Ziele. Ziele! Ziele? #2 – Gestaltungsspielräume

Was bedeutet den “Gestalten” überhaupt? Ich meine, jemand, der sich richtig viel Mühe mit seiner Innenraum-Einrichtung gibt, der seinen Garten in ein kleines Paradies verwandelt, der seine kreative Ader mit allen möglichen Mitteln auslebt, der gestaltet doch, oder? Ja natürlich und nicht selten ist das nicht nur für denjenigen selbst, sondern auch für seine Umwelt ein nicht zu verachtender Benefit. Seien wir ehrlich: die Aufhübschung unseres privaten Raumes ist wichtig für unsere Lebensqualität! Wer will schon in einem Loch vor sich hin vegetieren. Allerdings kann man die Schraube auch überdrehen und landet dann, u. U. beim Cocooning.

Mir geht es bei Gestaltungsspielräumen nicht um die mannigfaltigen Möglichkeiten, sein Heim zu einem Ort der Geborgenheit zu machen. Mein Thema ist die Einflussnahme auf meine Umwelt. Man könnte das jetzt (vielleicht auch bewusst) missverstehen und mir manipulatives Verhalten unterstellen; oder vielleicht den Einstieg in den Lobbyismus. Auch so ein Begriff, der in den meisten Köpfen eine eher negative Konnotation hat, wenngleich es eigentlich häufig sinnvoll wäre, sich selbst zur Lobby zu werden. Genau da möchte ich hin: ich möchte auf meine Umwelt gestaltend einwirken, um sie ein bisschen besser zu machen. Ich denke dabei untere Anderem an menschenwürdiges Arbeiten, an gesellschaftliche Teilhabe, an verbesserte Lebenschancen durch Bildung (insbesondere durch lebenslanges Lernen) und auch an Verteilungsgerechtigkeit.

Die einzig sinnvolle Möglichkeit, positiv Einfluss zu nehmen ist die Einnahme einer Position (egal ob in der Gesellschaft als Ganzem, oder “nur” in einer bestimmten Organisation), die es einem gestattet, auf die jeweiligen Rahmenbedingungen bestimmter, eben genannter Aspekte gestaltend einzuwirken. Ein Beispiel: die Arbeit in der Personalentwicklung könnte einer älter werden Gruppe Erwerbstätiger in einem bestimmten Betrieb Wege aufzeigen, sich so zu entwickeln, dass eine möglichst lange Erwerbstätigkeit unter Erhalt der Lebensqualität (durch Vermeidung Arbeits-induzierter Erkrankungen) möglich wird. [Das hier Arbeitgeber- und Arbeitnehmer- Interessen konfligieren können, ist mir bewusst!]

Menschen neigen dazu, ihre aktuellen Lebensumstände in einer Totalität wahrzunehmen, die es ihnen sehr scher macht, sich überhaupt vorstellen zu können, dass diese wandelbar sind. Doch das sind sie! Nicht über Nacht und nur in den seltensten Fällen in großen Schritten, aber wir können unsere Lebensumstände ändern. Die zwei Schlüssel dazu sind einerseits, eine Vorstellung davon zu haben, oder zu entwickeln, wo man hin will und andererseits den Willen aufzubringen, auch etwas dafür zu tun. Und das ist schwer! Aber nicht unmöglich! Und das Beste: zusammen geht es leichter! Denkt doch mal drüber nach. Bye-bye.

Ziele. Ziele! Ziele? #1 – Besser werden!

Selbstoptimierungszwang also? Getrieben von der dringenden Notwendigkeit, irgendwelchen fremdbestimmten Idealen hinterher rennen zu müssen, geißele ich mich nun unablässig mit dem Müssen? Mehr arbeiten müssen, abnehmen müssen, politisch korrekt sein müssen, der Gesellschaft dienlich sein müssen…? Also ganz ehrlich, da halte ich es lieber mit der Band “Großstadtgeflüster” und deren Song “Ich muss gar nix!” Die Darstellung des gedanklichen Konzeptes “Besser werden” in den verschiedensten Medien, im Rahmen von Workshops und Trainings wird ideengeschichtlich mit dem Aufkommen der Allgemeinen Pädagogik z.B. durch die Arbeiten Johann Friedrich Herbarts verknüpft. Erst mit der Aufklärung trat die Idee in die Welt, dass es ein individuelles, nicht mit der christlichen Lehre verknüpftes Schicksal gibt, dass jeder – zumindest ein Stück weit – selbst bestimmen kann.

Denn erst mit einer individuellen Perspektive auf die Zukunft, die sich nicht durch die Beurteilung des Umfangs der, im Laufe der irdischen Existenz angehäuften Sündenlast beim jüngsten Gericht realisiert, wurde der Blick frei für die Entwicklung, die der Einzelne in Laufe seines Lebens nehmen kann. Die Veränderung weg von einer vormodernen Stände-Gesellschaft hin zur Demokratie beschleunigte diese Entwicklung. Doch mit der Freiheit von religiös motiviertem Fatalismus traten neue Zwänge auf den Plan. Mit der weiter bestehenden Notwendigkeit, einen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen und dem Wegfallen der alten Strukturen war die Aushandlung neuer Strukturen eine logische Konsequenz.

