Altes Denkfutter, frisch poliert!

Ich habe mich dazu entschieden, ein paar ältere Texte nach dem Redigieren zu veröffentlichen, da diese aber nochmals umfangreicher sind, als meine „normalen“ Blogposts, die ja auch eher mächtig daher kommen, kommen diese auf eine eigene Seite, die sich über das Header- oder das seitliche Menü aufrufen lässt

=> Po(pulär)philo(sophie) à la Zimbo

Wenn’s interessiert…

Postmodern – was issen des? (Postmodern N°0)

Also, wenn man einfach nur das Wort auseinander dröselt, bedeutet es „Nachmodern“, weil die Vorsilbe „post“ nach bzw. danach bedeutet. Mit dem Wort modern wird es dann allerdings schon problematisch, weil zum Einen die Ansichten darüber was modern sei, doch sehr deutlich differieren und zum Anderen mit diesen Worten bereits ein Irrtum begangen wurde. Es geht nämlich nicht darum, WAS man als modern betrachtet, sondern WANN. Nun, für die Kulturgeschichtliche Epoche der Moderne kann man zumindest so etwas wie einen Anfang angeben; nämlich den Zeitraum zwischen Ende des 18ten und Mitte des 19ten Jahrhunderts, als die europäischen Staaten sich langsam vom feudalen zum bürgerlichen Gesellschaftsmodell zu entwickeln begannen. Wobei auch diese Angabe bereits Einschränkungen enthält, weil sie auf einer sehr eurozentrischen Weltsicht beruht. Woanders auf dem Globus haben sich Gesellschaften – nicht zuletzt allerdings auch unter dem Einfluss der europäischen Staaten als Kolonialmächte – zu anderen Zeiten auf andere Art entwickelt.

Wollen wir aber um der Einfachheit Willen annehmen, die Moderne als Zeitalter habe ca. mit der Staatsgründung der USA bzw. der französischen Revolution begonnen. Wann beginnt dann die Nachmoderne? Gestern? Nach dem Ende des 2. Weltkrieges? Nach dem Ende des ersten Weltkrieges? Noch überhaupt nicht? Und was kennzeichnet eine solche Epoche? Ich meine, wenn wir heute von modern sprechen, was meinen wir im Kern damit? Mit einem Tablet auf den Knien in der Monorail zur Arbeit fahren? Die Freiheiten und den Pluralismus, welche entwickelte Demokratien ihren Bürgern bieten? Bürgerbewegungen für einen ökologisch nachhaltigeren Umgang mit unserer Umwelt? Alles zusammen, oder gar nichts davon, oder wie jetzt…?

Wenn man Literatur zum Thema wälzt, dann tauchen verschiedene Namen auf und philosophische Konzepte, die so weit vom Leben der Menschen weg sind, dass es einem sehr schwer fällt, guten Gewissens behaupten zu können, dass die Philosophie die Mutter aller Wissenschaften sei. Das Meiste davon ist für den Ottonormalverbraucher – und übrigens auch für mich – schwer verdaulich und macht kaum Sinn, so dass es für mich, auch wenn ich manches zumindest faszinierend finde, dennoch an der Zeit sein dürfte, mir meine eigenen Gedanken dazu zu machen.

Sicherlich werde ich jetzt nicht mit einer Definition aus meinen Augen anfangen, das wäre nicht nur schlechter Stil sondern schlicht unredlich, weil man die verschiedenen Aspekte eines so komplexen Begriffes ja erst einmal überdenken sollte, aber ich will ein paar Fragen formulieren, die des Nachsinnens wert sein könnten und mich darum bemühen, dann und wann in nächster Zeit je eine nach bestem Wissen, Gewissen und sonstigen -issen zu beantworten.

Darum hier die erste Frage: Wo beginnt für mich ganz persönlich die Moderne?

Mal schauen, was mir so einfällt.

Wer braucht denn heute noch den Papst?

Ein Anachronismus. Aus der Zeit gefallen, überkommen, versteinert im Zinober der ureigenen Rituale, nicht Reformfähig oder Reformwillig, gestrig in den Ansichten und in keinster Weise politisch, selbst da nicht, wo viele es sich wünschen würden. Das Bild, welches viele Menschen heute von der katholischen Kirche haben, ist wenig schmeichelhaft und in mancherlei Hinsicht vermutlich – leider – gar nicht so falsch. Genau deswegen ist es aber so wichtig, sich einmal kurz ein paar Gedanken darüber zu machen, ob diese Umstände die Institution katholische Kirche en complet entwerten, oder ob nicht doch manches, auch wenn dies auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, vielleicht irgendwie einen Sinn hat.

Es ist oft so, dass man sich ein schnelles Urteil erlaubt, basta, zack und weg, ohne sich die Dinge genau anzuschauen, ohne sich zu fragen, was einen eigentlich dazu gebracht hat, genau das zu denken und nicht etwa irgendwas anderes. Erfahrung aus erster Hand, Erfahrungen aus zweiter, dritter oder vierter Hand, also mit anderen Worten Dummgebabbel? Wie seriös sind die Quellen, auf welche man sich berufen kann, wie breit die empirische Basis? War es nur ein singuläres Ereignis, dass einen zu einer Meinung geführt hat, oder durfte bzw. konnte man mehr Erfahrung sammeln? Die Komplexität der eigenen Informationen, vielleicht vernetzt mit anderen Wissensgebieten – das, was der Volksmund gerne den Blick über den Tellerrand nennt – ist nicht unbedingt kausal für ein realistischeres Urteil, aber sie macht es zumindest wahrscheinlicher.

