschiedene Kanäle dort Dinge organisieren, die ich auch für die Arbeit brauche. Doch in mittlerer Frist werde ich auch dort verschwinden, weil mir diese elende Dauer-Gebimme und -Gebrumme auf den Sack geht. Wenn’s was Wichtiges gibt, schreibt mir ne SMS, schickt eine Mail, oder noch besser, ruft mich an. Die meisten „Messenger-Gespräche“ dauern achtmal so lange, wie das Telefonat, dass es gebraucht hätte, die Sache zu klären. Und für so einen Mist ist mir mein Leben zu schade!

Ach und noch etwas: auch in der informellen Schriftkommunikation gelten die guten alten Regeln der Orthographie und Interpunktion unvermindert weiter. Wer also von mir tatsächlich ernst genommen werden möchte, tut gut daran, zu schreiben, wie es üblicherweise in der formellen Kommunikation vorausgesetzt wird. Klar soweit?

Ich lief die Tage ein Stück durch die Felder hinter dem Dorf, in dem ich zurzeit zum Urlaub mit meiner Familie logiere und nach einer Weile, wie ich da gelegentlich meine Kamera hochnahm, um der Landschaft den einen oder anderen Blickwinkel abzuringen, der vielleicht später zum Strahlen anregt, kam die nahe Ostsee in den Blick. Alleine dazustehen, auf diesem windzerzausten Acker, fasziniert von den Geräuschen der Natur, dem Geruch von Salz und dem Gefühl von Weite, ist mir einmal mehr klargeworden, dass abseits aller Ideen und Pläne, die ich noch zu verfolgen gedenke das wahre Leben genau jetzt stattfindet; und dass ich mir nicht von irgendjemandem im Namen der Arbeit oder irgendwelcher selbsterfundener sozialer Zwänge seine Scheiße aufzwingen lassen werde, damit diese mein Leben genau jetzt entwertet. Alles hat seine Zeit. Das gilt insbesondere für das Digitale.

Komische Worte aus den Tasten von jemandem, der doch offensichtlich ein Blog betreibt, oder? Sagen wir mal so: hier bestimme ICH, was, wieviel und zu welchem Zeitpunkt ich von mir preisgebe. Bei Facebook und Co. Jedoch nicht. Denkt mal drüber nach – oder lasst euch schön weiter sedieren…

Ey, isch brauch des neue Phone UNBEDINGT…!

Wer kann sich mich in einem pinkfarbenen Anzug mit lila Einstecktuch und Krawatte vorstellen? Die Vorstellung ist schauderhaft, oder? Das relativiert sich jedoch in dem Moment, in dem ich in einem solchen Aufzug auf einem AfD-Parteitreffen rosa Rosen an die weiblichen Teilnehmer verteile. Wie würde die Security wohl reagieren, wie die Delegierten, oder Redner am Pult? Die Vorstellung gefällt mir so gut, dass ich gedanklich schon mal ein paar Euro für eine solche Aktion zur Seite gelegt habe.

Wie kommt er denn jetzt auf so was? Nun, ich habe dieser Tage ein Buch von Harald Welzer gelesen und muss gestehen, dass seine Ausführungen über eine politisch vollsedierte, hyperkonsumistisch befriedigte Gesellschaft auf dieser Seite des Erdenrunds bei mir einen Nerv getroffen haben. Dass unsere Welt nicht so beschaffen ist, wie sie dies sein sollte, ist mir schon lange bewusst, doch die Idee, mit der er seine durchaus schmerzliche Analyse unserer Zeit beschließt, nämlich jenen, welche die parlamentarische Demokratie endgültig zugunsten ungezügelter Ausbeutung zu Grabe tragen wollen mit (bisweilen anarchistischem, bisweilen sogar strafbarem) Spaß zu begegnen, finde ich im Kern ziemlich gut.

