Einfach nur Fragen…

Zuerst ein Gedanke am Rande: wenn es das Links-Rechts-Bündnis in Athen tatsächlich – im Moment muss man wohl wider Erwarten sagen – schaffen sollte, vernünftige Regierungsarbeit zu machen, was sagt das über unsere etablierten Schablonen politischen Denkens?

Wenn PEGIDAs Führungsstruktur gerade im Begriff ist, sich selbst zu zerlegen, was wird dann aus dieser Bewegung? Verschwinden das, was sie auf die Straße gebracht hat einfach? Oder lassen wir es zu, dass sich Menschen, die zum Teil aus der Mitte der Gesellschaft stammen, endgültig desillusioniert aus der Teilnahme an der deutschen Gesellschaft verabschieden, oder noch schlimmer, sich radikalisieren?

Muss man es gut finden, dass die europäische Zentralbank jetzt tatsächlich auf Teufel komm raus Staatsanleihen kaufen will, um die Konjunktur der großen Player anzukurbeln – wodurch mittels dann wieder steigender Zinsen und Preise die Konjunktur für den Normalbürger abgewürgt wird? Wo ist denn die Deflation?

Darf man keine Sympathie dafür haben, dass die Griechen eine Regierung abgewählt haben, deren Mitglieder sich zum größten Teil aus dem Pool vorgeblicher Eliten rekrutierte, die das Land abgewirtschaftet und die Bilanzen gefälscht haben; also in einem etwas deutlicherem Diktum: korruptes, verlogenes Gesindel?

Wer glaubt dem Bundeswirtschaftsminister, wenn er verkündet, dass in diesem Jahr mehr Geld in Bildung und Infrastruktur investiert werden wird? Oder anders betrachtet, wer glaubt, dass das getan werden soll, um jungen Menschen Bildung und damit Zukunft zu ermöglichen; und nicht, was leider viel wahrscheinlicher ist, um so durch die Hintertür Wirtschaftssubventionierung betreiben zu können?

Wird sich die Bundesfamilienministerin, die gerne eine stärkere Entlastung für Familien verkünden können würde, sich gegen den „Gott der schwarzen Null“ durchsetzen können? Und sind nicht all das sowieso nur parteipolitische Klüngel, um von anderen Problemen und Machtkämpfen abzulenken? So wie stets…?

Hat eigentlich noch irgendjemand in letzter Zeit mal wieder was von den Piraten und ihrer „liquid democracy“ gehört? Wäre es nicht schön, wenn sich zu Abwechslung mal eine neue Partei etablieren könnte, die nicht so richtig in das schlechte alte Farben- und Richtungsspektrum passt? Frisches Blut für alte Demokratie?

Haben nicht all diese Fragen miteinander zu tun, und wäre es nicht toll, wenn man genau das ein bisschen besser durchschauen könnte; mit anderen Worten, wäre es nicht richtig fein, seinen Kopf mal nicht nur als Mützenständer zu gebrauchen?

Hm…?

Ach ja, eines noch – warum müssen wir Rüstungsgüter in Länder verkaufen, in denen Frauen einfach so auf offener Straße geköpft werden, weil der Gatte behauptet hat, sie sei eine Mörderin und wo Typen wie ich – kritische Blogger – eingesperrt und öffentlich ausgepeitscht werden? Anstatt dessen kondoliert man artig zum Tod eines Monarchen, der es über Jahrzehnte verabsäumt hat, Saudi-Arabien in die Zukunft zu führen. Eine Zukunft, wo jedes Wesen selbst darüber bestimmen darf, woran es glauben möchte…

Pfui Teufel, es dreht sich auch in Gutmenschland, mit Biofleisch und Verständnis für alles und jeden, ökologisch abbaubaren Konsumgütern und Kehrwoche doch alles immer nur um dasselbe: Geld, Macht und Ressourcen! Wollt ihr da draußen das wirklich alle so…?

A snipet of war – on our streets?

Ja genau, wir müssen jetzt unbedingt das Militär aus den Kasernen holen, damit es uns hier zu Hause beschützt. Ist in Europa ja nicht ohne Präzedenz, die sind ja so gut darin ausgebildet, Terroristen zu finden und zu liquidieren, das ist wirklich eine gute Idee. Oder habe ich da was falsch verstanden? Ach so, die sollen nur die Polizei dabei unterstützen, potentielle Anschlagsziele zu schützen? Hm… also gut, lass mich mal kurz durchrechnen, wir haben wie viele… so um die 250.000 Soldaten und ca. 30 Millionen Haushalte. OK, dann können wir ein knappes Prozent unserer Haushalte schützen, denn für einen überzeugten Terroristen sind wir alle nur laufende Zielscheiben, oder? So genannte weiche Ziele.

Bevor jetzt wieder die ganzen besserwisserischen Arschmaden angekrochen kommen – ich weiß dass das da oben eine polemische Milchmädchenrechnung ist, denn genau das soll es sein. Welchen Zweck sollte Militär auf unserer Straßen und Plätzen noch mal haben? Terroristen von Anschlägen abzuhalten? Pustekuchen, bestenfalls wird der Tod einiger unserer Soldaten als willkommener Bonus betrachtet, an der Bedrohungslage, speziell durch im Stillen radikalisierte Einzelkämpfer ohne große Organisation dahinter ändert das Null Komma Nichts.

Das Einzige was Militär auf unserer Straßen bewirken würde wäre, ein Klima der Angst zu schaffen. Oder ein vielleicht schon vorhandenes solches noch zu verstärken. Unsere Lebensweise zu torpedieren, unsere Gesellschaft zu beschädigen, indem man Misstrauen, Xenophobie, Stigmatisierung noch Vorschub leistet; denn wenn Polizisten auf unseren Straßen schon nicht wohl gelitten sind, was würden wohl Soldaten in Kampfmontur bewirken? Wie würden die Soldaten auf Menschen reagieren, die in ein Feindbildschema passen? Und würden sich jene, die zumindest optisch in dieses Schema fallen, sich überhaupt noch auf die Straße trauen, integriert oder nicht? Es würde vielleicht nicht so krass ablaufen, wie in dem Thriller „Ausnahmezustand“ mit Denzel Washington und Bruce Willis, aber wer weiß schon, wie unseren kommandierenden Offiziere ticken und welche Vollmachten ihnen die Politik auszustellen bereit wäre, wenn es hart auf hart käme?

Soldaten befolgen Befehle und ich kann nicht einschätzen, welche Befehle zu geben man bereit wäre, um ein erteiltes Mandat erfüllen zu können. Kaum ein Amerikaner hätte vor 20 Jahren gesagt „Klar foltert die CIA in großem Stil in Geheimgefängnissen überall auf dem Globus“. Passiert ist es trotzdem. Ich hoffe zwar auf die Verfassungstreue unserer Streitkräfte, was aber die einzelne, womöglich schnell zu treffende Entscheidung im Extremfall angeht, so wird es sehr schwierig, vorherzusagen, was alles passieren kann. Nun ist das hier die BRD und unsere Verfassung sagt klipp und klar (Im Artikel 87), dass unsere Streitkräfte nur zur Nothilfe bei Katastrophen oder im Eintritt des Spannungs- oder Verteidigungsfalles auf dem Boden des Bundesgebietes tätig werden können; unter Vorbehalt der Zustimmung durch das Parlament.

