Was bedeutet Faszination? Ich meine genügt es, von irgendetwas überrascht zu sein, um sich fasziniert zu fühlen? Muss dazu eine Erfahrung entstehen, die ich noch niemals zuvor gemacht habe? Oder kann mich auch etwas faszinieren, dass ich eigentlich bereits zu kennen glaubte? Was ist das denn überhaupt – Faszination? Und… fühlt es sich für jeden von uns gleich an? Ist überhaupt jeder von uns „faszinierbar“? Zumindest bezüglich dieser Frage denke ich eine Antwort zu haben, wenngleich auch keine befriedigende: Ich habe manchmal das Gefühl, dass wir modernen Menschen die Fähigkeit verlieren, von den Dingen, die uns umgeben und denen wir begegnen, fasziniert zu werden. Das könnte an unserem üblichen Modus der Medienrezeption liegen, über den ich bereits bei mehreren Gelegenheiten gesprochen habe. Aber das ist lediglich eine Vermutung. Warum ist es dann überhaupt wert, extra darüber nachzudenken, was uns fasziniert und warum? Hilft uns die Fähigkeit fasziniert werden zu können denn bei irgendwas? Ist es für den „menschlichen Modus“ in irgendeiner Weise von Bedeutung? Und falls dem so wäre, welche individuellen Auswirkungen hätte es dann? Da habe ich nun eine Menge Fragen aufgeworfen, rings um einen Begriff, der für die meisten Menschen, wenn überhaupt nur einen, schwer zu beziffernden Stellenwert zu haben scheint. Wie so oft sind die Antworten auf all diese Fragen nicht in meinem Kopf zu finden, weil jeder und jede diese für sich selbst selbst beantworten muss, um überhaupt irgendetwas über sein Selbst herausfinden zu können. Denn eines scheint gewiss: auch Faszination ist ein höchst individuelles Thema.

Ich werde nicht nochmal auf den Modus der Medienrezeption eingehen. Dem habe ich hier neulich relativ viel Raum gewidmet. Worauf ich allerdings eingehen möchte, ist die Frage nach der Faszinierbarkeit; insbesondere unter dem Aspekt, dass ich ja eben einen nicht unerheblichen Teil der Menschen unterstellt habe, dass sie eben nicht fasziniert werden könnten. Und da sind wir schon bei einer interessanten Unterscheidung: sind wir eher fasziniert aus uns selbst heraus (aktiver Vorgang), oder werden wir fasziniert durch extrinsische Reize (passiver Vorgang)? Nach meiner persönlichen, rein anekdotischen Evidenz ist es natürlich eine Mischung aus beidem. Allerdings ist das Mischverhältnis von Mensch zu Mensch verschieden! Das hat mit den individuellen Interessen zu tun, dem Umfang des „Weltwissens“ (nicht Allgemeinbildung im klassischen Sinne, sondern Erfahrung im Umgang mit verschiedenen Wissensgebieten, Kulturen und Situationen), sowie der individuellen Ausprägung insbesondere der Persönlichkeitsmerkmale „Offenheit“, „Extraversion“ und „Verträglichkeit“. Kommen wir nun zur Faszinierbarkeit zurück, so wird einem der gesunde Menschenverstand bei der Erkenntnis weiterhelfen, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Wahrnehmungen reagieren, allerdings umso leichter fasziniert sein können, je mehr sie bereit und fähig sind, sich auf Neues einzulassen… klingt komisch, ist aber so. Vor allem unter dem Aspekt, dass man Neues auch im Bekannten finden kann, wenn man die Sinne nur weit genug offenlässt. [EXKURS: Scheiß-Nazis sind also nicht nur dämliche Rassisten, Chauvinisten und Mysogynisten, sondern auch noch überaus arme Schweine, weil Veränderung ihnen Angst macht; und sie deshalb NICHT in den Genuss kommen, sich WIRKLICH faszinieren lassen zu können. Noch ein guter Grund, kein Scheiß-Nazi zu sein! EXKURS ENDE]
Nehmen wir das Beitragsild weiter oben. Ich kenne diesen Ausblick mittlerweile seit über 28 Jahren (ja, so lange wohne ich schon am gleichen Fleck, meine Fresse…); und dennoch finde ich dort, von der Balkontür in der Küche aus, immer mal wieder neue Einblicke, neue Farben, neue Details, neue Gedanken und Inspirationen, die mich immer wieder zu diesem Ort gehen und einfach nur schauen lassen. Nicht jeden Tag, aber doch immerhin oft genug, um sagen zu können, dass ich des Anblickes immer noch nicht müde geworden bin. Man könnte nun sagen, dass es einfach nur gelernte Gewohnheit ist – “Konditionierung”, wenn man so will – die mich an das allzu Bekannte fesselt, weil das allzu Bekannte uns Sicherheit gibt. Wir Menschen haben und pflegen Traditionen, weil diese uns im ewigen Zyklus einer sich stetig weiter ändernden Welt einen Anker bilden, den wir als stabilen Haltepunkt für unsere Identität nutzen können! Man könnte meine Gewohnheit, immer wieder diesen Ausblick zu studieren nun also als Ausdruck meines Sicherheitsbedürnisses im Angesicht der Unsicherheit unserer Zeit und Welt deuten. Fair Game… allerdings gibt es einen kleinen, jedoch alles entscheidenden Unterschied zwischen mir und dem Scheiß-Nazi, der auch aus seinem Küchenfenster kuckt, und ganz sicher ebenso ein Bedürfnis nach Sicherheit hat. Denn anders ist sein Hass auf alles Neue und Fremde kaum zu erklären! ICH schaue hinaus und sehe den Ausblick als das, was er ist – ein Abbild des stetigen Wandels, nicht nur der Jahreszeiten, sondern der Welt an sich. ICH sehe die Veränderungen – und auch, wenn ich nicht jede von ihnen mag, nehme ich sie an und reflektiere ihre Bedeutung für mein Sein. Der Scheiß-Nazi jedoch… der steht einfach nur da und blubbert stumpf vor sich hin, weil die Welt sich halt ändert – und er das aber partout nicht wahrhaben will! Nur, damit das an dieser Stelle klar ist: ich verstehe den Mechanismus. Aber Verstehen bedeutet keinesfalls Verständnis! Der Scheiß-Nazi bleibt immer noch ein Scheiß-Nazi, dem ich mit Ablehnung und Kampf begegnen werde.
Faszination ist also einerseits eine weitere Facette von Verständnis; und andererseits die Bereitschaft, immer wieder staunen zu können… und zu wollen! Also die aktiven Seite von Faszination zu leben. Denn, wenn ich mich immerzu nur berieseln lasse, in der Erwartung, dass irgendwas mir schon ein WOW entlocken wird, dann stirbt dieser Teil. Und damit ist es doch irgendwie auch wieder eine Meditation über Kreativität. Allerdings dieses mal mit dem Spin, dass bewusst kultivierte Kreativität in vielen Fällen auch davor schützt, sich von den falschen Predigern (Fascho-Gesocks, Bible-Basher, windige Coaches und ihr Gefolge) vereinnahmen zu lassen; nämlich indem wir weiter denken, wenn die anderen sich schon ihr rein extrinsisches WOW abgeholt haben und geblendet von Fake-Faszination anfangen, seltsame Dinge zu tun. Apropos… waren die Heiligen Drei Könige schon bei euch…? Ich wünsche einen faszinierenden Tag.
