Und es geht doch noch…

Ich bin auch einer dieser (schwachen) Menschen, die manchmal das unheilige Gefühl bekommen, eine Leere in sich selbst ausfüllen zu müssen und dann manchmal (na ja, eher zu oft) zur dämlichsten Lösung von allen greifen: nämlich sinnlosem Konsum. Dass ich gelegentlich gerne knipse ist ein alter Hut. Dass ich dazu bestimmtes Equipment benutze, habe ich vielleicht irgendwann mal irgendwo erwähnt. Also ich bin ein keine Marken-Hure, wenn es um Kamera-Präferenzen geht; aber es hat sich irgendwann ergeben, dass ich mich bezüglich meiner DSLR für Canon entschieden hatte. Folglich habe ich im Laufe der Zeit ein wenig Geld in das Hobby investiert (nur einen mittleren vierstelligen Betrag, ich bin ja nur Hobbyist), bekam aber irgendwann in letzter Zeit das Gefühl, nicht mehr so viel Gewicht rumschleppen zu wollen. Folglich liebäugelte ich mit einer spiegellosen Systemkamera – und natürlich der Anschaffung weiteren Equipments. Es gibt kein “Immer-Drauf”-Objektiv. Das ist eine Legende.

Weil man aber nicht unbegrenzt Geld hat, um es für Hobbykram auszugeben, und weil ich überdies in letzter Zeit eh über so einiges am Grübeln bin, dachte ich mir: “Verdammt Junge, du warst schon ewig nicht mehr einfach so zum Spaß knipsen!” Und tatsächlich, ohne Grund und Ziel, einfach, um mal wieder ein bisschen zu üben und Spaß zu haben hatte ich meine Kamera bestimmt schon 7 Monate nicht mehr in der Hand! Ziemlich lange für jemanden, der behauptet, Fotografie sei eines seiner Hobbies, oder? Also habe ich ein solides Sigma 17-70mm 1:2,8-4,5 auf die angejahrte 60D geschraubt und bin einfach los gegangen, um zu knipsen. Und was soll ich sagen – es ist toll, wenn man feststellt, dass man eigentlich schon das richtige hat. ‘ne Kamera ohne allzu viel Schischi, die einfach Bilder macht. Viellicht kaufe ich mir irgendwann doch noch was Leichtes für unterwegs (eine einfache MFT wäre auch zum Filmen ganz ok…); aber für den Moment habe ich mich nochmal neu in mein Bestandequipment verliebt. Vielleicht liegt’s am Frühling…

Erwachsen bilden N°30 – …alles für die Kunden?

Ich nehme das Credo des Artikels vorweg und sage rundweg mal NEIN! Ich tue nicht ALLES für meine Kunden. Ich erfülle gerne alle legitimen Ansprüche. Ich denke mir auch gerne Lösungen aus, die um die Ecke liegen, anstatt mitten im Sichtfeld. Ich baue mit Freude und Anstrengung ein Lern-Buffet auf, an dem man sich reichhaltig bedienen kann und gehe auf spezielle Wünsche ein, wenn es denn irgendwie machbar ist. Aber ich mache mich NICHT zum Affen, ich lasse mich NICHT ausnutzen, NICHT für dumm verkaufen und vor allem NICHT beleidigen. Da kommt ja immer mal wieder dieser Spruch “Der Kunde ist König!” (in den Köpfen der meisten Dienstleister direkt gefolgt von “NIEDER mit der Monarchie!”) und dieser Spruch ist halt leider einfach falsch. Oder besser gesagt, er wird häufig entweder missverstanden oder – noch viel lieber – missbraucht, um ein Verhalten zu rechtfertigen, das schlicht und ergreifend Bullshit ist.

Ich verkaufe Bildungsdienstleistungen. Zugegeben sehr spezielle; aber das ist erst mal eher unwichtig. Also präziser gesagt, entwerfe ich im Rahmen der hierfür gültigen Anforderungskataloge welche, halte den Unterricht auch häufig selbst und habe die Vorgabe, damit am Ende etwas Geld verdienen zu müssen. Aber der Job ist schon ein bisschen vielfältiger als bloßes Verkaufen. Wichtig ist dabei, den Unterschied zwischen verschiedenen Dienstleistungen zu verstehen. Wenn ich ein maßgeschneidertes Softwareprodukt für den Launch einer Business-Plattform bestelle, dann gibt es ein Pflichten/Lasten-Heft in welchem Kunde und Dienstleister gemeinsam festlegen, was zum Portfolio gehört – und was nicht! Bei Bildungs-Dienstleistungen hingegen ist dieses Pflichtenheft, insbesondere im berufsbildenden Bereich eher dünn und hoch interpretationsfähig: am Ende soll üblicherweise der Erwerb einer, auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Qualifikation stehen. Sicher ist jeweils definiert, was die Person schlussendlich “können” können soll. Der Weg dahin jedoch… ist oft Terra incognita. Weil Lehr-Lern-Prozesse nicht wie ein Software-Algorithmus programmierbar sind.

Chefs, Vorgesetzte, Teamleiter, etc. haben ja oft diese naive Vorstellung, dass meine Kollegen und ich morgens mit einem Bohrer und Infusionsbeuteln voller Wissen in den Lehrsaal kommen und dann das “Mana der Kompetenz” fließen lassen, auf dass alle Teilnehmer:innen am Ende höchst belehrt und voll einsetzbar sind. Dass das Lernen meist schon viel früher (z.B. bei der Auswahl geeigneter Auszubildender) beginnt und damit Lernschwierigkeiten, eine mangelhafte Berufspassung, unbefriedigende Performance und manch andere Dinge u.U. ein hausgemachtes Problem sind, wird entweder nicht gesehen, oder geflissentlich ignoriert. Die Schule wird’s schon richten. Tatsächlich entwerfen wir Lernsituationen, in welchen die Teilnehmer:innen (oder SuS: Schülerinnen und Schüler) in die Lage versetzt werden, sich Wissen, Fähigkeiten und wie man diese kombiniert, um kompetent handeln zu können, selbst aneignen zu können (der Konstruktivismus lässt grüßen). Denn man kann niemanden “lernen machen”!

