Besseres Büro – bessere Arbeit?

Menschen, die von sich behaupten, dass Ihnen Äußerlichkeiten nichts bedeuten, sind in aller Regel entweder Lügner oder Mönche. Da ich weder besonders fit, noch besonders fotogen bin, bezieht sich der Begriff “Äußerlichkeiten” in meiner Welt eigentlich immer auf Gimmicks. Für die Meisten sind die Dinge, mit denen ich hantiere, Wohlstands-Spielzeuge; für mich sind es, (neben dem Verspieltheits- und dem Haben-will-Faktor, der manchen Objekten wohl doch innewohnt) vor allem Werkzeuge. Bei Werkzeugen denken die meisten Leute an einen schicken Werkstattwagen mit diesem Marken-Steckschlüsselsatz, und dem Marken-Drehmomentschlüssel, und der Marken-Bohrmaschine, und…. Ich denke dabei eher an Geräte, die mir einerseits beim Recherchieren, andererseits beim Ordnen, Vertonen und Visualisieren meiner Ideen helfen. Also Kameras, Mikrofone, IT-Kram und so Zeug. Aber all diese Dinge brauchen ja ein Zuhause.

Das Zuhause für die letztgenannten Gegenstände ist üblicherweise ein Schreibtisch. Ich habe einen Schreibtisch – und im Moment ist das ein relativ konventioneller Ort; vielleicht bis auf das Feature der elektrischen Höhenverstellung. Wie das bei diesen schwedischen Produkten aber manchmal so ist: die Qualität gewisser Teile ist eher problematisch. Gerade die einfachen Schribtischplatten sind dünn, und pappig, und für manche Dinge überhaupt nicht geeignet. Wenn man einen höhenverstellbaren Schreibtisch hat, wäre es z. B. total fancy, wenn der Desktop-Rechner in einem Käfig unter der Tischplatte hängen könnte, weil sich dann die Kabelführung wesentlich geschmeidiger gestalten ließe. Da steht schließlich neben dem Rechner selbst noch einiges mehr am Platz. An derlei Praktabilität haben die skandinavischen Produkt-Designer jedoch nicht gedacht. Und jetzt braucht der Tisch halt ein general make-over.

Mittlerweile tummeln sich da diverse Klemmstative für Webcams, Mikrofone, und bald auch für die Monitore, wenn ich dieser Tage eine neue, stabilere Tischplatte installiert habe. Denn: versatility is king! In meiner Theorie wird das meinen Workflow beschleunigen, ja geradezu zum Abheben bringen und ich werde ein Projekt nach dem anderen… ach Käse. Ich will das einfach ausprobieren, denn tatsächlich kommt noch ein bisschen Kleinkram dazu und dann mag ich es gerne ordentlich. Mit den (semi)professionellen Twitch-Stream-Desks mancher meiner Schüler*innen und Kollegen*innen kann und will ich nicht mitstinken. Allerdings habe ich gerade die Möglichkeiten eines Elgato-Streamdecks für mich entdeckt. Damit steuert man manche Software doch sehr viel geschmeidiger und schneller. Steh ich voll drauf. Einzig mein Budget hatte mich letzthin davon abgehalten, hier noch ein wenig zu experimentieren. Doch im Moment ist das weniger das Problem. Zeit ist eher ein limitierender Faktor. Dennoch muss ich die nächsten Tage ein bisschen basteln, denn im Moment nerven mich die Limits meines Setups doch ziemlich…

Tatsächlich probiere ich zu Hause manches aus, was später in größerem Maßstab in meiner Einrichtung implementiert werden soll. Ich war schon immer davon überzeugt, dass mehr und tiefer gehenderes Wissen über die Werkzeuge, die man nutzen möchte nicht schaden kann. Und dieses Wissen schaffe ich zu Hause. Ich habe damit eine exzellente Ausrede dafür, in Gimmicks zu investieren, die ich für meine eigenen Projekte dann genauso nutzen kann. Ich träume nämlich immer noch davon, hier auf meinem Blog eine Interview-Reihe zu starten, mit den verschiedensten Leuten, denen ich so begegne. Und eventuell das Thema Lehr-Videos auszubauen. Und meine kreativen Kräfte auch mal für meine Buchprojekte zu nutzen. Und dann ist ein Schreibtisch, an dem man sich wohlfühlt, nicht einfach nur eine Äußerlichkeit, sondern eine Notwendigkeit, weil es den Workflow tatsächlich beflügeln kann. Nicht muss, aber doch kann. In diesem Sinne wünsche ich eine gute Woche. Ihr werdet ja sehen, was draus geworden ist.

Hoch sensibel?

Wer mir hier schon länger folgt, weiß ziemlich genau, dass ich mit den jeweils gerade gängigen Labeln nicht allzu viel anfangen kann. Menschen neigen ja oft dazu, NICHT so sein zu wollen, wie alle anderen; und suchen deshalb, mal bewusst, mal unbewusst nach Merkmalen an sich selbst, die zur Distinktion vom “Mainstream” taugen. Ganz so, als wenn in einer Mehrheitsgesellschaft integriert zu sein, etwas Schlimmes wäre. Streben nicht, solchen Moden zum Trotze, all jene Marginalisierten, wie PoC, LGBTIQ+-People, etc. danach, den Status der Integration zu erreichen? Oder besser gesagt danach, in ihrem Andersein voll akzeptiert dazugehören zu dürfen? Wie kann es dann aber sein, dass Menschen, die vermeintlich schon dazu gehören, nach Möglichkeiten suchen, sich von eben dieser Zugehörigkeit abzugrenzen?

Ich habe schon häufiger in letzter Zeit etwas über den Begriff “Hochsensibilität” gelesen. Kurz gesprochen geht es darum, dass es angeblich Menschen gibt, deren soziale und kognitive Wahrnehmung intensiver ist, als bei den meisten Anderen, was bei den Betroffenen im Umkehrschluss einen kognitiven und sozialen Overflow erzeugt; oder vereinfacht gesprochen: sie kommen mit zu vielen Reizen einfach nicht klar! Ich sage “angeblich”, weil das Thema in der Psychologie hoch umstritten ist, und die “Diagnostik” vollkommen auf, wissenschaftlich unzureichend getesteten, Selbstbefragungen fusst. Um es an dieser Stelle ganz klar zu sagen: ich halte das Ganze für Humbug! Bzw. für einen falschen diagnostischen Ansatz. Leider ist es in den letzten Jahren quasi zu einer Mode degeneriert, sich selbst als “hochsensibel” zu bezeichnen, und damit ein Label zu erzeugen, welches man wie eine Monstranz vor sich hertragen kann, damit alle Anderen ja brav Rücksicht nehmen. Dass damit möglicherweise vollkommen anders gelagerte – und zum Teil vermutlich dringend behandlungsbedürftige Psychopathologien – verschleiert werden, ist nur ein bedauerlicher Nebeneffekt .