Aus dem Adel wurden die Unternehmer, aus den Bauern die Arbeiter, etc. Mit der zunehmenden Demokratisierung wurden bestimmte Probleme dieser neuen Strukturen (soziales Elend durch wirtschaftliche Abhängigkeit, etc.) zwar gedämpft, doch ein Zwang blieb übrig, der in den letzten zehn bis fünfzehn Generationen zum Leitmotiv unseres Zeitalters wurde: der Zwang zur Leistung! Zwar wurde dieser immer wieder mit dem Versprechen auf die Linderung, ja sogar die Aufhebung sozialer Ungleichheit verknüpft, doch wurde dieses Versprechen bis heute nicht eingelöst. (Hierzu mehr bei Harald Welzer, S. 15ff.)

Besser werden bedeutet für die allermeisten Menschen heutzutage, in den Wettbewerb mit dem Mainstream um die Werte des Mainstreams zu treten: Aufstieg durch Leistung, dadurch die Möglichkeit mehr zu konsumieren, was den Wunsch auslöst, noch mehr, noch anderes konsumieren zu können, was zu dem Antrieb führt noch mehr zu leisten, um… Man nennt so etwas einen Circulus Vitiosus, insbesondere da der Schluss, dass mehr Leistung zu mehr Einkommen und damit zu mehr Bedürfnisbefriedigung führt ein doppelter Trugschluss ist; zum einen führt ein Mehr an Leistung nur in eher schmalen Grenzen zu mehr Einkommen, oft aber zu viel mehr Arbeit und damit Last und zum anderen ist unser Belohnungszentrum ein Arschloch! Das Wettrennen um den besseren Job nutzt nur dem Boss, da es für die Teilnehmer, zumindest bezogen auf die Hirnfunktion ähnlich abläuft, wie Zwangsstörungen, oder Süchte: mehr Befriedigung löst einen Kick aus, der nach noch mehr Befriedigung verlangt. Das logische Ziel, wenn man sich nicht zur rechten Zeit unter Kontrolle bringt: eine Erschöpfungsdepression oder ein Burnout! Um diesem Blödsinn zu entgehen, sind aus meiner bescheidenen Sicht mehrere Dinge notwendig:

a) Klare Ziele, wobei ich mir den Topf nicht zu hoch hängen sollte.

b) Regelmäßiges Self-Assessment. Wo stehe ich? Wie fühle ich mich?

c) NEIN sagen lernen! Ich bin mir selbst und den anderen nur nützlich, wenn ich lange genug leistungsfähig bleibe, auch mittel- und längerfristige Zielsetzungen umsetzen zu können.

d) Zeitmanagement lernen. Wofür brauche ich wie lange? Wie viel davon passt in einen Tag? Was muss heute, was kann auch morgen (oder später)?

e) Effizienter werden. Lange im Büro zu sitzen (oder sonstwo) bedeutet mitnichten, dass auch viel erledigt wurde.

f) Falls irgendwie möglich prokrastinieren, wenn die Konzentration sinkt!

All das ist logisch, man braucht dafür eigentlich keinen Coach, keine teuren Ratgeber-Bücher, keine Workshops und auch keine teuren Gimmicks. Aber da wir Menschen manchmal nicht ohne unsere Fetische können: bitte, gebt euer sauer verdientes Geld für Gimmicks aus, die euch dabei helfen, euch besser zu fokussieren, damit ihr leistungsfähiger werden und euren Ertrag auf dem Arbeitsmarkt steigern könnt, damit ihr euch noch bessere Gimmicks…! Schon kapiert oder?

Besser werden bedeutete NICHT mehr arbeiten! Besser werden bedeutet, alles, was man tut bewusster und gewissenhafter zu tun. Dann wird es ganz von selbst auch besser. Schönen Tag noch, ihr I-Phone-Lover…

Ziele. Ziele! Ziele? #0 – Was will er denn jetzt?

Man kommt ja nicht umhin, gelegentlich mit sich selbst und seinen Lebensumständen zu hadern. Das ist, objektiv betrachtet, stets zum Scheitern verurteilt, weil man einen guten Teil seiner Lebensumstände nicht wirklich beeinflussen kann (z.B. die eigene Herkunft) und ein nicht unerheblicher anderer Teil auf den eigenen Entscheidungen basiert. Ich könnte jetzt natürlich meine Sozialisation dafür verantwortlich machen, dass ich nur ein kleiner Sani bin; aber irgendwie habe ich dann die Worte meines Vaters im Ohr: “Lern was Gescheites, mein Sohn!”. Tja, war schon ‘n weiser Mann, nicht wahr?

