Ist nun schon ein paar Wochen her, aber die Frage treibt mich immer noch um. Oder schon wieder. Da sich die Umstände nur sehr langsam ändern, ist DAS eine Frage des aktuellen Blickwinkels. Was mir aber immer mehr bewusst wird, ist mein verzweifeltes Bemühen, die Kontrolle über meinen kreativen Output wiederzuerlangen. Für eine ganze Weile herrschte Funkstille. Anstatt etwa mal wieder die Kamera in die Hand zu nehmen und loszuziehen, verdödelte ich meine Tage mit Doomscrolling und anderem Quatsch, wöhrend ich mir durchaus glaubhaft zu versichern versuchte, dass entweder das Wetter zu schlecht, mein Körper zu müde, mein Ideenreichtum derzeit nicht verfügbar sei, oder ich wichtigeres zu tun hätte. Ausreden gibt es ja in großer Fülle und Varietät. Ich begriff unterdessen meine Ausflüge in die Kreativität abseits meiner beruflichen Tätigkeit als… ja wie soll ich sagen… als Prokrastination. Doch ich kann nun voller Überzeugung versichern – das ist Quatsch! Ich musste der Wahrheit ins Auge blicken: Kreativität ist für mich Lebenssinn – jeder Verzicht schadet mir sehr! Ich hatte mich in der Illusion eingerichtet, dass ich immerzu FUNKTIONIEREN müsse, bin irgendwelchen falschen Ideen von wichtig und unwichtig hinterhergelaufen, habe gedacht, ich könnte Dinge bewegen, die von vielen anderen einfach nicht bewegt werden wollen. Doch da lag ich falsch! Und die einzig richtige Reaktion darauf ist, diese Illusionen zu vergessen, mich wieder auf mich selbst, meine Stärken und meine Leidenschaften zu besinnen. Darin liegt zumindest ein Teil der Heilung, die ich nach diesem ganzen Mist brauche. Und kreatives Handeln, gleich welche Ausprägung es auch jeweils nehmen mag, ist eine meiner größten Leidenschaften. Insbesondere, das Knipsen.

Ich nenne es Knipsen, weil ich mir echt nicht anmaßen möchte, tatsächlich fotografieren zu können. Ich bin ein ambitionierter Hobbyist, kenn mich ein bisschen aus und versuche aus meiner Ausrüstung was rauszuholen. Aber zuvorderst geht es mir überhaupt nicht um die Vorzeigbarkeit irgendwelcher Ergebnisse, sondern um das, was der Prozess der Kreativität mit MIR macht. Wenn ich also spazieren gehe und endlich mal wieder der Idee folge, meine Kamera mitzunehmen, dann beschränke ich mich dabei oft auf eine (sehr) kleine Ausrüstung. Eine Linse, deren Abbildungsmöglichkeiten mich eher einschränken. Ich gehe nun durch diese Welt, besuche Orte, die ich zu kennen glaube und manchmal klickt es – nicht zuerst der Auslöser, aber meine Wahrnehmung, weil ich Orte und Gegenstände auf neue Art zu sehen lerne. Ich sehe zuerst mit meinen Augen und überlege, wie meine Kamera diesen Moment wohl ablichten wird. Ich probiere, gehe vor, gehe zurück, gehe in die Hocke und wenn das gewählte Objektiv es zulässt, verändere ich auch die Brennweite. Noch interessanter wird es allerdings, wenn ich nur eine Festbrennweite mitnehme. Das verlangt wesentlich tiefgreifendere gestalterische Überlegungen und Stunts. Doch wenn ich auf die Beschränkungen meiner Technik zurückgeworfen bin, erfahre ich oft spannende Details über die Dinge und Orte, erspüre Texturen mit dem Auge. Das Bild, welches dabei entsteht, zeigt nie einfach nur den abgebildeten Gegenstand, weil jeder Betrachter die jeweilige Abbildung mittels seiner Empfindungen mit einem Bedeutungs-überschuss auflädt. Oder um es semiotisch auszudrücken: es besteht niemals eine echte, unmittelbare Beziehung zwischen dem Ding an sich (oben im Bild z. B. der Kopf eines Begrenzungspfahls mit Sperrketten) und seiner Abbildung. Jeder, der das sieht, wird mit einer eigenen Interpretation an das Bild herantreten: Waren die Wassertropfen warm oder kalt? Regnete es noch? Fühlt sich die Lackierung so glatt an, wie sie hier aussieht? Kenne ich die Umgebung, auch wenn der Hintergrund im Bokeh weichgezeichnet ist…?

Doch darüber mache ich mir tatsächlich während der eigentlichen Entstehung jedes Bildes überhaupt keine Gedanken, weil bei den vielen Aufnahmen, die während eines solchen Spazierganges entstehen vorher gar nicht klar sein kann, welche davon etwa später hier in meinem Blog Verwendung finden – und welche als digitale Kopien ein langes, ungesehenes Leben in Dunkelheit fristen werden. Im Moment der Entstehung fließen meine Emotionen, mein gestalterischer Wille und mein (begrenztes) technisches Können mit der Kamera in einem einzigartigen, unwiederholbaren Prozess zusammen, an dessen Ende ein – wie auch immer geartetes – Bild steht, dass all diese Aspekte einfängt. Und damit auch für mich zu einem semiotischen Katalysator wird, weil ich selbst DIESES EINE BILD ja auch mit einem Bedeutungsüberschuss auflade, wenn ich es eine Weile später betrachte. Was ich im Moment der Aufnahme gefühlt, gedacht, getan habe vermengt sich mit dem, was ich im Moment der neuerlichen Betrachtung gerade denke, fühle, tue; wodurch sich auch für mich der semiotische Kreis schließt. Denn, wann immer ich mir die alten Aufnahmen anschaue, kann ich vorher nicht wissen, wie mein aktueller Kontext gerade aussieht und was die heutige Betrachtung mit mir machen wird. Oft sind das nur kleine Dinge, wie ein Schmunzeln, eine hochgezogene Augenbraue, ein Gefühl der Irritation, warum ich das SO geknipst habe und nicht anders. Aber ab und zu wird aus dem bloßen Akt der Betrachtung eine emotionale Achterbahnfahrt par excellence. Es ist für mich diese, dem Hobby Fotografie innewohnende Spannung, die den Reiz ausmacht. Nicht jeder Spaziergang erzeugt spannende Aufnahmen. Wobei man wohl nie so genau wissen kann, welche Bilder später einmal spannend werden können. Aber das ist Zufall, wie so vieles andere im Leben auch. Und vielleicht ist es genau diese Zufälligkeit – die Möglichkeit unerwarteter Ergebnisse – die den kreativen Prozess für mich so wichtig macht. Ich möchte mich dann und wann vom Leben noch positiv überraschen lassen können. Mal schauen, was das Rest-Wochenende diesbezüglich noch mit sich bringt. Einen schönen Samstagabend wünsche ich…
