Der verwirrte Spielleiter #13 – Die Moral von der Geschicht…?

Ich betone immer wieder, dass Zocken Spaß machen soll. Man kommt zusammen, um sich zu entspannen und – zumindest im Geiste – lustige Dinge zu tun, die wenig bis gar nichts mit unserer sonstigen lebensweltlichen Erfahrung zu tun haben. Ich selbst habe z.B. noch nie mit irgendwelchen Gegnern gefochten, eine Burgmauer erklommen, oder in einer Taverne als Skalde oder Barde eine gesungene Geschichte zum Besten gegeben. Ich kann auch nicht Hacken oder ein Raumschiff fliegen. Flöge ich allerdings so, wie ich Auto fahre… ach lassen wir das…

Das eine Geschichte Spaß macht, mich fesselt und unterhält, bedeutet allerdings mitnichten, dass sie nicht auch gelegentlich ernste Fragen berühren darf. Ich lese nicht mehr ganz so viel Belletristik wie früher, weil die Leseleistung, die ich für Beruf und Studium auf mich nehme, schon recht viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn aber mein Gedächtnis mich nicht trügt, behandeln insbesondere die Autoren des Cyberpunk und der Hard Science Fiction häufig Themen, denen ein gesellschaftskritischer Nukleus innewohnt. Wenn man so will, geht es dabei auch um moralische und ethische Fragen.

Diskussionen um Ethik und Moral im Pen&Paper gibt es schon lange. Sie drehen sich meist um die Frage, ob man sich tatsächlich vorab darum Gedanken macht, oder das Thema diskutiert, wenn ein Problem auftaucht. Rollenspiel behandelt ja oft Themen wie Horror, Dystopien, Kämpfe zwischen “Gut” und Böse” (was auch immer das für Kategorien sein mögen?), Verbrechen, etc. Die Charaktere sind dabei meist diejenigen, welche in die Geschehnisse eingreifen sollen, um ein größeres Übel verhindern zu helfen. Womit wir bei einer klassischen Jack-Bauer-Frage wären: Welche Mittel sind (noch) legitim, um ein übergeordnetes Ziel erreichen zu können? Oder vereinfacht: wie viele Unschuldige darf ich foltern und/oder töten, um dadurch (hoffentlich) ganz viele andere Unschuldige retten zu können?

Ich kann das genervte Seufzen vor den Bildschirmen in meinem Hinterkopf hören. Und nur um es vorweg zu nehmen: weil einer im Pen&Paper eventuell zu radikalen Mitteln greift, heißt das genauso wenig, dass er deswegen in Realitas zum Killer wird, wie bei einem Hardcore-Egoshooter-Zocker. Es gibt einfach keine Kausalität. Was allerdings möglich sein kann, ist das Verletzten von Gefühlen Anderer am Tisch, egal ob Spieler, oder SL. Und das kann tatsächlich ein Problem sein; oder besser, es kann eines werden, wenn man sich nicht darum kümmert.

Da sitzen Menschen am Tisch; und so wie deren Spielstile differieren, deren Wunsch nach Action und deren Präferenzen hinsichtlich des Settings, so bringen sie auch ihre jeweils unterschiedlichen Lebenserfahrungen und kleinen Probleme mit an den Tisch. So sehr ich mich also auch bemühe, Immersion zu erzeugen und auf die Wünsche der Spieler einzugehen, so viele Freiheiten ich ihnen auch lasse, kann ich doch nicht vorher sehen, wie sie auf bestimmte Dinge, die ich im Kontext des Spiels meine NSCs tun lasse, reagieren werden. Da sind gelegentlich wirklich böse Dinge dabei, auf deren Anwendung bzw. Ausübung ich im wahren Leben nie käme. Doch so lange ich eine Geschichte erzähle, passiert – sofern es zur Szene und zum NSC passt – auch mal Gewalt, Missbrauch, Sadismus, Betrug, etc.

Nehmen wir mal an, ich lasse einen NSC einen anderen NSC entführen, zu welchem einer der Spielercharaktere eine intime Bindung aufgebaut hat. Ich gebe zu, dass das Damsel-in-Distress-Thema wirklich alt ist; gelegentlich bringe ich es dennoch, wenn es dem Drive der Geschichte dienlich ist. Nun wäre es natürlich schick, wenn der Spieler zwischen mir als SL und dem NSC als Figur unterscheiden könnte. Hat in diesem Fall auch gut geklappt. Doch ich entsinne mich an andere Situationen, wo es Spielern recht schwer fiel, diese Divergenz zwischen SL und NSC zu beachten. Will heißen, sie waren mir als Mensch böse, weil meine NSCs ihren Spielercharakteren etwas getan hatten.

Noch problematischer wird es, wenn das böse Spiel, dass ich als SL manchmal mit den Spielercharakteren treibe, etwas aus der realen Lebenswelt berührt. Wie z.B. Gewalt-Erfahrungen. Dann balanciere ich auf einem schmalen Grat. Natürlich kann ich nicht bei jedem Spieler wissen, was ihn so umtreibt, daher wird es hilfreich sein, vorher zu thematisieren, dass bestimmte düstere Aspekte im gegebenen Setting eine Rolle spielen könnten. Sollte ein Spieler Bedenken äußern, muss man die entsprechenden Inhalte entschärfen. Manchmal reicht auch eine mildere Umschreibung, um dennoch zum Ziel zu kommen.

Das funktioniert allerdings auch mal anders herum. Nun bin ich als SL, aber auch als Mensch nicht unbedingt zimperlich gestrickt. Mag an meinem Job liegen, aber ich habe weder mit Blood and Gore noch mit anderen heiklen Themen Probleme; ich kann ziemlich gut zwischen meinen Spielrunden und der echten Welt differenzieren. Und ich nehme es meinen Spielern nicht krumm, wenn sie mal über’s Ziel hinaus schießen. Vielleicht gebe ich weniger EP, weil’s nicht zu den Charakteren gepasst hat. Aber das ist dann deren Problem, nicht meines. Ich denke aber, dass weniger erfahrene, oder Anfänger-SL gut daran tun, ihre eigenen mentalen No-Go-Areas mit denen der Spieler abzugleichen. Dann werden verletzte Gefühle am Spieltisch von vorn herein höchst unwahrscheinlich. Und wenn es doch mal rußt – locker bleiben und drüber reden. Ein neuer Code of Conduct am Spieltisch ist schneller ausgehandelt, als eine neue Runde geformt. In diesem Sinne – always game on!

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Erwachsen bilden #09 – Klugscheißer?

Menschen, die sich mit Lernpsychologie nicht so auskennen, haben ja immer diese mechanistische Vorstellung von Unterricht: dass ich morgens im Lehrsaal die EZ-IO auf der Stirn des Schülers ansetze, mir so einen direkten Zugang zu seinem Gehirn verschaffe und eine Art Upload des notwendigen Wissens und der handwerklichen Fertigkeiten in Gang setze, der schnell und sauber dafür sorgt, dass dieser Mensch alsbald produktiv zum Einsatz kommen kann. Insbesondere Chefs haben diesen Anspruch. Allerdings ist diese Denke in mehr als einer Hinsicht Käse.

