In the long run…

Als ich 14 oder 15 war und Wünsche hatte, die über mein damaliges Taschengeldniveau deutlich hinausgingen, verschaffte mir mein Vater die Möglichkeit, ohne große Umstände selbst Geld zu verdienen. Ich ging dann in vielen Ferienzeiten malochen, während Andere andere Dinge taten. Es ist nicht so, dass ich keine Freizeit gehabt oder mein Leben nicht genossen hätte. Ich habe nur einfach einen Teil meiner Freizeit dafür geopfert, mir etwas leisten zu können. Nix besonderes, einfach nur mein kleines Stück Freiheit. Und mit der Zeit wurde daraus eine Gewohnheit. Was dazu führte, dass ich mir manchmal Dinge leisten konnte, ohne irgendwen danach fragen zu müssen, aber oft arbeiten musste, wenn ich anderes hätte tun können. Nachdem ich dann 1993 mein Abitur gemacht hatte, ging ich erst mal wieder ein halbes Jahr jobben, weil ich meine Studien-Pläne nicht so stringent vorangetrieben hatte, wie geplant; vielleicht wusste ich im Herzen auch schon, dass ich mit Menschen besser kann, als mit Maschinen. Obschon Menschen mich gleichsam immerzu anstrengen. Also landete ich im Zivildienst; im Rettungsdienst, um genau zu sein. Eine Entscheidung, die mein Leben erheblich beeinflusst hat, denn noch heute bin ich diesem Berufsfeld treu. Wenn auch in anderer Funktion als früher. Ich arbeitete 8-, 12- und 24-Stundendienste, war nie faul, hab mich weiterentwickelt und immer wieder was dazu gelernt. Im Lauf der Jahre kamen so einige Zusatzqualifikationen dazu. Doch immer noch fühlte ich mich nicht angekommen. Ich sah, dass andere Leute vorankamen, weil sie Chefs in den Arsch krochen. Eine Fähigkeit, die ich (gottseidank oder leider) nie entwickelt habe.

Also studierte ich nebenher – allerdings ohne Unterstützung oder gar Freistellung durch meinen damaligen Arbeitgeber – Bildungswissenschaft. Der alte AG hat mir damals sogar Steine in den Weg gelegt, garniert mit den unsterblichen Worten, “dass hier keine Extrawürste gebraten würden”. Ich habe einige wenige Male in den Jahren nach einer Dienstplanänderung gefragt… Wenn also jemand wissen möchte, ob ich den Laden als Arbeitgeber empfehlen könnte? Nein! Zumindest da, wo ich war, war’s früher ein kleinkarierter Saftladen, der sich NULL um das Wohlergehen oder die Entwicklung seiner Mitarbeiter*innen gekümmert hat. Dort Menschlichkeit zu bekommen, war damals ein Abenteuer, um die Catchphrase mal umzudeuten. Ich hoffe für die Kollegen, dass es heute besser geworden ist. Schwamm drüber. Ich bin dann da weg. Als mich mein damaliger Chef nach dem “Warum” fragte, habe ich nicht wirklich geantwortet. Ich wollte einfach nur meine Ruhe. Bei meiner Antwort auf die Frage, was denn noch auf meinem Zähler stünde (12 Tage Urlaub und ca. 170h Mehrstunden, was damals eher die Regel denn die Ausnahme war) wurde er ‘n bisschen blass. War im Jahr des Wechsels ein schönes 14. Monatsgehalt. Ich schloss meinen Bachelor ab, meine Aufgaben änderten sich und ich arbeitet weiter zu viel. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, jemals weniger als 120% geliefert zu haben. Oft mit, manchmal aber auch ohne gleichwertige Vergütung. Also habe ich, während ich schon in eine neue Aufgabe mit Leitungsposition und mehr als genug Arbeit gerutscht war, noch eben ein Masterstudium in Erwachsenenbildung absolviert. Nicht in Regelstudienzeit, aber trotzdem recht erfolgreich. Die Gehaltsstufe stimmte danach dann für mein Empfinden.