Und es wird niemand ernsthaft behaupten wollen, dass selbst die Gefahr einzelner terroristischer Anschläge tatsächlich unsere demokratische Grundordnung bedroht. Und damit ist die Frage auch schon geklärt! Unser Militär hat in den Kasernen zu bleiben, ebenso wie das Verlangen nach Vorratsdatenspeicherung gleich wieder vom Tisch muss, da diese zur Terrorabwehr erwiesenermaßen nichts bringt. Und für tatsächliche Ermittlungsfälle haben unsere Behörden sehr wohl ausreichende Instrumente zur kriminologisch-forensischen Informationsbeschaffung.

Tragen wir jedoch mittels unserer Soldaten den Terror tatsächlich in unsere Straßen weiter, so haben die Terroristen tatsächlich einen entscheidenden Schritt geschafft; nämlich uns in ein Klima der Angst zu tauchen und uns unsere staatsbürgerlichen Rechte wenigstens teilweise wegzunehmen. Und DAS darf auf KEINEN Fall geschehen. Denn so entstehen Autokratien…

Mon nom, ce n’est plus Charlie, parce-que…

Ja, ich habe auch so ein Bild gepostet, hat doch in der Woche jeder gemacht, was in der ersten Betroffenheit irgendwie auch erklärbar ist. Inzwischen ist man mit etwas Abstand wieder zum Tagesgeschäft übergegangen, in manchen Periodika sind noch Artikel über einzelne Betroffene zu lesen und immer mal wieder irrlichtert eine Meldung durch die Eilnachrichten-Ticker, das irgendwo in Frankreich oder Benelux abermals Terrorverdächtige inhaftiert worden seien. Vielleicht nicht ganz Business as usual, aber doch relativ nah dran. Denn seien wir doch mal ehrlich – tief im Herzen wissen wir alle, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis in Europa wieder Anschläge stattfinden würden. London und Madrid mögen hierzulande im Nebel des schlechten Gedächtnisses verschwunden sein, andernorts sind die Bilder immer noch präsent. Und das wir in Deutschland bislang von Attentaten solchen Ausmaßes verschont geblieben sind, ist mehr der Nachlässigkeit potentieller Dschihadisten zu verdanken, als den „Glanzleistungen“ unserer Sicherheitsbehörden. Vielleicht ist man ja nicht nur auf dem rechten Auge ein wenig sehbehindert…?

Ich werde gewiss nichts relativieren, die Morde in Paris waren schrecklich, sowohl aus menschlicher Perspektive, als auch hinsichtlich des Umstandes, dass mit dem Angriff auf eine Zeitungsredaktion sehr direkt auf ein Herzstück unseres demokratischen Selbstverständnisses gezielt wurde: nämlich unsere Meinungsfreiheit. Dass sich die Pegidisten dazu verstiegen haben, ausgerechnet der von ihnen so geschähten Lügenpresse zu kondolieren, bleibt eine zugegeben ekelerregend bigotte, aber dennoch im Gesamtzusammenhang eher unwichtige Randnotiz. Und auch wenn ich zunächst Deutscher, dann mit dem Herz Europäer und ebenso irgendwie auch Weltbürger bin, so liegen mir natürlich jene Ereignisse, die sich in relativer räumlicher Nähe zu meinem Zuhause abspielen gedanklich und emotional näher, als jene, die sehr weit weg passieren; von hier nach Paris sind es etwas mehr als 500 KM.

Was sich allerdings an Nigerias Grenze zu Kamerun, Niger und dem Tschad abspielt, jenes grausige Spektakel mit Namen Boko Haram, das sprengt die Dimensionen dessen, was wir in Europa als Terror erfahren mussten um ein Vielfaches und bleibt dennoch genauso eine Randnotiz, wie Pegida es eigentlich sein sollte. Möglicherweise Tausende getötet, schwer bewaffnete Milizen rücken auf Maiduguri vor, fordern die offensichtlich vollkommen überforderten Sicherheitskräfte Nigerias einmal mehr auf eigenem Grund heraus… und von alledem bekommen wir nur ab und zu ein Schnipsel präsentiert, obwohl sich dort eine politische und humanitäre Katastrophe zeitigt, deren Wurzeln der westliche Kolonialismus mit zu verantworten hat.

Nicht dass mich jemand falsch versteht: die Mitglieder von Boko Haram nennen sich vielleicht Dschihadisten, sind aber einfach nur Raubmilizionäre, wie so viele vor ihnen, ihre Einigkeit ist aus niedersten Beweggründen geboren und den Glauben nutzen sie lediglich als wohlfeiles Deckmäntelchen für ihr Menschenverachtendes Geschäft; wie im Übrigen auch Joseph Konys „Lord’s Resistance Army“, die im Namen „unseres“ Gottes seit Jahrzehnten Terror in Uganda und seinen Nachbarstaaten verbreitet. Doch den Boden solch schwacher Staatsgebilde, die es überdies leider allzu oft an echter demokratischer Legitimation vermissen lassen, haben die einstigen Kolonialmächte bereitet, indem sie erst vorhandene Strukturen zerstört, sich dann ungehindert bereichert und sich, als die Rechnung nicht mehr funktionieren wollte rasch zurückgezogen haben; und die derart destabilisierten Ex-Kolonien einfach sich selbst überließen. In den so künstlich geschaffenen Machtvakua brachen alte Konflikte entlang ethnischer und religiöser Grenzen, welche von den Kolonialmächten einfach mit Gewalt befriedet worden waren, mit Macht wieder auf.

Bedauerlicherweise konnte so mancher Staat in Afrika sich bis heute nicht von den Dämonen der Vergangenheit frei machen, was mannigfaltige Konsequenzen nach sich zieht. Zum einen bittere Armut, die zu bekämpfen sich heute ironischerweise Entwicklungshelfer aus eben jenen Länden aufmachen, deren Kolonialpolitik in der Geschichte viel dazu beigetragen hat, den furchtbaren Status Quo aufzubauen. Die daraus notwendiger Weise resultierenden sozialen Verwerfungen, denn wer glaubt bitte, dass jenes Geld, welches von der Weltbank oder anderen Gönnern auf die Konten autokratischer Regimes überwiesen wird, auch wirklich in Entwicklung oder soziale Projekte fließt…? Und schließlich die, bereits erwähnten, ethnischen und religiösen Unterschiede. Für viele Afrikaner ist der Klan oder Stamm kulturelle Heimat, nicht die Nation auf deren Boden sie leben, wurden die Grenzen doch oft willkürlich von den Kolonialmächten gezogen.

