…unfinished business!

Ich gab zuvor schon einige Hinweise auf meine momentane Situation. Nun ist es so, dass ich – vollkommen unabhängig von meinem derzeitigen Zustand – sowieso immer jede Menge Zeug rumliegen habe, mit dem ich nicht so recht vorankomme. Aufgaben die unerledigt bleiben. Projekte, die ich nicht vorantreibe, entweder weil sie zu anstrengend, zu kompliziert oder zu langwierig sind; und ich mir das überdies vorher einfacher vorgestellt hatte. Alltagskram, der einfach nicht von der Hand gehen will. Jeder von uns hat vermutlich diesen kleinen Friedhof von Lebenslast, der einfach nicht weggehen will. Aber wie soll er das auch, wenn man sich nicht dazu aufraffen kann, etwas gegen diesen mentalen Gottesacker zu unternehmen. Manchmal ist es bloßes Prokrastinieren. Manchmal ist es Ablenkung. Und manchmal ist es Zeitnot. Doch egal welche Ausrede ich mir auch einfallen lasse, vom ignorierend Abwarten wird es nicht besser. Zähle ich jetzt noch meinen derzeitigen mentalen Zustand hinzu, wird daraus plötzlich eine explosive Mischung aus Verweigerung, Indolenz und Überforderung, welche meine Probleme verschärft. Einfache Missgeschicke, die zumeist mit einer charmanten Entschuldigung aus der Welt geschafft werden können, gären dann unter Umständen so lange, bis der üble Geruch der enttäuschten Erwartungen Anderer anfängt, meine komplette Umwelt zu verpesten. Und ich kann den anderen noch nicht einmal böse dafür sein.

Das unerledigte Problem – so als eigene Kategorie – ist für mich EIN Stigma meines Daseins. Und es ist ja nicht so, dass ich nicht eh schon genug Stigmata hätte: zum Beispiel einen an der Klatsche, um es mal etwas unpoetisch auszudrücken. Oder mein manchmal viel zu loses und lautes Mundwerk. Nun ja, jeder legt sich seine Bäreneisen selber aus, in die er dann hinterher hineintritt. Ich hatte vor kurzem schon einmal darauf hingewiesen, dass ich die letzten Tage als einen irritierend angespannten Zustand bitteren Nichtstuns empfinden musste. In meinem Geist flogen zwar diverse Gedanken und Ideenfetzen durcheinander, doch nichts davon konnte soweit reifen, dass es einen – produktiven – Kreativprozess ausgelöst hätte. Ich hänge immer noch in diesem Dazwischen fest und habe keine Ahnung wie lange das noch so weitergehen soll. Ich meine, es heißt doch immer, man soll die Zeit der Rekonvaleszenz für die Dinge nutzen, welche dem aktuellen Leiden, etwas entgegensetzen können; also im besten Falle eine, wie auch immer geartete, Heilung unterstützen. Auf mich bezogen wäre es ein Schaffensprozess, der meinem Geist guttäte, denn ich liebe es, kreativ sein zu können. Nur klappt das leider im Moment nicht…

Ich gehe derzeit so gut wie jeden Tag allein am Fluss entlang. Hauptsächlich, um meine verzwickten Gedanken zu ordnen; und tatsächlich funktioniert das auch. Und zwar genauso lange, wie ich in Bewegung bleibe. Sobald ich jedoch wieder zu Hause bin und versuche, zu greifen, was mir gerade eben noch durch den Kopf ging, ist diese Ordnung, sind diese Ideen oftmals schon wieder verflogen. Zumindest die allermeisten. Ich habe unterdessen den Eindruck gewonnen, dass meine kreativen Muskeln derzeit ohne Erlaubnis eine längere Pause machen. Und zwar irgendwo anders, nur nicht hier mit mir. Daraus folgt jedoch zwangsweise, dass die Bibliothek mit meinem unfinished Business wächst, anstatt kleiner zu werden. Denn so manche Sache wartet dort schon eine ganze Weile auf eine Lösung, einen Kniff, einen Workaround – oder letztlich die Erledigung. Bei meiner Arbeit bin ich (oder besser, war ich) meist in der Lage, Herr der Dinge zu bleiben. Aber möglicherweise habe ich dabei in den letzten Monaten soviel Kraft aufgebraucht, dass die Maschine sich überhitzt hat. Und in der Folge fühle ich mich selbst derzeit wie unfinished business – unfertig, unbeachtet, ungewohnt untätig… oder mit einem Wort UNERFÜLLT.

Nun könnte man mir erwidern “…aber du schreibst doch gerade!”. Und das ist auch wahr. Es stellt den – in meinem eigenen Empfinden allerdings sehr bemühten, ja nachgerade verzweifelten – Versuch dar, mich wieder in den Griff zu bekommen. Wohin der führt, wird sich noch weisen müssen. Ursprünglich hatte ich das Gefühl, Menschen im Stich zu lassen, wenn ich mich in eine ärztlich angeordnete Rekonvaleszenzphase (besser bekannt als AU-Bescheinigung) begebe. Ich bin ja immer noch selbst so dumm, dem sozialen Stigma der psychischen Erkrankungen aufzusitzen, getreu dem Motto “stell dich doch nicht so an, ist doch nur ‘ne Phase” – FICK DICH “nur ne Phase”; nur weil man’s nicht sehen kann ist es deswegen nicht weniger schmerzhaft, Dummy! Mittlerweile bin ich mir nämlich ziemlich sicher, dass ich gut daran getan habe, manche Menschen nicht weiter mit meiner, mutmaßlich letzthin gelegentlich belastenden Anwesenheit zu nerven. Es ist, wie es ist – es ist, was es ist. Manchmal stehst du im Ruderhaus und kannst einfach nur zuschauen, wie der Eisberg näherkommt. Dieses Mal habe ich – hoffentlich – das Ruder früh genug herumgerissen. Wir hören uns – das hier ist für mich nämlich Therapie. Kommt darauf mal klar, liebe Mitmenschen.

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…und der Abgrund schaut zurück!

Wenn einen das Schicksal – oder besser die eigene (Un)Gesundheit – zu einer Auszeit zwingt, dann kann man bemerken, was der Geist momentan noch zu leisten vermag, wenn er NICHT zu irgendetwas gezwungen wird. In meinem Fall lautet die aktuelle Antwort: ZERO! Ich bin an das Funktionieren unter widrigen Umständen unterdessen gewöhnt. Auch daran, weiterzumachen, wenn ich eigentlich lange aufgehört haben sollte. Jemand hat Muhammad Ali mal gefragt, wie viele Wiederholungen er während seines Trainings bei Sit-Ups, etc machen würde. Er antwortete sinngemäß, dass er das nicht wisse, weil er erst zu zählen begänne, wenn der Schmerz käme… Ich kann über physisches Training nicht allzu viel sagen. Aber wenn es um Stressresilienz, kognitive Leistungsfähigkeit, Problemlösen geht, mache ich in aller Regel weiter, auch wenn es schon sehr weh tut. Und dann eben auch länger, als dies sinnvoll wäre, denn jede*r von uns ist irgendwann durch mit “dem Leisten”. Man kann das als Gabe betrachten – oder als Fluch. Das Ergebnis hängt vermutlich vom gewählten Zeitpunkt ab. Das Problem ist, wie bei allen systemischen Kipppunkten, dass man sie erst aus der Nähe zu erkennen beginnt und auch eine Vollbremsung einen erst DAHINTER endgültig zum Stehen bringt. Scheiße daran ist, dass man das eigentlich weiß; und trotzdem jedes einzelne Mal wieder in diese Falle tappt. Nur ein bisschen noch…

Ich hatte die schöne Idee im Kopf, einfach bis zum Urlaub durchzuhalten und dann, in der Ruhe und Abgeschiedenheit den Schalter umzulegen und auch mal ein paar (hundert) Zeilen für meinen eigenen Projekte zu schreiben. Weil ich meine Kreativität ja nicht zu Hause lasse, nur weil ich auf Reisen gehe. Was ich jetzt in den letzten Tagen an mir selbst erlebt habe, lässt mich allerdings sehr zweifeln, dass das auch nur im Ansatz funktioniert haben könnte. Denn meine kreativen Batterien (und im Übrigen auch meine sozialen) sind so lotterleer, dass ich erst mal 48h zum Smombie degeneriert bin. Ich lies mich durch antisocial media und allen möglichen anderen Online-Quatsch treiben und schwamm in meinem Cortisolsee regelmäßig solange hin und her, bis der Akku leer war. Antriebslos. Ideenlos. Von allem überfordert. Erst jetzt, nach ein paar Tagen, da ich echte Maßnahmen gegen meinen Zustand ergriffen und zwischendurch sogar einige wenige, wohldosierte soziale Kontakte gepflegt habe, bemerke ich überhaupt, WIE LEER ich tatsächlich war… und immer noch bin. Als ein gutes Zeichen in diesem Zuammenhang möchte ich allerdings werten, dass es mir wieder möglich ist, mich hier schriftsprachlich so auszudrücken. Die letzten drei Tage war ich nicht mal fähig, kohärente Gedanken zu fassen, die signifikant über das existenziell notwendige hinausgingen. Yeehaa!