Ein anderer ist, dass das sowieso schon hohe Potential zur Stigmatisierung psychisch Kranker in unserer Gesellschaft noch mal gesteigert wird. Denn selbstverständlich fordern die Menschen, die sich selbst diese Zuschreibung geben Verständnis, Rücksichtnahme, u.U. sogar Behandlung – ohne wirklich erklären zu können, was das Problem ist. Das ist einem besseren Verständnis für die realen Leiden psychisch Erkrankter nicht zuträglich, weil es für die Nichtrkrankten wieder mal aussieht, wie eine Befindlichkeitsstörung, für die sie oft nur ein “Komm halt klar, Diggah!” übrig haben. Als langjährig Depressionserkrankter weiß ich, wovon ich spreche. Psychisch Kranke bluten nicht, die Extremitäten sind nicht krumm, sie haben keine Schmerzen, gegen welche die üblichen Mittelchen helfen. Und was man nicht sehen oder anfassen kann, das existiert für viele Menschen nicht. Und da passen die “Hochsensiblen” halt voll ins Feindbild: “Mensch, der sich auf meine Kosten ausruht, indem er/sie krankfeiert!” Zudem belasten sie damit das sowieso schon überlastete System zur Behandlung psychisch Erkrankter in unserem Land.

Warum mich das so triggert, hat der letzte Absatz zum Teil erklärt. Aber da ist, zumindest für mich selbst noch etwas anderes. Natürlich habe ich, als ich zum ersten Mal von dieser Modeselbstdiagnose hörte, mal geschaut, was es damit auf sich hat, und ob das auch auf mich zutreffen könnte. In dunklen Stunden sucht man gelegentlich Trost in seltsamen Dingen. Und natürlich trafen verschiedene Aspekte der Fragebögen auf mich zu. Einfach, weil sie auf ziemlich viele Menschen zutreffen. Das ist Verarsche auf hohem Niveau. Mal davon abgesehen, dass nach meiner Erfahrung Menschen mit psychischen Erkrankungen sehr häufig ein ziemlich feines Näschen für die anderen Menschen um sich herum haben. Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, dass als Vorteil zu sehen und entsprechend zu nutzen. Aber gewiss öffnen sich hier auch Türen in die dunkleren Zimmer des Selbst. Ich würde mir einfach wünschen, dass man nicht einfach einen Selbsttest machen und sich dann auf eigenes Betreiben pathologisieren kann, wenn vielleicht die einzige Motivation ist, anders als die anderen Kinder sein zu wollen!

So kam denn in den Kommentarsektionen unterhalb solcher Artikel auch häufiger der Begriff “Snowflake” vor. Und selbstverständlich wurde der hier mit negativer Konnotation gebraucht. So nach dem Motto “diese Pussies sollen sich mal nicht so haben”. Die oben begonnene Beweisführung ist damit für mich abgeschlossen. Allerdings kann ich nicht umhin, zumindest ein gewisses Maß an Zustimmung zu empfinden. Denn manche Artikel klangen wirklich wie Werthers Weltschmerz, und nicht wie die Erzählung über eine ernsthafte Erkrankung. Da wurden mehr so typische Erste-Welt-Luxusproblemchen mit Überforderung durch eine durchbeschleunigt-fordernde Welt beschrieben. Die habe ich auch! Dauernd! Ich kann meine Sensibilität trotzdem moderieren. Und das mit einer diagnostizierten und behandelten psychischen Erkrankung. Und da muss ich dann halt auch sagen: “Kommt klar ihr Mimosen! Andere haben wirkliche Probleme!”. Für heute ist die Sensibilität bei mir ausverkauft. Schönen Tag noch.

Erwachsen bilden N°37 – Zwischenruf!

Dieser Tage entspann sich im Dunstkreis der DGRe eine Diskussion um einen Beschluss-Vorstoß des deutschen Ärztetages, in der Ausbildung von NotSan mehr klinische und notfalldiagnostische Skills zu verankern – und diese Ausbildungsteile in ärztliche Hand zu legen. Dazu fallen mir spontan mehrere Punkte ein, die ich in dieser Debatte gerne beachtet wissen würde:

  • NotSan in Ausbildung bekommen die notwendigen notfalldiagnostische Skills für ihre spätere Arbeit bereits heute – zumindest den gängigen Curriculi nach – bedarfsgerecht und praxisorientiert vermittelt (die Güte mag hierbei einer Serienstreuung zwischen den Ausbildungs-Einrichtungen unterliegen). Das beinhaltet explizit auch die Fähigkeit zur Beurteilung klinischer Parameter, die für eine Weichenstellung der anschließenden klinischen Behandlung bedeutsam sind. Dennoch gilt, dass diagnostische Maßnahmen, die keine direkte therapeutische Konsequenz haben, in der prähospitalen Akutphase obsolet sind – sie kosten wertvolle Zeit, die bei der Versorgung kritisch kranker Patienten eh knapp ist! (Welche diagnostischen Maßnahmen jeweils schnell und sinnvoll zur Abwendung gebracht werden können und sollen, ist dabei vom Stand der Technik und der Anwendungssicherheit der Nutzer abhängig! => Sonographie anybody?)
  • Bevor man sich der Verlängerung der hospitalen Ausbildung von NotSan widmet, fände ich es sinnvoller, zunächst die vielerorts mangelhafte Verzahnung zwischen Fachschule, Rettungswache und eben den Kliniken neu aufzustellen. Die Summe der Reibungsverluste, welche durch die schlichte Non-Existenz von Kompetenz-Entwicklungs-Netzwerken entstehen zu minimieren, würde vermutlich bei allen Beteiligten erheblichen Frust und große Unsicherheit abbauen und gleichsam die Ausbildungsergebnisse verbessern helfen. Mangelnde Kommunikation, unklare Zielvorstellungen, Unkenntnis der Curriculi und persönliche Missverständnisse sind derzeit in diesem Feld an der Tagesordnung. Und es kostet sehr viel Mühe, diese Dinge immer erst in der Ex-Post-Betrachtung glattschleifen zu müssen…
  • Ein Medizinstudium befähigt NICHT automatisch zur Lehre an einer Berufsfachschule – oder an der Universität, auch wenn die Promotion (der Definition nach der Erwerb der Lehrfähigkeit für Hochschulen) dies evtl. suggerieren mag. Die pädagogischen Feinheiten sinnvoll gestalteter Lernarrangements in der Erwachsenenbildung bilden aus gutem Grund eine eigene hochschulische Domäne – und ich bin es ehrlich gesagt leid, hier immer wieder Diskussionen mit Medizinern führen zu müssen. Daher sehe ich den – vom Ärztetag explizierten – Wunsch, den klinischen Anteil der Berufsausbildung über weite Strecken in ärztliche Hände zu legen, als hoch kritisch an. Ich schicke ja auch keine Ärzte, um die Feinheiten der Gesundheits- und Krankenpflege unterrichten zu lassen; sondern Fachleute, die sowohl die Praxis kennen, als auch die notwendigen pädagogischen, psychologischen, soziologischen und didaktischen Skills erlernt und deren Beherrschung durch das Ablegen einer oder mehrere Prüfungen dokumentiert haben! Ich will an dieser Stelle erneut eine Lanze für die Schaffung einer eigenen Berufsprofessionswissenschaft innerhalb meines Berufsfeldes brechen; und das inkludiert selbstverständlich auch die Lehre in diesem!
  • Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Apekt ist die Verfügbarkeit der Ressource “Ärztin / Arzt” im klinischen Setting. Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese in ausreichendem Maße zur Verfügung stünde, um eine derartige Zusatzbelastung überhaupt leisten zu können. Betrachtet man in diesem Zusammenhang dann noch die politischen Pläne, die Krankenhaus- Landschaft bundesweit einzudampfen, sehe ich in der Zukunft tendenziell eher ein Schrumpfen der klinischen Anteile der NotSan-Ausbikldung, bzw. deren teilweise Subsititution durch reichhaltige Simulationsszenarien.