Ja, Terror in Europa ist wirklich schlimm! Aber Terror anderswo, zum Beispiel in Afrika ist ebenso schlimm und verdammungswürdig! Insbesondere, wenn man die Verantwortung der ehemaligen europäischen Kolonialmächte für den gegenwärtig instabilen Zustand vieler afrikanischer Staaten mit in Betracht zieht. Und genau deshalb ist Charlie Hebdoe für mich kein Thema mehr. Die Menschen, die davon direkt betroffen sind, haben mein Mitgefühl und meine Trauer. Aber ich war und bin nach wie vor entsetzt, wie wenig die gewaltigen Sicherheitsapparate, die zu unterhalten wir in den entwickelten Industrienationen der ersten Welt uns leisten, an der Terrorgefahr wirklich ändern können. Und ich bin ebenso entsetzt, wie in diesem typischen, reaktionär-konservativen Reflex des nutzlosen Glaubens an Überwachung wieder einmal nach einer Aufweichung unserer Bürgerrechte gerufen wird. Wie die üblichen Verdächtigen uns noch transparenter machen wollen, anstatt an der eigenen Transparenz zu arbeiten und sich endlich zu den wahren Werten unserer Demokratie zu bekennen. Wie hieß noch gleich das Motto der Franzosen: Liberté, Egalité, Fraternité: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Klingt gut, nicht wahr? Ich bin mir ziemlich sicher, wären das tatsächlich die Werte, die auch von der Politik gelebt würden, gäbe es nicht so viele junge Menschen, die sich radikalisieren lassen und im Namen falsch verstandener Religiosität Verbrechen begehen.

Ach Kacke…

… die Podcasts zu den Beiträgen von heute und den nächsten Tagen muss ich nachreichen, da ich husteninduzierter Weise momentan nicht viel mehr als 10 Worte am Stück rauskriege, die dann zudem belegt klingen. Aber – alles wird gut!

Bescheid-Wissen

Ich habe gerade festgestellt, dass ich schon viel zu lange nichts mehr gepostet habe. Ist ja nicht so, dass mich nix beschäftigt hätte, sowohl physisch als auch psychisch, aber irgendwie habe ich einfach den Arsch nicht hochbekommen. Die Charlie-Hebdo-Geschichte treibt mich zwar um, aber meine Gedanken waren noch nicht sortiert. Schon wieder was über die Nazi-Hinterher-Läufer aus Sachsen? Alter Hut, läuft sich gerade tot, weil der Aufstand der Anständigen mittlerweile aus jedem potentiell fremdenfeindlichen „Abendspaziergang“ ein Spießrutenlaufen macht. In einer Gesellschaft, die ihre Klassenkämpfe längst institutionalisiert hat, wird halt einfach die – wenn auch nur verbale – Andersdenkendenklatscherei ebenso zum Zeremoniell erhoben und schon hat man eine Konkurrenzveranstaltung zum rheinischen Karneval. Schwellköppe gibt’s an beiden Orten reichlich zu finden; und Narren sowieso.

Da sich medial, egal wo in Print oder im Weltgewebe schon lange alle mit ihren vorgefertigten Meinungen, ihrem undifferenzierten televerbalen Geschwurbel und ihren Pauschal-Dogmen in Stellung gebracht haben, gibt es auf diesem Acker nichts mehr zu bestellen. Dann verbringe ich meine Zeit lieber mit mir genehmen Zeitgenossen bei Spaß und Spiel, sauf abends gemütlich ‘nen Captain mit Cola und lass fünfe gerade sein. Auf Grund eines Jobwechsels bin ich gerade mit etwas mehr Freizeit gesegnet als sonst und man kann ja nicht den ganzen Tag über den Büchern für’s Studium hängen, schließlich hält Konzentration nicht ewig. Obschon das Thema, mit dem ich mich momentan diesbezüglich beschäftige wirklich interessant ist. Sozialstrukturanalyse und Gegenwartsdiagnosen. Sehr erhellend.

Ich kam dabei nicht umhin, einmal mehr meine eigenen Positionen zu überdenken. Nicht das jetzt jemand meint, ich sei von meinem Bekenntnis zur Sozialdemokratie bekehrt worden. Au contraire, meine Lieben, es muss nur gelegentlich mal gesagt sein, dass Sozialdemokrat zu sein und die SPD zu wählen heutzutage leider manchmal nur noch wenig miteinander zu tun hat. Danke Gerd, dass du die Ideale der Genossen entweiht hast. Wahrhaft traurig dabei ist aber eigentlich, dass Frau Merkel und ihre Gurkentruppe die Früchte jener als z.B. Hartz-Gesetze bekannt gewordenen und nach wie vor ungeliebten Reformen ernten. Denn Fakt bleibt, dass strukturelle Veränderungen und damit einher gehend auch Einschnitte in der Organisation staatlicher Transferleistungen nach der Maxime „Fordern und Fördern“ tatsächlich unumgänglich notwendig waren. Dass dabei handwerkliche Fehler gemacht wurden (zum Beispiel bei der staatlich geförderten Rentenversicherungen vom Riester-Typ, oder beim Bürokratie-Wildwuchs in den Jobcentern und sonst wo), man es überdies nicht geschafft hat, den Leuten zu erklären, warum das notwendig ist, was damit erreicht werden soll und man mit unangenehmen Notwendigkeiten natürlich auch keine Wahlen gewinnt, ist eine ganz andere Sache.

Und die große Koalition ergeht sich Geplänkel um Möchtegernreförmchen wie die Mogelpackung Mindestlohn und das Populismusmonster Maut; wer hat’s erfunden? Na klar, wie immer unseren südöstlichen Problembären der Weißwurstokratie. Jedes Mal wenn irgendeine Biertischscheiße zum Gesetz hochgejuxt werden soll, ist die CSU voll mit im Boot. Ach Mist, jetzt bin ich ja schon wieder bei der Politik gelandet! Na ja, was soll’s, wie Pispers in „Bis neulich 2014“ gesagt hat: er macht jetzt 30 Jahre Kabarett und das immer über die gleichen Themen. Dafür wird es ja wohl einen Grund geben, nicht wahr?
Was mich eigentlich an politischen Themen und deren Protagonisten reizt? Einfach alles!

Es ist schon ein paar Jahre her, da ließ ich mich bei einer Ausbildungsveranstaltung zu einem ganz anderen Thema dazu hinreißen, eine abfällige Bemerkung über Politiker zu machen, was der Dozent zum Anlass nahm, mich zu fragen, wer denn der Bundestagsabgeordnete meines Wahlkreises wäre und das falls ich da nicht wüsste, und mich nicht mit seiner Arbeit beschäftigt hätte ich ja kein Recht hätte, Politiker pauschal abzuurteilen. Für ihn war das eine willkommene Möglichkeit, die aus seiner Sicht vorhandene Überlegenheit seiner Argumentation zu demonstrieren, einfach weil der Typ ein arrogantes Arschloch war und im Übrigen immer noch ist. Er meint tatsächlich, er wäre wichtig, weil er sich in irgendeiner NGO hochgebumst hat und ein paar Verbindungchen zu Lokalschranzen hat; nun ja, jeder nach seiner Facon.