Sie lässt die Beschaffenheit des Lernprozesses außer Acht, der sich mitnichten bei jedem Menschen gleich schnell oder gleichartig vollzieht. Und sie negiert die Notwendigkeit, zuerst herausfinden zu müssen, ob der Mensch, der vor mir sitzt überhaupt für diese Art von Tätigkeit geeignet ist, deren Beherrschung ihm zu vermitteln ich nun aufgerufen bin. Zumindest gegen Letzteres ist ein Kraut gewachsen und auch viele Entscheider im Gesundheitswesen haben mittlerweile begriffen, dass der Aufwand für ein gut strukturiertes Assessment-Center keinesfalls Ressourcen-Verschwendung ist.

Gegen das Erstere wirke ich direkt durch meine Unterrichtsgestaltung. Da vorgenannte Menschen ohne Ahnung über mein Fachgebiet allerhöchstens murren, wenn sie Rechnungen für Dinge präsentiert bekommen, die sie auf Grund des beschriebenen Mangels an Expertise nicht vollständig verstehen können, ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass der Deckel finanziell nicht vollkommen vom Topf fliegt und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien dennoch den Shit zu rocken. Kann ich. Läuft.

Es wirft allerdings die Frage auf, ob, bzw. wie ich es schaffen kann, trotz systemischer Ressourcenknappheit innovative Konzepte zu entwickeln und zu implementieren. Auch die Bildungslandschaft entwickelt sich ja weiter und speziell in der Erwachsenen- und Berufsbildung ist es notwendig, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, oder gar selbst welche zu liefern. Insbesondere da das Fachgebiet, in welchem ich unterrichte eines ist, das ständigen Veränderungen der zu vermittelnden Inhalte unterliegt. Man kann den Prozess mit dem Virenscanner auf dem heimischen Computer vergleichen. Wird der nicht regelmäßig geupdated, habe ich im schlimmsten Fall einen Totalausfall mit Datenverlust zu befürchten.

Nehmen wir jedoch an, dieser Computer steht in der Leitwarte eines Kraftwerkes und ein Virus legt ihn so lahm, dass das Kraftwerk ausfällt… wie haben die das in “Stirb Langsam 4.0” genannt? Einen “Firesale”? Denken wir nun an einen Ausbilder für Rettungsfachpersonal, der seinen Schülern Käse beibringt; ist schon ein bisschen wie ein Firesale, oder? Immerhin übernehmen die Schüler auf der Basis des Vermittelten später Verantwortung für Gesundheit und Leben anderer Menschen. Es klingt also vernünftig, auch die Ausbilder regelmäßig zu updaten. Hier treffen wir allerdings auf zwei Problemstellungen.

Zum einen sind Ausbilder im Rettungsdienst, vor allem die Praxisanleiter auf den Wachen, voll in den normalen Dienstbetrieb eingebunden und haben weder die Ressourcen (vor allem Zeit), ihre Arbeit ordentlich zu machen, noch bekommen sie die Gelegenheit sich selbst fortzubilden. Und damit meine ich noch nicht mal die medizinischen Fortbildungen. Die sind hier in Baden-Württemberg ja mit 30h/anno im Landesrettungsdienstgesetz §9, Abs. 4 festgeschrieben. Ich rede vom Erhalt der Ausbilderqualifikation durch pädagogische Fortbildungen. Und da herrscht in Ba-Wü Niemandsland…

Es ist zwar schön, dass man jetzt für Klassenlehrer in der NotSan-Ausbildung eine Hochschulqualifikation vorschreibt. So ein Bachelor in Medizinpädagogik ist was Feines. Allerdings können die Leute dadurch nicht automatisch unterrichten, denn das lernen z.B. die Lehrer im Refendariat. So etwas gibt es an Berufsfachschulen nicht. Und auch Fortbildungen für diese Lehrkräfte gibt es noch nicht. Geschweige denn, dass jeder versteht, was ein Lernfeldorientiertes Spiral-Curriculum ist. Und dann stehen oft genug jene, die denken, sie könnten unterrichten vorne und verfallen doch wieder in Fachsystematik. Oder erzählen den Youngstern Käse. Oder wissen nicht, was jetzt gerade angezeigt wäre, weil ein Honorardozent zwar für Anfahrt und Unterricht bezahlt wird, nicht jedoch für die Vorbereitung. Und so mancher macht dann halt einfach irgendwas, nur nix Gescheites.

Womit wir beim zweiten Problem, nämlich den Entscheidern wären, die, wie gesagt, den notwendigen Aufwand nicht durchschauen können, weil ihnen dazu das fachliche Wissen fehlt. Viele treten dann auf die Bremse, weil Ihnen ein fahrender RTW wichtiger ist, als ein gut ausgebildeter, motivierter und mit den notwendigen Ressourcen ausgestatteter Ausbilder. Dass dieser Ausbilder tatsächlich dafür sorgt, dass nämlicher RTW auch in Zukunft noch fahren wird, weil das Personal dafür vorhanden ist, wird dabei allzu oft gerne übersehen. Personalbindung entsteht nämlich heutzutage über eine qualitativ hochwertige Ausbildung. Und die braucht vor allem eines: Zeit für den Azubi! Immerhin: manche Entscheider springen über ihren Schatten und sagen vertrauensvoll: “Mach, was du für richtig hältst, so lange das Budget sich nicht Stuttgart 21 annähert!” Und genau damit befasse ich mich im Moment.

Ein Kollege von mir sagt immer: “Zum Klugscheißen muss man klug sein!” Die Frage, die ich mir in letzter Zeit oft stelle ist, ob er – und vielleicht auch manch anderer – dann auch klug genug ist, sich und sein Ego zu hinterfragen. Denn oft genug müssen wir beim Design von Maßnahmen der Erwachsenenbildung um die Ecke denken, damit die Schüler geradeaus begreifen können. Etwas mehr Demut vor der Aufgabe und ein Quäntchen Respekt für die Ansprüche und Sorgen des Schülers wäre hier angebracht. Aber ich träume vermutlich zu viel. Mir bleibt nur zu sagen, dass wir noch einiges zu tun haben, bevor die Ausbildung wirklich rund läuft. in diesem Sinne: schönes Wochenende.

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Wechselbäder

Ich wünschte, mir wäre humorig zumute, doch dies ist nicht der Fall. Ich versuche ja immer, meine eigenen kleinen Verstimmungen auf die leichte Schulter zu nehmen; funktioniert mal so, mal so. Aber im Mittel läuft in meinem Leben eigentlich alles geschmeidig. Eigentlich… Wenn ich jedoch im Moment an meine Kinder denke, könnte ich die glatte Wand hochgehen. Die eine ist dauernd bockig, weil sie – eben in die Grundschule gekommen – ernsthaft glaubt, dass Mama und Papa keine Autoritäten mehr sind. Wobei “mehr” da eher so eine Floskel im Satz ist. Eigentlich hat sie das nämlich noch nie so recht akzeptieren können. Aber im Moment ist so richtig Bambule. Und ihre große Schwester? Die hat Stimmungsschwankungen, die selbst mich als Depressionserfahrenen ratlos zurück lassen.

Um an dieser Stelle eines vorweg zu nehmen: ich brauche und will keine Erziehungs-Ratschläge. Die Besten bekommt man ja üblicherweise von Leuten, die keine Kinder haben. Und die dürfen jetzt alle – mit Verlaub – bitte die Fresse halten, weil sie einfach NULL Ahnung haben.