Ein Gedanke aber hat mich bis in den Schlaf verfolgt: Aktivismus gegen das bestehende System kann nur dann sein Ziel erreichen – nämlich erst einmal überhaupt ein Problembewusstsein zu schaffen – wenn er die Leute da abholt, wo sie sind; sie in ihrer Lebensrealität berührt. Was interessiert mich ein abschmelzender Gletscher, im Moment geht es mir doch gut? Warum soll ich mir kein IPhone kaufen, es wird ja nicht meine Frau bei Foxconn in China ausgebeutet und langsam in den Selbstmord getrieben. Warum soll ich überhaupt weniger Scheiß kaufen, der ganz anderswo von Menschen hergestellt wird, die ein teilweise genauso schlimmes Leben führen müssen, wie die Sklaven auf den Baumwollplantagen? Ich habe doch damit nichts zu tun, dass es denen schlecht geht! Doch natürlich haben wir das, jeder einzelne von uns! Aber so lange wir nicht spüren, was das tatsächlich bedeutet, was wir unserer Welt und damit automatisch auch den Generationen nach uns antun – also unseren eigenen Kindern! – werden wir nichts an unserem Tun oder Lassen ändern.

Was daraus folgt, bleibt ein wenig nebulös, weil natürlich auch Harald Welzer in seinem Buch nicht zu Straftaten, zu zivilem Ungehorsam, ganz unverhohlen zum Widerstand aufruft. Man könnte ihn dafür belangen, wenn jemand mit seinem Buch in der Hand einen Apple-Store niederbrennt und „Tod den Sklavenhaltern!“ brüllt. Ich glaube auch nicht, dass es diese Art von Subversivität war, die ihm so vorschwebte, als er sich für die ganz persönliche Abwendung vom Hyperkonsum aussprach, für ein Weniger, dass auf lange Sicht ein Mehr sein würde. Wenn denn nur mehr von uns mitmachten.

Ein gutes Buch wirft, bei aller Kontingenz seiner eigenen, inneren Logik zumeist mehr Fragen auf, als es zu beantworten vermag. An dem Punkt bin ich gerade und ich kann andere nur einladen, sich die gleichen Fragen zu stellen. Im Moment brüte ich noch. Ich hatte mal die Idee, eine Lernplattform einzurichten, was bislang an Zeitmangel gescheitert ist. Frei Ressourcen herzustellen und bereitzustellen, quasi als Antimodell zur ewigen Profitgenerierungsnotwendigkeit. Selber etwas tun, das wäre doch ein Anfang, nicht? Ja, auch ich genieße bestimmte Möglichkeiten, die mit Gadgets zu tun haben. Aber ganz nüchtern betrachtet, würde ein Kaffee, den ich im Sonnenschein auf einer Terrasse nahe der See trinke um kein Jota besser, wenn ich dabei ein Selfie von mir machte. Er würde wahrscheinlich noch besser, wenn neben meiner Frau und meinen Kindern noch Freunde dabei wären, mit denen man über dies oder das schwatzen kann – Leben halt.

Aber dieses ganze Selfiegeschieße, das lediglich noch mehr Personen mit narzistischen Störungen hervorbringt, dabei gleich das Internet mit Daten über mein Leben beschickt und so Konzernen und Regierungen noch mehr Wissen und damit eventuell Kontrolle über mich gibt – das macht mein Leben überhaupt nicht besser. Auch wenn irgendwelche Followergeilen Vollhonks in so genannten sozialen Medien uns gerne etwas Anderes suggerieren wollen. Doch denen geht es nur um eines: Geldverdienen auf Teufel komm raus. Da will ich nicht mitmachen. Mal sehen, ob ich einen weg finde, mein Smartphone verantwortungsbewusst zu nutzen. Ich seh‘ euch; am liebsten in echt.

Bürger-Rechte?

Es wurde in den letzten zwei Jahren viel investigiert, gefilmt, kolumniert, glossiert und sonst wie publiziert über den Aufstieg rechts-nationalen Gedankengutes in die Mitte der Gesellschaft. Was man dabei relativ häufig vermissen durfte, war eine Art roter Faden, ein Narrativ, welches tatsächlich benennt, worin die Probleme liegen, wenn jemand sich in diesem „das wird man doch wohl noch sagen“-Gestus hinstellt und sagt: „DIE müssen wieder weg!“? Dass DIE in diesem Fall die große Zahl an Immigranten meint, die sich seit September 2015 in unserem Lande eingefunden haben, ist wohl keiner weiteren Erklärung bedürftig.

Nun ist es tatsächlich so, dass deren Hiersein Fragen aufwirft: können wir alle in unsere Gesellschaft integrieren und falls ja, wie? Hat irgendjemand einen echten Plan dafür entwickelt, oder hat man einfach nur auf Ereignisse reagiert? Wieviel kostet das? Und kostet es die Menschen, die hier schon länger leben etwas? Sind bestimmte Strömungen des Islam noch eine Religion, oder nicht doch schon eine politische Ideologie; und dazu eine, die nach der Auslöschung unserer Art zu leben trachtet? Und schließlich: war es das jetzt, oder wird das immer so weitergehen?

