Der verwirrte Spielleiter N°52 – Das Böse ist los!

Ist schon lustig, dass man im Pen’n’Paper immer davon ausgeht, dass es so etwas wie ein Alignment, oder zu Deutsch eine Gesinnung gibt – und dass eine Gesinnung ein fixes Konstrukt ist, dass sich niemals ändert und das vor allem in einer Population gleich verteilt ist. Alle Orks sind böse – oder? Alle Elfen sind gut – oder? Alle Spielercharaktere müssen guter Gesinnung sein, sonst sind sie keine Helden – oder? Alles, was kein Held ist, ist ein Monster (oder ein böser Gegner) – oder? Warum arbeiten wir im Fantasy-Rollenspiel mit derlei Aussagen? Weil ein nicht unerheblicher Teil im Ausspielen von Konflikten besteht, und Spieler:innen sich gerne darauf verlassen, dass es okay ist, den Gegnern auch mal die Schädel einzuschlagen. Denn in der Realität ist es das nicht; auch wenn ich mir zum hundertsten Mal wünsche, dass das Verbuddeln der Überreste von Idioten, die ihren Führerschein einfach nicht verdient haben straffrei bleiben sollte. Kleinbürgerliche Goßmachtträume sind in der Realität genau das – Träume. Also räumen wir mal kurz mit einigen hartnäckigen Missverständnissen auf.

Das Böse hat am Bild gespielt… 😉

Zunächst muss klar sein, dass der Begriff “böse” im Kontext Pen’n’Paper nur auf einer rein erzählerischen Ebene funktionieren kann. Das Böse im Rollenspiel hat mit dem Bösen der realen Welt nichts gemein – es mag Erzählfiguren und NSCs geben, die von der realen Welt inspiriert sind, doch in der Secondary World sollten jene Ambivalenz und Ambiguität, welche sich in Echt-Welt-Konflikten finden nur gut dosiert eingesetzt werden, weil die Spieler:innen sonst u.U. nicht das Maß an Eskapismus erleben können, für welches sie eigentlich an den Spieltisch gekommen sind. Wenn jede Situation zu einer moralischen Herausforderung im unüberschaubaren Reich der Grautöne wird, bleibt der Spielspaß auf der Strecke. Das bedeutet NICHT, dass es KEINE moralisch fordernden Situationen geben sollte! Man ist jedoch gut beraten, diesen im Spiel keinen zu großen Raum zu geben. Das wahre Leben ist schon genug voller Uneindeutigkeiten und Dissonanzen, die uns alle erheblich kognitiv fordern.

Wenn das Böse aber als erzählerische Kategorie funktionalisiert wird, muss ebenso klar sein, dass Erzählungen – insbesondere am Pen’n’Paper-Spieltisch – dynamisch sind. Sie entwickeln sich weiter, während wir diese gemeinsam erzählen. Folglich sind auch die Charaktere und NSCs, sowie die Gruppierungen, denen sie angehören dynamisch. Die Welt entwickelt sich als fortlaufender Prozess mal mit, mal ohne Zutun der Charaktere weiter; und lässt damit den Spielern oftmals keine andere Wahl, als ihre Charaktere auch weiter zu entwickeln. Zumindest, wenn die “Rolle” in Rollenspiel tatsächlich als solche begriffen wird. Wenn Charaktere und Ihre Persönlichkeiten dynamisch veränderliche Konstrukte sind, können sie auch böse sein, böse werden, gut werden oder gut bleiben. Denn bestimmend dafür, ob ein Pen’n’Paper-Char und seine Handlungen als böse oder gut wahrgenommen werden ist lediglich der Grad, in welchem die Ziele dieser anderen virtuellen Person mit denen meines Charakters übereinstimmen. Wir wollen alle das Selbe => alles easy => Char ist gut! Der Spieler und damit sein Char haben konträre Ziele => Feind => Char ist böse! One persons evil is another persons goal!

geklaut bei Matt Colville, ergänzt von mir

Es ist in diesem Zusammenhang evtl. von Vorteil, sich mal über verschiedene moralische Archetypen Gedanken zu machen, die ich in dem obigen Bild in einem semiotischen Rechteck nach Greimas dargestellt habe:

  • HELD: das heldenhafte Prinzip beinhaltet, sich auf jene Art zu verhalten, die wir instinktiv mit Heldentum assoziieren, also die Schwachen zu schützen, Unrecht zu bekämpfen, dem Bösen die Stirn zu bieten, etc. Ein Held zu sein entbindet Spieler:innen allerdings nicht von der Aufgabe, sich eine stimmige Motivation auszudenken, warum DIESER Charakter sich JENER Aufgabe verschreibt (trotzdem findet man hier viele typische Spielercharaktere).
  • BÖSEWICHT: der Widerspruch zum Helden, jenes ungezügelte Prinzip, in welchem sich alles Unrecht bündelt, das wir uns vorzustellen vermögen (dieser Charakter ist ein NSC und gehört den SL). Nachvollziehbare Motive können eine Rolle spielen; oftmals haben wir hier aber einfach jene chaotischen Soziopathen, die einfach nur die Welt brennen sehen wollen, weil ihnen das Feuer so gut gefällt.
  • ANTI-HELD: hier wird es interessant. Anti-Helden wollen keine Helden sein, werden aber durch die Umstände dazu genötigt, heldenhafte Dinge zu tun, solange diese auch mit ihrer eigenen Agenda vereinbar sind. Der Anti-Held reist mit einer Gruppe, solange seine und deren Ziele halbwegs kongruent sind. Ist dies nicht mehr der Fall, droht die Trennung. (kann ein interessanter Spielercharakter sein, solange mit dem SL sauber festgelegt wird, welche Ziele dieser Charakter eigentlich verfolgt).
  • ANTI-BÖSEWICHT: und der hier möchte kein Bösewicht sein, fühlt sich aber durch die Umstände gezwungen, böse Dinge zu tun, um seine eigenen Ziele erreichen zu können. Solange jedoch seine Ziele auch durch Teilnahme an der Heldenreise erreichbar scheinen, wird er mit einer Gruppe nicht nur kooperieren, sondern diese auch unterstützen, sofern ihn dies seinem eigenen Ziel näher bringt. (das ist der Charakter mit dem Geheimnis, welches mit dem SL abgesprochen wurde und der u. U. in einem kritischen Moment die Gruppe hängen lässt. Das hat dann auch nichts mit Feindschaft zu tun – es ist einfach nur so, dass seine Ziele IMMER wichtiger sind, als die der Gruppe).

Es ist also nichts schlimmes dabei, einen “bösen” Charakter spielen zu wollen, sofern a) klar ist, dass der Spielspaß für ALLE am Tisch respektiert werden MUSS und b) mit dem SL klare Absprachen über Ziele und deren Erfüllung getroffen wurden oder c) ALLE böse Charaktere spielen und eine gemeinsame Agenda haben. Kann alles funktionieren, braucht nur gute Vorbereitung auf Seiten des SL. Das bis hierher Gesagte zeigt aber auch, dass sich eine Agenda ändern kann, weil das Spiel, die Welt und damit die Charaktere in ihr ändern können. Darüberhinaus können wir das alte “Orks = böse vs. Elfen = gut”-Schema nicht stehen lassen, was aber das Problem aufwirft, das wir uns wieder in der Sphäre der Ambivalenz und Ambiguität bewegen, und nicht einfach jeden Ork umnieten lassen können. Deshalb bedarf es mindestens EINER Fraktion im Spiel, die JEDER hasst und bei der NIEMAND Einspruch erhebt, wen man denen auf die Mupfel haut. Aber auch dafür hat unser semiotisches Rechteck ja bereits eine Lösung parat: den Bösewicht (gerne auch in Mehrzahl). Ob das nun irgendwelche übernatürlichen bösen Monster sind, wie Dämonen, Zombies, Geister, etc. oder eine besonders bösartige Untergruppe einer Spezies, ist vollkommen egal. Für den Spielspaß ist es wichtig, ab und an Vertreter dieser Fraktion auftauchen zu lassen, bei denen klar ist, dass man mit ihnen a) nicht verhandeln kann und sie b) immer böses TUN, weil sie c) immer böse SIND und man ihnen folglich stets mit Gewalt begegnen darf. Wie oft diese zum Einsatz kommen, und wie wüst solche Encounter werden, hängt davon ab, wie Kampf-/Taktiklastig das Spiel insgesamt ist. Aber man braucht so eine Fraktion immer! Denn die Secondary World sollte ein Ort sein, der die Möglichkeit bietet, auch mal die einfach Lösung zu wählen; nicht immer, aber wenigstens ab und an. In diesem Sinne – always game on!