Morgens ist man also der Papa, der genauso lieb gehabt wird, wie er ist… und Abends, wenn man die Härte des Lebens (vulgo Hausaufgaben) durchsetzen muss, ist man das böse Arschloch. Was man da vorgeworfen bekommt, spottet der Beschreibung und manchmal auch der Realität. Zumindest meiner. Aber wie war das noch mal mit dem 3. Axiom nach Watzlawick: der Empfänger macht die Botschaft? Und was sie denkt und fühlt, ist halt IHRE Realität. Wir haben hier also offensichtlich ein Missverständnis am laufen und es gibt keine Möglichkeit, dieses aufzulösen. Ganz gleich, welche – für mich durchaus emotional nachvollziehbaren – Argumente und (Zu)Geständnisse ich nutze; es bringt einfach nichts, denn das Kind will mich hassen. Bis es dass nächste Mal kommt, weil es kuscheln möchte.

Da stehe, sitze, liege ich nun und weiß irgendwie nicht recht weiter. Ist das quasi der normale Beginn dieses Eltern-Kind-Wahnsinns, den man gemeinhin als Pubertät bezeichnet? Eigentlich ist sie dafür noch zu jung, aber was weiß ich schon darüber. Ich hatte zwar selber mal eine, aber die ist verdammt lang her. So knapp 30 Jahre. War ich da auch so? Keine Ahnung, vermutlich schon. Meine Mutter kann ich zwar fragen, aber das Gehirn neigt ja dazu, die Vergangenheit zu verklären; positives Selbstbild und so. Also bleibt die Erkenntnisausbeute dabei eher dürftig. Ratgeber-Bücher lesen? Um Gottes Willen, never ever. Da lande ich womöglich bei irgend so einem Skandinavier, der die Kindheit als Heiligtum verklärt, um dann bei der feierlichen Deklamation der kindlichen Menschenrechte geflissentlich zu vergessen, dass es unsere Aufgabe als Eltern ist, Grenzen zu setzen, damit sich die Blagen nicht aus Versehen töten.

Wir haben uns für unsere Kinder bewusst entschieden. Und ich stehe immer noch dazu, weil ich denke, dass wir durch sie etwas Positives in die Welt zurückgeben können. Wenn die sich nicht gerade so aufführen, wie eben jetzt. Ich mache kein Yoga und diesem ganzen Achtsamkeits-Wahn stehe ich eher reserviert gegenüber. Also atme ich bei solchen Gelegenheiten wie vorhin tief durch die Hose und versuche mich daran zu erinnern, dass ich eigentlich an Güte und Gerechtigkeit glaube. Fällt mir momentan zwar schwer, aber es hilft, wenn man es mit ein wenig physischem Abstand kombiniert und der Angelegenheit ein Weilchen zum Abkühlen gibt. Funktioniert ja auch bei Gussstahl.

Gott hat Humor – nicht weil er, wie Hagen Rether mal bemerkte, die Meerschweinchen gemacht hat – sondern weil er etwas, dass am Anfang so süß und Unschuldig daher kommt, wie ein Baby, mit einem Nukleus der Boshaftigkeit versehen hat, der sich immer bei Reibung entzündet. In meinem Geiste sitzt ER an einer Art himmlischem Fernseher und lacht sich gerade scheckig über meine nur langsam verrauchende Wut. Drauf geschissen. Mein Kind bleibt mein Kind auch wenn sie mich gerade mal wieder hasst. Wenigstens noch für eine Weile kommt sie ja irgendwann wieder kuscheln. Wenn’s damit allerdings auch vorbei ist, ziehe ich vielleicht lieber für zwei, drei Jahre ganz in mein Arbeitszimmer, damit ICH niemanden töte. Schönen Abend noch.

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Postmoderne Gedanken N°2 – Partikula…was?

Es gab mal eine Zeit, die ist noch gar nicht so lange her, da war die Welt einfach. Es gab zwei Machtblöcke: die Kommis und die Kappis. Die hatten Bomben und Panzer und was weiß ich nicht alles und standen sich gegenüber. Unversöhnlich! Feinde für immer, weil der Dogmatismus das so wollte. Man könnte es, euphemistisch, als weltanschauliche Differenzen beschreiben, oder man sagt einfach, wie es war: Zwei Gruppen von Idioten, die mit der Ideologie des jeweils anderen nichts anfangen konnten, hätten dafür bei erster sich bietender Gelegenheit die Welt gesprengt. Das Potential dazu hätten sie auf dem Höhepunkt des kalten Krieges in ca. 71-facher Ausführung gehabt.

Man kann Gott oder irgendeinem anderen mythologischen Prinzip danken, dass es bis heute nicht dazu gekommen ist. Weltanschauliche Differenzen gibt es allerdings immer noch zuhauf. Oder, besser gesagt: es gibt heute davon mehr denn je. In der eben von mir beschriebenen Zeit, die laut Geschichtsbüchern mit dem Mauerfall 1989 und dem damit einhergehenden Zerfall der UdSSR zum 25.12.1991 endgültig endete, war das nicht so. Die größte Differenz zwischen den beiden Machtblöcken war stets der Umstand gewesen, dass in den Staaten des Westens über weite Strecken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinweg eine Demokratisierung stattfand, die erst mit dem Beginn der neoliberalen Ära unter Reagan und Thatcher den Anfang ihres Endes fand.

Mit dem Zerfall des Ostblocks jedoch kamen das alte Blockdenken und damit eine komplette Weltordnung zu ihrem Ende. Als Jugendlicher erlebte ich 1989/90 die Wende intensiv mit (wir waren ’90 auf Klassenfahrt nach Berlin mit Boxenstop in der thüringischen Provinz), ohne dass mir damals bewusst wurde, wie unfassbar das Ganze wirklich war. Erst viel später begriff ich, dass das Ende des Ostblocks für die Nationen Europas und ihrer Bewohner gleichzeitig auch das Ende aller Gewissheit war. Vorher gab es – zumindest subjektiv – ein geregeltes Welt- und Feindbild. Danach gab es nur noch die Notwendigkeit, eine eigene Haltung finden zu müssen. Und das hat nicht immer so gut geklappt…

Das ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Jener Prozess, der uns alle als Individuen unserer Orientierung beraubt hat und den Ulrich Beck – nicht ganz untreffend, aber auch nicht annähernd umfassend korrekt – in seiner “Risikogesellschaft” beschrieb, begann letzten Endes schon mit der Aufklärung und den ihr folgenden politischen Umwälzungen: die französische Revolution und ihre Kinder, Kriege in Europa, eine neue Ordnung der alten Welt, etc. Er kulminierte nun erneut mit dem abermaligen Zerfall einer, als unumstößlich betrachteten, Weltordnung.

Wenn man so will, war der Beginn der Moderne, der für die westlichen Nationen durch die Aufklärung in Europa markiert ist, auch der Beginn der Individualisierung und Partikularisierung unserer Gesellschaften. Wenn man einmal wirklich darüber nachdenkt, ist die politische Aufteilung einer Gesellschaft in drei, oder gar nur zwei politische Großlager (vulgo: Volksparteien) von Anfang an hanebüchener Quatsch. Denn sie bildet die gesellschaftlichen Realitäten nicht ansatzweise ab! Wer einen kurzen Blick in die soziologische Milieuforschung riskiert, dem fällt auf, dass dort bis zu 10 solcher unterschiedlicher Lebensstile differenziert werden, die selbstverständlich auch mit unterschiedlichen politischen Grundhaltungen einher gehen. Sieht man sich die dazu gehörenden Beschreibungen einmal genauer an, wird einem rasch klar, warum die “Volksparteien” ihre Bindungskraft verloren haben: es gibt Alternativen.

