Warum Leidenschaft?

“Es ist die Leidenschaft, die meine Leiden schafft!” (Tanzwut). Yay, Captain Obvious fliegt wieder, schönen Dank auch! Aber es ist irgendwie wahr – Mittelmaß schafft keinen Sinn. Mittelmaß schafft es mit großer Mühe gerade so nicht, den Status Quo zu bewahren. Mittelmaß ist der Tod der Kreativität, der Innovation, des Lebens schlechthin. Mittelmaß ist der Topor, der etwa in “1984” das Proletariat so sediert, dass es nicht mehr will, nicht mehr wollen kann als dass, was es bekommt; wie schlecht auch immer das – objektiv betrachtet – sein mag. Mittelmaß ist das Ende aller Dinge; oder, wie Francis Fukuyama nach dem Fall der Sowjetunion eitel deklamierte, “das Ende der Geschichte”… Fukuyama war und bleibt, wie wir heute wissen, ein arroganter Trottel sondergleichen, der immer noch an seinem alten Narrativ festhält, obwohl die Auswirkungen der heutigen, multipolaren Weltordnung manchmal so wirken mögen, als wenn das 1989 beschrieene Ende der Geschichte nun wirklich an der Schwelle des Weltengebäudes stünde. Doch die Geschichte schreitet weiter voran und schert sich dabei einen Scheiß darum, ob wir das wollen, ob wir das verstehen, oder ob wir darauf klarkommen. Das Leben und die Geschichte sind, was passiert, während wir versuchen, Pläne zu machen. Aber das ist gar nicht, worum es hier gehen soll. Leidenschaft ist das Stichwort; Leidenschaft als Todfeind des Mittelmaßes, als Motor des Sinns und des Seins, als das Paradox, dass uns im Kern antreiben kann, wenn wir es denn zulassen.

Wenn man etwa Simon Sinek folgen möchte, dann ist Sinn die Antwort auf die Frage, WARUM man etwas tut? Hat man sein persönliches WARUM einmal gefunden und lebt dieses, indem man mit Anderen verbunden ist und ihnen auch dienlich zu sein versucht, dann erlebt man Sinn; durch die Verbundenheit mit anderen Menschen und ein klares WARUM. Dienlich zu sein bedeutet dabei mitnichten, sich selbst aufzugeben, oder stets durch und durch altruistisch bis zur Selbstaufgabe sein zu müssen; es bedeutet vielmehr, Andere an seinem eigenen WARUM teilhaben zu lassen, bzw. ihnen zu helfen, ihr eigenes WARUM zu finden. Ich finde diese Idee gleichsam schlicht, elegant und heilsam, weil sie ein besonderes Augenmerk auf Solidarität und Miteinander legt. Zwei Zutaten, an denen es unserer Gesellschaft heutzutage in erheblichem Maße mangelt. Kommen wir mit dieser Idee zurück zur Leidenschaft, so lässt sich erkennen, dass diese gleichsam Anstrengung und Schmerz aber eben auch Motivation und Sinn beinhaltet. Nur etwas, dass uns fesselt, dass unsere innersten Saiten zum schwingen bringt und uns ein unhintergehbares Gefühl von Lustgewinn, von Freude, von Wachstum gibt, vermag uns dazu zu bewegen, sich den Herausforderungen zu stellen, gleich wie anstrengend oder schmerzhaft diese auch sein mögen. Leidenschaft und intrinsische Motivation sind untrennbar miteinander verbunden. Was natürlich auch in mir diese Fragen aufwirft: Was ist es also, was mich antreibt? Und warum treibt es mich an?

Meine größte Leidenschaft, seit ich mich bewusst erinnern kann war, ist und bleibt das Geschichtenerzählen. Ich habe schon immer Bilder in meinem Kopf gehabt, die mich zum Erzählen angeregt haben. Ob ich schreibe, ob ich Pen’n’Paper spiele, ob ich im Lehrsaal stehe, ob ich mich mit den Bildern auseinandersetze, die ich hier und dort knipse – immer ist da eine Stimme in meinem Hinterkopf, die dazu etwas zu sagen hat, die meine Bilder mit Bedeutung auflädt, die versucht, das MEHR hinter der Summe der Teile zu sehen; und die gleichsam Andere auf diese Reise des Erlebens, oder des Verstehens, oder des Wachsens mitnehmen möchte. Und das ist mein WARUM: ich möchte anderen Menschen durch meine Erzählungen einfach nur die Chance bieten, zu verstehen, zu wachsen, sich zu entwickeln. Und ich will das nicht mit Druck oder mit Zwang erreichen, sondern indem ich sie in meine Geschichten einführe und dort selbst herausfinden lasse, was ihr MOTOR und ihr WARUM sind. Ich möchte dabei einer der Spiegel sein, in welchen sie sich selbst erkennen können! Immer wieder stoße ich dabei auf Hindernisse, lande in Sackgassen, mache Fehler über Fehler, und muss stets auf’s Neue erkennen, dass man niemals wirklich bereit ist für dieses Abenteuer namens “Leben”; und schon gar nicht für das Abenteuer “Lehren”. Man legt einfach los! Man verkackt (manchmal episch)! Man analysiert die Fehler und überlegt sich einen neuen Ansatz – und wird so langsam besser! Wer vom Start weg nach 100% strebt hat nicht verstanden, dass das Leben – und damit alles, was wir unterdessen tun oder lassen – kein Sprint sondern ein Marathon ist! DAS ist der Schmerz, DAS sind die Herausforderungen. Aber wie süß, wie erfüllend es sich anfühlt, wenn eine Geschichte sich entwickelt, wenn sie anfängt zu “funktionieren”, wenn sie in meinem Kopf zu leben beginnt und wenn die Puzzleteile am Ende zusammenzufallen beginnen. Wenn es dann hinterher wenigstens bei ein paar Anderen auch “Klick!” gemacht hat, bin ich mehr als nur ein bisschen zufrieden. Aber der Weg dahin ist nie leicht…

Auch hier und jetzt bin ich im Begriff eine Geschichte zu erzählen. Eine höchst persönliche Geschichte, weil sie – wie so oft, wenn ich hier schreibe – die Möglichkeit eines Scheiterns inkludiert. Und auch das ist ja ein essenzieller Aspekt der Leidenschaft, der eben schon anklingen durfte: eine investierte Anstrengung resultiert nie notwendigerweise in einem Triumph. Du kannst dich noch so anstrengen, alles geben, es sogar richtig gut machen – und wirst trotzdem nur Zweiter. Oder sogar Letzter. All unsere Fähigkeiten, unsere Motivation, unsere Begeisterung garantieren keinen Erfolg – manchmal will es nicht klappen, weil wir noch nicht gut genug sind. “We develop taste, long before we develop skill!” (Danke Matt Colville). Dennoch lebt es sich mit Leidenschaft wesentlich intensiver, als mit Mittelmaß. Ich möchte meine Leidenschaften auf keinen Fall missen, selbst, wenn sie mir ein ums andere Mal eine besondere Art von Schmerz bereiten mögen. So wie etwa mein Wille, für meine Überzeugungen einzutreten, auch wenn der Wind gerade von vorne weht. Meine große Klappe wird mich irgendwann mal in eine Scheiße reiten, die so tief ist, dass ich da nicht alleine wieder rauskomme. Aber das wird es wert gewesen sein – den Kopf erhoben zu halten und zu wissen, dass meine Leidenschaft mich weiter getragen haben wird, als all die Reichsbedenkenträger, Besitzstandswahrer und “Das-haben-wir-aber-schon-immer-so-gemacht!”-Rufer da draußen. Ich sage: Wage, dich deiner Leidenschaft zu bedienen! Also… was ist DEINE Leidenschaft? Was ist DEIN WARUM? Schönen Sonnabend.

