Reisen kann einem auch mal etwas abverlangen. Freitagabend hatte eine Gruppe junger Menschen auf einem öffentlichen Platz direkt oberhalb unseres Feriendomizils bis 01:30 Nachts Halligalli gemacht. Erst nachdem sowohl ich, als auch Anwohner ihnen persönlich Bescheid gestoßen hatten, verebbte die, sagen wir mal… fragwürdige Musikauswahl, die noch dazu wenig stilistische Kontur zeigte endgültig. Ich war allerdings am Samstag dementsprechend körperlich platt und mental ziemlich dünnhäutig. Wir haben den geplanten Ausflug nach Collioure trotzdem gemacht. Und siehe da: nach ein paar emotionalen Unebenheiten war’s dann doch ‘ne geile Wurst. Das Château Royale kann ich den Geschichts- und Architektur-Interessierten für einen Besuch nur wärmstens empfehlen. Wir kamen dann nach einem Shopping-Schlenker am Nachmittag in ein Tal zurück, dass von dunklen Wolken verhangen war, dafür aber einige Grad kühler als das glühende Umland von Perpignan. Und ein paar Stunden später gab’s dann auch endlich den ersehnten Regen. Wir saßen auf – manchmal regenbedingt auch nur an – unserer kleinen Terrasse und konnten so ab 21:30 dann auch Blitze kucken, die über den Bergrücken zum Nachbartal ein beeindruckend-schauriges Lichtspektakel zauberten. Unterdessen fühlt sich der Urlaub doch wie einer an. Einzig die schwüle Hitze, die uns dazu zwingt, sehr genau zu schauen, was man sich anschauen kann und wann man lieber doch wieder an die wundervolle Freibadestelle fährt, drückt. Jetzt aber eher auf den Körper, denn auf’s Gemüt.

Was ist denn schon normal? Ich weiß es auch nicht, wenngleich viele Leute derzeit gerne über ein “neues Normal” schwadronieren, offenkundig jedoch ohne zu wissen, dass es so was wie ein “altes Normal” nie gegeben hat. Wir, so als Gesamtspezies betrachtet, leben mit allem anderen was hier grünt, blüht, kreucht und fleucht lediglich als Gäste. Und wenn es so was wie eine intergalaktische Buchungs-App für Planeten gäbe, hätten wir Menschen als Gäste eine 0,01-Sterne-Bewertung mit einem “Buchung ablehnen”-Vermerk. Wir haben es auf einer Skala von 0 bis 10 ca. bei einer 33,8 verkackt und gehen dennoch durch unsere Leben mit einem permanenten Flow an Erwartungen an alles Mögliche und sind immerzu furchtbar enttäuscht, wenn auch nur einzelne dieser, oft völlig überzogenen Erwartungen – ZWANGSLÄUFIG – enttäuscht werden. Ich erinnere an die unüberwindbare Mauer der nächsten Sekunde… Unser Gedächtnis für unser Forderungen an DAS LEBEN ist groß, dass für unsere verdammte Verantwortung, diese selbst wahr werden lassen zu müssen indes leider ziemlich klein. Und ich bin da keine Ausnahme. Ich komme in einen Ort, in dem Menschen leben, die hier ihr Zuhause haben – und meine Stress- und Depressionsgeplagte Seele meint, das Universum müsse sich nur um meine verdammt egoistischen und kleinlichen Befindlichkeiten drehen? Funfact: tut es natürlich nicht! Zudem ich heute die Feststellung treffen muss, dass es überhaupt nicht funktionieren KANN, alle Erwartungen, insbesondere an richtige Erholung auf einen kleinen Zeitraum zu projizieren, für den ich mir von meinem Arbeitgeber Dispens für das Nichterscheinen am Arbeitsplatz ausbitten kann; im Volksmund auch Urlaub genannt. Wäre es nicht gesetzlich geregelt, würde die Bitte zudem abgelehnt. Arbeitnehmerrechte müssen unangetastet bleiben! You hear me Fotzenfritz? YOU HEAR ME KELLNER LARS? Aber zurück zum Thema…
Ich habe mich gestern, wie ich so durch Collioure kraxelte (ja, es ist dort ziemlich hügelig) des Umstandes erinnert, warum ich eigentlich hierherkam. Nämlich, um den Kopf wieder freizukriegen, mich auf mich selbst, meine kreativen Stärken, meine Energie-Quellen zu besinnen und langsam wieder mehr Luft zum Atmen zu bekommen. Ich habe mich jedoch in den letzten Tagen – getrieben von der Erkrankung, welche mich die letzten sieben Tage vor dem Urlaub zurückgeworfen hatte und meiner Angst vor der Hitze – viel mehr auf meine angekratzten Befindlichkeiten, denn auf meine Stärken konzentriert, mich kaum einmal mit meinen liebsten Hobbies befasst, nur wenig sinnvolle Konversation mit der besten Ehefrau von allen geführt und mich insgesamt als jämmerlich-jammrige Kopie meiner Selbst erlebt. Damit ist Schluss. Ich saß heute morgen wieder in dem glucksenden Bach, für eine kleine Weile ganz allein mit mir und diesem bezaubernden Stück Erde. Und da habe ich, wie ich glaube nicht nur Frieden gespürt, sondern unterdessen auch verstanden, dass ich diesen Frieden für mich nur aus mir selbst erreichen kann. Nichts und Niemand sonst wird das tun. Nicht die Jungs mit ihrer Boombox, die nur ein bisschen Dampf abgelassen haben. Nicht die Hitze, denn die ist einfach existent. Nicht die lieben Menschen in meinem Leben, denn die haben jeweils ihr eigenes Bündel zu tragen; wenngleich wir alle hin und wieder einen Spiegel zur Selbstreflexion brauchen. Und auch nicht mein Therapeut, wenngleich er immer wieder sehr tiefsinnige Fragen stellt, die mich zum Wahrnehmen neuer Aspekte zwingen. Nur ICH kann das alles hinkriegen. Was allerdings nicht bedeutet, dass ich unterwegs keine Breakdowns mehr haben werde…

Ich bin mitnichten endgültig von meinen diesbezüglichen Fehlern geläutert. Aber meine Wahrnehmung hat sich verändert und es fühlt sich richtig an. Wir werden noch ein, zwei Ausflüge unternehmen, ich werde die weiteren Tage hier zu nutzen wissen und mich auch mal meinem geliebten TTRPG widmen, sofern mein Kopf frei genug dafür ist. Der Ärger und Stress der Heimat werden mich in knapp acht Tagen wieder voll im Griff haben, aber bis dahin… ja bis dahin will ich mein Bestes versuchen, mich nicht noch mal von Dingen so hart runterziehen zu lassen, auf die ich eh keinen Einfluss habe. Euch einen guten Start in die neue Woche.