Genau das zeichnet das Wahlergebnis in Thüringen vom gestrigen Abend nach. Es gibt da für mich keine Verwunderung. Allerhöchstens darüber, dass viele Andere so verwundert sind. Denn vom sozialwissenschaftlichen Standpunkt aus ist das Ergebnis ebenso verständlich wie vorhersehbar. Aber darüber will ich hier gar nicht reden.

Achten Sie auf die Farben…

Mich interessiert die Partikularisierung unserer Gesellschaft; und dabei vor allem, wie wir diese wahrnehmen. Dem geneigten Leser wird nicht entgangen sein, dass die Färbung des Tortendiagramms nicht der üblichen politischen Farbenlehre entspricht. Und was wäre, wenn genau das der Fall wäre? Wenn Menschen nicht nach bewusster parteipolitischer Präferenz entscheiden, sondern nach Gefühl? Nach Einzelpersonen, die eben sympathisch oder unsympathisch sind? Politiker neigen immer dazu, Erfolg für sich zu reklamieren und Niederlagen auf das Team zu schieben. Aber ich bin mir sicher , von den 31% Wählern, welche sich gestern für die Linke entschieden haben, gaben die wenigsten Bodo Ramelow, oder der Arbeit der Rot-Rot-Grünen Koalition ihre Stimme. Die allermeisten entschieden sich für den Kandidaten vor Ort, der Ihnen am besten in den Kram passte; ohne Ansehen der Landes- oder Bundespolitischen Auswirkungen.

Weil Partikularisierung der Gesellschaft eben auch ein Zurückgeworfen-Sein des Individuums auf sich selbst in seiner unmittelbaren Lebensrealität bedeutet; und damit auch eine Individualisierung und Entsolidarisierung der jeweiligen Interessen einhergeht. Wenn es in meinem Dorf gerade nicht so gut läuft, ist es mir doch Wumpe, ob die Zahlen im Land stimmen, denn es ist meine Hood, die gerade den Bach runtergeht, weil keine Sau sich für den Thüringer Wald interessiert – außer man geht gerne Wandern. Das ist natürlich nur ein Beispiel und lässt sich in anderen Regionen Deutschlands beinahe 100% analog durchdeklinieren. Volksparteien sind deshalb keine Volksparteien mehr, weil es das eine Volk sowieso nie gab und heute eben Alternativen zu CDU/CSU und SPD existieren, die als randständig zu bezeichnen, wie Matthias Dell heute morgen auf Zeit online korrekt bemerkte, an der Lebensrealität voll vorbei geht.

Doch was hat das mit der Postmoderne zu tun? Ganz einfach: So wie die Moderne, wie im ersten Beitrag dieser Reihe ausgeführt ein uneingelöstes Versprechen geblieben ist, so ist auch die parlamentarische Demokratie viele Lösungen schuldig geblieben, die zu liefern sie angetreten war. Der öffentlich dokumentierte Verfall der ehemaligen Volksparteien ist somit ein Zeichen gesellschaftlichen Wandels, das ernst genommen werden muss; und zwar gerade nicht, indem man sich auf alte Werte zurück besinnt und wieder Politik wie in den 50ern macht, sondern die aktuellen Fragen wieder in einer Tiefe und Sinnhaftigkeit diskutiert, die tatsächlich Sachlösungen zulässt, anstatt jede Woche eine neue Sau durchs mediale Dorf zu treiben. Das wäre für eine Weile eine Zumutung sowohl für die Bürgerinnen und Bürger, als auch für die Politiker. Doch es ist eine Notwendigkeit, denn im Moment verwechseln die allermeisten Politiker Gestaltungsanspruch und Machtanspruch in unzulässiger Weise miteinander. Doch über das Thema reden wir ein anderes Mal. Der nächste Beitrag befasst sich mit der Frage nach der Legitimität von Private-Public-Partnerships. Bis dahin eine gute Zeit.

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Der verwirrte Spielleiter #12 – Erzähl doch einfach…!

Puh. Schon wieder eine Weile her, dass ich was zu meinem Hobby N°1 geschrieben habe. Könnte daran liegen, dass es in den letzten Monaten nicht immer so präsent war. Wir hatten schon ein paar Gelegenheiten zum Zocken und die Nächste nähert sich gerade; doch insgesamt waren andere Dinge gerade ein wenig wichtiger. Sei’s drum.

Auch wenn man sein 30jähriges Bühnenjubiläum als SL hinter sich gebracht hat, trifft man immer noch auf Fragestellungen, die – wenngleich auf den ersten Blick trivial – bei näherer Betrachtung doch die eine oder andere Überraschung mit sich bringen. Nach allem, was ich über das Rollenspiel erzählt habe, ist allen Beteiligten klar, dass es sich dabei um ein soziales Spiel handelt, welches von Kommunikation lebt, vom Treffen von Entscheidungen und der Abwägung, welche Konsequenzen diese haben werden; und natürlich auch von der Rhythmik der Geschichte, die direkten Einfluss darauf ausübt, ob Immersion und Player-Investment entstehen, oder eben nicht.

Abseits aller Vorgedanken, Vorplanungen und Vorbereitungen bleibt das Spielleiten selbst stets zuerst ein Akt des Erzählens. Ich habe hinsichtlich dieses Umstandes im Netz so einige Meinungen gefunden, die von der Notwendigkeit schauspielerischen Könnens des SL bis hin zum bloßen Zur-Kenntnis-Geben von Informationen durch den SL reichen. Natürlich gebe ich durch mein Narrativ Informationen weiter. Ohne Informationen entsteht keine Geschichte, die wir zusammen weitererzählen können. [Damit wirklich klar wird, wovon ich rede, ist es dieses Mal tatsächlich sinnvoll, den zugehörigen Podcast anzuhören]: Verdeutlichen wir uns, was das bedeutet. Stellt euch Folgendes vor: “Ihr betretet das zweite Untergeschoss des Parkhauses. Alle Lampen sind aus. In der linken hinteren Ecke hört ihr ein seltsames Kratzgeräusch.”

Ja soweit ganz ok. Die relevanten Informationen wurden vermittelt. Kann man so stehen lassen. Oder wir legen noch ein Brikett nach und verändern lediglich die Stimmlage und Sprachrhythmik vom “Credible-Stile”-Nachrichtensprecher zu… etwas anderem: “Ihr betretet das zweite Untergeschoss des Parkhauses. Alle Lampen sind aus. In der linken hinteren Ecke hört ihr ein seltsames Kratzgeräusch.”