Diese Fragen sind real, sie berühren jeden Menschen hier und sie wurden bislang von der Politik nicht mal im Ansatz beantwortet. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn radikalere Positionen ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Aber was ist das eigentlich, Öffentlichkeit? In der wissenschaftlichen Sprache ist es der Raum des freien Diskurses, in dem Mehrheiten für dieses oder jenes ausgehandelt werden. Es ist also der Bereich des Lebens, wo Menschen kommunizierend miteinander zusammenkommen, um Kompromisse darüber zu erzielen, wohin der Kurs einer Gesellschaft im Großen und Ganzen gehen soll. Dem Ideal nach, soll es dabei keine Denkverbote geben, was also auch radikale Positionen ausdrücklich einschließt.

Nun haben wir Deutschen Angst vor dem Kreislauf der Geschichte. Autoritäre Regimes und die Greul zu denen sie fähig sind, haben allerdings die bekannte Historie seit Christi Geburt meistens bestimmt. Demokratie als dominantes Prinzip des Zusammenlebens ist ein relativ neuer Spieler auf dem Feld. Und wir haben wohl Angst, dass er verlieren könnte. Die Reaktion auf das selbstbewusste Auftreten der „neuen Rechten“ fällt daher, wenig überraschend, sehr harsch aus; was es den ganzen Rassisten umso einfacher macht, sich selbst als Opfer eines, Amok laufenden, Staats- und Medienapparates zu stilisieren. So kann man seine Anhänger auch leichter davon überzeugen, dass die etablierten Kräfte allesamt Lügner seien, die nur Angst vor der Wahrheit haben. Tatsächlich die sind diese Neo-Rassisten auch nur alter Wein in neuen Schläuchen, ihre Methoden sind allerdings etwas ausgefeilter.

Das Ringen um Mehrheiten ist ein zutiefst demokratischer Prozess, an dem nun auch die Rechten in größerem Stil teilnehmen und so sehr es uns, auf Grund der geschichtlichen Erfahrung, auch gegen den Strich gehen mag, auf die eingehen zu müssen, anstatt sie die ganze Zeit zu beschimpfen, sie abzukanzeln und als „Pack“ abzuqualifizieren; wir müssen uns endlich mit den Fragen beschäftigen, die sie durch den wachsenden Zulauf nun öffentlich auf`s politische Parkett werfen konnten. Denn wenn wir auf diese, oben genannten Fragen nicht bald sachlich und humanistisch adäquate Antworten finden, anstatt uns in parteipolitisch motivierten Scharmützeln aufzureiben, wird wenig übrigbleiben, worauf sich der Anspruch, noch immer eine Demokratie zu sein, legitimer Weise begründen ließe.

Ich bin weit davon entfernt, mich auf die, mit scharfer Rhetorik vorgetragenen Forderungen der AfD einzulassen, zumal deren Parteiprogramm ein gelegentlich beinahe absurdes Sammelsurium aus ganz und gar gestrigen, rassistischen, wirtschaftsneoliberalen und dann wieder allzu bemüht moderat wirkenden Forderungen ist. Dennoch muss man sich auf der Sachebene mit deren Argumenten auseinandersetzen und Lösungen finden, welche auch die, momentan auf einem radikaleren Kurs befindlichen Teile unserer Gesellschaft wieder integrieren können. Denn man kann es sich nicht leisten, 15-20% unserer Bevölkerung abzuschreiben, nur weil sie mit der gegenwärtigen Politik nicht klarkommen. Dazu muss uns was Besseres einfallen.

Hierzu ist jedoch zuallererst eine verbale Abrüstung im Diskurs notwendig. Ich mag manche neo-nationalistische Position nicht gutheißen, weil zu verstehen glaube, warum ihre Umsetzung zu nichts als Leid führen würde. Meinem Gegenüber aber deswegen sein Menschsein abzusprechen, macht mich, zumindest im kommunikativen Bereich um keinen Deut besser, als die aggressivsten rechten Rhetoriker vom Schlage eines Björn Höcke. Es war schon immer besser miteinander, anstatt übereinander zu reden. Mal schauen, ob das auch alle kapieren. So oder so hören wir uns.