Meine Vermutung dazu lautet folgendermaßen: mentaler Detox bedarf des verschärften Müßigganges. Allerdings nicht Urlaubsstyle. Denn Urlaubsstyle würde u. U. bedeuten, dass man irgendwohin reisen muss und für den Aufenthalt dort womöglich ein Programm, oder zumindest einige Highlights eingeplant hat, die man unbedingt gesehen haben muss, weil man ja NIEMALS wieder dahin kommt. Dieser Gedanke ist für mich übrigens noch so ein Grund, lieber in bekannte Gefilde zu reisen… Nichts von dem ziellosen Mäandern, welches die letzten Tage mein Tun und Lassen beherrscht hat, passte jedoch in dieses Muster. Ich bemerkte an mir den Drang nach Zweckfreiheit, wie ich diesen auch im Urlaub habe; allerdings mit dem Unterschied, dass düstere Gedanken mich im Griff hielten und alles Denken, Fühlen, Schaffen zu einem Stopp auf freier Strecke kamen. Rien ne va plus. Das fühlte sich für mich zunächst bedrohlich an, bin ich doch sonst so gut wie nie derart ziellos untätig. Hatte ich nicht erst kürzlich davon gesprochen, dass es mir ein intrinsisches Bedürfnis ist, kreativ tätig sein zu können, ohne dessen Befriedigung ich in ein Loch voll subjektiver Nutzlosigkeit falle? Quod erat demonstrandum. Die Bedrohlichkeit weicht eben der Erkenntnis, dass man nur kreativ sein kann, wenn noch ein Fünkchen Energie in einem verblieben ist. Offenkundig war da allerdings nichts mehr. Womit das, oben erwähnte, gute Zeichen in zweierlei Hinsicht Zuversicht in mir schafft: die düsteren Gedanken lassen sich relativieren, indem man über diese spricht und die Wiederaufladung meiner Batterien ist möglich.

Ich hatte mich selbst in den letzten Wochen einmal mehr – immer mehr – grundlegend fehl am Platze empfunden, meine Wurzeln aus dem Sinn verloren, meine Fähigkeit irgendwie durch den Sturm namens Leben zu navigieren eingebüsst, also verlernt, mich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Ja, ja ich weiß, auch mit dem Schwank hatte der Baron von Münchhausen natürlich eine Lügengeschichte erzählt. Aber die Idee, aus eigener Kraft aus einem derben Schlamassel rauskommen zu können, ist trotzdem charmant. Noch sehe ich das für mich selbst allerdings nicht. Aber vielleicht muss ich das mit der richtigen Hilfe ja auch gar nicht? Es würde eh nur wieder diese gefährliche Illusion nähren, dass wir Meister unseres eigenen Schicksals wären, wenn wir doch nicht einmal ein klitzekleines bisschen hinter die Mauer der nächsten Sekunde sehen und uns somit auch nicht gegen die Macht des Zufalls imprägnieren können. Ich werde hier nicht dem Fatalismus das Wort reden, da ich weiß, dass der durch gute Pläne Vorbereitete dem Schicksal wenigstens dann und wann ein Schnippchen schlagen kann. Aber wie wäre es stattdessen mit etwas mehr DEMUT? Insbesondere vor der eigenen Fehlbarkeit und Verletzbarkeit; aber auch vor der Fehlbarkeit und Verletzbarkeit der Anderen. In diesen Abgrund der Erkenntnis starre ich seit ein paar Tagen. Eben hat er zurückgeblinzelt. Mal schauen, was als nächstes kommt…

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Gewitter im Kopf

Das heutige Wetter reflektiert in frappierender Weise mein Innenleben. Einerseits wirke ich äußerlich vermutlich so ruhig und soziabel, wie sonst zumeist auch. Andererseits ist mein ICH gerade in Aufruhr. So sehr, dass ich gegenüber der besten Ehefrau von allen dieser Tage bemerken musste, dass ich zwei Mal die Distanz Erde – Mond von meinem wahren Ich entfernt sei. Während ich diese ersten Zeilen schreibe, geht gerade ein recht ergiebiger Gewitter-Schauer auf die Stadt hernieder. Und ich muss sagen, dass ich es genieße, dem Wasser, welches der Wind vor meinem Fenster vorbeitreibt zuzuschauen. Das Innen und das Außen sind bei verschiedenen literarischen Genres jeweils Spiegel des Gegenüber. Insofern passt dieses Szenario, ist mein Geist doch derzeit verfinstert von Erschöpfung, Irritation, Zweifeln, und anderen negativen Wahrnehmungen, die ich trotz meines umfangreichen Vokabulars nicht so recht zu beschreiben weiß. Manche Dinge fühlt man einfach nur und versteht trotzdem nicht, was da gerade passiert. Und während ich darüber nachsinne, spielt sich draußen ein apokalyptisch anmutendes Wetterchen ab – zumindest, wenn man den Schreien der Passanten lauscht. Here we go again – die Depression ist zurück. Ich will gar nicht so viel darüber sprechen, warum das jetzt gerade so ist, und was ich dagegen nun zu tun gedenke, sondern eher über meine Historie mit dem Sujet.

Ist ja nicht so, dass ich erst seit gestern dieses Päckchen mit mir herum trage. Wenn ich so darüber nachdenke, wie mein Leben bislang verlaufen ist und zu welchen Zeiten mich welche Sorgen und Gedanken mehr oder weniger stark gequält haben, dann liegt der Ursprung vermutlich in meinen mittleren Zwanzigern, eventuell aber noch früher. Die Veranlagung hat mir wohl meine Frau Mutter vererbt, auch wenn sie es für sich selbst niemals zugeben wollte. Und ich konnte damals den Finger nicht drauf legen, weil ich noch nicht den Weitblick und das Vokabular meines mittlerweile 51-jährigen Ichs hatte; wie denn auch? Ich spürte jedoch, dass mit mir irgendwas nicht so war, wie mit den meisten Anderen. Und trotzdem empfand ich früher oft eher geringe Empathie mit den psychisch erkrankten Patienten, welche das Schicksal mir in den Rettungswagen zu spülen beliebte. Vermutlich, war das eine Projektion meiner eigenen Schwächen und Probleme, die ich nicht wahrhaben wollte. Psychische Erkrankungen tragen bis heute ein erhebliches soziales Stigma in sich; damals noch viel mehr. Also konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Ich war doch der Kerl, der zur Hilfe kam, nicht aber der, der Hilfe brauchte! Ich musste erst einen wahrhaft traumatischen Einsatz erleben und 40 Jahre alt werden, um zu verstehen, dass keiner von uns aus Eisen ist. Dann bekam ich meine Erkenntnisse allerdings auch mit der groben Kelle ausgeteilt: 2014 war ich dann insgesamt 18 Wochen krank incl. Wiedereingliederung, bekam Psychotherapie, schluckte Pillen – und stand mühsam wieder auf.

