A snipet of spontaneity

Es ergibt sich. Manches zumindest. Oder besser gesagt, vieles. Nämlich, dass sich Dinge selten so fügen, wie wir es uns in unserer Vorstellung ausmalen. Wir werden nur höchst selten zu Rockstars, zu Schauspielern oder umschwärmten Autoren und wenn es dazu kommt, dass jemand es tatsächlich schafft, sich in einem der vorgenannten Metiers des Medienschaffens zu etablieren, darf er oder sie alsbald vom bitteren Teil der Frucht vom Baum der Erkenntnis kosten – jenem Teil der den Preis des Ruhms enthält. So wie Janus zwei Gesichter oder die Münze zwei Seiten hat, zeigt sich nur allzu schnell, dass selbst das Gold ein Gewicht hat, welches einen im ersten unachtsamen Moment in die Tiefe zu ziehen vermag.

Doch auch ein mundaneres, von einer gewöhnlicheren Erwerbstätigkeit geprägtes Leben ist nur selten auf lange Sicht planbar, weil unsere Welt ein sehr chaotisches Treiben ist, in dem zum einen sehr viele unterschiedliche Individuen ihren Zielen nachgehen und dabei nur höchst selten altruistisch vorgehen. Zum anderen unterliegt unsere Existenz äußeren Einflüssen, die wir en Detail weder mit statistischen Modellen vorhersagen, noch denen wir mit einem unsagbaren Maß an Vorsicht zu entgehen vermögen. Oder anders gesagt: dem Zufall, dem Schicksal, dem Kismet oder Karma, ganz wie es der Einzelne auch zu nennen belieben mag kann man nicht entkommen.

Diese simple Feststellung hat nichts mit Fatalismus zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass man sich anstatt auf lange Sicht alles durchplanen zu wollen vielleicht lieber damit beschäftigen sollte, sein Leben, so wie es gerade stattfindet einfach mal zu leben und dem Zufall das abzugewinnen, was er bereit hält.

Das klingt so viel zu einfach und ohne Frage ist meine Aussage vielen zu vage; überdies werden nicht wenige einwenden, dass man ohne Planungssicherheit keine Familie gründen, kein Haus bauen, keine Existenz sichern kann. Aber was ist das überhaupt: Existenzsicherung? Bedeutet es, genug Vorräte, Konsumgüter und weniger mobiles Eigentum heranzuschaffen, um sich (und seinen Lieben, sofern vorhanden) ein mehr oder weniger komfortables Subsistieren erlauben zu können? Diese Sichtweise, welche von Ökonomen gerne als alleiniges Motivationsmerkmal menschlichen Strebens angeführt wird, beschränkt uns nämlich auf das Bild eines allenfalls teilautonomen Konsumenten, der sich zwar seine nächste heimatliche Umgebung aus dem Fundus der mannigfaltigen Angebote konfigurieren kann. Auf den ganzen Rest seiner Umwelt kann er jedoch nicht nennenswert einwirken, dieser wirkt vielmehr auf ihn, um noch mehr Konsum zu bewirken. Genug gewirkt, denn auf eine so simple Kausalrelation will und werde ich mich nicht reduzieren lassen.

Und das sollte niemand tun, denn so paradox es klingen mag – nur wenn wir uns von den Zwängen allzu großer Häuflein persönlichen Besitzes freizumachen lernen, können wir Nachhaltigkeit erreichen. Auch wenn dieser Begriff mittlerweile dank des Missbrauchs durch zu viele machtgeile Meinungshuren seiner Bedeutung beraubt zu werden droht, hat sein Kern dennoch Bestand: nämlich zum Wesentlichen zurückzukehren, um es zu schützen und auch für die kommenden Generationen nutzbar erhalten zu können. Und dafür sollte man gerne mal spontan werden und den Fährnissen des Alltags mit Gelassenheit trotzen, anstatt sich wegen irgendwelcher Kleinigkeiten aufzureiben. Das würde uns allen helfen.

Ey, es is Kapismus!

Für alle, die das oben exerzierte Wortspiel nicht kapiert haben – es geht um Eskapismus. Das ist, wenn man etwas Besonderes macht, um wenigstens gelegentlich den grauen Alltag vergessen zu können. Keine Ahnung, ob jetzt schon jedem klar ist, dass das zum einen so klassische Geschichten wie den eigenen Schrebergarten, eine umfangreiche Musik- oder Büchersammlung, regelmäßige Theaterbesuche oder die ehrenamtliche Mitarbeit im ortseigenen Tierheim beinhaltet; genauso aber auch Speedgolfen, Downhillbiken oder Fallschirmspringen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht der Actiongehalt der gewählten Tätigkeit, oder der Preis der notwendigen Ausrüstung – obwohl der bei Männern ja durchaus auch mal für einen Schwanzvergleich taugt – ganz zu schweigen vom Sozialprestige, mit welchem diese verbunden sein mag; nein hier zählt sozusagen nur der individuell zugemessene Gehalt, also das Maß an Realitätsflucht, dass realisiert werden kann.

Man könnte jetzt sagen, dass ein normales Hobby doch keine Realitätsflucht im psychologischen Sinne darstellt, da Vertreter dieser Fachrichtung nach meiner bescheidenen Erfahrung allzu oft recht schnell mit der Unterstellung eines pathologischen – will heißen krankhaften – Sachverhaltes bei der Hand sind. Aber Eskapismus hat für mich in erster Linie keinen psychopathologischen Gehalt, sondern beschreibt, dass man verdammt noch mal eine Pause vom Alltag braucht. Und die Art und Weise in der man sich den Pflichten, Regularien und der Enge des Hier und Jetzt zu entziehen versucht, ist eben etwas sehr eigenes; und so soll es auch sein.

Allerdings bedeuten sehr unterschiedliche Geschmäcker bzw. Interessen auch, dass den just nicht an der Sache beteiligten ein gerüttelt Maß an Toleranz abgefragt werden kann, denn mancher Versuch der Alltagsflucht mutet für den nicht initiierten unter Umständen schon ein wenig sonderbar an. Ich bin Fantasyrollenspieler, ich weiß leider, wovon ich rede.