Hadern kommt von Hapern, denn wenn man mit seinem Leben hadert, hapert es an irgendwas, also zumindest subjektiv besteht ein Mangel. Ganz oft macht man so einen Mangel im materiellen Bereich aus: die Größe der eigenen Wünsche und die Kapazität, diese zu erfüllen, wollen einfach nicht kongruent werden. Wäre ich doch nur Hedgefonds-Manager geworden, oder so…

Blödsinn bei Seite: Wenn mir irgendwas von dem, zu dem ich in den letzten sagen wir mal 30 Jahren gewachsen bin wirklich etwas wert ist (und ich rede jetzt nicht von meiner Frau und meinen Kindern, die stellen eine eigene Liga dar), dann meine Fähigkeit, mich allem pekuniären Jammer zum Trotze als wertvoll empfinden zu können, weil ich meine zutiefst humanistische Grundeinstellung, meine sozialen Fähigkeiten, meine Bildung und meine  Kreativität als Werte an sich erlebe, die keine Maßzahl haben – und auch keine brauchen! Ich realisiere mich als Individuum im Miteinander mit Anderen, in dem Gefühl gebraucht, respektiert, von manchen auch geliebt zu werden (ob platonisch oder erotisch spielt dabei keine Rolle); nicht jedoch in den Zahlen auf diesem Papier, dass mein Arbeitgeber zu jedem 15. eines Monats in meinem Personalfach zu deponieren beliebt. Sind übrigens so roundabout 2600,00€/Monat.

Das führt aber natürlich unweigerlich zu der Frage, welche Ziele ich denn habe. Man könnte meine bisherigen Ausführungen ja auch so interpretieren, dass ich mir selbst genüge, keine Ambitionen mehr habe, auch genauso gut auf BGE rumlungern könnte, etc. Was aber Käse wäre, denn immer mal wieder für eine gewisse Zeit den Zustand des in-sich-selbst-Ruhens zu erreichen, bedeutet mitnichten, dass es keine Ambitionen mehr gibt, noch etwas zu erreichen. Ich habe noch einiges vor: besser werden, in dem was ich tue! Irgendwann eine Position, die mir noch mehr Gestaltungsspielräume gibt! Mittelfristig raus aus dem Schichtdienst (denn seien wir ehrlich: gesund ist das nicht)! Etwas von dem, dass ich bekommen habe zurückgeben – denn der Staat hat mir durch Bildung alle möglichen Chancen eröffnet und dieses Geschenk sollte man positiv beantworten! Und schließlich all das in Einklang mit meinem Wollen und Sollen als Familienvater bringen!

Klingt nach einer Menge Ziele, oder? Wenn ich eines genau weiß, dann dass ich die nicht alleine erreichen kann. Aber es beginnt damit, sich Ziele zu setzen und loszuarbeiten, denn wie die alten Chinesen so schön sagen: ” Auch bei einem Weg von 1000 Meilen kommt man um den ersten Schritt nicht herum.” Eigentlich bin ich ja nicht so der Glückskeks-Typ. Aber der Spruch stimmt einfach. und darum will ich mich in den nächsten Tagen – ohne einen besonderen Zeitplan einhalten zu wollen, oder zu müssen – mit den Begriffen “Verbesserung”, “Gestaltungsspielraum”, “Bildung” und, einmal mehr, diesem Unwort des frühen 21. Jahrhunderts “Work-Life-Balance” beschäftigen. Tallyho! Wir lesen uns…

Vom Staat geschenkt – dann schaff ich nix mehr…

Genau dieses Vorurteil findet man doch recht häufig, wenn die Sprache auf das Bedingungslose Grundeinkommen, kurz BGE kommt. Das Thema geistert seit einiger Zeit immer häufiger durch die Medien und scheint mittlerweile immer mehr Anhänger zu gewinnen. Und das übrigens nicht nur unter jenen, die davon profitieren würden. Ebenso selbstverständlich gibt es aber auch jene, die es ablehnen. Die Argumentation ist deswegen schwierig, weil kein Staat so etwas bisher versucht hat und alle Modelle zu den möglichen Auswirkungen auf den Erkenntnissen beruhen, die auf Basis “normaler” Marktwirtschaft gewonnen wurden. Aus wissenschaftlicher Sicht muss man das BGE also als Wildcard betrachten, oder wahlweise auch als Büchse der Pandora. Je nachdem, wes Geistes Kind man ist.

Ein Artikel – wieder mal auf Zeit online – beleuchtet die Erfahrungen des Vereins Bedingungsloses Grundeinkommen, der bislang ca. 130 Menschen eine solche Chance zugelost hat. Die darin berichteten Erlebnisse und Entwicklungen der Menschen, denen dieses Geschenk zu Teil wurde lassen die Vermutung aufkommen, dass das im Titel benannte Vorurteil so wohl nicht haltbar ist. Wie immer findet sich der interessantere Part in der Kommentar-Spalte, wo Befürworter und Gegner sich ordentlich verbal auf die Mupfel geben. Interessant dabei finde ich, dass die Kommentatoren offenkundig besser über bundesrepublikanische Sozialpolitik bescheid wissen, als so mancher Fachmann.