Auch als Podcast…

Das große Staunen N°1 – Warum?

Oft sitze ich vor einem weißen Bildschirm und starre vor mich hin. Die Gedanken fließen immer – nur nicht immer in die gleiche Richtung. Kohärenz bei Denken ist ohne Übung ungefähr so wahrscheinlich wie fliegende Schweine über dem Rhein. Über dem Neckar könnten Sie dir momentan in Mannheim mittels jener Seilbahn begegnen, welche die beiden BUGA-Gelände miteinander verbindet. Ob ich gerade gesagt habe, dass Menschen Schweine sind? Ja, das habe ich! Traut euch doch, mir zu widersprechen… Aber ich war gerade beim blicklosen Starren, welches mich häufig überkommt, wenn ich auf eine Aufgabe blicke, bei der mir weder Start- noch Endpunkt schon klar ist. Ob die geneigten Leser das nun glauben, oder nicht – beim (kreativen) Schreiben weiß der Schreiber oft nicht, wo er ankommen wird; was das Loslegen umso schwieriger macht, denn ohne Ziel vor Augen einen Weg zu finden, ist beim Schreiben mindestens genauso schwierig, wie beim Wandern. Manchmal gibt es eine (mehr oder weniger vage) Vorstellung davon, was ein Text sagen soll, manchmal ist es einfach nur eine Gedankenübung. Die dann auch nicht immer jene Kohärenz erlangt, von der ich eben fabulierte.

Ein Fenster zum Staunen (Fortezza del Girifalco, Cortona, Provinz Arezzo, Italien; im Hintergrund der Lago Trasimeno)

Trotzdem ist da eine intrinsische Motivation, es immer wieder zu tun. Ich besitze halt die Chuzpe, mein “Sendungsbewusstsein” tatsächlich auszuleben. Und ich finde darin eine gewisse Erfüllung, Wortakrobatik zu üben. Die Zunge und die Feder sind wohl die einzigen Instrumente, die durch ständigen Gebrauch schärfer werden. Ich weiß nicht, ob ich mal den Fehler gemacht habe, von beginnender Altersmilde zu sprechen. Meine beste Ehefrau von allen meinte jedenfalls neulich, dass ICH eher zum alten Bruddler, Grantler, Muffler mutieren würde – aber wenn ich Waldorf bin, wo zum Henker ist mein Statler (wer’s nicht kennt => dringend die Muppetshow kucken: die zwei Alten in der Loge!)? Jedenfalls gibt es ein paar Dinge, die mich heute nicht mehr so triggern, wie mit 20 oder 30. Dafür vergeht im Büro oder Lehrsaal so gut wie kein Tag, an dem nicht der Satz “EINMAL mit PROFIS arbeiten…” über meine Lippen kommt. Oft im Spaß, manchmal leider aber auch mit bitterem Ernst. Ich habe neulich mit Kollegen über das Geben von Feedback gesprochen, und es kursiert ja immer noch die Legende, dass man jedes Feedback mit etwas beginnen soll, was man an den Handlungen des Gegenübers gut gefunden hat. Aber was mache ich denn, wenn das Beste was mir dazu einfällt folgender Satz ist: “Schön dass ihr da seid und atmet…”?

Ich schweife ab. Vielleicht resultiert mein Mitteilungsbedürfnis aus der Wahrnehmung von Defiziten in meinem Umfeld (was den Bruddler erklären würde, der überall nur Amateure zu erkennen vermag). Vielleicht ist es auch einfach nur dieser schöne Traum, dass ich etwas dazu beitragen könnte, Anderen beim Wachsen zu helfen (der Lehrer ist stark in ihm). Oder ich bin halt einer von diesen Typen wie Dieter Nuhr, die ums Verrecken ihre Fresse nicht halten können, selbst wenn es die bessere Wahl gewesen wäre. Würdigte der Letztgenannte sein eigenes altes Credo “Wenn man von irgendwas überhaupt keine Ahnung hat – einfach mal Fresse halten!”, gäb’s diese Sendung nicht mehr. Könnte helfen. Wie man’s auch dreht und wendet, ich komme wieder auf das Staunen zurück. Denn es erstaunt mich immer wieder, dass allem blicklosen Starren zum Trotze Texte entstehen, die schließlich ihren Weg in die Weite des Netzes finden. Diese Texte erzeugen nicht so viel Widerhall, wie ich mir das wünschen würde; dazu sind die meisten Menschen zu sehr mit sich selbst und der Kuratierung ihrer Web-Persona beschäftigt; und meine Texte überdies zu lang, zu wenig gemainstreamlined und manchmal zu verkopft. Aber wie soll man Menschen sonst zum Selberdenken anregen? Ich will ja nicht, dass jemand mit MEINER Meinung vom Platz geht, sondern SELBER anfängt, vernünftige Fragen zu stellen, die über die einfachste und schnellstmöglich verfügbare Antwort hinausgehen. Denn durch das Primat der Adjektive “einfach” und “schnellstmöglich verfügbar” sind wir genau dahin gekommen, wo wir als Menschheit heute stehen…

Da haben wir mein “WARUM?” – ich kann einfach nicht lockerlassen, zu glauben, dass die Menschheit noch nicht vollkommen im Arsch und zum Untergang verdammt ist, weil ich immer wieder erleben darf, wie Menschen über sich hinauswachsen und besser werden. Und ich mich zumindest gelegentlich der Illusion hingeben darf, wenigstens ein kleines bisschen dazu beigetragen zu haben. Mehr braucht es nicht, um mich bei der Stange und motiviert zu halten. Stets auf der Suche nach neuen Ideen, nach jenem Kreativitäts-Motor, der die Welt zusammenhält und voranbringt: dem Staunen! Mal sehen, was mich als nächstes triggert. Ach, da fällt mir ein: heute Nacht ist Walpurgisnacht – mal sehen, ob ihr mit den Hexen in den Mai getanzt sein werdet, wenn wir uns wieder hören/lesen…

Auch als Podcast…

Das große Staunen N°0 – Naivität

“Alle haben immer gesagt, dass das nicht geht; dann kam einer daher, der das nicht wusste und hat es einfach gemacht!” Und wenn er damit wirklich bewiesen hätte, dass etwas zuvor für unmöglich Erachtetes doch funktioniert, bekäme er dafür was? a) einen Shitstorm, weil er sich nicht an die Regeln gehalten hat, b) mindestens 1000 Kommentare, dass er ja eh nur ein Fake sein kann, weil das ja gar nicht geht, weiß doch jedes Kind und c) einen Haufen Ärger mit irgendeiner Behörde, weil er entweder aus Versehen Steuern hinterzogen oder irgendeine obskure Verwaltungsvorschrift verletzt hat – wir leben hier schließlich in Deutschland! Das LÖSEN von Problemen ist bei uns nicht vorgesehen, weil man sonst ja den Arbeitsplatz von jemandem gefährden würde, der Probleme VERWALTET. Willkommen im Heimatland der Bedenkenträger, Zu-Tode-Verwalter, Kleingeister, Spießer, Gschaftlshuber, Nörgler und Nein-Sager. Willkommen im Gestern einer einstmals blühenden Zukunft. Der Titel sagt ja, dass es ums Staunen gehen soll – doch das Erste, worüber man Staunen muss, ist der Mangel an GUTEN Gründen zum Staunen. SCHLECHTE gibt es indes mehr als genug…

Beginnen wir mit Dilettantismus. Bei uns ist der Begriff negativ konnotiert, zumeist wird er so benutzt, als sei damit jemand gemeint, der etwas tut, was er aber nicht kann – und folglich damit eventuell sogar Schaden anrichtet. Tatsächlich ist ein Dilletant aber eine Person, die sich einer bestimmten Sache aus Liebe zu dieser zugewandt hat, und diese Kunst oder Wissenschaft nur um dieser Hingabe zur Sache Willen ausübt – also quasi als engagierter Amateur. Dabei ist nichts darüber ausgesagt, wie weit Kenntnisse und Fertigkeiten in diesem Bereich entwickelt sein mögen – es bleibt Dilettantismus, solange die Sache nicht zum Broterwerb ausgeübt wird. In der Theorie kann ein Dilettant also genauso gut oder sogar besser als ein Profi sein; was in der Realität durchaus gelegentlich vorkommt. Ich selbst bin ein Dilettant mit dem Fotoapparat, was meinem Spaß aber keinen Abbruch tut – ständiges Üben hat meine diesbezüglichen Fertigkeiten im Laufe der Zeit weiterentwickelt. Motor dafür war und ist die naive Annahme, dass ich die Quellen und die Effektivität meiner Kreativität weiterentwickeln könnte.