Aber genau das ist der Kern – “Jedem Tierchen sein Pläsierchen” ist nicht zu Unrecht seit über 100 Jahren ein geflügeltes Wort und auch wenn die Pluralisierung unserer Gesellschaft seit den Tagen Edwin Bormans und Adolf Oberländers mit Sicherheit zugenommen hat, geht von seiner Gültigkeit kein Jota verloren. Allerdings kann es einem heute passieren, dass die ganze Welt sehr viel schneller von vielleicht auch eher als abseitig betrachteten Freizeitgestaltungsvorlieben erfährt; Facebook und Youtube machen’s möglich. Damit muss man dann halt leben, wenn man für sich den Wunsch nach Tolerierung des eigenen Tuns reklamiert. Wichtig ist mir neben der Akzeptanz des Andersseins einerseits allerdings auch, dass man andererseits durch seine eskapistischen Eskapaden niemandem Schaden zufügt. Sollte ja eigentlich immer so sein, oder? Also, dann mal viel Spaß bei euren Hobbys. Vielleicht muss ich ja nicht immer nur von meinen erzählen…

Wird man hier gerettet?

Normalerweise habe ich – dem Himmel sei Dank – weder das Interesse, noch das Bedürfnis, mich großartig über meinen Arbeitsalltag als Healthcare Professional auszulassen. Was daran liegen dürfte, dass ich effekthascherische Berichte im Stil von “Schauen sie sich mal diese Sauerei an” als Niveaulos und dem Bild meiner beruflichen Tätigkeit in der Öffentlichkeit wenig zuträglich betrachte. Diese Darstellung korreliert allerdings mit den Eindrücken, welche mir manche meiner Kollegoiden bei ihrer täglichen Verrichtung zu vermitteln die Stirne haben.

Es steht nicht zum Besten um meine eigene Sicht auf meinen Job, obwohl ich ihn immer noch gerne und zumeist auch mit Hingabe ausübe. Das könnte zum Einen an dem Ambivalenz erzeugenden Mittelwert der mannigfaltigen Eindrücke liegen, welche ich im Laufe von fast 20 Jahren über meine Mitmenschen gewinnen durfte, zum Anderen aber sicher auch an meinen – leider in der Summe zumeist negativen – Erfahrungen mit Jenen, welche das Recht haben, meine Arbeitsumwelt nach ihrem Bilde zu gestalten.

Dies ist der Punkt, an dem ich vorsichtig werden muss, denn sicher liest auch irgendjemand von den eben genannten eventuell zumindest gelegentlich hier mit; oder wird allerspätestens in diesem Moment auf mein Blog aufmerksam (gemacht), was dazu führt, dass ich mich nicht im Klartext über die von mir ausgemachten Mängel auslassen werde, da ich keine Lust habe, von meinem Arbeitgeber hernach juristisch belangt werden zu können. Allerdings kann ich nicht umhin, mich zu ein, zwei Bemerkungen über den Grad der Professionalität im Gesundheitswesen hinreißen zu lassen.

Sofern jemand in meinem Beruf das Interesse und Engagement hat, sich selbst tatsächlich als Healthcare Professional sehen und auch dementsprechend handeln zu wollen, bedeutet dies, das er bzw. sie oft genug alleine dasteht! Das heißt, dass man selbst dafür Sorge tragen muss, vernünftige Fortbildungen zu bekommen, in denen nicht wenige Kollegoiden einfach nur störend Zeit absitzen und so den Nutzen beeinträchtigen, sondern man etwas mitnehmen kann. Das man sein gesamtes Tun oder Unterlassen genau dokumentieren und begründen können muss und sich darüber hinaus nicht selten Kollegoiden gegenüber sieht, die bis heute nicht begriffen haben, dass sich die Welt, die Medizin und das Leben in den letzten 20 Jahren weiter entwickelt haben, wodurch manchmal das alte Programm einfach nicht mehr reicht. Und schlussendlich bedeutet es, dass man sich im Falle von auftretenden Komplikationen und Problemen den Rücken selbst frei halten muss – auch und vor allem gegenüber so genannten Weisungsbefugten. Was den jeweiligen Funktionsträger hierbei tatsächlich für seine Position qualifiziert, bleibt häufig genug unerklärbar, was die Gefahr von Reibungsverlusten quasi automatisch heraufbeschwört.

Ja, es mangelt im Gesundheitswesen an verschiedenster Stelle an Professionalität und Qualität, was einer Melange aus überkommenen Strukturen, mangelndem Problembewusstsein, Filz, unnötigem Kostendruck, schwach ausgeprägter Handlungs- und Sozialkompetenz, sowie Lernunwilligkeit verschiedenster Personengruppen geschuldet ist. Dass dieses System nicht schon lange kollabiert ist, verdankt es einzig und allein dem Engagement jener, die tatsächlich Healthcare Professionals sind und nicht einfach nur so tun! Ich hoffe, dass meine diesbezügliche Motivation noch eine Weile vorhält, denn ich habe den Eindruck, als wenn es in letzter Zeit immer schlimmer wird…

Sollte bei irgendeinem der Eindruck entstanden sein, dass ich nicht ohne Ansehen von individueller Herkunft, Weltanschauung und sozialer Schicht alles situationsabhängig Nötige und Richtige für meine Patienten tun würde, will ich dem noch mal in aller Vehemenz widersprechen. Es ist nicht meine Arbeit, die mir Probleme bereitet, sondern es sind die Umstände, unter denen sie erbracht werden muss. Und deren Verbesserungsbedürftigkeit betrifft alle möglichen Beteiligten, nicht nur innerhalb meiner eigenen Zunft. Vielleicht ist das einer der Hauptgründe, warum es mich in den Bildungsbereich zieht, denn ich glaube, in meinem Metier ist da noch viel Entwicklungsspielraum.