Zu den Zahlen: 2016 hatte die BRD ein Soziabudget von knapp 889 Milliarden Euro. Darin enthalten sind alle Leistungen wie Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung, ALG, etc. Die Verwaltungskosten betrugen ca. 38 Milliarden Euro, oder ca 4,3%. Immer wieder wird davon gesprochen, dass wenn jeder der 82 Millionen Bundesbürger (vom Säugling bis zum Greis) in den Genuss eines BGE kämen dies ca. 1 Billion Euro/Anno kosten würde und das dies schlicht nicht finanzierbar wäre und das es den Sozialstaat kaputt machen würde und das es die Produktivität der Menschen hemmen und somit die Folgekosten noch verschlimmern würde.

Hierzu ein paar Denkanstöße:

Könnte es nicht sein, dass insbesondere jene Unternehmen, die Ihre Mitarbeiter prekär beschäftigen Angst haben müssten, noch jemand zu finden, der zu diesen Bedingungen für sie arbeitet. Und dass Vertreter dieser Branchen mit Sicherheit Lobbyisten haben, die deshalb für sie gegen ein BGE trommeln. Denn wenn ich nicht wirklich jeden Job – und sei er noch so beschissen – annehmen muss, zum über die Runden zu kommen, käme es höchstwahrscheinlich zu einer Preissteigerung in den betroffenen Wirtschafts-Segmenten (alle Dienstleistungen, wie Call-Center, Zusteller, Sicherheitsfirmen, Friseure, etc.). Ob dies aber mittelfristig zu einem Zusammenbruch einer solchen Branche führen würde, oder doch eher zu verbesserten Erwerbsmöglichkeiten der dort Beschäftigten und damit steigender Kaufkraft und ebenso steigendem Steueraufkommen – wer will das jetzt schon sagen können?

Könnte es nicht sein, dass eine solche Veränderung des Arbeitsmarktes zu einer Aufwertung der Lohnarbeit insgesamt führt? Was zur Folge hätte, dass der Stolz auf die eigene Erwerbsarbeit eher eine Motivations- und damit auch eine Produktivitätssteigerung zur Folge haben könnte.

Könnte es nicht sein, dass eine Gesellschaft, deren größter Teilnehmerkreis nicht mehr von der Angst um das Fortbestehen der eigenen Erwerbsfähigkeit regiert und gegängelt wird eine Zunahme gesellschaftlicher Teilhabe in allen Bereichen erführe: politisches und soziales Engagement könnten einen wahren Boom erleben.

Bin ich zu optimistisch? Vielleicht; aber wenn ich mir die Menschen, die ich kennen lernen durfte so anschaue, habe ich den Eindruck, dass die Meisten mich nicht enttäuschen würden. Leistungsverweigerer kennt unsere Gesellschaft auch heute schon zur Genüge. Was aber in nicht unerheblichem Umfang der Tatsache geschuldet ist, dass das Versprechen von Aufstieg durch Leistung schon lange nicht mehr gilt. Schafft man hier einen Ausweg, der die Idee von Leistung als Gradmesser für gesellschaftliche Nützlichkeit einem humanistischeren Menschenbild nachordnet, bin ich davon überzeugt, dass der Wille zur Leistung ganz von selbst entsteht. Das Entfernen von Zwang schafft Freiheit; und nur ein freier Geist leistet wirklich etwas sinnvolles und nachhaltiges. In diesem Sinne wünsche ich ein erfolgreiches und glückliches Jahr 2018!

Erziehungsratgeber die 3.895.337.249te…

Ja. Kinder müssen erzogen werden. Zumindest über diese Annahme herrscht zumeist Einigkeit. Doch über das WIE… oh lieber Himmel, darüber wird mit einer Intensität gestritten, die den Verdacht immanenter Handgreiflichkeiten durchaus nahelegt. Würden sich die Protagonisten denn je begegnen. Aber online, da kann man sich ja mit Dreck bewerfen, bis der virtuelle Arzt kommt. Auf kaum einem Gebiet glauben mehr Menschen, über mehr Expertise als die anderen zu verfügen, als bei der Kindererziehung. Das einzige, was bei dieser oft grausig zu lesenden Dogmen-Reiterei evtl. in der gleichen Liga spielt, sind Impf-Gegner. Beides empfinde ich als ungefähr so charmant wie eine Zecke am Skrotum…

Wie Konsumenten meiner Beiträge wissen, lese ich gerne die Zeit. Dieser Tage war auch wieder ein Artikel zum oben genannten Thema dabei. Das Gesagte ist eigentlich nichts Neues, aber die Kommentarspalten haben es in sich. Da wird rhetorisch losgeschlagen, dass es echt eine Augenweide ist; zumindest, wenn so wie ich wohlig-masochistisches Vergnügen beim Fremdschämen verspürt. Der Inhalt selbst erinnerte mich an eigene Erfahrungen mit jungen Erwachsenen (ich arbeite auch im Bereich der beruflichen Bildung). Ich habe nicht selten den Eindruck, dass die Ich-Zentriertheit zu und die verfügbare Empathie im gleichen Maße abnimmt. Könnte eventuell daran liegen, dass das Vermitteln der Regeln des Zusammenlebens in mancher Eltern Erziehungs-Agenda keinen so hohen Stellenwert genießt, wie das Ermöglichen größtmöglicher freier Entfaltung des Kindes.