Alter Ort – neue ideen…?

Wichtig ist hier der Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität. Wenn ich etwa einen Blogpost schreibe, oder knipsend durch die Gegend wandere, oder Geschichten entwickle, dann ist mir mein individueller Ressourceneinsatz wumpe. [WICHTIG: Ich meine damit NICHT, dass ich Unmengen Geld, Energieträger oder Konsumwaren dafür verpulvere, sondern meine Zeit und mein Engagement!] Ich möchte am Ende ein Produkt haben, welches sich aus meiner Sicht zu teilen lohnt und schaue dabei nicht auf die Stoppuhr. Wenn ich hingegen Content für meinen Arbeitgeber produziere, ist Zeit Geld => der Ressourceneinsatz muss nicht nur das Ziel erfüllen, sondern sollte auch effizient erfolgen. Was aber nun die Quellen meiner Kreativität angeht: die kann man mit mehr Übung nicht unbedingt weiter entwickeln. Man kann seinen Blick für bestimmte Dinge schärfen, indem man Kreativtechniken anwendet: Scrapbooks voller (geklauter und eigener) Ideen, Mindmaps, Sketchnotes und wasweißichnichtnochallem. Zettelgläser. Eine ausgefeilte Ablage für alles mögliche. Lange Surfsessions im Netz, bei denen man sich von einem Thema zum nächsten treiben lässt, bis etwas Klick macht. Schließlich die Gadgets und Gimmicks, um verschiedene Formen von Content produzieren zu können. Aber das alles ersetzt die EINE Fähigkeit nicht, die wahre Kreativität benötigt: naiv staunen können…

Naivität ist auch so ein Begriff, der eine negative Konnotation hat; allerdings erst, sobald er auf Erwachsene angewendet wird. Kindern nimmt man es nicht krumm, wenn man sie als naiv betrachtet, weil “die Augen des Kindes” die Welt anders sehen. Dieser Allgemeinplatz ist wahr! Denn Kinder nehmen die Welt (noch) nicht als “…Bedenkenträger, Zu-Tode-Verwalter, Kleingeister, Spießer, Gschaftlshuber, Nörgler und Nein-Sager…” wahr, sondern einfach als Welt! Das eben genannte macht leider das sogenannte Erwachsenwerden aus ihnen. Nun ist “Erwachsen” kein statischer Zustand, der automatisch nach Beendigung der beruflichen Erstausbildung oder des Erststudiums erreicht wird; andernfalls gäbe es den Begriff “junge Erwachsene” nicht, dessen Vertreter immer wieder eindrucksvoll illustrieren, wie unwahrscheinlich das dauerhafte Überleben unserer Spezies im Angesicht eines solchen Übermaßes an leichtsinnig-übermütiger Idiotie doch ist. Immerhin kommen wider Erwarten recht viele von Ihnen durch, um dann zu solch bornierten Spaßbremsen zu werden, als die ich mich eben geoutet habe 😉 Schwamm drüber. Fakt ist, dass einem die Fähigkeit zum naiven Stauenen mit wachsendem Alter (und wachsender Verantwortung für dieses oder jenes) ausgetrieben wird.

Wie ausgesprochen bedauerlich. Denn ohne die Naiven (…wusste nicht, dass es nicht geht und hat’s halt einfach mal gemacht…) säßen wir vielleicht noch immer bei Öllampenschein in Holzhäuser und würden unsere Gedanken, so wir des Schreibens mächtig wären, auf Pergament niederlegen. Ich werde mich jetzt nicht zu einem Urteil aufschwingen, ob unserer Welt etwas weniger technologische Entwicklung insgesamt besser getan hätte. Vielleicht wären wir ja auch auf ganz anderen Pfaden gewandelt. Aber ist man erstmal auf einem Pfad unterwegs, auf den sich sehr viele verständigt haben (Individualverkehr mittels Fossilverbrenner z.B.), wird Systemwechsel schwierig. Pfadabhängigkeit realisiert sich in unserer Zeit vor allem durch wirtschaftliche Interessen und deren globale Verflechtungen. Und gegen den Gott Mammon kommt der naive Geist nur schwer an. Ich habe in letzter Zeit bemerkt, dass das Kind in mir zu kurz gekommen ist, was mich unendlich traurig gemacht hat. Ich bemerke diesen Druck zur Effizienz im Berufsleben dauernd und stelle für mich fest, dass mir die Möglichkeiten, kreativ gestaltend tätig zu werden in letzter Zeit immer mehr eingeschränkt wurden. Wie ich darauf reagiere, weiß ich noch nicht. Ich weiß eines allerdings sehr genau: mein inneres Kind muss wieder mehr raus zum Spielen! Egal wie! Und diese Freiheit werde ich mir (wieder) erkämpfen. Versuchts doch auch mal mit Naivität – das könnte ein erfrischender Start in die neue Woche werden!

Transparente Etiketten

Ich konsumiere, also bin ich! Ich meine damit tatsächlich zur Abwechslung mal nicht das Kaufen und Einlagern von weitestgehend nicem aber irgendwie unnötigem Tand, sondern Mediennutzung. Bei mir sind das häufiger mal obskure Musikaufzeichnungen (aber auch Filme und Bücher) aus dem Zeitalter meines persönlichen “coming of age” – für jene, die das noch nicht mitbekommen haben: ich bin in den 70ern geboren und damit geistig ein Kind der 80er. Ich weiß, das erklärt so einiges. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft dann auch – voll stilecht – im Hintergrund New Wave und Retro Electro in Dauerschleife. Aber im Grunde geht es mir nicht um die 80er als Zeitalter, sondern um eine Stilrichtung, die in jener Zeit weiter entwickelt wurde, und die heute wieder im Trend liegt: Cyberpunk. Ich habe mich an dem Thema schon ein paar mal abgearbeitet [True punks don’t need cyberware!, WTF-punk…? und …punked…? als Beispiele], stehe aber manchmal immer noch im Wald. Long Story short: für viele steht der Begriff “Cyberpunk” als Synonym für einen Modestil, ein Computerspiel und vielleicht ein, zwei Filme, die sie gesehen haben – und dann denken sie, sie wüssten, worum es geht.

Sehgewohnheiten…?

Ich selbst ringe oft mit Begriffen, weil mir einerseits sprachliche Präzision am Herzen liegt; das ist der Sozialwissenschaftler und Pädagoge in mir, der sich weniger Missverständnisse und mehr Miteinander wünscht. Andererseits haben manche Begriffe oft einen impliziten, also nicht gleich sichtbaren aber dennoch wirksamen Bedeutungs-Überschuss – dass, was wir Konnotation nennen. Ich will es mit einem Beispiel versuchen. Nehmen wir das Wort “Gerechtigkeit”. Auf den ersten Blick ist es einfach: Gerechtigkeit bedeutet, so zu handeln, dass ein Ausgleich zwischen allen beteiligten Parteien in einem Prozess entsteht. But one mans justice is another mans penalty…? Werden also alle Beteiligten den gleichen Blick auf Gerechtigkeit haben, wenn ein Richter sein Urteil verkündet, ein Schlichter im Tarifstreit seinen Vorschlag unterbreitet, oder Menschen zivilen Ungehorsam ausüben, um zum Handeln im Angesicht einer ungewissen Zukunft aufzurufen, und dafür von wütenden Verkehrsteilnehmern in den Bauch getreten bekommen? Ich denke nicht! Was bedeutet, dass subjektiv eindeutige Begriffe sehr oft eine situationsabhängige – und vor allem hoch individuelle – Interpretation erfahren.

