The italian tales n°2 – mach’s einfach!

Um beim Reisen zu bleiben – manchmal ist der Weg nicht gerade und manchmal kann man ihn noch nicht mal erkennen. Als wir letztes Jahr schon mal die gleiche Location besucht haben, gab uns der Besitzer per Telefon recht präzise Informationen, wie sein Anwesen in den Hügeln oberhalb von Certaldo zu finden sei. Und trotzdem sind wir volle vier mal falsch abgebogen. Retrospektiv betrachtet eine meiner weniger ruhmvollen Anfahrten… Immerhin liebe ich die toskanischen Dustroads.

Wir wurden mit der berühmten Gastfreundschaft, einem Appartement mit Charme und angemessener Ausstattung, wundervoller Landschaft (inclusive dieses typischen Geruchs von südeuropäischen Koniferen, Macchia und Lavendel, der mich stets durchatmen lässt) und einem Pool empfangen, in dem ich täglich meine Runden ziehen konnte. Alles easy. Nicht so das Wetter, das uns mit idiotischen 42°C begrüßte. Na ja, da war ja der Pool.

Dieses Mal war klar, was uns vor Ort erwartet, denn wenn man einen Urlaubsort gefunden hat, an dem auch die Kinder zufrieden sind, denkt man zwei Mal über die Alternativen nach. Das Wetter hätte unterschiedlicher jedoch nicht sein können. Schon während der ganzen Anfahrt hatte es immer mal wieder geschauert, aber die letzten 35 KM ersoffen in Wasser. Hab schon ewig keinen solchen Regensturm mehr gesehen. Nun sind die letzten paar Kilometer, wie oben erwähnt eine Dustroad. Und von der fehlten Teile, was fast zu einem Schaden am Familien-Gefährt geführt hätte.

In der BRD würden sie jetzt noch diskutieren, wer den Schaden zu zahlen hat, um dann anzufangen, Angebote für die Ausbesserungsarbeiten einzuholen. Vielleicht könnten die Arbeiten dann so in vier bis sechs Wochen beginnen. Und man würde mir ein Unterlassungs-Erklärung hinlegen, damit ich ja keine Kohle zurückfordern kann. Hier regelt man sowas unter Gentlemen. Und überdies kamen heute morgen fünf Mann, ein kleiner Bagger, ein Traktor mit Kippmuldenanhänger und legten los. Jeder Bauer im Tal gab sozusagen was dazu. Abzüglich der typischen Siesta zwischen 12:00 und 16:00 war die Beere gegen 19:00 geschält! Ratzfatz. Vielleicht hätte eine Baufirma das noch besser gemacht; aber für meinen Bedarf ist es absolut ausreichend. Und der Mülllaster hat’s auch schon ausprobiert.

Das ist der Grund, warum ich mich der italienischen (speziell der toskanischen Mentalität) oft viel näher fühle, als der deutschen. Dieses ewige Arbeitskreise bilden, Varianten erörtern und alle nach ihrer Meinung fragen kann in manchen Situationen hilfreich und sinnvoll sein. Aber ganz gewiss nicht da, wo eine zügige Aktion gefragt ist. Deshalb lebe ich nicht gerne im Land der Reichs-Bedenken-Träger. Jeder muss seinen Senf dazu geben, egal, ob er irgendwas zum Thema beitragen kann, oder nicht. Hauptsache, man hat mal einen rausgehauen. Sieht man in den Kommentarspalten der Online-Postillen und bei Fratzenbuch ja auch jeden Tag auf’s Neue. Ziemlich viel Meinung für verdammt wenig (Sach)Kenntnis.

Die Kunst ist, unterscheiden zu können, wo ich mir die Zeit nehmen kann (und u. U. auch nehmen muss), die Dinge zu bedenken und wo ich es einfach machen kann (bzw. muss). Letzten Endes ist das eine Funktion von Lebenserfahrung; was allerdings Kenntnis über das betroffene Sach- / Fachgebiet nicht weniger notwendig macht. Die Jungs hier auf dem Hügel wissen schon, wie sie ihre Dustroads in Schuss zu halten haben. Bei anderen Problemen jedoch fragen auch sie einen Fachmann. Aber nur einen. Und sie wissen welchen man fragt. Wohingegen bei uns vieles (unnötigerweise) im Stillstand zu Tode diskutiert und alternativlos ausgesessen wird: z.B. kommunale Bauprojekte. Oder kommunale Kunst- und Kulturförderung. Oder die Renovierung des Clubhauses.

Diese angenehme Mischung aus ars vivendi, Gelassenheit und etwas Fatalismus, die bei Bedarf jedoch durchaus vom südländischen Temperament beschleunigt werden kann, ist es, die mich immer wieder hierher zieht. Zumindest zu einem nicht unerheblichen Teil. In jedem Fall hilft sie mir, meine anderen Leidenschaften wieder richtig zu fühlen. Und jetzt ist auch das Wetter wieder gut. Was will man mehr? Bis die Tage.

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