Wenn wir den Blick nun wieder zurück schweifen lassen zur Eingangs erwähnten Institution, was kommt einem da zuallererst in den Sinn? Die Bilder eines müden alten Mannes, der in recht spektakulärer Weise seinen Rücktritt von einem der prominentesten Ämter der Welt verkündet hat. Skandalöse Enthüllungen über das ausschweifende, missbräuchliche Verhalten so mancher gebildeter Männer, denen wir eigentlich das Etikett eines Behüters, eines Helfers, eines Seelsorgers geben wollen, da sie Kraft Amtes die Nächstenliebe im altruistischen Sinne für sich gebucht haben müssten? Beeindruckende Bauten, die bis heute den Geist der Geschichte atmen? Den kleinen Abzug auf unserer Steuererklärung? Die eigene Hochzeit? Was kommt da alles zusammen, was bedeutet es, wenn es denn überhaupt noch eine Bedeutung hat und wie gehen wir mit der daraus erwachsenden Ambivalenz um? Mit dieser Mischung aus so vielen gegensätzlichen Bildern und Symbolen, die mehr verwirren, als sie Klarheit zu schaffen vermögen…

Sicherlich kann man nicht behaupten, dass jene, welche üblicherweise die Entscheidungen über die Wege der Kirche zu treffen haben sonderlich jung, sonderlich modern oder irgendwie säkular orientiert wären, wobei letzteres für sich betrachtet auch als Markenkennzeichen verstanden werden könnte. Von Kirche erwartet man gemeinhin, evoziert von den vorhin beschworenen Bildern, ein würdevolles Verhalten, eine Orientierung an tradierten Werten, so etwas wie eine Insel der Ruhe in einem Ozean aus digital beschleunigtem, hohlem Geplapper, welches leider auch unsere Informationsmedien heutzutage nur allzu oft dominiert.

Doch bleibt, auch wenn man sich darauf einlassen möchte, seine individuellen Betrachtungsweisen durch eine bewusste Reflexion an einem sehr alten Spiegel zu entschleunigen der Umstand bestehen, dass zwischen den Kurienkardinälen und der weitaus größten Zahl ihrer Schäfchen ein nicht unerheblicher Altersunterschied besteht, der den Verdacht eines Generationenkonfliktes aufkommen lassen könnte. Darüber hinaus wirft eine sich verändernde Welt, mithin eine sich globalisierende, mit all den dazu gehörenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen Fragen auf; neue Fragen, auf welche die alte Antworten und Denkmuster vielleicht nicht mehr wirklich passen. Auch wenn ich durchaus davon überzeugt bin, dass in der gesammelten Erkenntnis älterer Epochen so manch Hilfreiches liegt, das auch heute noch Probleme zu lösen helfen könnte. Allerdings ist es dazu notwendig, das Alte mit neuen Augen zu betrachten. Und dazu taugen die alten Herren in Soutane meist nicht wirklich.

Und hier liegt, wenngleich ich heute nicht aufgebrochen bin, um Vatikanbashing zu betreiben, das größte Problem. Die der katholischen Kirche zu Grunde liegende Hierarchie, welche in Punkto Strukturkonservierung unglaublich effizient ist, macht es notwendig, sich lange hochzudienen bevor man an eine einigermaßen einflussreiche Position gelangen kann. Das ist ein wenig wie der – hier um der Wirkung willen stereotyp beschriebene – Lebensweg des Parteisoldaten, der auf der Durchmessung zumeist notwendigerweise Kontur gegen Compliance tauscht.

Will heißen, ist man oben, will man nix mehr ändern, weil man gelernt hat, das Veränderung u.U. Privilegien beschneidet, Strukturen zuungunsten von Planungssicherheit beeinflusst und somit oft auch Machtverteilungen verändert. Wer aber erst einmal Macht erlangt hat, behält sie auch ganz gerne. Und wer sich durch eine so komplexe Struktur wie die katholische Kirche hindurch gearbeitet hat, ihre Geheimnisse und Rituale kennen und schätzen gelernt hat, der wird wenig daran interessiert sein, all das zu gefährden.

Auch wenn sich die katholische Kirche gerne apolitisch gibt, haben Indiskretionen der Vergangenheit gezeigt, dass es sehr wohl Verflechtungen zwischen sakral und säkulär gab und wohl auch noch gibt, die durchaus die Wahrnehmung politischer und wirtschaftlicher Interessen beinhalten – von irgendwas muss die Kirche als Institution ja auch leben, nicht wahr? Doch auch bei Betrachtung all dieser strukturellen Probleme und historisch gewachsenen Widersprüchlichkeiten muss man anerkennen, dass die auf geniale Art institutionalisierte ideelle Reichhaltigkeit und Reichweite bis heute beachtlich sind.