Kehren wir zu Cyberpunk zurück: one persons latex-clad Trinity is another persons in-depth look at the ever-changing phenomenon known as “society”. Cyberpunk war nie dieses eine stil-uniforme, einheitliche literarische Genre, sondern stets mehr eine Art Schmelztiegel unterschiedlichster Ideen, Wahrnehmungen und Ängste. Aber den Autoren war eine Sache wichtig – Aspekte gesellschaftlicher Entwicklung künstlerisch zu interpretieren und zu extrapolieren, um so darauf hinzuweisen, was passieren KÖNNTE, wenn man auf diesem oder jenem Pfad ungebremst weiterfährt. Ein einendes Thema war dabei recht oft die Entwicklung hin zu einem Kapitalismus im Endstadium, der anfängt seine Kinder zu fressen. Ohne jetzt allzu apokalyptisch klingen zu wollen – da sind wir längst. Andernfalls hätte nicht mein zweiter Satz in diesem Post auf typischen Consumerism des frühen 21. Jahrhunderts hingewiesen. Wir rennen zugegebenermaßen nicht alle mit Chrom im Körper rum, wie in Night-City (=> Cyberpunk 2077) Unsere Menschlichkeit opfern wir auf andere Weise. Man kann auch ohne Chrom so sehr mit dem Internet verwachsen sein, dass man sich selbst, oder besser seine Verbindung zu wahrem Menschsein (also realem sozialem Miteinander und Solidarität) verliert und sich somit selbst beschädigt. Sich dann mittels Medienkonsum abzulenken, ist das unzureichende Pflaser für die Wunden auf der Seele, die uns die De-Humanisierung unserer Welt tagtäglich zufügt...

Verschiedene Autoren hatten unterschiedlich Vorstellungen von der Zukunft; aber ihnen allen war gemein – und ist dies teilweise bis heute – dass ihre papiergewordenen Blicke auf diese potentiellen Zukünfte übernüchtern bis pessimistisch ausfallen. Ich selbst bin kein übernüchtern pessimistischer Mensch, aber ich nutze solche Szenarien, um meine eigene Wahrnehmung für die Welt und ihre Dynamik zu schärfen. Und selbstverständlich nutze ich sie zum Zwecke der Unterhaltung. Sowohl als Konsument (Bücher, Filme, Musik), als auch als Produzent (Pen’n’Paper, Schreiben). Kulturprodukte sind natürlich stets dem Zeitgeist unterworfen. Wenn man sich heutzutage manche Filme (speziell “Komödien” und “Actionfilme”) aus den 80ern und 90ern anschaut, rollen sich einem die Fußnägel soweit auf, dass man ein Bügeleisen braucht. Damals war’s aber cool. Eines der Probleme, die daraus für Menschen meines Alters erwachsen ist, dass wenn man einem nostalgischen Impuls folgend, jene ehemaligen Orte der ungetrübten Freude aufsucht, oftmals mit erheblicher Ernüchterung konfrontiert wird. Schaut euch doch noch mal mit halbwegs erwachsenem Blick “Waynes World” an. Oder “Bill und Ted”. Oder “Action Jackson”. Oder “American Fighter” – Yuck…

Cyberpunk war schon immer so viel mehr als hackende, latextragende, im Neonglitzer der Tech-Slums umherstromernde Outlaws, die lässige One-Liner raushauen und nebenbei alles wegputzen, was ihre Hood bedroht. Das sind alles nur Etiketten, der klägliche Versuch von Marketing. Dabei ist so transparent, dass die Essenz des Begriffes Cyberpunk von diesen Möchtegern-Medienschaffenden nicht verstanden wurde, dass es einem schon fast weh tut. Denn um den vorhandenen Subtext von bestehenden Kulturprodukten verstehen und eventuell neu interpretieren zu können, muss man sich a) mit den Kommunikationsmodi verschiedener Kunstformen beschäftigen, b) bereit sein, seinen eigenen Blick auf die Dinge mal beiseite zu lassen, um die die Welt durch jemand anderes’ Augen sehen zu können und c) Historizität verstehen lernen. Die 80er waren eine andere Zeit, als unsere heutige – alle Probleme, Fehler und Glitches inbegriffen. Das bedeutet jedoch minichten, dass damals alles schlimm war. Es war anders, weil die Wahrnehmung anders war. Und Künstler wie Neal Stephenson, William Gibson, Philip K. Dick haben aus jener Zeit heraus in eine Zukunft geschaut, die von unserer heutigen Realität in mancher Hinsicht nicht allzu weit entfernt ist – auch wenn ChatGPT noch keine Wintermute ist (1984: Gibson => Neuromancer).

Kunst ist Kommunikation – man braucht also die richtige Sprache, um Kunst dekodieren zu können. Was mich betrifft – ich kehre immer mal wieder zu den alten Sachen zurück. Nicht etwa, weil ich neueren Kulturprodukten nichts zutraue, sondern um mich auf meine Wurzeln zu besinnen, und das Delta, also die Unterschiede im Ausdruck und in der Dynamik für mich selbst fassbar zu machen. Außerdem ist es – insbesondere bei Filmen – eine gute Schule für die Sinne. Achtet mal auf die lausige Schnitttechnik und Kameraführung bei so manchem modernen Film – 30 Schnitte pro Minute suggerieren nur wahrnehmungs-gestörten Kognitionsallergikern Dynamik, verwirren aber jene, die sich Qualität wünschen; klassisches Centerframing ist schon echt kompliziert, gell. Man versucht mit optischer Hektik meist einfach nur ziemlich ungeschickt, das Unvermögen mancher Kameraleute, Schauspieler und Regisseure zu kaschieren. Brauch ich nicht. Da bleibe ich lieber – meinen Seh- und Hörgewohnheiten treu – ein oldschooliger Cyberpunker, auch wenn selbst das wahrscheinlich nur ein transparentes Etikett ist; es verdeckt den Umstand, dass es MIR vor allem um den Punk, also das Aufbegehren gegen den Status Quo geht, nur unzureichend. Ist mir Recht. Ich wünsche euch einen guten Start in die neue Woche.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°51 – …so many ways (not) to die!

“Ist das Spiel jetzt vorbei…?” Um es gleich vorweg zu nehmen: ich kille als SL eher selten Spielercharaktere. Das ist nicht der Fall, weil die Aufgaben und Gegner, denen sich meine Spieler*innen stellen, einfach wären (manchmal sind diese sogar geradezu lächerlich tödich), sondern eher, weil sie a) eigentlich immer mit Reaktionen und Lösungen um die Ecke kommen, die mich (und damit auch meine NSCs) kalt erwischen und sie b) im richtigen Moment verdächtig oft verdammtes Glück haben – oder ich als SL verdammtes Pech. Kann man sehen wie man will. Ich hätte auch behaupten können, dass die Begegnungen, welche in Kämpfe münden, halt gut ausbalanciert wären; aber das stimmt nicht. Die spielmechanischen Regeln in vielen Pen’n’Paper-Systemen suggerieren nämlich lediglich die Vergleichbarkeit von Kampfstärke, magischer Macht, etc. – aber sie stellen eine solche nicht her! Das ist auch gar nicht möglich, weil die Beschreibungen in den Quellenbüchern immer Interpretations-Spielräume lassen, welche sowohl Spieler*innen als auch SL kreativ zum jeweiligen Vorteil aunutzen können. Und da wir als SL ja eigentlich Fans der Spielercharaktere sein sollen, lasse ich auch mal Ideen zu, von denen mir klar ist, dass der Designer es eigentlich nicht so gedacht hatte. Ist besonders einfach, wenn man mit seinem eigenen Regelwerk spielt…