So. Alle fertig? Dann habt ihr jetzt ein Bild im Kopf und ich könnte wetten, dass, wenn man Photos eurer Vorstellung anfertigen würde, sehr unterschiedliche Ergebnisse zu Tage kämen. Vor allem sehr unterschiedlich zu dem, was ich im Kopf habe. Vielleicht wurde irgendwas dazu imaginiert, was ich gar nicht beschrieben habe, weil die Szene an einen Film, ein Buch oder sonstwas erinnert. Vielleicht habe ich auch – ohne das zu wissen – eine Saite eures emotionalen Instruments bespielt, die gewisse Ängste triggert. Und vielleicht habt ihr gar keine Vorstellung, was das soll, weil ihr noch nie einen einzigen verdammten Horrorfilm gesehen habt. Was weiß ich schon…

Fakt ist, im Pen&Paper habe ich damit eine Szene gesetzt, mit der nun etwas passieren wird. Einer der Spieler wird sicher fragen, ob sein Charakter mehr wahrnehmen kann, bevor er sich in die Richtung bewegt. Einer wird sich umschauen, ob er das Licht in Gang setzen kann. Wieder ein anderer wird seine Waffe bereit machen, weil er eine Konfrontation erwartet. Und einer möchte vielleicht lieber das Weite suchen. All das erreiche ich mit 21 Worten; und meiner Stimme als Instrument. Ich brauche dabei keine überbordende Vielzahl an Adjektiven (“pittoresk” ist mittlerweile zu einem Hasswort geworden) und Füllworten – tatsächlich ist tatächlich tatsächlich überflüssig! Klar soweit? Verbale Kommunikation braucht Klarheit und Klarheit wird durch zu komplexe Konstrukte eher beeinträchtigt. Und das MIR, dem Meister des Schachtelsatzes!

Doch zurück zur Frage: nur Info oder echte Narration? Beide Varianten erfüllen ihren Zweck. Und es ist gewiss eine Frage der Übung, ob ich mit meiner Stimme etwas anderes – ober besser gesagt, etwas mehr – erzeugen kann, als das monotone Leiern eines schlecht gealterten Tonbandes. Wenn man mich jedoch fragte, was für mich beim Erzählen meiner Geschichte wichtig ist, so würde ich sicher darauf hinweisen, dass ich auch eine gewisse Stimmung mit transportieren möchte. Zum einen, weil eben nicht jedes Setting die gleiche Grundstimmung, die gleichen Spielprämissen und Ziele hat. Und zum anderen, weil immer gleich klingende NSCs sowohl Spieler als auch SL nach einer Weile nerven. Die Stimme ist ein Instrument, bei dessen Nutzung wir durch ständigen Gebrauch besser werden können. Wenn wir das denn wollen.

Bevor ich jedoch die Spieler ihre Charaktere in eine solche Szene eintauchen lassen kann, muss ich selbst dort gewesen sein. Dass ist der wirklich essentielle Teil jeder Vorbereitung: ich muss diese Bilder, die Szenen, an denen von den Charakteren Entscheidungen eingefordert werden, und sie im Gegenzug für den weiteren Verlauf einer Geschichte relevante Erkenntnisse gewinnen können vorher selbst gesehen haben. Ich muss die Details kennen, welche sich in dem Wimmelbild verstecken und alle relevanten Fragen meiner Spieler ad hoc beantworten können. Das ist, was ich meinte, als ich sagte, dass die Nexus-Vortex-Methode mitnichten weniger Arbeit für den Spielleiter bedeutet. Sie eröffnet mir allerdings im Gegenzug wesentlich größere Flexibilität, wenn es um die unvorhersehbaren Eskapaden meiner Spieler geht. Die sind ja aber das Salz in der Suppe meiner Runden.

In jedem Fall danke ich für die Aufmerksamkeit des Publikums und hoffe, dass bis zum nächsten Verwirrten Spielleiter nicht ganz so viel Zeit vergeht – always game on!

Auch zum Hören – diesmal besonders…

Postmoderne Gedanken N°1 – Was ist modern?

Unsere Zeiten sind schon schwierig. Strukturkrisen in der Wirtschaft. Klimawandel. Faschisten allenthalben. Und zwischendrin wir Menschen. Nicht wenige von uns sehnen sich nach der “Guten alten Zeit”; einem Sehnsuchtsort, der in etwa aussieht wie… ja wie sieht denn dieser Ort aus? So wie die 50er und 60er? Mit ihrem Alt- Nazis in jeder Verwaltung, mangelhaften Frauenrechten und fragwürdiger Mode – aber keinen Fragen, weil sich alle wieder Schweinebraten leisten können? Wie die 70er mit ihren Protesten, dem Terrorismus und noch fragwürdigerer Mode? Oder etwa wie die 80er, als sich alle im subjektiven Wohlstand eingeigelt hatten, während die aufkommenden Reaganomics anderorts bereits den neoliberalen Niedergang der (angeblichen) Post-WK II.-Blütezeit einläuteten? (Und das bei teilweise wirklich allerfragwürdigster Mode…)

Sicher hat jeder ein etwas anderes Bild von diesem Ort, der höchstens jenseits von Raum und Zeit jemals existieren konnte, im Kopf. Und es ist auch hoch wahrscheinlich, dass dieses Bild von Kindheitserinnerungen durchdrungen ist, die bekanntermaßen nicht allzu präzise sind. Das macht diese nicht weniger wertvoll. Nur sind sie als Basis eines Verlangens nach gesellschaftlichem Wandel eine eher dürftige Angelegenheit. Einigen wir uns also darauf, dass diese “Gute alte Zeit” so, wie wir sie annehmen, wenn überhaupt jemals, so nur in unserer Phantasie existiert hat. Was uns nun leider ratlos im Hier und Jetzt zurücklässt. In den modernen Zeiten. [An dieser Stelle ist aus meiner Sicht ein kleiner Hinweis auf den Film “Modern Times” von und mit Charles Chaplin von 1936 angezeigt…]

Die “Moderne” war damals und ist es noch heute, ein hoch diskussionswürdiger Begriff, denn die Grundlagen, die sie geschaffen hat, wie etwa die Trennung von Kirche und Staat, die Aufklärung, technischen Fortschritt und schließlich das Entstehen moderner, rechtsstaatlich-demokratischer Staatswesen werden heute dadurch konterkariert, dass die Macht, die in der Demokratie ja angeblich vom Volke ausgehen soll, wohl eher in den Händen jener liegt, welche die wirtschaftlichen Strippen ziehen. Diese Zusammenhänge sind ja nicht neu; andernfalls hätte es Denker wie Karl Marx und Friedrich Engels, sowie etliche, sich auf deren Werke beziehende, politische Umwälzungen des 20. Jahrhunderts niemals gegeben. Und nicht umsonst gab es dann in den 80ern wieder Dystopien zu lesen, in denen Mega-Konzerne die faktische Weltherrschaft übernommen hatten und die einfachen Menschen zusehen durften, wie sie zurecht kommen. Lest mal William Gibsons Neuromancer-Trilogie. Ätzende Gesellschaftskritik im Science-Fiction-Gewand.

Die Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen 30 Jahren nochmals verschärft. Die Globalisierung (in diesem Zusammenhang als Globalisierung des Kapitals zu verstehen, nicht etwa als eine Bewegung, welche Menschen aus aller Welt einander näher bringt) hat die Möglichkeiten geschaffen, Dystopien wie bei Gibson wahr werden zu lassen. Und auch, wenn wir noch nicht ganz so weit sind, zeigen sich doch bereits beunruhigende Tendenzen in diese Richtung; nur ohne Cyborgs… Colin Crouch z.B. zeigt in seinen Büchern zum Begriff “Postdemokratie” einen weitgehenden Rückbau des Staates zugunsten privatwirtschaftlicher, am Markt orientierter Strukturen auf. Nun werden die ganzen “Leistungsträger” und Kapitalistenunken wieder rufen, dass der Markt es auf lange Sicht schon regeln wird. Wie wahrscheinlich der Eintritt dieser Behauptung ist, kann man am deutschen Gesundheitswesen beobachten, dass seit Ende der 90er dereguliert wurde und jetzt – mit Verlaub – vollkommen im Arsch ist.

