Gibt’s das auch mit Motivation…?

“Du musst einmal öfter aufstehen, als das Leben dich umwirft!” Noch so ein beliebiger Glückskeksspruch, mit dem man auf so vieles antworten kann und der dennoch seltsam hohl bleibt; denn wir haben ja noch gar nicht definiert, was “einen umwerfen” bedeutet – und was das “wieder aufstehen”. Dass das nicht unbedingt wörtlich gemeint ist, weil man bei einigen Gelegenheiten, zu denen man umgeworfen wird vielleicht doch eine Ambulanz braucht, könnte einem allerdings schon jetzt klar sein… Bleiben wir aber bei den eben zur Disposition gestellten Begrifflichkeiten, so wird schnell klar, das mit dem “Umwerfen” natürlich ein Handlungs-Scheitern gemeint ist, dass unseren Vorwärtsdrang dämpft. Und was ist dann das “Aufstehen”? Ich würde meinen, die Lehren, welche wir daraus für unser weiteres Tun ziehen. Doch woraus entsteht hierin die Motivation zum Weitermachen, wenn unsere Selbstwirksamkeitserwartung doch eben nicht erfüllt wurde? Wir haben ja gerade irgendwas verkackt und wissen es vielleicht auch schon… Doch statt einfach kurz darüber nachzudenken, wie es das nächste Mal besser geht, neigen wir allzu oft dazu, solche Dinge übermäßig zu dramatisieren. Ich sprach gestern vom Scheitern und ich versuche ehrlich, solche Zwischenfälle des Daseins mittlerweile auch so zu leben, wie ich es beschrieben habe: als partikulares Vorwärts-Scheitern mit eingebauten Entwicklungseffekten. Und das bedeutet im Umkehrschluss, dass Scheitern meistens eigentlich kein großes Drama sein müsste. JA, es gibt Situationen, die fühlen sich an wie der berühmte “Gang nach Canossa”; allerdings bin ich kein König und die wenigsten meiner Probleme haben irgendwas mit Päpsten zu tun. Wir machen es uns einfach immer wieder viel zu schwer und beschädigen uns in der Folge selbst, indem wir aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Wäre es nicht viel besser, einfach mal fünfe grade sein zu lassen, den Druck rauszunehmen und den Dingen Raum und Zeit zur Entwicklung zu geben?

Ich rede hier nicht der Indolenz das Wort; mein Leben, meine Arbeit und alles darinnen sind mir weit entfernt von gleichgültig. Aber ich habe – insbesondere in meinem Arbeitsleben – zu viele Menschen kennenlernen müssen, die von sachlicher Kritik sofort dermaßen angefasst sind, dass eine sinnvolle Diskussion am Thema schlicht keinen Sinn mehr ergibt, weil sie ein angekreidetes Handlungs-Scheitern nicht von einem NICHT angekreideten Persönlichkeits-Scheitern unterscheiden können – oder wollen! Das liegt zum einen an dem Mechanismus, den ich gestern beschrieben habe, zum anderen aber vor allem an den teilweise eher ungünstigen Anreiz- und Belohnungssystemen, welche sich in meiner Arbeitswelt wiederfinden. Man unterscheidet klugerweise eigentlich drei Arten von Handeln/Verhalten: a) risiko-averses Verhalten, welches ich fördern und begünstigen möchte, da es Fehlerwahrscheinlichkeiten SENKT – nicht ausschaltet, aber senkt. b) risiko-affines Verhalten, welches ich zum Anlass nehmen möchte, eine Verhaltensmodifikation des/der Handelnden anzuregen. Hier kommt oft mangelndes Problembewusstsein zum Vorschein, dass man durch Schulung zumindest verbessern kann. c) rücksichtsloses Verhalten; dieses wird umgehend sanktioniert und die Antwort auf die Frage, ob hier irgendwelche Schulungsmaßnahmen noch irgendeine Aussicht auf Erfolg haben, ist eine Einzelfallentscheidung. Die meisten von uns bewegen sich übrigens fließend zwischen a und b. Fehler passieren trotzdem jeden Tag. Meine Motivation, zu meinen Fehlern zu stehen und etwas daraus lernen zu wollen hängt allerdings umgekehrt proportional von der Wahrscheinlichkeit ab, für einen gemeldeten Fehler nackt an einen drei Meter hohen Pfahl vor dem Geschäfts-Anwesen gebunden und öffentlich ausgepeitscht zu werden; eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit hierfür nennt man übrigens “gute Fehlerkultur”! Hier wird einmal mehr der Unterschied zwischen Boss und Leader sichtbar…

Motivation entsteht normalerweise dann, wenn man mit den Ergebnissen des eigenen Handelns positive Erfahrungen verknüpfen kann. Ich habe den Begriff Selbstwirksamkeit ja vorhin schon mal benutzt. Es fühlt sich einfach toll an, seinen Shit gerockt zu bekommen! Es fühlt sich natürlich nicht ganz so gut an, wenn man verkackt. Die Leute aus dem jeweiligen Verkacken trotzdem etwas mitnehmen lassen zu können ist die Kunst, welche dazu führt, dass mir die Leute nicht von der Fahne gehen und wir gemeinsam wachsen können! In diesem Zusammenhang ist es echt wichtig, als Leitungs- oder Lehrperson nahbar (also Mensch) zu bleiben, zu seinen eigenen Fehlern zu stehen (und so mit gutem Beispiel voran zu gehen) und die Auswirkungen eines jeweiligen Fehlers halbwegs objektiv zu beschreiben und zu beurteilen. Und meistens ist dann kein Drama notwendig. Vielleicht eine gemeinsame Fehlersuche, um das für die Zukunft verhindern zu können, aber sicher kein Punishment. Denn durch Punishment treibe ich die Leute von mir weg, selbst wenn ich sie eigentlich dringend bräuchte. Aber wie gestern schon gesagt – bis wir durchgängig zu einer guten Fehlerkultur kommen ist es noch ein weiter Weg. In diesem Sinne – startet gut in die neue Woche.

Scheitern kann erheitern!

“Fake it, until you make it!” Ein Teilnehmer in einem meiner Lehrgänge meinte dieser Tage, das mit der Fremdsprache sei nicht so sein Ding. Kann ich nachvollziehen, viele Leute struggeln mit etwas anderem als ihrer Muttersprache; Herrgott, genug Menschen struggeln mit ihrer Muttersprache! Wie dem auch sei, ich übersetzte es für ihn mit dem “Prinzip SATAN: Sicheres Auftreten Trotz Absoluten Nichtwissens!” Manchmal müssen wir uns durchwursteln und es auf unterschiedliche Arten probieren, bis es endlich klappt. Verschiedene Teile unserer heutige Kultur – insbesondere Verfechter und Anhänger toxischer Maskulinität, wie die ganzen Idiot*innen, die Trump gewählt haben – tun allerdings gerne und oft so, als wenn wir alle immer und überall Siegertypen sein müssten; unbezwingbar, unerschütterlich – und unbelehrbar. Man könnte fast meinen, dass die alle niemals von ihrer Mama oder ihrem Papa getröstet wurden, wenn sie als Kind mal auf die Fresse gefallen sind… Hm… Aber wenn man tatsächlich immer ein*e Sieger*in sein soll, wie kann man überhaupt gelernt haben, zwischen Sieg und Niederlage, oder besser zwischen Erfolg und Scheitern zu unterscheiden…? Sind die alle als Meister ihrer Welt vom Himmel gefallen?

Man kann das auch in einer der Fachpostillen meines Gewerkes beobachten; die haben in jeder Ausgabe Kasuistiken, also Beschreibungen rettungsdienstlicher Fälle. Fast all diesen Kasuistiken ist zu eigen, dass die Kolleg*innen kamen, sahen und siegten. Man war zu jeder Zeit Herr der Lage und hat (so gut wie) keine Fehler gemacht. Nach meiner persönlichen Erfahrunge sind solche Kasuistiken die absoluten Ausnahmen und das Bild, welches damit für die Leser*innen erzeugt wird, ist ein riesengroßer, dampfender Haufen cremiger Bullenscheiße! Mich interessieren die Fälle, bei den das typische Veni, Vidi, Violini passierte – ich kam, sah und vergeigte. Um an seinen Aufgaben wachsen zu können, ist es nämlich notwendig, die sogenannte Komfortzone zu verlassen. Jenes bequeme Sofa der gemütlichen, sich selbst niemals hinterfragenden Denk- und Handlungsschleifen in unserem Hinterkopf, dass ab und an durch die Absonderung von so unsagbar dämlichen Aussagen wie “Das haben wir schon immer so gemacht” auf sein Vorhandensein hinweist, ist allerdings ein sehr verlockender Ort. Denn wer sich nicht kritisch mit dem eigenen Handeln auseinandersetzt, läuft halt auch nicht Gefahr, irgendwas zu finden, was ihm/ihr nicht gefällt. Das Verlassen der Komfortzone ist also stets mit der Gefahr verbunden, sich mal für ein paar Augenblicke nicht mehr so toll finden zu können, weil man feststellt, dass doch nicht alles so shiny war, wie man sich das immer gerne selbst einredet. Aber wer sich nicht mehr hinterfragt, wird zwangsläufig von der Welt überrollt, weil die Welt sich einfach weiterdreht. Mit oder ohne dich!