Nicht dass wir uns hier falsch verstehen: die Persönlichkeit eines Kindes entwickelt sich in freier Entfaltung; es braucht aber, komplementär dazu ebenso sehr nicht verhandelbare Grenzen, deren Überschreitung Sanktionen nach sich zieht. Zur Vermeidung von Missverständnissen: das inkludiert explizit nicht die regelmäßige körperliche Züchtigung des Kindes. Ich glaube, darüber muss man nicht streiten. Sehr wohl aber streiten muss man heute  anscheinend über die Frage, ob man Kinder (und auch junge Erwachsene) manchmal mit der normativen Kraft des faktischen konfrontieren muss: “Nein, das geht so nicht!”. “Nein, das war/ist so nicht gut!”. “Nein, das darfst du nicht!”. Und so weiter, und so fort. Ich meine, auch hier kein Problem zu sehen. Kinder und Jugendliche müssen scheitern können, an Grenzen stoßen können, zurechtgewiesen werden können, ohne dass irgendjemand mit einem erhobenen Zeigefinger hinter mir her rennt.

Wir tun m.M.n. unserem Nachwuchs keinen Gefallen, wenn wir denen dauernd alles durchgehen lassen. Der Mangel an negativem Feedback wirkt nämlich als positive Bestätigung, wo ein “Kannste schon so machen, aber dann wird’s halt Kacke!” deutlich angebrachter wäre. Aber was weiß ich schon? Hab’ ja nur Bildungswissenschaft studiert. Schönes neues Jahr und so…

Böllerkulatio Praecox…

…oder der vorzeitige Knallerguss ist ein im Moment wirklich häufig zu beobachtendes Problem. Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Gesellschaft kollektiv zu einem ADS erzogen wird. Immer mehr snipets of news, of gossip, of horror, of beautytips, of whatever… in immer kürzerer Zeit produziert, publiziert, rezipiert – und vergessen, weil belanglos. Die Muse, einen längeren (und bitte auch gehaltvollen) Text zu lesen, um sich dann die Mühe zu machen, diesen zumindest zu verstehen zu versuchen ist eine Kunst, die auf Verzicht beruht. Und zwar dem Verzicht auf Nebensächliches, auf schnelle Bedürfnisbefriedigung und Action. Aber um auf dieses Level von Coolness zu gelangen, muss man auf die Oberflächlichkeiten verzichten können.

Mit den Böllern ist es genauso. Die knallen schnell und irgendwie ist das Spiel mit dem Feuer als unmittelbarer Spaß ein Sinnbild für die Vergänglichkeit; für den Böller gilt: eben noch rot, jetzt schon tot. Dass es dem Anwender bei unsachgemäßer Verwendung ebenso gehen kann, ist vermutlich eher Ansporn denn Warnung. Ich will Spaß, ich geb Gas. Dieses Motto und das dazu gehörende Lebensgefühl scheinen jetzt wieder “IN” zu sein. Jetzt leben, auf die Konsequenzen scheißen, Spaß haben und nach mir die Sinnflut.

Klingt das jetzt bitter. Vielleicht ein bisschen, aber üblicherweise halte ich es gerne mit Voltaire: “Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.” Gilt auch für die Böllerwerfer. Ich hatte die Tage auf Facebook schon in einer Diskussion meinen Senf dazu gegeben und ich möchte meine Äußerungen wie folgt subsumieren: es ist unser gutes Recht unvernünftig zu sein, auch wenn dies anderen nicht gefällt; sofern wir dabei niemandem Schaden zufügen. Quasi also Kant reloaded. Nerven tut das Dauergeballer seit dem 27.12 aber schon… Guten Rutsch, ihr Menschen!

Vom Altern…

…kann ich noch nichts berichten. Dazu fühle ich mich zu jung. Was andere darüber schreiben (ihr wisst, ich lese gerne die Zeit), finde ich in Anbetracht der Alter der Autoren ehrlich gesagt lächerlich. Die sollen sich lieber Gedanken machen, was Sie mit der vielen Zeit, die sie noch haben alles anfangen können. Aber über das Altern des Jahres weiß ich etwas zu sagen. Mir kommen die Tage zwischen Heiligabend und Sylvester immer wie ein kollektiver Rite des Passage vor; ein langes Innehalten, bevor das neue Jahr uns mit einem oft Katergeschwängerten Stoßseufzer abermals in der Strom des Tun-Müssen fortreißt. Ein Ritual, dass von Vorsätzen (meist für die Katz), einem letzten Abfeiern des Alten (war auch schlimm genug) und der Hoffnung auf das Neue (wahrscheinlich wieder für die Katz) gekennzeichnet ist. Und dass mich immer wieder ratlos zurücklässt: wozu das Ganze?