Ich würde es als Übertreibung bezeichnen, Kirche heute immer noch als sinnstiftend anzusehen. Das mag im Mittelalter gegolten haben, doch seit dem Ende der vormodernen Zeit haben sich die Dinge ein wenig gewandelt; der Mensch hat herausgefunden, dass das Individuum an und für sich nicht nur ein Recht auf Subsistenz sondern auch auf sein wahrgenommen werden, seine eigene Meinung und die Vertretung seiner Interessen gegenüber anderen hat, ohne dass dies dem Lehnsherren gefallen muss. Und mit den Rechten und Interessen des Individuums tut sich Mutter Kirche immer noch schwer – andererseits gibt es ja auch eine Menge moderner säkularer Staaten, welche die Menschenrechte tagtäglich mit Füßen treten, bzw. mit Knüppeln malträtieren. Aber darüber reden wir lieber ein anderes Mal. Denn allen offensichtlichen Defiziten zum Trotz wirkt die katholische Kirche für viele bis heute als eine Quelle der Inspiration, der Motivation und eines Ausgleichs, der vielerorts weltlich nicht zu bekommen ist.

Bei aller Zwiespältigkeit, welche mich ansonsten beim Betrachten dieses wahrhaft altmodisch strukturierten Konglomerats von manchmal allzu bemüht wirkender gläubiger Demut und Gelehrsamkeit überkommt, muss ich respektieren dass der Glaube, den diese Institution spendet, offensichtlich die Kraft hat, Elend zu lindern, Hoffnung zu geben und das auf eine Art und Weise wie es keine moderne, weltliche Organisation vermag. Ich persönlich würde mir zwar wünschen, dass man im Vatikan das eine oder andere zu überdenken beginnt, aber sich dieser Faszination zu entziehen, gelingt auch mir nicht vollkommen. Vielleicht doch ein guter Grund sich ab und an mit Anachronismen zu arrangieren…?

Nur so als Randbemerkung: der Umstand, dass ich selbst für meinen persönlichen Glauben an Gott kein irgendwie institutionalisiertes Gewand – also eine Kirche im Sinne der Organisation wie auch als Gebäude – brauche, steht aus meiner Sicht kaum im Widerspruch zum Gesagten, muss doch jeder seinen spirituellen Weg selbst finden. Und wenn der für viele immer noch unbedingt durch das Portal eines Sakralbaus führen muss, dann ist das halt so. Ich erwarte nur, dass man sowohl meinen Glauben als auch den des Kirchgängers in gleichem Maße respektiert. Und dabei ist die katholische Kirche leider auch noch ordentlich hintendran. Aber vielleicht kann Franziskus es ja besser…

Alles nur Äußerlichkeiten…

Reduziert werden auf das, was man sehen kann. Ein Gefühl, dass viele Menschen mit Erschrecken weit von sich weisen, weil sie es fürchten, weil sie sich gedrängt vom allüberall herrschenden Überschuss an dem, was unsere Wahrnehmung uns als Ästhetik vorgaukelt überwältigt und entwertet fühlen, niedergeworfen von dem kaum kompensierbaren Gefühl optischer Unzulänglichkeit. Unsere Wahrnehmung ist dabei wie ein Bumerang, der uns trifft, wann immer wir uns von den aufpolierten Hochglanzbildern blenden lassen, welche Andere auf das Postament mit dem Namen Schönheit zu hieven die Frechheit besitzen.

Ich mag einen kleinen Schuss Polemik und Populismus, weil viele meiner Pointen ohne nicht funktionieren würden, aber es griffe wohl deutlich zu kurz, wenn ich mich darauf beschränkte, jetzt wieder singulär die bösen, bösen Medienfuzzis zu schelten, die uns andauernd mit delikat angerichteten sexy Häppchen beliefern, von denen wir unseren Blick nur ungern abwenden, weil diese Bilder gleichsam im besten wie im schlechtesten Sinne Symbole sind – Symbole für das, was wir an uns selbst gerne entdecken wollen würden: ein Äußeres, dass Begehrlichkeit weckt, dass uns Türen öffnet und ein wilderes, erfüllteres Leben verspricht.

Mit Versprechen ist es ja nun so, dass sie meist entgegen aller Schwüre dann gebrochen werden, wenn es uns den größten Schmerz bereitet. Murphys Law gilt eben auch für weiche Faktoren des sozialen Miteinanders. Was aber nun die Symbolik angeht, so lässt sich sagen, dass der schlechteste Sinn sich darin erfüllt, dass die gezeigten Bilder überstilisierte, mit normalem Aufwand unerreichbare Ideale zeigen. Das Ironische daran ist, dass wir – egal ob in Kenntnis, Unkenntnis oder Verleugnung des vorgenannten Umstandes – dennoch nach dieser optischen Perfektion gieren, die anscheinend eine Projektionsfläche für in den allermeisten Fällen nicht erfüllte Träume bildet. Oder anders gesagt ein Versprechen, auf das wir uns einlassen, obwohl wir wissen, das es nie eingelöst werden wird; nie eingelöst werden kann. Denn dafür müssten wir die Realität bescheißen können.