Auch als Podcast…

Wenn alles was ich tue gerade keinen Sinn zu ergeben scheint – wer bin ich dann?

Keine Sorge, das wird hier keine Selbsthilfe-Kolumne. Auch kein elegischer Abgesang auf die Grabsteine der gestorbenen Träume, die jeder Mensch in einem Hinterkopf herumträgt. Und noch viel weniger ein (neuerlicher) Rant gegen diese verfickte Selbstopimiererei. Es könnte allerdings eine Suche werden. Vielleicht nach neuem Verstehen; das Verstehen und Verständnis im Übrigen zwei grundverschiedene Dinge sind, muss ich hier jetzt hoffentlich niemandem mehr erklären. Wenn ich von Verstehen spreche, meine ich dabei zuerst, sich selbst zu verstehen. Also… zu wissen, wer man ist, was man ist, wo man ist, warum man ist. Dieses typische identitäts-Gefasel halt, dass man eigentlich eher von Teenagern oder jungen Erwachsenen erwarten würde. Die natürlich grundsätzlich erst mal alles Scheiße finden, was die “Alten” gut und richtig finden, einfach, weil die “Alten” die “Alten” sind – weil man sich selbst eben erst mal selbst erproben und herausfinden muss. Und dabei niemals verstehen kann, dass auch die “Alten” erst jung sein mussten, um überhaupt alt werden zu können. Dass wir dabei den selben Scheiß abgezogen haben…? Schwamm drüber…! ICH bin schon verdammt lange kein Teenager mehr. Noch nicht mal ein Twen. Ich bin ein alter Sack. Oder wie der – nicht selten für mich vollkommen debil daher kommende – Gender-Sprech es nennen würde ein “white middle-aged cis-gender guy”. Also known as: “der Teufel”! Der Schuldige am gesanten Leid der Menschheit. Es gibt da nur ein kleines Problem. Ich persönlich diskriminiere und unterdrücke nicht! So ziemlich das Schlimmste, was ich tue ist – zumindest in den Augen meiner jüngeren Kolleg:innen – Dad-Jokes zu reißen; so die richtig flachen, die aufrecht unter einer geschlossenen Tür durchlaufen können. Ich komme manchmal sicher auch mit ungeschickten Formulierungen um die Ecke oder argumentiere auf der Basis meiner Lebenserfahrung, womit manche nicht klarkommen – aber es ist halt MEINE Lebenserfahrung. Ich hatte nicht darum gebeten, 1974 geboren zu werden…

Diese Unart, Menschen anhand ihres Geburtsjahres in Generationen einzuteilen und diesen Generationen jeweils bestimmte Merkmale zuzuschreiben (Stichwort: “Okay Boomer”) ist sowohl sozialwissenschaftlich als auch in meiner Wahrnehmung vollkommener Quatsch. Weder besteht “meine Generation” – nämlich Gen X – aus lauter Königspudeln, die allesamt den Wolf im Schafspelz wählen, noch aus lauter schwarzen Schafen, Scharlacharas oder Halsbandsittichen. Ganz vorne steht immer ein einziges Attribut: “Mensch”! Was halt bedeutet, dass die Streuung innerhalb aller Alterskohorten von Altruist bis zu Arschloch reicht und dabei einmal den Zirkelschlag durch das ganze Alphabet macht. Warum ist es so schwer zu verstehen, was Menschen SO werden lässt und nicht etwa anders. Individuelle Lebensumstände sind nun mal hoch unterschiedlich. Dorfkind vs. Stadtkind? Akademiker vs. Arbeiter? Suburbia vs. Reihenhaussiedlung? Beide Eltern vs. Scheidungskind? Arm vs. Reich? Einzelkind vs. (viele) Geschwister? Auto vs. Fahrrad? Tech-affin vs. traditionell? Progressiv vs. konservativ? Und, und, und…! Und all das ist vollkommen unabhängig vom Geburtsjahr! Was einen Menschen in dieser Zeit, also von den frühern Kindesbeinen bis zur Ablösung vom Elternhaus prägt, lässt sich nicht so leicht abschütteln und bleibt oft ein ganzes Leben lang wirksam. Und dennoch erschaffen wir uns selbst aus all diesen fragmentarischen Erfahrungen, Eindrücken, Beziehungen, Ideen, Normen, Werten und Moralvorstellungen selbst als eigenständige Person – immer und immer wieder neu! Das Sein mag dem Bewusstsein eine grobe Form geben. Die finalen Konturen erschaffen wir immer wieder selbst und legen dabei – Jahr für Jahr, Lage für Lage – den wahren Kern unseres Selbst (wieder) frei. Erst ein bestimmtes Alter erlaubt es uns, wieder so ehrlich zu sprechen, wie der Mund des kleinen Kindes.

Wenn ich über diese Erkenntnis weiter nachdenke, so komme ich nicht umhin, mich noch in jenem Zustand wähnen zu müssen, in dem die Wahrheit mir nicht mit der Leichtigkeit über die Lippen kommt, die oftmals angemessen wäre, weil die Erfordernisse der Diplomatie, insbesondere im Arbeitsalltag schwer wiegen. Und weil so viele Menschen – was mich sicher einschließt – die Wahrheit über sich selbst, ihr Tun und Lassen gelegentlich nur sehr ungerne hören. Ist es bittererweise oft doch so, dass wir mitnichten alles richtig machen, so dass die Wahrheit eine Kritik sein muss! Und damit sind endlich wir bei der Eingangsfrage angelangt. Denn wir neigen allzu oft dazu, uns über unser Tun und Lassen, oder besser gesagt, über unsere Erfolge und Niederlagen definieren zu wollen. Habe ich es gut gemacht und einen Sieg davon getragen, ganz gleich welcher Natur? Oder ist mir doch (wieder) ein Fehler unterlaufen, der für Ärger, Anschuldigungen, Spott, Rückschläge, etc. sorgt? Wenn ich meinen Wert nur darüber zu messen versuche, muss dann die Bilanz meines Lebens nicht zwangsläufig einige Negativposten ausweisen? Denn jeder Mensch, der ehrlich genug zu sich selbst ist, wird zugeben MÜSSEN, dass Fehler unvermeidlich sind. Wir können NICHT immerzu als Sieger vom Platz gehen. Das würde im Übrigen auch dem kategorischen Imperativ wiedersprechen, denn jeder meiner Siege ist eines anderen Menschen Niederlage. Also – warum betrachten wir das ganze Leben überhaupt als Wettbewerb? Warum hat “Karriere” stets etwas damit zu tun, “besser” sein zu müssen als andere. Besser in was? Im Menschsein? Im sozial sein? Oder doch im Arschloch sein?