Aber auch die SuS oder Teilnehmer:innen haben oft nur eine vage Vorstellung, wie Erwachsenenbildung funktioniert, weil das allgemeinbildende Schulwesen mit seinem Fachzentrierten Unterricht anders läuft, als das Lernfeldzentrierte Unterrichten in einer Berufsfachschule. Die begreifen oft erst nach und nach, dass unser Ansatz im Kern ganzheitlich ist, also niemals nur ein Wissensfeld (oder Fach, wenn wir von Schule sprechen wollen) allein beackert wird, sondern immer mehrere auf einmal. Weil vor allem die Fähigkeit zum vernetzten Denken und Handeln gefördert werden muss. Dass ist eine der Anforderungen des Berufsfeldes, in welchem ich tätig bin. Daraus resultiert, dass es jemandem, der gerade die allgemeinbildende Schule hinter sich gebracht hat (oder auch manche Berufsschule aus dem gewerblich-technischen Bereich) ungemein schwer fällt, einen roten Faden zu erkennen, auch wenn der von Anfang an da ist – sofern der Lehrplan halbwegs clever designed wurde…

Ich muss wohl nicht erklären, dass daraus Zielkonflikte resultieren, denn die SuS denken, wir würden ihnen gar nicht das beibringen, was sie brauchen. Obwohl die ja oft noch gar nicht wissen (können), was sie alles brauchen (werden). Und die Chefs denken, dass das alles nicht schnell genug geht, weil sie in Kennzahlen und Einsetzbarkeit denken. Tellerränder und so…? Es braucht also oft viel Erklärungsarbeit (ich bin in mancher Hinsicht ein wahrer Transparenz-Junkie!), aber auch Geduld auf beiden Seiten. Und da entstehen dann die Probleme, die mich richtig fuchsig machen. Z.B. Menschen, die denken, dass alles nach ihrem Kopf gehen muss, und man die Abläufe (Unterricht, Prüfungen) gefälligst nach ihren Vorgaben strukturieren soll. Wenn ich aber einen Klempner bestelle, erkläre ich dem auch nicht, wann und wie das mit dem Rohr gemacht wird. Weil ich a) gar keine Ahnung habe, wie das geht und b) keine Verfügungsgewalt über die Zeitabläufe anderer Menschen habe. Man kann höflich um eine gewisse Flexibilisierung von Abläufen bitten. Wenn aber Forderungen gestellt werden, die schlicht das Unterrichtsziel gefährden, ist Schluss! Und zwar in jeder Hinsicht.

Auch über Rahmenbedingungen wird ja oft gemosert (zu warm, zu kalt, zu viel Theorie, zu viel Praxis, zu lang, zu kurz, schlechtes oder gar kein Catering, la, bla, laber, schätz). Den Service der eigenen Orga öffentlich zu beurteilen (gar zu loben), steht mir nicht zu; aber ich denke ehrlich, dass wir uns nicht verstecken müssen. Und dann nervt es schon, wenn man sich auf manche Kritik einlässt, Abhilfe schafft und im nächsten Schritt noch mehr Forderungen gestellt werden. Irgendwann ist es mal gut. Und auch wenn der Spruch ein wenig abgedroschen daher kommen mag: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch anno 2021 noch! Ich tue daher nicht alles für den Kunden (wenn man es denn überhaupt als klassisches Anbieter-Kunden-Verhältnis sehen will; immerhin haben Berufsfachschulen auch einen gewissen Erziehungsauftrag); ich tue alles, was notwendig ist, damit die SuS am Ende erfolgreich sein können. Zwischen diesen Lesarten des Begriffes “alles” muss man unterscheiden lernen, wenn man sich als Dozent und Schulleiter nicht vollkommen aufreiben lassen möchte. Und jetzt wünsche ich uns allen eine gute Woche.

Zwischenruf N°1

Um’s kurz zu machen: Thea Dorn ist KEINE Philosophin. Die Frau ist Krimi-Autorin, Moderatorin und ziemlich unpassender Weise von sich selbst überzeugt. An dieser Stelle sei betont: Richard David Precht ist auch kein Philosoph! Er ist ein ganz ordentlicher Speaker und geschmeidig lesbarer Autor populärwissenschaftlicher Titel; aber zum Format eines Habermas oder Luhmann fehlen ihm dann doch ein paar Meilen. Schwamm drüber. Wenn man sich aber, wie Frau Dorn, zu solchen Aussagen versteigt, wie in dem hier lesbaren Meme, muss man zur Einordnung einfach mal kurz wissen: DIESE FRAU IST UNWICHTIG! Ich würde mich total freuen, wenn wir endlich, nach einem Jahr, mit einem gesamtgesellschaftlichen Dialog darüber begännen, wie wir mit dem Rest des Lebens in, um und nach der Pandemie umzugehen gedenken. Der zitierte Imperativ: “Hauptsache gesund und lang sei das Leben.” ist nämlich – hätte Frau Dorn das nur mal zu Ende gedacht – nichts weiter als eine Facette des kategorischen Imperativ, auf dem unsere gesamte Rechtsphilosophie fußt… und noch einiges mehr.

Was mich daran ärgert, ist nicht die Aussage an sich. Was mich daran ärgert ist, dass man Menschen in irgendwelche Studios lädt, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, dafür aber viel Meinung. So wie Frau Dorn. Natürlich ist das redaktionelles Kalkül. Wenn ich mir ein paar hübsche Dogmatiker in die Show hole, passiert wenigstens verbal was und die Leute erkennen die Insignifikanz des Formates nicht schon nach den ersten drei Minuten. Wenigstens in der Theorie. Man könnte argumentieren, dass den Dialog (oder auch mal den Streit) über kontroverse Themen anzuheizen eine Kern-Aufgabe öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei. Stimmt auch. Nur werden hier keine gesellschaftlichen Diskurse abgebildet (sofern denn überhaupt welche stattfinden), sondern medienwirksame Säue durch’s Dorf getrieben, so dass jeder mal seine fünf Minuten zum Aufregen hat. Wahnsinn, ich hol mir mal Popcorn…

Jetzt mal im Ernst: haben wir nix besseres zu tun, als Geld, Strom, Arbeitszeit, Schminke und erwärmte Luft zu verschwenden, damit ein paar Möchtegern-Feuilletonisten ihren Scheiß in unsere Wohnzimmer projizieren können? Vermutlich schon, dass will nur keiner sehen. Es wäre einfach ehrlich, wenn man das ganze nicht als Talkrunde mit gewissem Anspruch laufen ließe, sondern als das, was es eigentlich ist – verbalen Gladiatorenkampf. Dann dürften die Gäste auch mal mit Teilen der Einrichtung werfen, das ganze hätte also im Wortsinn Schmiss und die Zuschauer bekämen, wofür sie – wenn sie ehrlich wären – wirklich einschalten: geistlose Unterhaltung durch leidlich bekannte Mitmenschoiden. Schönen Sonntag.

Realität, was ist das schon…?