Bewusst aus der Komfortzone heraus zu kommen bedeutet, eigenes Scheitern als eine Möglichkeit anzuerkennen. Davor haben viele Menschen Angst, weil sie schon ein einzelnes Handlungs-Scheitern mit einem Persönlichkeits-Scheitern gleichsetzen; was allerdings vollkommener Quatsch ist. Niemand ist ein schlechterer Mensch, weil er oder sie mal einen Fehler macht. Denn die meisten unserer Handlungs-Fehler haben eher geringe Konsequenzen, geben uns als Individuen aber in unserer Gedankenwelt der Lächerlichkeit preis. Wir fürchten nicht die Konsequenzen des Fehlers an sich, sondern die Reaktion anderer Menschen darauf – insbesondere deren Spott oder deren Kritik. Wir wissen, dass die anderen diesbezüglich ja nicht besser sind als wir selbst und nehmen daher anderer Leute Fehler gerne als Anlass, mit dem Finger darauf zu zeigen, weil es vermeintlich vom unserem eigenen Fehler-Potential ablenkt. Aber jeder von uns macht jeden Tag Fehler; manchmal ist der erste, überhaupt aufzustehen. Unsere Fehler sind jedoch kein Anlässe, irgendjemanden der Lächerlichkeit preiszugeben, verweisen sie uns doch auf neue, andere Möglichkeiten eine bestehende Herausfoderung anzugehen oder ein Problem zu lösen. Fehler sind Lernanlässe – keine Punishment-Anlässe!

“Life is a lesson, you learn it, when you do it!” [Limp Bizkit 2000: Take a look around] Ich würde Fehler also gerne als partikulares Vorwärts-Scheitern bezeichnen, als Momente, in denen die normative Kraft des Faktischen meine Wahrnehmung um einen Hinweis auf eine zukünftige Vermeidung durch Verhaltensmodifikation bereichert! Geht aber nur, wenn ich die Komfort-Zone verlassen habe. Womit ich nicht so verstanden werden möchte, dass ich den Menschen rate, häufiger mal “Hold my beer!” zu sagen. Selbst risiko-averses Verhalten birgt immer ein Restrisiko in sich. Insbesondere dann, wenn man in einem riskanten Job arbeitet. Da muss man nicht auch noch nachhelfen. Aber ich plädiere dafür, endlich von diesem typisch deutschen Persönlichkeitsfehler weg zu kommen, für alles was schief läuft nach einem Schuldigen suchen zu müssen, damit ich DEN öffentlich auspeitschen kann! Das bringt niemanden weiter, weil es den oben beschriebenen Mechnismus befördert, sich mehr um das eigene Ansehen zu kümmern, als um die eigentlichen Sachprobleme und das Entstehen der Fähigkeiten, diese lösen zu können. Lasst uns doch alle gemeinsam gelegentlich vorwärts scheitern. Das würde uns wesentlich schneller voranbringen, als diese miefige Bedenkenträgerei, die narzisstische Sorge um das eigene Ansehen oder das Gejammer, wenn man mal sachlich kritisiert wird. Denn ohne eine sachliche Kritik, welche die wesentlichen Gründe eines jeweiligen Scheiterns aufdeckt, würde natürlich keine Entwicklung entstehen können! Aber soweit sind wir als Gesellschaft, selbst als einzelne Berufsgruppe wohl noch nicht. Na ja, da bleibe ich wohl doch weiter bei Kästner: “Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!” Schönen Samstag, ihr Flitzpiepen…

Auch als Podcast…

Engaging the audience…?

Wann immer irgendjemand irgendjemand anders eine Geschichte zu erzählen hat, wird das emotionale und kognitive Invest des Publikums – ganz gleich, wie klein oder groß dieses auch sein mag – zur wichtigsten Währung der erzählenden Person. Denn ICH WILL, dass mein Gegenüber etwas von meiner Geschichte hat; und wenn’s nur darin besteht, dass diese unterhaltsam genug ist, um gemeinsam einen schönen Abend im Reich des noch nicht fertig geträumten zu verbringen. Ich denke die Geschichten dabei nicht nur vom Standpunkt des Pen’n’Paper-Gamemasters aus. Ich habe selbst schon Bücher geschrieben und selbstverständlich sind mir auch die Modalitäten visuellen Storytellings nicht fremd. Ein paar Dinge sind aber allen Erzählformen gleich: Immersion, also das Fürwahrnehmen einer Geschichte innerhalb ihrer eigenen Begrenzungen entsteht einerseits nur dann, wenn die Geschichte sich selbst, ihre Figuren und die Welt, in welcher sie stattfindet ernst genug nimmt, um das Publikum nicht bei erstbester Gelegenheit über Bord zu werfen. Es ist andererseits aber auch notwenig, dass die Vierte Wand nur dann durchbrochen wird, wenn es im oben beschriebenen Kontext Sinn ergbibt, bzw. klar wird, dass z.B. eine der Figuren sich ihrer Realität als Figur einer Erzählung bewusst ist – Deadpool ist so eine Figur, aber bei weitem nicht die einzige. Denn jedesmal, wenn ich unnötig die vierte Wand durchbreche, reiße ich die Leute aus der Geschichte, indem ich ihnen – einer vom Clown geworfenen Sahnetorte gleich – ins Gesicht reibe, dass das alles hier nur Fake ist. Und dann heißt es: adieu, willing suspension of disbelief.

Menschen, die sich auf fiktionale Geschichten einlassen – und dabei ist es vollkommen gleichgültig, ob es sich dabei um den Tatort, Starwars, einen Heimatfilm (was auch immer das heutzutage sein mag), irgendeine Superheldenscheiße oder den Herrn der Ringe handelt – sind grundsätzlich bereit hinzunehmen, dass neue, unerwartete Dinge passieren werden. Solange diese Ereignisse während der gesamten Erzählung konsistent mit den Anfangs geweckten Erwartungen bleiben! Ein Beispiel: würde ich einen Tatort schauen (was ich mangels Relevanz für meine Wahrnehmung schon seit Jahrzehnten nicht mehr tue), dann würde die Handlung in aller Regel irgendwelche Facetten der mir schon lange bekannten bundesrepublikanischen Lebensrealität reflektieren, während irgendwelche Leute über die Klinge springen müssten und irgendwelche Ermittler am Ende den/die/das Böse überführten. Würden die Ermittler allerdings anstatt den typischen (ermüdenden) psychologischen Ausgefeiltheiten plötzlich Waterboarding und Elektroschocks zur Erlangung eines Geständnisses benutzen, als sei das typischer Alltag in deutschen Polizeipräsidien, wäre man vor den Kopf gestoßen. Der geneigten Leserschaft fallen hierzu bestimmt noch weitere blödsinnige Beispiele ein; insbesondere solche, die man schon auf der Mattscheibe zu erdulden hatte. Das kommt davon, wenn Kulturschaffende denken, der Sonntagabendkrimi müsse hohe Kunst sein. Fun Fact: muss er nicht. Unterhalten sollte er allerdings schon. Was regelmäßig spannungsarme Psychodramen mit melodramatischer Sozialkritik eher nicht hinbekommen.

