Man neigt einfach zu oft dazu, das Rad neu erfinden zu wollen. Es gibt ja dieses Sprichwort: “If you want the job done well, do it yourself!” Und als Mensch in einer Leitungsposition huldige ich diesem Credo immer noch, weil ich viel zu oft dem Irrtum aufsitze, Dinge viel besser zu können als andere. In manchen Belangen mag das ja von Fall zu Fall zutreffen, doch eben nur in manchen… und es macht einem das Leben schwer, weil der Workload dadurch halt NICHT kleiner wird… Im Grunde genommen zeigt es überdies einen Mangel an Vertrauen in die Skills der eigenen Kolleg*innen. Daher versuche ich unterdessen, mich in diesem Punkt zu bessern. Aktuell noch mit wechselndem Erfolg, aber es ist ja auch noch nicht aller Tage Abend. Insbesondere jetzt wäre es auch dumm, alles selbst machen zu wollen. Ich bin einmal mehr mit einer neuen Klasse auf Einführungswoche und habe auch – wie eigentlich immer – einen Teil des Unterrichtes übernommen. Doch ich stelle fest, dass es viel einfacher wird, wenn ein zweiter Kollege dabei ist, der Input gibt und ganz eigene Vorstellungen davon hat, wie eine solche Veranstaltung abzulaufen hat. Man hat gar nicht die Chance, alles so zu machen “wie immer”. Mannomann… dass ausgerechnet ICH hier feststellen muss, dass ich beinahe diesen dämlichsten aller Sätze gesagt hätte “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Na ja, ist ja nicht passiert. Aber einige Male war es schon so, dass ich ein Programm abgespult habe und nicht immer war ich dabei flexibel genug, auf die Bedürfnisse der Schüler*innen richtig einzugehen. Und ich war oft zu sehr auf mich gestellt… alle möglichen Fehler inclusive. Das ist nun besser. Und es entlastet mich so sehr, dass ich den Unterricht, der mir nächste Woche eben zugefallen ist jetzt tatsächlich wenigstens einigermaßen vorbereiten kann, ohne das komplette Wochenende opfern zu müssen! Yay…

Ich glaube, hier schon des öfteren erwähnt zu haben, dass auch jemand mit Berufs- und Lehrsaalerfahrung sich für manche Themen immer wieder an die Bücher setzen muss, um keinen Mist zu erzählen. Das geht mir nicht anders; auch wenn ich schon so einiges ohne viel Tralala performen kann. Aus dem Handgelenk schüttelt man Unterricht dennoch so gut wie nie. Zumindest nicht ab einem gewissen fachlichen Niveau. Was man als erfahrene Lehrkraft aus dem Handgelenk schüttelt, sind Unterrichtsverlaufspläne, die passenden Methoden, das Classroom-Management, die Souveränität und den gelassenen Umgang mit Fehlern und Störungen. Der fachliche Content jedoch – der muss immer wieder überprüft und überarbeitet werden. Zum einen, weil Wissen als solches überaltert, vor allem aber, weil mein Gedächtnis mich manchmal bei den Details im Stich lässt. Theoretisches Wissen, das man nicht so oft in der Realität nutzt, degeneriert nämlich automatisch. Ich merke das an meinen Französischkenntnissen. Ich habe diese Sprache mal auf Leistungskursniveau bis zur allgemeinen Hochschulreife erlernt, aber wenn ich heute Konversation machen soll, frage ich mich, wie ich damit mein Abi geschafft habe…? DAS ist zwar schon Jahrzehnte her, aber beim medizinischen Fachwissen merke ich, dass oft nur ein paar wenige träge Monate bereits genügen, um Lücken entstehen zu lassen, die erst gestopft sein müssen, bevor ich meinen Schüler*innen entgegentreten und glaubwürdig referieren kann. Ich fahre halt nicht mehr aktiv draußen, sondern habe in der Hauptsache andere Aufgaben.

Nun ist da aber auch noch ein anderer Aspekt, der eine Rolle spielt. Ich bin, wenn ich ehrlich zu mir sein möchte, ein eher introvertierter Mensch. Ich hatte noch nie Probleme, auch mal für mich zu sein und mir selbst zu genügen. Tatsächlich sind größere Menschengruppen für mich NICHT unbedingt mein bevorzugtes Habitat. Als Lehrer stehst du aber nun mal volles Programm in der Bütt. Da vorne, wo die Musik spielen sollte, DA bist du. Und oft strengt es mich deshalb unendlich an, manchmal bin ich furchtbar gestresst, regelrecht gelähmt und fahrig und habe das Gefühl eine entsetzliche Performance abzuliefern. Könnte natürlich auch an meiner perfektionistischen Ader liegen – aber vor allem liegt es daran, dass ich diese ganze Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht möchte. Da können jetzt natürlich die Schüler*innen nix für, die haben einfach ein Recht auf Unterricht. Also unterrichte ich, auch wenn es schwer fallen mag. Genau deswegen schüttele ich einen Unterricht aber nicht mal so eben aus dem Handgelenk – eben weil es meine sozialen Batterien sehr schnell und nachhaltig lehrt. Vor allem, wenn ich gleich mehrere Wochen am Stück muss. In so einer Berufsfachschule unterrichten wir nämlich so ca. von 08:30 – 15:30 und werden auch in unseren eigenen Pausen beansprucht, wenn wir dem nicht entgegentreten. Und die Vor- und Nachbereitung findet zusätzlich statt; davor, danach, oder am Wochenende. Deshalb bin ich dankbar, momentan nicht alles selbst machen zu müssen. Man hat ja auch gerne mal Freizeit.
Ich bin wirklich gespannt, wie sich diese neuen Schüler*innen, welche ich in den letzten Tagen schon etwas besser kennenlernen durfte unter der Führung und Anleitung durch meinen Kollegen entwickeln. Aber ich bin ganz ehrlich auch froh, wenn ich morgen Mittag wieder gen Heimat fahren kann. Zum einen bin ich mit den Vorbereitungen für nächste Woche noch nicht fertig und zum anderen brauche ich dann meine heimatliche Höhle; incl. der wenigen Menschen, denen ich immer gehöre. In diesem Sinne – freut euch schon mal ein bisschen auf’s Wochenende. Heute ist ja Kleiner Freitag…