Es hatte auch sein Gutes. Ich bin seit jener Zeit – meistens – deutlich aufmerksamer für meine Bedürfnisse, die tiefen, dunklen Löcher, denen ich besser ausweichen sollte und die Notwendigkeit, Ruhepausen einzulegen. Aber ich musste mir ja unterdessen unbedingt noch einen akdemischen Grad und einen Leitungsjob zulegen. Meine unbändige Neugier, meine Kreativität, meine Skills im Troubleshooting und in der Kommunikation, sowie meine Lust an der Lehre ließen mich da irgendwie rein rutschen und jetzt werde ich nicht behaupten, dass ich diese Arbeit nicht mag. Überdies bezahlt sie einen guten Teil unsere Familienlebens. ABER… eigentlich ist der Stress manchmal zu viel. Und wenn man dann – sozusagen als Sahnehäubchen auf der Schwarzwälder – auch noch herausfinden muss, dass manche Dinge (und manche Menschen) nicht so sind, wie es nach außen den Anschein hatte, kommt man sich halt hart gegaslighted vor. Und so eine Erfahrung macht mit Depressionserkrankten wie mir keine schönen Dinge! Es war in den letzten jahren nie auch nur für ein paar Monate wirklich leicht, den Laden am Laufen zu halten. Und ich bin nicht der Typ, der dann jemand anders ruft. Ich habe mich – stets beinahe ausschließlich von meinem, nur sehr langsam wachsenden, Team unterstützt – immer weiter durch gewurschtelt. Und zuletzt begann einmal mehr alles ganz gut auszusehen. Bis ich – mal wieder – zwei Tiefschläge kassieren musste. Und die kann ich derzeit, beim besten Willen, nicht mehr kompensieren. Meine Energie ist aufgebraucht, incl. dem, was ich noch vor fünf Wochen in Italien nachzutanken die Gelegenheit hatte. Ich kann nicht mehr und ich will auch nicht mehr. Interessant war dabei für mich, einmal mehr erleben zu müssen, dass ich immer noch hochfunktional performe, wenn innen schon alles nach Dresden ’45 aussieht. Das lässt manche Menschen an meiner Aussage zweifeln, dass ich depressiv sei. Denen sage ich: FICKT EUCH! Was kann ich denn dafür, dass ich krank immer noch besser performe, als so mancher vollkommen gesund…?

Eine Weile später ist es da draußen wieder heiter bis wolkig. Das Gewitter in meinem Kopf, das bleibt jedoch. Natürlich ist dieser Zustand das Ergebnis einer komplexen Melange aus Biochemie im Kopf, extrinsischen Einfüssen aus meinem Arbeitsumfeld, Sorgen über das, was daheim rings um das Zusammenleben mit meinen Lieben so alles passiert und – natürlich – gelegentlich nicht allzu günstigen Coping-Strategien. Scheiße gelaufen, Digger! Aber so isses jetzt halt. Und weil es so nicht bleiben kann… werden wir sehen, was die nächsten Wochen so bringen. Immerhin – denken kann ich noch klar. Und ihr so…?

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Warum Leidenschaft?

“Es ist die Leidenschaft, die meine Leiden schafft!” (Tanzwut). Yay, Captain Obvious fliegt wieder, schönen Dank auch! Aber es ist irgendwie wahr – Mittelmaß schafft keinen Sinn. Mittelmaß schafft es mit großer Mühe gerade so nicht, den Status Quo zu bewahren. Mittelmaß ist der Tod der Kreativität, der Innovation, des Lebens schlechthin. Mittelmaß ist der Topor, der etwa in “1984” das Proletariat so sediert, dass es nicht mehr will, nicht mehr wollen kann als dass, was es bekommt; wie schlecht auch immer das – objektiv betrachtet – sein mag. Mittelmaß ist das Ende aller Dinge; oder, wie Francis Fukuyama nach dem Fall der Sowjetunion eitel deklamierte, “das Ende der Geschichte”… Fukuyama war und bleibt, wie wir heute wissen, ein arroganter Trottel sondergleichen, der immer noch an seinem alten Narrativ festhält, obwohl die Auswirkungen der heutigen, multipolaren Weltordnung manchmal so wirken mögen, als wenn das 1989 beschrieene Ende der Geschichte nun wirklich an der Schwelle des Weltengebäudes stünde. Doch die Geschichte schreitet weiter voran und schert sich dabei einen Scheiß darum, ob wir das wollen, ob wir das verstehen, oder ob wir darauf klarkommen. Das Leben und die Geschichte sind, was passiert, während wir versuchen, Pläne zu machen. Aber das ist gar nicht, worum es hier gehen soll. Leidenschaft ist das Stichwort; Leidenschaft als Todfeind des Mittelmaßes, als Motor des Sinns und des Seins, als das Paradox, dass uns im Kern antreiben kann, wenn wir es denn zulassen.

Wenn man etwa Simon Sinek folgen möchte, dann ist Sinn die Antwort auf die Frage, WARUM man etwas tut? Hat man sein persönliches WARUM einmal gefunden und lebt dieses, indem man mit Anderen verbunden ist und ihnen auch dienlich zu sein versucht, dann erlebt man Sinn; durch die Verbundenheit mit anderen Menschen und ein klares WARUM. Dienlich zu sein bedeutet dabei mitnichten, sich selbst aufzugeben, oder stets durch und durch altruistisch bis zur Selbstaufgabe sein zu müssen; es bedeutet vielmehr, Andere an seinem eigenen WARUM teilhaben zu lassen, bzw. ihnen zu helfen, ihr eigenes WARUM zu finden. Ich finde diese Idee gleichsam schlicht, elegant und heilsam, weil sie ein besonderes Augenmerk auf Solidarität und Miteinander legt. Zwei Zutaten, an denen es unserer Gesellschaft heutzutage in erheblichem Maße mangelt. Kommen wir mit dieser Idee zurück zur Leidenschaft, so lässt sich erkennen, dass diese gleichsam Anstrengung und Schmerz aber eben auch Motivation und Sinn beinhaltet. Nur etwas, dass uns fesselt, dass unsere innersten Saiten zum schwingen bringt und uns ein unhintergehbares Gefühl von Lustgewinn, von Freude, von Wachstum gibt, vermag uns dazu zu bewegen, sich den Herausforderungen zu stellen, gleich wie anstrengend oder schmerzhaft diese auch sein mögen. Leidenschaft und intrinsische Motivation sind untrennbar miteinander verbunden. Was natürlich auch in mir diese Fragen aufwirft: Was ist es also, was mich antreibt? Und warum treibt es mich an?

Meine größte Leidenschaft, seit ich mich bewusst erinnern kann war, ist und bleibt das Geschichtenerzählen. Ich habe schon immer Bilder in meinem Kopf gehabt, die mich zum Erzählen angeregt haben. Ob ich schreibe, ob ich Pen’n’Paper spiele, ob ich im Lehrsaal stehe, ob ich mich mit den Bildern auseinandersetze, die ich hier und dort knipse – immer ist da eine Stimme in meinem Hinterkopf, die dazu etwas zu sagen hat, die meine Bilder mit Bedeutung auflädt, die versucht, das MEHR hinter der Summe der Teile zu sehen; und die gleichsam Andere auf diese Reise des Erlebens, oder des Verstehens, oder des Wachsens mitnehmen möchte. Und das ist mein WARUM: ich möchte anderen Menschen durch meine Erzählungen einfach nur die Chance bieten, zu verstehen, zu wachsen, sich zu entwickeln. Und ich will das nicht mit Druck oder mit Zwang erreichen, sondern indem ich sie in meine Geschichten einführe und dort selbst herausfinden lasse, was ihr MOTOR und ihr WARUM sind. Ich möchte dabei einer der Spiegel sein, in welchen sie sich selbst erkennen können! Immer wieder stoße ich dabei auf Hindernisse, lande in Sackgassen, mache Fehler über Fehler, und muss stets auf’s Neue erkennen, dass man niemals wirklich bereit ist für dieses Abenteuer namens “Leben”; und schon gar nicht für das Abenteuer “Lehren”. Man legt einfach los! Man verkackt (manchmal episch)! Man analysiert die Fehler und überlegt sich einen neuen Ansatz – und wird so langsam besser! Wer vom Start weg nach 100% strebt hat nicht verstanden, dass das Leben – und damit alles, was wir unterdessen tun oder lassen – kein Sprint sondern ein Marathon ist! DAS ist der Schmerz, DAS sind die Herausforderungen. Aber wie süß, wie erfüllend es sich anfühlt, wenn eine Geschichte sich entwickelt, wenn sie anfängt zu “funktionieren”, wenn sie in meinem Kopf zu leben beginnt und wenn die Puzzleteile am Ende zusammenzufallen beginnen. Wenn es dann hinterher wenigstens bei ein paar Anderen auch “Klick!” gemacht hat, bin ich mehr als nur ein bisschen zufrieden. Aber der Weg dahin ist nie leicht…