Was macht MICH zu MIR? Was ist die Essenz meines Lebens? Diese Frage zu beantworten ist weder trivial, noch ist es dumm, diese Frage zu stellen. Natürlich hat das etwas mit der Suche nach dem Sinn der eigenen Existenz zu tun. Auch, weil wir Sinn, Glück und Identität immerzu munter durcheinander werfen. Aber vielleicht wird uns gerade klar, dass der Sinn der eigenen Existenz nicht gemessen werden kann… nicht gemessen werden sollte! Denn alles was ich zu messen versuche, beginne ich automatisch taxonomisch einzuordnen. Und damit einer Vergleichs-, oder Marktlogik zu unterwerfen. Damit ist das hier irgendwie doch ein Rant gegen die Selbstoptimiererei. Denn, wenn die Marktlogik alle Bereiche unseres Lebens durchdringt, kapitalisiert sie damit automatisch alle Bereiche unseres Lebens. Doch meine Identität speist sich – zumindest in meiner Wahrnehmung – auch aus der Freiheit des Denkens, aus einer Spiritualität, deren Grenzen ich selbst definiere, aus meiner Kreativität und dem Wunsch, Menschen beim Wachsen als Menschen zu helfen. Und all das hat mit meinem Job, mit Karriere, mit Konsumkapitalismus überhaupt nichts zu tun. Arbeiten zu gehen ist für mich nur ein Mittel zum Zweck; eine Notwendigkeit, der man nicht entfliehen kann. Jene Dinge, denen man nicht entfliehen kann, muss man erdulden und zeitgleich versuchen, die Bedingungen step by step so zu verändern, bis das Erdulden erträglich geworden ist. Um die Frage von oben für mich zu beantworten: ich bin ein Suchender und ein Gestaltender zugleich, je nachdem, welche dieser Qualitäten gerade mehr gebraucht wird. Denn, wenn gerade alles keinen Sinn mehr zu ergeben scheint, ist es an der Zeit, sich neu zu orientieren und nach neuem Sinn zu suchen; seine Identität neu zu formen. Das Leben wartet niemals darauf, was du als nächstes tun willst. Es schreitet fort, egal, ob du dich bewegst, oder nicht. Also solltest du dich besser bewegen, bevor du selbst bewegt wirst – in Richtungen oder gar an Orte, die dir zur Falle werden können. Schönes Wochenende…

Auch als Podcast…

Bin ich cool, oder was…?

Nachdem ich gestern mal so richtig meinen Ärger rausrotzen musste, stolperte ich direkt heute Morgen über einen Artikel, der über eine Studie zum Thema “Coolness” referierte. Nachdem ich gestern doch ein bisschen erhitzter unterwegs war, kam mir das wie Ironie des Schicksals vor; sagen die Amis doch “he lost his cool”, wenn jemand mal so richtig emotional geworden ist. Die Autoren der zitierten Studie hoben allerdings auf den Umstand ab, sie hätten rausgefunden, dass – egal in welcher Kultur auf welchem Kontinent – jene als cool angesehen wären, die abenteuerlustig und unkonventionell gegen den Strom schwimmen würden. Und ich dachte, bei einem virtuellen Blick in den Spiegel “Okay baby… and now what?” Auf die Frage nach der Eigen- und Fremdwahrnehmung gehen wir alsbald ein, versprochen. Aber was IST Coolness denn? Ist das bloße Äußerlichkeit, oder findet das auch im Innen statt? Und ist das dann eher das stoizistische Erdulden im Angesicht einer Katastrophe, die helfende Hand in den Fährnissen des Lebens, die selten nach etwas für sich selbst fragt, doch der machende Macker… oder vielleicht irgendwas dazwischen? Und ist es lediglich wichtig, dass man sich selbst als cool wahrnimmt – was auch immer das dann individuell heißen mag – braucht man doch das Gefühl, das Andere die eigene Coolness auch erkennen, oder ist man erst cool, wenn einen weder das eine noch das andere großartig interessiert? Fragen über Fragen. Die kann ich nur für mich selbst beantworten, aber vielleicht findet ja die eine oder der andere hier einen Denkanstoß.

nochmal dieses Motiv, aber dieses Mal besser…

Zunächt einmal – die Studie ist in mancherlei Hinsicht Bollocks, denn die befragte Grundgesamtheit ist zu klein und das Design eher… sagen wir mal fragwürdig. So zielen die Fragen zunächst auf die Fremdwahrnehmung ab und das Erkenntnisinteresse richtet sich auf folgende Annahme: “Im Informationszeitalter könnte Coolness weltweit die alte Hierarchie der sozialen Klassen abgelöst haben und, als eine alternative Statusordnung, die Kreativität und Innovation fördern – besonders in Ländern, die zunehmend abhängig von Kreativität seien.”(Pezzuti, T., Warren, C., & Chen, J. (2025). Cool people. Journal of Experimental Psychology: General. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/xge0001799) … what the fuck? Mit Blick auf das Influencer-Business, welches sich rings um den, offenkundig überall vorhandenen, Wunsch nach Coolness im letzten Jahrzehnt global etabliert hat, scheint sich damit auch in dieser Studie alles auf Äußerlichkeiten, vor allem aber auf den möglichen fiskalischen Aufwand zu konzentrieren, den zu betreiben Leute bereit sind, um den Effekt von Coolness zu erzielen. Wir reden also mal wieder über nix anderes als den den verschissenen Konsummaterialismus. Aber Kohle macht nicht cool! Sie macht sexy, weil wir selbst gerne etwas von dieser Kohle hätten! Wobei wir gerne übersehen, dass nicht wenige Menschoide, die ausreichend Kohle haben, um sehr sexy zu wirken in ihrem Inneren derart verrottet sind, dass man noch nicht mal mehr den Kern dessen auszumachen vermag, was wir gemeinhin als Menschlichkeit bezeichnen würden! Bleibt einzig die Frage, was zuerst da war: die Kohle oder die Verderbtheit? Die Korrellation zwischen beidem zeigt sich jedenfalls überdeutlich! Schönen Dank auch, aber mein persönliches Erkenntnisinteresse geht in eine ganz andere Richtung. Mich interessiert Coolness nicht als Statussymbol für geldgeile EGO-Tierchen, sondern als Persönlichkeitsmerkmal! Kommen wir also zurück zum Inneren.

ICH beantworte die Frage nach Coolness also eher über binnenpsychologische Funktionen. Wie man an meinem gestrigen Rant erkennen kann, ist es um meinen Stoizismus nicht immer zum Besten bestellt, wenngleich ich, wie irgendwann hier schon mal erwähnt, zumindest ein kleines bisschen altersmilder geworden bin. Aber wenn ich irgendwann im grundasozialen Verhalten Anderer keine Motivation mehr finde, aus der Haut zu fahren, bin ich wahrscheinlich tot! Tatsächlich sehe ich mich selbst irgendwo zwischen der stillen helfenden Hand und dem machenden Macker; und im Grunde interessiert es mich einen Scheiß, was Andere von mir halten, sofern sie mich einfach – zu meinen Bedingungen, sofern diese niemandes Freiheit unzulässig beschneiden – meine Arbeit tun und meine Leben leben lassen. Es ist eigentlich also ganz einfach, friedlich mit mir zu koexistieren. Und man muss mich beim besten Willen NICHT cool finden. Ich habe neulich mal, in einem anderen Post über meine Gaming-Gene, zum wiederholten Male auf mein frühes Nerddom hingewiesen. Man muss dazu vielleicht anfügen, dass die Art von Nerd, die ich in den späten 80ern und frühen 90ern war NICHT den popkulturellen Beifall bekam, den man heute durch Shows wie “Big Bang Theory” erzielt. Wenn’s da mal geklatscht hat, war es eher selten Beifall. Ich fand mich allerdings irgendwann in einer Nische wieder, die sich für mich recht sicher anfühlte. Und ich habe natürlich als Teenanger irgendwann angefangen, mir wesentlich mehr Gedanken darüber zu machen, wie andere mich wahrnehmen. Das gehört zu dieser Lebensphase schlicht dazu. Man muss ja irgendwie seinen Platz in der Gesellschaft der “Erwachsenen” finden… doch ich wurde nie zu einem der “cool kids”. ICH blieb – weitestgehend – ICH und begann irgendwann mich weiterzuentwickeln. Aber in meiner persönlichen Wahrnehmung war ich nie cool; bin’s bis heute nicht. Und irgendwann wurde das auch vollkommen egal. Denn für mich war es, als ich ein paar wesentliche Dinge über mein Leben erkannt hatte, viel wichtiger, mir selbst treu zu bleiben – und den Menschen, die mir wirklich wichtig sind. Alle anderen sind nämlich… Beiwerk!