Und immer noch stehen die Menschen – und ich natürlich mit ihnen – im Hier und Jetzt und fragen sich, wie es weitergehen soll, bzw. welche Fragen die richtigen sind. Denn nicht einmal darüber herrscht Konsens. Die Welt ist – auch, wenn das wie eine Binsenweisheit klingt – tatsächlich so unüberschaubar geworden, so multioptional und divers und komplex, dass wir uns davon überfordert, geängstigt und gehetzt fühlen. Nicht ganz zu Unrecht. Und nun… nun klammern wir uns an jene, die uns versprechen, die “Gute alte Zeit”, diese Illusion aus 1001 kindlichen Nacht zurückzuholen. Und wir folgen denen, wie die Ratten dem Mann mit der Pfeife

Was ist also modern? Oder besser, die Moderne? Sie ist ein gedankliches Konstrukt, losgelöst von Raum und Zeit. Einst war sie ein Versprechen. Das Versprechen, dass es allen Menschen irgendwann gut gehen würde, dass alle Probleme gelöst und die Leiden der Welt beendet werden würden. Selbstverständlich wurde dieses Versprechen nie eingelöst, denn die Moderne ist keine göttliche Kraft, sondern lediglich eine von Menschen gemachte Idee. Und wie das mit dem Menschen so ist…; jeder macht Seins. Worte wie Solidarität, Gemeinwohl, Teilhabe genießen in einer Gesellschaft, deren Teilnehmer durch und durch auf sich selbst zurückgeworfen sind keinen allzu hohen Stellenwert. Die “Leistungsträger” höhnen laut, dass die weniger Glücklichen wohl nicht genug geleistet haben. Und ein jeder versucht, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Betrachten wir die Moderne also als ein Versprechen, dass von Opportunisten um deren eigenen Profites Willen gebrochen wurde, bleibt nur übrig, sich zu fragen, was denn danach kommt. Im Kopf vieler Menschen ist die Moderne ja ein stetiges Hier und Jetzt, dass sich mit jedem Tag weiter in eine (oft ungewisse) Zukunft transzendiert. Diese Denke aufzubrechen und Wege abseits der ausgetreten Pfade aufzuzeigen, war und ist das Begehren der Postmoderne. Zu zeigen, dass auf eine überkommene Idee zu warten nicht unsere einzige Option ist! Darüber möchte ich in nächster Zeit ein bisschen weiter nachdenken und euch daran teilhaben lassen. Keine Sorge, es wird nicht zu kompliziert…

Auch zum Hören…

Erwachsen bilden #08 – Geht’s auch gerechter…?

Neue Projekte geben einem die Chance auf einen Burnout. OK, das war jetzt böse und auch ein bisschen unredlich, denn eigentlich bin ich im Moment voller Energie und Tatendrang. Was daran liegen könnte, dass ich a) mit einem höchst spannenden Projekt betraut wurde und b) überdies wieder im Lernmodus bin. Zu (b) kann ich sagen, dass die Aufnahme eines Masterstudiums von mir schon lange eingeplant war, weil der Weg, den ich nun gehen will und soll noch mehr Wissen und Kompetenzen verlangt, als ich mir schon angeeignet habe. Ich sage ja schon seit Jahren, dass die Ausbildung von Notfallsanitätern auch für die Ausbilder ein Lernprozess ist. Nun darf ich das, einmal mehr, am eigenen Leibe erfahren.

Wenn man eine Institution, quasi von Grund auf, mit aufbauen darf, bedeutet das natürlich einerseits viel Verantwortung; aber auch große Gestaltungsspielräume. Natürlich sind gewisse Regeln, die von der übergeordneten Organisation gesetzt werden ebenso verbindlich, wie die gesetzlichen Regularien und Anforderungen. Trotzdem bleibt ein weites Feld, auf dem viel möglich ist. Mir geht es dabei nicht nur um die Inhalte, sondern vor allem auch um die Kultur einer Organisation. Die Inhalte meines Feldes sind weitestgehend klar. Da wird Rettungsfachpersonal ausgebildet, welches später in Deutschland tätig werden soll. Doch der Weg dahin, junge Menschen zu Rettungs- und Notfallsanitätern wachsen zu lassen, ihnen zu vermitteln, wie man seine Arbeit nicht nur mit dem Kopf und den Händen, sondern eben auch mit dem Herzen macht, das ist ein steiniger; in mehr als einer Hinsicht eine Herausforderung.

Ich habe vor einigen Wochen bereits etwas über die Notwendigkeit für einen Kulturwandel in meiner Profession geschrieben. Also, eigentlich betrifft dies ja das ganze Gesundheitswesen, aber wir wollen es ja mal nicht gleich übertreiben. Doch etwas zu verändern, beginnt denn bekanntlich zunächst bei einem selbst. Und eingedenk dessen, was ich damals von mir gab, mache ich mir natürlich Gedanken darüber, wie ich eine solche Kultur von Grund auf in in dieser Institution etablieren kann, die ich aufzubauen mit aufgerufen bin. Denn was wäre ich für ein Heuchler, wenn ich diese Chance nicht ergreifen würde? Die Chance, nicht nur meine Kollegen, sondern eben auch die Auszubildenden vom ersten Tag an daran zu gewöhnen, sich ihren Fehlern konstruktiv zu stellen und daraus zu lernen. Und diese Einstellung, diese positive, gerechte Fehlerkultur auch in die Organisationen zu tragen, in denen sie später tätig werden.

Im Moment ist das nur ein Traum, aber ich werde mein Möglichstes tun, um ihn wahr werden zu lassen, so gut es mir eben möglich ist. Denn als Ausbilder ist mein wichtigstes Ziel, die mir anvertrauten Menschen dazu zu befähigen, ihr bestmögliches Selbst zu werden. Nicht nur beruflich, sondern in ihrer Gesamtheit als Person. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber ich bin ein Idealist. Kann man als Schimpfwort benutzen, wenn man möchte. Oder man akzeptiert einfach, dass man selbst der Wandel sein muss, den man in der Welt sehen möchte. Man weiß heute, dass auch Ghandi seine bigotten Seiten hatte; doch das macht diese Worte trotzdem um nichts weniger wahr.

Am Ende des Tages möchte ich mir sicher sein können, dass meine Bemühungen hilfreich waren, meine Profession – für die ich immer noch brenne – und das auch das Gesundheitswesen als Ganzes ein bisschen besser zu machen. Nicht nur fachlich, sondern eben auch menschlich. Andernfalls könnte man nämlich hübsche kleine Unterrichtungsroboter vorne in die Klassenzimmer stellen. Doch es ist die Hitze der Reibung, welche durch Ambivalenz und Ambiguität entsteht, die das Feuer des Lernens immer wieder entfachen kann. Und diese Reibung entsteht nur in der Zwiesprache mit einem geeigneten Subjekt – einem Lehrer. Und auch wenn das Wort “Lehrer” für so manchen einen negative Konnotation hat, weil die Erinnerungen an die eigene Zeit im allgemeinbildenden Schulsystem vielleicht nicht die allerbesten sind, bleibe ich dabei, dass ein Pädagoge im beste Wortsinn zum Lernen anstiften kann.

