Der verwirrte Spielleiter N°50 – Session Prep!

Ja verdammich – ‘ne Jubiläumsfolge. Ich glaube, keine meiner anderen Artikelserien hat einen solchen Umfang erreicht. Scheint mir wohl doch immer noch wichtig zu sein… 😉 Aber genug des Geplänkels. Ich hatte in Episode N°49 über das Vorbereiten einer kompletten Kampagne gesprochen und dabei evtl. das Missverständnis erzeugt, dass man alle Story Arcs seiner Kampagne schon irgendwie zu Anfang skizziert haben sollte. Zur Erinnerung: Story Arcs liegen eingebettet in die Core Story der Kampagne, die widerum eigebettet ist in den Meta-Plot der Welt. Aber selbst, wenn ich meiner Kampagne beim Design schon ein übergeordnetes Thema gegeben habe, bedeutet das nicht, dass ich ALLE Story Arcs schon kennen kann. Es gibt nämlich mehrere Möglichkeiten an das Kampagnen-Design heranzugehen, über die ich noch nicht gesprochen hatte. Deshalb sind hier zunächst ein paar erste Erwägungen notwendig, die sich später erheblich auf das Vorgehen beim Session Preppen auswirken:

  • Campaign Pitch: Ich habe eine oder mehrere Ideen für die nächste Kampagne (Setting, Thema, Regelwerk), und stelle meinen Spielern diese Ideen kurz vor, damit sie sich über die Charaktere Gedanken machen können, die sie in dem dann schließlich ausgewählten Vorschlag spielen wollen. Mit Blick auf die Charaktererschaffung schauen wir in den nächsten Paragraphen…
  • Predesign – free choice: Ich habe eine Kampagne vorbereitet, die ich leiten werde und sage den Spielern nur an, in was für einer Art von Setting sie sich bewegen werden und erwarte dann gelassen, mit welchen Ideen sie mein Design sprengen werden. Hier gibt es zwei Untervarianten: gemeinsame Charaktererschaffung, damit die Chars in ihren Archetypen und Spezialitäten aufeinander abgestimmt sind. Dieses Vorgehen ist vor allem in taktiklastigen Systemen wie Pathfinder/Starfinder und DnD 5E quasi notwendig, sonst werden auch einfache physische Herausforderungen schnell zu einem Problem. Oder man macht eine individuelle Charakter-Erschaffung one-on-one mit dem SL. Ganz ohne taktische Erwägungen steht man dann auch schon mal mit 3 Spezialisten ohne nennenswerte Kampfkraft da. Allerdings entstehen auf die Art schon beim ersten Aufeinandertreffen oft sehr witzige, denkwürdige und spannende Szenen.
  • Predesign – narrow choice: Klare Ansagen, wie “Ihr müsst alle Zwerge spielen, weil das für das Funktionieren der Kampagne essentiell ist!”. Wahlfreiheit einzuhegen kann sinnvoll sein, wenn ich ein bestimmtes Thema für die Kampagne im Kopf habe.
Oft ist der Weg nicht klar – aber trotzdem das Ziel…

Je nachdem, wie eng oder offen ich das Thema und die daraus resultierenden Modalitäten der Charakter-Erschaffung meiner Kampagne auslege, habe ich mit der individuellen Vorbereitung einer Sitzung mehr oder weniger Arbeit. Ein zweiter Aspekt, der hier zum tragen kommt, ist die Frage, wie viel Backstory mir die Spieler für ihre Chars liefern. Jedem Spieler muss klar sein, dass eine elaborierte Backstory von mehr als einer Seite NICHT GELESEN wird. Dafür habe ich zu viel Anderes um die Ohren – als SL muss ich mich um eine ganze Welt kümmern, auch wenn’s nur eine virtuelle Welt ist. Allerdings liefert eine knapp und prägnant abgefasste Backstory dem SL u.U. Ideen und Storyhooks für individuelle Herausforderungen und Story Arcs. Wenn man das MIR als SL überlässt, kann man sein blaues Wunder erleben… Habe ich nun ein eng gefasstes Kampagnen-Thema und aufeinander (taktisch) abgestimmte Charaktere, muss ich beim Encounter-Design mehr Umsicht walten lassen. Es gibt Spieler, die zwar Action mögen, aber auch in einer gut geplanten Abenteurergruppe taktisch ungeschickt agieren. Habe ich mehrere solcher Spieler am Tisch, sehen meine Encounter anders aus, als wenn ich lauter erfahrene Wargamer am Tisch habe, die eine Ork-Armee in Nullkommanix auseinander nehmen. Besteht die Gruppe aus individuell erstellten Chars, die sich erst aufeinander eingrooven müssen, und deren Spieler mit dem Thema Taktik unterschiedlich effizient umgehen, gilt das Gleiche. In jedem Fall muss mein Encounter-Design sich am Taktik-Level der Gruppe ausrichten. Ich weiß nicht, ob meine Spieler das jetzt gerne hören aber – taktisch geschickt geht oft anders. Was allerdings dem Spaß keinen Abbruch tut.

Man könnte jetzt eventuell annehmen, dass ich immer nur nett zu meinen Spieler bin, und meine Encounter stets vorher ausbalanciere. Fragt sie mal, sie werden euch was Anderes erzählen; denn das tue ich NICHT! Ich weiß allerdings auch, das Encounter-Design nicht aufhört, wenn die Initiative gewürfelt wurde (Danke Matt Colville!). Give or take a few! Antworten die Spieler auf die Herausforderungen mit abgefahrenen Stunts, denken sie nicht nur mit ihrem Charakterblatt, wirkt sich das zu ihrem Vorteil aus. Auch wenn meine Antagonisten natürlich ebenso gewinnen wollen. Aber selbst ein großer Dämon ist nicht allwissend oder auf alle denkbaren Taktiken gefasst. Und wenn die Spieler dabei auch noch “in character” bleiben, ist große Dramatik garantiert. Und das ist, was wir wollen – Dramatik, im ganz klassischen Sinne der Theatertheorie. Siege wollen verdient sein, manchmal suchen die Helden regelrecht nach Katharsis, manchmal gewinnen die Anderen – und oft sind die Einsätze sehr hoch. Das macht den Reiz des Spiels aus. Nicht nur beim Pokern.

Und was ist Session Prep nun eigentlich? Letztlich die Zergliederung und Anpassung dessen, was ich bei meiner Campaign-Prep vorbereitet habe. Eine Mischung aus Reduktion und Akkomodation. Denn was die Charaktere in Session N°0 – N°3 getan haben, wirkt sich natürlich auf Session N°4 aus, weil meine ursprünglich vorbreiteten Story Arcs von ihnen modifiziert wurden. Ich denke die Story Arcs nicht von den Spieler-Charakteren, sondern von meinen Antagonisten-NSCs her. Was wollen diese tun? Was wollen sie erreichen? Und was würde passieren, wenn sie niemand daran hindert? Dann gebe ich den Chars Hinweise auf etwas, das vielleicht (noch) hinter den Kulissen passiert (=>Exposition), warte ab, wie sie damit interagieren (=>Komplikation und /oder Periepetie) und moderiere die Zeitläufe zwischen einzelnen Encountern/Herausforderungen (=>Retardation), um sie schließlich für das Finale vorzubereiten, dass sie nun i.a.R. selbstätig suchen (=>Katastrophe oder Lysis)! Und das in jeder einzelnen Sitzung, die sich gleichsam in die Core-Story eingliedert, welche nach exakt den gleichen Prinzipien des Regeldramas aufgebaut ist. Mit einem Unterschied: die einzelnen Sessions nach der Session N°0 sind entweder Komplikation, ODER Peripetie, ODER Retardation, bauen also Schleifen auf, die Charakterwachstum in Vorbereitung auf das FINALE GRANDE ermöglichen sollen. Essentiell ist, dass ich jede Sitzung im Nachgang und unter Berücksichtigung der Ereignisse der vorangegangenen Sitzung vorbereite. Selbst, wenn ich Cliffhanger gesetzt habe. Darum ist Buchführung so verdammt wichtig. Noch wichtiger ist es allerdings, Pacing und Abfolge der Encounter bzw. herausforderungen flexibel anpassen zu können, wenn die Spieler – mal wieder – einen ganz anderen Weg durch die Ereignisse nehmen, als ich das tun würde. Ich verweise hier einmal mehr auf meine Nexus-Vortex-Methode.

Grau, oh grau ist alle Theorie. Vielleicht mache ich irgendwann doch mal ein Video, wie sowas bei mir aussieht. Problem dabei ist allerdings, dass ich mir dazu dann auch noch ‘ne neue Kampagne ausdenken müsste, weil ja meine teilnehmenden Spieler nicht unbedingt sehen sollen, wie die nächste Sitzung aussieht. Mal schauen. In jedem Fall wünsche ich noch einen schönen Tag, und denkt dran – always game on!