Ich glaube ehrlich gesagt, mit Coolness ist es wie mit dem Glück: manchmal ist man eben einfach cool, weil man vom Leben jenes Karma zurückbekommt, welches man aussendet – und manchmal halt nicht. Problematisch wird es erst, wenn man anfängt sich darüber allzu viele Gedanken zu machen. Dann fängt man nämlich an, komische Sachen zu tun und/oder Geld zu verpulvern, in der – zumeist sinnlosen – Hoffnung, einen bestimmten Effekt zu erzielen. Ich denke gerade an einen Moment letztes Jahr im Freibad, als ich dieses jungen Kerls angesichtig wurde, mit 80er Pornoleiste, fesch kombiniert mit teilblondiertem VokuHila und einem schreiend bunten Shirt, dass selbst Thomas Magnum nicht freiwillig getragen hätte. Die 80er riefen so laut an, dass ich Mühe hatte, mein Gesicht unter Kontrolle zu halten. Die Tage sah ich, am gleichen Ort auf meinem Badetuch sitzend, an meinem deutlich aus der Form geratenen Leib hinunter und dachte mir wahrscheinlich exakt das Gleiche, wie der junge Mann letztes Jahr – I give a flying fuck, how others see me, as long as I’m happy with how I lead my life! In diesem Sinne – stay happy, not cool!

Auch als Podcast…

500 Gramm gemischter Hass meets New Work!

Das hier wird ein Rant, denn ich habe die Schnauze voll. Ich wünsche mir oft, Menschen wären offener und ehrlicher im Umgang miteinander! Ich wünsche mir auch oft, dass man sich robust Dinge ins Gesicht sagen kann, ohne dass das Gegenüber sofort ausflippt oder sich beleidigt fühlt, denn manche wahrhaftige Dinge, die man sagen muss, sind nicht immer schön – und man kann diese manchmal auch nicht irgendwie wertschätzend formulieren. Insbesondere dann nicht, wenn Fehler gemacht wurden, oder Forderungen gestellt werden, die ungerechtfertigt sind. Ich wünsche mir übrigens auch, dass die Leute auf der anderen Seite einer Kommunikation genauso offen, ehrlich und robust mit mir sind, wie ich das gerne mit Ihnen sein möchte. Ich habe kein Problem damit, wenn mir jemand etwas (verbal) vor den Latz knallt, weil ich einen Fehler gemacht habe, oder weil ich etwa eine Forderung formuliert habe, die Quatsch ist. Ich habe viel häufiger Probleme damit, wenn Menschen vorne rum aufgesetzt höflich sind und hintenrum anfangen zu hetzen oder zu intrigieren – und das passiert da, wo ich arbeite leider gelegentlich. Jedenfall passiert es dort deutlich häufiger als in meinem privaten Umfeld, denn die Menschen, mit denen ich langfristige soziale Beziehungen führe wissen, dass man mit mir ehrlich sein darf. Und bitte nicht um den heißen Brei herumredet – denn ich bin keine Pussy sondern ein No-Bullshit-Guy!

Ich möchte bitte nicht falsch verstanden werden: ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn man fordert, dass Leute höflich miteinander umgehen sollen und wenn man von allen Beteiligten einer Situation erwartet, sich einer Gewaltfreien Kommunikation zu befleißigen; allerdings erfordert Gewaltfreie Kommunikation, dass ALLE Seiten daran aktiv teilnehmen, bzw. ALLE Seiten die Grundsätze derselben beherzigen! Ich will an dieser Stelle ganz ehrlich sein: ich hasse E-Mails mittlerweile! Das liegt daran, dass ich versuche, auch in E-Mails direkt und – falls nötig – robust zu kommunizieren, um auf Probleme hinweisen zu können. Allerdings kann man meine direkte und robuste Art der Kommunikation auch durchaus missverstehen, WENN MAN DENN UNBEDINGT MÖCHTE! Es ist beileibe nicht so, dass ich da üblicherweise lospoltere wie ein Rumpelstilzchen. Ich formuliere nur manchmal gegebenenfalls relativ scharf und ohne Umschweife. Und damit können manche Leute offenkundig nicht umgehen, bzw. sie benutzen es als Vorwand, mich der Unhöflichkeit und Unprofessionalität zu bezichtigen. Da kann ich ehrlich gesagt nicht mehr drauf! Denn die gleichen Leute reden – hinter meinem Rücken – nicht selten auf höchst despektierliche Weise über mich, ohne mir jedoch jemanls offen ins Gesicht sagen zu können, was sie von mir halten. Und für diese hinterfotzige Bigotterie habe ich keinerlei Verständnis, Energie und Geduld mehr!

Ich bin davon überzeugt, dass man an der Sache hart diskutieren und auch miteinander streiten können sollte, was bedeutet, dass man manchmal Worte wählen muss, die für das Gegenüber vielleicht nicht unbedingt so schön oder nett sind. Aber manche Sachverhalte lassen sich nicht in hübsches verbales Geschenkpapier verpacken, sondern müssen klar benannt werden. Und dieses klare Benennen ist doch tatsächlich für manche Leute, mit denen ich gelegentlich bei der Arbeit zu tun habe, bereits ein Zuviel an Ehrlichkeit. Ich weiß wirklich nicht, ob das anderen Orts genauso ist. Aber zum gegebenen Zeitpunkt habe ich die Schnauze davon voll, jedes Mal einen Eiertanz aufführen zu müssen, weil ich Angst davor haben muss, irgendjemandes Snowflake-Gefühle zu verletzen, wenn ich irgendetwas beim Namen nenne, Goddammit! Es geht mir, wenn ich mich mit gewisser Schärfe äußere so gut wie immer um die Sache; und wenn ich dabei mal persönlich werde, habe ich üblicherweise den Arsch in der Hose, mich dafür zu entschuldigen, denn ich möchte wirklich niemanden verletzen. Aber wenn es so einfach ist, Menschen zum Schmollen zu bringen, dann muss ich mich wirklich fragen, wie manche dieser Menschen es bisher in einem Berufsbild mit so viel sozialem Konfliktpotenzial ausgehalten haben? Denn diese mimosenhafte “Rühr-mich-nicht-an!”-Attitüde passt wirklich überhaupt nicht mit den Anforderungen des Jobs zusammen. Kurz und gut – ich bin mal wieder darauf hingewiesen worden, dass ich böse gewesen sein soll. Doch wenn die ernstgemeinte Schlussformel “Danke für die Aufmerksamkeit” seit Neuestem von jedem Hans und Franz zum Anlass genommen wird, mich als passiv-aggressiv wahrzunehmen, ist das für mich NICHT MEHR AKZEPTABEL! Heult doch; aber kommt damit bitte nicht mehr zu mir. Tschüss!

Auch als Podcast…

Sind KIs Kapitalisten?

Ich habe heute morgen einen schönen Satz gelesen: “Das Rad der Zeit hat einen Elektromotor bekommen.” Der Autor sprach dabei von der möglicherweise zunehmenden Verblödung durch die ubiquitäre Nutzung von KI – oder besser dem, was wir gerne für künstliche Intelligenz halten würden… Doch darauf kommen wir später zurück. Tatsächlich ist dieser Motor ja aber schon vor langer Zeit montiert worden, er wird nur in regelmäßigen Abständen “verbessert”. Selbst, wenn wir nicht über all die Entwicklungen von der Steinzeit bis in die Rennaissance reden wollen, bleibt da doch noch einiges Bemerkenswertes. Zuerst kam in der Moderne die Dampfmaschine, dann der Elektrogenerator, dann das Auto, dann der Rundfunk, das Fernsehen, und schließlich irgendwann – befeuert durch die DARPA-Projekte, wie etwa das ARPANET und die Entwicklung von HTML durch Tim Berners-Lee – die wunderbare Online-Welt. Und stets gab es Dinge, Umstände, Sachverhalte, Erkenntnisse, die damit jeweils einher gingen, wie etwa die, dem Taylorismus folgende Arbeitsteilung, die von Henry Ford eingeführte Fließbandarbeit, neue soziale Ordnungen und der Kampf um die diesbezügliche Deutungshoheit – und natürlich der Kapitalismus als jene Wirtschaftsordnung, welche von so vielen fälschlicherweise als symbiotisch der Demokratie zugehörig erachtet wird, dass alles Andere UNDENKBAR scheint. Da wird von den immer gleichen Möchtegern-Leistungsträgern und Entscheidern immer davon gesprochen, dass der Sozialismus (oder was auch immer) bisher nicht funktioniert habe – dabei verleugnend, dass der Kapitalismus ebensowenig funktioniert. Immer sind es nur ein paar besondere Ego-Arschlöcher an der Spitze, welche vom System profitieren. Alle anderen schauen in die Röhre.