Alles in allem betrachte ich den Vorstoß also als wenig durchdacht, im Hinblick auf die tangierten Ressourcen und Bedürfnisse für nicht bedarfsgerecht, und vollkommen an der klinischen Alltags-Realität vorbei. Ich würde mich über eine Diskussion freuen.

Storytelling Reloaded…

So lange ich mich entsinnen kann, war Geschichtenerzählen ein wichtiger Teil meines Lebens. Als Knabe war ich enthusiastisch, aber nicht sonderlich gut darin. Als junger Adoleszenter war ich selbstüberzeugt, aber bestenfalls so lala. Mit der Zeit wurde es jedoch immer besser – und ich immer kritischer. Heutzutage kann ich zumindest eine Geschichte aus dem Stehgreif hinwerfen, und sie klingt üblicherweise sogar halbwegs plausibel. Das sind allerdings immer nur Snippets of Story, also quasi Appetithäppchen des Erzählens, oder Amuse-Gueule der Dichtkunst. Es ist eine vollkommen andere Hausnummer, einen Roman zu schreiben. Hab ich schon ausprobiert. Von den vielleicht zwei Dutzend angefangenen Manuskripten (eigentlich sind es ja Tastatuskripte, denn ich schreibe nur selten viel mit der Hand, weil meine Schrift grässlich ist!) haben es immerhin drei Romane und drei Bändchen mit Episodengeschichten in Druck und unter Menschen geschafft. Und die hatten immer was mit meiner sonstigen Profession zu tun, auch wenn es sich dabei um Werke der Fiktion handelte. Zudem habe ich sie zusammen mit einem anderen Autor verfasst…

Nun ringe ich mit mir und meinen Autoren-Instinkten. Denn der kleine Urlaub am Bodensee hat meine kreativen Kanäle freigeblasen; so sehr frei geblasen, dass das ursprüngliche Schriftstück nun seine zweite Überarbeitung hinter sich hat und jetzt ca. 13 Seiten mehr aufweist. Nicht übel für drei halbe Abende am Bildschirm. Hab im Urlaub ja auch noch was anderes zu tun. Aber so sehr ich auch den Wunsch verspüre, es fertig zu bringen (und dieses Buch hat jetzt aber auch gar nichts mit meinem Job zu tun, denn es ist ein Sci-Fi-Roman), hadere ich mit dem Gedanken, es zu veröffentlichen, wenn’s dann doch recht bald fertig werden sollte. Man malt sich in seinem Kämmerlein ja immer so komische Sachen aus: dass man mal ein Buch schreibt, das dann knallt, und richtig Kohle bringt. Man kann plötzlich vom Schreiben leben, dann kommt Hollywood wegen der Filmrechte, man macht einen auf J.K. Rowling und verbringt seinen Lebensabend auf einem eigenen Weingut in der Toskana. Träume sind Schäume, oder…?

Die Meersburg

Das setzt dann solche unguten Hätte-Hätte-Kaskaden im Kopf in Bewegung, die einen nirgendwo hin führen, denn in der Regel wird das Ergebnis (m)einer Veröffentlichung bei rund 90.000 Titeln pro Jahr vermutlich eher ernüchternd ausfallen. Drum bin ich dann auch so böse und denke mir “Den Scheiß will eh keiner lesen!”, dann tut’s nicht so weh, wenn das eben Gedachte hinterher wahr wird. Aber die Hoffnung! Wie war das doch gleich noch mit den Übeln, die aus Pandoras Büchse entfleucht und über die Menschen gekommen sind…? Sei’s drum, irgendwann muss ich diese Denke überwinden, und es einfach wagen. Also ein Buch veröffentlichen, dass ich ganz alleine geschrieben habe – und in dem (so gut wie) nix über den Rettungsdienst steht. Denn ein paar kleine Seitenhiebe auf den Sparwahn im Gesundheitswesen konnte ich mir auch im Genre Science-Fiction echt nicht verkneifen. Allerdings wird es wohl noch bis nächstes Jahr dauern, denn der November und Dezember werden arbeitstechnisch noch mal heftig. Da habe ich vermutlich kaum bis keine Zeit für meine aufwendigeren Hobbies.

Staatsweingut Meersburg

Womit eines der großen Dilemmata unserer Zeit angesprochen wäre: Arbeitsverdichtung, Stress, Anforderungen vs. Selbstbestimmung, Selbstenfaltung, Sinn. Manchmal kriege ich die vielen Kontrahenten unter einen Hut, im Moment jedoch gerade mal wieder nicht; einer der Gründe, warum ich (wie schon erwähnt, mit dem Segen meiner besten Ehefrau von allen) eine kurze Flucht angetreten habe. Eigentlich hatte ich nur Wandern, Knipsen, Lesen und Chillen im Hinterkopf, als ich mir die Location ausgesucht habe. Doch das Buch “Plot and Structure” von James Scott Bell, welches neulich schon mal hier Erwähnung fand, hat mir so richtig Lust gemacht, es anzugehen. Nachdem das Manuskript fast zwei Jahre unbearbeitet und ungesehen auf dem Massenspeicher meines Desktops vor sich hin gesintert hatte, brauchte es Überwindung und einen Anstoß, damit fortzufahren. Und die Anstrengung hat sich aus meiner Sicht gelohnt. Selbst wenn Andere hinterher sagen, dass es ihnen nicht gefällt – in erster Linie werde ich es zu Ende bringen, um mir zu beweisen, dass ich auch noch was anderes kann, als im Lehrsaal den Hemden-Ständer spielen…

Blick auf die Unterstadt

Ich mag meinen Job. Und ich nehme die Herausforderungen, die er mit sich bringt immer wieder gerne an. Ebenso gerne habe ich aber auch Wochenden oder Urlaube, um mal, mehr oder weniger ungehindert mein eigenes Ding machen zu können. Mal davon abgesehen, dass ich die Gemeinsamkeiten zwischen meinen Hobbies Storytelling / Pen’n’Paper-RPG und meiner pädagogischen Arbeit schon bei mehr als einer Gelegenheit herausgearbeitet habe. Womit ich zumindest die Gelegenheit bekomme, beim Storytelling in Übung zu bleiben. Nichtsdestotrotz fiebere ich schon jetzt, da ich noch am schönen Bodensee weile, schon dem Weihnachtsurlaub entgegen. Einige Stunden davon werde ich nämlich sicher in meiner Kammer sitzen, und an einem Buch schreiben. Seid jedoch versichert, bis dahin lesen wir uns noch öfter. Das hier sind schließlich keine Romane. Ich wünsche übrigens allseits abgefahrene Allerseelen – “All Hallows Eve” á la americaine kann mir gestohlen bleiben. Gute Nacht…

New Work N°8 – A new mindset…?