Auch als Podcast…

New Work N°13 – a bad number?

Es ist zuviel! Den Satz hörte ich in letzter Zeit von den verschiedensten Protagonisten (und auch Antagonisten) in variierender Deutlichkeit; und natürlich war das vor allem bezogen auf die Arbeit. Auf Workloads, Komplexität, Zeitdruck. Nur von einem ist immer zu wenig da: Ressourcen! Bevor man nun beginnt, in das Allgemeinplatz-Horn zu stoßen und “Ja, ja, bei mir ist es genauso…” zu sagen, wäre es vielleicht angezeigt, ein wenig Diagnostik zu betreiben. In meinem ursprünglichen Gewerk, dem Rettungsdienst nimmt man ja auch nicht das erstbeste Symptom, hört auf zu suchen, und beginnt mit der Therapie; zumindest, wenn man seinen Job ernst nimmt und richtig betreiben möchte. Und insbesondere, wenn ja noch vollkommen unklar ist, was denn eine indizierte Therapie sein könnte. Bezogen auf das Eingangsproblem könnte man sich jetzt einfach hinstellen und sagen: dann arbeite halt weniger! Mach Dienst nach Vorschrift! Reduzier die Vertragsprozente! Such dir eine andere Stelle, wo’s besser läuft! Und so weiter und so fort. Klingt einfach und griffig. So wie die vollkommen inadäquaten Lösungen der AfD und FDP. Die Tage hatte ich selbst ja dennoch darauf hingewiesen, dass weniger mehr sein könnte. Fall geschlossen…? Mitnichten! Also schauen wir mal aus einem anderen Blickwinkel darauf, der jetzt weniger was mit der Frage nach kapitalistischer Arbeitnehmerausbeutung Manchester-Style zu tun hat, sondern mit der Frage nach den eigenen Motivationen und Zielen. Schließlich sind wir keine verflixten Roboter. Aus sozialpsychologischer Sicht ist das schnell abgefrühstückt:

  • Kompetenz: wir wollen uns selbst als kompetent wahrnehmen, also als befähigt, mit dem Herausforderungen, welche uns das Leben entgegenzuwerfen beliebt, adäquat und vor allem erfolgreich umzugehen. Wir wollen “es im Griff haben”. Man nennt dieses Gefühl des Im-Griff-Habens auch Selbstwirksamkeitserfahrung.
  • Soziale Eingebundenheit: wir wollen für andere Menschen Bedeutung haben und uns so wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen!
  • Autonomie: wir wollen “einfach unser Ding machen” dürfen, also das Gefühl haben, (weitestgehend) frei von äußeren Zwängen und fremder Kontrolle zu sein.
    Der Schöpfer dieses Astrolabiums mochte seine Arbeit anscheinend sehr…

    Mit diesem Wissen im Hinterkopf wird vielleicht etwas klarer, warum manche Menschen viel mehr arbeiten wollen, als eigentlich objektiv betrachtet gesund sein kann – und andere nicht früh genug mit der Freizeit beginnen können, weil allein die Pflicht zur Anwesenheit am Arbeitsplatz bereits als Zumutung empfunden wird, die durch ein angemessenes Schmerzensgeld nur nahezu gelindert zu werden vermag; die Höhe des Schmerzensgeldes ist dann auch häufiger ein Streitpunkt. Es hat was mit dem Gefühl von Sinnhaftigkeit des eigenen Schaffens zu tun, dass sich eben aus Selbstwirksamkeitserfahrung (ICH kann etwas bewegen!), sozialer Eingebundenheit (WIR sind ein geiles Team!) und Autonomie (ICH kann meinen Arbeitsbereich in einem nicht zu eng definierten Rahmen selbst gestalten!) speist. Und jetzt ratet mal, wer dafür verantwortlich ist, einen solchen Rahmen zu schaffen? GENAU – DIE FÜHRUNGSKRAFT! Und damit sind wir auch schon auf dem schmalen Grat zwischen workaholistischer Selbstausbeutung und loyaler Teamarbeit gelandet. Denn wir alle wissen, dass die Dosis macht, dass ein Ding ein Gift ist! So sehr ich mich auch darüber freue, wenn Mitarbeiter “Engagement” zeigen, so sehr bin ich auf Grund meiner Fürsorgepflicht gegenüber den mir unterstellten Menschen dazu verdammt, sie bremsen zu müssen, wenn’s gerade am schönsten ist. And I need to remind myself, that 13 is a bad number, as early as workdays tend to get that long…

    Wer ohne Schnitzel ist, werfe nun das erste Schwein. Ich fühle mich bei diesen Zeilen leider ertappt, weil ich es manchmal auch nicht gut sein lassen kann. Weil ich doch noch etwas mehr vorbereiten MUSS, wenn es besser wäre, einfach am nächsten Morgen mit dem zu performen, was ich sowieso parat habe. Denn für die allermeisten Situationen sind meine 70% vollkommen ausreichend. Im Büro genauso, wie im Lehrsaal. Das bedeutet nicht, dass man bestimmte Fachthemen nicht gut vorbereiten muss. Aber es gibt diesen Bereich zwischen der Note 3 (befriedigend: erfüllt die Anforderungen im Allgemeinen, in meiner Welt eine Leistung von 65-79% des theoretisch Möglichen) und der Note 2 (gut: erfüllt die Anforderungen voll, in meiner Welt 80-89% des theoretisch Möglichen), in dem halbwegs geschickte Pädagogen sich mühelos bewegen können. Und manchmal erfordert der Schutz der eigenen psychischen Integrität, diesen Bereich NICHT nach oben verlassen zu wollen. Für mich als Führungskraft gilt das sogar doppelt, weil ich das auch in den mir unterstellten Kollegen*innen genau beobachten und ggfs. moderierend einschreiten muss. Und das fällt mir persönlich unheimlich schwer, weil ich – wenn MICH ein Thema interessiert, fasziniert, irritiert – manchmal einfach selbst nicht lockerlassen kann!

    Und dann gibt es die Phasen, wenn Rosinante müde ist, und auf die Windmühle scheißen möchte, anstatt weiter den Berg hochlaufen zu müssen, weil Don Quijote es einfach nicht sein lassen konnte. Da fällt man dann manchmal in ein Loch, und agiert auf eine Weise, die es für Außenstehende so aussehen lässt, als wenn man einer der weniger motivierten Mitarbeiter wäre, die ich oben auch erwähnt habe (Schmerzensgeld und so…). Obwohl man einfach nur ausgebrannt ist. Und ich rede da nicht von einem echten Burn-Out im Sinne der psycho-pathologischen Diagnose, sondern einfach von nachlassender Motivation, weil die Selbstwirksamkeit schwindet (es will MIR nichts gelingen), die Eingebundenheit sich nicht mehr gut anfühlt (MANCHE ANDERE wollen einfach nicht verstehen, worauf es ankommt) und die Autonomie subjektiv eingeschränkt ist (ICH habe gar keine Freiheiten mehr); ob der letzte Punkt objektiv zutrifft oder “nur” so wahrgenommen wird, ist dabei unerheblich. Ich war dort, ich weiß, wovon ich spreche. 13 kann also sehr wohl eine Unglückszahl sein. Aber nur wenn sie für Arbeitsstunden am Tag steht. Gegen 13 tage Urlaub habe ich nichts. Obwohl 23 auch nicht schlecht wären 😉 In diesem Sinne einen schönen Samstag. Arbeitet nicht so viel!