Ich hadere – und das schon seit einer Weile – mit der Frage, wie ich zu meinen Träumen stehen soll? Also nicht den nächtlichen, an die ich mich, wenn überhaupt, höchstens ein bis zwei Mal im Jahr erinnern kann. Nee, ich meine natürlich diese fixen Ideen, bezüglich derer wir uns selbst gerne glauben machen, dass ihre Realisierung unser Leben unfassbar viel besser machen würde. Was in der Folge bei weißen mittelalten Männern, wie etwa mir, des Öfteren zu einem beängstigenden Konsumrausch führt; oder aber – in schweren Fällen – zum noch beängstigenderen Glauben, dass man zur Selbstverjüngung unbedingt ein neues Lebensabschnitts-Meerschweinchen bräuchte. Was davon schlimmer ist, darf jeder für sich selbst beurteilen…

Wir alle haben in unserem Hinterkopf einen Gottesacker für jene Träume, die wir nicht realisieren konnten oder können, weil es a) zu teuer, b) zu riskant, c) zu verrückt erschien, oder immer noch erscheint. Und irgendwie ist es auch gut, dass man, zumindest mit zunehmendem Lebensalter, so weit zu denken lernt, dass man nicht mehr jedem Affekt erliegt, der entlang der kurvigen Straße des Lebens unversehens auftauchen mag. Sogar Kerle kriegen das hin. Vermutlich ist diese Lernkurve der Hauptgrund dafür, dass wir noch nicht ausgestorben sind. Was für den Planeten jetzt irgendwie auch wieder ein bisschen traurig ist…? Egal. So oder so wächst die Zahl der Grabsteine im Laufe des Lebens ganz unweigerlich immer weiter an.

Ebenso sagt der Volksmund, dass die Zeit alle Wunden heile. Für die meisten toten Träume stimmt das auch, aber manche… ja, manche verfolgen uns ein ganzes verdammtes Leben lang. Nicht immerzu, wie die Erynien ihre Opfer verfolgen, aber doch persistent genug, um einem immer wieder was zum denken und zum bedauern zu geben. Aber ist das tatsächlich so schlimm? Ich neige mittlerweile dazu, es als Antrieb sehen zu wollen, als Motivationsquelle weiterzumachen, als Erinnerung was noch alles Gutes kommt! Und da kommt noch eine Menge, dessen bin ich mir sicher. Ich muss nicht mehr ALLES wollen, weil ich langsam aber sicher ein gutes Gefühl davon bekomme, was zu wollen sich für mich tatsächlich lohnt.

Hätte jemand die Chance, zum Vergleich jetzt mal mein 20-25jähriges Ich zu befragen, was es denn will… ohwei, ohwei, das würde echt interessant werden und ich befürchte für mein bald 47jähriges Ich gäbe es so einiges zum fremdschämen. Das wird nicht passieren und ich muss ja auch nicht jedes schmutzige kleine Geheimnis über mich verraten ( 😉 ); aber es ist schon bezeichnend, das materielle Wünsche heute weit weniger eine Rolle spielen. Zeit zu haben für meine eigenen Projekte, meine eigene Agenda, das ist es immerzu, wovon ich heute träume. Ich habe schon häufiger über meine Kämpfe mit der eigenen Kreativität berichtet und es wird der einen oder dem anderen aufgefallen sein, dass ich mich neben meinem Job auch viel mit Geschichtenerzählen, Fantastik, Science-Fiction, Rollenspiel und jeder Menge anderem Nerd-Kram befasse. Weil das meine eigentliche Welt ist!

“Living in a world of make-believe, I can hide behind what’s real.” Das ist eine Liedzeile von Ronny James Dio aus dem Song “Straight through the heart” Und für mich ist es ein sehr schönes Bild, weil es dieses ewige Effizienz-, Leistungs- und Realismus-Paradigma unserer (Arbeits)Welt in 12 Worten dekonstruiert. Was die anderen häufig zu sehen bekommen, ist eine Person, die (zu) viel arbeitet und sich dauernd mit ernsthaften Themen befasst. Doch was hinter dieser äußeren Realität verborgen liegt – oder besser, was ich aktiv dahinter verberge – das ist mein Ding, mein Ort, mein Platz für Träume. Und doch hadert er, wie er zu seinen Träumen stehen soll? Nun, die einfache Wahrheit ist: oft fühlt sich dieser Platz für meine Träume zu klein an! Er hätte gerne mehr Raum. Doch die Realität, hinter der man sich versteckt, sie verlangt ihren Tribut für die Scharade; denn Geld regiert die Welt. Verdienst du keines (oder nicht genug) kannst du dir und deinen Lieben diese anderen, materiellen Wünsche nicht erfüllen. Und damit haben wir eine Zwickmühle, aus der es kein sicheres Entkommen gibt. Außer irgend jemand schenkt dir genug Kapital, dass du dir darum keine Sorgen mehr machen brauchst. Bedingungsloses Grundeinkommen, anybody?

Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, zu fragen, ob ich derzeit schwermütig wäre: ja, das bin ich! Allerdings kaum schlimmer als die letzten 12 verdammten, Pandemie-geschüttelten Monate auch. Allerdings könnte ich langsam etwas Normalität vertragen, was auch immer das in Zukunft heißen wird. Vielleicht spiele ich doch mal wieder Lotto, einfach, um die gestresste Traum-Maschine in meinem Hinterkopf etwas abzulenken. Ansonsten ein schönes Wochenende…

Diskussionskultur?

Ich habe es in letzter Zeit schon ein paar Mal thematisiert, dass ich in der öffentlichen Auseinandersetzung den Punkt “Kultur” im Begriff, der heute die Überschrift konstituiert, erheblich vermisse. Ich bin wirklich der Allerletzte, der nicht gerne mal bis zur Polemik überspitzt und andere Diskussionsteilnehmer auch mal hart verbal angeht. Das ich das im Gegenzug auch selbst erdulden muss – geschenkt. Das gehört dazu. Die Frage ist, ob man dabei an den Fakten orientiert bleibt und dem Gegenüber gleichzeitig die Chance einräumt, seinen Standpunkt zu äußern. Ein Mindestmaß an mentaler Flexibilität ist hierfür eine Grundvoraussetzung. und natürlich die Fähigkeit, abseits seiner politischen Dogmen zu denken.

Ich bin Sozialdemokrat. Ist nicht leicht dazu zu stehen, wenn man sich anschaut, was speziell die Bundes-SPD in den letzten Jahren an Mist verzapft hat, den man keinem echten Sozen als sozialdemokratische Politik verkaufen kann. Dabei sollte offen zur Diskussion und auch Disposition stehen dürfen, was Sozialdemokratie im Kern bedeuten soll. Was Olaf Scholz treibt, verdient diese Bezeichnung allerdings nicht im Ansatz. Schwamm drüber. Ich habe durchaus auch Sympathie für die eine oder andere Position der Linken. So, wie ich auch manches, was die Grünen sagen, gut finde und selbst manche tiefschwarze Ansicht findet meine Zustimmung. Wie schon vor langer Zeit gesagt – man kann eine politische Auffassung kaum mit drei Buchstaben abkürzen.