Was ich bin? Rettungsassistent! Und ob man bei mir gerettet wird? Darauf darf man sich getrost verlassen; nur für gewisse Teile des restlichen Systems würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen!

A snipet of time.

Vor dem Rechner zu sitzen, wenn’s draußen schon dunkel ist scheint irgendwie ein Teil meines Schicksals zu sein. Ich meine, irgendwie habe ich dieses Ritual auch lieb gewonnen, denn ein nicht unerheblicher Teil dessen, was ich in meinem bisherigen Leben so an Texten verzapft habe, ist zu nachtschlafender Zeit verfasst worden. Mit gutem Grund, denn ab einer gewissen Stunde klingelt – außer in absoluten Ausnahmefällen – keine Türglocke und kein Telefon, man wird nicht von der Familie mit Beschlag belegt und alle anderen Verrichtungen sind auch schon abgefrühstückt. Muße hat etwas mit “nicht müssen” zu tun, denn man kann sich nicht einfach hinsetzen und los schreiben, wenn einem Tausend andere Dinge durch den Kopf gehen, die am besten Gestern erledigt sein wollen. Es ist zwar durchaus trainierbar, den Kopf zu klären, den Fokus auf etwas Bestimmtes zu legen, um genau darüber – auch schriftlich – zu räsonieren; doch mit einem reduzierten Umfang an Umwelteinflüssen fällt es zugegebenermaßen ein wenig leichter.

Was mich zu der Frage bringt, die mich gerade jetzt umtreibt: wann erreiche ich die meisten Menschen mit meinen Artikeln? Klingt das jetzt blöd? Rein technisch betrachtet ist es ziemlich trivial, denn das Internet ist ja immer da, nur die Zahl der Menschen, die z.B. in meinem Heimatdorf online unterwegs sind, schwankt doch erheblich mit der Tageszeit. Nun ist es so, dass so gut wie jedes Content Management System – und genau so etwas ist auch eine WordPress-Installation, also die Plattform, welche den Unterbau meines Blogs bildet – die Möglichkeit zum Zeitgesteuerten Publizieren bietet. Ich bereite also einen Beitrag vor und sage dem System, wann er online geht, um dann auf Facebook, Twitter etc. verbreitet zu werden. Eben weil es meistens draußen dunkel ist, wenn ich gerade schreibe, meine Artikel aber in einer beliebigen Anwendungstimeline zu gewissen Zeiten einfach untergehen würden, wenn sie immerzu nur Nachts um eins erschienen.

Zumindest denke ich mir das. Die klassische Zeiten, zu denen die allermeisten Menschen online sind, finden sich ja am späten Vormittag und Nachmittags zwischen Büroschluss und der Tagesschau; diesbezüglich sind wir schon irgendwie Gewohnheitstiere. Ergo stelle ich meine Artikel meist dann online. Aber macht das wirklich einen Unterschied, oder bilde ich mir das nur ein? Wird’s wirklich gelesen, oder sind Klickzahlen einfach nur das, die Zahl der en passant erhaschten Blicke? Schwer zu sagen, aber mit den Leuten wirklich in einen Dialog zu kommen ist tatsächlich schwer. Ich versuche es trotzdem weiter, wird schon irgendwas bei rumkommen, egal ob im Hellen oder bei Nacht … ich wünsche mir nur bald noch etwas mehr Sonnenschein gegen trübe Gedanken…

Ich bin ein alter Sack?

Ja, ja, älter werden ist ein furchtbares Problem. Jetzt hat ein deutsches Printmedium von nicht unerheblicher Reichweite die Generation ab 40 als neue Problemzone ausgemacht, jene Menschen, die, so man verschiedenen Verlautbarungen glauben schenken möchte, gerade ihr anstrengendstes und ausgefülltestes Lebensjahrzehnt hinter sich haben. Wird anfangs noch davon gesprochen, dass man ja zwischen 40 und 50 den Zenit des Wohlstandes erreicht hat, bejammert man dann wenig später, dass Menschen dieses Alters in unserer wunderbaren Wohlstandsgesellschaft ja vollkommen gerädert von Karrierestress, Familiengründung und Hausbau in ein tiefes Loch der Traurigkeit fallen, weil der Glaube in den eigenen Nutzen angeblich in dem Maße schwindet, wie sich Aufstiegschancen verringern und man sich mit dem Überschreiten einer gedachten Lebensmitte seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst wird. Ach verdammt, ich muss ja bald sterben…

Und die letzten Babyboomer, die gerade eine halbe Generation vor einem sind – jetzt also so um die 50 – verbauen einem ja den Weg nach vorne, nach oben und überhaupt sind die Leute meiner Alterskohorte, so Ende 30, Anfang 40 ja alle so auf Konsens weichgespült worden, dass es uns an den guten alten Primärtugenden des Aufdentischhauens, Sichdurchsetzens, Anderewegbossens, Durchregierens und Aussitzens deutlich mangelt. Möglicherweise ist dem Autor entgangen, dass es die Aufdentischhauer, Sichdurchsetzer, Anderewegbosser, Durchregierer und Aussitzer waren, die unseren Staat an den Rand des Abgrunds manövriert, alles Vertrauen in die Eliten verspielt, uns unglaubliche Schuldenlasten angehäuft und das Gesamteuropäische Klima bis zur beinahe absoluten Ungenießbarkeit vergiftet haben. Ich HASSE schlecht durchdachte Sommerlochfüller, die mal dieser, mal jener Zielgruppe suggerieren sollen, dass sie doch ein Problembewusstsein für die eigene Situation braucht – Psychoratgeber und Medikationsvorschläge oft genug unnötiger Weise inklusive, denn ob ich krank bin oder nicht, entscheidet nicht die Kanaille von der Journaille, sondern ein geeigneter Facharzt.