So und jetzt trösten wir uns erstmal ein bisschen damit, dass wir im Grunde ja alle so gebildet, so reflektiert und zutiefst empathisch sind, dass wir trotz der ganzen vorgeblich ästhetischen Verrenkungen die wirklich wichtigen inneren Werte sofort erkennen können, zu schätzen wissen und uns von visuellen Komponenten ja eigentlich gar nicht täuschen oder ablenken lassen… Ja klar und Luzifer verkauft Jakuzis mit eingebauter Kühlung.

DAS ist Perfektion – allerdings nicht optische sondern selbstbetrügerische. Ich habe eigentlich kein großes Problem damit, mich dazu zu bekennen, dass mir bestimmte Formen der Hochglanzoptik durchaus zusagen und das ich eher dazu neige einer schönen Frau hinterher zu sehen, als einem Mauerblümchen oder gar jemand hässlichem. Es ist, so meine ich, nicht verwerflich sondern zutiefst menschlich, sein Augenmerk, ja vielleicht auch seine Begierde auf etwas oder jemand schönes auszurichten. Es schmeichelt nicht nur dem Auge, es weckt auch meine Phantasie. Allerdings bleibt es auch beim Kopfkino, was daran liegt, dass ich visuell überaus ansprechende Träumereien, Wunschvorstellungen und Hirngespinste in der Hollywood-Kategorie sehr gut von meiner Lebensrealität zu trennen vermag, ohne diese dabei herabwürdigen zu müssen. Ich übe mich in mentalem Eskapismus schon ziemlich lange, ohne dabei jedoch die für ein prolongiertes Funktionieren als produktives Mitglied der mich umgebenden Gesellschaft notwendigen Faktoren aus den ebenso metaphorischen Augen verlieren zu müssen. Eigentlich ist das auch nicht sehr schwer. Eigentlich…

Das Entscheidende hier ist, das man lernt zu begreifen, dass die Janusköpfigkeit uns allen vom Beginn unserer bewussten Indiviuums-Werdung mitgegeben wird. Nicht nur Typen mit dem Sternzeichen Zwilling, wie ich einer bin. Es ist vielmehr eine Basisfunktion, die alles Soziale aber auch die zutiefst intimen Bereiche erst richtig gut funktionieren lässt. Bei mir selbst bezeichne ich es als Bedienoberfläche, welche wie bei jedem einigermaßen gut funktionierendem Computer für den jeweiligen Benutzer ein wenig anders aussieht, aber dennoch die angemessenen und notwendigen Funktionen beherbergt. Man könnte es auch als ein Arsenal von Masken betrachten, die wir je nach sozialem Anlass und Umfeld aufsetzen, um die Ansprüche der jeweiligen Gegenüber erfüllen zu können. Abhängig vom Grad der Intimität einer Beziehung beschreibt die Maske einen größeren oder geringeren Abstand zu unserer wahren Persönlichkeit, die sich gerade in der Abgrenzung bestimmter Areale ihrer selbst von fast allem und jedem definiert, obwohl wir uns erst im sozialen Vollzug als Individuen realisieren. Klingt das kompliziert? Ist es nicht…

Es ist wie ein Tanz vor einem Spiegel, bei dem wir uns mal annähern und mal wieder entfernen, bei dem sich je nach Winkel zur Oberfläche immer andere Facetten unseres Selbst zeigen und bei dem wir nur dann so langsam werden, dass auch bedeutsame Details sichtbar werden, wenn wir genau diese Wahrnehmung unserem Betrachter gewähren wollen. Gleichsam haben wir aber im Taumel der Bewegung trotzdem nie eine Hundertprozentige Kontrolle über das, was unser Gegenüber sehen kann und dennoch können – oder wollen – wir das Spiel nicht beenden, denn dieser Tanz ist unser Leben und gleich wem wir in diesem Spiegel begegnen, er oder sie wird mindestens ein Bild von dieser Begegnung mitnehmen.

Genau deshalb sind Äußerlichkeiten genau DAS – einfach nur das Außen; und diese Bemerkung weißt dem Außen keinerlei Wertung zu. Der Tanz zeigt nicht nur Außen, er zeigt auch das Innen. Wer sich einmal die Mühe gemacht hat, echte Tänzer länger und genauer zu beobachten, dem fällt es leicht, die Analogie zu verstehen, denn selbst mit grell geschminkten, dauernd lächelnden Gesichtern und fest betonierten Frisuren zeigen die Augen, die winzigen Regungen der Mimik, der Habitus sehr genau, was sich unter der Oberfläche tut. Und in aller Regel ist das viel interessanter als das ganze Brimborium außen rum – obwohl es nicht selten durchaus schön anzuschauen ist. Die Kunst liegt darin, die Optik schlicht als Optik sehen und gegebenenfalls einfach genießen zu können und sich trotzdem der Existenz des Innen bewusst zu sein. Man muss ja nicht immer nach einem Zugang zu den inneren Werten suchen…

Motivation – ein Fremdwort?

Immer mal wieder, besonders aber in solchen Momenten, da ich so was wie eine Talsohle kommen spüre treibt mich die Frage um, was mich denn antreibt, all die verschiedenen Dinge zu tun, die ich mir leichtfertiger Weise aufzubürden die Blödheit besitze. Es ist ja nicht so, dass eine Familie, eine Vollzeitstelle und ein Fernstudium nicht reichen würden, um jeden Tag mit gefühlten 33,68 Stunden anzufüllen; dennoch scheinen sich immer noch irgendwo ein Futzel Zeit und ein paar Watt Energie zu finden, wenn eine Sache an mich herangetragen wird, oder ich über irgendwas stolpere, das ich dann schlussendlich meines Einsatzes für wert befinde.