Ich will ehrlich sein – hinsichtlich des Grundthemas “New Work” bin ich mittlerweile ernüchtert. Nicht etwa, weil ich den, teilweise doch sehr unterschiedlichen Ideen, die sich gemeinsam hinter diesem Buzzword verstecken, nichts abgewinnen könnte; ganz im Gegenteil glaube ich fest daran, dass man die Arbeit unserer Zeit in mehr als einer Hinsicht neu strukturieren muss! Ich weiß aber leider auch um die Grenzen, an die man dabei stösst. Nicht selten steckt in diesen Grenzen der Grund für meine Reserviertheit gegegnüber der ganzen Angelegenheit. Denn abseits der strukturellen Hemnisse, die es schwierig machen, in manchen Bereichen (speziell des Gesundheitswesens) neue Formen der Arbeit zu implementieren, ist zumeist das Mindset jener, die über solche Change-Prozesse zu befinden haben, das eigentliche Problem. Und hier könnte ich manchmal vor Wut und Frustration in die Tischkante beißen! Denn einerseits lesen manche Leute in Führungspositionen interessante Bücher, und teilen das sogar Anderen mit – andererseits werden die dort vermittelten Ideen nur propagiert, aber nicht gelebt. Genauso, wie es dieses Buch hier prädiziert, und damit zur Cassandra seines eigenen Schicksals wird…

Insbesondere die Hinweise weiter hinten zum Thema Fehlerkultur sind interessant. Mir war gar nicht bewusst, dass so viele Menschen den Unterschied zwischen “Just Culture” als Ideal zum Umgang mit Fehlern im Arbeitskontext und dem Beta-Mindset als Blaupause für iteratives Lernen in Orgnisationen gar nicht kennen. Bereits seit über 25 Jahren sind wichtige Erkenntnisse dazu bekannt und es werden fortlaufend neue publiziert, doch wirklich geändert hat sich vielerorts genau nichts! Man kennt doch diesen Spruch “Aus Fehlern wird man klug, drum ist einer nicht genug!” Diese einfache Volksweisheit besagt, dass man manchmal voranschreiten und Fehler machen muss, um aus den unweigerlich auch daraus resultierenden Fehlschlägen etwas mitnehmen zu können. Aber genau davor hat man vielerorts Angst – evtl. ein bisschen Geld und Ressourcen zu verbrennen, um hinterher doch mit einem neuen Konzept starten zu können. Stattdessen wird oft nur der Status Quo zu Tode verwaltet. So entsteht aber kein Double-Loop-Learning. So entstehen auch keine Innovationen. Man könnte jetzt – widerum mit dem Volksmunde – sagen: “Schuster, bleib bei deinen Leisten”. Wenn da nicht meine, beinahe körperlich spürbare, Abneigung gegen diesen einen Satz wäre: “Das haben wir schon immer so gemacht.” Man stelle sich jetzt einfach meine unartikulierten Wutschreie vor…

So, wie ich immer noch mit dem Versuch beschäftigt bin, Anderen in meiner Organisation das Thema “Just Culture” näher zu bingen (das ist übrigens die vollkommen absurde Idee, gemeinsam, konstruktiv stattgehabte Fehler zu analysieren, um daraus für die Zukunft Vermeidungsstrategien zu lernen, anstatt zwanghaft “Schuldige” punishen zu müssen!), könnte ich auch immer noch verzweifeln, wenn es um die das bloße Zulassen von Change-Prozessen geht. Und es ist nicht so, dass ich irgendwelche vollkommen outlandishen Dinge verlangen würde. Ich verlange nicht mal etwas, ich äußere nur manchmal Wünsche. Eine etwas modernere Arbeitsorganisation etwa (Stichwort: mobiles Arbeiten, in meinem Kontext ist das durchaus teilweise möglich), und ein wenig größere Spielräume für Projekte würden mir schon vollkommen genügen. Stattdessen verwalte ich nach wie vor den Mangel. Kein Wunder also, dass das obige Buch seine literarischen Finger auf höchst schmerzhafte Art in schwärende Wunden auf meine Seele gelegt hat….

NEIN, ich bin nicht drauf und dran, davon zu rennen, denn da ich mich selbst weder als feige noch als schwach charakterisiert sehen wollen würde, habe ich stattdessen all diese Herausforderungen angenommen, und arbeite mich daran ab. An dieser Stelle wäre es vielleicht aber noch angezeigt auf etwas hinzuweisen: es ist ja in der Generation Z (ich gehöre, zumindest der Nomenklatur nach zur Generation X) durchaus nicht unüblich, zu fordern, und zu fordern, und zu fordern,; weil diese jungen Menschen halt wissen, dass ihr (Arbeits)Marktwert nicht unerheblich ist. Was sie jedoch offensichtlich nicht verstehen (wollen) ist Folgendes: unabhängig von ihrem theoretischen Marktwert besteht die unabdingbare Notwendigkeit, den tatsächlichen Marktwert irgendwann zu beweisen! Konfligieren diese Werte jedoch aus Sicht der Leitungspersonen, kommt es zu erheblichen Friktionen im Dienstablauf. Ich verstehe, dass man die GenZ anders führt, als das bei mir der Fall war. Zwischen notwendig transparenterem Führungsverhalten und stärkerer Mitarbeiter-Partizipation auf der einen und “Ich kann hier tun und lassen was ich will!” auf der anderen Seite, besteht jedoch ein himmelweiter Unterschied. Oder härter ausgedrückt: erst selbst leisten – dann fordern! Und nur so am Rande – wenn man mit der “ICH WILL ALLES JETZT”-Attitüde loszieht, stellt man alsbald fest, dass es bei anderen Arbeitgebern einfach nur auf andere Weise Scheiße ist. Denkt mal drüber nach, Kids!

Was mich betrifft: ich versuche weiter “Just Culture” und das Beta-Mindset für mich selbst zu kultivieren. Vielleicht kann ich ja de/die eine*n oder andere*n auf dieser Reise mitnehmen. Bis dahin versuche ich nicht zu verzweifeln, und gönne mir ab und zu eine Auszeit. Ich wünsche ein schönes Wochenende.

