Was vom Tage übrig blieb…

Keine Sorge, hier folgen keine Ausführungen über Katsuo Ishiguros gleichnamigen Roman. Das Einzige, was ich von einem Literaturnobelpreisträger hier plagiiere, ist ein Satz, der meine momentane Haltung und Situation recht gut umschreibt. Meine Gattin beteiligt sich dieses Wochenende an unserem Stadtteilfest mit einem Stand, in welchem Kunsthandwerk und Gebasteltes feilgeboten werden. Ich saß oder stand gestern einige Stunden in diesem Stand und gab den Verkäufer. Und ich kam nicht umhin, einmal mehr feststellen zu müssen, warum ich die allermeisten Menschen hasse. Es ist nicht einmal der Umstand, dass arrogant-desinteressierte Gesichter in Massen vorbeiströmen, und einen blöd anglotzen, wenn man „Guten Tag!“ sagt. Ich bin nicht ausgestopft, wisst ihr… An die „Hab-ich-alles-schon-tausend-Mal-gesehen“-Miene, wahlweise in ledrigen Ibiza-Gesichtern, wahlweise gezeichnet in vornehme Blässe unter breitkrempigen Sonnenhüten, mal jung mal alt, mal weiblich, mal männlich, mal was auch immer euch beliebt, habe ich mich auf Messen und Festen gewöhnt; beiderseits der grausamen Demarkationslinie Verkaufstisch.

Auch Kinderhände, die wieder und wieder alles mehrfach anfummeln müssen, weil ihre Eltern entweder nicht die Zeit, nicht die Geduld, nicht das Herz oder nicht das Hirn haben, der Frucht ihrer Lenden ein Mindestmaß an Anstand und Respekt vor anderer Leute Arbeit mitzugeben – geschenkt. Bei den nämlichen Erwachsenen nervt es aber noch viel mehr. Wahrscheinlich wird diese Erziehungs-Unfähigkeit in manchen Kreisen von Generation zu Generation durchgereicht – mit den salbungsvollen Worten „Sei ein aufrechter Assi!“ Man zuckt mit den Schultern, gewöhnt man sich an Idioten doch nur allzu leicht, weil’s halt so viele davon gibt! Was mich aber wirklich auf die Palme treibt, ist die Hast, mit der Leute durch ihre Freizeit paniken; immer verfolgt von der Sorge des Etwas-Verpassens, immer alle Multi-Optionalitäten abgrasen wollend, immer auf der Jagd nach dem noch geileren Schnäppchen… Die Menschen, welche in diesen Ständen sitzen – also jetzt nicht ich, ich vertrete nur meine Frau! – arbeiten Stunden und Stunden mit Herzblut an den ausgestellten Objekten, um dann Desinteresse, spöttische Blicke, ein gelegentliches „Das ist aber zu teuer!“ oder die Killerphrase „Ich schau vielleicht später noch mal vorbei“ wahrnehmen zu müssen; hinter Letzterem verbirgt sich dann zumeist der Schnäppchenjäger in dir.

Ich will nicht in Abrede stellen, dass es auch sehr befriedigende, freundliche, gar staunende Kundenkontakte gibt – aber die machen halt die Minderzahl aus. Und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass befriedigender Kundenkontakt nicht zwangsweise auch bedeuteten muss, etwas verkauft zu haben. Das ist dann das Sahnehäubchen mit Kirsche. Ich freue mich schon, wenn es gute Gespräche und positive Bestätigung gibt – vor allem für meine beste Ehefrau von allen. Ich frage mich ernsthaft, was genau es heute so anstrengend macht, sich solche Events als Aussteller zu geben: Ist es die Parole „Geiz ist Geil“, für die ich den entsprechenden Werbefuzzi von Mediamarkt heute noch an ein brennendes Kreuz nageln könnte? Der Selbstoptimierungswahn, der wirklich alle Bereiche unseres Lebens durchflutet, wie ein verschissener Krebs? Die durch unsere asozialen Medien kaputtgezüchtete Aufmerksamkeitsspanne, die selbst jene der Goldfische noch locker unterbietet? Ist es tatsächlich wirksamer Klassismus in einem Stadtteil, der seit ca. einem Jahrzehnt langsam durchgentrifiziert wird? Wahrscheinlich eine unfassbar nervtötende Mischung aus allem, die mich langsam aber sicher den Glauben an die Überlebensfähigkeit, vor allem aber das Überlebensrecht unserer Spezies verlieren lässt. Und das mir als Notfallsanitäter und Lehrer…

Trübe Gedanken, deshalb gehe ich jetzt für ein weiteres Rodeo wieder an den Stand. Habt einen schönen Sonntag und morgen einen guten Start in die Woche. Ciao…

Auch als Podcast…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.