Meines Einsatzes für wert befinden – ist das vielleicht schon der ganze Schlüssel? Geht es, wie so oft im Leben rein um die Frage, ob mein Einsatz einen Wert generiert und falls ja, welche Art von Wert dabei in den Fokus gerät? In meinem letzten Blogpost sprach ich vom Dasein als Ökonomier und kam zu dem Schluss, dass ich keiner sei. Womit sich eine Fixierung auf rein ökonomische Werte zumindest für meine Person wohl ausschließen lässt. Ich bin mitnichten dem einen oder anderen pekuniären Erfolg abhold, denn wir müssen ja alle von irgendwas unseren Unterhalt bestreiten; und ich will zugeben, das bloßes Subsistieren diesbezüglich meine Ansprüche nicht erfüllt. Das zeitigt aber kein Lebensmanagement, welches auf Maximierung meines ökonomischen Effektes hinaus will. Das wäre nicht ich, und ich will ich bleiben – wenn das ein paar Abstriche mit sich bringt, ist das halt so, solange meine Verpflichtungen gegenüber meine Lieben und mir selbst in akzeptablem Maße erfüllt sind.

Ich glaube, ich war nie ein sonderlich ehrgeiziger Mensch, es mangelt mir bis zum heutigen Tage an dem Drang, über andere Macht auszuüben, mich treibt – zumindest gefühlt – eher der Wunsch um, über die Menschen, die Welt und mich nachzudenken und dabei Dinge herauszufinden, die vielleicht irgendwann helfen können, ES besser zu machen. Und ES umfasst aus diesem Blickwinkel so unendlich viel, was sowohl global aus auch lokal betrachtet nicht so funktioniert, wie es richtig wäre; aber sich jetzt darüber auszulassen, würde den Umfang dieses Textes bei Weitem sprengen. Ich glaube aber, in ein paar – zugegeben sehr begrenzten – Teilbereichen tatsächlich etwas Substanzielles zur Verbesserung der Situation beitragen zu können und das ist für mich ein sehr wichtiger Motivator.

Wenn das jetzt nach einem Homo Sapiens Altruus klingt, einem furchtbar moralinsauren Bildungs-Gutmenschen, darf ich darauf hinweisen, dass ich einerseits zu sehr Nerd bin, um als klassischer Bildungsbürger durchzugehen und auf der anderen Seite zu abgeklärt für ein Übermaß an Moral. Wohl aber hat sich über die Jahre in meiner Denke ein Drang etabliert, mich zu jenen Themen, in denen ich mich halbwegs sicher bewegen kann, ohne sofort in den Untiefen des Detailwissens unterzugehen auch mit der einen oder anderen – so hoffe ich fundierten – Meinung zu äußern. Immer wenn ich feststellen muss, dass ich irgendwo trotz aller Vorsicht doch auf ein rhetorisches Riff gelaufen bin, mein kognitives Kanu in die falsche Strömung geraten ist, oder ich schlicht ein wenig ermattet davon bin, auf dem großen Fluss aus kollektiver Trägheit, Indolenz, Unwissen oder Besserwissen und unreflektierter Zielvorstellungen dauernd gegen den Strom rudern zu müssen, beginne ich mit einer neuen Runde der Selbstevaluation.

Irgendwelche Motivationstrainer nennen das Prioritätensortierung und reden dann davon, dass man sein Zeitmanagement optimieren und mehr delegieren muss; nur dass die wenigsten von uns Führungskräfte sind, die irgendwas an irgendwen delegieren können, oder falls sie doch über solche Kompetenz im Sinne von Dürfen verfügen nicht mit der Fähigkeit ausgestattet sind, auch auf die Kompetenzkomponente Beherrschen im Sinne von Personalführung zurückgreifen zu können. Die meisten Menschen müssen ihre Motivation schlicht aus sich selber schöpfen und dazu ist es gut sich ein paar Kleinigkeiten vor Augen zu führen, die bei fast jedem von uns gleich sind:

Wenn ich mich irgendwann zu fragen beginne, warum oder wofür ich irgendetwas tue, sollte ich mich vorher lieber fragen, ob dieses Tun etwas daran ändern wird, wer ich bin und wo ich stehe – oder besser stehen werde – und ob ich überhaupt jemand anders sein oder woanders stehen möchte? Möchte ich nun tatsächlich etwas ändern, will ich dann nur für mich etwas geändert sehen, oder habe ich als soziales Wesen, dass der Mensch in der Regel nun mal ist auch noch Andere auf meiner Kosten-Nutzen-Rechnung?

Das Gleichgewicht zwischen Egoismus und Altruismus, zwischen persönlichem und kollektivem Erreichen, zwischen Ziel und Wirklichkeit, zwischen Individualismus und Sozialität bestimmt nach meiner Erfahrung, was uns je motiviert. Es ist dabei nichts Statisches, es muss immer wieder neu mit sich selbst und der je individuellen Lebensumwelt ausgehandelt werden, was unvermeidlich Probleme, Reibungsverluste und Talsohlen mit sich bringt – aber auch jedes Mal die Chance, nach der Talsohle auf dem Anstieg was Neues, Gutes hervor zu bringen.