Over the hills and far away…

Ich las heute morgen auf ZON einen Artikel, in dem sich eine Frau darüber ausließ, dass man ab dem Moment, da man Mutter würde, dauernd und von allen Schuldgefühle gemacht bekäme: man gehe das mit der Schwangerschaft falsch an, sei später dann zu wenig für das Kind da, oder helikopterte zuviel, man arbeite zu wenig, man erzöge falsch, oder gar nicht, man setze sich nicht genug für die Schule, den Kindergarten, wasauchimmer ein, man mache überhaupt gar nix richtig! Der Artikel ist leider nur hinter der Z+-Paywall für Abonenten verfügbar, deshalb verlinke ich hier nicht. Das Resumée der Autorin ist denn auch ernüchternd. Sie findet, dass man als Frau und als Mutter zu wenig gewertschätzt und entlastet, dafür aber zu sehr gedisst und bevormundet würde. Ich bin jetzt halt ein Kerl, aber ich könnte mir vorstellen, dass meine beste Ehefrau von allen was dazu zu sagen hätte – denn selbstverständlich spielt diese Diskussion auch in unserer Beziehung zumindest manchmal eine nicht unwichtige Rolle.

Die Autorin berichtete dann schlussendlich darüber, dass sie sich ganz bewusst davon freizumachen versuche, indem sie sich gezielt frei nähme und halt fünfe gerade sein ließe, wann immer sich die Gelegenheit dazu böte. Denn jeder Mensch bräuchte seine Freiräume. Ich fühlte mich sofort an ähnliche Gespräche mit meiner besseren Hälfte erinnert; vor allem, weil ICH gerade einen solchen Freiraum genieße. Und ich mich nun doch fragen muss, ob ich mich dafür schämen sollte, dass ich mir a few days off genommen habe, um mal wieder klar zu kommen: mit mir selbst, der Welt, meinen Aufgaben und dem ganzen anderen Scheiß. Es ist nicht so, dass dieser Vorgang ohne Präzedenz wäre. Alle paar Jahre breche ich mal für ein paar Tage aus gewohnten Mustern aus – und lasse fünfe gerade sein. Und ich bin gerade ziemlich glücklich darüber. Andererseits würde ich mir wünschen, dass meine Gattin, dass auch täte. Beim letzten Gespräch gab sie nämlich verschiedene Gründe an, warum das nicht ginge…

Ohne jetzt hier Interna aus dem Eheleben ausbreiten zu wollen, kann ich aber sagen, dass manche Gründe davon etwas mit Umständen im Arbeitsumfeld zu tun haben; andere jedoch sind psychologische Barrieren. Und wenn ich mich nicht vollkommen täusche, entstammen diese Barrieren eben jenem Framing, welches der, im Artikel recht gut beschriebene Konformitätsdruck für Frauen und Mütter vermutlich erzeugt: du hast IMMER zuerst für deine Kinder (oder deinen Haushalt, deinen Ehemann, etc.) da zu sein, und erst dann für dich. Ich habe diesen Effekt in Gesprächen auch schon mal als “Depersonalisieren” bezeichnet, weil es sich für mich so anfühlt, als wenn die eigene Persönlichkeit entwertet und ganz langsam verdrängt würde, wenn sie zu lange und zu oft hinter den Belangen Anderer zurückstehen muss. Und ich bin davon überzeugt, dass nicht wenige – Frauen und Männer – jetzt gerade nickend vor dem Bildschirm sitzen, weil sie eben dieses Gefühl kennen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht missverstanden werden: ich verstehe den vollkommen berechtigten feministischen Impetus der oben beschriebenen Argumentation, weshalb ich meiner Gattin schon ein paar Mal angeboten habe, sie solle doch einfach auch mal was machen, nur für sich, weit genug weg und ein paar Tage lang. Bisher hat sie das immer abgelehnt. Vielleicht klappt es ja jetzt. Frauen haben sehr viele Belastungen, und unsere Gesellschaft als Ganzes tut sich immer noch schwer damit, Emanzipation zu (be)fördern. Und als Vater von zwei Töchtern sehe ich das mit Sorge (um ihre Zukunft) und Beschämung (über meine biologische Hälfte der Spezies Mensch). Nichtsdestotrotz möchte ich, dass zur Kenntnis genommen wird, dass solche Probleme auch Männer betreffen. Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht annähernd so oft, wie Frauen. Dennoch ist es eine Frage echter Emazipation, dass wir dann in diesem Zusammenhang auch über diese Kerle sprechen, die es nicht einfach so wegstecken können – dieses Ausdauerspiel namens “Leben”.

Seien wir ganz ehrlich: die Welt ist komplizierter geworden, seit ich als Rotzlöffel in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts aufgewachsen bin und sozialisiert wurde. Ich versuche Schritt zu halten, aber das ist nicht immer einfach. Und wenn ich mich so umsehe, befürchte ich, dass dieses “Schritthalten” (also bewusst auf dem Weg, hin zu einer wirklich emanzipierten Gesellschaft mitgehen) vielen noch schwerer fällt. Seht es uns Männern, die wir versuchen, was dazu zu lernen, bitte nach, wenn wir noch nicht so viel besser geworden sind, wie wir eigentlich müssten, in diesem Spiel namens “Gleichberechtigung”. Denen, die es absichtlich nicht mitspielen wollen, dürft ihr von mir aus mit einem rostigen Löffel die Eier ausschaben. Aber es gibt genug Kerle wie mich, die noch was dazulernen können und wollen. Habt einfach noch etwas Geduld – und gebt uns dann und wann einen Schubs. Wir können das ab, auch wenn wir im ersten Moment vermutlich nicht immer glücklich darüber sind. Das Ziel ist noch over the hills and far away – so wie meine momentane Bleibe. Also müssen wir alle dranbleiben! Peace!

Erwachsen Bilden N°36 – Pädagokratie gefällig?

Nachdem wir heute Morgen Besuch von lieben Freunden gehabt hatten, ging ich vorhin eine Weile im Herbsbelaubten Waldpark spazieren. Ein paar Spuren des Sturms vom Donnerstag waren auch zu besichtigen. Das war mir allerdings eher Wumpe, denn ich ging mal wieder los, um den Kopf frei zu kriegen und ein paar Gedanken zu ordnen. Zuvor hatten wir nämlich, wie soll es auch anders sein, beim Brunchen über den Job gesprochen. Die liebe Freundin arbeitet im allgemeinbildenden Schulwesen und hat das gleiche Problem wie ich: es ist verdammt, schwer geeignetes Personal – also Lehrkräfte – zu finden! Und es ist noch viel schwerer, Leute zu finden die bleiben, weil so manche potentielle Lehrkraft mit den Arbeitsbedingungen so gar nicht zufrieden ist. Über das Thema der Arbeitszeit-Problematik hatte ich an anderer Stelle schon mal gesprochen; damit sind aber andere Problemzonen noch überhaupt nicht angesprochen.

