Warum zocken…?

Zuallererst – die in der Überschrift anklingende Frage kann jedes Hörende nur für sich selbst beantworten. Der Satz klingt Scheiße, aber bemühtes Gendern soll ja bekanntlich Krebs heilen helfen; oder so. Während ich hier sitze, und mich ein bisschen darüber ärgere, dass seit dem letzten Post zu viel Zeit ins Land gegangen ist, läuft im Hintergrund so ein 80s-Dark-Synthwave-Mix. Hätt‘ ich mir nie träumen lassen, dass die Dekade meiner Jugend später mal so trenden würde. Nun ja, ich genieße dann mal das Beste aus beiden Welten: Technik aus dem JETZT und vom GESTERN inspirierte Kulturprodukte. Solcherlei läuft häufig als Hintergrundgedudel, während ich alles mögliche schreibe; zum Beispiel auch meine Abenteuer. Womit wir ja auch schon mittendrin wären. Denn einer der Gründe, warum der Post hier etwas später kommt, als ursprünglich geplant, war die Spielerunde des letzten Wochenendes. Ich habe meinen Urlaub ausklingen lassen, indem ich SA und SO gespielleitet habe.

(c) by Monika Merz

Immer wieder ernte ich für den Hinweis, dass ich Pen’n’Paper-Rollenspieler bin, ein äußerst breit gefächertes Bündel an Reaktionen. Und gelegentlich sieht man hinter der Stirn des Gegenübers auch die Frage, wie man sich als Erwachsener noch mit solchem Kinderkram beschäftigen kann? In „Stranger Things“ spielen schließlich 11jährige das. Ganz so früh habe ich zwar nicht angefangen (ich war 15), aber ja – mein Start lag auch noch in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts. Damals hatte ich meine erste Phase mit Computerkram schon hinter mir, war ein typischer Brillenschlagen-Körpergulasch-Außenseiter-Nerd. Und auf der Suche nach etwas, dass mir mit den vielen schrägen Bildern in meinem Kopf helfen könnte. Ich würde nicht sagen, dass mir damals schon bewusst war, was Kreativität bedeutet. Und als ich gefragt wurde, ob ich mal spielleiten würde, war das eher so zum Spaß, um mich auszutesten (und billig an ein paar Erfahrungspunkte zu kommen). Die haben sie sich dann allerdings hart erkauft. Und mein Feedback war gar nicht so übel. Von da an lief das halt so weiter. Und immer häufiger wurde daraus Zocken bei Zimbo…

Wenn ich heute so darauf zurückblicke, würde ich sagen, dass meine Runden am Anfang ziemlich einfach gestrickt waren. Allerdings hatte ich damals kein Geld übrig, also habe ich keine Abenteuer gekauft, sondern selbst welche geschrieben und abseits dessen alle möglichen Regelwerke ausprobiert. Und ich habe alle Fehler gemacht. Jene aus den Handbüchern, und noch ein paar, die bis heute nirgendwo beschrieben sind. Wie das so ist, interessierte ich mich zwischenzeitlich dann auch für Computerspiele, Konsolenspiele, andere popkulturelle Phänomene wie etwa Mangas und Anime – und ich habe gelesen. Sehr viel gelesen! Ich habe auch das Internet halbwegs früh nutzen gelernt. Und immer wieder stellte sich die Frage, was dieses Hobby für mich so kostbar macht, was mich auch nach teilweise längeren Phasen des Spielleiter-Burnouts immer wieder an den Spieltisch geführt hat? Und die Antwort war – für MICH – immer die gleiche: es ist eines der vielseitigsten, kognitiv forderndsten und kreativsten Hobbies überhaupt. Es hat mich gelehrt, die Welt um mich herum mit anderen Augen als meinen eigenen sehen zu können. Und es hat mir ein paar wenige wunderbare, dauerhafte Freundschaften beschert.

Und während all das passierte, wurde ich damit besser. Meine Geschichten wurden reifer, ein bisschen erwachsener, manchmal auch ein bisschen moralischer. Und trotzdem versuche ich immmer wieder, die Welt mit den Augen eines (allerdings höchst überdrehten) Kindes zu sehen. Natürlich designe ich jedes Abenteuer auch unter der Maßgabe, was MIR als Spieler gefallen würde, mit welchem Charakter ich das gerne spielen würde. Wohl wissend, dass die Charaktere meiner Spieler vollkommen anders aussehen und ticken werden; und dass sie vollkommen absurde Lösungsansätze versuchen werden, auf die ich in 1000 Jahren nicht käme. Also zocke ich immer noch Pen’n’Paper. Vielleicht auch, weil für wüstes Computer- und Konsolenzocken meine Reflexe einfach nie gut genug waren – schwamm drüber, ich versuche auch das gelegentlich trotzdem. Aber beim Pen’n’Paper, da kann ich meine Dämonen zum Spielen schicken, die Rampensau rauslassen und bösartig werden, ohne dass es jemandem weh tut. Und nur mal so am Rande: wenn man sich mit der Kulturgeschichte des Spielens ein wenig befasst, tritt die Erkenntnis zu Tage, dass Erwachsene zu allen Zeiten gespielt haben. Insbesondere zu den Zeiten, da man hätte annehmen könne, sie hätten dazu keine Zeit gehabt. Der Drang scheint also evolutionär angelegt zu sein.

(c) by Monika Merz

Mit einer Kategorie wie „Kinderkram“ kann ich also nichts anfangen, weil mein kreatives Denken das Spielen als Teil meiner sozialen DNA in sich trägt. Natürlich spiele ich heute andere Spiele, denn als Kind. Dennoch hat sich der Teil des Make-Believe, des Eigene-Welten-Schöpfens erhalten. Und darauf bin ich verdammt noch mal stolz. Matt Collville, ein Rollenspiel-Youtuber, dem ich folge, hat mal gesagt, dass in unserer Kultur das EGO der kreativ Tätigen einen schlechten Leumund habe, weil viele Menschen nicht verstehen, woher der intrinsische Drang käme, etwas erschaffen zu wollen Und deshalb die notwendige Mischung aus Spieltrieb, Neugier und Energie für Hybris hielten. Man macht sich schließlich keine Mühe, wenn man nichts dafür bekommt. Ich weiß nicht, ob er recht hat. Ich weiß aber, dass mein EGO zumindest diesbezüglich bestens entwickelt ist. Ich freue mich natürlich, wenn meine Kreationen Menschen gefallen; ich kann aber aus vollem Herzen auf jene scheißen, die nur negative Energie übrig haben. Steht zu eurer Kreativität! Steht zu euren Schöpfungen! Und habt Spaß dabei! Always game on!

Auch als Podcast…

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