…ja, ja – die alten Geschichten! (c) Monika Merz

Eine schwierige Herausforderung, oder der Kampf mit einem mächtiger Gegner bedeuten ja auch nicht, dass man sofort stirbt, wenn man mal seinen Wurf verkackt. Verpatzte Aktionen können es in der Folge zweifellos schwieriger (und damit auch spannender) machen, das Ziel doch noch zu erreichen, aber sie bedeuten NICHT das Ende des Spiels. Mal davon abgesehen, dass auch ein verblichener Charakter, nicht das Ende des Spiels bedeutet – sondern die Vorfreude auf den nächsten Charakter, den man spielen kann. Oder die Hoffnung auf ein Wunder… das hängt allerdings vom bespielten Setting ab. Und wenn der Charaktertod “heldenhaft” war, hat man dadurch oft eine Geschichte erlebt, die des Erzählens unter Gleichgesinnten Pen’n’Paper-Nerds wert ist. Aber bleiben wir doch noch ein wenig bei verpatzten Aktionen. Natürlich stimmt es schon, dass niemand gerne scheitert, aber wenn wir uns typische Heldengeschichten einmal näher anschauen, dann ist ein zwischenzeitliches Scheitern des/der Helden üblicher Bestandteil der Geschichte; und das schon seit der Beschreibung des klassischen Regel-Dramas:

Ich denke die Story Arcs nicht von den Spieler-Charakteren, sondern von meinen Antagonisten-NSCs her. Was wollen diese tun? Was wollen sie erreichen? Und was würde passieren, wenn sie niemand daran hindert? Dann gebe ich den Chars Hinweise auf etwas, das vielleicht (noch) hinter den Kulissen passiert (=>Exposition), warte ab, wie sie damit interagieren (=>Komplikation und /oder Periepetie) und moderiere die Zeitläufe zwischen einzelnen Encountern/Herausforderungen (=>Retardation), um sie schließlich für das Finale vorzubereiten, dass sie nun i.a.R. selbstätig suchen (=>Katastrophe oder Lysis)! Und das in jeder einzelnen Sitzung, die sich gleichsam in die Core-Story eingliedert, welche nach exakt den gleichen Prinzipien des Regeldramas aufgebaut ist. Mit einem Unterschied: die einzelnen Sessions nach der Session N°0 sind entweder Komplikation, ODER Peripetie, ODER Retardation, bauen also Schleifen auf, die Charakterwachstum in Vorbereitung auf das FINALE GRANDE ermöglichen sollen. 

Schauen wir nun mit dem Vergrößerungsglas durch die Kampage und die Session hindurch in eine einzelne Szene hinein, wird klar, dass die hier beschriebenen, übergeordneten Prinzipien sich auch auf einzelne Aktionen und die Interpretation der Würfelergebnisse durch den/die SL anwenden lassen. Nehmen wir an, ein Char wird auf einer erhöhten Position (Dach) stehend von einer fliegenden Kreatur angegriffen (Exposition => Komplikation => Angriff vs. Parade / Ausweichen), getroffen (Komplikation => Patzer) und vom Dach gestoßen (Peripetie => vom SL zugewiesene und beschriebene negative Konsequenz); das bedeutet jedoch NICHT automatisch das Erreichen der Katastrophe (Charakter stürzt zu Tode), sondern eröffnet mögliche Aktionen, die der Char ergreifen kann, um einem drohenden Schicksal zu entgehen; und dann vielleicht mit einer Hand an der Regenrinne hängend neue Pläne zu machen (Rückkehr zur Komplikation => Reaktion und/oder Akrobatikprobe). Als Folge eines Patzers im wahrsten Wortsinn in der Luft zu hängen, erzeugt Spannung, Spannung erzeugt Drama und Drama macht Spaß, wohingegen Scheitern auf Grund eines einzelnen Patzers keinen Spaß macht. Man nennt das Failing Forward und mehrere Failstates zwischen SIEG und TOD zu haben, steigert die Spannung anstatt der Frustration, wenn’s mal nicht auf Anhieb so läuft, wie sich der/die Spieler das gedacht haben.

Ich meine, mich erinnern zu können, dass ich schon mal sagte, dass die Spieler sich für Ihre Charaktere sehr wohl ein erfolgreiches Überwinden der angetroffenen Hindernisse im Spiel wünschen, aber dass sich der Sieg VERDIENT anfühlen soll; sie wollen ihn nicht geschenkt bekommen. Allerdings ist Encounter-Design im Pen’n’Paper – aus den bereits oben beschriebenen Gründen – ein verdammt schmaler Grat. Einerseits wünschen wir uns alle Spannung, Drama und am Ende ein Erfolgserlebnis. Auf Grund der Unvorhersehbarkeit der Spieler-Handlungen und der Launen der Würfel, die aus klassischem Storytelling zumindest teilweise auch ein Glücksspiel machen, sind aus meiner Sicht solche Werte, wie etwa das Challenge Rating in Pathfinder/Starfinder oder DnD5E aber großer Käse! Es sind solche Sätze in Regelwerken, welche die ILLUSION präziser Steuerbarkeit von Kämpfen erzeugen. Von Hitpoints/Level, festen Fertigkeitszuwächsen pro Level, etcpp. will ich gar nicht erst anfangen. Matt Colville sagte mal (und er hat verdammt Recht), das Encounter-Design nicht aufhört, nur weil eben Initiative gewürfelt wurde. Und trotzdem müssen Encounter nicht ausbalanciert sein. Das Leben in der realen Welt hat auch kein faires Encounter-Design und fühlt sich genau deswegen realistisch an; manchmal sind die Dinge eben, wie die Dinge sind! Auch in der Secondary World sollte es sich also nicht so anfühlen, als wenn Herausforderungen genau an das Können der Chars angepasst wären. Das bricht die Suspension of Disbelief. Sowas kann ich in simulierten Fallszenarien in meinem Lehrsaal machen. Aber bitte nicht am Spieltisch.

Ich denke über diese Aspekte im Moment deshalb nach, weil ich meine Villera-Kampagne in ein klimaktisches Grand Finale manövriert habe – und wir ausgerechnet jetzt, da die letzte Session mit einem derben Cliffhanger geendet hat, mit Terminfindungsschwierigkeiten zu kämpfen haben. Was mir reichlich Zeit gibt, über Encounter-Design nachzudenken; und eine Nachfolge-Kampagne. Ob das meinen Spieler*innen zum Nachteil gereichen könnte, müsst ihr die Betroffenen hinterher fragen. Ich hoffe vor allem, dass wir alle Spaß daran haben werden. Schließlich bin ich als SL auch ein Spieler am Tisch. Wir hören uns. And never forget – always game on!

Auch als Podcast…

New Work N°14 – …und das Leben zieht vorbei.

Verdammt schwierig, sich darauf einzustellen, dass es morgen wieder losgeht. Ich las neulich irgendwo einen Artikel, der darauf abstellte, dass viele Menschen in der Nacht von Sonntag auf Montag deshalb schlecht schlafen, weil die Erwartung der bevorstehenden Arbeitswoche sich wie ein Leichentuch auf die evtl. im Laufe des Wochenendes erworbene Erholung legt und diese so zunichte macht. Nun ist heute Ostermontag, wir haben also eine Zeitverschiebung des Wahrnehmungsbias, was am entstehenden Druck leider nix ändert. Und ich kann bestätigen, dass ich diesen Effekt auch schon mehr als einmal erlebt habe. Da liegt der Osterhase also im Pfeffer. Die Arbeitswoche scheint in gewisser Weise der Endgegner unserer Zeit zu sein, was den Ruf nach der 4-Tage-Woche umso verständlicher erscheinen lässt. Da sieht man einmal mehr die Zweiteilung zwischen diesen Individuen, die Leben und Arbeit am liebesten vollkommen entgrenzt sähen und alles unterhalb der 50h-Woche als hartes Prokrastinieren betrachten – und am Gegenpol jene, die jeden Strich zuviel als Zumutung und persönlichen Angriff auf die Integrität ihres Daseins betrachten. Natürlich sind das zwei Beschreibungen, die vielleicht zur besseren Illustrierung des Sachverhaltes geringfügig überezeichnet wurden; obwohl…

Es ist legitim, Arbeit als Quelle von Sinn im Leben zu betrachten; oder eben auch nicht. Denn irgendwie läuft es ja doch wieder auf psychologisches Framing hinaus. Erlebe ich Arbeit als Zumutung, als dauernde Überforderung, als Einschränkung der persönlichen Freiheit, dann ist es nur logisch, den Re-Start von Arbeit (zumal nach einem langen Wochenende) als Bedrohung wahrzunehmen. Da wird vermutlich auch kein Yoga helfen. Liebe ich meinen Job und die Herausforderungen darinnen, und empfinde ein hohes Level an intrinsischer Motivation, kann ich’s vielleicht kaum erwarten, wieder hinzugehen. Beides kann übrigens zu schlechtem Schlaf führen. Es ist die Dosis, die macht, dass ein Ding ein Gift ist. Arbeitsverträge versuchen diese Dosis zu normieren, und zwar unbeachtet der Tatsachen, dass a) nicht jede*r gleich leistungsfähig ist, b) Leistungsfähigkeit auch im Zeitlauf variieren kann und c) die Normierung von Leistung, je nach Gewerk, mitnichten einfach ist. NIEMAND performed also jeden Tag gleich gut (oder schlecht), und was Leistung jeweils überhaupt ist, bedarf einer präzisen Definition.