    Auch als Podcast…

    Controversial subjects…

    Verdammt, bin ich froh, dass aus meinen Jugendtagen keinerlei nennenswerte Beweise für meine mannigfaltigen Blödheiten existieren. In den 80ern war manches anders als heute. Die Welt war NICHT politically correct. Und obschon ich viele Errungenschaften mit Bezug auf das Vorankommen der Gleichberechtigung sehr zu schätzten weiß, ist mir bewusst, wie viel einfacher damals vieles war. Das hier wird sicher kein “Früher war alles besser!”-Post. Zum einen, weil sowas langweilig ist. Und zum anderen, weil früher NICHT alles besser war. Vielleicht manches, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich z.B. war an Früher besser, dass man eben NICHT überall fotografiert oder gefilmt werden konnte. Denn eines der wenig charmanten Ergebnisse der technischen Revolution “Smartphone” ist, dass viele, wenig smarte Menschen ihre überdimensionierten Taschenwanzen für jede denkbare Art von antisocial-media-shaming nutzen. Aber das ist nur ein Aspekt von vielen. Fakt ist, dass die ubiquitäre Verfügbarkeit des Online-Seins Menschen zu Sklaven dieser Verfügbarkeit gemacht hat. Und dass “Trends” heute quasi überall und von jedem gesetzt werden können, der über die notwendige Energie und ein bisschen Glück verfügt. Und so emergieren aus dem Online-Sumpf immer wieder neue Begriffe. Wird ein Begriff aufgenommen und auf Basis seiner Griffigkeit häufig repliziert, wird er schnell zum Bestandteil des Netzsprech. So wie letztes Jahr “Smash”…

    Man sollte das eben beschriebene Social-Media-Phänomen, das vor allem Jugendsprech hyped, vom Online-Bekanntwerden von Fachbegriffen, die es schon länger gibt jedoch deutlich unterscheiden. Der Begriff Femizid z.B., den es schon seit den 90ern gibt, hat gerade eine gewisse Trendigkeit unter Journalisten erlangt. Was prompt dazu führt, dass man sich fragen muss, ob denn tatsächlich alles, was als Femizid (also als Mord an einer Frau auf Grund Ihres Geschlechtes oder besonderer Merkmale ihres Geschlechtes) deklariert wird, auch tatsächlich einer ist. Mir fällt dazu gerade der alte Song “This is a man’s world” von James Brown ein. Der Text (geschrieben 1966) spricht für ein zeitgenössisch patriarchalisches Weltbild; und doch sagen die Zeilen “But it wouldn’t be nothing, nothing, not one little thing, without a woman or a girl. He’s lost in the wilderness.He’s lost in bitterness, he’s lost lost…” ziemlich viel über die Wichtigkeit der Frauen in diesem Weltbild aus. Könnte daran liegen, dass der Text von Browns damaliger Freundin Betty Jean Newsome stammt… Nun ist es so, dass man davon ausgeht, dass ein Femizid vor allem dann vorliegt, wenn der Mord an einer Frau aus Besitzrechts-Ansprüchen eines Mannes resultiert. Eifersuchts- und Ehrenmorde fallen in diese Kategorie. Letztlich also die übelsten Auswüchse toxischer Männlichkeit. Ob jedoch alles, was die Journaille in letzter Zeit so tituliert, auch tatsächlich in diese Kategorie fällt, oder ob nicht vielleicht doch falsch verstandene political correctness (wie z.B. eine Künstlerin auszuladen, weil ihre Dreadlocks “kulturelle Aneignung” seien) eine Rolle spielt, muss jeder selbst entscheiden. Ich stelle für MICH fest, dass ich auf den inflationären Gebrauch von feministischem Soziologen-Sprech in der Öffentlichkeit mittlerweile ein wenig allergisch reagiere.

    Man hat ja mit zunehmendem Alter als Generation-Xler wie ich nicht nur den Vorteil, dass es – wie oben angedeutet – wenig greifbare Beweise für die eigenen Jugendsünden gibt; theoretisch darf man so langsam auch auf ein wenig Altersmilde hoffen. Pustekuchen. Ich stelle fest, dass viele Auswüchse des demokratisierten Sendens auf allen Kanälen (von dem ich übrigens auch gerade Gebrauch mache) für mich nicht viel mehr sind, als Wichtig-Sprech. Ausdruck des Bedürfnisses nach Anerkennung der eigenen Gedanken durch andere. Nur dass viele, derart in die Welt gesetzte Gedanken des Gedachtwerdens oder gar Publiziertwerdens nicht wert sind! Und wenn man sich mit so einer Aussage in die Außenwelt traut, läuft man halt Gefahr, dafür auch Gegenwind bis zum Shitstorm zu kassieren, weil die ganzen weichgespülten Meinungswaschlappen nicht mehr hart angefasst werden könne, ohne hinterher monatelang die Therapeutencouch über ihr “Trauma” vollzuheulen. Aber was soll ich z.B. mit diesen ganzen Artikeln in irgendwelchen Online-Postillen denn anderes anfangen, als sie als die Scheiße zu titulieren, die sie sind? Pseudo-journalistischer möchtegern-wichtiger Dreck von der Stange. Vielleicht schreibt ChatGPT ja doch schon für Zeit Online, weil die Volontäre mehr Kaffee haben wollten? Wer sich allen Ernstes mit TikTok-Blödsinn wie den sogenannten Vanilla-Girls (auch noch hinter der Paywall…) befasst, den kann ich einfach nicht mehr ernst nehmen. Kommt eurem Auftrag nach und kehrt den Dreck unter den Teppichen der Politik aus, und steckt das andere Zeug in eine eigene Rubrik. ich schlage auch gleich einen Titel vor: “Nutzlose Belanglosigkeiten und Pseudo-moralischer Heuchel-Furor”. Wird bestimmt auch gelesen. Schönes Wochenende.

    Auch als Podcast…

    New Work N°12 – Ist weniger mehr?

    Im Moment geistert eine Studie durch’s Netz, und auch die Seiten einschlägiger Postillen, die gerne und viel zitiert wird, weil das Thema kontrovers ist – die probeweise Einführung einer 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Initiative 4 day week global hat einen Pilotversuch mit etwas über 60 Unternehmen aus verschiedenen Branchen durchgeführt, und die parallel dazu angelegt Studie ist jetzt veröffentlicht worden. Die Diskussionen im Netz drehen sich nun um die typischen Themen: “geht doch nur in Büro-Jobs!”, “ist nichts für den Mittelstand!”, “wer soll das finanzieren?”, “sowas gefährdet den Standort BRD!”, “die sollen mehr, nicht weniger arbeiten!”, etcpp. Steffen Kampeter, der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hat denn auch gleich geäußert, dass wir in Deutschland MEHR Bock auf Arbeit bräuchten, anstatt weniger, weil ja auch jemand etwas erwirtschaften müsse, um das alles zu bezahlen. Nun ist es aber so, dass es dazu auch andere Ansichten gibt. Einerseits ist klar, dass die fortschreitende Automation Arbeitsplätze für Ungelernte zunehmend obsolet macht, und dass wir insgesamt eher weniger, und das auch noch zu einem, für die Umwelt gerechteren Preis erwirtschaften müssten, wenn wir dem Klimawandel irgendetwas entgegensetzen wollen. Aber die Arbeitgeber möchten gerne weiter Party machen, als wenn’s kein Morgen gäbe. Niemand scheint bereit zu sein, Arbeit von einer anderen Seite her zu denken. Noch immer rennen wir dem Homo Oeconomicus und dem Ideal des ungezügelten, immer weiter wachsenen Konsums für alle hinterher – munter mit dem Kopf durch Wände, bis wir die eine, finale Wand treffen, durch die wir nicht durchkommen – den Klimakollaps, oder den Kollaps der Sozialsysteme dank ungezügelt weiterwachsenden Gini-Koeffizienten. Whichever comes first…

    Industrie-ROMANTIK…?

    Der Gedanke, dass der Wohlstand schrumpfen könnte, scheint offenkundig für Viele erschreckender, als ein Strand auf der Domplatte, weil die Kölner Bucht ihren Namen endlich verdient. Aber was würde das für uns übersättigte Nordhalbkugel-Könige der Welt tatsächlich bedeuten? Kein neues Handy jedes Jahr, kein Urlaubsflug um die halbe Welt, nicht jeden Tag Fleisch auf dem Tisch, etwas weniger Wohnraum pro Person, insgesamt weniger Gimmicks und weniger Mobilität. Ich komme damit jetzt schon zurecht, WAS ZUM TEUFEL STIMMT ALSO NICHT MIT EUCH NARREN? Mobilität ist Freiheit? Ja klar, auf der A1 Mittwochmorgens um 08:00 total, oder? Wacht endlich mal auf. Und jetzt kommt aus dem OFF die entscheidende Frage: was hat denn DAS nun mit der 4-Tage-Woche zu tun? Antwort: einfach alles! Und zwar, weil wir uns erstens überlegen müsses, welche Arbeit WIRKLICH getan werden muss, wir zweitens echte Bullshit-Jobs (alles mit Fiat-Geld und vieles mit Medien) ABSCHAFFEN müssen, und drittens den Wert jedes übrig bleibenden Jobs neu bewerten müssen. Ich habe z.B. kein Problem damit, wenn ein moderner Gladiator, ähm pardon… Fußballer gutes Geld verdient. Aber wirklich niemand auf diesem Planeten braucht Blattgold auf seinem Steak – nicht wahr, Herr Ribéry?