Ich habe daraus allerdings eine Lehre gezogen und für die sage ich: Danke Arschloch! Ich gehe nicht mehr unvorbereitet in irgendeine Art von sozialer Situation, die einen verbalen Schlagabtausch nach sich ziehen könnte, weil ich keinen Bock darauf habe, jemandem als Profilierungspunkt zu dienen, dessen Geltungsbedürfnis kein reelles Korrelat hat; oder weniger verklausuliert: der sich selbst viel zu wichtig nimmt. Außerdem hatte ich seitdem ja auch ein paar Tage Zeit zum Üben und wie wir wissen, ist die Zunge die einzige Waffe, welcher durch ständigen Gebrauch schärfer wird. Gilt natürlich auch für das geschriebene Wort. So oder so weiß ich heute Bescheid. Und frage mich immer noch, was die Kenntnis eines Politikers und seiner offiziellen Agenda mit den in der Politik unserer Zeit üblichen neokorporatistischen Arrangements und dem damit notwendigerweise einher gehenden Lobbyismus denn nun zu tun hat. Nix! Denn Namesdropping klingt schön, ändert aber an den Umständen, unter denen Politik tatsächlich zu Stande kommt eher wenig.

Ich vermute, dass er das auch weiß. Was es für ihn noch beschissener aussehen lässt, wenn er wider dieses Wissen gehandelt hat, indem er so tat, als wenn er um so viel besser Bescheid gewusst hätte, als ich. Damals vielleicht ein bisschen, heute sicher nicht mehr. Der Punkt, zu welchem ich hier eigentlich kommen wollte ist der: Bescheid zu wissen wird zum Bescheid-Wissen, wenn man mittels dieses Wissens einfach nur sein eigenes Ego feiert, anstatt es mit Engagement für wirklich wichtiges in die Waagschale zu werfen. So ein Jemand möchte ich nicht sein. Ich will in Wort und Tat zu meinen Überzeugungen stehen, weil sie wohl abgewogen habe und nicht um mich von irgendjemand bewundern zu lassen. Falsche Idole haben wir schon genug. Und Schluss!

Atomisierte Gesellschaft

Ich kann es nicht mehr hören: der ehemalige Innenminister fordert von Frau Merkel, sie müsse den rechten Rand des CDU/CSU-Klientels besser integrieren, er warnt vor einer Spaltung des bürgerlichen Lagers. Auf der anderen Seite wettert die Linke, dass die Union sich nicht hergeben dürfe als Sammelbecken für den rechten Rand, weil in deren Augen PEGIDA-Anhänger wohl irgendwie so was wie Undemokraten sind. Worte mit der Vorsilbe Un- haben heute anscheinend genauso Konjunktur wie in den Dreißigern des vergangenen Jahrhunderts. Die einen fordern mehr Integration, ohne genau zu benennen, wen sie wie in was integrieren wollen und die anderen sagen, das Boot ist voll, ganz im Stile der republikanischen Rechtsaußen. Na ja, Sin Fein ist ja auch nur der halbwegs salonfähige Teil der IRA… All überall in der Politik dominiert, ungefähr 25 Jahre nach dem Beginn vom Ende des letzten kalten Krieges das Blockdenken. Ganz so, als wenn sich auf den Straßen der jungen Republik tatsächlich Sozialisten und Kapitalisten immer noch unversöhnlich gegenüber stünden, Knüppel in der Hand, Kampflieder auf den Lippen, allzeit bereit, aufeinander loszustürmen. Deutschland im Winter 2014/15, das ist eine fatale Reminiszenz an den Klassenkampf, ein in seiner Verwutbürgerung entsetzlich lebendiges Museum überkommenen Gedankengutes.

Das bürgerliche Lager? Ja Herr Friedrich, was ist denn das, dieses von ihnen so bezeichnete Gebilde? Sind das die „klassischen“ Vater-Mutter-Doppelkind-Familien mit 1,5 gutdotierten Beschäftigungsverhältnissen, vulgo der Mittelstand, den die Lobbyarbeit des industriellen Komplexes so erfolgreich zu zerstören versteht? Oder vielleicht doch eher die Selbstständigen mit ihren kleinen und mittleren Betrieben, die das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden? Möglicherweise meinen sie ja auch die eher an Ökologie und Nachhaltigkeit orientierte Intelligenzia mit dennoch wertkonservativen gesellschaftlichen Vorstellungen? Auch der eine oder andere neoliberale Wirtschaftsmensch gehört wohl dazu und natürlich auch jene Menschen, denen alles Fremde und jedwede Veränderung des Status Quo ein Greul in sich selbst ist? Oder vielleicht irgendetwas dazwischen? Auf jeden Fall war Beharrungsfähigkeit im Antlitz nicht aufzuhaltender Veränderung immerhin 16 Jahre lang das Markenzeichen der Union. Vielleicht auch nur das von Helmut Kohl, aber das werde ich hier nicht diskutieren; meine Meinung zu diesem Menschen steht fest. Auf jeden Fall ist das mit dem Beharren nicht besser geworden.

Noch immer unterteilen Politiker die Welt in Einflusssphären, in Blöcke entsprechend einem von Kindesbeinen an gelernten Richtungsspektrum, das von ganz Links (immer schlimm) bis ganz Rechts (schlimm, wenn sie ihre Dummheiten öffentlich begehen) alles und jeden fein säuberlich in Schubladen einordnet. Also gut, dann ordnen sie doch bitte mal den hier ein: 40, verheiratet, zwei Kinder. Jung genug um soziale Gerechtigkeit immer noch als Kampfthema zu begreifen. Erfahren genug, um die Notwendigkeit bestimmter ordnungspolitischer Grundsätze anerkennen zu können. An nachhaltiger Zukunftsentwicklung interessiert und Willens, etwas dafür zu tun. Kritisch gegenüber der aktuellen Handhabung politischer Probleme. Fremden gegenüber aufgeschlossen und wissend, dass wir Zuwanderung brauchen. Dennoch davon überzeugt, dass die hiesige Justiz manchmal zu lasch urteilt, insbesondere wenn es um Personen von gewisser Bekanntheit/Wichtigkeit geht. Jederzeit bereit, seine Meinungen auch öffentlich zu vertreten – was er übrigens gerade tut. Denn dieser Typ bin ich. Nutzt man das übliche Schubladendenken, finde ich vermutlich mit bestimmten Aspekten in jeder Schublade Platz, aber das Complet zeigt an meinem persönlichen Beispiel auf, dass sich die Interessen der Menschen partikularisiert haben.

