Erwachsen bilden N°57 – …warum eigentlich noch?

Ich ertappe mich in letzter Zeit immer häufiger bei dem Gedanken, dass meine Arbeit nicht wirklich eine Wirkung zeigt – oder wie man auf Neu-Denglisch sagt: keinen Impact hat. Nun ist der “Impact” von Bildungsarbeit aber auch reichlich schwer zu messen. Ich habe immer wieder gesagt, dass man mit den Kennzahlen aus der Betriebswirtschaft hier nicht allzu weit kommt. Weil Bildung zwar uno-acto verzehrt wird, jedoch zumeist ihre tatsächliche Wirkung erst mit erheblichem Zeitverzug entfaltet. Zumindest in der beruflichen Bildung ist das so. Ob wir den Azubis durch unser pädagogisches Handeln Recht getan haben, zeigt sich nicht wirklich im Moment des Examens. Weil ein Staatsexamen eine – notwendig alles verzerrende – Momentaufnahme ist, die manchmal so gut wie nichts über jene Entwicklung aufzeigt, die eine bestimmte Person in drei Jahren Ausbildung gemacht, oder eben auch nicht gemacht hat. Über die eigene Verantwortung für den Bildungserfolg habe ich hier schon häufiger gesprochen. Wir haben es dabei trotzdem mit Einflüssen durch Tagesform, durch unterschiedlichste mentale Blockaden, durch äußere Umstände zu tun, auf die man oft nur wenig Einfluss nehmen kann. Als Prüfender kann ich nur versuchen, bestmögliche, faire Bedingungen zu schaffen – und dann ist es trotzdem immer noch schwierig, dass Ergebnis von drei Jahre Arbeit durch 10 Einzelprüfungen sichtbar machen zu wollen. Doch die Verwaltungsjuristen sagen, dass man das so machen muss, weil alles andere nicht rechtssicher abbildbar wäre. Ich wage zu widersprechen, aber das interessiert halt keine Sau. Und so schließt sich der Kreis zum eingangs Gesagten – denn ich vermisse den Impact, den machen zu können ich irgendwann aufgebrochen war. Jedoch nicht nur, weil es mir nicht gelungen ist, an den rechtlichen Rahmenbedingungen nennenswert etwas zu ändern, oder Innovationen zu platzieren. Sondern vor allem, weil ich das Gefühl gewonnen habe, dass auch die Subjekte meines pädagogischen Handelns oft gar kein Interesse haben, sich auf meine Bemühungen einzulassen. Und von den struktur-organisatorischen Knüppeln zwischen den Beinen will ich gar nicht wieder anfangen. In der Hölle schmoren sollen die ganzen Arschlöcher, die gute Arbeit mit Gewalt kaputtzumachen versuchen.

Klare Struktur… eine wahre Wohltat…?

Ich weiß nicht recht, wie ich das sagen soll, aber… irgendwie fehlt mir die Motivation, mich wieder in die Bütt zu stellen und im Lehrsaal zu arbeiten. Selbst der Umstand, dass es sich um eines meiner Herzensthemen handelt, dass ich demnächst darstellen soll, vermag im Moment kaum, meine Melancholie zu unterdrücken. Wenn man immerzu da sitzt und sich nur fragt, ob es eigentlich überhaupt irgendjemanden gibt, den man positiv beeinflussen konnte, auf seinem Weg vorangebracht oder wenigstens ein wenig geholfen hat, wird es schwer. Früher, da wusste ich immer relativ genau, ob ich jemandes Leben berührt hatte. Als Rettungsassistent und später Notfallsanitäter kam ich so unmittelbar an Wohl und Wehe anderer dran, dass es manchmal schwer zu ertragen war. Aber es war auch… ja, regelrecht schön zu wissen, dass man hatte helfen können. So wie es einen auf der anderen Seite immer wieder gefordert hat, wenn man nicht zusammen mit dem Team und dem Patienten als Sieger vom Platz gehen konnte… in beiden Fällen war die Erfahrung DIREKT. Aber heute? Ja, heute tue ich viele Dinge, bei denen mir häufig völlig unklar ist, ob sie überhaupt eine Rolle im Gesamtgefüge spielen, einen Unterschied machen, irgendwem irgendetwas bringen. Man nennt das wohl einen Verlust an Sinnhaftigkeit – und natürlich korreliert das mit meiner Depression, die es sich aktuell noch ein bisschen bequemer gemacht hat und mit einem subjektiv unendlichen Vorrat Chips und Popcorn ausgestattet auf der Couch in meinem Hinterkopf lümmelt und mir dabei zuschaut, wie ich verzweifelt versuche, mich selbst wieder auf die Reihe zu bekommen. Aber… was ist das überhaupt, dieses mystische “sich selbst auf die Reihe bekommen”, “mit sich klarkommen”, “sich mal zusammenreißen”, pipapo…? Findet man das im Wald, oder gibt’s das auf Rezept in der Apotheke?