Ich will ehrlich sein – ich habe mir nicht die Mühe gemacht, irgendwelche sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Studien zu lesen, bevor ich diese Replik zu dem “Stern”-Titel der Woche zum Thema “40 Jahre alt, was kommt jetzt” in die Tasten hub. Braucht es auch gar nicht, da mir die je nach Lesart variable Interpretierbarkeit solcher Studien durch Kenntnis der zu Grunde liegenden Methoden bewusst ist. Ob die bescheidene Argumentation der Redakteure eher auf Unwissen und mangelhafter Methodenkompetenz, oder doch auf der Notwendigkeit für ein paar Füllerseiten beruht, weiß ich nicht, aber weder das Interview mit Frau Klumm noch der Themenartikel voller Allgemeinblatz und semi-lustiger Schenkelklatscher wussten zu überzeugen und das aus mehreren Gründen.

Immer noch scheint man beim Stern nicht zu wissen, welcher Art von Tätigkeit der größte Teil der Durchschnittsverdiener in der BRD nachgehen, wie deren Lebenssituation und Blick auf die Dinge aussehen und das Karrieresorgen alles in allem hier eher eine untergeordnete Rolle spielen. Wohl denen, die sich um eine Karriere überhaupt Sorgen machen müssen. Luxusprobleme sind allerdings selten existenziell. Darüber hinaus unterstellt die Schreibe, dass man jenseits der 40 automatisch abbaut, nicht mehr vorwärts denkt, sich langsam ins Altern zurück zieht und die Dinge geschehen lässt, alles auf Konsens ausrichtet, sein Engagement einschränken muss und keine Möglichkeit zum Wachstum mehr hat. Eine recht eindimensionale Perspektive für jemanden, der vermutlich eine akademische Ausbildung genossen hat.

Nach meiner Erfahrung sind es überkommene, allerdings vielerorts immer noch gelebte soziale Rollenmodelle, die eine solche Lebenshaltung tatsächlich in Menschen entstehen lassen, doch eine Gesellschaft wie jene, in welcher wir hier leben, die sich in immer größerem Maße pluralisiert, in der Kenntnisse, Fähigkeiten, Wissen und vor allem Erfahrung eine immer größere Rolle spielen kann es sich nicht leisten, derartigem Denken und Handeln Vorschub zu leisten; es verbietet sich sogar, mit Omas Unfähigkeit zur situationsadäquaten Verhaltensadaption zu kokettieren, denn derartiger Unfug lässt Menschen tatsächlich glauben, dass es OK ist, ab 40 langsamer zu werden und sich gedanklich auf die Rente vorzubereiten.

Was für ein hanebüchener Bullshit allererster Güte! Ich kann und werde mich nicht mit der Idee anfreunden, einen nicht unerheblichen Prozentsatz des Potentials unserer GEsellschaft einfach brach liegen zu lassen, oder noch besser die Träger dieses Potentials dazu ermutigen, dies zu tun. Ich will, dass genau solche Menschen aufwachen, sie anleiten, ihre Ressourcen sinnvoll einzusetzen und zu lernen, was Nachhaltigkeit tatsächlich bedeutet – nämlich all mein Tun an der Zukunft zu orientieren, nicht nur für mich, sondern auch für die folgenden Generationen. Das funktioniert aber nicht, wenn ich ab 40 langsam aber sicher mental in Rente gehen, denn genau auf meine Generation wird es ankommen, wenn es für meine Kinder noch eine lebenswerte Zukunft geben soll.

Ich bin streitbar, lernwillig, hungrig auf Wandel und Willens, etwas dafür zu tun und ich will so einen Lückenfüllerhumbug über eine Generation, die angeblich mit dem Kopf schon halb im Altersheim ist nicht mehr lesen müssen, sonst kriege ich Plaque!

Veröffentlichen, auf Teufel komm raus!

Gelegentlich wirkt es wie ein Zwang, wie eine unsichtbare, nichtsdestotrotz mächtige Verpflichtung, Dinge aufschreiben und unter’s Volk bringen zu müssen. Bei näherer Betrachtung sozialer Medien ist das Sendungsbewusstsein, zumindest gefühlt, in den letzten wenigen Jahren enorm gewachsen. Auch die Formen haben sich pluralisiert. Mussten die ersten Blogger und Podcaster noch über fundiertes Know-How bezüglich der Struktur des WWW, verschiedenster technischer Apparate wie Mischpulte etc. verfügen und sich manche Softwarelösung mühsam selbst zusammenbasteln, liked man heute einfach, postet in Facebook, lädt seine Fotos zum semiautomatischen Aufhübschen in Instagramm, twittert seinen Senf über jedes Nachrichtenwürstchen und wasweißichnichtnochallest an weißderteufelwievielen anderen Stellen – damit auch ja jeder mitbekommt, wo man was mit wem gerade tut, welcher mehr oder weniger bekannte gerade welchen Fauxpas begangen hat und was es sonst noch Neues gibt.

Nicht das die meisten so genannten Nachrichten tatsächlich Neuigkeiten wären. Vielmehr ist das Meiste unter der Rubrik “auf Grund der Lebenssituation erwartbarer, sozial verkonventionalisierter Gossip” einzuordnen; ich bin mir des Umstandes bewusst, dass die schlechten Nachrichten der Anderen das eigene Leben gleich ein wenig hübscher wirken lassen und soviel Menschlichkeit muss einfach mal gestattet sein; aber muss man damit gleich die ganze Welt beglücken? Noch dazu dauernd?