Menschen wollen als Publikum ernst genommen werden. Das erfordert eine gewisse Intelligenz der Geschichte, vor allem aber eine innere Kohärenz der Erzählung; denn wenn man seine eigenen Prämissen als Erzähler schon nach den ersten Minuten bricht, kommt sich das Publikum verschaukelt vor und wird den Rest möglicherweise ger nicht mehr interessant genug finden, um dranbleiben zu wollen. Zum Beispiel Charaktere, welche die gleichen Fehler immer und immer wieder machen; ist für mich ein guter Hinweis, dass die Mitglieder des Wrtiters Room ihr eigenes Erzählkontinuum schlicht nicht im Griff haben – oder aber tatsächlich denken, dass die zuschauer/Leser zu blöd sind, um das zu bemerken. Beides Möglichkeiten sind für die Schreiberlinge nicht sehr schmeichelhaft! Und je nachdem, wie interaktiv das Medium ist, in welchem wir gerade unterwegs sind, möchten sie sich dabei als aktive Partizipanten u. U. auch selbstwirksam fühlen können. Meine Paradedisziplin ist hierbei das Pen’n’Paper-Rollenspiel. Ich hatte zwar schon früher angedeutet, dass ich bei den realitätsnahen Trainingsszenarien im Rahmen der Berufsausbildung ähnliche Maßstäbe anlege. Aber über das Rollenspiel zu reden, ist für mich selbst einfach unterhaltsamer; und der Spielleiter will und darf auch Spaß haben. Beim Pen’n’Paper ist die Sache mit dem Buy-In des “Publikums” allerdings noch mal ein bisschen komplizierter. Denn einerseits gibt es hoch unterschiedliche Grade des Sich-Darauf-Einlassens; manche wollen tief in ihre Rolle und die Geschichte einsteigen, proaktiv vorgehen, hinter jede Facette schauen. Und andere wollen lieber “konsumieren”, bis die Geschichte es zwingend erfordert, dass sie etwas tun und dann eben so das Nötigste unternehmen, um sich hernach wieder durch die Geschehnisse treiben zu lassen. Dazwischen gibt es jede Menge Grautöne.

Session-Prep…

Andererseits sind damit auch die Interessen hinsichtlich der zur Interaktion aufgezeigten Storyhooks sehr unterschiedlich; ob Spieler mit der Welt so interagieren, wie ich als Spielleiter dies für den Fortgang der Geschichte antizipiert habe, hängt stark davon ab, ob es mir gelingt, die Interaktionspunkte für die Spieler bzw. deren Charaktere relevant genug zu machen. Es hängt dabei nicht nur von der Qualität oder Präsentation des Contents ab, sondern vor allem davon, wie ich diesen in die Welt und die Geschichten, welche in ihr erlebbar werden sollen hineinwebe. Als wenn Spieler jemals auf irgendwelche obskuren Details achtgeben würden, auf die ich nicht explizit hingewiesen habe? Lächerlich… Oft denken unerfahrene Spielleiter dabei an das offenkundig Wahrnehmbare – bei NSCs z. B. Äußerlichkeiten, Doing the Voice, besonders seltene Charakterspezies, extravagante Verhaltensweisen, etc.. Wie wäre es stattdessen mit einer echten Persönlichkeit, die deswegen interessant wird, weil dieser NSC – UND NUR DIESER NSC – eine bestimmte Dienstleistung bietet, eine bestimmte Info hat, eine bestimmte Connection herstellen kann. Andere Leute haben das schon sehr schön rausgearbeitet (Matt Colville etwa hier). Ganz Generell gilt aber neben der Relevanz im bezug zur Erfahrungswelt des Publikums vor allem, dass man sein Publikum niemals verarschen sollte; und wenn überhaupt mur mit Ansage und unter Einholung des Einverständnisses. Dann wenn es Prämissen und Konventionen zur verwendeten Spielumgebung, den Regeln (incl. bestimmter Ausnahmen, Houserules, Beschränkungen, etc.) und dem Stil am Tisch gibt, müssen sich alle daran halten; insbesondere der Storyteller.

Ausklapp-Karte… wenn nicht alles in mein kleines Notizbuch passt…

Ganz gleich ob ich an einem Buch schreibe, oder mal wieder an einem Szenario: die Kohärenz des Worldbuildings, das Einhalten der inneren Logik der Geschichte, die Glaubwürdigkeit der Figuren und ihrer jeweiligen Motive, sowie der wenn überhaupt dann nur sehr spärliche Einsatz des [fourth wall breaking] machen die [secondary world] zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält, weil man dort jene Stimuli vorfindet, die einem [Buy- In] und damit [willing suspension of disbelief] ermöglichen. Eskapismus, gleich welcher Form bedarf nun mal verschiedener Voraussetzungen. Ich wünschte nur, dass die ganzen Schreiberlinge sich dieser Tatsache mal erinnern würden. Keine Ahnung, ob sowas heute bei Kursen in kreativem Schreiben nicht mehr gelehrt wird…? Wie dem auch sei, gleich ist es dunkel, gleich ist es Nacht, drum sei ein Wort der Warnung angebracht: Morgen ist Montag. C U soon,,,

Leseprobe N°1

Während Merrick das Hoverbike mit fast traumwandlerischer Sicherheit durch den dichten Verkehr lenkte, kreisten seine Gedanken um das seltsame Paket, und natürlich um dessen Inhalt. Es war schon ein bisschen komisch, dass Sammy den Mann nicht auf einem seiner eigenen Schiffe hatte einfliegen lassen. Und jetzt das. Er war in Gedanken.

In diesem Moment zog ein unbedachter Fahrer aus der unteren Flugspur ein Stück zu weit hoch und Merricks Reflexe retteten ihn nur knapp vor einer jähen Kollision. Fluchend schlingerte er einige Dutzend Meter. Dann hatte er seine Maschine wieder abgefangen und schoss neben das Fahrzeug, dass ihn abgedrängt hatte. Er gestikulierte, fluchte, sah hinein – und plötzlich wurden seine Sinne wieder überscharf. Der Fahrer hing auf der Steuerkonsole, sein Kopf aufgeplatzt wie eine geworfene Melone; ein Schuss von hinten. Seine Augen suchten die Fahrspuren in seinem Rücken ab. Da waren zwei Hoverbikes. Zu dicht zusammen für einen Zufall, zu angespannt für einen einfachen Ausritt, zu beherrscht und zu koordiniert. Und mindestens einer von denen hatte einen verdeckten Karabiner.

Kontraste bereichern das Leben!

Er zog die Bremse hart, ließ sich drei, vier, fünf Ebenen durchfallen, fast bis auf das Bodenniveau, vorbei an mindestens einem Dutzend fluchender Beinahe-Unfälle. Sein Verdacht wurde bestätigt, als die zwei es ihm mit leichter Verzögerung nachtaten. Und da war noch ein Dritter… anderer! An dieser Stelle gab es auch Querverkehr, der vom Nor’a’Patra-Distrikt rüber zum Chi’ang’Tsu und zurück führte, was die Sache riskant gestaltete. Unten war der Fluss. Auf beiden Seiten führten die Monorail-Trassen auf Level vier rings um zwei der vielen Berge von Tairan City herum. Man konnte hier überall auf Bodenniveau runter; oder zumindest gab es überall Boden. Beide Berge waren zum Teil hohl und im Laufe der Zeit hatte man, teils im Stein, teils auf gleichförmigen Terrassen aus Stahl, Beton und Onyx rings um sie herum eine Stadt gebaut. Die Ebenen oberhalb des Flusstales waren alle so hoch, dass sie mehrgeschossige Bauten beherbergen konnten und ragten, der Flanke des Berges folgend, wie eine semi-natürliche Archology gut 35 Stockwerke in den Himmel. Je höher oben, desto weniger schäbig waren die Bauten. Die Stadtbahnringe versorgten vor allem die einfachen Arbeiter mit Transportdienstleistungen. Hier untern standen die Apartmentblöcke dicht an dicht, durchbrochen von allerlei Geschäften, Werkstätten, Manufakturen. Alter, Baustil und Bauhöhe waren vollkommen uneinheitlich. Von Stadtplanung hatte hier noch nie einer was gehört. Manche Bereiche waren regelrechte Slums. Insbesondere die innenliegenden ohne Sonnenlicht.

Merrick flog eine enge Abwärtskurve um eine der wuchtigen Monorail-Stelzen herum und tauchte in den Schatten der darunterliegenden Ebene, jetzt auf hiesigem Straßenniveau. Am freien Himmel bot er ein leichtes Ziel und seine Verfolger hatten offensichtlich keine Bedenken, wenn es um Kollateralschäden ging. Einer von Ihnen tauchte in seinem Spiegel auf, als er gerade auf Wang-Lop-Land  fuhr. Er donnerte durch eine ziemliche schmale Gasse, knapp an einem schäbigen alten Kleinlaster vorbei, in dem wie ihm beiläufig auffiel, zwei Typen Wache zu halten schienen, hinaus in einen Wochenmarkt. Er wich zwei Garküchen und einem fliegenden Mechaniker aus und war gerade in einer harten Wende begriffen, als der erste Typ auch ankam. Chicken Race. Merrick hatte seine Sweeper parat, hielt mit aufheulenden Turbinen auf den Typ zu und zog ab. Drei Schuss in schneller Folge. Die Antwort sollte weniger elegant werden, eine Salve aus einem kurzen Karabiner, doch weil er seinen Gegner auf dem falschen Fuß erwischt hatte, kam’s nicht mehr dazu. Der Typ fiel von seinem Bike, das schliddernd in eine der Garküchen krachte.

erstellt mit DALL-E3

Jetzt kam Leben in die zwei Typen im Van, während er wieder eine harte Wende machte und Vollgas gab. Die Gangs mochten es nicht, wenn jemand in ihrem Territorium unangemeldet Geschäfte machte. Noch weniger aber mochten sie es, wenn jemand anfing rumzuballern. Die Cops kamen zwar nur selten hier her und meistens wollten sie dann auch nur ein bisschen Cash. Aber zu viel Action erzeugte die Art von Aufmerksamkeit, die man auf den unteren Ebenen überhaupt nicht leiden konnte. Der zweite Verfolger kam an den Platz. Merrick war sich nicht sicher, wie das ausgehen würde, er verließ die Location gerade am anderen Ende, aber er hörte automatisches Feuer, das kurz darauf erstarb. Auch das Heulen einer Turbine erstarb. Nur noch einer. Und wahrscheinlich auch noch von einer weiteren Fraktion.