Dieser Beitrag von Jung & Naiv , in welchem Susann Hennig-Wellsow (neue Vorsitzende der Linken) ihre bemerkenswerte Unkenntnis im Bezug auf Wehrpolitik offenbart und sich dabei in typisch linkem Dogmatismus verstrickt, wurde in einem “Ich-habe-das-geteilt”-Thread Anlass einer Diskussion, in deren Verlauf ein Kommentar, welcher der Blase, die sich da hoch verächtlich und auch ad hominem äußerte nicht gefiel, kommentarlos gelöscht wurde. Wären das alles AfD-Leute, hätte es mich nicht gewundert oder gejuckt, obwohl man bei denen eher einen Shit-Storm erwarten dürfte. Da da jedoch lauter Leute unterwegs waren, die sich selbst als aufrechte Demokraten bezeichnen würden, war ich über diese freche Zensur doch mehr als nur ein bisschen betrübt. Insbesondere, da das teilweise Leute waren, die ich bislang aus unterschiedlichsten Gründen respektiert habe.

Sinngemäß hatte ich geschrieben, dass es schon zu billig und zu wohlfeil wäre, sich hier an der offenkundigen Unkenntnis von Frau Henning-Wellsow abzuarbeiten, und gefragt, was wohl schlimmer wäre: diese Unkenntnis, oder wenn doch eigene Parteifreunde sich Kraft Amtes bereichern (Nikolas Löbel), Cum-Ex-Verdächtige vertreten (Wolfgang-Kubicki) oder auf undurchsichtige Weise in eben jene Affäre verstrickt zu sein scheinen (Olaf Scholz). Ich weise an dieser Stelle noch mal drauf hin – auch die SPD kriegt ihr Fett weg! Die Grünen erwähne ich deshalb schon gar nicht mehr, weil das so unglaublich viele Menschen auf so unglaublich uncharmante Art triggert. Auf solche Schlammschlachten habe ich keine Lust mehr. Wer immer noch nicht begriffen hat, dass wir mit dem gesamtgesellschaftlichen Umbau jetzt schon ein Jahrzehnt zu spät dran sind, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

Jedenfalls musste ich in der Folge jemanden entfreunden, den ich auch in Persona schon lange kannte (nun aber nicht mehr kennen will) , weil mir derlei Zensur weder verständlich noch tolerabel ist. Man wirft AfD-Anhängern und Verschwörungschwurblern immer gerne vor, dass die sich in ihrer Blase ja radikalisieren und dort undemokratische Meinungen und Verhaltensweisen verinnerlichen würden. Qualitativ ist das oben beschriebene Verhalten, missliebige Kommentare wortlos zu löschen genau das gleiche, denn man entzieht sich auf einfache Art und Weise einer inhaltlichen Diskussion. Das hat jedoch mit “ein aufrechter Demokrat sein” dann nichts mehr zu tun. Natürlich nutzt man Facebook als Bestätigungs-Maschine, um das Belohnungssystem anzukurbeln. Für was anderes taugt es ja nicht. Dann sollte man aber auch so ehrlich sein und offen sagen: “deine Meinung wollen wir hier nicht!”.

Darum sage ich es der gemeinten Person jetzt im Gegenzug in aller Deutlichkeit: deine Art der “politischen Diskussion” ist eines vermeintlich gebildeten Menschen unwürdig und deine Kritikfähigkeit unter aller Sau. Viel Spaß in der eigenen Blase…

Der verirrte Spielleiter #30 – Heist-Movie!

Ach ja, wir alle haben als Spieler manchmal so diese Idee, im Rahmen eines geheimen Raubzuges so zu glänzen, wie Danny Ocean und Rusty Ryan in Terry Benedicts Casino. Das Problem aus Spielersicht ist, dass selbst der best-gescriptete Plan aller Zeiten immer Schwächen haben wird, weil die Spieler halt Menschen sind und somit Fehler machen. Von verpatzten Dice-Rolls wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Die Zahl der kritischen Pläne, die ich im Laufe von über 30 Jahren aus Spielersicht habe so funktionieren sehen wie gedacht, lässt sich an einer Hand abzählen. Und das liegt mitnichten daran, dass ich zu wenig gespielt hätte. Aus SL-Sicht fällt das Ergebnis nicht viel besser aus. Allerdings sind auf dieser Seite der Macht die Einflussmöglichkeiten auf das Outcome wesentlich größer.

Das Problem bei allen Heist-Movie-Szenarios ist – wenn die Spieler, bzw. ihre Chars nicht gerade vollkommen verblödete Mörder-Hobos sind – immer der/die SL. Denn die SLs bekommen ja von Anfang an mit, was die Chars planen. Und Hand auf’s Herz, wenn manche SLs feststellen, dass die Spieler gerade einen wirklich guten Plan entwickeln, der eine entsprechend hohe Aussicht auf Erfolg hat, legen sie automatisch eine Schippe drauf, weil sie es lieben, die Spieler/Chars scheitern zu sehen… Was natürlich vollkommener Humbug ist. Ich habe diesen Fehler auch schon gemacht und versuche ihn heutzutage so gut es geht zu vermeiden. Ich will es meinen Spielern mitnichten zu einfach machen. Erfolge wollen errungen sein, niemand mag es, sie geschenkt zu bekommen, weil dann das Gefühl des eigenen Vermögens eingeschränkt wird.

Wenn ich also einen coolen Heist plane und es läuft, allen Schwierigkeiten und den üblichen paar Holprigkeiten zu Trotz gut und am Schluss kommt es zu einer intensiven Klimax, weil eben immer ein paar Unwägbarkeiten übrig bleiben, dann ist das gut so. Kämpfe durch Geschick zu vermeiden, oder aber durch gute Planung die Oberhand behalten zu können, ist fein. Einen unvorhergesehenen Kampf für sich entscheiden zu können, ist die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Wenn ich also als SL der Planung meiner Spieler beiwohne, dann bin ich dazu da, die Informationen rauszugeben, die ihren Chars mit deren gegebenen Möglichkeiten zugänglich sind. Wie immer werden planerische Entscheidungen dabei auf einer unvollständigen Datenbasis getroffen. Das ist auch im wahren Leben manchmal der Fall. Übersehen die Chars hierbei relevante Details (und wir reden hier über solche, die offensichtlich platziert sind!), vergessen sie die richtigen Fragen zu stellen (oder ignorieren prominente Hinweise des SL), oder stehen sie einfach auf “Rein-mit-Krawumms!”, dann bekommen sie auch ihren Krawumms – wie gut oder schlecht das dann halt ausgehen mag.

Was man als SL niemals tun sollte ist, die Prämisse des Geschehens zu ändern, wen man den Plan kennt. Habe ich das Setting vorgeplant und entsprechend beschrieben, kann ich nicht einfach das Setting ändern, sobald die Spieler mit ihren Aktionen beginnen. Die reale Welt verändert sich üblicherweise ja auch nicht einfach, um mir ein Bein zu stellen, wenn’s mir gerade gut geht (auch, wenn manche Menschen, wie zum Beispiel ich gelegentlich dazu neigen, solche Schuldzuschreibungen an das Schicksal, oder welche Entität auch immer zu formulieren). Das bedeutet, ist der Plan geeignet, die beschriebenen Klippen zu umschiffen und lässt genügend Spielraum für flexible Reaktionen auf die Dinge, über die man vorher einfach nicht hinreichende Infos beschaffen konnte, ändert sich nicht plötzlich der Schwierigkeitsgrad. Die notwendigen Fertigkeiten und Ausrüstungsgegenstände bleiben gleich, ebenso die Zahl und der Patrouillenrhythmus der Wachen, das Ziel ist nicht plötzlich weg und das ganze ein Falle. Außer, das ist von Anfang an die Prämisse des Szenarios! Das kann man dann mit den Spielern besprechen.