Auch hier und jetzt bin ich im Begriff eine Geschichte zu erzählen. Eine höchst persönliche Geschichte, weil sie – wie so oft, wenn ich hier schreibe – die Möglichkeit eines Scheiterns inkludiert. Und auch das ist ja ein essenzieller Aspekt der Leidenschaft, der eben schon anklingen durfte: eine investierte Anstrengung resultiert nie notwendigerweise in einem Triumph. Du kannst dich noch so anstrengen, alles geben, es sogar richtig gut machen – und wirst trotzdem nur Zweiter. Oder sogar Letzter. All unsere Fähigkeiten, unsere Motivation, unsere Begeisterung garantieren keinen Erfolg – manchmal will es nicht klappen, weil wir noch nicht gut genug sind. “We develop taste, long before we develop skill!” (Danke Matt Colville). Dennoch lebt es sich mit Leidenschaft wesentlich intensiver, als mit Mittelmaß. Ich möchte meine Leidenschaften auf keinen Fall missen, selbst, wenn sie mir ein ums andere Mal eine besondere Art von Schmerz bereiten mögen. So wie etwa mein Wille, für meine Überzeugungen einzutreten, auch wenn der Wind gerade von vorne weht. Meine große Klappe wird mich irgendwann mal in eine Scheiße reiten, die so tief ist, dass ich da nicht alleine wieder rauskomme. Aber das wird es wert gewesen sein – den Kopf erhoben zu halten und zu wissen, dass meine Leidenschaft mich weiter getragen haben wird, als all die Reichsbedenkenträger, Besitzstandswahrer und “Das-haben-wir-aber-schon-immer-so-gemacht!”-Rufer da draußen. Ich sage: Wage, dich deiner Leidenschaft zu bedienen! Also… was ist DEINE Leidenschaft? Was ist DEIN WARUM? Schönen Sonnabend.

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500 Gramm gemischter Hass meets New Work!

Das hier wird ein Rant, denn ich habe die Schnauze voll. Ich wünsche mir oft, Menschen wären offener und ehrlicher im Umgang miteinander! Ich wünsche mir auch oft, dass man sich robust Dinge ins Gesicht sagen kann, ohne dass das Gegenüber sofort ausflippt oder sich beleidigt fühlt, denn manche wahrhaftige Dinge, die man sagen muss, sind nicht immer schön – und man kann diese manchmal auch nicht irgendwie wertschätzend formulieren. Insbesondere dann nicht, wenn Fehler gemacht wurden, oder Forderungen gestellt werden, die ungerechtfertigt sind. Ich wünsche mir übrigens auch, dass die Leute auf der anderen Seite einer Kommunikation genauso offen, ehrlich und robust mit mir sind, wie ich das gerne mit Ihnen sein möchte. Ich habe kein Problem damit, wenn mir jemand etwas (verbal) vor den Latz knallt, weil ich einen Fehler gemacht habe, oder weil ich etwa eine Forderung formuliert habe, die Quatsch ist. Ich habe viel häufiger Probleme damit, wenn Menschen vorne rum aufgesetzt höflich sind und hintenrum anfangen zu hetzen oder zu intrigieren – und das passiert da, wo ich arbeite leider gelegentlich. Jedenfall passiert es dort deutlich häufiger als in meinem privaten Umfeld, denn die Menschen, mit denen ich langfristige soziale Beziehungen führe wissen, dass man mit mir ehrlich sein darf. Und bitte nicht um den heißen Brei herumredet – denn ich bin keine Pussy sondern ein No-Bullshit-Guy!

Ich möchte bitte nicht falsch verstanden werden: ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn man fordert, dass Leute höflich miteinander umgehen sollen und wenn man von allen Beteiligten einer Situation erwartet, sich einer Gewaltfreien Kommunikation zu befleißigen; allerdings erfordert Gewaltfreie Kommunikation, dass ALLE Seiten daran aktiv teilnehmen, bzw. ALLE Seiten die Grundsätze derselben beherzigen! Ich will an dieser Stelle ganz ehrlich sein: ich hasse E-Mails mittlerweile! Das liegt daran, dass ich versuche, auch in E-Mails direkt und – falls nötig – robust zu kommunizieren, um auf Probleme hinweisen zu können. Allerdings kann man meine direkte und robuste Art der Kommunikation auch durchaus missverstehen, WENN MAN DENN UNBEDINGT MÖCHTE! Es ist beileibe nicht so, dass ich da üblicherweise lospoltere wie ein Rumpelstilzchen. Ich formuliere nur manchmal gegebenenfalls relativ scharf und ohne Umschweife. Und damit können manche Leute offenkundig nicht umgehen, bzw. sie benutzen es als Vorwand, mich der Unhöflichkeit und Unprofessionalität zu bezichtigen. Da kann ich ehrlich gesagt nicht mehr drauf! Denn die gleichen Leute reden – hinter meinem Rücken – nicht selten auf höchst despektierliche Weise über mich, ohne mir jedoch jemanls offen ins Gesicht sagen zu können, was sie von mir halten. Und für diese hinterfotzige Bigotterie habe ich keinerlei Verständnis, Energie und Geduld mehr!

Ich bin davon überzeugt, dass man an der Sache hart diskutieren und auch miteinander streiten können sollte, was bedeutet, dass man manchmal Worte wählen muss, die für das Gegenüber vielleicht nicht unbedingt so schön oder nett sind. Aber manche Sachverhalte lassen sich nicht in hübsches verbales Geschenkpapier verpacken, sondern müssen klar benannt werden. Und dieses klare Benennen ist doch tatsächlich für manche Leute, mit denen ich gelegentlich bei der Arbeit zu tun habe, bereits ein Zuviel an Ehrlichkeit. Ich weiß wirklich nicht, ob das anderen Orts genauso ist. Aber zum gegebenen Zeitpunkt habe ich die Schnauze davon voll, jedes Mal einen Eiertanz aufführen zu müssen, weil ich Angst davor haben muss, irgendjemandes Snowflake-Gefühle zu verletzen, wenn ich irgendetwas beim Namen nenne, Goddammit! Es geht mir, wenn ich mich mit gewisser Schärfe äußere so gut wie immer um die Sache; und wenn ich dabei mal persönlich werde, habe ich üblicherweise den Arsch in der Hose, mich dafür zu entschuldigen, denn ich möchte wirklich niemanden verletzen. Aber wenn es so einfach ist, Menschen zum Schmollen zu bringen, dann muss ich mich wirklich fragen, wie manche dieser Menschen es bisher in einem Berufsbild mit so viel sozialem Konfliktpotenzial ausgehalten haben? Denn diese mimosenhafte “Rühr-mich-nicht-an!”-Attitüde passt wirklich überhaupt nicht mit den Anforderungen des Jobs zusammen. Kurz und gut – ich bin mal wieder darauf hingewiesen worden, dass ich böse gewesen sein soll. Doch wenn die ernstgemeinte Schlussformel “Danke für die Aufmerksamkeit” seit Neuestem von jedem Hans und Franz zum Anlass genommen wird, mich als passiv-aggressiv wahrzunehmen, ist das für mich NICHT MEHR AKZEPTABEL! Heult doch; aber kommt damit bitte nicht mehr zu mir. Tschüss!

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Sind KIs Kapitalisten?

Ich habe heute morgen einen schönen Satz gelesen: “Das Rad der Zeit hat einen Elektromotor bekommen.” Der Autor sprach dabei von der möglicherweise zunehmenden Verblödung durch die ubiquitäre Nutzung von KI – oder besser dem, was wir gerne für künstliche Intelligenz halten würden… Doch darauf kommen wir später zurück. Tatsächlich ist dieser Motor ja aber schon vor langer Zeit montiert worden, er wird nur in regelmäßigen Abständen “verbessert”. Selbst, wenn wir nicht über all die Entwicklungen von der Steinzeit bis in die Rennaissance reden wollen, bleibt da doch noch einiges Bemerkenswertes. Zuerst kam in der Moderne die Dampfmaschine, dann der Elektrogenerator, dann das Auto, dann der Rundfunk, das Fernsehen, und schließlich irgendwann – befeuert durch die DARPA-Projekte, wie etwa das ARPANET und die Entwicklung von HTML durch Tim Berners-Lee – die wunderbare Online-Welt. Und stets gab es Dinge, Umstände, Sachverhalte, Erkenntnisse, die damit jeweils einher gingen, wie etwa die, dem Taylorismus folgende Arbeitsteilung, die von Henry Ford eingeführte Fließbandarbeit, neue soziale Ordnungen und der Kampf um die diesbezügliche Deutungshoheit – und natürlich der Kapitalismus als jene Wirtschaftsordnung, welche von so vielen fälschlicherweise als symbiotisch der Demokratie zugehörig erachtet wird, dass alles Andere UNDENKBAR scheint. Da wird von den immer gleichen Möchtegern-Leistungsträgern und Entscheidern immer davon gesprochen, dass der Sozialismus (oder was auch immer) bisher nicht funktioniert habe – dabei verleugnend, dass der Kapitalismus ebensowenig funktioniert. Immer sind es nur ein paar besondere Ego-Arschlöcher an der Spitze, welche vom System profitieren. Alle anderen schauen in die Röhre.