Dabei ganzheitlich vorzugehen – d.h. nicht nur Skills in die Auszubildenden hinein zu trommeln, sonder sie tatsächlich auch als Menschen wachsen zu lassen – ist mein erklärtes Ziel. Und ich würde mich freuen, wenn ich dabei selbst auch dazu lernen kann. Denn auch der Pädagoge selbst kann nur besser werden, wenn er sich an etwas reiben muss. Also, wenn er auf seine Fehler aufmerksam gemacht wird. Ich freue mich auf die neuen Aufgaben und das Lernen. Und wie sieht es mit euch da draußen aus?

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Ein Sieg…?

Entwickelt sich für das Berufsbild “Notfallsanitäter” nun doch alles zum Guten? Ich weiß nicht; und wenn ich ehrlich bin, will ich noch nicht einmal spekulieren. Immer wieder wird, insbesondere von manchen Vertretern meines Berufsstandes, über den Lobbyismus der Ärzte gegen eine Substitution ärztlicher Maßnahmen durch Medizinalfachpersonal hergezogen. Es scheint manchmal, als wenn ständische Vertretungen der Ärzteschaft auf Standpunkten aus dem vergangenen Jahrhundert beharren, weil sie um ihre Pfründe fürchten. Doch ist dies tatsächlich der Fall?

Könnte es nicht eher so sein, dass diese Ständevertreter – angesichts ihres Alters und ihrer durchschnittlichen Positionen – einfach nicht mitbekommen haben, dass sich der Berufsstand des Rettungsfachpersonals in den vergangenen 25 Jahren erheblich weiter entwickelt hat? Dass der NotSan von heute mit dem RettSan von damals nur noch wenig gemein hat? Denn betrachten wir die Situation einmal nüchtern, sind die neueren Vertreter meiner Disziplin keine einfachen Befehlsempfänger mehr, sondern werden mit dem Handwerkszeug ausgestattet, selbst qua-wissenschaftlich die immer neuen Erkenntnisse der Evidenz-basierten Medizin sich anzueignen.

Zweifellos können manche das besser und andere weniger gut. Dennoch bleibt im Mittel eine deutlich verbesserte Fähigkeit, auf die Neuerungen und die damit einher gehenden Anforderungen des Feldes reagieren zu können. Doch diese Erkenntnis ist bei den Herren Standesvertretern der Ärzteschaft, in deren Köpfen wir immer noch dämliche Krankenträger sind, einfach noch nicht angekommen. Dies zu verändern, ist eine der Herausforderungen.

Ich habe mir heute morgen im Parlamentsfernsehen die öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses angesehen und musste ja ein bisschen schmunzeln, als der Vertreter der Bundesärztekammer sagte, dass man die Notwendigkeit sähe, auch andere hochschulisch-pädagogisch gebildete Menschen, nämlich z.B. Ärzte in die Leitung von OTA-Schulen berufen zu können. Um es aus der Sicht des studierten Berufspädagogen noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Ärzte sind allein Kraft ihres Studiums NICHT befähigt, pädagogisch tätig zu werden! Dazu mangelt es ihnen an der dazu notwendigen Ausbildung. Es mag von Fall zu Fall Ärzte geben, die dies zumindest teilweise durch Begabung ausgleichen können; aber das reine Fachwissen genügt nicht, um dieses auch didaktisch sinnvoll und dem Adressaten angemessen vermitteln zu können. Und es wäre mir sehr recht, wenn manche – allzu arrogante – Vertreter der ärztlichen Zunft dies endlich einmal zur Kenntnis nähmen.

Alle gestrigen Darlegungen wurden nun gewürdigt und heute morgen haben die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD ihren gemeinsamen Antrag auf Änderung des NotSanG zurückgezogen. Das heißt, die Bundesratsinitiative, welche von Bayern und Rheinland-Pfalz initiiert wurde, ist wieder im Rennen. Man könnte das als einen Sieg betrachten. Wäre da nicht der Umstand, dass das Einfügen einer begrenzten Befugnis zur Ausübung der Heilkunde im Rahmen der in der Ausbildung vermittelten Fähigkeiten in das NotSanG vermutlich zu kurz greift.

Eine Novelle des Heilpraktikergesetzes (HPG), welche für einzelne nicht-ärztliche Medizinalfachberufe jeweils – stets am Stand der medizinischen Forschung und der Tiefe der Ausbildung orientierte – Kompetenzen freigibt, wäre wesentlich sinnvoller und würde auch andere Berufsgruppen mit ähnlichen Problemen, wie etwa die Hebammen, Physiotherapeuten, etc. aus der Schusslinie nehmen. Aber das würde ja bedeuten, dass man zugeben müsste, dass a) unser Gesundheitswesen ziemlich kaputt ist und b) die deutsche Form der Arztausbildung auch nicht mehr der Weisheit letzter Schluss… Und so was glaubt ja keiner. Oder?

Komme es wie es mag, ich kann noch lange keinen Sieg erkennen. Dennoch bin ich froh, dass dieser halbherzige Quatsch von den GroKo-isten erstmal vom Tisch ist. In jedem Fall bleibt noch viel zu tun. Habe ich erwähnt, dass ich mich in die Schöpfung einer zweiten Braunwalder Erklärung involviere? Schönen Tag noch.

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Music was my first love…

I’ll start with a confession on this one: maybe the years as a paramedic have damaged my mind more, than just a taint bit. Nowadays it seems to me, as if i can only cry and scream, when music unlocks those hallways in my mind, where raw emotions are tucked away safely, for noone else to see. I don’t think, this happened for convenience. I’d rather believe, it’s a subconsciously implemented safeguard against even more mental damage. In my trade, you get to experience people in their darkest hours on a quite regular basis. And even though today, I’m more occupied with teaching the skills of my art to trainees, I still live through those intense moments, from time to time.

It doesn’t happen intentionally, but sometimes, when I’m wandering the internet, I almost naturally take a stop on one of those sites, where you can listen to music. My taste is somewhat simple: I like music, that is made with hearts and hands. I don’t dig most contemporary pop music too much, although I happen to find single pieces, which appeal to me. But for the most part, I like old school rock and metal. And yes, I espacially like the oldies and classics.

All the while drifting from song to song, not always staying to the end, I might reach that point – it doesn’t happen always, not even often – where those previously mentioned hallways open up, to let out those tears, held back for a thousand and one reasons. And although I always feel a little odd afterwards, it’s always a liberating experience. Because it give’s me proof, that my emotions haven’t died yet, despite all the crazy shit, I have seen in more than 25 years in prehospital emergency care.