Schmale Gassen zwischen niedrigen Häusern. Menschen, Maschinen, Müll schienen nur so an ihm vorbeizufliegen. Konzentriert bis in die Haarspitzen, um so schnell wie möglich Raum zwischen sich und seinen letzten Verfolger zu bringen, blieb er am Boden, denn zu weit hochziehen mochte seine Position enthüllen. Er hasste solche Situationen. Nicht, weil er nicht kämpfen konnte oder wollte. Gewalt gegen jemanden anwenden zu müssen, der ihn bedrohte, war ihm egal. Aber es widerstrebte ihm, die Leute hier unten der Gefahr auszusetzen, denn die meisten waren nicht im Ansatz so gut darin wie er, sich ihrer Haut zu wehren.

Von oben. Er zog instinktiv nach links, riss die Maschine hoch, schabte mit der Unterseite über die Dachkante. War nur zwei Stockwerke hoch, doch der Raum war knapp. Er schlidderte quer über das Flachdach, während die Druckwelle der Detonation Steine, Bretter, Moniereisen und anderes hinter ihm hertrieb. Von einem fahrenden Hoverbike abzusteigen war Übungssache, aber jeder Biker, der was auf sich hielt, schaffte das zumindest, ohne sich umzubringen. Merrick landete auf den Füßen wie eine Katze und das Magazin der Sweeper leerte sich nun vollautomatisch. Der Angreifer kam gerade noch von seinem Bike, bevor die hintere Düse sich in ein hübsches Feuerwerk verwandelte. Er landete vielleicht sieben acht Meter entfernt, ebenfalls auf den Füßen. Verdammt, der Bastard war leider auch geschickt. Und er spurtete direkt auf Merrick los.

Es war für Profis eher unüblich, allzu lange scharfe Hiebwaffen wie etwa Schwerter zu benutzen. Unter den jungen Wannabes waren sie als Gimmick zum Angeben recht beliebt, doch kaum jemand konnte wirklich damit umgehen. Hier schien das was anderes zu sein. Die Klinge, welche sein Gegner im Laufen zog, erinnerte an die Comicdarstellung eines Ninjatō, insbesondere, weil er sie tatsächlich an der Hüfte trug; irgendwie Klischee, aber ansonsten war das hier ganz sicher kein Witz. Sein eigenes Schwert sah aus wie ein filigraner Säbel von äquivalenter Länge. Der erste Schlagabtausch war schnell. Der hier war geübt, keine Frage. Man konnte nichts hören, außer angestrengtem Atem und dem metallischen Klirren, wenn die Klingen im Wirbel aufeinandertrafen. Einen Sekundenbruchteil zu langsam begegnete er einem letzten tiefen Angriff; die Klinge glitt durch die Verbundkeramikfasern seiner leichten Panzerung, die er unter seinen Klamotten zu tragen pflegte und hinterließ einen fiesen Schnitt am Oberschenkel. Sie hatten sich gerade wieder voneinander getrennt, wahrscheinlich, weil der andere den Wert seines Treffers einschätzen wollte, als drei Typen mit vollautomatischen Waffen durch eine Tür auf das Dach gelaufen kamen. Die schienen sich keine Zeit für Fragen nehmen zu wollen und eröffneten sofort das Feuer. Die beiden Kontrahenten wichen in entgegengesetzte Richtungen aus.

Das Letzte, was Merrick von seinem Verfolger sah war, wie dieser mit einem Satz über die Straße sprang, während er selbst  sein Bike aufrichtete und sich in der gleichen Bewegung aufschwang, um ganz schnell die Biege zu machen. Er versuchte nicht, darüber nachzudenken, denn auch ihm pfiffen Kugeln um die Ohren. Dann jaulte seine Turbine auf, er hüpfte einfach nach unten in den Hinterhof des Nebengebäudes und flog durch den im Erdgeschoss liegenden Shop nach vorne weg, dabei eine Schneise der Verwüstung hinterlassend. Er konnte jede Menge Flüche in asiatischer Gemeinsprache, Pidgin und Kantonesisch hören, während er, wie vom Teufel verfolgt, das Weite suchte.

Nach ein paar Blocks setzte er kurz auf einem Dach ab, klebte ein Dermal-Aid auf und griff nach seinem Omni. Nach einem kurzen Moment warf er es weg, um es zu grillen, zog ein weiteres aus einer Tasche am Gürtel und erkundigte sich nach dem aktuellen Aufenthaltsort seines bevorzugten Downside-Doktors…

Kleine Kostprobe aus einem in Arbeit befindlichen Sci-Fi-Roman. Third Draft, aber es wird langsam...
Auch als Podcast…

Tatkräftiges Träumen!

Immer nur Argumente! Immerzu gut abgewogene Worte! Und auch brav immer ALLE inkludieren, vollkommen gleich, ob jene Wesen in genau dem Moment inklusionswürdig, inklusionswillig oder inklusionsbedürftig sind – oder eben auch mal nichts von alledem! Das Für und Wider wird zum Auf und Nieder. Für den Geist, die Seele, einfach alles. Es dreht sich nur noch und immer wieder um den Gott des Disputs, den Geist der stets verneint, den kategorischen Imperativ und Gottes Tod! ICH. BIN. SO. MÜDE! Alles Streben nach einer Sprache, die Menschen einander näher bringt zerschellt an jenen, die man eigentlich dem Kern der Humantät und des sozialen Miteinanders wieder näherbringen müsste, weil sie imprägniert sind mit dem Gift des Dogmas und der süßen Droge der allzu einfachen Antworten! Was soll also mein Streben, wenn mir doch alle Freude aus dem Schreiben gesogen wird, wie die Vakuumpumpe im Physikunterricht einstmals jene Glocke leersog, ín welcher der Schaumkuss plötzlich auf ein Vielfaches seiner Größe anwuchs. Nur das sich in meinem Kopf ob des Absaugens keine Süße ausbreitet. Was soll all das Mühen, was soll all das Recherchieren, Denken, Formulieren, wenn doch am Ende kein KREATIVES Produkt mehr entsteht, sondern einfach nur Wortsalat, abgepackt nach diskursivem Gewicht und dazu gedacht, Gedanken greifbar zu machen, die so sauer, so alt, so anstrengend geworden sind, dass die Leichtigkeit des Denkens unter dem bleiernen Mantel des Bedenkenwälzens leise aber endgültig erstickt?

Natürlich… ganz klar, er ist wieder depressiv geworden… Nein ist er nicht! Aber irgendwie kreist vieles Gedachte der letzten Zeit um die immer gleichen Themen; und das schmerzt mich! Denn offenkundig bereitet mir meine Arbeit mehr Ungemach, als ich mir das selbst einzugestehen bereit bin. Und zeitgleich macht mich der Zustand der Welt in einem Maße fertig, dass meine Resilienzkapazitäten beizeiten zu übersteigen droht. Hoffnung und Energie gibt mir allein der Austausch mit Menschen, die mich anregen, die mich zum fühlen, lachen, kreativ sein anregen – und denen begegne ich derzeit nicht so oft, wie es mir lieb und notwendig wäre. Mein Ausgleich, dass sind zum einen die Wege draußen, die ich allein beschreite, um mich a) mit etwas Tageslicht zu versorgen, b) meine Seele sich an Kleinigkeiten erfreuen zu lassen (Stichwort Komorebi) und c) etwas Bewegung in den Leib zu bekommen, an der es mir ansonsten durchaus mangelt. Und zum anderen ist es das Storytelling. Geschichten, die dazu geeignet sind, mit dem Kopf mal WOANDERS zu sein. Manche Menschen verteufeln das Tagträumen, doch die Wissenschaft hat dazu einen etwas anderen Blickwinkel:

"Träume faszinieren durch ihre immanente Paradoxie: Einerseits lassen sie sich als etwas ganz und gar Privates, Individuelles, ja sogar Intimes definieren, da sie im innersten Kern der Persönlichkeit gedeihen; andererseits offenbaren sie trotz dieser vermeintlichen "Vertrautheit" nachgerade eine unheimliche Fremdheit" (Freiburg 2014, S. 5) Ein Stück weiter schreibt der Autor:
"Im Traum wird die vermeintliche Selbstverständlichkeit des eigenen Seins in Frage gestellt, die Begegnung mit dem ganz "Anderen" löst eine Erfahrung aus, die zutiefst verunsichernd, ja sogar erschütternd sein mag. Der Traum relativiert die Normalität der Alltagserfahrung, bereichert den anscheinend unauflösbaren und phantasielosen Nexus von Zeit, Raum und Kausalität um eine aufregend alogische Alternative und lässt Denk- und Lebensmöglichkeiten aufscheinen, die der "gesunde Menschenverstand" allein niemals zu ersinnen vermöchte." (ebd. S. 6)
(Freiburg, R. (2014): Einleitung - Zwischen Intimität und Fremdheit:
Die Paradoxie der Träume. In: Freiburg, R. (Hrsg.): Träume. Erlanger Universitätstage 2014. Erlangen: FAU University Press, S. 5 - 17.)