Wie ich also ging, fragte ich mich, warum wir einen so großen Fachkräftemangel im Bildungswesen haben, und die Antwort, die ich gefunden habe, erscheint verblüffend einfach: weil Bildung und Erziehung zur Carework gerechnet werden, und Carework nach wie vor nicht den gesellschaftlichen Stellenwert hat, den sie eigentlich haben müsste. Schauen wir uns zunächst die Berufsfachschule an. Wenn ich Facharbeiter für die Auto-Industrie ausbilde, dann ist klar, dass die danach in einer Wertschöpfungskette eingesetzt werden, die zumindest gedanklich hoch transparent ist. Zu gewissen Stückkosten (SK) werden Automobile gebaut, die ich später für einen Preis (VK) an die Kunden bringen kann. In den Stückkosten sind Lohnkosten, Betriebskosten (für die Maschinen, Gebäude, Grundstücke, etc.), Aus- Fort- und Weiterbildungskosten, Abschreibungen für Anschaffungen, Rückstellungen für künftige Investitionen, Marketing und whatnot enthalten. VK – SK – WVR (Wiederverkäuferrabatt) = Umsatzrendite vor Steuern. Ist eine vereinfachte Darstellung, aber es wird schnell klar, dass hier ein Verdiensthorizont entsteht, für dessen Realisierung die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals essentiell ist.

Ein etwas naiver Blick auf meinen Arbeitsplatz… 😉

In meinem Gewerk, das zum Gesundheitswesen gehört, ist das schon schwierig, denn natürlich werden Betreiber des Rettungsdienstes entlohnt, weil man hochprofssionelle Arbeit nicht für Lau bekommt, auch wenn manche Menschen das bis heute zu glauben scheinen. ABER… der individuelle Aufwand, welcher für Aus-, Fort- und Weiterbildung getrieben werden muss, damit die Dienstleistung auf dem Niveau bei den Patienten ankommt, welches diese verdient haben (nämlich am aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft und Technik orientiert und auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt), entspricht im Gegensatz zur Auto-Industrie nicht einem direkten Benefit in der Kasse der Betreiber. Den Kostenträgern ist es nämlich verdammt egal, wie gut oder schlecht die Versorgung war. So lange nicht gerade ein Kunstfehler zur Anzeige kommt, wird immer der gleiche (per Bereich verhandelte) Satz bezahlt. Ob die Sanis kompetent und nett zu Oppa Schnippenfittich waren, fragt dabei niemand…

Kommen wir zum allgemeinbildenden Schulwesen. Auch hier entstehen Kosten in nicht unerheblichem Maße. Den Benefit zu beziffern, ist hier aber noch ungleich schwerer, als bei den beiden vorherigen Beispielen. Denn den meisten Menschen ist offenbar nicht klar, dass die Hauptaufgabe der Schule mitnichten ist, die Kinder fit für die Tretmühle Kapitalismus zu machen, sondern ihnen gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Viele Eltern sind nämlich mangels Sozial- und Bildungskapital nicht dazu in der Lage, ihren Kindern diesebzüglich eine große Hilfe zu sein. Die Teilhabe möglichst großer Gruppen der Gesellschaft ist aber die Voraussetzung für den Fortbestand von Demokratie. Und der Fortbestand der Demokratie ist die Voraussetzung für den Fortbestand wirtschaftlicher Prosperität. Wenn es einem autokratischen Regime nämlich von heute auf morgen einfällt, bestimmte Geschäftsfelder “zu regulieren”, erzeugt das eine (vor allem juristische) Unsicherheit, welche sich schlecht auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Staates auswirkt. Bis hin zum Totalversagen. Kann man bei Acemoglu und Robinson (“Warum Nationen scheitern”) nachlesen.

Das bedeutet, abseits des hehren Humboldt’schen Bildungsideals ist die alte Diskussion um die Hauptaufgabe von Schule (humanistische Bildung vs. Arbeitsmarktchancen) eigentlich schon lange obsolet. Meritokratie ist eine schöne Illusion, doch ohne Demokratie ist sie nichts weiter als eine gestaltlose Hirnschimäre, die ohne rechtsphilosophisches und gesellschaftliches Fundament in sich zusammenfällt, wie das Soufflé, wenn man die Ofentür zu früh geöffnet hat. Womit wir zum Anfang zurückkomen: diese Erkenntnis ist leider noch nicht in allzu vielen Köpfen angekommen. Oder sie kam an – und wurde zugunsten anderer Dinge wieder vergessen. Jedenfalls genießen Pädagogen als Fachkräfte für den Erhalt der Demokratie (wenn man mal vom alten Fascho Höcke absieht, der träumt vom 4. Reich) und damit als Bereitsteller gesellschaftlichen Kitts keinesfalls die soziale Anerkennung, die ihnen gebührt. Was sich Lehrer*innen tagtäglich von den “lieben Kleinen” und ihren Erzeugern anhören dürfen, spottet dafür jeder Beschreibung.

Deshalb der Titel. Ich wäre bereit für was Neues. Eine Pädagokratie könnte Schulen zu den Orten des individuellen Wachstums und der Solidarität machen, die sich eigentlich schon immer sein müssten; wenn wir nicht schon von Kindesbeinen an zwanghaft ettikettieren und auf “Normmaß”zurechtstutzen müssten. Ich wäre dabei. Und wenn potentielle Lehrkräfte mitbekämen, dass es auf einmal ganz geil ist, Lehrer zu sein, hätten wir vielleicht alsbald auch keinen Fachkräfte-Mangel mehr. Denkt doch mal drüber nach…

Infuencerreißprobe…

Das ich für jene Menschen wenig Gegenliebe übrig habe, die einfach nur sich selbst und ihre, allzu häufig auch noch unmaßgebliche Meinung über unmaßgebliche Dinge als Marktwert haben, konnte man in der Vergangenheit sicher schon das ein oder andere Mal rauslesen. Ich halte Influencer, und was sie in der Hauptsache tun, für eine mindestens genauso schlimme Pest, wie das ganze Nazigeschmeiß im Netz der Hetze! Das WeltWeitNetz ist in den vergangenen Jahren zu einem Ort degeneriert, an dem geschönte, oder gar falsche Identitäten unrealistische Träume über unmögliche Zukünfte hypen, um sich dann gegenseitig auf die virtuellen Schultern zu klopfen, während sie diejenigen verbal filettieren, die es wagen, nicht ihrer unmaßgeblichen Meinung zu sein. So viel zum Thema, “das Netz würde die Demokratie befördern”…

Lichtgestalten sucht man in dieser Melange aus Hass, Häme, Provkation, Mobbing, etc. vergebens. Schon mal vom “Drachenlord” gehört? Traurige Gestalt, traurige Geschichte, traurige Nachbarn. Und es gibt offensichtlich Menschen, die ihrerseits Geld mit einer Mobbingwelt rings um diese Randerscheinung des Internets verdienen. Also Leute, die mit Memes, Blogs, Vlogs und anderem Kleinkram rings um Rainer W. so viel Kohle machen, dass sie, allein schon aus fislkalischen Erwägungen. die Hatemachine immer weiter am Laufen halten müssen. Wie unfassbar pervers ist dass denn bitte? Man mag von diesem Mann halten was man will – aber jemanden als Opfer von Mobbing zu instrumentalisieren, um damit Geld zu verdienen, ist an Inhumanität, Egoismus und Arroganz nur noch durch physische Folter zu überbieten.

