…und ich hoffte, wir wären weiter…

Ich gehe an dem Plakat, um dass es gleich im Folgenden gehen soll mittlerweile seit ein paar Wochen regelmäßig vorbei; und zuerst war es mir gar nicht weiter aufgefallen. Wie man eben so durch das Stadtbild wandert und Vieles überhaupt nicht mehr bewusst wahrnimmt, weil man Advertising-übersättigt von Konsumrausch zu Konsumkater stolpert, und immer wieder an der eigenen Denkfähigkeit zu zweifeln beginnen muss. Wir sind halt doch leicht beeinflussbar. Und genau das hat mich dann doch eines morgens diese Woche gewaltig gehirngefickt; ich glaube, ich hatte eh miese Laune, aber meine Denkschleifen bezüglich dieses Marketing-Machwerks wurden erstaunlich schnell erstaunlich klar: das Ding geht auf so vielen Ebenen überhaupt nicht, dass ich hier mal geschwind einen auf Roland Barthes und seine Mythen des Alltags machen muss…

Zunächst einmal ist die Machart des Plakats sehr konventionell und spielt in erwartbarer Weise mit dem Begriff der Evolution. Das an sich kann witzig sein, mündet hier allerdings in einem lächelnden Anzugträger mit Smartphone, der mutmßlich gerade ein Eigenheim bestellt? Nun ist die Simplifizierung im Marketing genauso wichtig, wie die didaktische Reduktion im Lehrsaal, und das geschickte Spiel mit Zeichen Grundvoraussetzung für das Evozieren von Gefühlen. Denn nur mit den situativ richtigen Gefühlen verkauft man erfolgreich. Und genau deshalb habe ich ein paar Fragen:

  • Warum nimmt man als (gegenwärtig) oberes Ende der Evolutionskette hier ganz naiv einen Anzugträger mit Smartphone an? Wo sind all die guten Facharbeiter*innen, auf deren Rücken der Wohlstand in diesem Land tatsächlich erwirtschaftet wird?
  • Warum ist es ein einsamer Kerl da auf dem Plakat? Leben wir immer noch in diesem 50er-Jahre-Deutschland mit dem Einzelverdiener-Ernährer-Macho als Patriarch? ich hatte echt gedacht, wir wären wenigstens ein bisschen weiter, als vor 60 Jahren…
  • …und dabei habe ich noch nicht mal an die LGBTQ+-Community gedacht!
  • Wo zum Kuckuck sind die Kinder? Da wird was von Familienheimen erzählt, und dann haben die nicht wenigstens auf einer ihrer Werbetafeln eine Familie als evolutionäre Konklusion auf dem Weg zu ihren Immobilien? Das lässt tief blicken in einem der kinderfeindlichsten Länder der Welt – JA, ich meine Deutschland!
  • Und ja – der Typ ist weiß! Also, wie war das jetzt mit Inklusivität?

Ich fasse zusammen: ICH lese das das implizite Statement dieses Plakats ist elitistisch, chauvinistisch, rassistisch, evtl. homophob und kinderfeindlich konnotiert. Was wiederum bedeutet, dass ausgerechnet ICH – als mittelalter, hetero-sexueller, weißer cis-gender-Mann und halbwegs empfindungsfähiges Wesen – diese Darstellung unmöglich finde. Wahrscheinlich denke ich zu viel und zu weit, oder bin mittlerweile einfach doch ein bisschen empfindlicher für solche Themen, als der Durchschnitt – aber muss sowas denn im frühen 21. Jahrhundert noch sein? Ich verstehe ja, dass man an Zielgruppen-Werbung glaubt. Das bedeutete hier im Umkehrschluss allerdings, dass man nicht annähme, das Facharbeiter, Frauen oder Mitglieder anderer ethnischer Gruppen diese Immobilien kaufen würden / könnten? Starker Tobak. Wie gesagt – meine Interpretation erhebt definitiv keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber ich hätte schon gerne, dass wir Menschen alles in allem mal etwas mehr über solche Darstellungen nachdenken. In diesem Sinne wünsche ich noch einen schönen Samstag.

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