Raus aus Facebook?!?!?

Die sozialen Netzwerke verlassen, wie Mely Kiyak vorschlägt? Warum sollte man das tun? Um den Konzernen als Konsument zu zeigen „Ha, so kannst du nicht mit mir umgehen Facebook. Ich will meine Vollkasko-Bürgerrechte auch im Netz haben!“ Yo, kann man machen, dann aber bitte schön mit einem „Ich gehe jetzt“-Statement an alle „Freunde“, am besten durchsetzt mit ordentlich Pathos. Nur um dann acht bis zwölf Wochen später mit Entzugserscheinungen und einem neuen Account wieder angekrochen zu kommen, weil man festgestellt hat, dass man ohne Facebook in seiner Filterblase abgekoppelt ist.

So ein Bullshit!

Demokratieentwicklung hat in der realen Welt eine ganze Weile in Anspruch genommen; präziser gesagt, ist sie noch lange nicht abgeschlossen. Aber um zumindest in einigen Gegenden der Welt den heutigen Status zu erreichen, waren zwei Kriege und 100 Jahre Zeit notwendig. Soziale Medien gibt es doch gleich noch wie lange… so ungefähr zehn Jahre? Na, da werden wir wohl noch etwas Geduld haben müssen. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Visionäre das Netz als einen Raum der freien Entfaltung gedacht haben, quasi als Demokratie in Reinkultur, ohne Grenzen, ohne Staaten und vor allem ohne Denkverbote.

Nun kommt ein eifriger Justizminister und meint, mal ein bisschen Gesetzgebung über`s Knie brechen zu müssen, weil das Netz sich, seiner Meinung nach, zu einem Pfuhl von Hatecrimes, Hetze und Hass entwickelt. Was für Augen der Herr Maas wohl gemacht hätte, angesichts einer typischen Mai-Demo im Berlin der 1920er? Da haben seine damaligen Parteigenossen die Polizei aber ganz schön heftig aufgemischt. Anstatt sich darüber aufzuregen, dass Menschen im Internet diffamiert und angefeindet werden, könnte man zum Beispiel mal etwas gegen die Ursachen tun: mehr und vor allem bessere Bildung. Eine sinnvollere Sozialpolitik (und damit meine ich explizit nicht die Transfergießkanne). Eine Justiz, die im richtigen Moment klare Kante zeigt. Medien, die dem Bürger klarmachen, dass er selbst für sich und sein Tun verantwortlich ist, auch dann, oder besser gerade, wenn er sich in der gefühlten Anonymität des Netzes bewegt.

Meiner Erfahrung nach werden die meisten Online-Hetzer ganz schnell still, wenn man sie direkt konfrontiert. Immer schön höflich aber bestimmt, sachlich aber klare Stellung beziehend. Und sollte ich es tatsächlich mal erleben müssen, dass irgend so ein Verblendeter auf die blöde Idee kommt, MICH im wahren Leben angreifen zu wollen… du hast ja gar keine Ahnung, was dich erwartet, Freund! Man darf sich nicht ängstigen lassen. Ja, es gibt Krawallmacher, die auch vor physischer Gewalt nicht zurückschrecken, wie die letzten Monate eindrucksvoll beweisen. Aber wenn man zusammensteht und diesen Wenigen etwas entgegensetzt, bleibt am Schluss nur eine große Masse Hunde, die bellen, aber nicht beißen. Und mit denen werde ich spielend fertig.

Demokratie ist, was man selbst daraus macht Frau Kiyak; etwas daraus machen kann ich aber nur, wenn ich mich explizit NICHT zurückziehe. Mal ganz davon abgesehen, dass die 1000 Trottel, die ihrem Aufruf gefolgt sein mögen a) zu mindestens 50% bald wieder zurück sind und b) in der Unternehmensstatistik nicht mal unter „insignifikant“ auftauchen. Da bleibe ich lieber und fechte meine Kämpfe aus, das hat mehr Gehalt. Also mal wieder eine Polemik, die sie in den Sand Gesetz haben, ohne das Problem zu Ende zu denken. Schönen Tag noch.