Eigentlich müsste man mehr dazu nicht sagen. Doch ich will versuchen, einen persönlichen Bezug herzustellen, indem ich Folgendes anfüge: meine (weitestgehend auch für mich selbst verborgene) Binnenwelt begreifbar machen zu können, bedarf unterschiedlicher Reflexionsflächen. Selbstreflexion braucht eine oder einen Anderen, wenn wir so wollen also einen “Sparringspartner” an dem ich meine Ratio austesten kann. Doch wir vorgeblich erwachsenen Menschen sind mindestens ebenso sehr Emotion, wie wir Kognition sind! Ich erinnere mich selten an meine Nachtträume, doch ich tagträume gelegentlich sehr intensiv. Wenn all meine Träume allerdings etwas sehr Intimes sind, wie Rudolf Freiburg da oben ja sagt, wie kann ich dann mit ihnen umgehen, sie für mich begreifbar, ja vielleicht sogar als Kraftquelle nutzbar machen, wenn ich doch nicht alles aus meinen Träumen unmittelbar gegenüber den Anderen ausbreiten kann oder will? Meine Antwort darauf lautet – durch das Geschichtenerzählen! Indem meine Träume der Stoff sind, aus dem etwa meine Pen’n’Paper-Stories entstehen, welche ich in der häufig eingenommenen Position des Spielleiters nur zu gerne zum Schauplatz kollaborativen Geschichtenerzählens mache, lasse ich aus meinen Träumen durch die Möglichkeit des Eingriffs Anderer in die erzählte Traumwelt etwas Neues, Unvorhergesehenes emergieren, dass meine Wahrnehmung, meine Emotionen und gleichsam meine Ideen herausfordert! Und das ist unfassbar stimulierend, womit daraus für mich ein Quell neuer Energie wird. Das Problem ist, dass man sich auf dieses Unvorhergesehene einlassen muss. Eine Zeit lang war ich zu verbissen, daran interessiert, MEINE Geschichten zu erzählen. Neuerdings kann ich das wieder einfach geschehen lassen.

Doch leider ist es so – tatkräftiges Träumen ist etwas Mächtiges, dass allerdings nur unter den richtigen Kontextbedingungen gedeihen kann; gerade genau dann, wenn man es am dringendsten braucht, ist man aber oft durch den Mangel an kognitiver Kapazität und kreativer Freiheit blockiert. Man kann es sich aber durch Training angewöhnen, auch dann Träume heraufbeschwören zu können, wenn man gerade vollkommen im tiefen Brunnen des Stresses, der Terminnot, der Anforderungen und des Mangels zu ertrinken droht. Man braucht lediglich ein paar Anker; Anker im hier und jetzt, etwa in Form von lieben Menschen, hilfreichen Ritualen, kleinen Auszeiten. Aber eben auch Anker da drüben im Reich des noch nicht fertig erzählten; etwa durch erzählerische Figuren und spezielle Charaktere, mit denen man sich immer wieder auseinandersetzt. Ich habe beides. EInerseits etwa meine beste Ehefrau von allen – und andererseits eine ganze andere Welt, reich an Geschichten, die ich noch mit meinen Freunden erzählt wissen möchte. Und dieses Blog… Und wo träumt ihr so? Ich wünsche einen guten Start in die neue Woche, was auch immer darin enthalten sein mag, dass eure Träume herausfordern möchte…

Auch als Podcast…

Der Irre-lefant…

Manche Menschen neigen dazu, sich selbst sehr wichtig zu nehmen. Oftmals viel wichtiger, als sie es eigentlich sind. Das liegt einerseits daran, dass Posten und damit vermeintlich einhergehende Macht einer bzw. einem allzu leicht den Wunsch einflüstern, diese “Macht” auch benutzen zu wollen. Der Fehler hierbei liegt darin, dass ein Machtgebrauch in den allermeisten Fällen zunächst durch diejenigen, über die Macht ausgeübt werden soll legitimiert werden muss, damit ein solches Machtdifferential überhaupt funktionieren kann; immerhin leben wir hier nicht in Nordkorea. Dort macht der Gebrauch einer Kalaschnikow als spürbares Symbol eines real existierenden Machtanspruchs die, der Demokratie üblicherweise zugerechnete Suche nach Mehrheiten und Konsens natürlich vollkommen nutzlos. Andererseits ist es eine der grundlegenden Funktionen unseres sozialen Miteinanders, nach Anerkennung durch die Anderen zu trachten; sich zu wünschen auf diese spezielle Art “gesehen” und gewertschätzt zu werden, die besorgt, dass wir uns so wunderbar selbstwirksam fühlen und glauben, wirklich Kontrolle über Wohl und Wehe unserer Existenz ausüben zu können. Muhahahahahahaha – ja, die uns allen innewohnende Kontrollillusion ist schon ein Arschloch sondergleichen. Das trifft mich als Führungskraft ebenso, wie als unerschütterlichen Left-Wing-Sozialdemokraten. Und trotzdem hält sich meine Verzweiflung irgendwie immer noch in Grenzen!

Ich finde unsere menschliche Resilienz gegen die Tatsache, dass wir das “Dahinter” jener unüberwindbaren Grenze der nächsten Sekunde weder heuristisch, noch spirituell, noch technisch oder sonstwie antizipieren können immer noch und immer wieder unglaublich faszinierend; und gleichsam unglaublich dumm. Wir einfachen Menschlein GLAUBEN doch wirklich immerzu, in die Zukunft schauen, ja diese sogar mitgestalten zu können – jedoch liegt das Schicksal unserer Welt (und damit auch unsere Zukunft) immer häufiger in den Tremorgeschüttelten Händen alter, kranker, seniler, im Besten Falle jedoch sehr sturer Männer, deren “beste Absichten” darin bestehen, ihre Macht um jeden Gottverdammten Preis erhalten zu wollen; nicht durch das “Prinzip Konsenz”, sondern durch das “Prinzip Kalaschnikow”, dafür steht die Abkürzung PK und nicht etwas für Parteikongress… An dieser Stelle sei erwähnt, dass sich die Faschisten-Muttis Meloni, Weidel und Le Pen so sehr in den Dienst einer Agenda gestellt haben, dass ich sie ob ihrer Haltung, ihres Gestus, ihrer Äußerungen und Handlungen noch als weiblich lesen könnte; das zeigt sich höchstens dann, wenn sie die “Waffen einer Frau” instrumentalisieren, um zu bekommen, was sie unbedingt ebenso sehr wollen, wie ihre männlichen Faschisten-Kollegen: Macht!