So ganz nüchtern betrachtet ist dieser Zinnober nichts weiter als der früher übliche Dorftratsch, nur auf einem anderem technischen Niveau. Und man muss seinem Gegenüber nicht mehr wirklich ins Gesicht bzw. aufs Maul schauen. Asynchrone Formen der Kommunikation haben die entscheidenden Vorteile, dass man sich seine Antwort gut überlegen könnte, wenn’s mal drauf ankäme und das man einen Teil der unbewusst mit übertragenen Subtexte frisieren bzw. ganz weglassen dürfte – keine Mimik, keine Gestik, im Zweifel auch keine Stimmlage; da bleibt nur die Wucht der Worte, die man selber skalieren kann. Klingt gut, wirkt aber furchtbar, weil so viele Menschen offensichtlich mit Worten nicht sonderlich gut umgehen können, oder aber bewusst die Situation der Distanz für Boshaftigkeiten aller Art missbrauchen. Darum weiter oben der Konjunktiv, denn so wie das Alter die wa(h)re Persönlichkeit wieder zum Vorschein bringt, tun dies auch social networks und ihre Kommunikationsdienste; leider ist Das, was da zum Vorschein kommt nicht selten wenig schmeichelhaft. Ja, die wahre Persönlichkeit wird hier zur Ware Persönlichkeit auf dem Jahrmarkt der virtuellen Eitelkeiten und wenn manch einer seine Energie anstatt für diesen Bullshit für vernünftige Dinge nutzen würde, wie z.B. etwas zu lernen oder Andere etwas zu lehren, könnte mein Blick auf meine Mitmenschoiden ein bisschen weniger zynisch ausfallen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntermaßen zu letzt, auch ich mache in diesbezüglich keine Ausnahme, sonst bräuchte ich ja nicht Bildungswissenschaft zu studieren.

Nun ist es aber so, dass Öffentlich Machen – also das Posten von hoffentlich publikumswirksamen Belanglosigkeiten – und Veröffentlichen im publizistischen Sinne zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind, denn das eine wirkt als ex-ante-Freigabe für groben Unfug und das andere als Qualitätsanspruch für die zur Disposition stehenden Artikel. Journaille und Kanaille klingen zwar ähnlich, allerdings ist eine solche Analogie weder bei Journalisten noch bei Bloggern immer zulässig. Sicherlich hat der Qualitätsanspruch an den Journalismus mit dem steigenden Zeitdruck durch den Vormarsch des Digitalen in allen Lebensbereichen ein wenig gelitten; vielleicht auch ein wenig mehr. Die neuen Social media haben einen Konkurrenzdruck aufgebaut, der das klassische Printmedium in Bedrängnis bringen konnte. Gehaltvollen Content zu produzieren braucht aber handwerkliches Können und die Muße zur gründlichen Recherche, worin sich ernsthaftes Bloggen und journalistische Arbeit übrigens kaum unterscheiden. Damit bleibt als Differenzierungsmerkmal die nicht zu leugnende unternehmerische Notwendigkeit zur Profitgenerierung, doch auch ernst zu nehmende Blogger verfolgen mit ihren Publikationen heutzutage ja oft pekuniäre Ziele.

Interessant wird hier die Frage, wie man kritischen, unabhängigen, gleichsam informativen Journalismus betreiben kann, der seinen Machern ein auskömmliches Dasein erlaubt und dennoch für jedermann erschwinglich, verständlich und durch verschiedenste Kanäle verfügbar bleibt? Problematisch ist gegenwärtig, aus dem ganzen Wortmüll, der im Internet hin und her bewegt wird, den wertigen Content überhaupt herausfiltern zu können, da ernsthafte Blogger, Spaßblogger, journalistische Angebote und jede Menge Hobos, die zwar null Ahnung haben, darüber aber dennoch viel zu berichten wissen zu einer Melange verschmelzen, die zu überblicken mit jedem Tag schwieriger wird.
Ich erwarte wirklich nicht, dass jeder die Maßstäbe journalistischer Tätigkeit an seine Verlautbarungen anlegen muss, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Kontemporanzien denken, bevor sie posten und sich erst informieren, bevor sie irgendjemandes leidlich leckere Opinion-to-go-Häppchen Kritikfrei regurgitieren.

Was nun meine eigene publizistische Tätigkeit angeht, ist diese gegenwärtig zumindest auf zimbocom.de weitestgehend frei von finanziellen Interessen, wenngleich ich nicht umhin kann zu hoffen, dass Leute, die hier lesen sich vielleicht auch mal für die Bücher interessieren, die ich zusammen mit meinem guten Freund Claus Volz auf faeries-inkpot.de veröffentlicht habe und in Zukunft auch wieder veröffentlichen werde. Ansonsten ist es mein erklärtes Ziel, Menschen den Sinn des Lernens und Informiertseins nahe zu bringen, sie eventuell sogar dazu zu bewegen, Interesse in Aktion umzusetzen und ihre eigenen Ressourcen zu nutzen, anstatt nur zu existieren.

Klingt einfach, doch Menschen neigen offensichtlich dazu, sich in der erstbesten Nische der gemütlichen Selbstbeschränkung einzurichten; meistens leider gleich für immer. Sich außer zum Zwecke des täglichen robotens, des gelegentlichen Besuchs sozialer Events oder des Fitnessstudios von der Couch zu erheben, ist ja aber auch SO VERDAMMT ANSTRENGEND… Nun ja, ich habe meine rhetorische Munition noch lange nicht verbraucht und vielleicht wirken meine Worte ja doch hier und da. Also – aufwachen, mal aus der Nische kommen, aufrichten, umschauen und was dazulernen, anstatt auf Fratzenbuch das 100. unnötige Foto zu teilen, oder den 1000. unnötigen Kommentar zu verfassen! Hat noch keinem geschadet!

Den Faerie’s Inkpot Verlag gibt’s noch!

Wie sich’s ergibt, tut sich jetzt nach längerer Pause auch auf der Autoren-Seite http://www.faeries-inkpot.de endlich mal wieder was. Mein Kompagnon und ich wollen mal eine andere Art der Publikation versuchen und würden uns sehr freuen, wenn auch ein paar Besucher kämen um sich das anzuschauen. Enjoy, it’s for free!

Das mit den Büchern… [die angeblich tot sind!]

…ist so eine Sache. Wenn man den, oftmals mutmaßlich vom einen oder anderen Interessenvertreter schöngefärbten Befragungen Glauben schenken darf, ist das Buch tot – oder auch nicht! Wiedergeboren als Ebook, oder doch noch als lieb gewonnenes Rudiment eines toten Baumes im Regal den dekorativen Staubfänger spielendes Wohnraumaccessoire im Rennen; womit ich noch lange keine Wertung abgegeben haben möchte, das kommt erst später. Aber wie man’s auch betrachtet, die Weitergabe von in Schrift reproduzierten Sprachäußerungen ist und bleibt eines der Hauptkulturmedien des Menschen.