Kommen wir zurück zur KI. Die These lautet, dass KI die Klugen klüger und die Dummen dümmer machen würde. Ich persönlich halte das für riesigen Quatsch, weil Intelligenz noch niemals automatisch vor Abusus geschützt hat. Andernfalls gäbe es keine Alkoholiker mit Doktortitel. Was KI jedoch leistet, ist Folgendes: sie bietet Abkürzungen. Die Verlockungen eines leichteren Weges. Ganz gleich, ob es um Lernaufgaben oder die Arbeit geht, stellen KI-Anwendungen  vermeintlich effizienzsteigernde Shortcuts zur Verfügung. Aufgaben, die keinen Spaß machen, die wiederkehrende Routine sind, die Zeit brauchen, sollen von der KI erledigt werden. Doch bevor ich eine Routine auslagere, tue ich gut daran, diese Routine selbst zu beherrschen, um die oftmals nur vermeintlich effizienteren Ergebnisse meines LLMs beurteilen zu können. Andernfalls versende ich nämlich nicht selten die sachlich unrichtigen Halluzinationen der Maschine, die weder soziale, noch moralische, noch politisch-taktische Erwägungen kennt. Dieser Dünnschiss muss oft erst mühsam von einem echten Experten demaskiert werden. KI macht also nicht den Dummen Dümmer, sondern nur fauler… und den Klugen gleich mit. Denn der sirenen-süße Ruf der Arbeitsvermeidung lässt auch den 1,0-Abiturienten nicht kalt, wenn doch andere Dinge viel wichtiger sind. An dieser Stelle sei vielleicht noch erwähnt: in der, durch den KI-Einsatz gewonnenen Zeit wird mitnichten weiter in die Hände gespuckt zur Steigerung des Bruttosozialprodukt; viel wahrscheinlicher ist, dass die so gewonnene Zeit damit verbraten wird, anderen Lockrufen des weltweiten Desinformationsgewebes und seiner APP-solut wahnsinnigen Auswüchse zu folgen. Ach, was würden wir nur ohne Antisocial Media und dieses ganze nutzlose Produkt-Influencer-Geschmeiss tun… oh… vielleicht weniger konsumieren und mehr leben?

Denn all der Huzz and Buzz um KI folgt natürtlich der, weiter oben bereits angeklungenen kapitalistischen Verwertungslogik. Alles MUSS dem Effizienz-Paradigma unterworfen werden. “Die Arbeit muss schnell erledigt sein, bediene dich des Outsourcings und erziele so mehr Wertschöpfung – für deinen Arbeitgeber…!” “utere machina!” (Nutze die Maschine!) anstatt “sapere aude!” (Wage, dich deines Geistes zu bedienen!); mit dem Effekt, dass wir gleichzeitig auch der Fähigkeit zum kritischen Denken beraubt werden. Aber die ist für den Konsumkapitalismus auch eher hinderlich, unterbricht sie doch u.U. diesen wahnsinnigen Zyklus, von Geld, welches man nicht hat Dinge kaufen zu wollen, die man nicht wirklich braucht, um Menschen zu beeindrucken, die man nicht mal mag… Die ausufernde KI-Nutzung ist der direkte Weg auf die sehr bequeme Couch in der Komfortzone, Unterhaltungsprogramm mit Shoppingmöglichkeiten inklusive! Ob ich KI hasse, fragt ihr? Die Antwort lautet jedoch “Nein”. Denn KI-Anwendungen sind tatsächlich nützliche Werkzeuge. Allerdings lassen sich die allzu Bereitwilligen von der KI zu deren Werkzeug machen, anstatt zu lernen, wie man KI dort – und nur dort – wo es sinnvoll ist als Werkzeug zu nutzen und die Ergebnisse kritisch zu beobachten, und ggfs. zu korrigieren. Auf die Art gwinnen wir mittelfristig immer noch erheblich an Effizienz, verblöden dabei aber nicht. Und das wäre ja zumindest ein Effizienzerhalt. Ich wünsche daher allen – in mehr als einer Hinsicht – eine baldige Abkühlung.

Auch als Podcast…

Isses wichtich, richtich wichtich…

…ne, so richtich wichtich isses nich! (Danke Selig). was ich damit sagen will? Dass es mir viel zu oft, viel zu sehr, viel zu lange gegen den Strich geht, wenn irgendwelche Menschoiden meine Zeit verschwenden mit Dingen, die man entweder mit einem Dreizeiler, etwas mehr Selbstreflexion oder einem ernstgemeinten “Auf nimmer Wiedersehen!” hätte lösen können. Letzteres passiert sowieso viel zu selten, wenn ausgerechnet kognitions-benachteiligte Subsistenzen sich an Stühle, Pöstchen, oder Aufgaben krallen, bei denen ein einziger Blick genügt, um festzustellen, dass der Hut, den sie gerade zu tragen versuchen schlicht ein paar Nummern zu groß ist; und auch durch lautes Schwadronieren und Wichtigtuerei niemals so klein werden wird, dass er passt. Oder es ist schlicht ein waschechter Bullshitjob, für den man natürlich auch eine Bullshitperson braucht…! Aber eigentlich… eigentlich geht’s mir gut. Denn eigentlich sind dieser ganze Huzz and Buzz, dieses verzweifelt groteske Selbstmarketing, dieses “noch eine Aufgabe übernehmen zu müssen”, damit man ja nicht abgesägt werden kann, furchtbar traurig zu beobachten. Ich bin jetzt einmal so richtig arrogant: ICH weiß, wer ich bin! Ich weiß, was ich kann! Ich weiß, wieviel ich wert bin! Und ich scheue mich auch nicht mehr, diese Zahl aufzurufen – auch wenn ich immer noch davon überzeugt bin, dass man denn den Wert eines Menschen niemals in Euro/Monat beziffern könnte. Denn DAS tun nur völlig asoziale, inhumane, egozentrische Vollpfosten mit Leistungsträger-Profilneurose!

Man tut, wie ICH glaube, gut daran, ab und zu seine aktuellen Prioritäten zu hinterfragen. Es geht mir dabei gar nicht um narzisstische Nabelschau oder (als Gegenteil dazu) sadistische Selbstkasteiung, sondern vielmehr um die Frage, warum ich wie schnell in welche Richtung laufen sollte, wenn doch unklar ist, ob am Ende des Regenbogens tatsächlich ein Topf voll Gold auf mich wartet. Außerdem sitzt – zumindest bei meinem Glück – auf diesem Topf üblicherweise ein Leprechaun; und diese Wesen sind alles andere als nett. Und es geht dabei auch nicht um den Marktwert in Euro/Monat, sondern um die Frage, welche Werte, Normen, Ideale ich in mir trage und durch mein Tun verwirklicht sehen möchte – und ob ich tatsächlich noch auf DEM Pfad unterwegs bin? Oder nicht doch vielleicht schon vor einer ganzen Weile auf diese Autobahn in die Selbstausbeutungshölle abgebogen bin, weil ich, aus welchen Gründen auch immer, meine Werte, Normen, Ideale für X Euro/Monat mehr verkauft habe. “Wes brot ich ess, des Lied ich sing,” ist nicht umsonst ein geflügeltes Wort. Well, seems, like Captain Obvious is at work here, ain’t he? Ja, mag sein. Aber nur weil etwas in der Theorie für alle deutlich erkennbar im Raum steht, bedeutet das noch lange nicht, dass die Menschen daraus auch die richtigen Schlüsse ziehen und eventuell sogar richtig handeln. Andernfalls hätten wir kein massives Fascho-Problem in diesem Land…