Man könnte nun an diesen Wahrnehmungen verzweifeln, ja sich vielleicht sogar resigniert aus dem öffentlichen Markt der Meinungen zurückziehen und warten, was als nächstes passiert. Oder man legt sich Dachlatten (mind. 40x40mm), Kabelbinder, Plastikplane, Schaufeln, Handbeile, Brandbeschleuniger und anderes hilfreiches Material ans Lager, für den leider nicht absolut unwahrscheinlichen Fall, dass diese Feinde der Menschlichkeit wirklich jemals bei uns an die Macht kommen sollten. Bis es jedoch soweit wäre, sind sie argumentativ überall zu bekämpfen, wo die Medusa des Faschismus eines ihrer hässlichen Häupter erhebt – immer schön dran denken: den Kopf nicht abtrennen, sondern einfach nur zu Brei schlagen; natürlich jedoch nur verbal… Und was meine andere Rolle als Pädagoge, wie auch als Führungskraft angeht, so ist es meine Aufgabe, Menschen dazu zu ermächtigen, selbst denken und auf Basis der dabei gefundenen Erkenntnisse handeln zu können. Selber denken zu können war schon immer ein Motor für demkokratische, vor allem aber auch für humanistische Prozesse; denn eigentlich ist ein humanistisches Menschenbild die weitesgehend unausweichliche Konsequenz ernsthaft tiefgründigen Philosophierens über unser Dasein und dessen Zweck. Denn wenn man das – aus meiner Sicht vollkommen nutzlose – Streben nach Reichtum (und damit vor allem nach Macht über andere) einmal beiseite legt, bleibt nur noch eines: ein sinnstiftendes Miteinander zu pflegen! Worin sich dieses am Ende für jede*n von uns konstituiert, ist mir einerlei. Gründet Vereine und repariert, was auch immer ihr in die Finger kriegt: Technik, Beziehungen, Menschen, euren Kiez, whatever. Ihr werdet nur zum Irre-Lefant, wenn ihr euch von den ganzen bösen Menschoiden da draußen irre machen lasst und daraus den (unzulässigen) Schluß zieht, dass euer Denken, Tun und Lassen nicht relevant wären. Menschen dazu zu bringen, sich mit solcher – POSITIVER – Denke zu beschäftigen ist MIR Lebenszweck geworden!

Und den Faschisten sage ich: ¡Los fascistas no pasarán! ¡No pasarán!

Ich wünsche euch ein verf***t schönes Wochenende.

Auch als Podcast…

New Work N°19 – Wen sollte man zum Chef machen…?

Immerzu geht es um’s liebe Geld. Nicht das Geld jemals lieb zu irgend jemandem gewesen wäre, das können halt doch nur andere Lebewesen bewerkstelligen. Aber zur Kohle drängt, an der Kohle hängt doch alles. Muss auch meine 15jährige schon verstanden haben, wenn sie auf die Frage, was sie mal werden möchte mit dem Brustton der Überzeugung “Reich!” antwortet. Das stellt hier keine Wertung dar, denn mit 15 materialistisch zu sein, weil man neuerdings bewußt wahrnimmt, dass ein gutes Leben gutes Geld kostet, war, ist und bleibt ein vollkommen normaler Bestandteil des Erwachsenwerdens. Ich war in dem Alter ja nicht anders. Was im Privatleben stimmt, ist im Geschäftsleben oft genauso wahr. Allerdings sollte man die Dinge hier ein wenig differenziert betrachten. Die Allermeisten von uns managen nämlich keinen Überfluss für einen Jahresbonus und irgendwelche Shareholder (auch bekannt als “Rendite”), sondern den Mangel an Überfluss vor einem jeweiligen Monatsende (auch bekannt als “überzogener Dispo”).

Dennoch denkt man naiverweise gerne, dass ein CEO, gleich in welcher Art von Unternehmen vor allem wirtschaftliche Kompetenz bräuchte. Allen die blödsinnigerweise immer noch glauben, dass studierte Wirtschaftswissenschaftler echt besser haushalten könnten, als eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern empfehle ich daher wärmstens das Buch “Der schwarze Schwan” von Nicolas Nassim Taleb; das hilft enorm beim Realitätscheck…! Daron Acemoğlu, einer der drei diesjährigen Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften hat vor knapp zweieinhalb jahren ein Paper veröffentlicht, in welchem er und sein Team feststellten, dass der Einsatz von von Leuten mit MBA oder artverwandtem Abschluss als CEO in Nachfolge nicht studierter CEOs dazu führt, dass a) die Gehälter um mehrere Prozentpunkte sinken und b) der Anteil der Gehälter an der Bilanzsumme zurückgeht. Oder anders formuliert: die auf cost-efficiency dressierten WiWi-Absolventen der letzten Jahrzehnte fangen umgehend an, die wichtigste Ressource kaputtzusparen, welche jedes Unternehmen hat: nämlich jene Menschen, die tatsächlich Wertschöpfung betreiben, wenn denn überhaupt effektiv irgendwelche Werte geschaffen werden. Denn waschechte Bullshitjobs, die nichts zum Fortkommen der Menschheit beitragen, gibt es ja nun genug.

Ob ich denke, dass man gar keine Menschen mit hoher wirtschaftlicher Kompetenz bräuchte, um Unternehmen erfolgreich führen zu können? Natürlich nicht; denn ein wirtschaftlich sinnvoll geführtes Unternehmen wird alsbald zu einem sicheren Hafen für hunderte bis tausende Existenzen, welche ihr Ein- und Fortkommen an das Funktionieren der Geschäftstätigkeit ihrer Arbeitgeber geknüpft haben. Der daraus erwachsenden Verantwortung sind sich viele Chefs aber offenkundig nicht bewusst! Ob ich denke dass man manche Unternehmen lieber durch wissenschaftlich ausgebildete Menschen anderer Fachrichtungen führen lassen sollte? Oh ja; allerdings unter der Prämisse, dass man ihnen die dennoch zwingend notwendige wirtschaftliche Kompetenz an die Seite stellt. Die Krux am Leiten von Unternehmen ist jedoch, dass dieses nur vermittelt durch die Leitung und Führung der vorhin erwähnten Menschen funktioniert. Diesbezügliche Inhalte machen allerdings – gemäß einer kurzen Analyse durch ChatGPT 4o – in verschiedenen Ausbildungsprogrammen nur einen Anteil von 15 – 25% am Gesamtcurriculum aus, obwohl sich daraus später 60 – 70% der täglichen Arbeit ergeben. Ich persönlich denke, dass Psychologen und Pädagogen zumindest in Tendenzunternehmen wesentlich besser dazu geeignet sind, die Geschäftstätigkeit zu lenken, als Wirtschaftwissenschaftler. Menschen beurteilen, systemisch-analytisch denken, klare Entscheidungen treffen, ggfs. Sanktionen aussprechen und durchsetzen können wir auch – wahrscheinlich oft sogar besser. zumindest wir Pädagogen üben nämlich meistens mit viel mehr Sparringspartnern gleichzeitig…!

Ich weiß, dass es sehr, sehr viele Menschen ernsthaft denken, dass Geld sowie dessen Erwerb und Ansparung das ALLER- ALLERWICHTIGSTE im Leben seien. ICH persönlich denke jedoch, dass unsere Beziehungen das wichtigste in jedem Leben sind. Und dieses Mal sage ich ganz klar, dass diese Aussage aus meiner Sicht im Geschäftsleben genauso uneingeschränkt wahr ist, wie im Privaten. Ich habe gerade mehr oder weniger 2 Wochen ununterbrochen im Lehrsaal an Themen rings um Kommunikation, Beziehungen, Führung, Wahrnehmung und pädagogisch-didaktisches Handeln gearbeitet. Und ich kann mich deshalb genau jetzt nicht mehr des Eindruckes erwehren, dass manche Menschen in meinem beruflichen Umfeld nach falschen Prämissen handeln. Ob und wie man daran etwas ändern kann, weiß ich nicht. Aber es macht mich jedes Mal traurig, wenn ich die Zeit finde, intensiv darüber nachzudenken. Wie kann man den Elefanten im Raum nicht sehen, obwohl er einem doch den Rüssel auf die Schulter legt und laut trompetet? Nun ja… das Spätjahr wird sehr geschäftig, so dass ich – pflichtbewusst und erfüllt von jener protestantischen Arbeitsethik, die mein Vater mir vererbt hat – meine weiteren Erwägungen hierzu vermutlich auf die Zeit rings um Tannenbäume, liebliches Prassen und die stets nervige Suche nach den passenden Präsenten verlegen muss. Aus den Augen verlieren werde ich es jedoch ganz sicher nicht. Denn mein Körper ist mittlerweile einfach zu alt, um meine Zeit mit vielen nutzlosen Gesprächen, schlechtem Schnaps, unnützer, stupider, unkreativer Arbeit, miesem Essen und uninspirierenden Menschen zu verschwenden. Dafür ist meine Seele einfach noch zu jung! Wish you a nice weekend.