Kommen wir zurück zur KI. Die These lautet, dass KI die Klugen klüger und die Dummen dümmer machen würde. Ich persönlich halte das für riesigen Quatsch, weil Intelligenz noch niemals automatisch vor Abusus geschützt hat. Andernfalls gäbe es keine Alkoholiker mit Doktortitel. Was KI jedoch leistet, ist Folgendes: sie bietet Abkürzungen. Die Verlockungen eines leichteren Weges. Ganz gleich, ob es um Lernaufgaben oder die Arbeit geht, stellen KI-Anwendungen  vermeintlich effizienzsteigernde Shortcuts zur Verfügung. Aufgaben, die keinen Spaß machen, die wiederkehrende Routine sind, die Zeit brauchen, sollen von der KI erledigt werden. Doch bevor ich eine Routine auslagere, tue ich gut daran, diese Routine selbst zu beherrschen, um die oftmals nur vermeintlich effizienteren Ergebnisse meines LLMs beurteilen zu können. Andernfalls versende ich nämlich nicht selten die sachlich unrichtigen Halluzinationen der Maschine, die weder soziale, noch moralische, noch politisch-taktische Erwägungen kennt. Dieser Dünnschiss muss oft erst mühsam von einem echten Experten demaskiert werden. KI macht also nicht den Dummen Dümmer, sondern nur fauler… und den Klugen gleich mit. Denn der sirenen-süße Ruf der Arbeitsvermeidung lässt auch den 1,0-Abiturienten nicht kalt, wenn doch andere Dinge viel wichtiger sind. An dieser Stelle sei vielleicht noch erwähnt: in der, durch den KI-Einsatz gewonnenen Zeit wird mitnichten weiter in die Hände gespuckt zur Steigerung des Bruttosozialprodukt; viel wahrscheinlicher ist, dass die so gewonnene Zeit damit verbraten wird, anderen Lockrufen des weltweiten Desinformationsgewebes und seiner APP-solut wahnsinnigen Auswüchse zu folgen. Ach, was würden wir nur ohne Antisocial Media und dieses ganze nutzlose Produkt-Influencer-Geschmeiss tun… oh… vielleicht weniger konsumieren und mehr leben?

Denn all der Huzz and Buzz um KI folgt natürtlich der, weiter oben bereits angeklungenen kapitalistischen Verwertungslogik. Alles MUSS dem Effizienz-Paradigma unterworfen werden. “Die Arbeit muss schnell erledigt sein, bediene dich des Outsourcings und erziele so mehr Wertschöpfung – für deinen Arbeitgeber…!” “utere machina!” (Nutze die Maschine!) anstatt “sapere aude!” (Wage, dich deines Geistes zu bedienen!); mit dem Effekt, dass wir gleichzeitig auch der Fähigkeit zum kritischen Denken beraubt werden. Aber die ist für den Konsumkapitalismus auch eher hinderlich, unterbricht sie doch u.U. diesen wahnsinnigen Zyklus, von Geld, welches man nicht hat Dinge kaufen zu wollen, die man nicht wirklich braucht, um Menschen zu beeindrucken, die man nicht mal mag… Die ausufernde KI-Nutzung ist der direkte Weg auf die sehr bequeme Couch in der Komfortzone, Unterhaltungsprogramm mit Shoppingmöglichkeiten inklusive! Ob ich KI hasse, fragt ihr? Die Antwort lautet jedoch “Nein”. Denn KI-Anwendungen sind tatsächlich nützliche Werkzeuge. Allerdings lassen sich die allzu Bereitwilligen von der KI zu deren Werkzeug machen, anstatt zu lernen, wie man KI dort – und nur dort – wo es sinnvoll ist als Werkzeug zu nutzen und die Ergebnisse kritisch zu beobachten, und ggfs. zu korrigieren. Auf die Art gwinnen wir mittelfristig immer noch erheblich an Effizienz, verblöden dabei aber nicht. Und das wäre ja zumindest ein Effizienzerhalt. Ich wünsche daher allen – in mehr als einer Hinsicht – eine baldige Abkühlung.

Auch als Podcast…

Der verwirrte Spielleiter N°65 – Nur ein Hobby…?

Ich rede immer wieder von meinem Hobby N°1 – Pen’n’Paper. Und es ist wahr; es war, ist und bleibt meine favorisierte Art, freie Zeit zu verbringen, ohne irgendeine Art von Wertschöpfung erzeugen zu müssen. Wobei es natürlich zu kurz gedacht ist, wenn wir Wertschöpfung immer nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten. Denn für MICH ist es sehr wohl ein Wert an sich, mit lieben Menschen eine gute Zeit zu verbringen, denkwürdige Geschichten zu erzählen / zu erleben und dabei Spaß zu haben. Es ist übrigens vollkommen unerheblich, auf welche Art ein Mensch dieses Gefühl des Erfüllt-Seins erreicht, welches einem solcherlei positive Erfahrungen erlaubt. Fahrt auf Fahrrädern Berge runter, drechselt den Kölner Dom aus Streichhölzern, umrundet den Globus, knipst euch an den abgefahrensten Stellen tot (aber bitte nur im übertragenen Sinne – nicht zu nahe an die Klippe gehen und so…), esst das schärfste Essen der Welt (und bereut es bitter) – ist mir vollkommen egal, was EUER geilster Kick ist; er sei euch von ganzem Herzen gegönnt! Für MICH jedoch bleibt TTRPG mein Favorit. Denn sich in unterschiedlichste Welten, verschiedenste Persönlichkeiten und wildeste Geschichten hinein zu denken und Probleme zu lösen (oder für meine Spieler Probleme zu entwerfen, damit DIE dann nach Lösungen suchen dürfen), ist so ziemlich der krasseste Spaß, den man mit seinem Gehirn haben kann. Ich war auf so vielen unfassbaren Welten und bin in der Realität doch nur eine sehr überschaubare Menge an Kilometern geflogen. Ich habe Rätsel gelöst, Schurken ihrer gerechten Strafe zugeführt, unzählige interessante Persönlichkeiten kennengelernt, Dinge gesehen und getan, die man nicht leicht erklären kann – und bin trotzdem einfach nur ich geblieben. Denn ich bin schon sehr lange ein Nerd alter Schule und Gaming ist für mich nicht einfach nur ein Hobby!