Natürlich muss man die Feste immer feiern bis man fällt… oder so. Aber wäre es nicht sinnvoller, wenn jeder seine eigenen, individuelle Rites de Passage dann feiern würde, wenn diese auch tatsächlich anstehen? Und nicht etwa zu einem quasi willkürlich festgesetzten Termin. So nach dem Motto:

Zack Bumm, Jahr rum! Sauf dich heiter, morgen geht’s weiter!

Ja, ja, ich weiß, dass würde natürlich dem sozialen Aspekt des Menschseins kaum gerecht werden, findet man doch in der Jahresend- (oder ist es nicht eigentlich eher eine Jahresanfangs-) Feier einen guten Grund, zusammen zu sein und das Miteinander zu zelebrieren. Wie schon sieben Tage vorher, an Weihnachten. und weil das da so gut klappt, macht man gleich weiter… OK, jetzt bin ich gerade ein bisschen zynisch. Ich gebe zu, dass wir alle diese Momente des Miteinanders brauchen, um uns unserer Selbst zu vergewissern. Denn kein Mensch ist etwas, ohne die anderen Menschen, die um ihn herum diese Netzwerke bilden, die wir soziale Welt nennen. Wir erden uns, verorten uns auf’s Neue und bereiten uns  vor. Werfen – zumindest symbolisch – die Last des Alten ab, um Platz für die neuen Lasten zu machen, die uns mit Sicherheit entlang des Weges erwarten.

Da muss man einfach mal feiern, dass man wenigstens etwas geschafft hat. Da muss man mal aus seiner üblichen Haut raus und “einen draufmachen”. Letzten Endes ist Sylvester, genau wie das Gamen, oder der Karneval eine gesellschaftlich akzeptierte Form des Eskapismus, die uns Luft verschaffen soll, die Batterien wieder aufzuladen. Womit wir wieder bei der Frage wären: wozu das Ganze?

Wenn ich eskapistische Episoden brauche, um meine Batterien aufzuladen (und das gerne auch mit Freunden), warum muss ich dann auf irgendwelche Termine warten, die andere festgesetzt haben. Warum kann ich mich nicht einfach auf meine Instinkte verlassen, die mir durchaus sagen, wann es mal wieder Zeit ist. Ich muss nur hinhören. Und so gehe ich ins nun kommende Sylvester-Wochenende in dem Bewusstsein, dass ich – nun da mein Studium erstmal fertig ist – meine Kontakte und mich selbst dann Pflege wenn es nötig und genehm ist. Und wenn einer dieser Tage zufällig auch Sylvester heißt, so be it! Guten Rutsch!

Oldschool-Gamer?

Ich bin Gamer. Also in vielerlei Hinsicht zumindest. Ich schaffe es zwar nicht, regelmäßig die neuesten Games in Rekordzeit auf höchster Schwierigkeits-Stufe durchzuspielen – einen Tag nach erscheinen. Ich schreibe auch keine Rezensionen in irgendwelchen FanZines oder Fachzeitschriften. Und ich betreibe das ganze eher – wie sagt man doch gleich – casual. Ich nehme aber sehr wohl wahr, was sich auf dem Markt tut und schaue mir der einen oder anderen Titel an; und ab und zu spiele ich auch mal was zeitgemäßes und nicht nur Pen-and-Paper-Rollenspiel. Obwohl das immer noch meine ganz große Leidenschaft ist.

Gelegentlich stolpert man sogar in den verschiedensten seriösen Periodika über Artikel, die sich mit dem Gamen befassen; und die dann manchmal Aspekte ansprechen, die zumindest bedenkenswert erscheinen. In der Zeit zum Beispiel kam dieser Tage etwas, dass sich mit der Thematik von zu viel weißen, stereotypen heterosexuellen Helden befasste. Auf den ersten Blick interessant, weil es tatsächlich den Tatsachen entspricht, dass hierzulande ein sehr hoher Anteil an derartigen Protagonisten in Computerspielen unterwegs ist. Allerdings auch vollkommen irrelevant, weil Spiele ein kommerzielles Kunstprodukt sind, dessen Hauptaufgabe in Unterhaltung besteht. Wenn ich nun aber meine Unterhaltung daraus beziehe, mit einem knallhart meiner tatsächlichen Darreichungsform entsprechenden Typen loszuziehen, um massenweise was-weiß-ich-auch-immer für Feindbilder umzulegen, dann ist das mein Bier. Und das der Spiele-Hersteller. Wobei gesagt sein muss, dass der durchschnittliche Spiel-Charakter in besserer physischer Verfassung ist, als ich es je war, oder sein werde… Aber das mag ja auch ein Reiz sein.