    Yuval Noah Harari beschreibt in seinem Buch “Sapiens. A Brief History of Humankind.”, wie viel Arbeitszeit ein durchschnittlicher Jäger und Sammler pro Woche für seinen Unterhalt zugebracht hat. Spoiler: es waren ca. 15 Stunden! FÜNFZEHN STUNDEN! Zugegeben, der Lebensstandard war sicher nicht vergleichbar mit dem heutigen, und die Lebenserwartung dürfte deutlich niedriger gewesen sein. Aber würde man beide Seiten fragen können, wer insgesamt mit seiner Existenz zufriedener war/ist, bin ich mir nicht sicher, wo wir raus kämen. Ich persönlich hätte mit 15h/Woche jedenfalls nicht das geringste Problem. Mit den momentan üblichen FÜNFZIG jedoch schon! Und dann höre ich diesen Arbeitgeberfuzzi, der sagt, wir bräuchten mehr Bock auf Arbeit. Er verhöhnt damit vor allem jene, die jetzt schon hart genug arbeiten, und trotzdem ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können, weil man ihnen eben nur den Mindestlohn zugesteht! Die Prekarisierung der Arbeit, welche in Deutschland auch noch durch die Sozialdemokraten vorangetrieben wurde (Hartz-Gesetze), ist noch nicht genug, weil man Gewinnwarnungen rausgeben muss. Was zum Henker ist das überhaupt für ein Wort GEWINNwarnung? Ich verstehe die Welt nicht mehr; und ich bin damit offenkundig nicht allein (auch wenn das Zitat schon alt ist).

    „How the hell could a person enjoy being awakened at 6:30AM, by an alarm clock, leap out of bed, dress, force-feed, shit, piss, brush and hair, and fight traffic to get to a place where essentially you make a lot of money for somebody else and were asked to be grateful for the opportunity to do so?"
    
    Danke, charles Bukowski!

    Wir brauchen nicht mehr Arbeit – wir brauchen die richtige Arbeit: Bildung, Forschung, Carework, nachhaltiges Produzieren vor Ort, mehr Reparieren und weniger Wegwerfen, Naturschutz und Landschaftspflege, Communitywork und vor allem mehr Zeit für einander. Uns allen ist eine 4-Tage-Woche mehr als ausreichend, wenn wir endlich verstehen, dass mehr Konsum weder zufriedener macht, noch dem Leben mehr Sinn gibt. Und vielleicht bekämen wir es dann auch hin, den Wohlstand gerechter zu verteilen. Aber DAS ist nur ein Traum. Nennt mich Sozialist. Ist mir egal. Ich bin lieber ein stolzer Soze, als ein Pollunder-tragender Möchtegern-Leistungsträger, der mehr Ressourcen verbrennt, als seine nutzlose Arbeit jemals zu erzeugen vermag. Klinge ich gerade böse? Na hoffentlich! Bis die Tage…

    Auch als Podcast…
    Harari, Y., N. (2011): Sapiens. A brief history of humankind. London: Vintage, part of Penguin Random House.

    Sakrileg

    Ich habe neulich von der politischen Dimension des Privaten gesprochen, und mich dabei implizit zu der These verstiegen, dass unser bequemlichkeits-orientiertes Pochen auf Privatsphäre die Demokratie töten würde. Ich denke immer noch so, allerdings habe ich bei der Gelegenheit mit Sicherheit ein paar Dimensionen des Privaten unbesprochen gelassen, die man vielleicht auch nicht unbedingt ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerren muss, um dennoch politisch (selbst-)wirksam sein zu können. Eine dieser Dimensionen ist das Sprirituelle. Beim Begriff “spirituell” denken nicht wenige Menschen entweder sofort an Spiritismus (also den Glauben, dass Geister existieren und sich in unserer Welt irgendwie manifestieren können), oder aber an Esoterik (also “Geheimlehren”, die in aller Regel von abkassierwütigen “Lehrern” als Heilsversprechen für dies oder das postuliert werden). Mir hat Esoterik ja ein paar Buchstaben zuviel (um genau zu sein ein S und ein E), aber was weiß ich schon… Spiritualität meint jedoch die Suche einer nicht materiellen Wirklichkeit, also nach der Erfahrung von Transzendenz. Dieses Bestreben wohnt übrigens auch allen Religionen inne. Da in unserer modernen Welt jedoch Religion als sinnstiftendes Element des Lebens häufig keinen so hohen Stellenwert mehr genießt, findet die Suche nach spiritueller Befriedigung heute auch an anderen Orten, als etwa Gotteshäusern statt.

    Rock of Cashel, County Tipperary, Irland

    Ich bin einer von diesen Menschen, die mit organisierter oldschool-Religion nicht allzu viel anfangen können. Das liegt vermutlich daran, dass ich beim Umgang damit immer auch eine historische Perspektive mitdenke – und die fällt, speziell für die katholische Kirche, dann im Bereich Humanität doch eher ernüchternd aus. Ist aber nicht so, dass die anderen nicht auch jede Menge Dreck am Stecken hätten. Gäbe es keine geschickten Lobbyisten und im Strafrecht nicht überall auf der Welt Verjährungsfristen, gäbe es vermutlich keine Kirche mehr. Wie dem auch sei, Menschen suchen nach Erfahrungen, die über die schnöde Alltags-Existenz auf diesem halbflüssig-heiß durch’s All taumelnden Gesteinsbrocken namens “Erde” hinaus weisen. Und das schon immer. Anders wäre nicht zu erklären, dass es viele Jahrtausende alte Kult- und Zeremonien-Gegenstände gibt, die weit von alltäglichem Gebrauchswert entfernt sind. Irgendwas hat unsere kleinen Affenhirne schon immer dazu gebracht, an “etwas Größeres” glauben zu wollen; einen Sinn in alldem entdecken zu wollen. Auch wenn Existenz so ganz im allgemeinen erstmal keinen speziellen Zweck hat – außer zu existieren. Wir brauchen einfach dieses Gefühl, dass es einen größeren Plan gibt, den wir halt nicht erkennen könne, weil wir “nur” Menschen sind. Ich denke diese Gedanken übrigens nicht, weil heute Sonntag ist. Das mit dem siebten Tag haben Menschen erfunden, denen klar war, dass alle Menschen besser klarkommen, wenn sie eine Struktur haben, an der man sich orientieren kann. Die 7-Tage-Woche ist ein evolutionäres Erfolgsmodell!

    Ich habe mich einfach nur an das obige Bild erinnert, weil es für mich an eine spirituelle Erfahrungen herankam, dort stehen zu dürfen. Insbesondere, wenn ich reise, sehe ich die Welt um mich herum oft durch den Sucher einer Kamera; selbst dann, wenn die Kamera gar nicht an ist. Dass ist mein Drang, die Umwelt kreativ erfahren und diese Erfahrung gleichsam konservieren zu wollen. “Spirit to go”, wenn man so will. Für mich funktioniert das, weil ich die Welt “as is” zu nehmen versuche. Wir kriegen keine andere, aber das, was wir daraus machen, ist Vergangenheit, Kultur und Zukunft zugleich! Ein Prozess, ein Kreislauf, der weitergeht, egal ob mit dem Individuum, das ich war, bin und sein werde – oder eben ohne mich. Diese Erkenntnis ist für mich nicht morbide, sondern befreiend. Seine eigene Wichtigkeit im Gesamtbild nicht zu überschätzen, lässt einen DIE Dinge wichtig nehmen, die man tut, insbesondere für Andere. Mir tun jene Menschen mittlerweile leid, die sich die ganze Zeit nur darum kümmern, wie sie von Anderen gesehen werden; denn DAS ist das wahre Sakrileg an der Humanität. Schein statt Sein, Hülle statt Substanz. Denn Bestand haben nur unsere Taten, nicht jedoch unser Sein. Nicht, dass man mich jetzt falsch versteht: ich lebe gerne! Und ich habe noch einiges vor! Aber wichtig sein muss ich nicht; außer für die paar Menschen, die mir wirklich am Herzen liegen. In diesem Sinne – nehmt euch nicht zu wichtig und die Welt nicht so schwer, dann wird es für uns alle leichter. Schönen Start in die neue Woche.

