Fresh from Absurdistan N°30 – Gesinnungsdiktatur?

Frisch zum Fest – auch wenn’s noch ein paar Tage hin sind, wird schon wieder überall um Fragen des Konsums, des Verzichts und deren Notwendigkeit gestritten. Man könnte einfach mal ein unperfektes Weihnachten feiern, wird auf ZON getitelt. Da hätte ich mal ‘ne Frage: WAS ZUM HENKER IST EIN PERFEKTES WEIHNACHTEN? Und falls es sowas überhaupt geben kann, wer schreibt MIR mit WELCHEM RECHT vor, wie MEIN perfektes Weihnachten auszusehen hätte? Hm…? Eigentlich wollte ich nicht jammern, aber ein paar zu viel reden jetzt schon wieder von Gesinnungsdiktatur, weil sich Menschen über die Fehler unserer Gesellschaft Gedanken machen. Wir sollten alle mal wieder etwas lockerer werden!

Das, was ich letztes Jahr am zweiten Feiertag schrieb, ist ein Jahr später, wenn auch von von aktuellen Ereignissen überschattet (man erinnere sich: PANDEMIE UND SO), für mich nach wie vor gültig. Wir brauchen unsere Rituale, um uns daran zu erinnern, dass wir, allen Widrigkeiten zum Trotz, immer noch Menschen sind. Und zu diesen Ritualen gehört für viele Menschen eben auch, einander zu beschenken. Traditionen sind durchaus, wie jedes andere kulturelle Artefakt auch, einem Wandlungsprozess unterworfen. Dieser Wandel hat üblicherweise allerdings die Geschwindigkeit kontinentaler Plattendrift. Was in der Folge bedeutet, dass sich Bedeutung und Art des Feierns auch im Bezug auf das Weihnachtfest im Lauf der Zeit ändern.; aber meist so langsam, dass es uns immer erst hinterher bewusst wird. Mal davon abgesehen, dass unsere Weihnacht- so christlich sie heutzutage auch im Gewande daher kommen mag – von heidnischem Brauchtum, nämlich dem Sol-Invictus-Fest abgeleitet ist. Wer’s noch nicht weiß, sollte sich mal mit der Religionspolitik Konstatins des Großen (römischer Kaiser) befassen.

Wie viel es denn nun braucht, um jemanden glücklich zu machen, darüber kann man gerne diskutieren. Auch wenn ich denke, dass es da wie mit dem individuellen Geschmack ist: eigentlich verbietet sich Streit darüber, denn die Ansichten sind, wie eben schon gesagt hoch individuell. Doch genau da fangen die Probleme an. Schaut man sich nämlich mal die Kommentarspalte unter dem oben verlinkten Artikel an, fallen einem zwei Dinge auf: erstens, dass Aufrufe zum Konsumverzicht zu Weihnachten schon selbst eine gewisse Tradition haben und trotzdem viele, Leute jedes Jahr auf’s Neue auf die Palme bringen. DOGMATISMUS AHOI! Und zweitens, dass physical distancing aus Pandemie-Gründen und das eben erwähnte Konsum-Bashing hier in unzulässiger Weise verknüpft werden.

Ich würde mich ja drauf einlassen, wenn jemand sagte, dass das persönliche Überreichen von Geschenken aller Art im weiten Familienkreis dieses Jahr eine blöde Idee sei (ist es nämlich, weil, PANDEMIE und so…). Was nicht bedeutet, dass man sich nicht trotzdem was schenken dürfte. Auch das es möglicherweise dämlich ist, jedes Jahr seinen Scheiß auf den letzten Drücker besorgen zu müssen, zeugt jetzt nicht gerade von guter Planung, wer an einem normalen 23.12 durch deutsche Innenstädte geht, weiß schon, was ich meine. Dieses Jahr ist es nun eben der 15.12 – nur viel schlimmer, weil daraus ein Superspreading-Event par excellence wird. Man könnte auch ein bisschen auf Amazon schimpfen, weil die schiere Größe des Unternehmens mittlerweile den stationären Einzelhandel an vielen Orten existenziell bedroht; und das auch, wenn gerade nicht Corona ist. Jeff Bezos hat vermutlich mittlerweile einen Geldspeicher wie Dagobert Duck… Und grundsätzlich ist Weihnachten als prandiale Konsumattacke auch ein Anschlag auf meine eh schon bescheidene Figur. Verzicht ist so verdammt viel schwieriger, wenn’s auch noch dauernd was Leckeres gibt.