Es ist daher kein Wunder, dass die Debaten um Arbeitszeitmodelle (Gleitzeit, Zeitkonten, 40h-Woche vs. 4-Tage-Woche, etcpp.) und Arbeitsorte (Präsentismus im Cubicle, Großraum oder Open-Space-Office ohne dedicated Desks, Home-Office, Remote-Work und jede Mischung davon) teilweise mit der Intensität heiliger Shit-Storms geführt werden und jede*r stets zuerst und vor allem seine/ihre eigene Sicht auf Basis seiner/ihrer eigenen Erfahrungen propagiert. Denn der eigene Tellerand ist der Horizont. Und dabei haben wir über neue Geschäftsmodelle, Geschäftsziele und Beteiligungsformen (also echte New-Work-Ansätze) noch überhaupt nicht gesprochen! Nur weil meine Firma einen “Purpose-Evangelist” beschäftigt, heißt dies noch lange nicht, dass die Arbeit auch tatsächlich nachhaltigen Zwecken dient und Sinn stiftet. Da helfen Obstschalen, Tischkicker, Bionade-Kühlschränke, Achtsamkeitsseminare und der ganze andere hippe Möchtegern-Mitarbeiterbindungs-Schnickschnack halt auch nicht weiter…

Denn bei all den großen und kleinen Stürmen im weltweiten Informations-Ökogewebe gerät zumeist außer Sicht, dass es NICHT die eine Wahrheit und auch NICHT den einen Weg GEBEN KANN! Für manche zieht das Leben vorbei, wenn sie subjektiv zu viel arbeiten müssen, bei anderen ist es genau andersherum – aber auf dem weiten Feld zwischen den Extrempolen, da wo die REALITÄT passiert, sind vielerlei Philosophien anzutreffen, denen unsere heutige Arbeitswelt weder die passende Nische, noch die richtige Unterstützung zu geben vermag, damit das individuelle Potential sich entfalten kann. Und ich meine das Letztgesagte NICHT in dem Sinne von “er/sie/them verdient jetzt maximal Kohle für unser Unternehmen!”, sonder eher als “er/sie/them kann jetzt dem individuellen Naturell gemäß seine/ihre indiviuellen Kompetenzen entwickeln – und wir verdienen auch etwas Kohle dabei…” Denn das Leben zieht so oder so an jedem von uns vorbei; und es wäre doch total charmant, wenn man anerkennen würde, dass sich unser Verhältnis von Arbeit als Handelsware, die nur allzu oft unter Preis verkauft werden muss, weil die Gesellschaft Investmentbanker höher wertschätzt als Pflegekräfte hin entwickeln muss zu einem Verständnis von Arbeit als Dienst für die Gemeinschaft. Mal davon abgesehen, dass sich die Arbeitswelt gerade eh rasant verwandelt. Und da ist ChatGPT noch nicht mal eingepreist…

Ich habe keine Ahnung, ob ich heute Nacht gut schlafen werde, da ich morgen früh für meine Verhältnisse verdammt früh aus den Federn muss; ich bin nämlich eigentlich einer dieser spätaufstehenden Abends-lang-Arbeiter. Wie’s auch kommt, ICH lasse mein Leben nicht einfach nur vorbeiziehen und gräme mich, dass es nicht so läuft, wie ich mir das wünschen würde, sondern versuche, was aus meinen Möglichkeiten zu machen – und damit meine ich ganz explizit NICHT Dauerarbeiten. Ich versuche aber, mir die Freiräume und die Flexibilität zu erorbern, die ich brauche, um lange gut funktionieren zu können. Und nebenbei räume ich den Weg für Andere gleich mit frei. Mal sehen, was die nächsten Wochen bringen. Ich wünsche euch einen guten Start in die Post-Oster-Woche. Schönen Abend.

Auch als Podcast…

Tanzverbot!

Ich will nicht undankbar klingen, denn immerhin habe ich momentan frei. Die letzten Tage waren zwar unlustig, weil ich mich immer noch mit den Nachwehen eines garstigen Infektes herumschlage, aber immerhin – nicht im Office und auch nicht im Lehrsaal. Manche Amtsgeschäfte wurden dennoch erledigt, aber jetzt ist ganz plötzlich Ostern. Karfreitag, to be precise. Und ein bisschen frage ich mich schon, warum wir diesen ganzen christlichen Retrofanz immer noch betreiben? Oder glaubt im Moment etwa doch noch eine signifikante Zahl der Bürger*innen und deren Kinder*innen an göttlich induzierte Wiederkunft eines langhaarigen Wunderkindes mit revolutionären Ambitionen? Immerhin haben seine biblisch erzählten Aktionen stets etwas Aufrührerisches, was – so man denn die Geschichten fürwahrnehmen wollen würde – schlussendlich auch zu seiner Hinrichtung geführt hätte. Die Römer als Besatzungsmacht hatten da, genau wie anderthalb Jahrtausende später die Spanier, Holländer, Portugiesen, Briten, etc. wenig Toleranz, wenn es um irgendwelche schrägen Ideen ging, die Aspekte ihrer Machtbasis in Frage stellten. Irgendwie war die historische Figur, die vermutlich als erzählerische Blaupause für den Heiland gedient hat, vermutlich eher so was wie ein prämoderner Agitator, Revoluzzer, oder gar Terrorist… Am Ende sogar noch ‘n Soze…

Manchmal gerät das große Ganze aus dem Blick…

Geblieben ist von alldem wenig mehr als ein Konvolut an Geschichten, die in recht sperriger Sprache aus einer Zeit überliefert wurden, in der es noch nicht allzu üblich war, alles – von der Politik bis zu alltäglichen Banalitäten – abbilden oder irgendwie mit Worten beschreiben zu wollen. Hätten die Phönizier Instagram erfunden, wäre der Seehandel auf dem Mittelmeer wahrscheinlich noch schneller in Fahrt gekommen. Und was hätte das für einen Ärger gegeben, wenn die neuesten Post-Platten von Influenzella und Verpassjanix in einem nicen kleinen Sturm abgesoffen wären? Man stelle sich nur vor, dass die neueste Mode aus Lutetia schon im nächsten Monat in Syria Palaestina bekannt geworden wäre, als Abbild auf stylischer Marmorpaneele vom gallischen Händler Otto Modemachmix per Schnellgaleere aus Ostia Antica verschifft und in Jerusalem per Schnitzerei vervielfältigt an alle Sequentiaten*innen verteilt? Ja, dann wäre es vielleicht auch nicht dazu gekommen, dass Jesus nach dem triumphalen Einzug am Palmsonntag schon bald – für 30 Silberlinge verraten, wie die Mär so geht – ans Kreuz genagelt wurde, um am Ostersonntag, mir nix dir nix, aus seinem Grab spaziert zu kommen. Wie gesagt, wir reden über Geschichten, die allen Körnchen Wahrheit zum Trotze, die an ihnen kleben mögen, einen Mythos erzählen, der nicht bewiesen werden kann, sondern geglaubt werden soll, um seine Wirkung zu entfalten – Feiertage zum Beweihräuchern inclusive.