    Auch als Podcast…

    Music was my first love…

    Um es gleich vorweg zu nehmen, es geht hier NICHT um John Miles’ Hitsong von 1976, den Alan Parsons meisterlich orchestriert hat. Obwohl… irgendwie doch. Vielleicht, weil selbst diese zunächst eher simpel erscheinende erste Textzeile, diese Liebeserklärung an Musik als solche schon Kontroversen stiften kann. Denn es gibt ja dieses alte, ungeschriebene Gesetz, dass man über Geschmack nicht streiten soll; was eigentlich auch für Musik gilt. Und für Fußballclubs. Oder Biersorten. Kleidungsstile…? Man sieht schon, worauf das hinausläuft: wenn man halt seine Dogmen ordentlich pflegen möchte, ist des Nachbarn Geschmack schnell ein ebenso willkommenes Feindbild, wie dessen Parteizugehörigkeit. Aber eigentlich geht es auch nicht um Dogmen. Darüber musste ich mich eh schon zu oft aufregen. Sondern um die Frage, ab wann etwas zur Hochkultur gehört, und ab wann wir doch eher von Pop-Kultur sprechen können…, wollen…, sollen…? Und was Pop-Kultur überhaupt ist? Der heutigen sozialwissenschaftlichen Definition nach umfasst die Popkultur massengesellschaftliche Alltagspraktiken und daraus resultierende Kulturartefakte (also Produkte der Kultur) seit dem Beginn des 20 Jahrhunderst, wie etwa Massenmedien, Trivilalliteratur und Popmusik. Okay, ganz schön weites Feld. Hochkultur bezeichnet im Gegensatz dazu von den meinungsbestimmenden Eliten als besonders wertvoll erachtete Kulturleistungen! Ja, da brat mir doch einer einen Storch. Meinungsbestimmende Eliten? Sind wir jetzt noch ein säkularer, demokratischer Rechtsstaat, oder hatte Orwell doch recht mit dem Satz “Manche sind gleicher!”? Wann immer ich irgendwo derartigen Elitismus wahrnehme, kriege ich mittlerweile die Krätze!

    “Nur im Studierzimmer wird wahrhaft wertvolles gelesen…” – MUHAHAHAHAHAHA…
    "Einen besonderen Platz in meinem Herzen genießen Artikel, die einen sogenannten Kanon beschören – „Diese 10 Klassiker der Weltliteratur…“. Weil unter solcherlei Äußerungs-Überschrift meist nur Büchern alter weißer Männer auftauchen, was jetzt den Terminus „Weltliteratur“, der ja sinngemäß Bücher aus allen Zeiten, allen Kulturen, allen Ethnien und Religionen, allen sozialen Milieus und von allen Geschlechtern einschließen würde irgendwie ein wenig ad absurdum führt. Könnte sein, dass das an der sogenannten Deutungshoheit alter weißer Männer und gelegentlich auch Frauen liegt; die Heidenreich ist ja auch so’n Vogel, den man besser schon lange in eine andere Voliére verlegt hätte."
    [Zitat aus älterem meiner Posts]

    Ich mache an dieser Stelle mal einen Punkt, den sicher nicht jeder nachvollziehen kann oder will, der mir aber sehr wichtig ist: wenn Kultur ein Prozess ist, also etwas, dass dauernd in Bewegung ist, sich zyklisch erneuert und immer wieder andere, wundersame Dinge hervorbringt – was sich hervorragend beobachten lässt, wenn man die musikalischen, cinematischen und literarischen Trends der letzten 30 Jahre mal ins Visier nimmt – stellt sich die Frage, wer sich in 100 Jahren das Recht herausnehmen wird, zu sagen: “DAS da war Kunst, aber DAS hier kann weg!”. Nichts anderes tun selbst ernannte Eliten, wenn sie etwas als Teil der Hochkultur definieren. Denn sie tun dies nur aus einem Grund – Distinktion! Es ist das inhärente Bedürfnis höherer Schichten, sich von der Plebs abheben zu wollen. Und derartiges Verhalten ist in seinem tiefsten Kern asozial, egoistisch, unsolidarisch und damit zutiefst antidmokratisch! Es geht also nicht NUR um Musikgeschmack, es geht immer auch um die Frage, wer sich von wem aus welchen Motiven unterscheiden möchte. Ähnliches Verhalten lässt sich bei den Gangs im urbanen Raum der USA beobachten, die bestimmte Musik-Genres oder sogar spezifische Bands als Erkennungszeichen nutzen (eine kurze Recherche zu “gangs and the use of music” auf Google verrät hierzu mehr). Nun sind die meisten Mitglieder der sogenannten Eliten keine Gangster im herkömmlichen Sinne, sondern nur darauf bedacht, Kulturartefakte als funktionale Zeichen zu benutzen: “Schau her, ich spiele Mozart am Klavier: ich gehöre dazu – und du nicht!” Und sicher tue ich dem einen oder anderen mit meiner Analyse unrecht; was die Analyse als solche jedoch nicht entwertet.

    Die oft beschrieene Dichotomie Hochkultur vs. Populärkultur ist ganz einfach Bullshit! In jeder Zeit emergieren die unterschiedlichsten Kulturtechniken und Kulturpropdukte. Dass sich mit dem technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt des 20. und 21 Jhdts. die Ausdrucksformen verändert, die Distributionstechniken diversifiziert und der Zugang zum Publishing demokratisiert haben, steht außer Frage – aber immer noch wird Kultur von Menschen für Menschen aus den gleichen Motiven heraus produziert, wie eh und je: aus dem Wunsch heraus, eigene Ideen verbreiten zu können, dem Wunsch wahrgenommen und geehrt zu werden, und schließlich dem Wunsch, Geld damit verdienen zu können! Und was unterscheidet nun die Hoch- von der Populärkultur? Das Urteil von Kritikern, die sich selbst oft genug zur Elite zählen? Das Tomato-Meter auf Rotten Tomatoes oder irgendeine andere Rating-Plattform? Der jeweils amtierende Kulturminister? Das Volk? Sucht es euch aus, meine lieben Menschen. Denn schlussendlich liegt die Entscheidung darüber, welche Kulturartefakte wertvoll sind, und welche eher nicht… TADAH… bei euch selbst!

    Das Internet hat so manche Schwachstelle, wenn es um die Demokratie als solche geht, es erzeugt Meinungsblasen und gesellschaftliche Probleme zuhauf – aber es ermächtigt jeden nicht vollkommen verblödeten Mitmenschoid dazu, sich seine eigene Meinung bilden zu können. Dazu sind nur ein wenig gesunde Skepsis und etwas Bildung notwendig. Und Bildung heißt hier explizit nicht, dass man “diese 10 Klassiker der Weltliteratur gelesen haben sollte”; sondern dass man über die Kompetenz verfügt, Dinge kritisch begutachten, beurteilen, einordnen und miteinander in Bezug setzen zu können. Ob einem “Ulysses” von James Joyce dabei hilft, muss jeder für sich selbst herausfinden (für mich hat der 16.06.1904 übrigens keine besondere Bedeutung…). Und was hat das alles jetzt mit dem Song aus dem Titel zu tun? Alles und Nichts zugleich! Für manche ist dieser Song ein Meisterwerk, dessen Produktionsdesign und Arrangement einen Meilenstein darstellen. Für andere ist es einfach nur ein Song unter vielen. Und wieder andere werden den Pomp und das Übermaß von einfach allem (insbesondere Pathos) in dem Stück eher mit Widerwillen erleben. Und damit unterscheidet er sich kein Jota von Beethovens 9. Sinfonie, der Ode an die Freude! Hochkultur? Drauf geschissen! Kunst entsteht zu allen Zeiten, wenn jemand mit seiner Kreativität etwas anzustellen weiß. Manche mehr, manche weniger. Und damit hat sich’s. Schöne Woche…

    Auch als Podcast…

    Ego-Trip

    Hat Jan Vermeer seine Gemälde gemalt, damit diese in einem Museum hängen, und dort zur Aufgabe für Schüler*innen auf Exkursion gemacht werden, oder aber sogenannten Bildungsbürgern zur Selbstkulturation dienen? Keine Ahnung, aber das Rijksmuseum in Amsterdam hat dem Geheimnisvollen aus Delft eine Ausstellung gewidmet, wie es diese noch nicht gab. Und die Leute strömen dorthin. Angeblich sind die Karten dafür schon jetzt ausverkauft; ich werde also nicht in den Genuß kommen können. Andererseits kann man “Meisje met de parel” auch so zu sehen bekommen. Nur halt nicht im Original. Aber eigentlich interessiert MICH auch viel mehr, WARUM er gemalt hat, und nicht was er gemalt hat! Und mich interessiert auch nicht unbedingt Vermeer als solcher – über den wird nur zufällig gerade jetzt überall geschrieben, auf Grund der oben erwähnten Werkschau. Mich interessiert, was Künstler dazu animiert, Kunst zu schaffen; oder besser was Kreative zur Kreativität anregt und bewegt?