Diese Erkenntnis, dass nämlich das Danach immer ein Davor ist, dass immer ein neuer Zyklus kommt, den ich nur höchst selbst mit Sinn für mich anfüllen kann, aber der es mir auch erlauben wird, mich als soziales Wesen wie auch im professionellen Bereich weiter zu entwickeln, das ist meine persönliche Motivation. Sie kommt und geht, aber solange ich weiß, dass es immer irgendwie weiter geht, wird sie nie versiegen!

Bin ich ein Ökonomier?

Gute Frage, oder? Was ist denn ein Ökonomier, könnte man dagegen halten. Tatsächlich ist das die erste Frage, der ich mich widmen muss. Aus meiner Sicht – und die ist wie immer natürlich mit einem Schuss Polemik eingefärbt, weil’s Spaß macht und die Gedanken weckt – wäre das einerseits der gelegentlich beschrieben Modelltyp des Homo Oeconomicus, eines Menschenwesens, dessen Dasein sich auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung reduziert, das alles anhand der Frage beurteilt, was es ihm bringt, das sich selbst auf rationalen Egoismus reduziert und somit der voran gestellte Artikel, nämlich ein DAS voll ins Schwarze trifft, weil sich dieses Kunstwesen geschlechtslos, gleichsam asozial darstellt und somit quasi einen unbestimmten Genus hat. „Voll ins Schwarze“ passt in dieser Analogie auch, wenn man mit dieser Farbe einen Politiktyp assoziiert, der klassisches, Konservatives Denken neoliberalistisch bastardisiert hat, um sich eine Berechtigung für die bedenkenlose Entfesselung von Adam Smiths metaphorischer unsichtbarer Hand verschaffen zu können.

Auf der anderen Seite ist dieses Kunstwesen aber nicht sozial entkoppelt, sondern vielmehr vollkommen eingebunden in den Fluss der Informationen, Meinungen, Bewegungen, den das Netz zu jeder Zeit und an zumindest sehr vielen Orten unserer Welt bietet. Also ein soziales Zwitterwesen, welches sich in der virtuellen Ferne die Nähe sucht, doch sich gegen echte Nähe isoliert und sich so langsam aber sicher der ungefilterten Sozialität entfremdet.

Sind wir also auf einer Schnellstraße in eine Welt voller egoistischer Arschlöcher? Nun, zunächst sind diese Gedanken in erster Linie Kunstfiguren. Ökonomen machen sich immer einen Kopf darüber, was Menschen motiviert in aller erster Linie deswegen, weil sie neue Ideen brauchen, wie man Menschen das Geld aus der Tasche zieht, bzw. sie dazu bewegt mehr und effektiver zu arbeiten – am besten für weniger Geld! Der Homo Oeconomicus ist somit nicht mehr als akademische Hirnwichserei, da verschiedenste Persönlichkeitselemente und Sozialisationsumstände sich schlicht der Betrachtung durch diese Theorie entziehen und Menschen nun mal nicht vor einem Computerbildschirm aufwachsen, sondern in aller Regel umgeben von anderen Menschen – welchen Einfluss auch immer diese ausüben mögen.

Wenn man sich nun also über das schwindende Maß an Solidarität in unserer Gesellschaft beklagt und sich sorgt, dass die schwieriger werdenden wirtschaftlichen Umstände – Stichwort Globalisierung – gepaart mit der Informationsrevolution Internet unsere bislang bekannte Form miteinander zu leben über den Haufen werfen werden, darf ich sie beruhigen: das hat schon angefangen und es passiert jeden Tag ein bisschen mehr. Gesellschaften sind nämlich, so wie Lebewesen auch einer Evolution unterworfen, sie entwickeln sich zusammen mit den Menschen, den wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen stets weiter und das kann man auch nicht aufhalten. Stellen sie sich mal vor, wie sich Menschen gefühlt haben müssen, die zum ersten Mal eine Dampfmaschine, ein Auto oder gar ein Flugzeug erblicken konnten. Oder Kulturen, denen eine Änderung ihres politischen und sozialen Systems von Eroberern aufgezwungen wurde, in Afrika, in Indien, in Asien, immer und immer wieder in der Geschichte. Unsere moderne Industriegesellschaft ist ein hochkomplexes Gebilde mit vielen eigenständigen Subsystemen, die in vielfältiger Weise miteinander agieren, hinunter bis zum einzelnen Individuum. Nicht alle entwickeln sich zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung, dass ist dem Pluralismus geschuldet, den größere persönliche Autonomie im Zuge der Demokratisierung mit sich gebracht hat; und das ist gleichsam die Verpflichtung, bei aller persönlichen Freiheit einen gemeinsamen Weg finden zu müssen, der für alle wenigstens akzeptabel ist.