Es stellt sich etwa anders da, wenn ich Rollenspiel betreibe. Das ist eine Art kollaborative Erzählung, in welche die Einflüsse aller Spieler ebenso einfließen, wie die zu Grunde liegenden Ideen des Spielleiters für Setting und Story. Nicht unbedingt zu gleichen Teilen, weil nicht jeder eine Rampensau ist. Doch bei einem Computerspiel ist es, wie beim Film auch: die Designer müssen im Rahmen des Kreativprozesses Entscheidungen treffen, die mit Sicherheit von Ihren eigenen ästhetischen Präferenzen geprägt sind. Alles andere wäre seltsam. Und auch, wenn ein Computer/Konsolen-Spiel einem natürlich, mehr oder weniger, die Illusion vorgaukelt, eigene Entscheidungen treffen zu können, bleibt der beschreitbare Weg doch meist auf einen Korridor von variabler Breite eingeschränkt, der bei der Schöpfung vorgeschrieben wurde.

Was für die Spielumgebung gilt, also Setting, Corestory und Plot, gilt ebenso für die Spielfiguren eines solchen Games: sie reflektieren einerseits den Geschmack der Entwickler, aber – insbesondere, wenn es sich um einen Top-Titel mit einem großen Budget handelt – vor allem den Geschmack des Mainstreams. Man kann sich jetzt natürlich darüber aufregen, dass der hiesige Mainstream, welcher aus zumeist männlichen, jüngeren, weißen Menschen besteht eben solche Protagonisten mag; und überdies auf Action, Gewalt, explizite Sexualisierung, etc. steht. Wenn man ein solcher Aufgeregter ist, könnte einem der Gedanke kommen, dass man diese Gamer zu besseren Menschen erziehen muss. Das klingt für mich allerdings nach Nazis, auch wenn jene, die sowas propagieren in der Regel links-grün-versiffte Gut-Menschen sind – wie ich auch!

Oder aber, man nimmt einfach zur Kenntnis, dass auch das Spielen von Videospielen mitunter den Charakter eines kontrollierten Regelbruches annimmt, dessen es ab und an bedarf um bei nächster Gelegenheit wieder als guter Mitmensch, Mitarbeiter, Ehemann und Vater funktionieren zu können. Und um es ganz persönlich auf den Punkt zu bringen – ich will keine Drag-Queens spielen, sondern knallharte Typen (und übrigens auch gerne Tussen) in deren Welt folgendes Credo gilt: “Wenn Gewalt nicht die Antwort ist, hast du die Frage falsch gestellt!”. Denn da lasse ich Dampf ab und am nächsten Morgen bin ich wieder der Nette… Au Revoir.

Feiertags-Blues…?

Ach Leute; ich kann doch nicht jedes Jahr den gleichen Sermon schreiben. Von Leuten, die bei der Hetze durch den Prä-Feiertags-Irrsinn aussehen, als wenn es jetzt nicht um Festtage ginge, sondern um Folter. X andere Schreiberlinge arbeiten sich doch jedes Jahr um diese Zeit an der Frage ab, warum wir uns (zumindest aus deren Sicht) nur noch um Konsum drehen und nicht mehr um den wahren Geist der Weihnacht? Was für sich betrachtet schon aus drei einfachen Gründen doof ist:

a) Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung verdient mit dem Konsum seine Brötchen => kein Konsum, keine Brötchen. Das wären doch wirkliche trübe Aussichten an Weihnachten

b) Die Geschenke, die wir kaufen dienen doch vor allem dazu, jenen, die wir gerne um uns haben eine Freude zu bereiten. Nicht jeder von uns kann gut basteln oder ist eine Kreativ-Granate wie meine Gattin. Was bleibt mir also anderes übrig, als das Problem, mit Geld zu bewerfen.

c) Gerade zu Weihnachten greift das schlechte Gewissen der Erste-Welt-Konsumtempel-Besucher wie eine Seuche um sich, welche die Geldbeutel öffnet und Spenden in die Säckel der Hilfsorganisationen spült. Wir wissen das, die wissen das; ist also ein Deal auf Gegenseitigkeit. Ich will hier jetzt lieber nicht von Ablasshandel sprechen…

Ob wir ökologischer, nachhaltiger, besser handeln könnten? Sicherlich! Ob wir mit Gewalt daran erinnert werden wollen? Sicherlich nicht! Insbesondere, wenn man bedenkt, dass existenzielle Sorgen von Menschen der ersten Welt vielleicht objektiv weniger drängend sind, da meist nicht wirklich das nackte Überleben bedroht ist. Subjektiv sind diese jedoch genauso schlimm, da wir Menschen stets mit dem Maßstab messen, den wir aus Erfahrung gut kennen. Und das ist nicht schlimm, sondern zutiefst menschlich.