Ich werde gleich berechtigt…

Eigentlich hatte ich ja die Tage schon mal über Gleichberechtigung schreiben wollen, aber irgendwie kamen andere Texte aus meinen Fingern; für alle, die sich über diese Aussage wundern, sei erklärt, dass man beim kreativen Schreiben manchmal einfach seiner Intuition folgen muss. Die Finger auf der Tastatur erledigen den Rest. Man kann gewisse Themen einfach nicht über`s Knie brechen, oder sich zwingen, etwas dazu zu sagen. Manchmal hat man auch gerade nix zu sagen und dann sollte man eigentlich schweigen… schafft aber nicht jeder und nicht immer. Ich auch nicht.

Auf das mit der Gleichberechtigung kam ich irgendwie über Harald Martenstein. Man mag seine Kolumne mögen oder nicht, aber eines kann er wirklich gut: polarisieren. Insbesondere, wenn er eines seiner Lieblingshassthemen auf der Agenda hat: Gender Studies. Für alle, die nicht wissen, was das ist: es geht dabei um die Frage in wie weit das Attribut Geschlecht einfach nur ein soziales Konstrukt ist und in wie weit biologisch definiert. Klingt jetzt nicht so spannend, wenn man das allerdings mit der Frage nach der Jahrtausendelangen Unterdrückung der Frau verquickt, wird aus einem für den Ottonormalmenschen eher faden Akademiker-Süppchen ein demagogischer Feuertopf mit an 500.000 Scoville.

Auf der einen Seite stehen Feministinnen, die zumindest rhetorisch gar nicht unzimperlich nach Maßnahmen gegen die männliche Dominanz fordern: da wird von einer „Rape-Culture“ gesprochen, also einer Kultur sexueller Erniedrigung, Ausbeutung, Vergewaltigung, etc., gegen die vorgegangen werden muss. Ich habe hier nicht den Raum, feministische Diskurse der letzten 50 Jahre vorzustellen; nur so viel: von Deeskalation und Gesetzen bis hin zur Phantasie vom Genozid an Männern war alles dabei. Auch unter Frauenrechtlerinnen gibt es also radikale Wirrköpfe. Auf der anderen Seite stehen Männerrechtler: bei denen ist von einer vorsichtigen Warnung vor einer Geschlechts-Umkehrung der Diskriminierung, Erniedrigung, Ausbeutung bis hin zu Radikalen Möchtegern-Patriarchen, die alleine eine Diskussion über solche Themen schon als Angriff auf ihre Männlichkeit empfinden ebenso alles dabei. Und dann muss man nur in die Kommentarspalte unter den Martenstein`schen Ergüssen scrollen und bekommt ein wunderbares Bild davon, wie blöd Menschen werden können, wenn sie in dann mal ihrer persönlichen Filterblase gefangen sind. Dafür braucht man keine AfD, dafür reicht auch Geschlechterk(r)ampf.

Bevor es hier jetzt mit Geschrei losgeht: auch für Bildungswissenschaftler gehört ein Einblick in Gender Studies zum Portfolio; und zwar weil die Gleichberechtigung der Frau in vielerlei Hinsicht noch lange nicht erreicht ist und Bildung hier eine wichtige Rolle spielen kann – in die eine, wie die andere Richtung. Aber auf dieser Spielwiese tummeln sich zu viele dogmatische Demagogen, die normative Vorstellungen durchzusetzen versuchen, anstatt sich an Erkenntnisgewinn zu versuchen.

Ich persönlich glaube an Gleichberechtigung, nicht an Gleichmacherei. Nach meiner Erfahrung ist ein Teil unseres Geschlechts tatsächlich sozial konstruiert – und ein anderer Teil biologisch veranlagt. Manchmal sind Biologie und Kopf nicht auf einer Welle. Ich mag Label nicht besonders, aber dem Gesetzgeber sei Dank haben Transgender heute zumindest Möglichkeiten, ihre Persönlichkeit zu leben. Was mich traurig macht, ist, dass wir über all das 2017 noch so intensiv diskutieren müssen. Ich würde mir wünschen, dass man die Menschen einfach als das nimmt was sie sind, dabei keine Unterschiede macht und versucht, Stereotypen (auch wenn sie ein notwendiges Übel zur Reduktion sozialer Komplexität sind) wenigstens auf den Prüfstand zu bringen. Es würde unsere Welt besser machen.

Wenn jemand wissen möchte, wie ich es im Alltag mit der Gleichberechtigung halte, ob ich meine Stereotypen im Zaum habe und wie ich mit Menschen so im Allgemeinen umgehe, ist er eingeladen, Menschen zu befragen, die mich kennen, mit mir arbeiten – oder noch schlimmer – leben müssen… Ich wünsche viel Erfolg. Bis die Tage.