Doch niemand schien in den letzten Jahren so recht ernst nehmen zu wollen, wer ich bin, was mir wichtig ist, was ich kann (und was nicht) und an welchen Zielen ich arbeite. Ich meine, objektiv könnte ich fünfe gerade sein lassen. Ich bin damals zu einem recht guten Rettungsassistenten und später Notfallsanitäter geworden. Ich war ein verdammt guter Disponent für integrierte Leitstellen. Und ich bin – ohne arrogant klingen zu wollen – ein verdammt noch mal exzellenter Pädagoge. Doch das alles steht weit hinter meinen wichtigsten Lebensleistungen zurück: seit über drei Jahrzehnten glücklich mit der besten Ehefrau von allen zusammen und überdies mit zwei Töchtern gesegnet zu sein, die mich (obwohl unterdessen 13 und 17 Jahre alt) für einen gar nicht mal so üblen Vater halten. DAS müssen die dämlichen Möchtegern-Alphamales da draußen erst mal hinkriegen! Trotzdem merke ich den Zahn der Zeit; und das dauernde, nagende Gefühl, noch irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Zeigen zu müssen, dass ich mindestens genauso gut oder vielleicht auch besser bin, als andere. Was objektiv vollkommener Quatsch ist. Ich habe überdies diese verfickte protestantische Arbeitsethik in meinen Adern, die mich erst mal liefern lässt, bevor ich etwas fordere. Die mich in aller Ruhe hinter den Kulissen tun lässt, was wichtig und richtig ist, ohne darüber viel zu reden. Ich war auch nie ein Dampfplauderer, der seine Erfolge so lange schönreden kann, bis alle es glauben und ihn befördern. Peter-Prinzip bei der Arbeit. Ist halt nicht mein Stil. Was bleibt also? Dass ich hier sitze und erkennen muss, mich nutzlos immer wieder darüber geärgert zu haben, dass man mir nicht zuhören wollte, obwohl meine Argumente gut waren (und immer noch sind). Dass andere sich meine Erfolge ans Revers geheftet haben. Das man dann – kurz vor letztem Weihnachten – geglaubt hat, mich zu irgendwas nötigen zu können.

Zum ersten Mal habe ich in dem Moment meine Zähne wirklich gezeigt. Und jetzt ist etwas zerbrochen. Etwas, dass vermutlich nicht mehr geflickt werden kann. Das ich im Grunde meines Herzens aber auch gar nicht mehr flicken will. Ich habe Grenzen aufgezeigt und, um mich selbst zu schützen, Dinge von mir gewiesen und mich frei gemacht von Aufgaben, von denen ich noch vor kurzem dachte, sie seien unverzichtbar. Doch Einfluss interessiert mich jetzt nicht mehr. Die Belange meines aktuellen AG interessieren mich nicht mehr wirklich. Meine persönliche Entwicklung interessiert mich. Und die ist zum allerersten Mal in meinem beruflichen Leben nicht mehr an 120%, an MÜSSEN um jeden Preise, an liefern und dann fordern geknüpft. Sondern an das, was MIR gut tut! Ich habe 37 Jahre lang ununterbrochen Gas gegeben – und jetzt habe ich keinen Bock mehr darauf. Ich hatte gestern geschrieben, dass ich nicht so recht aus meiner Situation könnte, ohne irgendwas zu zerbrechen, das mir wichtig wäre. Stellt sich – nach einem längeren, in Gedanken versunkenen Spaziergang am Fluss heute Morgen – raus, dass ich mittlerweile doch bereit bin. Dinge zu zerbrechen. Und es wird gewiss nicht meine Familie sein. Die Zukunft bleibt offen. ‘cos, in the long run, you always got to make new decisions upon directions. Schönen Samstag.

Auch als Podcast…

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