Ich habe schon ein paar Mal berichtet, wie es im Sommer 1989 um mich geschehen ist und ich in diese anderen Welten eingetaucht bin, um für immer dort zu bleiben – zumindest mit einem Teil meiner Selbst. Ich meine… im wahren Leben, im Hier und Jetzt habe ich als Rettungsdienstler einen Job ausgeübt, der mich manchmal physisch, häufiger jedoch psychisch an meine Grenzen geführt hat. Und auch darüber hinaus! Nach über 20 Jahren durfte ich zum ersten Mal bemerken, dass es so nicht weitergeht, als mein erster Burnout mich daran gemahnt hat, dass keine Seele aus Eisen ist. Und ich habe mehr als nur einen kleinen Teil dieser Seele auf den Straßen dieser Stadt zu Markte getragen, um anderen zu helfen. Und ja – FUCK IT – ich würde es wieder tun! TTRPGs warer für mich einerseits immer Eskapismus, also eine Möglichkeit, der manchmal sehr unschönen Realität für eine definierte Zeit den Rücken kehren zu können. Wann immer der Druck zu stark wurde, habe ich mich, zumindest ein bisschen, in andere Welten, andere Persönlichkeiten, andere Herausforderungen flüchten können. Herausforderungen, die häufig viel einfacher zu lösen waren, als die allzu komplexen Dilemmata der Realität. Ich habe dabei nie den Blick auf die wahre Welt verloren, konnte aber gleichsam meine Energien auffüllen durch Erfolge, die – wenngleich bestenfalls als virtuell zu bezeichnen – für diesen Teil meiner Selbst real genug waren, um sich daran hochziehen zu können. Andererseits war ich schon von Kindertagen an ein Geschichtenerzähler. Und der Push für meine Kreativität, meine Kommunikations-Kompetenz, Problemlösungsstrategien, etc., den ich durch die Auseinandersetzung mit unfassbar vielen Wissensgebieten im Rahmen meiner Beschäftigung mit TTRPGs erfahren habe, lässt sich mit nichts aufwiegen.

Natürlich hat das alles auch etwas mit Neugier zu tun; und neugierig war ich schon als kleines Kind in einem Maße, dass meine erwachsene Umwelt nicht selten in Erstaunen versetzt, aber noch viel häufiger auch beinahe in den Wahnsinn getrieben hat. Ein biografischer Umstand, den ich wohl mit so manch anderen Nerd teile. Für mich wurden folgerichtig alle möglichen anderen nerdige Interessen, welche mit Pen’n’Paper einhergingen – unterschiedlichste Regelwerke und Settings, Fantasy- und Scifi-Literatur, Filme, Serien, Mangas und Animes, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Geschichte, Religionen etc. – zu meiner Nische, in der es mir gut ging, auch wenn ich mir über einen nicht unerheblichen Teil meiner Kindheit und Jugend hinweg eher schwer damit getan habe, Anschluss zu finden. Letztlich hat sich das alles gegeben, aber ein Normalo wurde ich nie. Ich habe mit dem Rettungsdienst einen schrägen Job angenommen, der mich viel mit Menschen und deren Problemen zusammengebracht hat, obwohl ich immer schon ein extravertierter Introvertierter war, eben weil ich meine Neugier befriedigt wissen wollte. Und über all die Jahre blieb das Gamen mein Anker in diese Anderswelten, aus denen ich einen erheblichen Teil meiner Energie zum Weitermachen bezog – und auch heute noch beziehe. Pen’n’Paper hat mir geholfen, wieder auf Spur zu kommen, als es schwierig war. Und ich habe durch das Gamen meine wichtigsten und längsten zwischenmenschlichen Beziehungen gefunden; zu meinen besten und ältesten Freunden ebenso, wie zur besten Ehefrau von allen. TTRPG KANN niemals nur ein Hobby für mich sein, denn es ist ein so wichtiger Teil meines Lebens gewesen und geblieben, der bis heute mitbestimmt, WER ICH BIN – es ist mein Lifestyle! Und soweit es mich betrifft, wird das auch so bleiben, bis ich irgendwann six feet under lande.

Für diejenigen, die meine Erfahrungen nicht nachvollziehen können, weil TTRPGs für sie doch nur ein Hobby unter vielen sind, sei angefügt: alles gut! Ein jeder ist auf seine Weise nerdig, denn jede Biografie hat ihre eigene Struktur. Meine ersten Erfahrungen stammen einfach aus einer anderen Zeit. Wichtig ist, dass wir alle damit unseren Spaß haben können. In diesem Sinne – always game on!

Benvenuti nelle Marche N°14 – …und was bleibt?

Ich frug die Gattin am gestrigen Abend, welch erfreuliche Wahrnehmungen sie wohl aus dieser Reise mit nach Hause nähme. Wiewohl dem Verfasser hätte bewusst sein können, dass Menschen jenes umgebende Gefüge, welches wir “Welt” zu nennen pflegen auf höchst unterschiedliche Weise zu rezipieren pflegen, war doch die erste Replik ein Mü überraschend; sprach doch die beste Ehefrau zuerst von jenem Ort, der allüberall die Massen der Erholungssuchenden anzuziehen scheint, wie ein Haufen ausgeschiedenen Verdauungsdepositums die Fliegen: nämlich DEM STRAND. Von je her, rings um den Globus eine räumliche Entität, die ein höchst eigenes Soziotop repliziert, wo immer Menschoide mit Sonnenschirmen auf – “so wuuunderschönem” – zu wenig Platz zusammen kommen, um einem ausgesuchten Ausschnitt der Weltmeere zu huldigen; ein*e jede*r nach seinem individuellen Dafürhalten hinsichtlich Raumbedarf, Lautstärke, optischer Darreichungsform und sozialen Fähigkeiten; und daher zumeist ein Ort des Schreckens! Nun war jener Strand, welchen wir eben gestern noch einmal aufgesucht hatten natürlich eine Empfehlung unser höchst reizenden Gastwirte und damit quasi eine Art Geheimtip, an dem man üblicherweise vor allem Einheimische vorfindet – und von denen derzeit, da noch Vorsaison herrscht, auch nicht allzu viele. Selbst für den Autor war die Stranderfahrung daher als halbwegs angenehm zu bezeichnen, sind Menschenmassen, Enge und Radau doch ein Quell des Unbills. Daher barg der Gattin Antwort – der eigenen positiven Überraschung am Meer zum Trotze – eine Überraschung, hatte der Schreiber dieser Zeilen doch für sich selbst ganz andere Highlights gefunden.

An Landschaft herrscht hier in der Gegend kein Mangel, an beeindruckenden Ausblicken folglich auch nicht. Und wie schon erwähnt gilt – auch, wenn gelegentlich die Höhenangst ihren mentalen Tribut fordert – für den Autor, je weiter oben man steht, desto weiter kann der Blick schweifen. Das Gefühl der eigenen Nichtbedeutsamkeit im Angesicht der Natur hat eine kathartische Wirkung, die der Verfasser auch so manchem seiner Kollegoiden reichlich wünschen würde – es stellte so manches egoistische und narzisstische Gehabe eventuell ins richtige Licht. Aber für DIESE gedankliche Transferleistung mangelt es möglicherweise an… Gedanken… Mich rückt es immer wieder zurecht, feststellen zu müssen (oder zu dürfven…?), wie klein wir Menschlein doch sind – und wie wenig unser Tun oder Lassen mit Blick auf das Große Ganze wirklich bedeutet! Natürlich war die erste Frage dazu angetan, zum Ziehen eines Resümees anzuregen. Wenn man(n) also tatsächlich darüber nachdenken müsste, was man(n) aus dieser Reise mitnimmt, so ließe sich Folgendes konstatieren: Eindrücke und Ideen. Erholung und Lust am Entdecken. Echte Erlebnisse und gute Gespräche. Eine internationale Rollenspielrunde via Zoomkonferenz. Einige Fotos, um sich der Dinge erinnern zu können, wenngleich es dem Autor dazu meist keiner Hilfe bedarf. Und der bereits feste Plan, wieder herzukommen. Was sonst noch folgt, findet sich, wenn es soweit ist. Denn am Ende ist es vollkommen gleichgültig, wer an den heuer bislang bereisten Orten welche Erfahrungen als besonders inspirierend vorfindet; wichtig ist einerseits, dass für jede*n etwas dabei ist. Und andererseits muss jede*r die Zeit bekommen, die es dafür braucht.