Die Wenigsten Menschen, die ich kennenzulernen die Ehre und das Vergnügen hatte entsprechen in ihren sozialen Praktiken und ihren gesellschaftlichen Ansichten den Blockbildern, in welchen die politischen Parteien sich nach wie vor abzubilden mühen. Ein Arbeiter wählt heute nicht mehr die SPD, weil er halt zur Arbeiterklasse gehört, weil es diese Arbeiterklasse in solcher Trennschärfe nicht mehr gibt. Vielleicht hat es sie nie wirklich gegeben, aber nun ist auch das Bild in den Köpfen am schwinden, weshalb es sehr schwer wird, so etwas wie eine Stammwählerschaft, auf die man sich in den 50ern, 60ern, 70ern noch eisern verlassen konnte, überhaupt zu finden. Dass die Union gegenwärtig so stabil bei über 40% steht, liegt nur daran, dass viele von uns bunten Bürgern über die letzten Jahre alternativlos in den Topor gemerkelt wurden. Ihre „Politik der ruhigen Hand“ ist wie ein riesiges Barbiturat-Raumspray, das auch den letzten Rest politischer Volksbeteiligung ausräumen soll. Ein Volk stört nämlich nur beim Regieren…

Deshalb reagiert man im politischen Berlin auch so verschnupft, vor allem aber irritiert auf PEGIDA. Mag sein, dass da auch rechte Wirrköpfe mit feurigen Gewaltphantasien mitmarschieren, von denen gibt es gewiss noch zu viele in unseren Landen – woanders aber ebenso. Das ändert aber nichts daran, dass dieses Phänomen, genauso wie übrigens auch die Krawallbrüder von der AfD nicht so richtig in das Schubladensystem passen. Und alles was da nicht reinpasst, ist übrigens neuerdings Rechts. „Nazi“ ist das neue „Störenfried“.

Unsere Gesellschaft ist nicht mehr so, wie zu Großvaters Zeiten, als man an Hand des Wohnvierteles ziemlich präzise vorhersagen konnte, wie einer so insgesamt tickt. Nicht nur unsere Wohnverhältnisse, auch unsere Ansichten, Werte, Ideale, Normen haben sich atomisiert. Ohne jetzt schon wieder mit Individualisierung kommen zu wollen, oder noch Mal das Zeitalter der Beliebigkeit postulieren zu müssen, ist recht leicht feststellbar, dass ehemals gültige soziale Unterscheidungskriterien ihre Kraft verloren haben. Das war beim Übergang von der Ständisch-bäuerlichen zur Industriegesellschaft der Fall und das ist beim Übergang von der Modernen in die Postmoderne Gesellschaft, den wir gerade im Begriff sind zu vollziehen genauso. Immer noch mit den Begriffen der klassischen Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts zu hantieren geht folglich also irgendwie am Ziel vorbei, Phänomene wie PEGIDA korrekt analysieren können zu wollen. „Das sind alles Nazis“ ist ein Reflex, geboren aus dem Unverständnis sozialer Wandlungsprozesse. Und diesem Irrtum sitzen nicht nur Politiker auf, sondern ebenso Vertreter unterschiedlichster sozialer Gruppierungen und der Medien. Traurig, wer sich da alles um so viel intelligenter als diese Mitläufer-Demonstranten wähnt…

Nicht nur die Erkenntnis, vor allem das Anerkennen der Tatsache, dass alte Schemata und Handlungspraktiken nicht mehr genügen, um in der postmodernen Gesellschaft die drängenden Fragen beantworten zu können, wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ich kann das Wort Nazi nicht mehr hören. Ja, wir haben immer noch viel zu viele Menschen mit jeder Menge brauner Scheiße im Kopf hier rumlaufen, doch muss ein demokratisches Gemeinwesen mit extremen Meinungen jedweder Art leben, sie aushalten und durch Wort und Tat entkräften können. Doch wir haben verlernt, dass Toleranz Duldung bedeutet, nicht Umarmung. Ein Demokrat muss scheinbar Unzumutbares erdulden und trotzdem aufrecht voranschreiten können. Unsere Zukunft gestalten wir nur selbst, wer glaubt, dass die Politiker dies für uns erledigen, der tut mir leid. Die erledigen allerhöchstens noch den letzten Rest von Partizipation, wenn wir sie gewähren lassen!

Ich habe keine Sympathien für die Agitatoren von PEGIDA, ich kann aber verstehen, warum die Menschen ihnen hinterher rennen. Dies Verständnis in sinnvolle Handlungen umzumünzen ist das Gebot der Stunde. Einfach nur „NAZI“ schreien und nach Fackeln, Mistgabeln, Stricken suchen – selbst, wenn diese nur rhetorischer Natur sind – ist allerdings keine Lösung. Was wollen wir tun? Eine neue Partei der gesellschaftlichen Mitte gründen? Oder versuchen, die verkrusteten Strukturen unserer eigentlich recht tauglichen parlamentarischen Demokratie wieder aufzubrechen, um sie für alle zugänglich und nutzbar machen zu können? Lasst uns doch gemeinsam darüber nachdenken, vielleicht finden wir dann einen Weg, wenigstens einen Teil der atomisierten Gesellschaft zu (re)integrieren…?

Ich will keine guten Vorsätze!

Die sind für den Arsch. Menschen machen ja zu Silvester kuriose Sachen, wie z.B. Blei gießen, Unmengen lauter, bunter Lichter um sich schießen und saufen, bis die Rettung kommt. Na gut, das Letztere machen sie eigentlich das ganze Jahr über. Aber sich gute Vorsätze für’s kommende Jahr vornehmen ist, als wenn man sich nur einen Zehner mit zum Shoppen nimmt, aber die Kreditkarten nicht aus dem Geldbeutel legt; also, wie schon bemerkt, für den Arsch.

Ich verurteile Niemanden, wenn er zum Jahreswechsel ein bisschen übermütig wird. Mache ich ja selbst auch. Ist eine willkommene Abwechslung zum schmuddelig-dunklen Wettereinerlei und der überall stattfindenden Bilanz-Zieherei, quasi ein rezeptfreies Antidepressivum. Man trifft sich, lässt die Sau raus, am nächsten Morgen – na ja, vielleicht eher Mittag – ist wieder gut, alle gehen ihrer Wege und Alles bleibt beim Alten. Denn so sehr wir uns auch darauf versteifen, dass ein neues Jahr wie eine neue Chance für das eigene Leben ist, Wandel entsteht nur, wenn man sich selbst wandelt, anstatt dazusitzen und zu hoffen, dass 20xx es schon richten wird. Zeit vergeht. Sie vergeht nicht für jeden gleich, das ist auch so eine Wahrnehmungsgeschichte, aber zurückdrehen lässt sie sich niemals. Und weil es ziemlich einfach ist, am eigenen Tun oder Lassen irgendwas Negatives zu finden, fallen die oben erwähnten Bilanzen dann zumeist auch eher ernüchternd aus.

