Sole splendente – Neue italienische Geschichten N°6

Hitzefrei hätt’s da früher gegeben! Als ich heute Morgen um 09:15 an den Pool bin, hatten wir hier in der Nähe von Certaldo schon satte 28°C. Bis Mittag wurden daraus 40°C. Selbst für toskanische Verhältnisse ist das ziemlich fett, wie mir unser Vermieter versicherte. Man muss allerdings wohl dafür dankbar sein, dass es ausreichend Getränke zu kaufen gibt und dass wir besagten Pool haben; wobei sich gegen Abend der Sprung in selbigen eher anfühlt wie eine heiße Dusche, denn wie eine Abkühlung. Sei’s drum. Ich kann das derzeit getrost als Luxusproblem abtun, da ich bei solchen Temperaturen auch schon Sanitätsdroschke gefahren bin. Zum Beispiel im Jahrhundertsommer 2003. Da hielten meine damaligen Bosse Klimaanlagen in RTWs noch für überflüssigen Luxus.

Wir waren aber tatsächlich auch unterwegs. Montepulciano liegt auf ca. 600 Metern und da war es gestern Vormittag noch recht angenehm, auch wenn die Sonne natürlich gebruzzelt hat. Zunächst war ich ein bisschen pissed, weil doch tatsächlich mitten auf der Piazza Grande Bestuhlung und auf den Stufen des Doms noch eine Bühne nebst Dekoration herumstanden. Menschen auf meinen Fotos sind mir mittlerweile herzlich egal, solange sie nicht den Blick auf das eigentliche Objekt versperren. Aber sowas? Da regte sich in mir Ärger! Bis mir bewusst wurde, dass die Menschen, die hier leben, halt hier leben! Die sind keine Dekoration, nur weil ich Urlaub machen möchte, sondern diejenigen, die hier ihren Alltag gestalten müssen. Und dazu gehören halt nach 18 Monaten Pandemie auch mal Feste.

Mal davon ab, dass die Stadt trotzdem sehr hübsch ist und eine gediegene Rundumsicht bis zum Lago Trasimeno im benachbarten Umbrien bietet, war ich durch diese Gedanken wieder versöhnt mit dem Ausflug. Zum einen, weil Knipsen nicht alles ist (auch, wenn ich es gerne tue). Und zum anderen, weil im Urlaub (AUSSER AUF DER ANREISE!) der Weg das Ziel ist. Ich möchte bewusst erleben, was auch andere Wesen beinhaltet. Da waren gestern zwar sehr viele Menschen, und ich muss gestehen, ich hätte es mir ein wenig ruhiger gewünscht. Aber in einer so berühmten Ortschaft in der Hauptsaison haben sich das vermutlich auch alle anderen gedacht.

Ich bin manchmal wahrlich ein ungeduldiger Mensch. Auch heute noch, wo ich mich nun langsam der magischen Fünf vorne nähere. Das mag daran liegen, dass andere Menschen einfach super darin sind, einen rasend zu machen, weil der kategorische Imperativ ihnen verdammt nochmal schnuppe ist – und mir halt nicht! Aber bei solchen Anblicken und genügend Zeit zur raisonnieren lasse ich mir von meinem Temperament nicht den Urlaub versauen. Ich hoffe nur, dass ich ein winziges bisschen meiner gegenwärtigen Gelassenheit über den ersten Arbeitstag hinweg retten kann. Na ja, es ist ja noch Zeit. Wir hören uns.

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