Selber radikal?

Ich gehe manchmal gerne an die Grenzen; und gelegentlich auch darüber hinaus. Die Grenzen des guten Geschmacks, die Grenze der Beleidigung, die Grenze der Sachlichkeit. Ich könnte jetzt behaupten, dass ich das nur tue, um meine Inhalte zu befördern, aber seien wir doch mal ein bisschen ehrlich zueinander: ich tue dies, weil es Teil meiner Natur und meiner Agenda ist. Man kann zweifellos darüber streiten, ob es sinnvoll ist, Politiker und Wirtschaftsbosse zu beschimpfen, wenn es doch sowieso nichts ändert, aber wenn man sich den öffentlichen Diskurs der letzten Jahre – oder besser dessen Veränderung – anschaut, wird offenkundig, dass die Tonlage rauer geworden ist. Und das sogar ganz ohne mein Zutun…

Nun nehme ich jene, die ich als Feinde der Demokratie und des Sozialen an sich erachte gerne auf die Schippe, gebe ihnen deftige Kosenamen oder bezeichne sie als Spacken, obschon das manchmal gar nicht nötig wäre; ich meine, Volker Pispers hat mal gesagt, er brauche sich zu Fr. Dr. Merkel nichts auszudenken, es reiche sie wörtlich zu zitieren, um sie lächerlich zu machen. Das könne er nicht besser. In einem Zeitalter, wo jedes öffentlich gesagte Wort sofort seziert, aus dem Kontext gerissen zitiert, im Munde verdreht und sonst wie missbraucht wird, wenn die betreffende Person nur einen gewissen Bekanntheits- oder Wichtigkeitsgrad erreicht hat, ist eine Kultur der vollautomatischen Desavouierung entstanden, der ich mich leider selbst gelegentlich anschließe.

Sachinhalte werden dabei entstellt und zu etwas umgeformt, dass sie eigentlich nie waren, nie sein sollten. Es ist nicht so, dass mir die Betroffenen leidtäten. Nur zu oft haben sie diesen Shitstorm mehr als verdient. Aber eben nicht immer. Es wird, egal bei welchem Sujet, immer dann problematisch, wenn überhaupt nicht mehr differenziert wird zwischen Person und Sache und eine Äußerung von, na sagen wir mal Fr. Nahles sofort mit Buhrufen und Schmähungen überzogen wird. Fr. Wagenknecht ist auch jemand, der dermaßen polarisiert, dass man nur noch die Gestalt sieht, jedoch nicht die Sache; gerade Fr. Wagenknecht kultiviert dabei aber auch ein gewisses Image, dass Menschen anderer Meinung auf die Palme treiben kann. Ich bin Soze, aber auch mir schwingt im Hinterkopf immer diese Wort „Arroganz“ herum, wenn ich sie dozieren höre.

Aller Sympathie oder Antipathie zum Trotze berauben wir uns des, für die Demokratie so wichtigen Pluralismus der Meinungen, wenn wir immer nur „Buh“ rufen. Ich fasse mir mal eben an die eigene Nase…! Wie weit ist denn der Weg von mehr oder weniger absichtlichem Falschverstehen und aus dem Zusammenhang reißen von Zitaten hin zu Fake News? Ganz genau, es ist nur ein einziger Schritt und wir sollten uns alle ganz genau fragen, wer gerade was in wessen Interesse äußert? Hat der russische Geheimdienst tatsächlich durch „social engineering“, also gezielte Manipulation und Desinformation über die sozialen Medien Einfluss auf die Präsidentenwahl in den USA genommen? Wenn das tatsächlich so wäre (was noch bewiesen werden muss), wäre es, vollkommen unabhängig von der Personalie Trump ein bislang einzigartiger Vorgang, der uns hier in Deutschland alarmieren sollte. Denn welche Parteien würden davon profitieren, wenn russische Kräfte solche Strategien auch hier bei uns im Bundestagswahlkampf einsetzen würde. Man erinnere sich an den „Fall Lisa“.