Pluralismus ist gut, denn er erzeugt mehr Meinungsvielfalt, mehr Lebensmodelle, mehr Ideen und Bewegung – aber natürlich auch mehr Chaos. Soziale Klassen werden entgrenzt, Milieus und Subkulturen entwickeln sich und verschwinden wieder, Meritokratie tritt an die Stelle von Aristokratie, der Besitz von Privilegien ist an andere Voraussetzungen gebunden und verschiebt sich und zur gleichen Zeit scheint es, als wenn jeder zu allem werden könnte, aber keiner eine Ahnung hat, wer oder was er sein möchte. Dieser Widerspruch ist allerdings nur schwer aufzulösen, da sich das Tempo, in dem sich unsere Gesellschaft entwickelt einerseits erhöht hat, andererseits die Diffusion und Verselbstständigung gesellschaftlicher Teilsysteme immer mehr zunimmt.

Tatsächlich sind die sozialen Strömungen im Moment zu uneinheitlich, und geben zu viele konvergente Impulse ab, als dass man sich einfach darauf verlassen könnte, sie irgendwann einfach wieder an ihrem angestammten Platz zu finden. Vielmehr sollte man sich von der Idee des Gestern verabschieden, sich selbst fragen, welches Morgen einem zusagen würde und sich aufmachen daran zu arbeiten, dass es zustande kommen könnte.

Um auf die anfangs gestellte Frage zurück zu kommen: Weil ich davon träume, bin ich kein Ökonomier! Ich stelle sehr wohl fest, dass es Menschen gibt, die durch die Möglichkeiten und den Einfluss der Neuen Medien eine potentiell schwierige persönliche Entwicklung nehmen können, aber mitnichten hat das Netz den Mensch als wichtigste, unmittelbare Sozialisationsinstanz abgelöst, noch wird es dies in absehbarer Zeit tun. Schlicht weil in jedem von uns die Erkenntnis verankert ist, das der Mensch als grundsätzlich soziales Wesen sich nur im ungefilterten sozialen Vollzug realisieren kann und sich dies – wie unzureichend es gegenwärtig auch in manchen Milieus und an manchen Orten stattfinden mag – immer noch jeden Tag überall vollzieht.

Unsere gesellschaftlichen Bezüge, unser Normen- und Wertegerüst verschieben sich, wie sie das zu allen Zeiten graduell getan haben, doch daraus den Untergang unserer Kultur ableiten zu wollen – die im übrigen auch nur ein prozessuales Konstrukt ist – halte ich für ein wenig verfrüht. Ich bin vielmehr gespannt, wohin uns der Weg führt und ich werde ihn gehen, auch wenn mir sicher nicht alles, was es hinter der nächsten Biegung zu sehen gibt gefallen wird. Gehen sie doch einfach trotzdem mit!

Gedanken im Flug…

Lebend sterben oder sterbend Leben – wo ist der Unterschied, wenn ich nichts fühle…? Ich haste vorwärts, auf der Suche, nein auf der Jagd… doch nach was? Nach Sinn vielleicht, nach Erkenntnis, oder doch nur nach einer neuen Möglichkeit die Zeit, die mir geschenkt ist sinnlos anzufüllen. Sinnvoll anzufüllen? Doch mit was? Mit Worten oder mit Taten? Mit Gedanken oder mit Aktion? Vielleicht einfach mit Nichts; was süßer sein kann als alles andere zusammen, aber einen unangenehmen Geschmack im Mund hinterlässt, metallisch wie Blut, wenn man sich auf die Zunge gebissen hat. Habe ich verschwendet? Zeit, Geld, Ressourcen nicht optimal ausgenützt? Manage ich mich als Unternehmen im Kampf gegen all die anderen Ich-Unternehmen erfolgreich genug oder wirft mein Leben doch nicht ausreichend Profit ab? Was ist der Lebensprofit überhaupt?

Ich haste weiter auf der Jagd. Stelle ich überhaupt die richtigen Fragen oder drehe ich mich nur im Kreis, drehe ich mich um mich selbst, so wie es meine Natur ist, so wie es des Menschen Natur war, seit er glaubt, das Denken gelernt zu haben; was aber nicht mehr tolerierbar ist in einer Welt, in der sich alles irgendwie um etwas dreht, aber nichts mehr bedeutet als das, was es kostet. Koste ich oder werfe ich ab – und falls ja was oder wie viel und für wen? Belaste ich, oder entlaste ich? Auf welche Art verlaste ich? Nämlich all die Fragen auf meiner Seele, auf die keine Antworten gegeben werden, es sei denn, ich suche sie selbst; in mir, in dem was ich tue, darin wie ich es tue, wen ich damit auf welche Weise berühre und was das für mich bringt oder was es mich kostet. Denke ich also überhaupt? Und falls ich es zustande bringe, komme ich damit irgendwann irgendwo an…?

Und wieder treiben mich meine Gedanken weiter, denn diese bleiben nicht stehen; sie kommen stets schneller, als meine Finger sie der Tastatur zu schenken vermögen, weitaus mächtiger, als alles, was meine dürren Worte zu vermitteln fähig sind, komplexer, lieblicher, grausamer, seltsamer, verschlungener, verstörender, verführender, immer anders und doch stets gleich, denn es sind meine Gedanken und ich kann sie teilen oder es lassen. Ganz wie es mir beliebt! Empfinde mich plötzlich als reich, denn ich bin der Herr all des Gedachten, das sie vielleicht nie erfahren können, denn ich schenke nicht alles, was mich ausmacht, nur soviel, das es eben genügt, Bilder in den anderen Köpfen ringsum entstehen zu lassen.