    Einfach nur geknipst, oder…

    Denn unsere zeitgenössische Kultur ist seltsam. Einerseits streben nicht wenige (junge) Menschen danach, durch den Ausdruck ihrer Kreativität ihr Geld verdienen zu können; Youtuber, Instagrammer, Tiktoker, etc.; social media ist für viele zumindest gedanklich ein gangbarer Weg vorbei an einem Leben voll fremdbestimmter Lohnsklaverei. Dass es nicht allzuviele schaffen, liegt am bereits lange existenten Überangebot an solcherlei Typen und Tussen. Ich halte ja mit der Kritik an den Influenzeranzien keinesfalls hinter dem Berg. Nicht jedoch, weil ich ich ihre Motive für schlecht halte. Jeder Mensch braucht am Ende des Tages was zu beißen, was zum anziehen und ein halbwegs ordentlich temperiertes Dach über dem Kopf. Den Weg dahin muss jeder selbst finden, und Werbung zu machen (denn was anderes ist In-flunker-enzern ja nicht) ist so gut oder so schlecht wie alles andere. Es sieht nur so aus, als wenn die nicht arbeiten. Diese Arbeit ist nur anders. Ich mag die Idee des Influencens deswegen nicht, weil es unredlich ist, Werbung nicht einfach Werbung zu nennen und unbedarften Menschen (von denen es eine ganze Menge gibt) irgendwas vorzugaukeln. Und weil allzu viele Influenzeranzien dabei auch noch ein schlechtes Beispiel abliefern, obwohl ihnen bewusst sein könnte, dass sie für viele Follower*innen Idole sind – in einer Zeit, die einen beklagenswerten Mangel an echten Vorbildern aufweist. Das Traurige daran ist, dass dies oft nicht aus Absicht geschieht, sondern aus einem bemerkenswerten Mangel an Selbstreflexion…

    Andererseits wird öffentlich dargebotener künstlerischer, oder kreativer Ausdruck, der nicht offenkundig dem Broterwerb dient, häufig als arrogant konnotiert wahrgenommen: “Du denkst wohl, du bist was besseres…?” Wie Schizo ist DAS denn? Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich denn bloggen würde? Nun, zunächst weil es mir Spaß macht, mich mit Worten auszutoben, Anderen meine Fotografien zu zeigen und damit vielleicht eine Reaktion zu provozieren. Kreativer Ausdruck war nämlich schon immer dazu gedacht, Menschen zum Nachdenken anzuregen. Selbst in manchem Hollywood-Blockbuster steckt jener Stoff, der Reflexion auslöst. Und wenn’s nur ein bisschen davon ist. Überdies bin ich arrogant genug anzunehmen, dass es da draußen ein paar Menschen gibt, die meine Gedanken, Ideen, Einsichten interessant genug finden, sich damit auseinandersetzen zu wollen. Ich habe irgendwann schon mal öffentlich gesagt, dass, wenn ich auch nur einen einzigen Menschen durch mein Schreiben, meine Bilder, meine Arbeit dazu ermächtigt hätte, besser werden zu können als zuvor, sich die ganze Mühe hier gelohnt hätte. Und dazu stehe ich bis heute. Für nichts anderes ist Kunst da – uns einen Spiegel vorzuhalten, und zur (Selbst)Reflexíon einzuladen! Auch wenn es gewissen Menschen evtl. an der Empfindungsfähigkeit fehlen mag, in manchen Arbeiten Kunst zu sehen. Der Zugang zu Jackson Pollock ist beispielsweise nicht ganz einfach zu finden, das will ich zugeben.

    Ob das, was ich tue, tatsächlich als Kunst qualifiziert, müssen andere entscheiden. Kreative Energie fließt in jedem Fall hinein. Der Unterschied zu Influenzeranzien liegt vermutlich in der Motivation. Ich will und muss hiermit kein Geld verdienen. Ich bin vermutlich auch nicht hübsch genug, um das über die Antisozialen Medien tun zu können. Darum ist es mir aber auch noch nie gegangen. Ich spreche hier über das, was mich bewegt, wenn ich denke, dass es andere auch bewegen könnte. Und selbst, wenn ich, wie neulich in einem anderen Post erwähnt, online nur selten eine Reaktion auslöse, habe ich tatsächlich offline schon welche bekommen, die ich als ermutigend empfand. Deshalb mache ich weiter! Was nun das Foto oben angeht – glaubt irgendjemand ernsthaft, das sei nicht nachbearbeitet? Wozu zum Teufel sollte man dann die Daten im RAW-Format auf die SD-Karte fließen lassen? Selbstverständlich kuratiere auch ich solche Dinge – allerdings gaukele ich niemandem vor, dass ich morgens um 06:30 top gestyled Pilates mache, um DANACH einen top gestyleten Latte Macchiato zu trinken. Ich brauche den verf*****n Kaffee, BEVOR ich irgendwas Sinnvolles tun kann, ihr Narren…

    Ich weiß ja nicht, wie viele Menschen auf diesen top-gefaketen Antisocial-Media-Wahnsinn reinfallen; wenn ich allerdings meine Erfahrungen mit unserer Spezies aus über 25 Jahren rettungsdienstlicher Einsatztätigkeit Revue passieren lasse, stimmt mich das leider NICHT sonderlich optmistisch. Sei’s drum. Vielleicht hat ja irgendjemand gerade zumindest mal angefangen, über seinen Medien-Konsum und die Zahl der kleinen Beeinflussungen, denen er oder sie tagtäglich zum Opfer fällt mal etwas intensiver nachzudenken. Und vielleicht entdeckt er oder sie ja eigenes kreatives Potential, dass dem etwas entgegensetzen könnte. Würde mich echt freuen. Einstweilen wünsche ich euch allen ein schönes Wochenende.

    Auch als Podcast…

    Bedenkenträgerei

    Wenn man sich Entscheidungsprozesse anschaut, muss man manchmal feststellen, dass wir Menschen ganz schön bescheuert sind. Wir versuchen um’s Verrecken, den besten Deal, die optimale Lösung, den effizientesten Weg zu finden und vergeuden dabei Stunde um Stunde, Kalorie um Kalorie, Nerv um Nerv – nur um hinterher festzustellen, dass man die Zukunft nicht vorhersehen kann. JEDES. EINZELNE. MAL. Die undurchschaubare Grenze der nächsten Sekunde, a.k.a. die unsichtbare Mauer hinter dem JETZT bietet immer und für Jeden genug Stoff zur Selbstabarbeitung. Und Generation für Generation werden wir weiterhin daran scheitern. Das an sich wäre bestenfalls eine Betrachtung von forensisch-philosophischem Interesse, wenn nicht zufällig verschiedenste Prozesse in meinem Arbeitsumfeld ebenfalls mit enervierender Regelmäßigkeit davon betroffen wären. Aber wir Deutschen haben offensichtlich ein verhängnisvolles Faible dafür, die Dinge unnötig zu verkomplizieren und stets nach 100% zu streben, wenn 70% vollkommen ausreichen würden.

    Auch das Streben nach Perfektion bedarf des Tuns…

    In einer Leitungsposition ist man relativ oft damit beschäftigt, Ressourcen zu beschaffen, damit die geleiteten Mitarbeiter*innen den Workload friktionsfrei wegarbeiten können. Das können tangible Dinge wie Material und Geräte sein; ebenso oft aber geht es um Zeit und Raum. Pädagogische Arbeit braucht beides in nicht unerheblichem Maße, was beim Controller-Mensch immer wieder zu irritierten Nachfragen führt. Aber zu “Wenn’de mit Bananen wedelst, kommen halt nur Affen…!” gehören halt nicht nur das ausgelobte Gehalt, sondern eben auch das Arbeitsumfeld, dessen Güte in wesentlichem Maße von der Verfügbarkeit der eben erwähnten Ressourcen abhängt. Und dann wird in irgendwelchen Gremien repititiv diskutiert, was in drei, fünf, sieben Jahren SEIN KÖNNTE. ICH. BIN. NICHT. NOSTRADAMUS, GOTTVERDAMMT! Ich weiß ja nicht mal sicher was in drei, fünf oder sieben Tagen, Wochen oder Monaten sein wird. Mir ist wohl bewusst, dass man für’s Geschäft eine Strategie braucht. Mir ist aber – und das ist witzigerweise eine Erkenntnis aus meinem liebsten Hobby, dem Pen’n’Paper-Storytelling – auch bewusst, dass jedwede Strategie, genau wie jedwede wissenschaftliche Erkenntnis immer nur ein Vorläufiges ist – nur ein Vorläufiges sein KANN! Weil – undurchschaubare Grenze der nächsten Sekunde.

    Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
    
    (c) Reinhold Niebuhr

    Nimmt man nun den Geist des Gelassenheitsgebetes von Niebuhr und die Erkenntnis um die Undurchschaubarkeit der Zukunft zusammen, bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als dem Leben heiter und gelassen entgegen zu treten, und manchmal Dinge einfach zu tun, auch auf die Gefahr hin, hinterher sagen zu müssen, dass man sich geirrt hat! Nun wird mir der Controller-Mensch sofort antworten “Aber da hängen fiskalische Risiken dran, wir müssen doch einen positiven Deckungsbeitrag erwirtschaften!” Ja, kann sein… Jedoch NICHT zu investieren, seine ursprünglichen Ideen NICHT anzupassen, auf den oft unerwarteten Wandel NICHT angemessen nachjustierend zu reagieren, und manchmal auch einfach Dinge zu tun, von denen der ROI (Return of Investment) vorher NICHT klar ist, konstituiert ebenso fiskalische Risiken. Sie wirken sich buchhalterisch nur an anderer Stelle aus; z.B., indem ich wieder Geld für Personalakquise ausgeben muss. Oder für Marketing. Oder für den Insolvenzverwalter… [Für Zeit-Online-Abonnenten, hier ein Artikel zum Thema Heiterkeit.]

    Ich glaube fest daran, dass dauernde Bedenkenträgerei ein Symptom dafür ist, sich zu sehr von der eigenen Amygdala regieren zu lassen – und darauf habe ich keine Lust mehr. Als Mensch, der aus eigener leidvoller Anschauung weiß, wie sich Depression anfühlt, ist es umso wertvoller, zu wissen, dass man sich dafür entscheiden kann, sich nicht Angst- und Bedenkenmotiviert durch das Leben und die Arbeit zu bewegen, sondern den Dingen aufgeschlossen und neugierig entgegen zu treten. Dass dabei zwangsläufig auch Fehler passieren, ist in der Tat unvermeidlicher Bestandteil der menschlichen Existenz. Und es wäre besser, wir erinnerten uns der Tatsache, dass wir ALLE Fehler machen. (Manchmal ist der erste, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen…) Wie man damit umgeht, also ob man eine Just Culture (ich übersetze das hier mal mit “Faire Fehlerkultur”) pflegt, oder aber gerne Leute punished, weil sie in gutem Glauben der Richtigkeit Ihres Handelns eine Entscheidung getroffen haben, die sich später als Mist herausstellt, ist eine Entscheidung, die ich niemandem abnehmen kann. Denkt man aber noch mal kurz über das bis hierher Gesagte nach, wird klar, dass alles andere als Just Culture das Wesen des Menschseins und das Wesen unserer Wahrnehmungsfähigkeit schlicht leugnet. Und das man manchmal mit 70% Effizienz loslegen sollte, weil auf nahe 100% zu kommen so viel Energie und Zeit verbrennen würde, dass man’s dann auch gleich ganz lassen kann. Ich habe jetzt nur noch ein Bedenken – nämlich das nach Sonntag Montag kommt und ich eigentlich noch nicht wieder bei 70% Akku bin. Versuchen wir trotzdem zusammen einen geschmeidigen Start in die kommende Woche.

    Auch als Podcast…

    10 years on the Blogroll…

    Es mag nur eine subjektive Wahrnehmung von anekdotischer Evidenz meinerseits sein, aber für diese alten Augen dreht sich der öffentliche Diskursraum nur noch um die eigene Achse – und DIE ist auch noch ein Spiegel! Es gibt vereinzelte wissenschaftliche Befunde aus den letzten Jahren, die zumindest den Verdacht nahelegen, dass Social Media das Geltungsbedürfnis von Narzissten in besonderem Maße befriedigen hilft. Es wäre aber zu hoch gegriffen, zu behaupten, dass sich heute nur noch egomane Selbstdarsteller in den antisozialen Medien tummeln. Das sind nur jene die man wahrnimmt, weil sie posten bis die Maus glüht…! So weit so schlecht. Wenn man aber – wie ich – den Anspruch hat, NICHT so eine dogmatische Aufmerksamkeits-Nutte zu sein, wie manch andere Menschen, die kennenzulernen ich das zweifelhafte Vergnügen hatte, bedarf es vermutlich einiger argumentatorischer Stunts, um sich nicht selbst ins Abseits zu stellen. Immerhin bin ich schon seit rund 25 Jahren online präsent. Und ich habe mich nie gescheut, meine hier geposteten Gedanken auch in die semi-anonyme Halböffentlichkeit der antisozialen Medien zu zerren. Den Feind killt man am besten mit seinen eigenen Waffen, oder…?

    runnin’ up that hill…?

    Ich durfte feststellen, dass die Seite in dieser Darreichungsform gestern ihren 10 Geburtstag hatte; und es wäre doch mal angemessen, sich zu fragen, was das hier eigentlich soll? Denn so ein Blogpost schreibt sich nicht von allein und auch ganz gewiss nicht in unter 10 Minuten. In aller Regel sind es eher so 1,5 – 2h, bis die Gedanken geordnet, der Text geschrieben, Beitragsbilder bearbeitet und der Podcast aufgezeichnet sind. Bei ein bis zwei Posts pro Woche wäre das ungefähr ein halber Arbeitstag. Und dafür braucht es schon eine gewisse Motivation. Manche verdienen so ihr Geld, haben aber andere Themen, einen anderen Workflow und nutzen alle Tricks, um Clicks zu generieren. Click-Baiting ist allerdings ebensowenig meins, wie Suchmaschinen-Optimierung. Nun könnte ich einfach sagen: “Ich bin halt eine Rampensau und will bewundert werden!” Aber tatsächlich ist das nicht so, und dass ich nicht bewundert werde, kann ich sogar beweisen. Die Statistik lügt nicht. Ich habe fast 800 Beiträge geschrieben und hier in 10! Jahren weniger als 120 Kommentare bekommen. Selbst wenn ich früher auf Facebook (dem ich vor nunmehr über 10 Monaten den Rücken gekehrt habe) noch zweimal so viele Kommentare und Likes bekommen haben sollte, wäre das ein verdammt maues Echo für so viel Arbeit. An der Aufmerksamkeitsökonomie alleine kann es also nicht liegen. Vielleicht aber daran, dass mir einerseits die Inhalte, über die ich spreche am Herzen liegen und ich gerne Menschen zum darüber nachdenken anregen würde. Andererseits ist es für mich – und ich glaube, das schon mal irgendwo gesagt zu haben – so was wie Ergotherapie.

    Also renne ich weiter, immer wieder und wieder mit meinen Gedanken und Gefühlen um die Wette diesen metaphorischen Hügel hinauf, in der vagen Hoffnung, etwas Ballast abwerfen und gleichsam anderen Menschen eine Gelegenheit zum Lernen und Wachsen bieten zu können, vielleicht auch selbst etwas lernen und wachsen zu dürfen – und damit meine ich ausdrücklich nicht meine Jahresringe! Ich sagte (oder schrieb) neulich, dass man zu echter Selbstreflexion dringend eines Spiegels bedürfe, der sich dann üblicherweise in anderen Menschen konstituiert. Deshalb ist ein anderer Teil meiner vagen Hoffnung auch, vielleicht irgendwann wieder zu konstruktiveren Diskussionen anregen zu können. Ich geißele hier ja nur zu gerne Dogmatiker, Egomanen, rechte Agitatoren, Influenzeranzien und anderes Online-Geschmeiss, dessen Geseiere und Gepose den öffentlichen Diskursraum leider zu weiten Teilen in oben erwähntes Narzissmus-verseuchtes Spiegelkabinett verwandelt hat, in dem die Meinung des Gegegnübers üblicherweise im televerbalen Klo runtergespült wird. Und es liegt anscheinend nicht in meiner Natur, das einfach so hinzunehmen. Ob das gut ist oder nicht, verrät mir vielleicht irgendwann das Licht; aber bis es soweit ist, bin ich hier und kämpfe meine Kämpfe: mit meinen inneren Dämonen, mit den dummen Menschen, die ich leider ohne Anstrengung sehen kann und den Auswirkungen einer Gesellschaft, die Solidarität und Verantwortungsbewusstsein zu Störfaktoren für’s Geschäft erklärt hat. Danke für nichts, ihr Anbeter von Mammon!

    Gelegentlich sind ich und meine virtuelle Rosinante müde, denn oben auf dem Hügel warten ja doch nur die Windmühlen. Und dann…, dann erregt etwas meine Gedanken, meinen Ärger, meine Dämonen, und wieder bin ich dabei – Running up that hill! [Randbemerkung: es interessiert MICH einen Scheiß, ob ihr da draußen denkt, dass die Duffer-Brüder den Song in der 4. Staffel von “Stranger Things” zu Recht oder unrecht, gut oder schlecht, oder als pösen Fanservice eingesetzt haben – denn der Song war vorher gut und ist es auch nachher! Und die Szenen mit “Max” sind für mich der Hammer. Also kommt klar drauf – Ende Gelände!] Und mit diesen salbungsvollen Worten eines alternden Nerds seid herzlich begrüßt im nächsten Jahrzehnt von “My Madness Machine”. Schönen Samstag noch.

