Was, schon so lange…?

Beziehungen sind etwas höchst kompliziertes. Insbesondere, wenn sie zeitlich signifikant über eine hitzige Nacht und ein genuscheltes “…aber der Kaffee war okay…” hinausgehen. Ich meine, wenn man sich – vor allem in den Unterhaltungsmedien – aufmerksam umsieht, wird einem da sehr häiufig ein völlig unrealistisches Bild der Dinge gezeichnet. Da ist von ewig währender Verliebtheit über absurde Personen-Konstellationen und unmögliche Schwüre bis hin zur Selbstaufgabe einer beteiligten Partei alles dabei, was eine Beziehung u.U. richtig ungesund macht. Und nur, um das gleich vorweg klarzustellen: ich habe weder ein Patentrezept noch irgendeine geheime Formel. Warum die beste Ehefrau von allen und ich auch nach Jahrzehnten immer noch ein Paar sind, ist uns beiden selbst zwar nicht ganz so schleierhaft, wie externen Beobachtern. Aber ich darf hier versichern, dass weder Magie, noch Geld oder irgendwelche Leichen im Keller eine Rolle spielen. Wenn irgendetwas als ausschlaggebender Faktor für den “Erfolg” unserer Ehe – was auch immer das sein soll – gelten darf, so ist es die richtige Mischung aus Nähe und Distanz. Aus Neugier und Ignoranz. Aus Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Aus Reden und Schweigen. Und vielleicht noch aus manchem mehr, denn Langzeitbeziehungen sind wie ein Tanz, bei dem Takt, Tempo und Instrumentierung immer wieder wechseln.

…unter Mistelzweigen…?

Nähe und Distanz dynamisch wechseln zu können, wenn man entweder einander oder aber seine Ruhe, bzw. etwas Quality-Time mit anderen Menschen braucht, ist eine Kunst. Denn nicht immer wird auf den ersten Blick klar, was gerade angesagt ist. Manchmal muss man auch erst für sich selbst herausfinden, dass man genau jetzt für sich (oder mit anderen) sein möchte, anstatt mit dem “significant other” irgendwas zu unternehmen; oder auch nur Zeit zu verbringen. Herauszufinden, in welche Richtung es gerade geht, bedarf der Neugier. Wer nicht fragt, bleibt dumm sagt schon die Sesamstraße. Manche vergessen das wohl. In jedem Fall bleibt man stets dazu aufgerufen, neugierig auf seine*n Partner*in zu bleiben. Denn wir verändern uns im Laufe des Lebens auf vielfältige Weise. Interessen kommen und gehen. Bekanntschaften und Freundschaften kommen und gehen. Auf beiden Seiten. Das zu akzeptieren, brauche ich manchmal auch Ignoranz; und zwar im Sinne eines nicht immer auf kleine Fehler, Probleme, Macken eingehens, sofern diese keine signifikante Bedrohung darstellen, sondern lediglich nervtötend sind. Anfangs mögen es die Unterschiede sein, die uns aufeinander anziehend wirken lassen. Doch auf Dauer sind es Gemeinsamkeiten, die den Kitt einer Beziehung bilden – aber eben, wie alles andere auch, dem ständigen Wandel des Lebens unterworfen sind. Wir kommen also um das Reden nicht herum. Aber auch, wenn Kommunikation natürlich der Schlüssel zum Erfolg bezüglich sehr vieler Aspekte des Lebens ist, kann Schweigen die bessere Lösung sein. Herauszufinden, wann ich reden und wann besser schweigen sollte, bleibt allerdings über die gesamte Lebensspanne (einer Beziehung) hinweg eine kritische Aufgabe, die mitnichten immer erfolgreich gemeistert wird… Manchmal ist der schlimmste Gegner von gut gemacht eben gut gemeint.

So gehen die beste Ehefrau von allen und ich manchmal auf doch sehr unterschiedlichen Hochzeiten tanzen – im übertragenen Sinne, denn geheiratet hat in unserem Umfeld schon eine Weile keiner mehr. Doch auf Grund divergierender Interessen, unterschiedlicher Arten, die eigene Kreativität auszuleben und eines nicht immer auf eitel Sonnenschein gepolten Geistes brauchen wir beide gelegentlich Freiräume, Zeit für uns selbst, Ruhe. Genauso, wie wir auch Nähe, Austausch und gemeinsame Aktivitäten brauchen. Aber alles zu seiner Zeit. Und vielleicht ist ein weiterer Aspekt, dass ich zumindest stets versuche, meinen fair share an der Carework zu erledigen. Zu meiner Schande muss ich gestehen: nicht immer so umfänglich, wie ich wohl sollte. Aber ich bleibe dran! Blicke ich zurück, so sehe ich, dass wir uns beide mehrfach sehr grundlegend geändert haben. Durch die Geburten unserer Töchter. Durch einschneidende berufliche Veränderungen. Durch die Erkenntnis, dass die menschliche Psyche ein fragiles Konstrukt sein kann. Durch Erfahrungen mit Menschen von früher, die wir einst Freunde genannt hatten; aber auch durch Erfahrungen mit neuen Menschen, die wir heute Freunde nennen. Und durch das Nachsinnen über das, was dies alles mit uns gemacht hat. Unten am Fluss hat jemand auf einen Container ein Tag mit einem Symbol und zwei Textfragmenten gespayed: “Temet Nosce” – “Erkenne dich selbst!” und “Panta Rhei” – “Alles fließt!”. Mir fallen kaum passendere Worte ein, um diesen Text zu beenden… außer vielleicht die Bitte an jene, die dies lesen mögen, in ihren Beziehungen stets offen für das Neue und neugierig auf die Veränderung zu bleiben – in der Welt, in uns selbst und in unserem Gegenüber. Auf bald.

Auch als Podcast…

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