Was ist also wichtig? Kann ja im Grunde nur jeder für sich selbst bestimmen, oder? Falsch, Nachbar – au contraire! Es gibt einige Dinge, die sind IMMER, ÜBERALL und unter ALLEN DENKBAREN Umständen wichtig: Menschenrechte! Umwelt- und Klimaschutz! Humanität! Solidarität! Sie werden jedoch im Namen des Kapitalertrags kleingeredet. Die Wirtschaft muss brummen, egal, wie viel schneller wir dadurch auf die letzte Wand zurasen! Hauptsache, es liegt währenddessen ein (hoffentlich billig zu erwerbendes) Steak auf dem Grill, während man mit wohlwollenden Augen über den glänzend in der Auffahrt stehenden Bonzenschlitten streift, um dann auf dem allerneuesten Smartphone Memes anzuschauen, die sich über Armut, marginalisierte Gesellschaftsgruppen, die Linksgrünversifften und überhaupt alle Anderen verächtlich lustig machen, die es wagen, die Frage zu stellen, ob das alles wirklich durch eigene Leistung erworben wurde, oder nicht doch eher durch das Glück, zufällig in einem Job zu arbeiten, der zwar wenig zum Erhalt unserer Spezies und ihrer Kultur beiträgt, aber halt nutzloses FIAT-Geld erzeugt… Ob ich Anti-Kapitalist bin? Auf die eine oder andere Art und Weise schon. Und warum, dass habe ich hier schon oft genug begründet. Aber wir stehen immer noch vor der Frage, was wichtig ist…? Ich würde es so beantworten wollen: wichtig ist die Fähigkeit zu besitzen, die Begrenztheit der eigenen Wichtigkeit erkennen zu können! Die Richtigkeit der eigenen Meinungen überdenken zu können! Die Notwendigkeit zu verstehen, auch mit weniger auskommen zu können! Und schließlich, verstehen zu können, dass die eigenen Rechte und Ansprüche die anderer Menschen nicht unzulässig zu begrenzen haben. Es könnte so einfach sein…

Der eben formulierte Anspruch ist nicht niedrig, dessen bin ich mir wohl bewusst. Wenn man versucht, diesem Standard in seinem eigenen Leben gerecht zu werden, wird man immer wieder in die Situation kommen, dass die Selbstzweifel SO stark werden, dass sie die Grundfesten der eigenen Identität zu erschüttern beginnen. Aus dem Grund habe ich diese Box, die oben im Bild zu sehen ist. Sie ist mein Journaling-Instrument, dass mich durch seine bloße Anwesenheit am Schreibtisch dazu zwingt, über mein Tun und Lassen nachzudenken und eben nicht nur die FAILs, sondern auch die WINs zu dokumentieren! Ausgeräumt und gelesen wird es am Ende des Jahres, wenn alle Pflichten für eine kurze Weile von einem abfallen und es Zeit ist für Retro- und Introspektion. Die Zettel vom letzten Jahr haben über letztes Sylvester meine Verzagtheit durchaus zu dämpfen vermocht. Wie ihr da draußen damit umgehen wollt, weiß ich nicht; ich bin mir ja nicht mal sicher, DASS ihr überhaupt damit umgehen wollt, wenn Ignoranz und Indolenz das Leben doch so viel einfacher verdaulich machen. Wie auch immer – schönen Vatertag.

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Alt und trotzdem jung?

Ich habe irgendwann in letzter Zeit festgestellt, dass ich immer häufiger über dieses “Das Ziel ist, möglichst jung alt zu werden!”-Meme stolpere. Vermutlich weiß dieser verdammte “Algorithmus”, dass ich in ein paar Wochen 51 werde und versucht jetzt, auf KI-typisch unbeholfene Art zu socialisen. Oder, eine groß angelegte Verschwörung der Wellnes- und Gesundheits-Industrie möchte mich dazu verführen, deren Produkte zu kaufen. Leute! Ich interessiere mich weder für Ratgeber, noch für Nahrungsergänzungsmittel. Training zur Selbstoptimierung ist eine Kategorie von selbstverletzendem Verhalten (und damit auch irgendwie eine Psychopathologie), die anderen passiert. Aber wenn ihr mir einen Berater vorbeischicken würdet, mit dem man ein wirklich intelligentes Gespräch über Gott, die Welt, Politik und neue philosophische Ideen führen kann – dann her damit. Dafür nehme ich mir gerne Zeit. Zumal ich mich noch nicht wirklich alt fühle. Meine Arbeit gibt mir sehr oft die Gelegenheit, mich mit Menschen verschiedenster Altersgruppen auszutauschen. Die meisten sind deutlich jünger als ich (unsere Berufsfachschüler). Und wenn man dann eine Haltung zu den Dingen (und den Menschen) hat, die es einem erlaubt, neugierig auf die jungen Leute zuzugehen, wird man nicht so schnell alt im Kopf. Ich beachte dabei lediglich meine ganz persönliche, total subjektive “Three-Strikes-Rule”: jeder Mensch ist es wert, als Mensch angenommen, respektiert und behandelt zu werden. So lange, bis diese Person drei Mal meinen Respekt und mein Vertrauen missbraucht hat – dann ist Sense und sie wandert automatisch in den nicht eben kleinen Pool all jener Menschoiden, die mich häufiger zu folgendem Satz veranlassen: “ICH HASSE MENSCHEN!”

Ich weiß nicht, ob man es wirklich Hass nennen kann, denn das ist ja ein sehr starkes Gefühl, welches üblicherweise für jene Menschen reserviert ist, mit denen ich noch irgendeine Art von Beziehung führen muss. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass anderer Leute Blödheit, Respektlosigkeit, Faulheit und Unverschämtheit der Motor für meine immerwährende Wut sind. Und dass mir die allermeisten Menschoiden nach den eben genannten Three Strikes einfach am Arsch vorbeigehen. Nur für ganz wenige habe ich diesen besonderen Hass übrig, der mich noch nicht einmal in ihren Rachen pissen ließe, wenn ihre Zähne brennen würden (danke für diesen Spruch Lemmy! Rock Hell for me, ’til I’m ready to come down…). Vielleicht liegt es tatsächlich am Alterungsprozess, dass mir so vieles heute meilenweit am Arsch vorbeigeht. Wobei ich mir da nicht ganz sicher bin. Neulich bemerkte einer meiner Kollegen, dass er ja jetzt langsam altersmilde würde – nur um in der nächsten Szene mit einer Hingabe über einen Sachverhalt abzuledern, die so manchen Berliner Taxifahrer alt aussehen ließe. Und ich konnte ihn volles Programm fühlen. Man wird nicht unbedingt milder. Man steigert lediglich die Effizienz des Energieeinsatzes und bohrt nur noch jene kognitionsallergischen Subsistenzen ungespitzt in den Boden, die das auch WIRKLICH verdient haben. Alle anderen, die unbedingt negativer Emotionen bedürfen, bekommen eine reduzierte Version, die aus wesentlich mehr kühler Distanz als heißer Wut besteht. Man muss Idioten allerlei Geschlechts auch einfach mal schweigend links liegen lassen können. Denn die Meisten verdienen meine Wut nicht mal im Ansatz.

Und meine positive Energie? Zuvorderst sei gesagt, dass ich davon tatsächlich jede Menge habe. Sie wandert heutzutage allerdings beinahe ausschließlich in jene Dinge, die mir etwas bedeuten, die mich inspirieren, die mir Freude machen und tendenziell mindestens die gleiche Menge Energie zurückgeben, die sie auch verbrauchen: man muss dem Ersten Hauptsatz der Thermodynamik nämlich auch in psychischen Belangen uneingeschränkt Beachtung schenken! Und ja – nur bescheidene Teile davon haben mit meiner abhängigen Lohnarbeit zu tun. Nämlich jene Teile, die es mir erlauben, mit, an und für Menschen etwas positiv zu bewegen – so lange, bis sie ihre Three Strikes aufgebraucht haben. Danach gilt, womit dem ich den ersten Absatz beendet hatte… Und was hat das alles nun mit dem Altern zu tun? Sagen wir mal so: ich habe für mich beschlossen, dass Alter nur eine Zahl ist und dass es darauf ankommt, mit welchem Handeln, mit welchen Worten und Gedanken, mit welchem Unterlassen ich meine Tage anfülle und welche Haltung daraus resultiert; nur das gibt einen Hinweis darauf, wie alt ich wirklich bin. Ich handele nach dem Prinzip des kategorischen Imperativ, bin stets auf Ausgleich und Gerechtigkeit bedacht! Vollkommen unabhängig von Nachteilen für mich selbst oder dem Alter der betreffenden Personen. Ich zocke unfassbar gerne! Ich suche nach Schöneit und Wahrheit und Inspiration für meine Geschichten, mit denen ich Menschen davon überzeugen möchte, für sich selbst zu denken und dabei dennoch die Sichtweisen anderer zuzulassen; und ich erzähle diese Geschichten natürlich nicht nur zum Lehren, sondern auch zur Unterhaltung! Ich versuche, Egoismus, Arroganz, Boshaftigkeit, Hinterhältigkeit und Doppelzüngigkeit zu unterlassen, auch wenn ich als Mensch genauso anfällig dafür bin, wie jeder andere – insbesondere für Arroganz, denn es ist ein schmaler Grat zwischen dem simplen Wissen um das eigene Leistungsniveau – und der Aktion, dieses Merkmal demonstrativ jedem unter die Nase zu reiben! Daraus ergibt sich als Haltung ein humanistisches Menschenbild, welches das Gegenüber zu dessen Bedingungen zu erkennen sucht; nicht zu meinen. Und wer glaubt denn bitte schon, dass man seinem eigenen Ideal immer gerecht wird? Das macht mich alt und jung zugleich. Ich weiß nicht, wie ich zum Altern stehe – außer, dass ich mich immer wieder frage, wie viele Tage, Wochen, Monate, Jahre ich noch haben werde, um all die Dinge zu tun, die ich noch vorhätte. Nun ja, wir werden sehen. Einstweilen füllt sich mein Sonntag mit Schreiben. Ich wünsche euch einen gediegenen Start in die neue Woche.