    Auch als Podcast…

    Der verwirrte Spielleiter N°49 – Campaign prep…

    Zuerst noch mal etwas Nomenklatur; aber keine Sorge, allzu theoretisch wird es nicht. Zoomen wir von groß nach klein. Jede Pen’n’Paper-Kampagne spielt an irgendeinem Ort, der sich in einem größeren Gefüge wiederfindet. Die meisten Regelwerke arbeiten mit einer eigenen Welt, oder mit einer eigenen Version der uns bekannten Welt. Im Bereich Fantasy sind es zumeist jedoch fiktive Kontinente und Länder, wie etwa Mittelerde. Die Welt, auf der meine gegenwärtige Fantasy-Kampagne spielt, heißt Ogaimos. Diese Welt hat eine eigene Geschichte, eigene Kulturen, eine Kosmologie (also Religionen, Mystizismus, Magie, etc.), sprich: alles (und etwas mehr), was wir hier und heute auch haben. Diese Gesamtheit übergeordneter erzählerischer Elemente nennt man Metaplot. Lasst euch davon nicht erschrecken, denn das Meiste davon braucht es am Anfang nicht. Aber mir als SL muss bewusst sein, dass eventuell irgendwann jemand danach fragt. Spätestens, wenn die Chars das Reisen anfangen, oder tiefer in den Metaplot einsteigen, passiert das automatisch. Ich muss davon aber nur soviel vorbereiten (oder lernen, wenn ich eine vorproduzierte Spielumgebung nutze), wie ich für die ersten Storybögen (also Einzelgeschichten innerhalb einer Kampagne) benötige. Storybögen oder Story Arcs sind dabei eingebettet in die Core Story, welche die Teile der Welt erzählt, die für die Chars direkt erlebbar sind.

    (c) by Monika Merz

    [Ein Beispiel: Die Chars treffen sich in der Stadt Villera, weil einer der Chars auf der Suche nach etwas wichtigem ist, das gestohlen wurde. (=> erster Story Arc der Kampagne!). Bei der Suche danach stolpern sie über eine alte Verschwörung, welche der Stadt vor einiger Zeit einen anderen Herrscher beschert hatte, sowie eine neue Verschwörung und Intrigen, bei denen nun um diese Macht gerungen wird; hieraus entsteht eine Abfolge von einzelnen Story Arcs oder Abenteuern (=> Core Story der Kampagne!). Die Stadt Villera liegt ja aber nicht isoliert im Nirgendwo, sondern auf Ogaimos und hat gemeinsam mit dem Rest der Welt eine Geschichte, beherbergt Völker, Kulturen und Religionen, die miteinander interagieren; und aus dieser Geschichte heraus droht ein dunkler Gott, sich erneut zu erheben, indem er die Fürsten der Stadt, mehr oder weniger subtil, in einen Bürgerkrieg manipuliert (=> Metaplot der Welt/Kampagne!) Womit auch klar wird, was das Movens, bzw. der Motor dieser Geschichte ist: nämlich die Ambitionen, Ziele, Wünsche, Träume der NSCs, die momentan über die Stadt herrschen. Und die alle, welche sich gerade zufällig in der Gegend befinden, mit in ihre Machenschaften hineinziehen. Ich bot den Chars also am Anfang einen McGuffin, um sie für die aufziehende Dunkelheit zu interessieren; aber ab einem bestimmten Punkt haben sie sich selbst dafür entschieden, es ausfechten und die Stadt schützen zu wollen; jede*r einzelne aus ganz individuellen Motiven.]

    Faltkarte in meinem Campaign Diary

    Ich beginne für die Campaign Prep also in aller Regel mit einer (wie auch immer gearteten) Übersichtskarte des Ortes, an welchem sich die ersten Story Arcs abspielen und notiere mir die (zunächst) nicht ganz so wichtigen NSCs wie Stadtwachen, Ladenbesitzer, Wirte, Schmiede, etc. die der Welt Flair & Fluff geben, wenn man sie namentlich ansprechen kann. Flair & Fluff klingt vielleicht auf den ersten Blick unwichtiger als es tatsächlich ist; denn eine Spielwelt wird im Pen’n’Paper erst dann zu einer second World, zu einem glaubhaften Ort, wenn solche Details die “willing suspension of disbelief” unterstützen. Namen sind wichtig! Wesenszüge sind wichtig! Stimme ist nicht unbedingt wichtig, gibt der Sache aber, wenn man das dosiert einsetzt eine gewisse Würze (Hinweis: da wir NICHT allesamt Voice Actors sind, wie etwa das Cast von “Critical Role”, kann so etwas auch leicht ins Lächerliche abgleiten! Bevor man es hier übertreibt, lässt man’s lieber sein!) Aus zunächst unwichtigen NSCs können mit der Zeit durchaus auch wichtige NSCs werden; das schlägt sich dann im Campaign Diary, also den fortlaufenden Aufzeichnungen nieder. Mehr oder weniger gleichzeitig mit der Karte entstehen auch die ersten Key-NSCs, also Nichtspieler-Figuren, welche den Lauf der Geschichte beeinflussen helfen, indem sie entweder die Chars unterstützen, oder zu deren Anatagonisten werden. Bei manchen ist das schon am Anfang klar, bei manchen entsteht die tatsächliche Rolle, die sie zu spielen haben erst im Laufe der Geschichte. Key-NSCs haben immer einen eigenen Stat-Block und eine wenig Hintergrundgeschichte verdient.

    NSCs aus dem Campaign Diary

    Schließlich brauche ich ja auch noch den Plotbus! Der Plotbus ist für mich ein Synonym für Einstiegspunkte in eine vom SL vorbereitete Geschichte, also den eigentlichen Content, mit dem die Spieler sich später auseinandersetzen müssen/wollen. Hier ein kurzer Hinweis: die bloße Existenz eines Plotbusses ist KEIN Indikator für Railroading, sondern dafür, dass sich der SL vor Beginn des Abenteuers Gedanken darüber gemacht hat, was er seinen Spielern heute zu servieren gedenkt. Der Plotbus kann sich etwa in einem klassischen Questgeber konstituieren, in einer zunächst willkürlich erscheinenden Begegnung, die Fragen aufwirft, oder im Auffinden einer außergewöhnlichen Situation (Tatort o.Ä.). Das WIE ist dabei nur insofern interessant, als es zum WAS hinleiten sollte. Wenn ich möchte, dass die Chars einen Mord untersuchen, dann sollten sie in einer Weise über den Tatort stolpern, die Interesse oder persönliche Betroffenheit erregt. Wenn ein gestohlener Gegenstand wiederbeschaft werden soll, ist es vollkommen OK, einem der Chars direkt diesen Auftrag zu geben. Und wenn man möchte, dass sie eine geheime Schmugglerbasis im Innern einer Insel im Wolkenozean erforschen, dann plaziert man auch mal eine Vision über drohendes Unheil… [Eine persönliche Anmerkung: ob ihr, so wie hier bei mir zu sehen ein analoges Journal nutzt, oder irgendeine digitale Form, ist reine Geschmacksfrage; wichtig ist, dass das Journal regelmäßig gepflegt und mit den wichtigen Infos gefüttert wird. Insbesondere wenn NSCs sich entwickeln, muss dem ausreichend Platz eingeräumt werden, denn diese Art des Kampagnen- und Abenteuer-Designs ist zum allergrößten Teil Charakter-getrieben].

    Apropos geheime Schmugglerbasis… 😉

    Und damit sind wir mit der Kampagne auch schon soweit, dass man starten kann. Es ist natürlich durchaus clever, mehr Content vorzubereiten, als nur das erste Abenteuer. Aber manchmal muss man seine Spieler erst mal antesten, wie sie mit neuen Gegebenheiten, einer neuen Kampagnenidee, neuen Chars umgehen. Nicht jede Idee, die auf eurem SL-Papier toll aussieht, funktioniert auch für eure Spieler! Was aber einmal als Campaign-Prep niedergeschrieben wurde, bleibt verfügbar. Wenn’s jetzt nicht zündet, kann das in sechs Monaten schon ganz anders aussehen. Prep-Time ist also nie verschwendet. Und – sich selbst mal zu recyceln, ist definitiv nicht verboten! Insofern sind die Campaign Diaries das Herzstück der SL-Arbeit, weil sich dort alsbald alle relevanten Informationen zusammen finden. Eine gute Buchführung erleichtert überdies auch die “Session Prep” erheblich. Doch damit wollen wir uns nächstes Mal in dieser Serie auseinandersetzen. Einstweilen gilt – always game on!

    Auch als Podcast…