Gönnen wir uns einfach den Luxus, für einen winzigen Augenblick die Welt Welt sein zu lassen und uns mit uns selbst zu befassen – und denen, die unser Leben erst lebenswert machen. Ist der Mensch in seinem Kern doch ein zutiefst soziales Wesen. Natürlich mache ich mich gerne immer wieder über die Macken meiner Mitmenschen lustig und ebenso natürlich treten diese immer besonders imposant zu Tage, wenn sie sich alle um Perfektion für das Fest der Feste bemühen. Obschon doch jedem mit etwas Lebenserfahrung klar sein muss, dass es diese Perfektion nicht gibt; bzw. sie sich in dem Moment verflüchtigt, da Onkel Y oder Cousin Z zur Tür hereinkommen,  getragen von dem beflügelnden Gedanken, endlich mal wieder eine dieser raren Gelegenheiten vor sich zu haben, den ganzen Rest der Familie mit ihrem Scheiß behelligen zu können. Oh du fröhliche…

Aber ist das wirklich so schlimm? Ist doch auch nur ein Mensch und immerhin erfüllt er oder sie einen Zweck als abschreckendes Beispiel. Ich versuche es zur Abwechslung mal mit heiterer Milde gegenüber den meinen und jenen, die es sein wollen. Wenn ich so darüber nachdenke, ist nämlich genau das der Geist der Weihnacht: Seinen Frieden zu machen mit den Menschen und Dingen, die einen sonst auf die Palme bringen. Im übrigen habe gar keine Chance, auf Feiertags-Blues, denn mir scheint die Sonne aus dem Arsch: Meine Bachelor-Arbeit kam zurück und ich habe mit Bravour bestanden. Wenn das kein Geschenk ist, weiß ich es nicht. In diesem Sinne wünsche ich allen friedvolle, heitere, leckere und fröhliche Weihnachten!

Digitales Schreiben ist schlechter?

Ich las neulich einen Artikel auf Zeit Online, der davon handelte, dass man mit der Hand schreiben müsse, um seine kognitiven und motorischen Fertigkeiten zu trainieren. Da stand, das handgeschriebene Texte stilistisch und argumentativ prägnanter wären, weil man sich mehr Zeit zum Überlegen nehmen müsse, weil einerseits das korrigieren so viel schwieriger sei, als beim digitalen Abfassen von Schriftstücken. Und weil die Arbeit mit dem Stift zudem die Hand-Auge-Koordination schult, was mutmaßlich zu einer besseren Vernetzung von motorischen und kognitiven Zentren führe.

Ein kurzes Querlesen der zitierten Studie der Universität Cadiz zeigt meines Erachtens eine Designschwäche: bei einer Grundgesamtheit von ca. 250 sind fünfmal so viele Testsubjekte mit handschriftlichen Unterrichtsnotizen dabei, wie Computerschreiber. Allein diese Mengenmäßige Diskrepanz ist ein Problem; ebenso wie die Tatsache, dass nur Universitätsstudenten getestet wurden, was die Verallgemeinerbarkeit auf die Gesamtbevölkerung doch deutlich einschränkt. Die Frage zum Beispiel, welchen Unterschied Gewöhnung und Erfahrung machen, wird hier überhaupt nicht aufgegriffen.

Ich empfand den Artikel deshalb als irritierend, weil ich es seit fast 20 Jahren gewohnt bin, mit der Tastatur zu denken und dabei eigentlich keine geistige Verarmung an mir wahrnehmen konnte, oder dies von anderen vorgeworfen bekommen hätte. Das kann natürlich bei anderen Menschen schon so sein; aber ich begann über die Motivation dahinter nachzudenken. Denn nicht immer soll man davon ausgehen, dass einfach nur ein Content-Loch im Kultur-Portfolio aufgefüllt werden sollte.

Ich finde es allerdings bemerkenswert, dass ein Medium, dass online veröffentlicht wird und dessen Redakteure höchstwahrscheinlich wesentlich mehr digital erledigen, als handschriftlich zu notieren öffentlich eine Lanze für die handschriftliche Abfassung von Texten bricht. So romantisch die Vorstellung der edlen Beförderung Humboldt’scher Bildungsideale auch erscheinen mag, stellt sich mir doch sofort die Frage nach der Möglichkeit zur Vervielfältigung. Handgeschriebenes wandert ja nicht auf magischem Wege zum Rezipienten und insbesondere Texte, die nicht nur für einen Rezipienten gedacht sind (und das sind heutzutage bei weitem die meisten) müssen im 21. Jahrhundert zwangsläufig den Weg ins Digitale finden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet. Eigentlich ist das wenig sinnvoll.

Und dann tritt hinzu, dass auf die Körperhaltung beim SMS-Schreiben rekurriert wird. Noch deutlicher kann eine normative Geisteshaltung der Intoleranz gegenüber vermeintlich übermodernen Formen des Kommunizierens kaum zum Ausdruck kommen: „Unsere Jugend verblödet, weil sie keine Stifte mehr in die Hand nimmt“. Sorry ZON, aber ihr seid nicht zum Gestalten von Gesellschaft und Politik da, sondern zum Beobachten von Politik und Gesellschaft. Und neue Kulturtechniken sind den vermeintlich Etablierten ja stets Teufelswerk. Aber für eine Online-Zeitung ist das einfach nur Schizophrener Mist. Zu behaupten, dass das digitale Schreiben unsere Kreativität und kognitiven Fähigkeiten per se hemmt, ist Käse. Übt lieber noch mal mit der Hand…