One of my favourite songs of all times is “Strange World” from Iron Maiden’s first album. When bass and guitar beginn to sing with each other, I always get the feeling, I should have become a bass player instead. Steve Harris is a freaking genius as bass player and song writer also; I know, this is only my little opinion, but to me it has a meaning, and there are a some feelings transported through this song, that I can relate to far too easy. I read it as a song about depression, and I had visitations from the darkness – my old friend – often enough, to recognice it in other people…

I would bet, I’m not the only one, who has his mind opened up by music like that. And although other people will most certainly like different kinds of music, the basic principle stays the same. I obviously don’t talk too much about those moments, because I feel, they’re private. And I most certainly wouldn’t invite anybody, to share them with me. Not even my wife. Because there are things, that need to stay private, no matter how intimate you might be with someone else. And I love my wife very much. But if I should guess, she has those special private moments too, that she would never share with anyone. Not even me. And that’s OK!

Music really was my first love. My lady was my second and thankfully, I don’t know, which of both will be my last, to stay true to the song. If I had any saying in that, both would come to an end at exactly the same moment. That would be fates greatest possible present to me. If you like to share your thoughts, feel welcome. Otherwise, simply have a good time.

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Erwachsen bilden #07 – Die große Le(e/h)re…

Selbstzweifel sind ein alter Bekannter, der immer mal wieder zu Besuch kommt. Geht vermutlich jedem so. Und so lange man sich nicht gerade darin ertränkt, ist das auch keine große Sache. Mit sich zu hadern, die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse noch mal überprüfen zu wollen (im Zweifel auch durch jemand anders), ist doch irgendwie ein Zeichen für die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Allerdings sagt Paracelsus ja, dass jedes Ding ein Gift ist; nur die Dosis macht, das ein Ding kein Gift ist…

JA, er meinte das pharmakologisch. Und trotzdem ist es für viele andere Dinge des alltäglichen Lebens ebenso wahr. So auch mit Bezug auf das Selbstwertgefühl. Zu viel ist nicht gut (=> Egoismus, Narzismus), zu wenig ebenso wenig (=> Selbstzweifel bis zur Depression). Um den gesunden – also den, nach Paracelsus, nicht-toxischen – Bereich zu finden und beibehalten zu können, braucht es einiges an Selbstdisziplin; und manchmal auch externe Hilfe.

Wir alle erzählen gerne eine positive Geschichte unserer selbst. Man möchte ja mit sich selbst im Reinen sein. In der Sozialpsychologie spricht man von der Selbstwirksamkeit des individuellen Narrativs. Unsere Persönlichkeit besteht, von außen betrachtet, aus vielen verschiedenen Rollen, die wir miteinander integrieren müssen: Elternteil, Kind, Lebensgefährte, Freund, Feind, Kollege, etc. Alle Rollen tragen in sich unterschiedliche Anforderungen an uns. Vom Praxisanleiter oder Ausbilder wird etwas anderes erwartet, als vom Vater oder Ehemann. Klingt logisch, oder?

Dennoch wirken diese unterschiedlichen Rollen aufeinander; immerhin sind sie alle gleichzeitig ein Teil von uns, der zu gewissen Zeiten rausgeholt und präsentiert wird. Das heißt, Handlungsmuster einer Rolle können durchaus auf eine andere Rolle überstrahlen und diese so modifizieren. Oft geschieht das unbewusst und solche Muster, die sich in all unseren Rollen wiederfinden, sind hoch integrierende Bestandteile unserer Persönlichkeit. Manchmal ist es eine charmante Macke, die zu einem persönlichen Kennzeichen wird; manchmal eine Handlungsressource (wie etwa Ordnungssinn), die uns sogar hilft, unseren Alltag besser zu bestreiten.

Gehen wir mit unseren Rollen allerdings zu bewusst um – d.h. “spielen” wir eine Rolle bewusst aus – kommen wir vermutlich als wenig authentisch rüber. Sind wir einfach nur wir selbst, geben wir uns u.U. gegenüber unseren Mitmenschen der Lächerlichkeit preis, oder machen uns durch den hohen Grad an Selbstoffenbarung angreifbar für jene, die Schwächen ihrer Mitmenschen gerne ausnutzen. Psychopathologisch betrachtet sind solche Menschen, die ihre Stärke aus der Schwäche anderer ziehen wollen oder müssen, natürlich eigentlich die schwächeren Menschen…

Mich persönlich treibt, mit Blick auf diese Gedankengänge die Frage um, wie ich auf jene Menschen wirke, die mir zur Ausbildung/Betreuung anvertraut sind. Sieht man sich das Auftreten der sogenannten Generation Z an, aus der sich mittlerweile fast alle Azubis in meinem Berufsfeld rekrutieren, so stelle ich fest, dass die jungen Leute sich ihres Marktwertes besser bewusst sind, das auch einsetzen und insgesamt häufig fordernder gegenüber ihren Ausbildern und dem Betrieb sind. Das lässt Menschen meiner Generation (der Definition nach Generation X) oft ratlos zurück. Ich wurde von meinem Vater mit Arbeit als Wert an sich vertraut gemacht und lebe das bis heute. Es ist quasi teil meiner professionellen DNA. Doch diese jungen Menschen fragen – ohne dass ich das hier bewerten möchte – zunächst, was der Betrieb für sie tun kann. In meiner Generation wurde dieses Frage noch umgekehrt gestellt. Und so gut wie alle Entscheider, die ich kenne, stammen ebenso aus meiner Generation. Was zu Konflikten führen kann…

Denn einerseits bin ich natürlich aufgerufen , “ihnen etwas beizubringen” (wer weiß, dass ich konstruktivistisch denke, dem wird klar sein, dass “etwas beibringen” eine vollkommen verkehrte Vorstellung von Lernen ist); andererseits ist Berufsbildung immer auch, ein Stück weit, Persönlichkeitsbildung. Und der Generation-Gap stellt manchmal einen nebligen Ozean dar, auf dem sich’s nur schwer navigieren lässt. Denn natürlich muss jeder, neben den universellen, unverhandelbaren Werten (wie etwa den Menschenrechten), die ich natürlich auch beim Unterrichten vertrete, seinen eigenen moralischen Kodex entwickeln. Sie dabei zu unterstützen, ist eine meiner Aufgaben. Und keine leichte…

An dieser Stelle sei angefügt, dass ich keinen weltanschaulichen Unterricht mache. Politik, Ethnie und Religion haben keinen Platz, wenn man Notfallsanitäter ausbildet, weil diese Dinge keinen Platz im Rettungswagen haben. Vor den Naturgewalten und dem Rettungsdienst sind alle Menschen gleich. Ich will lediglich, dass meine Azubis in der Lage sind, sich stets eine informierte Meinung zu bilden.

Also versuche ich, sie zur Selbstreflexion zu führen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Aber nun wird hoffentlich klar, das Selbstzweifel sowohl ein alltägliches, als auch ein Meta-Problem meiner Arbeit darstellen. Denn im trüben Wasser der fortlaufenden Entwicklung des Berufsfeldes Rettungsdienst, sowie der Gesellschaft und ihrer Kultur, in die es eingebettet ist fischen zu müssen, ist für mich selbst gleichsam ein Lehr- und Lernprozess. Dabei tagtäglich sozial adäquat, fachlich korrekt und Bedürfnis-orientiert zu handeln, ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle, denn ich empfinde dabei durchaus Erfüllung. Allerdings ist nicht immer ganz klar, ob ich im jeweiligen Subjekt meines Tuns Lehre oder Leere erzeuge. Aber ich versuch’s weiter. In diesem Sinne, noch ‘n schönen Tag.

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