Da ich als SL omnipotent im Bezug auf die von mir gestaltete Spielumgebung bin, ist es meine Hauptaufgabe (eigentlich ist sie das immer) fair zu bleiben und es hinnehmen zu können, wenn die Spieler die von mir gestellten Aufgaben bezwingen. Möchte man das so sehen, ist damit “verlieren können” die andere Hauptaufgabe des SL. Ich habe mit der Zeit rausgefunden, dass es recht lustig sein kann, auf höchst kreative Art besiegt zu werden; man lernt ja auch für das eigene Spiel was dazu. Was nun Heists angeht – nicht jeder mag das Genre. Subtiles, nuanciertes Spiel, evtl. notwendige Verführungs- und Ablenkungs-Manöver, langwierige Informationsbeschaffung durch Ausspähen und Nachforschungen, eben das Formulieren eines komplizierten Planes. All das mögen manche Spieler gar nicht, weshalb man sich eigentlich besser vorher darüber versichert, dass alle Bock auf so ein Szenario haben, sonst gibt’s am Schluss vielleicht lange Gesichter. Und wenn am Ende alle Versuche der Informationsbeschaffung ins Leere laufen, kann das ja auch ein Hinweis des SL sein; denn manchmal ist Impro King…

Meine Spieler waren in den letzten Jahren immer für alles offen. Oder sie wollten mir halt nicht sagen, wenn es Scheiße war, damit ich weiterleite. Letzten Endes wäre das schade, denn wir kommen ja zusammen (sofern das irgendwann wieder möglich ist, gerne auch in Persona), um Spaß zu haben. Also, alle, nicht wahr? Aber fragt man um Kritik, kommt halt auch oft nix. Also mach ich einstweilen mal weiter, wie bisher. Ich persönlich mag Heist-Szenarios übrigens ganz gerne. Was mir auf den Sack geht, sind die Diskussionen, wenn’s ans Planen geht. Ich bin, wie man möglicherweise schon gelegentlich rauslesen konnte, ein großer Verfechter von Plan X. Denn beim Improvisieren kann man so richtig schön freidrehen. Und das macht MIR oft den meisten Spaß. In diesem Sinne, hoffe ich, ihr nutzt das Wochenende weise – and always game on!

Neue Bürgerlichkeit?

Ich weiß, ich sollte das lassen, aber ganz ehrlich, es ist einfach zu verlockend, sich an der Dämlichkeit der ganzen Idioten, Nazis und Besser(un)wisser auf Facebook zu ergötzen. Es erspart mir Hartz-4-TV am Nachmittag und geht auch schneller. Und so bin ich über ein Interview mit Sophie Passmann vom Donnerstag gestolpert, unter dem – natürlich in Facebook – über den titelgebenden Begriff heftig diskutiert wird. Ich finde, Frau Passmann macht ein paar gute Punkte, wenn sie als “Neue Bürgerlichkeit” diese E-Bike-fahrenden, explizit woken, öko-orientierten, absolut Ich-bezogenen (und oft auch bigotten), Social-Media-Hurenden Selbstdarsteller aus der Upper Middle Class definiert. Eigentlich hat sie dabei gerade auch die Hipster dekonstruiert, die letztlich Vorläufer dieser typischen Generation-Y-Vertreter mit Akademiker-Familien-Hintergrund waren. Letztlich reden wir über die perfekte Hassreflexionsfläche für einen langsam alt werdenden Sozen wie mich.

Macht es tatsächlich einen Unterschied für das Outcome, ob ich mein Biofleisch kaufe, damit ich per Insta jedem unter die Nase reiben kann, wie ökologisch wertvoll ich handele? Ist es nur Selbstdarstellung, wenn ich bei Wind und Wetter durch die Stadt radele, obwohl ich für’s Wochenende einen dicken Schlitten in der Garage stehen habe? Ist dieses ganze offensive Political -Correctness-Getue so schlimm, weil es den Redner in ein gutes Licht stellen soll? Ich denke eher nicht. Was mich aber stört – und da hat Frau Passmann leider Recht, wenn sie sagt, da könnte ruhig mal “so’n Sozialdemokrat vom alten Schlag daherkommen und das E-Bike umtreten” – ist der Umstand, dass man sich diese Einstellung leisten können muss. Und ein winziges Stück weit (sorry Torsten Sträter) habe ich mich darin leider wiedererkannt. Nachdem ich endlich mit dem Kotzen aufhören konnte, musste ich sofort anfangen zu schreiben.

Ja, jeder und jede (und auch alles dazwischen) sollte tun, was möglich ist, um den Planeten ein bisschen langsamer in die Hölle zu konsumieren! Darüber werde ich nicht diskutieren. Da fällt mir doch by the way ein, dass ich heute auch noch das Tagesschau-Barometer zu den bevorstehenden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gesehen habe. Das für sich betrachtet ist jetzt nicht weiter verwunderlich, haben sich die Werte in den letzten Wochen doch nur wenig geändert. Aber das jedes Mal diese ganzen Kognitionsamateure und Rechtskonservativen aus ihren Löchern gekrochen kommen, die einfach nicht verstehen wollen, dass die CDU – dieses Filzmonster zur Posten und Pöstchen-Verteilung – unser Ländle in den Abgrund geritten hat, mit einer Riege von Ministerpräsidenten, die wahlweise entweder Verbrecher, Lobbyisten, Nazis oder einfach nur unfähig waren. Und das es eine gute alte Zeit nie gegeben hat – es sei denn man ist ein ewig-gestriger Macho (oder ein Macho-höriges Weibchen), der auf Teufel komm raus mit dem Verbrenner bis vor die Gammelfleisch-Theke beim Discounter fahren muss, weil man das schon immer so gemacht hat.

Der Satz “Das haben wir schon immer so gemacht!” bringt weltweit die meisten Menschen um (natürlich direkt gefolgt von “Halt mal mein Bier!”). Wer immer noch nicht begriffen hat, dass wir einen gesamtgesellschaftlichen Strukturwandel JETZT brauchen, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Dass diese A*********r leider auch wahlberechtigt sind, kann ich nicht ändern. Es bedeutet nur, dass jeder halbwegs Vernünftige zur Wahl gehen MUSS, um dabei zu helfen, ein weiteres Erstarken nationalistischer Kräfte zu verhindern (und der so genannten Konservativen bitte auch – noch mal Grün-Schwarz, und ich muss über’s Auswandern nachdenken). Die AfD auf einer Regierungsbank wäre allerdings das ALLERSCHLIMMSTE, was diesem Land passieren kann. Falls es nicht aufgefallen sein sollte: ich habe hier zwei gesellschaftliche Kräfte gegenüber gestellt, die rein äußerlich unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch im Kern sind sie beide konservativ bis reaktionär, wollen ihren jeweiligen Status Quo um jeden Preis bewahrt sehen, betrachten das jeweilige Gegenüber als Feind und sind in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Das die Rhetorik sich unterscheidet, sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass beide Gruppen erbittert für ihre Partikularinteressen kämpfen.

