The Critic N°7 – schon wieder Superhelden…?

Ich will ehrlich sein: das Genre “Superhelden” ist ausgenudelt. Schon seit ca. sieben, acht Jahren. Vielleicht auch schon länger. Und trotzdem pumpen Studios immer wieder nutzlos Dollars in immer wildere, immer gehaltlosere Iterationen, die dem Thema nichts Neues mehr hinzufügen, keine neuen Blickwinkel eröffnen, vor allem aber keine neuen Stoffe zulassen, weil dieses ganz und gar inspirationsarme Rumgewurschtel in sogenannten Franchises (Filme und Serien über die gleichen Charaktere/Geschichten) so viel Kohle verbrennt, das nix für neue, frische, andere Stoffe übrigbleibt. Und wenn sich dann mal jemand an einen anderen Stoff versucht, kopiert er die “Marvel-Formel”, in der Hoffnung mit einer neuen IP (Intellectual Property) ein neues Franchise zu begründen, mit dem man dann Geld drucken kann. Doch irgendwann ist dieses teil-ironische, möchtegern-witzige, unsere aktuelle Realität dauer-dekonstruierende CGI-Gewitter nur noch ein esprit-freier, endlos langweiliger, kaleidoskopartiger Bilder-Mix ohne jeglichen Gehalt. Ja, die Menschen mögen das Bekannte. Deshalb bekommen wir ja dauern das Gleiche angeboten, in der Hoffnung, dass wir unsere sauer verdiente Kohle noch mal dafür ausgeben. That’s capitalism, baby! Aber jeder bekannte Stoff ist irgendwann auserzählt, abgewichst und abgebrannt. Da nützen dann auch 500 Millionen Dollar oder mehr nichts, bei denen man sich dann auch noch – insbesondere angesichts der miesen Effekte – oft genug fragen muss, wo diese Kohle denn verschwunden ist. Allzu oft offensichtlich nicht in gutem Handwerk… Ein weiteres Problem entsteht, wenn sich eine eigentlich gute Geschichte der ideologischen Verbrämung durch den Writers Room unterordnen muss. Ich möchte gerne sehen, dass Besetzungen inklusiv sind. Ich möchte aber – insbesondere in Period Pieces – auch sehen, dass die Darsteller zur dargestellten Epoche und dem zugehörigen kulturellen Hintergrund passen. Und da spielt dann halt keine POC einen britischen Adligen des frühen 19 Jahrhunderts. Sorry. Ich möchte sehr gerne starke weibliche Hauptrollen sehen. Aber eine starke weibliche Hauptrolle hat verdammt noch mal andere Qualitäten, als eine starke männliche Hauptrolle. Nicht alles kann (oder muss) über die Physis – oder einen Coolness-Schwanzvergleich – entschieden werden. Und hört endlich auf, Action-Szenen so zu zerschneiden, dass einem von dem Geflimmer schlecht wird, oder sie so unterzubelichten, dass man gar nichts mehr erkennen kann – Goddamnit!

Und dann… ja dann kommt plötzlich “Spider-Noir” um die Ecke. Ich war zuerst echt nicht besonders thrilled. Einzig der Name des Hauptdarstellers ließ mich aufhorchen: Nick Cage in seiner allerersten Serie? Und Brendon Gleason als Bösewicht. Immerhin zwei verdammt erfahrene Darsteller-Schwergewichte. Also gut. Und was bekomme ich zu sehen: einen Film Noir in 8 Episoden, angereichert mit Pulp-Actionhelden-Elementen, die Spaß machen. Viele echt schöne physische Setpieces. Die Möglichkeit das ganze in Farbe oder in Schwarzweiß zu sehen. Figuren mit Charakter, Agenda und Entwicklung, dargestellt mit sichtlichem Spielspaß. Einen eigentlich gebrochenen Helden, der am Ende trotzdem zeigt, dass er es noch drauf hat – und bereit ist, seinen Weg weiter zu gehen. Eine echte Femme Fatale! Und endlich mal Action-Szenen, bei denen man sieht, was gerade passiert. Okay: Spider-Noir erfindet das Thema Action natürlich nicht neu, bleibt aber dennoch innovativ genug, dass es nicht langweilig wird. Die Geschichte als solche wird zwar langsam erzäht, doch auf Grund der knackig kurzen Folgen (jeweils ca. 42 Min, wie bei früheren Serienfranchises) entsteht wenig Leerlauf. Da ist viel Liebe zum Detail im Produktionsdesign und der Introsong (gesungen von KIRBY) bringt einen sofort in die richtige Stimmung. JA, Nick Cage zeigt auch hier wieder etwas von seinem typischen Overacting, aber es passt zu dieser Figur irgendwie. Der Effekteinsatz ist aus meiner Sicht gelungen, wenngleich an ein paar Stellen noch etwas mehr Sorgfalt bei der CGI angezeigt gewesen wäre. Das Schwarzweiß-Erlebnis hingegen… Erste Sahne. Das Lighting der Charaktere, die Licht-Schatten-Spiele, die Stimmung. So geht richtig gute Kinematographie, ohne die Zuschauer zu überfordern. Okay… eine POC als erfolgreicher Reporter im New York der 30er – Nein, nicht in der wahren Welt. Aber in diesem Parallel-Universum will ich Ihnen das mal durchgehen lassen, zumal Lamorne Morris’ Spiel als “Joe Robertson” eine echte Bereicherung ist. Und Karen Rodrigues als “Janet” – passt einfach.

Ja, auch diese Serie erfindet das Superhelden-Genre nicht neu. Es gibt ein paar wenige Längen, manches ist overacted und ein paar Schnitte zum Perspektivwechsel zwischen den Erzählsträngen und Figuren haben mich kurzfristig irritiert. Doch insgesamt haben mich die solide Mischung aus Pulp-Era Superhelden-Geschichte und Film Noir, sowie die Darstellungen und das Produktionsdesign positiv überrascht und mir ein paar wirklich unterhaltsame Stunden beschert. Würden sich mehr Film- und Serienmacher darauf besinnen, einfach eine gute Geschichte zu erzählen, anstatt Botschaften und Subtexte senden zu wollen oder zwanghaft den Kanon altgedienter Franchises bastardisieren, auf den Kopf stellen und alte Helden dekonstruieren zu müssen, bekämen wir vermutlich mehr qualitativ hochwertige Unterhaltung dieser Art. Doch wie stets… natürlich ist auch diese Serie nichts für jedermann. Man sollte Nick Cage mögen und ein Nerd-Herz haben. Dann kann die Serie allerdings echt Spaß machen. Meine Empfehlung an die fellow weirdos, die sich das Ganze antun möchten: schaut’s in Schwarzweiß. Ist die geilere Variante. Schönen Samstag.

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