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New Work N°23 – Nochmal drüber nachdenken…?

Ich recycle mal eben Gedanken und Worte aus einem Post, der mittlerweile fast fünf Jahre auf dem Buckel hat (August 2020) und somit während der ersten Hochphase der Corona-Pandemie entstanden ist. Immerhin konnte man damals unter Auflagen im Inland Urlaub machen. Einiges ist nach wie vor – oder vielleicht eher WIEDER – hochaktuell, manches hat sich in den letzten Jahren verändert. Die Diskussion ist heute allerdings eine andere, weil sich die Apologeten eines radikalen Wandels und die Die-Hard-Vertreter altmodischen Wirtschafts- und Führungs-Handelns mittlerweile unversöhnlicher gegenüber stehen, denn je. Und jetzt haben wir auch noch diese selbstverliebte, populistische Flitzpiepe Black-Rock-Fritze als Bundeskanzler. Kotzen könnt ich… Egal, los geht’s:

erstellt mit ChatGPT
Tja, also, wie soll ich das denn jetzt sagen, aber… New Work ist nicht neu. Ganz im Gegenteil. Der geistige Vater der Angelegenheit Frithjof Bergmann hat die Grundlagen schon in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts beschrieben. Und auch, wenn bei weitem nicht alle seiner Ideen schon umgesetzt wurden (oder wir dies bald erleben werden), wächst die Zahl derer, die zu der Überzeugung gelangen, dass wir Arbeit im 21. Jahrhundert anders denken müssen. Langsam aber stetig... [Diese Überlegung muss ich - Stand Heute - differenzierter betrachten, da es zwar tatsächlich Leute mit großer Publicity gibt, die sich des Themas unter verschiedenen Vorzeichen annehmen. Doch die eigentlichen Ideen Bergmans spielen dabei kaum eine Rolle...] 

Aber, was bedeutet das nun? Vordergründig geht es darum geht, dass abhängige Produktionsarbeit mehr und mehr von Maschinen erledigt wird und daraus natürlich die Frage entsteht, wie diese Menschen zukünftig ihren Broterwerb bestreiten sollen. Solche Entwicklungen zeichnen sich nun schon seit Jahrzehnten ab. Bergmanns Antwort darauf ist eine Mischung aus bedingungslosem Grundeinkommen durch Umschichtung der Einkünfte aus Güterproduktion und einer zunehmenden Selbstversorgung mit den essentiellen Dingen des Lebens. Diese Darstellung ist allerdings verkürzend und gewiss gibt es in seiner Denke einige wenige Überschneidungen mit der Philosophie des Kommunitarismus; es lässt sich jedoch sagen, dass er versucht hat, ein mögliches Ende der klassischen, abhängigen Lohnarbeit zu denken. Es geht ihm dabei explizit nicht nur um die Arbeit als solches, sondern um Fragen der Teilhabe und Freiheit. [Diese Betrachtungen sind zwar immer noch weitgehend wahr - nur dass deren Umsetzung heute zwar gelegentlich andiskutiert, aber niemals durchdekliniert wird, weil die Lobbyisten der Konzerne ALLES tun, um eine positive, ergebnisoffene Diskussion im Sinne der eigenen Gier von vornherein zu verhindern! Es darf in deren Weltsicht NICHTS existieren, dass die systemische Lohn-Abhängigkeit untergräbt, welche es erlaubt, weiter munter von unten nach oben zu verteilen!]

Heute wird unter New Work von den Meisten aber einfach nur alles verstanden, was beim Schuften nicht nach dem klassischen Muster abläuft: Home-Office, Mobile Work-Spaces, ungewöhnliche Arbeitszeitmodelle wie der 5h-Tag, digitaliserte Workflows, etc.; also zunächst mal Dinge, die nur mit Arbeitsorganisation zu tun haben. Tatsächlich greift, wenn man Bergmann aufmerksam liest, dieses Verständnis jedoch viel zu kurz. Arbeit, wie wir sie heute kennen, wird in vielen Bereichen in den nächsten Jahren fast ganz verschwinden, um in anderen neu zu entstehen. Die daraus entstehenden gesellschaftlichen Umwälzungen zeichnen sich schon lange ab. [Und obwohl diese Entwicklungen sich mit den Ereignissen der letzten Jahre noch verschärft haben, sieht man an vielen Orten mehr oder weniger ungelenke Versuche, das Rad der Zeit zurückzudrehen; die Ewiggestrigen sterben leider nur sehr langsam!]

Eine echte Entwicklung weg von abhängiger Lohnarbeit hin zu solidarisierter Arbeit ist leider bislang noch nicht zu konstatieren. Immer noch dreht sich, wenn irgendjemand den Begriff vollmundig ins Feld führt, so gut wie alles um Fragen der Arbeitsorganisation. Und ja, wir haben diesbezüglich auch immer noch ein erhebliches Kulturproblem, da nicht wenige Chefoide nach wie vor der irrigen Meinung sind, dass sie bei physisch anwesenden Hutständern besser beurteilen könnten, ob diese etwas arbeiten, oder nicht; also, ob diese Menschen effektiv etwas erwirtschaften. Nichts könnte – zumindest in meinem Geschäftsbereich – allerdings der Realität ferner sein. In der Tat wird Bildung als solche uno acto realisiert. Damit dieser komplexe soziale Prozess im Lehrsaal allerdings auch regelmäßig zu zufriedenstellendem Ergebnissen führen kann, sind umfangreiche Vorbereitungen und Nacharbeiten notwendig. Und ein erheblicher Teil dieser Arbeit bedarf eines Quantums Kreativität, die man allerdings oft nicht in einem Großraumbüro sitzend erreichen kann. Also ist Arbeitsorganisation – oder besser gesagt eine flexible Arbeitsorganisation – eine Voraussetzung für ein hohes Qualitätsniveau. Weshalb ich meinen Mitarbeiter*innen Freiheiten lasse, die es anderswo eher nicht gibt. Da kommt jetzt bestimmt gleich wieder so ein schlauer Dippelschisser um die Ecke und sagt: “Ja, wie willst DU denn beurteilen, ob die tatsächlich was für ihr Geld tun?” Und dem antworte ich dann Folgendes: indem ich, wie jeder halbwegs vernünftige Führungseumel mit Kennzahlen arbeite. Nun sind die bei Berufsfachschulen nicht so einfach zu definieren. Aber zwei harte Währungen gibt es: die Zahl der Menschen, welche die Ausbildung ohne Abschluss abbrechen (die ist bei uns unter dem Landes- und Bundesdurchschnitt) und die Zahl der Examenskandidaten, die am Ende bestehen (die ist bei uns bislang sehr gut). Woraus folgt dass wir im Lehrsaal und bei der Schülerbetreuung sehr gute bis exzellente Arbeit leisten. Was sich auch darin widerspiegelt, dass unsere Schüler*innen sich, allen gelegentlichen Spannungen zum Trotz mit ihren Problemen oft genug vertrauensvoll an uns wenden. Da gestatte ich mir getrost mal zu sagen: meine Mitarbeiter*innen sind ihr Geld verdammt noch mal wert!