Und ich – ich schaue mir diesen Zirkus an und frage mich, wann wir als Gesellschaft endgültig so weit sind, wie die USA, wo sich eben jene Gruppen – die (vordergründig) hippen, woken, kosmopolitischen Städter und die (vordergründig) reaktionär-nationalistischen Rednecks – so unversöhnlich gegenüber stehen, dass es in der Folge zu nahezu Bürgerkriegsartigen Ausschreitungen kommt? Denn momentan macht sich kaum jemand die Mühe, mit beiden Gruppen zu sprechen. Die “Neuen Bürgerlichen” werden umgarnt und die anderen verdammt, obschon, sie doch im Kern alle reaktionäre Hammel sind, denen man mal so richtig… [setzen Sie hier die kleinbürgerliche Großmachtfantasie Ihrer Wahl ein]! Frau Passmann macht sich drüber lustig, vermutlich mit dem Hintergedanken, die “Neuen Bürgerlichen” aufzurütteln, indem sie denen den Spiegel vorhält. Kann man machen. Täglich in den Arsch treten würde vermutlich mehr helfen, aber bitte…

Was die Rednecks angeht – mit manchen kann man tatsächlich noch reden, aber meine Geduld und meine mentale Kraft sind für’s Erste erschöpft. Also erlaube ich mir, sie alle als Nazis über einen Kamm zu scheren, zu beschimpfen und auszugrenzen. Zu mindestens 80% trifft’s dabei keinen Falschen. Zumindest auf Facebook nicht. Die leben eh alle in ihren Blasen. Fazit: unser gesellschaftlicher Diskurs wird derzeit von Technokraten, Nazis, Hipster-Nachfahren und selbsternannten konservativen Leistungsträgern dominiert, von denen KEINER den jeweils anderen zuhört und dabei auch noch glaubt, den Gral des Wissens zu besitzen. Wir sind also alle im Arsch. Wo ist mein Popcorn…?

and in particular…

“Wählt mich, dann rette ich die Bäume auf dem Rheindamm!” Betrachten wir diese Baden-Württembergische (besser Mannheimische) Wahlkrampfphrase doch mal etwas genauer. Sich mit einem lokal- oder bestenfalls regionalpolitisch interessanten Thema für den Landtag profilieren zu wollen, halte ich für bedenklich. Es offenbart eines der Probleme unserer parlamentarischen Demokratie – nämlich die klassische Klientel-Orientierung. Als Kampfbegriff immer wieder gerne vor allem gegen die FDP ins Feld geführt (die betteln aber mit ihrem Lobbygetue auch immer wieder darum) offenbart sich hier die Bigotterie anderer etablierter politischer Kräfte. Und konsequent zu Ende gedacht wäre Klientel-Politik auch nicht weiter schlimm, wenn man bei der Auswahl der Klientel ein gewisses Augenmaß walten ließe. Das passiert allerdings selten, weshalb Klientel-Politik in den Köpfen vieler Menschen – nicht ganz zu Unrecht – mit Lobbyismus im schlechten Sinne des Wortes gleichgesetzt wird.

Nun ist der Spruch “Meine Jacke ist mir näher als dein Hemd” selten einfach so dahin gesagt. Schauen wir auf den oben erwähnten Wahlslogan, betrifft das meine “Hood”; und die Menschen hier wünschen sich vor allem eines, nämlich dass ihre “Hood” so hübsch und damit so lebenswert bleibt, wie sie das momentan ist. Bei nicht wenigen Anwohnern im direkten Eingriffsbereich der anstehenden Dammsanierung, der die Bäume zum Opfer fallen sollen, kommt jedoch noch etwas Anderes dazu: jahrelange Bauarbeiten und ein nicht unerheblicher Eingriff in die Landschaft werden evtl. den Wert ihrer Immobilien in derzeitiger Premiumlage mindern. Und da kommen halt handfeste wirtschaftliche Interessen ins Spiel, die dazu führen, dass den Allermeisten dort der Umwelt- oder Landschaftsschutz vermutlich am Arsch vorbeigeht, wenn nur jemand ihre feinen Kapitalanlagen erhält…

Kommen wir zurück zu Regional- und Landespolitik. Zweifelsfrei kann man als MdL mehr Einfluss geltend machen, denn als “einfacher” Stadtrat. Nichtsdestotrotz ist die thematische Verengung auf lokale Themen ein Problem, bei dem man sich mit Recht fragen darf, wie sich solche Politiker denn später mal ins Zeug legen für Themen, die nicht ihre persönliche “Hood” betreffen. Zumindest könnte ein derart geführter Wahlkampf diese Frage aufkommen lassen. Nun werden die Menschen in ihrem jeweiligen Wahlkreis (ob der nun Heimat ist, sei mal dahin gestellt) für diesen Wahlkreis gewählt. Oder halt auch nicht. Was passiert, wenn man sich eng auf heimatnahe Partikularinteressen einlässt? Ist man dann tatsächlich noch ein, nur seinem Gewissen (und der Parteidoktrin) verpflichteter Volksvertreter? Muss man das überhaupt sein, oder ist es OK, wenn man bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Interessen seines Wahlkreises voran stellt, und sich genau dafür auch wählen lässt? Quasi “MONNEM FISRT!”? Wohin das andernorts geführt hat, muss ich hier hoffentlich jetzt nicht aufwärmen…

Mir jedenfalls fehlt bei einem solchen Wahlkampfslogan (ich habe diesen hier zugegeben etwas überspitzt dargestellt) die Redlichkeit, auch zu sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Lindenhöfer Partikularinteressen gegen den erklärten Willen der Landesregierung obsiegen könnten, tendenziell eher gegen Null geht. Und das sage ich nicht ohne Bitterkeit. Ich habe keine Immobilie, weiß die Landschaft aber sehr zu schätzen und kann mir einfach nicht vorstellen, dass bereits alle anderen Lösungen zu Ende gedacht wurden, sondern man einfach die Billigste durchsetzen möchte – oder die, deren Ausschreibungsgewinn einem Parteifreund nützen würde. Bei den Baden-Württembergischen Grünen weiß ich es nicht mit Sicherheit, aber unserer “CDU de Ländle” traue ich nach den Erfahrungen mit den ehemaligen “Landesvätern” Filbinger, Oettinger und Mappus alles zu! Hab ich erwähnt, dass es der SPD-Kandidat ist, der hier mit dem Slogan wirbt. Ich glaube ja, so wird das mit Grün-Rot nichts.