Man könnte sich nun in einer Aufrechnung ergehen, aber ich denke, dass es kaum einen Unterschied für Mutter Erde macht, ob man von Menschenhand monokulturierte Nutzwälder schnetzelt, oder im Tageraubbau seltene Erden und Ähnliches schürft – ökologisch betrachtet ist beides schwierig. Und wenn nun jemand daher kommt und den Umstand anführt, dass ein Ebook-Reader aber viel praktischer ist und weniger Ressourcen verbraucht, weise ich auf die geplante Obsoleszenz hin – das mehr oder weniger trickreich in jedem modernen Gimmick geplant implementierte Verfallsdatum – die in den buchhalterischen Kalkulationen unserer lieben Technikkonzerne mittlerweile zu einer festen Stellgröße für den Profit geworden ist. Das mit dem Ressourcenschonen halte ich also für fragwürdig – siehe fest verdrahtete Akkus in Smartphones etc.; keiner ist bereit, sich hier genau in die Karten schauen zu lassen, so dass wir die ökologischen Folgen unternehmerischen Handelns nur sehr grob abschätzen können. Mutmaßlich läuft es aber wieder einmal auf die personalisierten Gewinne und sozialisierten Kosten hinaus. Da wir alle diesen Preis mittels der Natur, in welcher wir leben wollen zahlen müssen, könnte es sich als hilfreich erweisen, auf das Eine oder Andere einfach mal zu verzichten und genau darauf zu achten, bei wem man einkauft. Fällt auch mir schwer, aber ich will wenigstens versuchen mich diesbezüglich als lernfähig zu zeigen.

Doch das war noch nicht mal, worauf ich hinaus wollte. Das Buch ist nicht tot! Auf der re:publica hat jemand orakelt, dass wir bald keine Bücher mehr lesen werden, dass Ebooks auch nur eine Übergangsphase seien, weil wir halt noch zu sehr an die Haptik des seitenweise gegliederten Textes gewöhnt wären. Social reading würde das jedoch alsbald ablösen. Aha? Na sowas. Social Reading also? So wie … social media, social networking, social cloud, usw.? Als wäre es kein social reading, wenn ich meinen Lieben abends auf der Couch aus einem Buch vorlese? Was soll der Begriff überhaupt?

Es soll bedeuten, dass man sein Leseerlebnis mit Anderen teilt. Also quasi Bücher mit “share”-Buttons. Yo, und was zum Henker ist jetzt daran neu, dass man sich über jene Bücher, die man gerade so liest austauscht? Der Gedanke ist so alt wie die Lesesalons der Gesellschaftsdamen. Da ist absolut nichts Neues dran – außer dem Zeitansatz, denn unsere neuen Medien erlauben es nun, diese shared oder social experience zeitgleich mit dem Leseprozess zu erleben. Ich wage einfach mal folgende, den Digitalnomanden vermutlich recht kühn anmutende Behauptung: an der Existenz des Buches als Medium zur Vermittlung von Wissen, Ideen, Bildern, Idealen, Ideologien, vor allem aber auch Unterhaltung wird das nur recht wenig ändern. Die Art, wie wir Bücher konsumieren, hat sich ja schon zumindest teilweise geändert, doch ich will nicht vorhersagen müssen, wie es auf den Menschen langfristig wirkt, wenn ich seine Aufmerksamkeit dauernd zu teilen heische. Die allermeisten Individuen, welche ich kennen zu lernen die Ehre und das Vergnügen hatte, empfinden den Konsum von gedruckten oder digital wiedergegebenen Worten als etwas, auf das man sich zumindest ein Stück weit konzentrieren möchte – insbesondere, wenn es um Wissensvermittlung geht. Jene, die nicht oder nur ungerne lesen, werde ich auch mit social reading kaum erreichen, da sie in aller Regel sowieso schon ein Problem mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne haben. Ihnen dann das Angebot zu machen, diese dauernd von A nach B nach C nach N und wieder zurück wechseln zu können, erscheint auf den ersten Blick als Anpassung an ihre Gewohnheiten. Die Chance tiefer in einen Sachverhalt einsteigen zu können, bekommen sie dennoch nicht, da es leider einer gewissen Zeitspanne bedarf, in eine x-beliebige Materie weit genug eintauchen zu können, um sich in dieser dann sinnvoll weiter fortbewegen zu können.

Indem ich aber eine der inhärenten Charakteristika des sich Bildens – aber auch des sich Unterhaltens – nämlich die Notwendigkeit des sich individuell Involvierens und mit der Materie Auseinandersetzens, den Einsatz der persönlichen Ressourcen Zeit und/oder Mühe durch dauerndes Einanderüberdieschulterschauen entwerte, weil eine in meinen Augen durchaus wertvolle, ganz persönliche Erfahrung plötzlich eine Erfahrung des Kollektivs sein soll, erweise ich allen einen Bärendienst, weil das Fehlen der Reklusion ins Individuelle beim Lesen das Lesen als Tätigkeit schlechthin seines Reizes beraubt. Ich bin wahrlich kein Schwarzmaler, aber die Individualität einer (Bildungs)Erfahrung als Erleben der höchst eigenen Fähigkeiten ist nach meinen Erfahrungen wichtig zur Persönlichkeitsbildung und -Stabilisierung.

Nun habe ich gerade eben genauso übertrieben wie jener Sprecher bei der re:publica. Aussagen wie “dieses oder jenes Alte ist tot, denn wir haben dieses oder jenes Neue” verbieten sich von selbst, da ich kaum glaube, dass irgendjemand eine funktionstüchtige Wahrsagekugel im Schrank hat. Sicher verändert sich unsere Rezeption des Mediums Sprache mit all seinen Ausdrucks- und Darreichungsformen ständig, aber Bücher werden vermutlich, in Ermangelung eines besseren Gliederungskonzeptes, allerdings sicherlich in sich dynamisch verändernder Form noch eine ganze Weile unsere Begleiter bleiben. Ich liebe Bücher, übrigens ganz egal, ob digital oder analog. Und ich glaube, dass wir Bücher brauchen.