Dies oder jenes nicht geschafft, ja nicht mal in Angriff genommen; hier eine Chance verpasst, da eine schlechte Entscheidung getroffen. Selbstzerfleischung und die daraus unweigerlich resultierenden Selbstzweifel brauchen am Ende eines weiteren nicht allzu erfolgreichen Jahres ein Pflaster, woraus folgt: Silvester muss geil sein, prall gefüllt mit Action und guten Vorsätzen. Was muss nicht alles besser werden… Das allein das Fassen guter Vorsätze schon die nächste Silvesterpflasterwürdige Enttäuschung in sich trägt, wird dabei gerne geflissentlich übersehen. Menschen ändern sich langsam, mit zunehmendem Alter immer schwerer und eine realistische Selbsteinschätzung abgeben zu können ist etwas, dass unsere Spezies erst noch lernen muss. Das kann man gut beobachten, wenn man mal seinen Kollegen bei der Arbeit und dann bei ihren Berichten davon während formloser Anlässe, zum Beispiel am Wasserloch zusieht. Die dabei zu beobachtende Inkongruenz zwischen der tatsächlich erbrachten Leistung und dem Bericht darüber ist mir persönlich schon zu oft negativ aufgefallen.

Da sitzt man nun also in der Silvesternacht oder am Neujahrsmorgen in unerfreulicher Selbstbeschau und um die Geister der vergangenen Weihnacht zu verjagen, beschließt man, ab jetzt aber auch so richtig alles anders zu machen. Besser, größer, schöner, ehrlicher, und so weiter und so fort. Weil drunter geht es ja in unserem Zeitalter nicht. Und rumms, keine zwei Wochen später, wenn es überhaupt so lange dauert, ist man in eines der selbst ausgelegten Bäreneisen getreten. Zunächst versucht man noch verzweifelt, den eigenen Zielvorgaben gerecht zu werden, aber spätestens im Frühling beginnt sich das Gefühl auszubreiten, dass man ja noch jung ist und es dieses Jahr mal wieder etwas ruhiger angehen sollte. Es kommt ja wieder ein neues Silvester. Und was lernen wir daraus? Gute Vorsätze sind ein Selbstbetrug auf Zeit mit 100% Enttäuscht-werden-Garantie. So was brauch ich und will ich nicht!

Mir wäre es lieber, wenn man immer mal wieder über sich selbst und seine Beziehungen, über das was man für sich und andere erreicht hat, das was man noch erreichen will und die möglichen Wege dorthin nachdenkt, vollkommen unabhängig davon, ob Silvester ist, oder nicht. Diese Nacht ist ein Rite de Passage, sie markiert den Umkehrpunkt, ab dem der Lebenszyklus durch die Jahreszeiten von neuem beginnt. Würden wir den Jahreswechsel Ende Juni begehen, hätten wir trotzdem in einer Mittwinternacht ein Fest, welches dieses Ereignis begeht. Schließlich braucht man einen halbwegs glaubwürdigen Grund zum Feiern. Feiern ist auch in Ordnung, aber bitte nehmt euch keine guten Vorsätze vor, sondern denkt lieber öfter mal über euch und euer Leben nach, das bringt viel mehr. Und zusammen einen saufen kann man eh immer, wenn einem danach ist.

Oh du fröhliche…

Ach ja, es ist schon seltsam. Immer wenn sich der 24 Dezember nähert, findet man in den verschiedensten Presseerzeugnissen – und heutzutage natürlich auch in den Online-Medien – satireartige Artikel, welche die höchst ambivalente Verbindung des jeweiligen Autors zum höchsten Fest im Jahr auf mal mehr, mal weniger humoreske Art kolportieren sollen. Die Basis dafür bilden die, häufig als gefährlich beschriebene, Gemengelage interfamiliärer Beziehungsgeflechte, sowie die stets überzeichneten Befindlichkeiten einiger stereotypisierter Mitglieder der Mischpoke. HA HA, WITZIG…

Ich will gestehen, dass auch in meinem Familienverbund das Eine oder Andere nicht gerade zur Gemütlichkeit gereicht, wenn denn mal wieder die (f)rohen Festtage anstehen. Und natürlich juckt es auch mich manchmal in den Fingern, eine saftige kleine Abrechnung mit den durchaus in gewisser Zahl auffindbaren Schrullen, Vorstellungen und Handlungsweisen hinzuknallen; mit jedem vergehenden Jahr wird dieser Drang allerdings ein wenig kleiner. Nicht, weil etwa plötzlich alles Friede, Freude, Eierkuchen wäre. Wer glaubt den sowas? Allerdings wird man mit zunehmendem Alter ruhiger, duldsamer und weiß solche Zusammenkünfte auf einer anderen Ebene zu schätzen als früher.

Natürlich werden bei solchen seltenen Gelegenheiten immer die gleichen ollen Kamellen aufgekocht, natürlich sind die über Jahrzehnte ausgefeilten, in Traditionen geronnenen Rituale wenn überhaupt, so nur geringen Wandlungen unterworfen und ebenso natürlich passieren Peinlichkeiten, auf die man hätte verzichten können. Aber meine Mutter kann immer noch ziemlich gut kochen. Sich des Gesundheitszustandes meiner Verwandten versichern zu können, bekommt über die Jahre eine größere Priorität, denn wer weiß schon, wie alt sie noch werden. Das hat nichts mit Zynismus zu tun, sondern mit der schlichten Wahrheit, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Hat man sich vorher mal damit beschäftigt, haut es einen wenigsten nicht vollkommen aus den Latschen, wenn ein lieber – das gilt aber auch für einen nicht ganz so lieben – Verwandter in Gras beißt.

Weihnachten ist das Fest der Liebe, sagt man und es kann nicht schaden, sich in diesem Zusammenhang nochmal zu vergewissern, wen man liebt und warum. Und ganz nebenbei kann man es auch als Test nutzen, um herauszufinden, wer einen selbst zurückliebt. Man sollte jetzt nur nicht dem Irrtum aufsitzen, dass sich dies anhand des summierten Wertes der Geschenke ablesen lässt. Ich gestehe: auch ich lasse mir gerne etwas schenken. Ich freue mich schon, wenn man mir eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lässt. Wer tut das nicht? Ich schenke aber auch gerne. Und ich erlebe den Heiligen Abend im kleinen Kreise meiner eigenen Familie als eine Art Zeitreise, wenn leuchtende Kinderaugen das Ratsch-Ratsch begleiten und sich der Verpackungsaufwand in Restmüll verwandelt; ich selbst mache es auch heute noch wie früher: Ratsch-Ratsch! Früher aus reiner Ungeduld. Heute kann ich wenigstens behaupten, dass ich nicht an die Wiederverwendbarkeit von Geschenkpapier glaube…

Der ganze Trubel dauert wenige Tage und versetzt dennoch über Wochen und Monate die Gemüter in Wallung wie Nichts sonst; außer vielleicht Kriegsalarm. Das allein ist ausreichender Anlass, sich ein bisschen darüber lustig zu machen. Aber bitte nicht zu sehr. Denn bei aller Sorge um die Vorbereitung prandialer Detonationen, reicher Gabenteller und duchgestylter Wohnungen bleibt allzu oft auf der Strecke, was so viel beschworen, aber so selten erreicht wird: nö, nicht die Besinnlichkeit. Die kommt nämlich von ganz alleine, wenn man Frieden findet. Den Frieden, den Weihnachten uns eigentlich versprechen will. Mal schauen, ob wir’s dieses Jahr wieder schaffen, ihn wenigstens im Kreise der Familie zu halten? Das wünsche ich euch allen. Bis die Tage wieder.