RT Deutschland weist den Verdacht, das Klima aufgeheizt und unwahr berichtet zu haben weit von sich, tatsächlich wurde in russischen Staatsmedien der mittlerweile als falsch erwiesene Vorwurf der Vergewaltigung verbreitet und so ein Klima des Hasses geschürt, insbesondere durch die Äußerungen des russischen Außenministers Lawrow! über die „Vertuschung“ des Vorfalls seitens deutscher Sicherheitsbehörden. Auch wenn man öffentlich zurückgerudert ist, hat der Fall Teile der Deutschrussen radikalisiert und nach rechts getrieben. Und nur darum ging es hier. Auch Deutschland ist vor social engineering nicht sicher und mit Sicherheit sind da unterschiedlichste Interessen vertreten.

Ich will mich an Fake News nicht beteiligen, ich will unabhängig bleiben und auf dem Boden der Tatsachen stehen, auch wenn ich gerade eben etwas spekuliert habe. Doch dies ist eine politische Glosse und kein investigativer Journalismus, wie etwa netzpolitik.org. Darum kann ich nur dazu aufrufen, diesen dämlichen Teilen-Button in diesem dämlichen Fratzenbuch so sparsam wie möglich zu nutzen und vorher darüber nachzudenken, was man glaubt. Hier zum Abschluss eine kleine Liste von Quellen, die NICHT GLAUBWÜRDIG ODER ZUMINDEST MIT VORSICHT ZU GENIESSEN SIND (und das sind nur ein paar):
https://anonymousnews.ru
https://derhonigmannsagt.wordpress.com
https://compact-online.de
https://www.jungefreiheit.de
https://www.kopp-verlag.de

PS: Eine kurze Webrecherche genügt: Kein, oder nur ein ungenügendes Impressum, bzw. kein administrativer Ansprechpartner (Person) sind ein schlechtes Zeichen. Auf https://www.denic.de kann man den Besitzer einer Domain ansehen, und nicht selten lässt sich direkt herausfinden, dass es sich um Briefkasten-Adressen handelt. Und bei manchen sprechen einfach die veröffentlichten Publikationen für sich. Der Begriff “Alternative Fakten” wurde nicht von Kellyanne Conway erfunden…

Lokaler Mist ist schlimm genug…

Ist es nicht vollkommen widersinnig. Auf der einen Seite habe ich eigentlich keine Lust mehr, mich hier, auf meinem Blog über Politik auszulassen. Ich tue dies jetzt schon eine Weile durchaus intensiv auf Facebook. Auf der anderen Seite kann ich nicht davon lassen, denn es ist wohl Teil meiner Natur, nicht die Fresse halten zu können, wenn Idioten in völliger Ignoranz ihres eigenen Unwissens einen Bullshit-Mountain nach dem anderen produzieren und sich dann auch noch, mit beglücktem Lächeln Fähnchen schwenkend auf den himmelschreiend stinkenden Ergebnissen ihres Tuns aufbauen wie einst Napoleon nach gewonnener Schlacht: „Yeehaa Welt, hier bin ich! Seht her, mein Scheißhaufen ist nicht nur riesig, er ist auch großartig. Der Weltbeste Scheißhaufen, dass MÜSST ihr mir einfach glauben!“ Oh ja, Dumnald, du fabrizierst fast die beste Scheiße der Welt. Nimm noch Erdogan und Orban für „Bullshit Mountain 17ers of Mar-a-Lago“ unter Vertrag und die Weltmeisterschaft in Hassverbreitung und Kriegstreiberei kann euch keiner mehr nehmen.

Es wurde schon so viel gesagt, so viel geschrieben, so viel kommuniziert, aber die beste Aussage zum Thema war Angela Merkels Gesichtsausdruck, als Mr. President sagte, sie hätten ja schon einiges gemeinsam! Flugreise nach Schneesturm: 157.534 EUR. Unterbringung der ganzen verfickten Wirtschaftsdelegation: wahrscheinlich 7-stellig, aber wer fragt schon nach Sonnenschein, wenn man das ganze Geld Werkverträglern, Zeitarbeitern und sogar seinen Festangestellten abpressen kann… aber dieser Gesichtsausdruck: UNBEZAHLBAR. So ziemlich das einzige Mal in 11 Jahren, das man eine echte Emotion auf ihrem Gesicht gesehen hat und dieses Gesicht sagte: „WHAAAAAT? Bist du hässliches Kind jetzt vollkommen übergeschnappt?“ Großartig!