Jetzt soll er in den Knast, weil andere ihn so lange gepiesackt haben, bis er ausgerastet ist und physisch angegriffen hat. Dass es in so einem Fall keine Unschuldigen gibt, ist klar. Aber wer in Wahrheit wie viel Schuld zu tragen hätte, ist mit einem Gerichtsurteil nicht beantwortet. Ich würde es feiern, wenn solche Menschen ihre Missetaten wieder bekämen. Ich behaupte ja öfter, dass Karma ein Bumerang sei. Manchmal trifft dieser aber anscheinend einfach nicht hart genug. Da wir jedoch in einem Rechtsstaat leben, und es offensichtlich nicht möglich ist, solchem Tun Einhalt zu gebieten – das klappt ja auch bei Nazis nicht, und solche Schmeißfliegen des Cybermobbings agieren auf dem gleichen niederträchtigen Niveau – kann man nur hoffen, dass es die auf andere Art trifft. Welche auch immer das dann sein mag…

Eigentlich ist es ja gar kein Degenerationseffekt des Internets. Das Netz ist halt einfach zur Waffe verkommen, so wie jede andere Erfindung der Menschheit davor auch schon. Worte sind Werkzeuge, können folglich auch als Waffe gebraucht werden, um andere wahrhaftig zu verletzen. Und das Internet hat allen Menschen die Möglichkeit verschafft, diese Waffe global, unmittelbar und dauerhaft zum Einsatz bringen zu können. Es ist nicht das Internet, das degeneriert ist – es ist der Mensch! Und daher ist es eigentlich auch vollkommen egal, ob wir das mit dem Klimawandel noch gerissen kriegen. Denn besser wäre es wohl, wenn wir vom Antlitz dieses wunderschönen Planeten einfach verschwinden würden. Sang- und Klanglos, ohne dass es noch irgendeine Influence auf den weiteren Gang der Dinge hätte.

Weil das aber noch eine Weile dauern wird, und die Hoffnung bekanntermaßen als Letztes aus Pandoras Büchse kam, und auch als Letztes sterben wird, ergehe ich mich, genau wie diese dummen kleinen Cybermobber und Influencer – ist eh alles nur das Selbe – in gewalttätigen, kleinbürgerlichen Großmachtphantasien, die ich hier nicht ausführen muss. Und versuche dennoch wenigstens den/die eine*n oder andere*n davon zu überzeugen, dass humanistisches Menschenbild und Handeln eine Alternative zu jenen öffentlich ausgelebten narzisstischen Persönlichkeitsstörungen sein könnten, welche das Netz offenkundig befeuert. Schönes Wochenende in Egomanistan…

Who am I?

Die letzten Wochen waren eine Zerreissprobe. Und ich denke, dass ich diese langsam, aber sicher überstanden habe. Oh, der große schwarze Hund ist immer noch zu Besuch, aber wir haben uns darauf geeinigt, dass er im Moment nah bei der Heizung liegen bleibt, und sich nicht allzu viel bewegt; dafür darf er zuschauen. Zusätzliches Futter braucht er ja nicht… Beruflich komme ich derzeit wieder in ruhigeres Fahrwasser, weil sich die richtige Mischung aus Offensive und Diplomatie eben doch auszahlt, wenn man nur ein bisschen Geduld hat. Eine meiner großen Schwächen ist leider, dass ich eigentlich am Liebsten immer alles sofort gelöst sehen möchte. Man könnte jetzt mit Ende 40 mal langsam ein bisschen ruhiger werden, oder? Immerhin habe ich mir noch eine kleine Verschnaufpause für Ende des Monats eingeplant. Dennoch werden die Monate November und Dezember noch mal ein long run. Wie immer halt. Wie gerne hätte ich im Moment noch mal Sommer in der Toskana…

Pieve die Santa Maria a Panzano

“Who am I” ist natürlich eine Catchphrase um verschiedene Aspekte meines Selbst zu reflektieren, die ich in den letzten Wochen an mir bemerkt habe:

  • willensstark scheint auf den ersten Blick positiv, kann aber halt auch in Sturheit oder Verbohrtheit umschlagen. Manchmal dauert es ein bisschen, bis man den Unterschied selbst erkennt. Zumeist braucht es dabei Hilfe von Außen.
  • hoffnungsfroh kann hingegen die Gestalt von leichtgläubig, oder vertrauensselig annehmen. Dennoch ist Hoffnung empfinden zu dürfen, auch, wenn’s mal ein wenig rauer zugeht trotzdem ein nicht zu unterschätzendes Geschenk.
  • Organisator ja, das kann ich tatsächlich. Auch wenn ich mir ab und zu wünschen würde, dass ich nicht ganz so viele Workarounds aus dem Hut zaubern müsste. Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels – und zur Abwechslung ist es mal kein entgegen kommender Zug…!
  • ambivalent/ambig emotionale Wechselbäder sind mir weder fremd, noch komme ich damit im Alltag nicht klar. Dennoch ist meine diesbezügliche Toleranz gegenwärtig beinahe aufgebraucht. Ich brauche mal ein paar Momente der Klarheit!
  • Muse auch mein Talent zur Inspiration scheint noch zu funktionieren, wenngleich ich mir mehr Raum schaffen muss, mich auch mal wieder selbst zu inspirieren. Vielleicht hilft ja meine gegenwärtige Lektüre ein wenig…
  • integrativ Menschen und ihre Motive/Ziele unter einen Hut zu bekommen, ist manchmal gar nicht so einfach. Genau das hat mich in den letzten Wochen Nerven en masse gekostet. Aber es zahlt sich aus – und das für alle Beteiligten. Da bin ich mir sicher.

Damit ist natürlich immer noch nicht gesagt, wer ich bin! Das rauszufinden passiert ja aber auch dauernd neu, und ist wohl nie abgeschlossen. Gegenwärtig schlage ich mich deshalb, quasi als Ersatzbefriedigung, mal wieder mit der Frage rum, was ich eigentlich will. Ich meine, ich mache meinen Job wirklich verdammt gerne, aber ich möchte mich nicht nur darüber definieren. Und gerade jetzt ist alles ein bisschen viel. In meinem Hinterkopf spukt mal wieder der Gedanke endlich mehr zu schreiben; endlich mal eines der drei bis vier Bücher, die zum Teil relativ weit gediehen auf meiner Festplatte vor sich hin sintern auch zum Ende zu bringen. Aber das ist schwer, wenn man das Gefühlt hat, das an jedem Projekt noch etwas (evtl. Entscheidendes?) fehlt. In solchen Momenten darf man sich auch – oder gerade – als kreativer Mensch mal Inspiration und Ideen von Außen holen. Und da schwemmte das moderne Antquariat aus den USA das hier auf meinen Schreibtisch:

ISBN: 978 -1-58297294-7

So far, a damn good read! Es beantwortet sicher nicht meine Eingangsfrage, aber es hat mir Lust gemacht, mich mal wieder auf andere Art, als “nur” beim Bloggen, für’s Studium oder die Arbeit an die Tastatur zu klemmen – und vor allem auch meinen wilderen Gedanken mal Freiraum zu geben. Dass ich mehr als genug Geschichten zum Erzählen hätte, daran hat nie ein Zweifel bestanden. Aber ich stelle gerade fest, dass ich an so manchem Grat meiner Skills noch schleifen kann – und werde. Vielleicht wird es neben der vielen Arbeit doch ein guter Herbst. Ich werd’s euch wissen lassen. Bis dahin wünsche ich eine gute Zeit. Und hoffe, dass nicht wieder 10 Tage zwischen zwei Posts vergehen. See you soon.