Immer mal wieder muss ich diese Diskussionen führen, weil man an bestimmten Stellen Angst hat, dass sich andere Menschen im Unternehmen – wohlgemerkt in vollkommen anderen Geschäftszweigen – durch die Freiheiten, welche in meinem Geschäftsbereich gelebt werden benachteiligt fühlen würden. Aber wir sind nicht alle gleich und wir machen nicht alle die gleiche Arbeit. Als ich noch “einfacher” Mitarbeiter im Rettungsdienst war, wäre ich nie auf die Idee gekommen, jemandem im Büro die Möglichkeit zur Remote-Work zu neiden. Mein Job bot andere Herausforderungen, aber auch andere Freiheiten. Wenn wir solche Neid-Debatten wirklich aufmachen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Menschen sehr schnell anfangen, Neid zu entwickeln. Aber worauf? Darauf, dass ich halt gelegentlich um 08:00 nicht im Büro in der Dienststelle sitze, sondern in meinem Heimarbeitszimmer, welches zugegebenermaßen in manchen Punkten deutlich besser ausgestattet ist als das, was mir mein Arbeitgeber zur Verfügung stellt? Und mich genauso den lieben langen Tag mit teilweise sehr nervtötenden Aufgaben herumschlagen muss? Dass meine Kolleg*innen mich trotzdem stets erreichen, wenn was ist? Einzig das Pendeln fällt dann weg, weshalb ich an solchen Tagen etwas später aufstehe und dafür vom Start weg wesentlich wacher und produktiver bin; ich bin, zirkadian betrachtet halt eine Eule… Wenn mir jemand das wirklich neidet, lade ich herzlich dazu ein, mich mal zu begleiten. Glaubt mir: meinen Job wollt ihr auch im Home-Office nicht machen müssen! Ich fände es schön, wenn man davon weg käme, immerzu Gleichmacherei betreiben zu wollen, wo diese keinen Sinn ergibt. Z. B., wenn es um Remote-Work und flexiblere Arbeitszeiten geht. Denn die Lehrsäle sind trotzdem morgens pünktlich besetzt und laufen! Dieser Text entstand übrigens an dem gleichen Schreibtisch, an dem ich an solchen Tagen auch sitze/stehe – ihr seht, für die Arbeitsergonomie ist auch gesorgt. Und jetzt diskutieren wir aus, für wen sich Remote-Work eignet und für wen nicht. Und bei Gelegenheit sage ich auch noch was zu diesen frechen Cretins da draußen, die jeden Menschen, der seine Arbeitszeit zumindest teilweise im Büro verbringt als “Sesselpfurzer” bezeichnen, ohne irgendwas über Funktion und Leistung der Person zu wissen. In diesem Sinne – frohes Schaffen.

Auch als Podcast…

Lass uns drüber reden…

Es ist nicht selten unglaublich schwer, seine eigenen Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse in Worte zu fassen. Vielleicht nicht so sehr hier, an diesem völlig virtuellen und dennoch irgendwie seltsam wahren Ort, wo ich einfach meine Gedanken in die Tastatur kloppe und mich im Grunde gar nicht so viel darum scheren muss, was andere irgendwann darüber denken mögen. Doch selbst beim Bloggen bemerke ich mittlerweile häufiger eine, eher unbewusste Zurückhaltung, die wohl auf diesem andressierten kulturellen Reflex basiert, “die Anderen” nicht zu sehr mit der Wahrheit überfordern zu wollen. Was auch immer meine Wahrheit nun sein mag… Doch im realen Gespräch, da fehlen mir oft die Worte. Oder, anders formuliert, hätte ich schon viele Worte, die ich aber nicht sagen kann oder nicht sagen will, weil ich genau weiß, dass meine Aussagen eine Reaktion provozieren werden, die mich nicht weiter bringen wird. Und es ist dabei vollkommen gleichgültig, ob ich es gerade mit lieben Menschen zu tun habe, oder mit Leuten, mit denen ich halt arbeiten muss. Man kann nicht immerzu jedem ungefiltert Dinge um die Ohren schlagen, die Anlass zu Kontroversen bieten; so viel Kraft und Energie habe ich nicht. Und die Anderen vermutlich auch nicht. Also unterbleibt die klare Artikulation meiner Meinungen und Erwartungen Face-to-Face nicht selten. Einfach, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass etwas zu sagen an der Gesamtsituation nichts ändert, außer dass ich mich dann auch noch schlecht fühle. Braucht man halt auch nicht…

Ich stelle zwar an mir eine Tendenz fest, manchen Personen meine unkuratierte Meinung häufiger zuzumuten als anderen. Allerdings werden diese oft auch dafür bezahlt; so wie ich dafür bezahlt werde, das reziprok ebenso aushalten zu müssen. Doch komischerweise tue ich das immer nur, wenn es um Sachverhalte geht, die mir zwar wichtig sind, die allerdings zumeist wenig zu meinem persönlichen Benefit beitragen – oft sogar eher das Gegenteil. Ich scheine mich tatsächlich eher zu exponieren, wenn es um anderer Leute Belange geht. Doch für mich selbst… da tue ich auffallend häufig auffallend wenig. Ich habe ehrlich keine Ahnung, warum mir das ausgerechnet heute auffällt, denn es ist ja nicht so, dass ich mir selbst nicht auch regelmäßig etwas Gutes tun würde; so auch dieses Wochenende. Aber ich belasse es zumeist bei Kleinigkeiten, die mich wenig bis nichts kosten (außer vielleicht ein wenig Anstrengung) und den Anderen ebenso wenig bis nichts abverlangen. Vielleicht, weil ich so erzogen wurde: erstmal leisten, dann mal kucken, dann noch ein bisschen mehr leisten und dann mal verschämt fragen; immer mit der Annahme, dass ein “Nein” eine legitime Antwort ist. Aber… ist das tatsächlich so, dass ich mich immerzu mit “Nein” abspeisen lassen muss, weil mein Gegenüber halt gerade nicht kann, nicht will, anderer Meinung ist, andere Ziele hat, oder was weiß ich sonst noch gerade nicht funktioniert?

Während ich diese Zeilen schreibe, laboriere ich gerade an einem Schnupfen. Wie dieser sich entwickeln wird, ist derzeit noch unklar, aber… anstatt jetzt eine klare Ansage zu treffen und mich einfach bis zur Genesung abzumelden, werde ich morgen früh, sofern ich mich nicht schon wieder physisch vollkommen niedergestreckt vorfinde, einfach arbeiten gehen, weil es halt einige Menschen gibt, die sich auf mich, bzw. auf meine Leistung verlassen. Und wer sich auf mich verlässt, ist im Nornalfall NICHT verlassen. Ob das eine clevere Idee ist, werde ich morgen früh wissen. Wahrscheinlich wäre es klüger, daheim zu bleiben, aber so bin ich halt nicht. Das soll jetzt bitte nicht als Aufforderung verstanden werden, mir den Orden “Held der Arbeit” zu verleihen. Ich will und brauche keine Auszeichnungen. Es ist auch kein Fishing for Compliments oder die implizite Aufforderung, mir einen “Bleib doch zu Hause!”-Kommentar zu schicken. Aber es illustriert für mich, wie wenig ich mich häufig um mich selbst kümmere – und wie dumm das eigentlich im Grunde ist. Und ich bin mir verdammt sicher, dass ich mit dieser ungesunden Einstellung – zumindest in meiner Altersklasse – nicht alleine bin.

Ich habe neulich, während einer Fortbildung, die Teilnehmenden dazu aufgefordert, junge Auszubildende im Nebenraum kurz bezüglich deren Blick auf sogenannte Generationen (insbesondere das Thema “Gen-Z”) zu interviewen. Ohne auf präzise Ergebnisse eingehen zu wollen, lässt sich sagen, dass die jungen Leutchen dieser konstruierten Dichotomien (und vor allem der Unterstellung, die jungen Leute seien alle faul, oder gleichgültig, oder sonstwas) überdrüssig sind und sich selbst keiner Generation zurechnen. Insgesamt nehme ich allerdings wahr, dass die jungen Leute zumindest in manchen Situationen besser darin sind, ihre Belange zu vertreten, als mir selbst das wohl gelingt. Und ich finde das gut, auch wenn es einen als Vorgesetzten manchmal ein wenig Contenance kostet, mit Forderungen umgehen zu müssen, die man für sich selbst so nie artikulieren würde. Vielleicht MUSS das einfach ein Lernprozess für beide Seiten sein, ein stetiges Aushandeln des jeweils Möglichen und eines immer wieder neu zu schaffenden Verständnisses für die Bedürfnisse, Sorgen und Herausforderungen des Gegenübers. Würde mir gefallen. Und wenn ich dabei lerne, meine eigene Klappe auch mal aufzumachen und etwas einzufordern, muss das ja nicht vollkommen schlecht sein.

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