So lebe ich sterbend, denn mit jedem Gedanken, der mich verlässt und in der Welt sein Unheil anrichtet schenke ich einen Teil meiner Energie her und auch wenn das Feedback einen Teil dieser Kraft vielleicht recycelt – war das geäußerte nur originell genug, kann es nicht reproduziert werden und eine neue Originalität kostet neue Kraft; Ich will ich mich doch stets aufs neue selbst finden, in dem was ich denke und sage, will schaffen, will erschaffen und wieder finden, was ich beim herschenken meiner Worte zu verlieren glaube. Bin doch Narr genug, bis heute nicht verstanden zu haben, warum der Krug denn ich so gerne ausgieße sich immer aufs Neue füllt, ohne, dass ich mich dafür anstrengen muss. Bin gesegnet mit vielen Dingen, mit wundervollen Menschen um mich, und manchmal mit Inspiration und dem Wunsch diese zu teilen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, ohne Ziel aber immer mit der Angst sie ungenutzt verglühen zu lassen, wenn ich sie nicht rechtzeitig teile.

Haste also weiter, atemlos, überwältigt von dem was mich treibt, unfähig zu begreifen warum, und ebenso chancenlos, vorher zu erfahren wohin, also lasse ich mich einfach treiben, genieße den Ritt wie eine Zugfahrt mit dem Glacier-Express, die Landschaft rauscht vorbei, zu schnell um jedes letzte Detail einsaugen zu können, aber doch langsam genug um zu begreifen, dass ich dieses Panorama nicht begreifen kann, denn was hier erschaffen wurde, ist zu gewaltig um es verstehen zu können. Bestenfalls habe ich genug Kraft es zu würdigen; also würdige ich nach Kräften, während der Sog mich fortzieht, denn das Leben ist zu kurz um es an einem Panorama zu verschwenden, wenn es doch noch so viele andere gibt, an deren Schönheit man verzweifeln möchte, weil sie einem die eigene Unzulänglichkeit, die eigene Schwäche zeigen, ohne einen bösartig zu verhöhnen. Man erkennt einfach nur eine Grenze. Es gibt so viele Grenzen, aber diese eine, die vermutlich mächtiger ist als alle anderen, die muss jeder irgendwann begreifen lernen.

Sterbe ich also tatsächlich lebend? Biologisch betrachtet jeden Tag ein bisschen, da ich das zarte Alter von 25 schon lange hinter mir gelassen habe aber das ficht mich nicht, denn noch ist der angebliche Verfall ohne Zeichen einhergegangen. Und doch kann ich nicht leugnen, dass ein Teil stirbt. Die Leichtigkeit, das unerhört freie Gefühl der Unsterblichkeit, das lässige Drauf-Scheißen, die Spontaneität; all diese sündigen Vorzüge der frühen Jugend sterben tatsächlich mit jedem Tag ein bisschen, weil mit jedem Tag das Leben ein winziges Mehr an Verantwortung, an Notwendigkeit, an Kompromissbereitschaft injiziert. Ohne, dass man es fühlen kann. Und plötzlich ist sie da, die Ohnmacht, wenn man begreift, dass man etwas verloren hat, von dem man sich immer geschworen hat, es stets im Herzen festzuhalten.

Es drückt, es würgt mich, wirft mich nieder, lässt mich entsetzt, atemlos und zugleich vollkommen leer zurück. Narretei! Vergiss die Freiheit, denn du bist ein Rädchen im Getriebe der Welt und ohne diese Rädchen gibt’s auch die Welt, in der du es dir so schön eingereichtet hast nicht mehr. Höhnisch klingt die Stimme der Ratio in meinem Schädel, verlacht mich ob meinem kindischen Wunsch nach mehr Freiheit, nach frischem Geist, nach all dem, was ich mir verloren glaube. Ich will schreien, will aus dem grauenhaften Alptraum erwachen, will fort, will nicht mehr sterbend leben – doch plötzlich fühle ich!

Ich entdecke nun, dass der Funke nicht fort ist, ich habe ihn nur unter dem Gebirge der Verpflichtungen verkramt, auf dem Schreibtisch meiner Seele unter den ganzen Rechnungen gestorbener Träume und enttäuschter Hoffnungen vergessen. Doch er glimmt nicht nur, er strahlt, hat kaum an Kraft und Glanz verloren. Plötzlich wird die Hast zur Ruhe, die Rastlosigkeit zur Gewissheit. Begreife plötzlich, woher die Kraft kommt, die gerne hergeschenkte und darob niemals verschleuderte. Weis, was mich treibt, was mich hetzt, was mich nicht stillstehen lässt. Und plötzlich ist egal, ob ich lebend sterbe oder sterbend lebe, denn ich fühle – fühle die unbändige Lust, auf’s neue Bilder in die Köpfe der Menschen zu schicken. Bilder, die – so hoffe ich – Kraft in sich tragen und vielleicht den einen oder anderen dazu bringen, nach seinem eigenen Funken zu suchen. Denn er ist ganz sicher da … und wartet nur darauf, wieder gefunden zu werden.