Langsam aber sicher…

Die Zeitung aufzuschlagen – gleich ob man das mit gutem, altmodisch bedrucktem Papier bewerkstelligt, oder aber per Wischgeste am Mobile Device – ist ein kathartischer Akt. Steht ja doch nur Scheiß im Tageblatt. Das schlechte Nachrichten aus Sicht eines Redakteurs dabei gute sind, weil Tod und Sex sich in vielerlei Hinsicht immer noch am besten verkaufen lassen, ist ein alter Hut; oder ein Feigenblatt, je nachdem… Dabei wird aus dem Redakteur oft ein Redukteur, denn der Informationsgehalt muss auf ein verdau- und auch wieder ausspeibares Maß reduziert werden. Sonst ist Ottonormalbürger*in womöglich geneigt, nach mehr Fakten zu suchen und sich ein eigenes Bild zu machen. OK, das war böse und gilt nicht für jede Postille. Zumeist aber für die BLUT, die WELT, den FOCUS, die NZZ und noch so ein paar Blätter, die Tradition als ausreichenden Fortschritt zu verkaufen versuchen. Diese kuratierten “Snipets of Info” sind dabei meist genau so zugeschnitten, dass sie sich einfach, dumm und unreflektiert in den asozialen Medien teilen lassen. Wer mag nicht ein paar schnelle Likes, wenn das mit Titten, Dogmen, Tod und Hass doch am schnellsten geht…?

Jaaaa, ich bin mal wieder in einer dieser Stimmungen. Noch vor ein paar Wochen, als ich mit meiner Familie auf dem Ausflug unterwegs war, bei dem unter anderem auch die Bilder in diesem Post entstanden sind, fühlte sich das noch besser an. Wir alle haben ja diese Erzählung unserer Selbst im Hinterkopf, diese Idee einer individuellen Identität, die Herr ihrer kleinen Welt, ihrer Handlungen, ihres Wohls ist. Tja… manchmal fliegt der flotte Selbstbetrug allzu schnell auf. Im Moment bin ich der Herr von NIX. Alle Pläne sind durch eine kleine Unbedachtheit in der Schwebe, alle Kontrolle liegt nun in anderen Händen, und die Selbstsicherheit kauert in einer dunklen Ecke hinter dem Ofen in der Küche meines Gedankenpalastes und wartet – wartet auf den Zusammenbruch des Kartenhauses.

Als ich durch die beeindruckenden Reste des Klosters Disibodenberg mäanderte, hätte ich mir nicht träumen lassen, wie schnell mal wieder alles an die Wand fahren würde. Allerdings hätte ich auch nicht damit gerechnet wie – mit Verlaub – SCHEISSEGAL mir das gerade ist. Ich denke, während ich diese Zeilen schreibe darüber nach, was wohl passiert, wenn alsbald tatsächlich der schlimmste Fall eintritt. Und komme langsam zu dem Schluss, dass dieser schlimmste Fall vermutlich für andere wesentlich schlimmer wäre, als für mich. Ich bin zwar eigentlich keiner, der beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten den Schwanz einzieht und wegrennt. Wenn ich was verbockt habe, kommuniziere ich das, und gehe dann in die Offensive, in dem Versuch zu kitten, was zu kitten ist. Aber wir alle wissen, dass wir nicht immer Herren unseres Schicksals sind. Also bin ich trotzdem auch unruhig, denn wenn man das Seine getan hat und warten muss, ist das immer beunruhigend. Wir sind schließlich Menschen und da ist unsere Ratio immer nur ein Haaresbreite von der Irrationalität, dem Subjektiven, der Intuition entfernt. Auch im Gegenüber…

Jedenfalls schlug ich heute morgen die Zeitung auf und da war wieder einer dieser Artikel über Sinnsuche. Ein Thema, das mich schon lange verfolgt. Und es passte gerade zu meiner Stimmung, also las ich den Kram, wo auch im Artikel und in den Kommentaren wieder nur olle Kamellen aufgegossen wurden. Da wird mit Philosophen um sich geworfen, als wenn die lange gedachten, gedruckten und 1000fach replizierten Gedanken eines Anderen, und mögen es noch so kluge Ergüsse sein, tatsächlich Balsam für (m)eine Wunde Seele sein könnten. Natürlich kann man sich in irgendeinem Buch oder Magazinartikel wiederfinden – wenn man denn dort nach sich suchen möchte. Und natürlich sitzt man dann irgendwann nickend da uns sagt “JA, das könnte ich mal versuchen…”. Hölle nein. “Walk a mile in my shoes!” ist nicht nur so dahingesagt. Es ist ein Sinnbild für das Bestreben, Anderen die eigene Sicht auf die Existenz begreifbar machen zu wollen. Was selten richtig gut klappt. Das ist ja schon bei Menschen schwierig, mit denen man lange bekannt ist. Aber bei irgendwelchen x-beliebigen Dritten? Wie soll also eines anderen Schreibe tatsächlich meine Probleme lösen helfen…?

Wie auch beim Fotografieren versuche ich bei diesen Meditationen über die verschissene Verfasstheit meiner Lebensrealität (und nichts anderes sind manche meiner Posts) viele unterschiedliche Blickwinkel – und bin nur selten wirklich mit den Ergebnissen zufrieden. Vielleicht ist aber genau diese Erkenntnis das Substrat, welches mir momentan am meisten Entlastung verschafft: dass 100% Zufriedenheit einfach eine Illusion bleiben muss, weil immer irgendetwas stört, den Blick versperrt, nicht funktioniert wie versprochen oder gedacht, vom eigentlich Relevanten ablenkt und schlussendlich Illusionen zerstört. Illusionen über das eigene Vermögen (nicht im Sinne von Geld sondern Kompetenz), über die eigenen Intentionen und Ziele, die eigene Situation. “Da steh ich nun ich armer Tor. Und bin so klug als wie zuvor.” Danke, Dr. Faust. Allerdings habe ich NICHT meine Seele dem Teufel verkauft. So weit bin ich noch nicht in meinem Streben nach Erkenntnis. Jedoch langsam aber sicher mal wieder auf der Suche nach Lösungen für komplexe Probleme. Einstweilen wünsche ich uns allen ein schönes Wochenende, Geduld und Zufriedenheit. Peace.