Soviel zum Zustand der Welt. Er ist nicht besser, aber Gott sei Dank auch kaum schlechter, als vor ein paar Wochen. Ich trage das schon eine Weile mit mir rum, aber ich glaube, es ist an der Zeit, sich auf kleinere Brötchen zu beschränken. Immerhin gibt es ja auch auf kommunaler Ebene durchaus einiges, was nicht nur erwähnenswert ist, sondern eigentlich nach Action schreit. Doch was kann ich zum Zustand der kleineren Welt schon beitragen?

Nun, ich schaffe es ab und an, jemanden dazu zu bringen, das echte Gespräch mit mir zu suchen. Zum Beispiel Hr. Dr. Weirauch (SPD) MdL für den Wahlkreis Mannheim-Süd. Im Norden hat ja – sehr zu meiner Unfreude – dieser Eumel von der AfD den Shit gerockt. So viele Alt-Sozen, die allesamt zu blöd sind, 1 und 1 zusammenzuzählen findet man aber leider nicht nur in meiner Heimatstadt. Wie dem auch sei, ich hatte eine Facebook-Debatte mit Hr. Weirauch über die Zukunft der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle im Rhein-Neckar-Kreis. Der Landtagsabgeordnete ist tatsächlich der Meinung, dass es eine kleine Lösung nur für Mannheim braucht und das die Berufsfeuerwehr Mannheim das Kind schon würde schaukeln können. Da lach ich mich tot: jahrzehntelanges Ausbildungsdefizit im Bereich Notfallrettung (die bei integrierten Leitstellen der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr halt nun mal 85-90% der Arbeit ausmacht), die ausgedünnte Personaldecke, ein neuerliches Auseinanderreißen-Wollen mühsam zusammen geführter Strukturen und dann kommen auch noch solche ehrenamtlichen Heinis und behaupten, dass die BF ja ratzfatz auf soundsoviele Kräfte zugreifen könnte. Die will ich mal sehen, wenn ihre Mutti verreckt, weil irgendein ehrenamtlicher Spack am Telefon nicht zwischen Grippe und Infarkt unterscheiden kann…

Für professionelle Qualität braucht es hauptamtliche Vollprofis mit passender Ausbildung und Erfahrung. Und solche Leute wachsen nicht auf dem Baum. Oder was glauben die, warum alle Leistungserbringer momentan nicht mit vollem Personalpool fahren? Weil der verdammte Markt leergefegt ist und neues Personal auszubilden mehrere Jahre Zeit braucht. Es sei denn, man möchte eine Dienstleistung abrufen, die nicht den üblichen Standards entspricht. Dann darf man sich aber über mangelhafte Ergebnisse auch nicht aufregen.

Wenn man in Ba-Wü das Rettungswesen richtig auf die Füße stellen und Zukunftssicher gestalten möchte, dann muss man endlich dieses unsägliche Instrument der Selbstverwaltung beenden, dass regelmäßig dazu führt, dass Vertreter der Krankenkassen kaputtzusparen versuchen, was nur geht, aber jede Schuld für ein Systemversagen weit von sich weisen. Wahrscheinlich muss auch bei uns erst irgendein hohes Tier der Landespolitik mit einem Kreislaufstillstand am Rheinufer liegen, bevor irgendjemand schnallt, dass, wenn man Peanuts bezahlt in aller Regel Affen bekommt…

Man verstehe mich nicht falsch: meine Kollegen versuchen im Rahmen ihrer durch die Sparwut anderer begrenzten Möglichkeiten alles, um gute Ergebnisse zu erzielen. Aber die Besten verlassen uns regelmäßig, weil man mit dem, was im Moment gezahlt wird, Topleute nur schwer halten kann. Diejenigen Spitzenleute, die noch da sind, sind allesamt gestört: sie lieben ihren Job, obwohl so vieles daran Scheiße ist! Sie geben gerne eine Top-Performance, weil allein das für sie ein Wert an sich ist. Und sie weinen alleine… damit niemand sieht, wie kaputt einen das alles macht. Danke ihr großartigen Krankenkassentypen und Tussen. Ihr wisst wirklich, wie man die Kuh melkt und dann auch noch dazu bringt sich selbst zu schlachten.

Ich glaube langsam, dass ich den Job schon zu lange mache. Noch bin ich aber nicht vollends verbraucht und das bedeutet für mich, dass es jetzt an der Zeit ist, für meine Überzeugungen nicht nur zu schreiben, sondern auch mit der Tat einzutreten. Mal sehen, wie sich das am besten bewerkstelligen lässt. Wir hören uns.