Sozialpuzzle – oder warum Pegida-Mitläufer nicht der Teufel sind…

Hübsches Wort oder? Ist mir die Tage so eingefallen und eine kurze Googlesuche hat mir eröffnet, dass noch niemand es anscheinend in dem Zusammenhang benutzt hat, der mir jetzt gerade vorschwebt. Unsere (post)moderne Gesellschaft ist wie ein Sozialpuzzle. Viele Teile greifen auf unterschiedliche, jedoch je einzigartige Weise ineinander. Ich könnte jetzt wieder Systemtheorie zitieren, oder von dezentraler Kontextsteuerung reden, aber für die Angelegenheit, mit der ich mich auseinandersetzen möchte, ist das Bild vom Puzzle mit seinen unterschiedlichen Teilen vollkommen ausreichend. Doch zunächst ein paar Gedanken zum Thema:

Jedes Teil symbolisiert ein Subsystem unserer Gesellschaft, zum Beispiel Verwaltungseinheiten wie städtische Ordnungsämter, oder verschiedene nicht-stattliche Organisationen, die sich an der Gestaltung von Gesellschaft beteiligen, wie etwa Gewerkschaften, Interessenverbände, Bürgerinitiativen und Ähnliches. Nicht jedes Puzzleteil ist gleich groß, aber nur zusammen ergeben sie ein sinnhaftes Gesamtbild. Das bedeutet, dass man nicht einfach ein Teil wegnehmen kann, weil jedes Subsystem auf die Anderen um sich herum einwirkt. Ein gutes Beispiel sind Tarifabschlüsse. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände verhandeln und wenn sie nicht im Guten zu einem Ergebnis kommen, dann wird durch Dritte Druck aufgebaut, in aller Regel durch Streiks. Dann nehmen weite Teile der Gesellschaft davon Notiz, dass ein Konflikt schwelt, was Handlungszwang aufbaut, der üblicherweise den wirtschaftlichen Interessen der Arbeitgeber folgt. Mindereinnahmen, Imageverlust, etc. sind unübersehbare Folgen, die man nicht allzu lange tolerieren kann. Gäbe es keine Gewerkschaften, müsste man wohl davon ausgehen, dass es um die Arbeitnehmerrechte nicht so gut bestellt wäre. Ein Blick in Staaten, in denen es keine oder kaum Gewerkschaften gibt, wirkt da sehr erhellend. Oder der Blick auf Solidarnosz, jene polnische Gewerkschaft, die an der demokratischen Wende 1989 in wichtigem Maße beteiligt war.

Das Sozialpuzzle ist ein Sinnbild für die gegenseitige Beeinflussung und Abhängigkeit verschiedener sozialer Systeme. In der Systemtheorie ging man zunächst davon aus, dass jedes Subsystem den Zustand der Autopoiese erreicht, sich also zuvorderst selbst erhält und dann seine Funktionen erfüllt. Doch ein Blick in soziale Realitäten sagt uns, dass kein Teilsystem unabhängig von den Anderen agieren kann, weil in einer funktional hoch differenzierten Gesellschaft, in der jede Funktion, wie zum Beispiel die Schulbildung, oder das Gesundheitswesen ihre eigenen Spezialisten hat, alles miteinander zusammenhängt. Ohne Schule gibt es kein Ausbildungswesen, gibt es keine Industrie und kein Handwerk, gibt es keine Energieerzeugung, gibt es keine Infrastruktur gibt es keine Schule. Und solche, als Interdependenzen bezeichneten, Zusammenhänge gibt es in jedem gesellschaftlichen Teilbereich. Das Puzzle ist also nur dann sinnvoll zu betrachten, wenn es zusammengesetzt bleibt.

Eine Eigenheit, die gleichzeitig einen großen Unterschied zu „normalen“ Puzzles bildet, ist die Veränderlichkeit. Manche Teilsysteme, oder besser Puzzleteile gewinnen im Lauf der Zeit an Wichtigkeit, andere verlieren, manche verändern ihre Position, relativ zu den anderen Teilen, neue entstehen, wenn alte einfach verschwinden. Weil das Gesamtbild sich stets weiterentwickelt, da wir ja nicht einfach auf einem technologischen, kulturellen, oder politischen Niveau verweilen. Der Wandel ist offensichtlich ein Grundzug unserer menschlichen Natur und so wenig, wie wir stehen bleiben, tut es die Gesellschaft, in die wir eingebettet sind. Aber nicht alle auf die gleiche Weise. Womit einsichtig wird, dass die tatsächliche Geschwindigkeit des Wandels und die Geschwindigkeit, mit der sich unser je persönliches Bild von Gesellschaft, also das individuelle Sozialpuzzle ändern nicht zwingend gleich, ja nicht einmal ähnlich sein müssen. Ein altes Chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen.“ Danke Tante Google! Für jene, die’s mal wieder nicht kapiert haben: Die Anpassungsfähigkeit an den Wandel, der einen unveräußerlicher Teil unserer Natur und damit auch unserer Gesellschaft darstellt, ist NICHT in jedem Menschen gleich entwickelt! Und das zeitigt jede Menge Probleme…

Diese waren vor allem sozialer Natur. Die neoliberalistische Entfesselung der Märkte in der 80er und 90er Jahren des voran gegangenen Jahrhunderts, die wirtschaftliche Globalisierung, der radikal schnelle technologische Fortschritt, all das zusammen hat alte Bedeutungszusammenhänge entwertet; alte Ideale, Werte, Normen taugten plötzlich nicht mehr in der schönen neuen Welt. Die Folge waren und sind immer noch, oder besser immer mehr, soziale Verwerfungen, die wir heute allenthalben spüren. Während aber alte Gewissheiten verloren gingen, hat so gut wie nichts diese bis heute ersetzen können. In der Folge fühlen sich Menschen nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht existenziell bedroht, denn so mancher kann dem nun herrschenden Anpassungsdruck nicht standhalten, was den Verlust beruflicher Qualifikation und somit nicht allzu selten auch des Einkommens bedeutet. Auch das soziale Prestige, welches sich nicht nur durch Einkommen sondern auch durch die Zugehörigkeit zu Peergroups realisiert, ist in deren Augen bedroht; weil der eigenen sozialen Gruppe vielleicht kein gesellschaftliches Gewicht mehr zufällt. Und dieses Gewicht ist wichtig für das Selbstwertgefühl.