Indes erscheint es ein wenig seltsam, dass ausgerechnet die von mir aufgegriffene Deutung, die übrigens von Stefan Heidenreich stammt, in einem Ebook veröffentlicht wurde, welches sich selbst als schnellstes Buch der Welt bezeichnet, weil die Inhalte der re:publica 2013 an allen drei Veranstaltungstagen von den Teilnehmern protokolliert und einen Tag nach Abschluss der Veranstaltung bereits veröffentlicht wurden. Ob man sich da wohl genug Zeit genommen hatte, über die Themen wirklich nachzudenken anstatt nur viel Egogewärmte Luft umzuwälzen? Wie hoch dürfte die Reichweite dieser Veranstaltung wohl sein, abseits von Nerds wie mir…? Was für mich beweist, dass die Netcommunity sich immer noch viel zu sehr um sich selbst und ihre tradierten Rituale dreht. Wenn das mal kein Anachronismus ist…

Eine kleine Polemik über Linke…

Ich sehe dauernd Dogmen! Und ich meine damit nicht den durchaus amüsanten Film von Kevin Smith, sondern eher die krampfhaft auf das Recht haben und Recht behalten versessene Position, intellektuell eigentlich durchaus achtbar ausgestatteter Menschen, die wohl meinen, Weltverbesserung geht von ihrer – und nur von ihrer! – Erkenntnis und Weisheit aus. Überhaupt Weltverbesserung! Dieser Begriff an sich trägt, nicht ganz zu Unrecht wie ich meine, eine deutlich ambivalente Notion in sich, der Gebrauch als Titel ist doch eher selten schmeichelhaft gemeint und dennoch wünschen sich nicht Wenige unter uns ein bisschen mehr davon.

Ein bisschen mehr Gemeinsinn, ein bisschen weniger Ego, etwas mehr Nachhaltigkeit und weniger Verschwendung, einfacheren Zugang zur Nutzung von Ressourcen anstatt, Besitzverhältnisse, welche diesen restringieren; so vieles liegt im Argen und wird den kommenden Generationen als so gut wie nie mehr abtragbare Hypothek präsentiert werden, weil wir kontemporäre Menschen es verabsäumt haben, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit auf die richtige Art zu tun. Ist ja auch viel, viel komplizierter als es klingt, was damit beginnt, dass wir nur zu gerne Dogmen zur Hand nehmen. Die geschickteren Propagandisten nennen ihre Dogmen Prämissen und verkaufen deren Notwendigkeit, mit augenscheinlich wohlfeilen Argumenten, als wertvollen Diskussionsbeitrag. Hart gesottene Gesinnungsdogmatiker jedoch nehmen jedes ihrer Worte für bare Münze und so ernst, dass man sich fragen muss, ob die zum Lachen in den Keller gehen. Und am anderen Ende des Spektrums finden sich die Verkäufer, die einfach nur ihr Repertoire aus dem Bauchladen der just jetzt beliebtesten Thesen füllen, um ihren Schnitt zu machen, sei es nun mit Gebrauchtwagen, oder in der Politik.

Prinzipiell ist das Vorhandensein von Überzeugungen, gekoppelt mit dem Eintreten für dieselben, ein durchaus lobenswerter Wesenszug. Konsequenz in Wort und Tat ist schließlich etwas, das wir speziell bei Personen des öffentlichen Lebens ja nur allzu oft vermissen müssen. Doch wie Paracelsus schon gesagt hat: die Dosis macht, das ein Ding ein Gift ist. Sobald Überzeugungen nämlich in der selbst erhaltenden Bewegungslosigkeit, im Kritikresistenten Beharren zu Denkfiguren mit Lotoseffekt degeneriert sind, an denen jedwede Hinterfragung einfach abperlt; sie also schließlich zum Dogma erhoben worden sind, beginnt das Gift des Sendungsbewusstseins seine volle Wirkung zu entfachen. Aller Charme entweicht aus dem Diskurs, wenn mit dem Hammer der Unerschütterlichkeit durch die Argumente der nun als Feinde wahrgenommenen Kritiker gemalmt wird, das die Wort- und Sinnfetzen nur so fliegen.

Hat sich die Überzeugung so verfestigt, dass ihr auch mit sinnvollen Gegenthesen nicht mehr beizukommen ist, kommen wir neben dem Alt- bzw. Neunazi am einen Spektrumende auch bei den Weltverbesserern an; jenem Typus des Nachhaltigkeit predigenden, sich mit machtvoller Äußerungsfreude linksintellektuell gerierenden Political-Correctness-Junkies, für den schon die bloße Anwesenheit potentiell konservativer Meinungen beinahe körperlich schmerzhaft zu sein scheint. Oh, ich vergaß, dass er natürlich jederzeit ökologisch verantwortlich sowie pädagogisch wertvoll handelt und Menschen, die nicht seinen Ansprüchen genügen können – oder wollen – mit seiner gefährlichsten Waffe stets aufs allerschärfste angreift: dem Dogma. Und da habe ich ja so furchtbar Angst vor…

Wenn ich ernsthaft eine Möglichkeit suche, irgendjemanden wegen Benachteiligung Anderer aus Gründen des Geschlechts, der Herkunft, der Religion, des sozialen Status, etc. anzugreifen, ist zumeist eine Analyse des Sprachgebrauchs vollkommen ausreichend um eine Diskriminierung inkriminieren zu können. Ob der Sache damit gedient ist, sie hier mal dahingestellt, mich nervt es jedoch mittlerweile mehr als nur ein wenig, dass hinter jedem “man” eine Missachtung der Rechte der Frau vermutet wird, dass Türke eine Beleidigung ist, weil man doch “Bürger mit Migrationshintergrund” sagen muss, dass man klassische Kinderbücher umschreiben soll, weil sie angeblich unsere Kleinen zu diskriminierendem Verhalten erziehen würden. Wenn man sich einfach mal des Umstandes vergegenwärtigte, dass jedes Kulturprodukt im dynamischen Kontext seines Entstehungszeitraumes betrachtet werden muss, wird speziell das letzte Argument zum Witz. Oder ist “Metropolis” von Fritz Lang kein Filmklassiker mehr?