Ich bin jedenfalls zufrieden mit dem was ich vorfinden durfte, auch, wenn morgen früh der Diesel wieder brummt. Ich bin auch ein bisschen traurig, weil ich hier vermutlich Monate zubringen könnte. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt. Und ich bin zuversichtlich, noch mehr aus den Marken berichten zu können; allerdings erst nächstes Jahr. Wir lesen uns also das nächste Mal wieder aus der Heimat… Have a nice weekened!

Benvenuti nelle Marche N° 13 – Thunderstorm!

Manchmal ist das Gebaren der Umwelt ein Sinnbild dafür, wie das eigene Leben gerade läuft. Vormittags ist man noch unterwegs, um unter heißer Sonne im Meer zu baden – und nachmittags fegt ein Gewittersturm über das Land und treibt die schwüle Hitze im Handstreich hinfort. Während das Außen geduldig von den hohen Temperaturen von Trägheit gemartert wird, die Gedanken nurmehr zäh wie Melasse dahin fließen und sich ab diesem bestimmten Moment alles Leben in den Schatten zurückziehen möchte, um nicht zu verbrennen, entsteht nichts; zumindest nichts Neues außer dem Gefühl, nie wieder irgendwohin gehen und irgendetwas erreichen zu können, das weiter entfernt ist, als das nächste Glas kühles Nass, der nächste Sprung in die Fluten, der nächste Snack um den Hunger zu stillen. Man ist der Naturgewalt unterworfen und beginnt zu verstehen, warum es hierorts üblich ist, eine lange Mittagspause zu machen. Nur Alman-Kartoffeln sind so blöd, bei der Hitze irgendetwas unternehmen zu wollen…

Don’t get me wrong – das Ganze kann für eine kurze Zeit trotzdem Spaß machen. Aber es ist nicht die Art von Stimulus, welche mich wirklich anregen kann. Immerhin regt es mich aber nicht auf, sondern eher ab. Doch irgendwann am Nachmittag – nach der Heimfahrt zur aktuellen Bleibe und dem obligaten Einkauf auf dem Weg – beginnt sich der Himmel zu verfinstern, der Wind frischt auf, Regen fällt. Und eine andere Naturgewalt fegt die Trägheit weg; und zwar mit Wucht. Bäume biegen sich im Wind, die Elektrizität im Tal fließt nicht 100% zuverlässig, das Internet streikt – und man beginnt zu begreifen, dass wir uns die Erde niemals wirklich Untertan gemacht haben. Und dies, wem oder was auch immer dafür Dank sein muss, niemals schaffen werden. Beschädigen vielleicht, aber beherrschen niemals! Das alles gibt mir einerseits ein Gefühl für die Wichtigkeit meiner Person und meines Tuns; oder besser den Mangel daran im Angesicht des Gefüges unserer Welt; „All we are, is dust in the wind.“ Andererseits gibt es mir Hoffnung, dass eine Reinigung – nicht nur mit Blick auf die Hitze – möglich ist. Ein Sturm, all das Falsche, Inhumane, Grausame, Bigotte, Egoistische, Narzisstische und überhaupt Schlechte aus unserer Welt zu fegen. Die Analogie greift hoch, gefällt mir aber dennoch!

Immerzu komme ich zurück zu diesen Diskussionen um die Frage, was Urlaub im Kern denn nun ist, ob Urlaub wirklich notwendig ist, was man für diese Zeiten an Ressourcen aufwenden darf und welchem Zweck das alles dient. Denn eines ist klar: für mich ist Urlaub nicht ein bloßes Batterien-Auffüllen, damit ich hinterher wieder für meinen Brötchengeber funktionieren kann. Ich bin schon lange nicht mehr bereit, mich auf eine Funktion reduzieren zu lassen – und jene, die dieses Prinzip herausfordern lernen ihre Lektion schnell und unmissverständlich: Ich mache mein Ding und wenn’s jemandem nicht passt, kann er sich eine*n Andere*n suchen, der/die dann vielleicht besser als Ja-sagender Hutständer funktioniert. Urlaub ist Zweckfreiheit, ist kreative Stimulation, ist neue Erfahrung, ist Loslassen um Neues festhalten zu können, ist das Ende einer Phase und zugleich der Beginn einer Anderen, ist Anstrengung und Entspannung in einem, ist Man-selbst-Sein – und damit jede Ressource wert, die ich dafür zu geben bereit bin. Wie man hinkommt und ob man unbedingt fliegen muss, sei dahingestellt. Doch der Ort, den wir aufsuchen muss stimmen, muss mir sagen „Für jetzt bist du HIER zuhause!“. Dann fügt sich der Rest von selbst. Und für ein paar wenige Tage ist mein aktuelles Zuhause noch ganz woanders…

Benvenuti nelle Marche N°12 – auf immer…?

Man ist an seinem Urlaubsort so richtig angekommen, fühlt sich dort sauwohl, genießt die Vorzüge der Gegend nach allen Regeln der Kunst, natürlich wohlwissend, dass in ein paar Tagen schon wieder Schluß sein muss mit la dolce vita; und immer wieder kriecht dieser kleine Gedanke in die Gespräche: wie wäre es wohl, hier zu leben? Vielleicht nicht das ganze Jahr, aber wenigstens einen Teil? Ich gebe schon zu, dass ich unsere diesbezüglichen Möglichkeiten mehr als einmal analysiert habe – stets mit dem gleichen Ergebnis: im Prinzip schon, aber… Ich selbst wäre vermutlich flexibel genug, ein solches Vorhaben anzugehen. Denn mein Verständnis des Begriffes “Heimat” ist ein vollkommen Anderes, als das so vieler meiner Landsleutoiden. Ich glaube nicht an Geburtsrechte und Deutschtümelei. Ich glaube, dass Heimat immer da ist, wo die Seele aufblüht, wo die Gedanken frei genug sind, die Kreativität fließen zu lassen, wo das Herz einen Sprung macht, wenn man den Blick schweifen lässt. Dieses Gefühl hatte ich daheim letzthin immer seltener, was allerdings auch daran liegen könnte, dass die letzten Monate wieder einmal zu einem beruflichen Parforceritt degeneriert sind. Von meinen Vorsätzen blieb nicht allzuviel übrig, außer tiefgreifender Erschöpfung. Es mag also nicht verwundern, dass die Marken mich in vielerlei Hinsicht verlocken. Aber wollte man aus süßen Träumen Taten werden lassen, gäbe es so viele Dinge zu beachten, vorzubereiten, zu studieren, zu beantragen. Und am Ende des Tages muss es doch an mehreren Aspekten scheitern:

  • Die Kinder: niemand, der bei klarem Verstand ist, entwurzelt seine Kinder ohne Not und ohne einen sehr guten Plan B. Womit auch klar ist, dass Italien (oder sonstwo) allenfalls in Betracht käme, NACHDEM unsere Töchter aus dem Gröbsten (und vor allem aus dem heimatlichen Nest) raus sind. Sie mitten im Leben aus unserem hiesigen Schulsystem herauszureißen ist dabei nur ein Aspekt… Freundeskreise sind ebenso wesentlich.
  • Die beste Ehefrau von Allen: ist eben dabei, in der Selbstständigkeit durchzustarten. Einen schlechteren Zeitpunkt, um über solchen Schmonzes wie die Verlegung des Wohnsitzes in eine andere Nation nachzudenken, kann ich mir jetzt nur schwerlich vorstellen. Und ich habe eine Menge Fantasie! Überdies sind ihre Wurzeln in unserer Stadt (vor allem familiär) wesentlich tiefer und fester, als meine es je noch sein könnten.
  • Die Sprache: Ich kann mich nicht auf das Abenteuer Auswanderung begeben (und selbst, wenn diese nur auf Raten bzw. zeitweise erfolgte), ohne die Landessprache fließend zu beherrschen! Mein Italienisch ist allerdings bis heute eher rudimentär, das meiner Lieben nonexistent. Und dies zu ändern bedeutete einen erheblichen Aufwand, für den keiner von uns momentan die Nerven, die Energie und die Zeit hätte.
  • Der Job: Meine Arbeit ist eine hochspezialisierte, bei der ich beim besten Willen keine Idee hätte, wie ich hier in Italien an eine halbwegs äquivalente Stelle käme. Und hochfliegende Pläne mit einem eigenen Häuschen im Schönen und allem Pipapo müssen nun mal leider finanziert werden; was nur geht, wenn man die laufenden Kosten mit einem regelmäßigen laufenden Einkommen decken kann. Klingt logisch oder…?
  • Die Politik: ich glaube, hier schon viel mehr als einmal klargemacht zu haben, dass ich mit Faschos nicht kann! Was zu Hause in Deutschland gilt, verliert nicht seine Bedeutung, nur weil die Fahne woanders andere Farben hat. Womit das Thema auch aus Meloniesken Gründen derzeit einfach gegessen ist. Daheim ist das rechte Gesindel wenigstens nur als Opposition im Parlament vertreten; was schon schlimm genug ist.

Ach ja, Träume sind Schäume. Ob ich dennoch immer wieder weiter über solche Dinge nachdenke und gelegentlich auch verstohlen die Optionen prüfe? Da dürft ihr aber sicher sein! Nicht, weil ich Deutschland nicht mag; sogar ganz im Gegenteil! Aber mein Geist verlangt immer wieder nach solchen Planspielen, welche mir die Chance eröffnen, andere Lebensentwürfe auszuprobieren, ohne diese wirklich in aller Konsequenz leben zu müssen. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass ich etwa allein damit bin, die zig Millionen aus diesem oder jenem Jackpot zumindest gedanklich schon komplett ausgegeben zu haben, egal, ob ich nun getippt habe, oder nicht… Wir alle brauchen ab und an diesen Eskapismus, denn er lässt uns unsere eigene – bisweilen durchaus belastende – Existenz etwas weniger bedrohlich erscheinen. In diesem Sinne dürfte der Urlaub hier durchaus noch etwas länger dauern. Ich gelobe daher hiermit, jeden Tag zu genießen. Schönes Wochenende.

Benvenuti nelle Marche N°11 – …immer vorwärts?

“Manchmal…”, sagte die beste Ehefrau von allen, “…bist du sehr schnell unterwegs.” Es ist diese Feststellung, dass ich im Urlaub wohl mit einer forschen Zielstrebigkeit unterwegs bin, die mir selbst gar nicht so auffällt. Ich dachte kurz darüber nach, als am gestrigen Abend das Gespräch darauf kam. Und die Rechtfertigung, welche mir sogleich einfiel, klang ungefähr so: man(n) kommt halt wahrscheinlich nur einmal hin und dann sollte man(n) so viel wie möglich von dem Ort gesehen haben. Natürlich ist dies keine Begründung dafür, im Urlaub zu viel Gas zu geben (wenn auch nur per pedes) und sich selbst damit der Ruhe des Flanierens zu enthalten. Insbesondere, wenn man nirgendwo hin muss und das Flanieren rings um das Urlaubsdomizil herum ganz vorzüglich funktioniert. Habe ich tatsächlich Reise-induzierte FOMO (Fear Of Missing Out)? Also Travel-Induced Fear Of Missing Out => TIFOMO. Oder ist es vielleicht etwas ganz anderes? Ich denke nun schon seit gestern darüber nach und glaube mittlerweile, dass die Erklärung eine andere ist: es ist einerseits dieser Durst nach neuen Stimuli, nach Input, der für mich vor allem visueller Natur sein muss. Andererseits ist es aber auch dieser Drang, sich von allem freimachen zu können. Weshalb ich, so oft es mir möglich ist, ohne die Menschen, welche mir nah sind zu sehr vor den Kopf zu stoßen nach Gelegenheiten suche, für mich zu sein und die Dinge alleine zu erkunden. Eigentlich passt das Zitat von Riddick, welches mir dazu eben gerade einfällt nicht ganz, denn im Gegensatz zu mir ist er schnell: “Es gibt nur eine Geschwindigkeit – MEINE Geschwindigkeit!”

Es wird sogar noch etwas paradoxer, wenn ich nun zugeben muss, dass ich im Prozess des vorwärts Eilens wohl auch schneller meine verfügbare Energie verbrenne und dadurch manchmal aufgeben muss, bevor ich alles gesehen habe, was eigentlich auf meinem Zettel stand. Denn irgendwann tun in der italienischen Hitze die Füße weh, der Kopf ist warm und die Zunge trocken (trotz regelmäßigen Nachfüllens von Betriebsstoffen, wie etwa Wasser). Wie blöd ist das denn? Der Urlaub sollte doch eine Zeit des Müßigganges, der ziellosen Kontemplation und des Auffüllens der eigenen Batterien sein, und keine erschöpfende Hetzjagd nach neuen Bildern… oder? Wenn ich dann allerdings abends da sitze und noch einmal Revue passieren lasse, wo ich an dem Tag überall war, was ich gesehen und erlebt habe, dann bin ich plötzlich auf eine Art zufrieden, die ich nicht erklären kann. Irgendwie werde ich dann wieder zu dem Kind, das in sich alles aufsaugt und erst im Nachhinein zu verarbeiten beginnt. Oder ein bisschen wie Nummer Fünf, dieser knuffige Roboter, der nach so viel Input verlangt, weil er alles (vor allem aber die Menschen) verstehen und so zu echtem Leben kommen möchte. Nun rede ich mir immer gerne ein, dass ich keine Nummer bin, sondern ein freier Mensch – um allerdings recht häufig, ebenso wie Number Six für sein “I’m not a number, I’m a free man!”, nur eine dreckige Lache zu ernten. Ich bekomme mein Gelächter allerdings nicht von Number Two, sondern vom Schicksal selbst. Also bin ich doch Nummer Fünf; aber eher in dem Sinne, dass es vielen Anderen wahrscheinlich genauso geht, wie mir. Ob das wohl ein Trost sein kann…?

Reden wir gerade über die viel beschrieene Individualität, wenn es um das Urlaub machen geht? Vielleicht. Allerdings nicht darüber, ob man lieber in ein Luxus-Ressort mit All-you-can-eat-Buffet, zum Backpacking am anderen Ende der Welt, auf eine Kreuzfahrt über irgendeinen Ozean oder eben doch das in das Selbstversorger-Appartment in Mittelitalien reist, um sein ganz spezielles Glück zu finden. Wir reden gerade über die spannende Frage, wie man auf Reisen unterschiedlichste Persönlichkeiten und ihre jeweiligen Bedürfnisse unter einen Hut bekommt – und die erste, intuitive Antwort ist: gar nicht! Was aber erklärt, warum der vielgepriesene (oder, wenn man Andere fragt vielgescholtene) Familienurlaub auf immer per Definition ein Drahtseilakt bleiben muss. Vollkommen unabhängig davon, wie alt die Kinder sind; und wie konziliant oder durchsetzungsstark sich alle Beteiligten begegnen. Denn irgendein Träumchen bleibt immer auf der Strecke. Und was fange ich mitbder Erkenntnis nun an? Ist ganz einfach: wenn Städtetouren, dann geht jeder seinen eigenen Weg. Und ansonsten müssen wir wenigstens einmal an einen traumhaften See und einmal ans Meer. Darauf können sich alle einigen. Der Rest findet sich für mich zwischen Lesen und Schreiben und Dösen und Denken und Schwimmen. Denn eigentlich ist alles, was ich brauche schon da. Und bei euch so…