Und dann treten auch noch die Zuwanderer auf den Plan und werden als zusätzliche Konkurrenz um knappe Ressourcen wie Arbeit, daraus resultierendes Einkommen und staatliche Transferleistungen wie ALG2, Kindergeld usw. wahrgenommen; „die kommen hier her und nehmen uns unser Geld weg!“ Gewiss sind unsere Sozialsysteme umlagefinanziert, was bedeutet, alle zahlen ein und jene, die brauchen bekommen dann etwas aus dem Topf – abzüglich der Tatsachen, dass a) alle Regierungen seit 1949 auf die eine oder andere Weise Geld zum Kauf von Wählerstimmen verschleudert haben und b) unsere Gesellschaft überdies rapide altert. Es ist einfach nicht unendlich viel da.

Da sind „die Ausländer“ immer ein willkommener Sündenbock für den Fehler, zu glauben, dass überkommene ordnungspolitische Prinzipien heutzutage noch einen Pfifferling wert sind und dass Manager tatsächlich Unternehmen führen. Aber anstatt sich ehrlich vor das Volk hinzustellen und ihnen zu sagen, wie der Hase läuft, nämlich dass man in einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft Kompromisse machen muss, nicht beliebig viel umverteilen kann, weil sonst auch das leistungsfähigste Unternehmen irgendwann den Geist aufgibt und wie die Kosten-Nutzen-Rechnung der Zuwanderung tatsächlich aussieht, stellt man sich verschnupft, beschimpft all die wütenden und ängstlichen Menschen als Nazis und hofft, dass keiner merkt, wie tief man den Karren selbst in die Scheiße geritten hat. Das unzählige Medienschaffende dankbar auf den satirischen Zug aufspringen und durch das billige, unreflektierte Abqualifizieren dieser Leute Lacher generieren, finde ich ehrlich gesagt zum Kotzen. Wir wurden endgültig in den Schlaf gemerkelt.

Noch ein letztes Mal für alle: Pegida ist nicht das Problem, sondern ein Symptom. Und symptomatische Therapie kann in der Medizin kurzfristig hilfreich sein, ersetzt jedoch nicht die kausale Therapie. Und die wäre auf „die braune Soße aus Leipzig“ bezogen, die Leute aufzuklären, den Populisten das Wasser abzugraben und selbst vor irgendwelchen halbgaren Äußerung erst mal lange nachzudenken. Aber wahrscheinlich sind die meisten Menschen in meinem Sermon nicht mal bis hier gekommen, wie kann ich da erwarten, dass sie komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen und entsprechen handeln können. Ach was soll‘s, macht doch, was ihr wollt, ihr Narren!

PS: Ich Simpel habe tatsächlich Leipzig und Dresden verwechselt… mea maxima culpa!

A snipet of laziness…

Wenn ich so über die letzten Jahre zurück schaue, die doch ziemlich mit Aktivität angefüllt waren, gleich ob’s dabei um die Familie, meine Hobbies, mein Studium oder meinen Job ging, entfährt mir oft der Spruch, dass ich mich 2008 das letzte Mal gelangweilt hätte; im November 2008 kam meine erste Tochter auf die Welt. Sicher ein ganz netter Spruch, der den Aufwand und die Mühen des Elternseins bei gleichzeitiger Berufstätigkeit mit einem Augenzwinkern präsentiert. Und ich versichere hiermit öffentlich, dass ich meinen Teil an der Erziehung unserer Kinder und an der Hausarbeit ziemlich ernst nehme. Fragt meine Gattin!

Aber natürlich ist der Spruch nicht so ganz richtig. Und es wäre auch schlimm, wenn ich mir tatsächlich niemals die Freiheit des Müßigganges erlauben würde. Rückzugsorte, die unsere Batterien wieder aufladen verbergen sich überall und man muss sich manchmal gestatten, Fünfe gerade sein zu lassen. Gerade, bevor ich diese Zeilen schrieb, ließ ich mich eine Weile durchs Internet treiben. Sehr oft nutze ich das Weltinformationsgewebe tatsächlich zur Recherche. Mit ein wenig Übung kann man erlernen, wo sich gute, zuverlässige Fakten finden lassen. Aber selbstverständlich ist das Netz ebenso ein Ort der Unterhaltung und ich lasse es mir nicht nehmen, dann und wann ein wenig in musikalischen Erinnerungen zu schwelgen, oder vollkommen ohne Ziel irgendwelchen Webspuren zu folgen, mich quasi einer Idee folgend von Link zu Link zu hangeln, um dabei unerwartete, wunderbare, faszinierende, interessante, nutzlose, verwirrende, falsche, gefährliche, polarisierende, abseitige, irgendwie anrüchige, seltsame und noch mit unzähligen weiteren Adjektiven beschreibbare Dinge zu finden. Einfach, weil ich es kann.

„Puh, was für eine Zeitverschwendung…“, mag der eine oder andere jetzt denken, aber wer ohne Sünde ist, darf gerne eine E-Mail an mich schreiben, um mir zu erklären, wie man andernorts das Bedürfnis nach Zerstreuung stillt und dabei gleichzeitig zunächst nutzlos erscheinendes Wissen erwirbt. Viele Menschen suchen sich Inseln des Wissens, die sie dann ausbauen und dabei nicht zu selten automatisch gegen Vernetzung fortifizieren. Dabei ist Inselwissen nutzlos, erst der Kontext vieler miteinander vernetzter Inseln bildet interdisziplinär anwendbares Wissen, oder das, was man gelegentlich als Allgemeinbildung bezeichnet. Die besteht nämlich nicht nur aus der Anhäufung enzyklopädischer Fakten, sondern vor allem aus dem zueinander in Bezug Setzen derselben. Eine gewisse Analogie zum herummäandern im Internet lässt sich da nur schwer verbergen…

Mitnichten ist alles sinnvoll, was ich mir bei solchen Streifzügen anschaue. Manches ist witzig, manches wirklich nutzlos, manches einfach nur schlecht, oder schlimm, oder beides gleichzeitig; und manches ist auch schlicht Porno, wofür ich mich mit Sicherheit bei niemandem entschuldigen werde. Aber ab und an schält sich `ne Perle aus der Auster. Also ist mein Internet-Müßiggang doch nicht ganz so sinnlos, wie es zunächst den Anschein haben mag. Trotzdem müssen wir uns alle ab und zu ein snipet of laziness gönnen; das macht locker, munter und wieder Lust auf Sinnvolles. In diesem Sinne viel Spaß – vielleicht schickt ihr mir ja mal ein sehenswertes Fundstück.