Ich stelle diese Frage hier übrigens nicht rhetorisch, oder als Stilmittel für eine spannende Textstruktur! Ich habe wirklich keine Antwort darauf. Nur das verdammte Gefühl von Leere! Und den unbedingten Wunsch, an dieser höchst unbefriedigenden Situation alsbald etwas verändern zu können. Es ist ja auch nicht so, dass ich so unfassbar tief im Jammertal der Tränen stecken würde, dass nichts mehr geht – ich fühle nur einfach nichts mehr von dem, was ich tue. Ich gehe halt roboten. Ich performe täglich – immer noch auf erschreckend hohem Niveau – auch wenn ich am liebsten schreiend davonlaufen würde. DAS konnte ich schon immer gut. Es sind nach wie vor die Dinge, die ich in meiner Freizeit tuen kann, die mich irgendwie über Wasser halten. Nur ab und zu habe ich positive Erlebnisse im Job, die mich wieder aufbauen. Kleine – manchmal auch größere – Siege. Veranstaltungen, die richtig gut laufen und bei denen die Teilnehmenden mir etwas Gutes zurückgeben. Herausforderungen, die ich überwinden kann. Und Anfechtungen, die ich kalt lächelnd abwehre. Und doch – richtig feiern kann ich das alles im Moment nicht. Ich würde mich in meiner Arbeit gerne mal wieder so richtig über etwas freuen können! Ich bin davon überzeugt, dass mir das wirklich helfen würde. Aber ich weiß nicht, was dazu nötig ist. Und genau deswegen mache ich vermutlich immer weiter – obwohl mir das nicht gut tut – WEIL ich nach so einer Gelegenheit suche und mein Unterbewusstsein mich anscheinend immer noch glauben macht, dass ich noch irgendwem irgendwas beweisen müsste. Z, B meinen Wert. WAS DEFINITIV NICHT DER FALL IST! Denn tatsächlich kann ich – zumindest rational – meinen eigenen Wert unterdessen ziemlich genau benennen, ohne dabei ein Jahressalär als Bezugssgröße heranziehen zu müssen. Nur eben nicht emotional…

Also… warum eigentlich noch? Warum eigentlich in meiner Freizeit Unterricht vorbereiten für Menschen, die noch nicht mal das Wort “Danke” richtig aussprechen können? Warum eigentlich sich immer wieder auf Diskussionen einlassen müssen über Dinge, die glasklar sind? Warum eigentlich Menschen Rede und Antwort stehen müssen, die weder verstehen worum es in meiner Arbeit im Kern geht, noch bereit sind, sich auf meine diesbezüglichen Argumente einzulassen? Warum eigentlich sich in einen Zwirn klemmen, der die Essenz meiner Persönlichkeit lediglich verdeckt, um irgendwelchen verfickten “Konventionen” gerecht zu werden? Warum eigentlich die Anklagen von Menschen aushalten müssen, die selbst viel zu wenig für ihren Erfolg getan haben und nun Anderen die Schuld dafür geben wollen? Warum eigentlich… weitermachen? Mal sehen, was für Antworten die kommende Woche mit sich bringt. Ich kann’s kaum erwarten…

Auch als Podcast…

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