Und Wirkung wird hier immer noch entfaltet; nur nicht so, wie man sich das gemeinhin vorstellen möchte. Es ist doch so, dass Kultur ein Prozess ist, und dass sich die Dinge ändern. Manchmal tun sie dies langsam, manchmal schnell, aber in jedem Fall bleibt alles anders. Und Religion ist – pardon me for heresy – nichts weiter als ein Kulturprodukt, entsprungen aus dem Wunsch, dem Unbeschreiblichen eine Beschreibung zu geben, oder wenigstens der subjektiven Willkür des Schicksals irgendeinen Sinn. Daran ist nichts Verwerfliches, da wir alle manchmal am Zufall und seinen Kapriolen zu knabbern haben. Verwerflich ist eigentlich nur, dass es eine Organisation gibt, die aus diesem Bedürfnis über lange Zeit reichlich Kapital geschlagen hat… und dies teilweise auch heute noch tut: die “gute” alte Mutter Kirche. Ich weiß, ich weiß, die Kirche von heute ist mit der aus dem finsteren Mittelalter nicht mehr zu vergleichen, die seelsorgerischen Aufgaben, die sie übernimmt, der Trost, den sie spendet, Schwarberlabarberlapapp. Und trotzdem bekommt sie immer noch jedes Jahr Ausgleichszahlungen für die verloren gegangenen Kirchengüter. Im Jahr 2022 waren das 687,5 Millionen Euro! Für was? Dafür, dass man früher voll schöne Ablassbriefe kaufen konnte? In letzter Zeit hörte ich häufiger das Argument, dass wir halt eine christlich geprägte Kultur hätten. Doch ist das überhaupt noch so? Und wird das in alle Zeit so sein? MUSS das in alle Zeit so sein? Und welchen Wert hat das überhaupt?

Wir haben ein säkulares Staatswesen (siehe Artikel 140 GG), eine Bevorrechtung der Kirchen durch Ausgleichszahlungen für entgangenes Landeigentum, durch ein eigenes Arbeits- und Tarifrecht, etc. ist daher weder zeitgemäß noch verfassungskonform! Also weg damit! “Aber, aber die schönen freien Feiertage…!”, höre ich euch rufen. DIE kann man auch feiern, ohne sich auf das Christentum zu beziehen. Tun doch 47,9% der Deutschen, die nicht mehr in der Kirche sind, oder sowieso anderen Konfessionen anhängen eh schon seit Jahr und Tag. Da kann man von Gewohnheitsrecht sprechen, würde ich sagen. Wir leben schon in interessanten Zeiten, in denen so wahnsinnig viel passiert, in denen alle sich vor großen Herausforderungen sehen, in denen eigentlich nur jene Institutionen und Prinzipien bestehen können, die sich als ausreichend anpassungsfähig erweisen – doch die christlichen Kirchen genießen immer noch Privilegien, die andere niemals mehr erreichen können. Tanzverbot und Kino-Zensur wegen eines stillen Feiertages? Ihr könnt mich mal hintenrum heben! Straftanzen sollte man euch lassen, bis Dienstagmorgen um 05:00 und dann ab zur Arbeit. Rohe Ostern…

Auch als Podcast…

Ach wenn’s doch einfach wär…

Ich hatte dieser Tage ein bisschen mehr Zeit zum Nachdenken als sonst. Das soll nicht heißen, dass mehr dabei rumgekommen wäre. Ich lag halt einfach nur krank im Bett und hatte sonst nichts zu tun, außer mit dem Versuch des Genesens beschäftigt zu sein. “Wir sind schon komische Tiere” dachte ich da so bei mir; Zufriedenheit und Glück scheinen uns so sehr zu beschäftigen, weil wir stets so sehr damit beschäftigt sind, danach zu suchen, ohne doch je zu verstehen, worin sich beides tatsächlich realisiert. Ich las dieser Tage eine Artikelreihe auf Zeit Online, die sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt; und ich muss unumwunden sagen, da war jetzt nichts Neues, Bahnbrechendes dabei. Im Gegenteil klang für mich Vieles (obschon dabei Studien zitiert wurden) eher nach Küchenpsychologie, denn nach seriöser Wissenschaft, was wohl daran liegen muss, dass manche Wissen Schaffende doch eher normativ anstatt deskriptiv suchen. Sieht man ja auch immer an den Studien, welche die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” in Auftrag gibt… Nun ist der Sinn des Lebens etwas höchst individuelles, höchst subjektives, höchst dynamisches. Mit 20 habe ich darüber ganz anders gedacht, als heute, mit fragendem Blick auf die Große Fünf im Leben. Und dann kommt dieser Moment, wo man Resumée ziehen möchte.

Ob die Eule wohl auch nachdenkt…?

Ne, ne, ne, Leute; für ein Resumée oder Memoiren bin ich noch viel zu jung. Aber jeder Mensch sollte gelegentlich innehalten, um zu bewerten, wo er steht, herauszufinden, wo er als nächstes hin will, und was ihn auf dem Weg dazwischen so alles erwarten könnte. Und das ist nicht unbedingt nur räumlich zu verstehen. Obschon Reisen natürlich auch ein wenig geplant werden wollen. Ich führte heute ein – unerwartetes, aber dennoch hoch willkommenens – Gespräch mit jemandem, den ich eine ganze Weile nicht gesehen hatte, und bei dem dennoch gleich klar war, dass wir immer noch auf der gleichen Wellenlänge schwingen. Unser Gespräch berührte dann auch – neben einigem Anderen – den oben bereits angesprochenen Aspekt des Glückes. Und damit natürlich auch den der Wünsche und Bedürfnisse. Mein Gegenüber äußerte dabei, dass er glücklich damit sei, relativ wenig materielle Bedürfnisse zu haben; was ich für mich selbst ebenso unterschreiben wollen würde. Es gibt ein paar Dinge, die ich als Werkzeuge für meine Kreativität nutze, und noch weniger Gegenstände, die in mir ein echtes Haben-Will-Gefühl auslösen. Es ist dann aber mehr der Wunsch des Benutzens dieser Objekte, als der des Besitzens. In manchen Fällen ist beides leider nicht voneinander zu trennen, so dass ich den neuen Grill halt doch kaufen muss. Andererseits werden noch viele andere neben mir davon profitieren… 😉

Mir ist der Schauwert meiner Besitztümer relativ Wumpe, so lange ich damit das tun kann, wofür ich die Dinge angeschafft habe. Nutzen und Funktion stehen – auf meiner Agenda – über ästhetischen Gesichtspunkten; wobei manchmal beides schwer zu trennen ist, weil insbesondere bestimmte hochwertige Konsumgüter wie etwa Kameras bewusst nicht nur mit mit Blick auf die Nutzungs-Ergonomie und den Gebrauchswert, sondern eben auch ein gefälliges Äußeres designed werden. Andernfalls wäre eine ganzer Berufsstand seinen Job los. Sagen wir mal so: wenn denn das Design wenigstens der Funktion folgt und nicht etwa umgekehrt, nehme ich das so hin. Aber Manchmal stelle auch ich erst im Nachhinein fest, dass ich mich in etwas verrannt habe, das Spielkind in mir unbedingt etwas ausprobieren wollte, weil’s doch so hübsch war…! Insofern bin ich am Ende des Tages genau so sehr oder wenig Mensch, wie alle anderen auch. Fehler inklusive. Und dann ärgere ich mich über mich selbst, weil man das Geld vermutlich besser für etwas anderes hätte verwenden können.