Im Funkloch

Ich bin, um dies einmal mehr unumwunden zuzugeben, einer von dieser Online-Junkies, über die so oft geschrieben wird. Ich – white, middle-aged cis-gender guy – stromere sehr oft durch verschiedene der, von mir so gerne so derb gescholtenen Antisocial-Media-Plattformen, um ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben, was die Kinder (also jene Menschen, denen meine Lebens- und Einsatzerfahrung abgeht) jetzt wieder umtreibt; ja verdammt, da bin ich ein bisschen bigott! So what, ihr Schlumpftulpen? Und da bin neulich von einem Anfang 20jährigen darauf hingewiesen worden, dass es ihn irritiere, dass ich über Phänomene informiert wäre, welche doch eher der Jugend vorbehalten seien. Ich nehme das als Kompliment, weil es mir sagt, dass ich immer noch in der Lage bin, als Pädagoge und Mensch auf lebensweltlich relevante Themen meiner SuS zu reagieren. Das bedeutet jedoch mitnichten, dass ich nun jeden noch so osbkuren Dreck kenne, der aus dem Huzz and Buzz der selbsternannten Trendmaschinen emergiert. Selbst meine 15-Jährige meint manchmal einfach nur “So ein Scheiß!”, wenn wir uns über “Trends” unterhalten. Aber ja, ich gebe es zu – diese Dinge interessieren mich immer noch. Keine Sorge, ich trage immer noch keine weißen Sneaker und diesen ganzen anderen Rotz, der bei Gen-Z-lern heutzutage (wieder) so hart trended. Ich war schon da, als vieles davon das erste Mal er heiße Scheiß war – und ich fand’s schon damals zum Kotzen…

Nun bin ich derzeit im schönen Schwarzwald unterwegs – okay, ziemlich oft ist es derzeit der neblige Schwarzwald, aber das tut hier jetzt nicht so viel zur Sache – um eine neue Klasse in der Einführungswoche zu begleiten und zu unterrichten. Eine Aufgabe, die ich mittlerweile schon öfter übernommen habe und die mir immer noch Freude bereitet. Und auch dieses Mal ist es Teil des Designs, dass das Netz hier nicht überragend ist. Was stets zu mildem Gejammer führt, denn irgendwie bin ich offensichtlich NICHT der einzige Online-Junkie hier; wohl der Älteste, aber bei weitem nicht der Einzige. Ist ja aber nicht so, dass man GAR NICHTS online tun könnte… Ich durfte allerdings dieses Mal wohltuender weise beobachten, dass tatsächlich mal Dinge passieren, die ich mir bei so einem Setup jedes Mal wünsche: nämlich dass die zumeist jungen Leute die Gelegenheit beim Schopfe packen und Dinge tun, die sie sonst eher nicht tun würden. Etwa sich aufeinander einzulassen, ehrlich ins Gespräch zu kommen, interessante Spiele zu spielen und – echt wahr – gemeinsam wandern zu gehen. Ganz so schlimm ist das Funkloch dann wohl doch nicht. Natürlich werden sie , sobald sie morgen Nachmittag über die Passhöhe der ausgeschilderten Umleitung dem Tal entflohen sind wieder in die typischen Muster zurückfallen. Aber wenn wenigstens ein bisschen was hängenbleibt, bin ICH schon hoch zufrieden mit diesem Event.

Was mich selbst betrifft, so stelle ich fest, dass die (teilweise) Entkoppelung vom normalen Arbeitsalltag (viele Aufgaben lassen sich ja auch aus der Ferne erledigen) ein bisschen hilft, den Kopf frei zu kriegen. Nach dem Unterrichtsende einfach ein paar Kilometer durch den Berg hinter dem Kloster zu wandern tut das seine dazu. Man hat in einer Leitungsposition immer dieses Gefühl alles selbst, unmittelbar und vor allem sofort regeln zu müssen. Was bei meinem Job, wie ich in den letzten drei Tagen wieder bemerken durfte, ganz einfach eine Illusion ist! [Exkurs: Ich denke, ich muss die Home-Office-Diskussion noch einmal neu aufrollen, weil ich mit dem aktuellen Modell nicht zufrieden bin. Das Unterricht in Präsenz stattfinden muss, darüber herrscht kein Dissens; wohl aber über viele andere Aufgaben, die sich sehr wohl remote erledigen lassen und dann sogar besser funktionieren. Z. B. das korrigieren… Exkurs Ende] Ich nehme jedenfalls aus diesem idyllischen Schwarzwaldtal ein paar neue Impulse, Ideen und Bekanntschaften mit, die ich als bereichernd empfinde. Ich durfte Bewegung in der Natur zu meinen Bedingungen haben und bin trotz der vielen Wochenstunden immer noch hoch motiviert. Vielleicht tun auch mir solche gelegentlichen Funklöcher ganz gut? Denn in letzter Zeit habe ich mich des öfteren beim Doomscroll of Death ertappt… Wie man es auch dreht und wendet, jede Münze hat zwei Seiten. Über die Trends der Jüngeren informiert zu bleiben, bedeutet dann manchmal auch, zu viel kostbare Lebenszeit im Netz zu verbringen; so, wie manche der Jüngeren. Mal sehen, ob ich außerhalb des Funklochs wieder zur richtigen Balance finde? Ihr werdet es erfahren. Bis dahin – Schwarzwald Ahoi!

Out of the Box…

Ich finde es bemerkenswert, dass die vielen unterschiedlichen Menschen, die da so als Teilnehmer*innen in meine Unterrichte oder Seminare kommen immer wieder diese typischen Fragen stellen, die man eigentlich gar nicht hören möchte: “Wie lange machen wir heute?”. “Welche Inhalte kommen heute dran?”. “Ist das Prüfungsrelevant?”. “Kommt das noch mal dran?”. “Wo kann man das nachlesen?”. Und so weiter und so fort. Ich möchte dem nun in aller Form ein paar Dinge entgegnen, die mir in den letzten 9 Tagen während meiner Arbeit einmal wieder auf- und eingefallen sind:

  • Zeit- und Themenläufe sind variabel: Ich habe mir vorhin einen Moment genommen und bin auf eine direkte Frage eines Schülers hierzu eingegangen; und ich habe ihm gesagt, dass der Dozent oder Fachlehrer innerhalb eines gesteckten thematischen Rahmens nicht selten wie ein DJ vorgeht. Wir lesen den Raum, wir schauen, welche Fragen und Gespräche sich aus den gestellten Aufgaben und beschriebenen Problemen ergeben – und dann passen wir ggfs. unser Unterrichtsplanung an. Es mag sein, dass bei Lehrproben im Rahmen des Referendariats an allgemeinbildenden Schulen eine fest abzuarbeitende Unterrichtsvorplanung abgegeben werden muss, an die man sich nahezu sklavisch zu halten hat, weil der Fachleiter einem sonst die Rübe runter macht – aber das ist Bullenscheiße im Quadrat! Wenn sich der Flow im Rahmen des Themas in eine andere Richtung bewegt, aber die Fragen relevant sind, dann gehe ich den Weg mit. Und Schluss! (Ja, ja, ich weiß, die Stoffpläne – die sind in der allgemeinbildenden Schule oft genug einfach für den Arsch – und noch mal Schluss!)
  • Die Prüfungrelevanz betrifft IMMER die inhaltliche Essenz des Stoffes, nicht jedoch irgendwelche technischen Einzelheiten. Es ergibt (nicht nur aus konstruktivistischer Perspektive) absolut keinen Sinn, irgendwelche Schemata losgelöst von ihrem realen Einsatzzweck betrachten zu wollen. Die Leute suchen aber immerzu nach irgendwelchen Musterlösungen, die sie einfach nur anwenden müssen, um scoren zu können – aber weder für notfallmedizinisches Handeln noch das Leben an sich gibt es eine immergültige Musterlösung. Aber das kann man ihnen 1000 Mal erzählen und nächste Woche kommen sie wieder mit der gleichen Frage um die Ecke. Manche, weil sie sich’s einfach machen wollen und andere, weil sie an der Komplexität verzweifeln. Für beides gibt es Medizin, die allerdings nicht immer schmeckt: die Ersteren bekommen einen harten Realitätscheck, indem ihre Musterösung einfach mal im Training zerstört wird und die anderen Hilfe, indem man ihnen weitere Blickwinkel eröffnet. Kleines Einmaleins der berufsschulischen Pädagogik…
  • Der Unterricht ist zu Ende, wenn es Sinn ergibt! Manchmal ist das vor, manchmal nach der üblichen Schlusszeit. Wer hierbei nicht ein gewisses Maß an Flexibilität an den Tag legt, ist übrigens im Rettungsdienst schlicht falsch und sollte sich wohl besser was mit wirklich planbaren Arbeitszeiten suchen… weil nämlich die Struktur des Unterrichts hier aus der Metaperspektive die Struktur der eigentlichen Arbeit vorweg nimmt. Und die ist NICHT nine-to-five!
  • Die Festigung von Unterrichtsinhalten kann nie mit einem Durchlauf abgeschlossen sein. Insbesondere, weil theoretisch besprochene Inhalte sich immer einem Check an realen Einsatzsituationen unterziehen müssen, um ihre Relevanz für die Schüler*innen begreifbar zu machen. Die Antwort etwa auf die Frage “Warum müssen wir dieses Gesetz lernen?” ergibt sich schmerzlich verständlich oft erst dann, wenn man die Gründe selbst erlebt, aus denen dieses Gesetz entstanden ist.