Der französische Schriftsteller Henri Tisot soll mal gesagt haben “Bei Politik und Fischsuppe schaut man besser nicht zu, wie sie gemacht werden.” Die Allermeisten Menschen halten sich anscheinend an dieses Diktum und lassen sich darum nur zu gerne mit Blendwerk von der notwendig unschönen Realität des Kompromisses als höchster Kunstform der Politik ablenken; meistens ungefähr so lange, bis eine Entscheidung ihr direktes Lebensumfeld in unangenehmer Weise tangiert. Wir sind zuallererst immer Mitglieder unserer “Hood”, weil systemisch zu denken, über den Tellerrand zu schauen und andere Perspektiven mit zu bedenken viele Menschen leider hoffnungslos überfordert; und da nehme ich mich selbst bei diversen Gelegenheit explizit nicht aus. Es wäre jedoch an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie man dieser sozialen Realität in ihrer politischen Bearbeitung zu einer besseren Abbildung verhilft. Denn im Moment bleibt für mich erstmal nur das fade Geschmäckle von Symbol- und Klientel-Politik zurück, die niemanden so wirklich ans Ziel bringen wird. Schönen Frühlingsanfang…

Mehrschichtige Nachlese

Sechs Wochen eines durchaus nicht einfachen Schulblocks unserer ersten Klasse im Distanzunterricht sind vorbei; und das Resümee ist aus meiner Sicht ambivalent. Ich bin davon überzeugt, dass wir Fortschritte gemacht haben: die Schülerinnen und Schüler (SuS) hinsichtlich ihrer beruflichen Entwicklung und die Lehrenden, was das Transponieren Ihrer didaktischen Fähigkeiten in die digitale Welt angeht. Andererseits muss ich zu zugeben, dass mich manche Situationen negativ überrascht haben. Ich nehme daher drei wichtige Erkenntnisse aus dem abgelaufenen Schulblock mit:

  • Zukünftig verbindlichere Ansagen hinsichtlich der Rahmenbedingungen von Unterricht und Prüfungen treffen. Es ist immer noch Unterricht und der muss immer noch bestimmten (auch gesetzlichen ) Ansprüchen genügen. Das schafft für beide Seiten Transparenz.
  • Abstimmung des Workloads verfeinern. Nicht unbedingt für die SuS, das war so weit in Ordnung. Aber die Lehrenden mussten feststellen, dass der Arbeitsbedarf für das Übertragen des Unterrichts in die Digitalität unterschätzt wurde. In einigen Fällen sogar dramatisch. Insgesamt wird der Bedarf für Vor- und Nachbereitung des Unterrichtes in Berufsfachschulen oft und gerne klein geredet. Insbesondere, wenn es dabei auch noch um Personalschlüssel geht…
  • Die eigene digitale Methodenvielfalt noch verbessern. Videopräsentationen, Padlets, Online-Lernzielkontrollen, Desktop Publishing, sind schon ok. Podcasten kann ich auch, aber bei Lehrvideos gehen noch zwei drei Schippen mehr. Und H5P ist noch nicht zu meinem Freund geworden…

Wie ich hier so an meinem Schreibtisch stehe und diese Zeilen schreibe, während es draußen zwar deutlich kühler geworden ist, als noch Anfang der Woche, aber immer noch sonnig genug, um als angenehm empfunden werden zu können, brodelt es in mir. Und das gleich aus mehreren Gründen. Die aktuell gültige Corona-Allgemeinverordnung verbietet es mir, meine Schwiegereltern zusammen mit meiner Frau und den Kindern zu besuchen. Man muss dazu wissen, dass meine kleinere Tochter heute Geburtstag hat und meine Schwiegereltern deswegen eingeladen haben, noch die alte Regel im Kopf, dass Verwandte in grader Linie ja trotzdem dürfen. So was nennt man Dilemma. Wie ich damit umgehe, habe ich noch nicht abschließend mit mir selbst geklärt, werde es hier aber – aus hoffentlich verständlichen Gründen – auch bestimmt nicht mitteilen. (By the way: einer der Nachbarn meiner Schwiegereltern ist ein A****, mit dem mein Schwiegervater im Clinch liegt; der taugt bestimmt super als Blockwart.)

Ein anderer Punkt betrifft die beste Ehefrau von allen. Also, nicht sie selbst, sondern etwas, dass sie getan hat und das mich jetzt zugegebenermaßen nervt. Eine Person aus ihrem Arbeitsumfeld führte im ganzen letzten Jahr dazu, dass ich mir ihre zunehmend genervten Schilderungen des Verhaltens dieser Person anhören musste. Schließlich hat sie das in einem Fachforum im Internet kundgetan, dass irgendwie ableitbar war, um wen es dabei geht – das war zwar nicht clever, aber menschlich verständlich. Dafür hat sie nun einen Mini-Shitstorm geerntet, der wiederum bis zu mir durchdringt – und ganz ehrlich: ein paar Leute würde ich gerne schütteln! Z. B die Person, deren Gedankenlosigkeit und Egoismus zu so viel Frust geführt haben; und die jetzt auch noch eine Entschuldigung verlangt. Oder andere Menschen am Arbeitsplatz, die keine Konsequenz gegenüber dem gedankenlosen Verhalten dieser Person gezeigt haben. Denn diese Ansammlung an Indolenz, Egoismus und Gedankenlosigkeit VERSAUT MIR IN DER KONSEQUENZ VERDAMMT NOCHEINS MEIN WOCHENENDE! Und auf sowas kann ich gar nicht…

Zweifellos müssen immer mehrere Menschen Fehler machen, bis es zu sowas kommt und wer ohne Schnitzel ist, werfe das erste Schwein. Aber man darf im Arbeitsumfeld so ganz allgemein erwarten, dass a) Auszubildende sich an Anweisungen und Regularien halten und b) Ausbilder auch Anweisungen erteilen, Regularien aufstellen und deren Nichtbeachtung sanktionieren. Passiert Beides nicht in erwartbarem Umfang, darf man sich nicht wundern, wenn es am Schluss nicht so gut läuft, wie es hätte laufen können, wenn alle ihren Pflichten nachgekommen wären. Das ist in meinem Arbeitsumfeld im Übrigen ganz genau so. Ich verweise auf das oben Gesagte bezüglich verbindlicher Aussagen. Verbindlichkeit ist im Ausbildungsverhältnis nicht etwa eine von diesen ewig gestrigen, preußischen Tugenden, die der Gängelung der Auszubildenden dienen, sondern eine Richtschnur, die für alle Beteiligten Klarheit schafft.