Und da sind wir dann an dem Punkt, den jeder für sich selbst klären muss: wie viel braucht es wirklich, um sagen zu können, “ich/wir habe/n keine existenziellen Sorgen!”? Und wenn tatsächlich mehr verfügbar wäre, wie viel davon wäre ich bereit zu geben, ohne dass die existenzielle Unsicherheit in meinem Kopf zunähme? Denn Glück und Sinn entstehen nicht in der Garage an meinem Lamborghini Aventador, oder beim Wochenendtrip nach London, Barcelona, Rom oder sonstwo; und auch gewiss nicht durch den Erwerb des jeweils neuesten Flagship-Phones xxxxxxx (setzen Sie hier die Marke Ihrer Wahl ein). Sondern – zumindest zu einem nicht unerheblichen Teil – durch unsere Beziehungen, durch unser Miteinander, durch das Teilen: das Teilen von Erlebnissen, Erinnerungen, Interessen, Erfahrungen, Erkentnissen, Fähigkeiten… und ja, auch durch das Teilen von Ressourcen. Doch wenn man sich die Kommentarspalten der Medien Tag für Tag ansieht, dann wollen so verdammt viele nichts mehr teilen, haben so verdammt viele sich so sehr in ihrem Egoismus-Kokon gleichgültigen Auf-Andere-Herab-Blickens eingesponnen, dass sie sich selbst nicht mehr im Spiegel sehen können. Dabei braucht es Selbstreflexion so sehr – um herausfinden zu können wo man steht, wo man als nächstes hin will; und schließlich, um beurteilen zu können, was einen auf dem Weg dazwischen so alles erwarten könnte – und wer einen eventuell dabei begleiten könnte und auch wollte! Aber wenn man sich diese Mühe machte, wäre ja – paradoxerweise – plötzlich so vieles so viel einfacher. Stattdessen jedoch verschließen wir uns lieber, und jammern rum “Ach, wenn’s doch mal einfach wäre…!” In diesem Sinne, schöne Restwoche.

Ein kreatives Leben…?

Kreativität wird heute in vielerlei Hinsicht auf den Aspekt ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit reduziert, als Akt des Lösens von Problemen für Andere zum Zwecke des Geldverdienens begriffen. Wenn ein Unternehmer (oder aber eine verantwortliche Person in dessen Diensten) sagt, man müsse kreativ werden, bedeutet das im Klartext, dass man innovative Wege suchen soll, die mentale Kraft der Mitarbeiter zu monetarisieren. Und in einem gewissen Umfang mag das auch legitim sein, denn schließlich werden Leute, etwa in meiner Position vor allem als Troubleshooter, also Problemlöser bezahlt, die mittels jeweils neuer Ideen die auftauchenden Herausforderungen meistern helfen sollen. Und solche Herausforderungen tauchen mit unschöner Regelmäßigkeit auf. Kreativität bedeutet in so einem Kontext, über situationsadäquate Handlungskompetenz zur Lösung variierender Probleme zu verfügen. Aber Kreativität ist so viel mehr als dass – muss so viel mehr als das sein! Denn nehmen wir mal an, Musiklosigkeit würde als mechanistisch lösbares Problem gesehen; und kahle Wände als bloßer Anlass, psychomotrische Geschicklichkeit zu üben. Wie viel weniger reich wäre doch unsere Welt ohne Kunst.

Das hier ist KEINE Kunst – das sind Wildschweine… 😉

Kreativität bedeutet zunächst, seine Lebens-Umgebung wahrzunehmen; und zwar nicht einfach nur unter dem Gesichtspunkt des sich-in-ihr-bewegen-müssens, sondern als Stimulans für alle Sinne. Die Umwelt in ihrer Vielgestaltigkeit ist voller Ambivalenz, voller Fragen, voller oberflächlicher Sinnlosigkeiten und Ambiguität. Dies alles aushalten zu können, ohne dabei gleich durchzudrehen, ist für mich eine der bemerkenswertesten Eigenschaften des Menschen. Noch bemerkenswerter ist allerdings der Umstand, dass wir so viele Mittel und Wege gefunden haben, diese Spannung zu thematisieren und für uns und Andere greifbar zu machen. Denn DAS ist Kunst für mich – der Versuch, mit dieser Welt und ihren vielen Baustellen irgendwie klarzukommen, und gleichsam mit anderen in Kontakt zu treten, um in deren Erfahrungswelt eintreten zu dürfen. Der Mensch ist ein hoch soziales Tier und sucht Verbindung auf vielerlei Arten. Freundschaften, mehr oder weniger klassische Paarbeziehungen und Familienbildung, aber eben auch künstlerischer Ausdruck, der versucht ANDEREN etwas von MIR nahezubringen, dass sich aus verschiedenen Gründen vielleicht nicht so gut mit Worten ausdrücken lässt. Kunst ist Kommunikation! Auch wenn, wie bei Sprache, die Dekodierung der gesendeten Botschaft der Kenntnis des verwendeten Code-Schlüssels bedarf. Andernfalls versteht man nur Bahnhof und Bratkartoffeln.

Für klassische Kommunikation leuchtet das vermutlich ein. Verstehe ich die Sprache des Gegenübers nicht (mir fehlt also der Code-Schlüssel), kann die Person senden, so viel sie will – wir werden nicht auf einen Nenner kommen. Bei Kunst jedweder Art ist das für viele Menschen allerdings nicht ganz so einleuchtend, weshalb Kunstwerke, deren Code man nicht versteht, nur zu gerne als Müll abgetan werden. Ganz analog dazu, dass man Menschen, deren Kultur man nicht versteht gerne auf exakt die gleiche Art entwertet. Insbesondere in der Kunst der Moderne, wo die Abstraktion des Objektes nun doch oft ein ziemlich hohes Level erreicht, mangelt es nicht wenigen Menschen am richtigen Code-Schlüssel. Diesen zu erwerben bedarf allerdings des bewussten Auseinandersetzens mit dieser Kunst, nicht jedoch der Ablehnung aus Nichtverständnis. Doch viele machen es sich gerne einfach und suchen den Fehler beim Künstler; sowas nennt man einen Circulus Vitiosus, oder Teufelskreislauf. Der Grund ist häufig in Unbildung oder gefährlichem Halbwissen zu suchen. Beides entsteht, weil nicht unerhebliche Teile unserer Gesellschaft und auch die allgemeinbildenden Schulen nicht ihrem Auftrag nachkommen, unsere Kinder für ihre Umwelt und die Spannungen in dieser hinreichend zu sensibilisieren. Und ich richte diese – möglicherweise wohlfeil daherkommende Kulturkritik – explizit auch an mich selbst.

Hat man aber nun für sich solche Code-Schlüssel zu wenigstens ein paar Türen in Reichweite gefunden, entsteht irgendwann unter Umständen in einem der Drang, es selbst mal mit Kunst im weiteren Sinne zu versuchen, angetrieben von dem Wunsch mit eigenen Mitteln anderen Menschen die eigene Sicht der Dinge, eigene Ideen, Spinnereien, Fantasien und Projekte nahebringen zu wollen – weil man zu der Überzeugung gelangt ist, dass diese individuellen Ausdrücke der eigenen Kreativität für andere einen Wert haben könnten. Und wenn es nur der Wert des Unterhalten-Werdens sei. Und dann stellt man fest, dass andere Menschen sich nicht sonderlich für die eigenen Kulturartefakte interessieren, und manche einen sogar anfeinden, weil sie denken, dass jemand, der sich selbst mühevoll die Empfindsamkeit für bestimmte künstlerische Ausdrucksformen beigebracht hat und diese nun ohne erkennbares wirtschaftliches Vewertungsinteresse zum Besten gibt ein arroganter Spinner sein muss, der sich für was Besseres hält – am Ende glaubt der noch, er sei ein Intellektueller. Das ist ja wohl die Höhe… Sagen wir mal so: es braucht schon ein gewisses Ego, um einfach mal davon auszugehen, dass die eigenen Produkte, gleich welcher Art, irgendjemanden interessieren könnten.

Auf diese Art entstehen übrigens auch die erfolgreichen Künstler, die dann Geld damit verdienen können. Die Allerwenigsten Kultur-Schöpfenden kommen allerdings jemals so weit. Ich selbst bin bislang nicht so weit gekommen, bezeichne mich aber sehr wohl trotzdem als jemanden, der ein kreatives Leben lebt und stolz darauf ist. Und ja – manchmal werde ich auch missverstanden, weil dem Gegenüber der Code-Schlüssel fehlt. Macht aber nichts! Ich bin gerne auch beim Erlernen einer neuen Sprache behilflich, die nicht mit Worten gesprochen wird. Einstweilen wünsche ich einen guten Start in die neue Woche.