Fertiglösungen, die “out of the box” funktionieren sollen kann man bestenfalls für sehr wenig komplexe Probleme formulieren, die sich in einen Wenn-Dann-Algorithmus pressen lassen. In der Notfallmedizin suggeriert man den Auszubildenden durch Algorithmen, die so aussehen, als wenn das möglich wäre, dass es fertige Musterlösungen geben könnte – nur damit wir Berufsfachschullehrer ihnen sehr mühsam den Reflex abtrainieren dürfen, auf komplexe Probleme stets einfache Antworten suchen zu wollen. Selbst Denken müssen die Azubis lernen. Aber zuerst müssen sie verstehen lernen, warum selbst denken zwar der anstrengendere, allerdings auch der wesentlich sicherere und zielorientiertere Weg ist. Und ich kann den Azubis da noch nicht einmal einen Vorwurf machen, weil es da draußen (auch und vor allem in unserem eigenen Berufsfeld) immer noch mehr als genug Menschen gibt, die ihnen vorleben, wie man es sich – vermeintlich – einfach macht. Die so tun als wenn Schema X jemals funktioniert hätte! Die alles, was nicht aussieht wie einer der Algorithmen zum “Bullshit-Einsatz” deklarieren! Die Kolleg*innen mit einem humanistischen Menschenbild als “Schwächlinge” verächtlich machen! Und die immerzu versuchen, den kürzesten, einfachsten, mit der wenigsten Arbeit versehenen Weg zu gehen, um sich dann auch noch ihrer Effizienz zu rühmen! SPEI! WÜRG! KOTZ! Wir haben noch einen verflucht weiten Weg zu gehen, wenn wir wirklich das Level an Profssionalität erreichen wollen, dass so viele von uns für sich reklamieren. Mal schauen, ob ich die nächsten Tage mal wieder etwas dazu beitragen kann. Hasta la Pasta, wie eine liebe Kollegin immer sagt…

Nur nicht untergehen!

Seit ein paar Wochen versuche ich mich wieder an mehr Bewegung. Meine Struggles mit der Masse meines Selbst gehen mittlerweile ins zweiunddrölfzigste Jahr und irgendwie ist Progress mit Blick auf die richtige Richtung des Zeigers an der Wage nur sehr spärlich zu verzeichnen. Joggen ist mit ‘nem kaputten Sprunggelenk und dem Ausgangsgewicht aus orthopädischer Sicht ein No-Go, Crosstrainer würde bedeuten, dass ich extra noch ein Fitnessstudio-Abo abschließen müsste, worauf ich auf Grund eines Teils des Klientels dort nicht wirklich Lust habe; aber Schwimmen – ja Schwimmen ging schon immer. Und wenn man dann noch die Gelegenheit hat, um kurz nach 06:00 mit eher wenigen anderen zusammen in ein überdachtes, beheiztes Becken zu steigen… Ja okay, die Uhrzeit bereitet mir JEDES EINZELNE MAL wieder Brechreiz. Ein Frühaufsteher werde ich in diesem Leben nicht mehr. Aber wenn du dann endlich im Wasser bist und losschwimmst – musst du aufpassen, dass du nicht von irgendwelchen Hobbyolympioniken untergepflügt wirst. Mein Motto ist “Bitte nicht untergehen und irgendwie 1.500 Meter überstehen!” Deren Motto ist anscheinend “Stirb du Wal, du bist im Weg!” (ich habe hier, um der Dramatik Willen, natürlich ein klitzekleines bisschen übertrieben…) Hey, ich habe damit meinen Frieden gemacht und tatsächlich ist der Körper danach vielleicht müde, aber der Kopf ist tatsächlich frei. Also bleibe ich dabei. Geht aber auch nur ein Mal die Woche, öfter haben sie leider nicht so früh auf.

Es fällt mir derzeit auch aus anderen Gründen schwer mehr Bewegungseinheiten in meinen Alltag einzubauen, einfach weil unter der Woche Nachmittags schon so verdammt viel passiert ist und ich oft nicht mal körperlich sondern eher emotional so erschöpft bin, dass ich mir irgendwas Unterhaltendes suche und Fünfe gerade sein lasse. Da bin ich ganz Mensch… An den Wochenenden schaffe ich es wenigstens öfter mal, ein paar Kilometer spazieren zu wandern. Mir ist dabei aufgefallen, dass viele Leute, denen ich währenddessen begegne immerzu mit irgendwelchen Kopfhörern unterwegs sind. Ob Ganzschale oder In-Ear ist dabei vollkommen unerheblich, denn es handelt sich dabei sehr oft augenscheinlich, dem technologischen Trend folgend, um Noise-Cancelling-fähige Geräte. Diese Menschen blenden also bewusst einen ihrer Primärsinne aus. Warum die das tun, weiß ich nicht, aber ich habe dazu zunächst eine Meinung: einerseits ist das, insbesondere wenn man gerade im Straßenverkehr unterwegs ist sträflich dumm, weil es ein erhebliches Gefahrenpotential darstellt, nichts anderes hören zu können, als die Musik, das Podcast oder wasweißich auch immer da gerade läuft. Andererseits ist es für mich eine traurige Vorstellung, die Welt ausgerechnet dann ausblenden und ganz bei sich sein zu wollen, während man in dieser unterwegs ist; es wirft für mich die Frage auf, ob diese Menschen nicht mehr in der Lage sind, ohne irgendeine Form der Dauerberieselung zu existieren? Wahrscheinlich urteile ich da gerade zu hart, denn ich war gerade vorhin auch draußen unterwegs und dabei kam mir folgender Gedanke…

Wenn es stimmt, was Freud, Mead und andere formuliert haben, nämlich dass es drei Instanzen unserer Psyche, unserer Persönlichkeit, unseres Rollenverhaltens gibt, die aus zwei Extrempolen und einem vermittelnden Fließgleichgewicht in der Mitte bestehen, dann sind jene Menschen, die man heutzutage so gerne als neurodivers bezeichnet vermutlich eher von der ungebändigten, kreativen, zügellosen Seite des ES oder des I geprägt – das bedeutet nicht, dass das ES (wie Freud es nannte) oder das I (wie Mead es bezeichnete) uns den lieben langen Tag irgendwelche abseitigen, übergriffigen, absolut hedonistischen Dinge tun lässt. Wohl aber macht uns das rast- und ruhelos, lässt uns dauernd nach neuen Projekten und Idee, nach neuen Kicks und neuen Erfahrungen streben. Manchmal bis zu dem Punkt, dass wir unsere Sinne bewusst überladen, um überhaupt einen Fokus finden zu können. Ich erlebe das nicht so, weshalb ich wohl getrost sagen kann, dass meine Depressionen mir genügen und ich nicht auch noch über irgendeine – wie auch immer geartete – Form von Neurodivergenz an mir nachdenken muss. Ich konnte das aber schon in anderen Menschen beobachten. Und diese Beobachtung relativiert dann die Gedanken von vorhin insofern, als es wohl tatsächlich möglich ist, dass manche dieser Menschen, denen ich bei meinem sonntäglichen Spaziergang begenet bin einfach nur versuchen, ihre inneren Stimmen zum Schweigen zu bringen. Die Teilnahme am Straßenverkehr macht es dann allerdings immer noch riskanter als unbedingt notwendig.

Ich habe auch innere Stimmen; nein, keine von denen summt dauernd die Melodie von Tetris, aber nicht selten klingt mein innerer Monolog, den ich SO GERNE als “normale” Selbstreflexion betreiben würde eher wie eine politische Talkshow, die (wie in der Realität auch) allzu oft in Satire abgleitet, weil die Protagonisten sehr “interessante” Ansichten haben. Aber ich kann das meistens bewusst moderieren und bis zu einem gewissen Grad durch körperliche Aktivität sogar abschalten. Deshalb dauert es mich auch so sehr, dass ich es nicht öfter hinbekomme, mehr Bewegung besser in meinen Tagesablauf zu integrieren. Bevor jetzt irgendsoein Schlaubi-Schlumpf daher kommt und seinen “Ja, da musst du halt einfach mehr Sport machen”-Senf absondert (in dem Fall ist die Assoziation mit Kinderkacke, die ich bei Senf oft habe echt passend!): Fick dich! Mach meinen Job! Hab mein Leben, mein krankes Hirn und dann reden wir noch mal, Digga! Ende der Durchsage. Ich bemühe mich echt, aber manchmal (eigentlich zu oft) scheitert die Mühe an der normativen Kraft des Faktischen. Also muss man das Faktische ändern – also dier ealen Lebensbedingungen. Und DAS ist nicht so einfach, Wie dem auch sei, versuchen wir auch in der kommenden Woche einfach nicht unterzugehen und den Kopf so gut freizukriegen, wie es geht – jedes Menschlein auf seine Weise. Bis bald.