Merkt man, dass ich koche? GUT! Klartext: die betreffende Person interessiert mich nicht! Ihr weiterer Weg interessiert mich nicht! Und was diese Person über meine Worte denkt, interessiert mich auch nicht! Aber weiter meine Frau zu gängeln und mir damit das Leben sauer zu machen, wäre für mich die deutliche Äußerung des Wunsches nach Ärger! Mal schauen, ob ich mir dieses beschissene Wochenende noch schön saufen kann. Bleibt sauber und gesund. Tollen Tag noch.

Voll von der Rolle

Ich war gestern mit der besten Ehefrau von allen und den “lieben Kleinen” in einem der städtischen Parks. Man muss dazu wissen, dass hierorts die Stadtverwaltung den, ansonsten kostenpflichtigen Eintritt derzeit aus Gründen der sozialen Ruhe umsonst gestattet, dafür aber eine Tagesobergrenze für die Besucherzahl verordnet hat (ob DAS tatsächlich dem sozialen Frieden dient, weiß der Teufel). 2500 dürfen in den kleineren der zwei Stadtparks (ein Gelände von ca. 21 Hektar), was dazu führte, dass sich der Besuch ziemlich ruhig angefühlt hat. Fand ich OK, Menschenmassen gehen mir eigentlich immer auf den Sack. Es war sonnig, beinahe frühlingshaft (noch mal zur Erinnerung – heute ist der 21.02! Februar als kältester Monat und so…) und wir hatten unseren Spaß: Spielplatz, Viecher, Latte Macchiato, Liegestühle – läuft.

Wie ich so in dem Liegestuhl tat, wofür der gemacht ist (nämlich liegen), wies mich meine Frau irgendwann darauf hin, dass ihr aufgefallen sei, dass da viele kleine Mädchen Fußball spielen würden. Tatsache. Sie taten dies übrigens nicht nur mit ihren Vätern, weil die halt keine Söhne bekommen hätten (das sagte ich mehr so im Scherz dahin), sondern auch mit ihren Müttern. Ich begann nachzudenken, und zwar über Rollen. Was ist heutzutage ein Mann? Das generische Maskulinum wird nach und nach aus dem Duden verschwinden, allenthalben wird über Frauenquoten o. Ä. diskutiert und Frauen dringen in alle Domänen ein, die Männer einstmals für ihre Selbstdefinition requiriert hatten. Kann man mit einem “Gut so, weitermachen!” abtun, und weiter rumliegen, aber dann bleibt immer noch diese Frage: Was ist heutzutage ein Mann? Oder besser: worüber definiert Mann sich als Mann?

Lassen wir erst mal den Umstand beiseite, dass das mit der Gleichberechtigung leider noch eine Illusion ist, deren Erfüllung in weiter Ferne liegt. Dennoch hat sich das Rollenbild des Mannes bereits nachhaltig geändert. Aber es gibt sie ja eigentlich gar nicht diese eine Rolle “Mann”. Ich habe z. B. Vater, Lehrer, Schüler, Chef, Untergebener, Freund, Feind, Kollege, Ehemann, Mentor, Spaßvogel, Sohn und noch ein paar mehr drauf. OK, Sohn nicht mehr wirklich, da ja beide Elternteile mittlerweile beim großen Manitou sind. Falls es tatsächlich ein Jenseits geben sollte, möge hen Schöpfer:inx ihren Seelen gnädig sein. Und mir das auf die Schippe nehmen des Genderns verzeihen. Ich denke ja, SIE ist schwarz… Was jedoch nun das Thema Rollenrepertoire anbelangt, müsste eigentlich jedem klar sein, dass die Rolle “Mann” viele unterschiedliche Anteile aus den weiter oben genannten in sich vereint. Und keinesfalls ein statisches Konstrukt ist. Aber auch darüber habe ich schon so oft gesprochen, dass es fast langweilig ist.

Wie ich also gestern den jüngeren Vätern zusah, dachte ich so bei mir, dass meine Kindheit so vollkommen anders war – und doch irgendwie gleich. Weil das, was von außen auf uns Männer projiziert wird und das, was tatsächlich in uns stattfindet nicht selten aber auch gar nichts miteinander zu tun haben. Ich glaube ja, dass dieses Rollenbild “Mann” eine Schimäre ist, die sich aus falschen Vorstellungen, Idealbildern, Träumen, aber auch Verachtung und Neid, etc. zusammensetzt, und letztlich immer eine Projektion von außen bleiben muss. Das Teuflische daran ist, dass nicht wenige Männer den Trugbildern erliegen und dann meinen, tatsächlich so sein zu müssen, wie es den durchgemixten Gehirnficks verschiedenster Menschen mit Sendungsbewusstsein entspricht. Kopieren war halt schon immer einfacher, als selber machen. Das Ergebnis? Männer die sich komisch verhalten, weil sie denken, dass ihre Männlichkeit von anderen – nämlich DEN MÄNNERN (wer auch immer das sein mag?) – definiert werden muss und Beobachter unterschiedlichster Geschlechts-Identitäten, die sich fragen, was das soll…

Zur Klärung: ich bin ein weißer Cis-Gender-Mann etwas über Mitte 40. Also wirklich bestes Material für den Absturz in eine Midlife-Crisis und das Absondern verachtender Kommentare zu komplexen Geschlechts-Identitäten und deren noch komplexerer Abbildung in unserer Alltagssprache. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass es immer weniger Orientierungspunkte gibt, die einem zumindest eine vage Idee davon geben, was Mann sein für einen selbst bedeuten kann. Man bekommt ja heute – ganz Beck’sche “Risiko-Gesellschaft” – von Kindesbeinen an einen medialen Gemischtwarenladen vor die Nase gehalten und soll am Besten alleine und möglichst schnell rausfinden, wer und vor allem was man ist. Zum Teufel, ich bin heute noch nicht so weit und ich bin schon 46! Was soll die Scheiße? Um es weniger verschwurbelt auszudrücken – die Kerle taten mir irgendwie leid. Gefangen in der Ambivalenz des “Dazwischen” versuchten sie selbst ihr Zeichen zu setzen und gleichzeitig die Zeichen der anderen zu interpretieren, ohne dabei in irgendein politisch unkorrektes Fettnäpfchen zu treten. Da haben wir’s wieder, das gute alte Pogo-Hüpfen im Minenfeld…

Und die Mädchen mit den Fußbällen? Nun, ich hoffe, dass sie irgendwann zu Menschen heranreifen, denen es leichter fällt, sich in einer noch komplexer werdenden Gesellschaft zurecht zu finden, und den Männern ihrer Zeit helfen, die besten Männer zu werden, die sie dann sein können. Einstweilen versuche ich – genau wie hoffentlich noch ein paar meiner ungefähr gleichalten Geschlechtsgenossen – nicht zu viele Fehler zu machen, der Midlife-Crisis auch weiterhin auszuweichen und irgendwann wirklich herauszufinden, wer ich bin, warum und falls ja wie viele. Wird nicht einfach, aber hey – ich bin doch Manns genug… 😉