Sprache ist gewiss ein diffiziles Instrument, dessen Beherrschung bei weitem nicht jedem Nutzer gegeben zu sein scheint. Doch das unversöhnliche Blockwarttum, mit dem selbsternannte Weltverbesserer sie als Waffe gegen jedwede andere – als reaktionär betrachtete – Meinung missbrauchen, macht mich krank. Dieses beinahe sektiererische Gehabe lässt mich zu dem Schluss kommen, dass ich mit diesen Political-Correctnes-Nazis nichts zu tun haben will. Wenn sozialdemokratisch orientierte Intellektualität durch solches Tun zur Farce, zur Karikatur ihrer Selbst degeneriert, kann man nur noch zum systemkritischen Konservativen werden. Ich wäre dann jetzt soweit. Schönen Tag noch.

Virtuelles Missverständnis

Wir unterliegen einem fatalen Irrtum; allerdings nicht dem, dass es doch noch irgendwo Idealisten geben muss und Individuen, die über gesunden Menschenverstand verfügen. Das ist kein Irrtum, denn ich durfte selbst schon welche kennen lernen. Nein, es geht hierbei um die Annahme, dass die Digitale und die Analoge Welt Ein und das Gleiche wären und folglich auch nach den gleichen Spielregeln funktionieren müssten. Wen dem so wäre, hätten viel mehr Menschen verstanden, was die Piraten eigentlich wollen; die haben es allerdings selbst noch nicht so ganz rausgekriegt…

Wir sind digital und analog vorhanden, egal, ob wir das nun wollen oder nicht. Wenn es nicht wir selbst sind, die Daten über sich preisgeben, dann sind es irgendwelche anonymen Unternehmer oder auch unsere staatlichen Institutionen, die sehr wohl ein vitales Interesse daran haben, zu sehen, wohin uns unsere Schritte auf beiden Seiten führen. Und da digitales ALTER EGO und analoges EGO immer komplementärer werden, sich in ihrem Tun oder auch Lassen immer mehr gegenseitig beeinflussen ja gelegentlich gar bedingen, je mehr wir die digitalen Medien nutzen und so unsere Spuren hinterlassen, wird die Menge des Beobachtbaren immer größer.

Der Berührungspunkt zwischen Analog und Digital, zwischen Real und Virtuell ist ein Spiegel, den wir zwar immer besser zu skalieren lernen, den wir immer öfter für unsere Zwecke zu benutzen wissen; doch je mehr, je öfter wir hineinsehen, desto öfter und intensiver schaut unser ALTER EGO zurück. Und durch seine Augen auch viele, viele Andere, die sich zum Teil selbst wundern, was wohl hinter dem Spiegel liegen mag. Tatsächlich sind wir im virtuellen Raum ein bisschen wie Alice im Wunderland; naiv, unvorsichtig und töricht – allerdings auch (wage)mutig, neugierig und kontaktfreudig. Dennoch ist das Netz natürlich nicht genauso wie die Welt hinter dem Spiegel. Die Analogie hinkt insofern, als dass zwar auch Lewis Carrolls Fantasie das Machwerk eines Menschen ist, aber er war ein Einzelner, der sich eine Geschichte ausgedacht hatte. Im Web begegnen sich jedoch Viele mit ihren je individuellen Geschichten und das alte Aushandeln der sozialen Konventionen beginnt von Neuem. Den Umstand, dass sich das Web ganz hervorragend als Instrument des Verbrechens und der Täuschung nutzen lässt, habe ich hierbei bewusst außen vor gelassen, denn dazu gibt es noch keine passenden Antworten.

Von Neuem und doch ganz anders. ALTER EGO und EGO haben Schnittmengen, die eine Menge Chancen bergen, man sollte jedoch bedenken, dass mancher Spiegel die Realität so sehr verzerren kann, dass sie zu etwas vollkommen anderem wird. Die wahre Aufgabe des so genannten Netzaktivisten sollte es folglich sein, den Spiegel so transparent zu machen, dass jeder hindurch sehen und sich selbst in der Virtualität wieder finden kann – auch jene Individuen, die sich nicht als Technikaffin bezeichnen würden. Dann müsste man sich vielleicht auch nicht mehr beklagen, dass die Telekom gerade die Netzneutralität untergräbt oder das Leistungsschutzrecht fürderhin die einfache, quellenunabhängige, kostenfreie Beschaffung von Informationen erschweren wird.
Noch gibt es weder Instrumente, welche die Möglichkeiten und Gefahren der virtuellen Welt des Internets für wirklich jedermann erfahrbar und begreifbar machen, noch ein Bewusstsein der Digitalnomaden und Cyberaktivisten dafür, wie man in der realen Welt heutzutage immer noch Politik macht. Solange man alleine auf der digitalen Schiene keinen nennenswerten Durchdringungsgrad erreichen kann, muss man nun mal nach den alten Spielregeln spielen, auch wenn diese bis zu einem Grade unflexibel, undurchschaubar und unfair geworden sind, der ganz im Habermas’schen Sinne nur noch der Selbsterhaltung der politischen Kaste dient.

Es wird also Zeit, sich der Tatsache zu besinnen, das wir im frühen 21. Jahrhundert zwar auch schon irgendwie digital existieren, aber dennoch weiterhin im Hier und Jetzt leben – setzt man dieses Wissen in Strategien um, die beide Welten an den richtigen Schnittstellen bedienen, verstehen vielleicht auch Anti-Nerds, was das Netz für sie leisten könnte.