Aber was haben die Dinge miteinander zu tun? Konsumieren wir tatsächlich noch mehr, um uns über ein Jahr des Verzichts trösten zu können? Falls wirklich irgendjemand das glaubt, empfehle ich eine präzise, individuelle Selbst-Analyse folgender Frage: WER HAT WANN UND WARUM AUF WAS VERZICHTEN MÜSSEN? Ich verstehe, dass es Menschen gibt, die durch die Maßnahmen gegen die Pandemie ihre Existenz bedroht sehen – so wie ich Menschen sehe, die durch die Pandemie an Leib und Leben bedroht sind, bzw. schon dadurch umgekommen sind. Und Ersticken ist kein schöner Tod; soviel hat mich meine Tätigkeit im Rettungsdienst gelehrt. Aber bei Fragen wie den Folgenden könnte ich schreiend davon laufen :

  • “Ich konnte nicht dahin reisen, wo ich hin wollte!”
  • Ja, ging mir auch so, aber ich habe meinen Frieden damit gemacht.
  • “Ich konnte nicht feiern gehen!”
  • In den letzten Monaten hatte ich vor lauter Arbeit eh keine Zeit zum Feiern.
  • “Ich darf niemanden mehr treffen!”
  • Doch, dürft ihr, aber dabei ist Vorsicht angesagt.
  • “Ich konnte nicht einkaufen, wann und wie und was ich wollte!”
  • Herrgott, wie hat dieses Volk nur mit den alten Ladenschlusszeiten, wie ich so noch aus meiner Kindheit kenne überlebt? Da war um 18:30 Schicht!

Und so geht das in einer Tour. Das Einzige, was für mich immer mehr offenkundig wird, ist die egomane Degeneration unserer sogenannten “Gesellschaft”. Mehr nicht; weniger leider auch nicht. Es ist vollkommen egal, ob draußen eine Pandemie unterwegs ist, oder die Klimakrise, oder eine radioaktiv verstrahlte Riesenechse, die Häuser verspeisen kann: ICH WILL MEIN FÖRMCHEN! Ein riesiger Haufen sturer 4-Jähriger beherrscht den öffentlichen Diskurs. Oder soll ich besser “das sinnentleerte öffentliche Dissen und Rumschreien” sagen? Wenn es etwas gäbe, dass ich mir für Weihnachten wünschen dürfte (neben den wenigen materiellen Wünschen, die sich auf ‘ne Buddel guten Schnaps und hochwertige Küchenutensilien beschränken), dann wäre das wirklicher Frieden. Dass die ganzen sturen 4-Jährigen einfach mal ein paar Wochen die Fresse und sich selbst an die Anti-Pandemie-Maßnahmen halten!

Ja, wir werden uns, vor allem aber unseren Kindern etwas schenken. Ja, ein paar wenige Stücke davon wurden auch bei Amazon bestellt, schuldig im Sinne der Anklage. Ja, wir haben einen echten Baum (aus dem Schwarzwald, der Verkäufer steht jedes Jahr hier im Viertel). Ja, wir werden viel zu viel essen (Bio-Freiland-Gans aus Hessen zum Beispiel) und trinken (die Buddel Schnaps…?). Und ja, wir werden zu Hause bleiben, sanft entschleunigen und sehen, dass wir etwas Ruhe finden in unruhigen Zeiten. Und wir werden Freunde treffen – via Zoom-Call. Und ganz ehrlich – damit wird dieses Weihnachten wahrscheinlich nicht sehr viel anders, als die davor. Weil nicht wichtig ist, was geschenkt oder gegessen oder getrunken und womit geschmückt wird – sondern mit wem ich die Festtage verbringe; nämlich mit den Menschen, die mir gut tun und nicht mit jenen, denen ich mich aus irgendwelchen unwichtigen Gründen verpflichtet fühle. Reduce to the MAX and RELAX! Schönen Lockdown…

Der verwirrte Spielleiter #27 – Wie schnell ist zu schnell?

Es ist schon fast eineinhalb Jahre her, dass ich mich mal mit Pacing befasst habe; ich kam damals zu der Konklusion, dass man mit den richtigen Stellschrauben die Wünsche der Spieler und die Notwendigkeiten der Geschichte miteinander in Einklang bringen könnte. Pacing bedeutet für mich, die Rhythmik einer Geschichte bewusst zu steuern, ohne dabei die Spieler-Agenda überschreiben zu wollen. Is ‘n schwieriges Feld, so viel kann ich sagen. Nun habe ich heute morgen bei Guy Sclanders (er hosted “How to be a great gamemaster” auf Youtube) ein Video angeschaut. Und was er zu sagen hatte, deckt sich in der ersten Hälfte durchaus mit meinen Ausführungen von 2019. Gegen Ende des Videos macht er allerdings Zeitangaben, die ich problematisch finde.

Präzise geht es um Standard-Zeitvorgaben für Action-Encounters (Kämpfe), und vor allem für die Character-Interaction-Anteile. Grundsätzlich hat er nicht Unrecht, wenn er sagt, dass Spielgruppen sich manchmal um sich selbst zu drehen beginnen und dann nicht zu Potte kommen, weil sie (unnötigerweise) diskutieren, anstatt zu agieren. Für mich als SL ist das auch nur manchmal amüsant. Ich bin allerdings, im Gegensatz zu Guy, nicht sofort bereit, die Angelegenheit per SL-Aktion zu beschleunigen. Natürlich ist es manchmal schwierig, zusehen zu müssen, wenn das gleiche Thema noch mal und noch mal und noch mal durchgekaut wird. Insbesondere, wenn eigentlich jedem klar sein könnte, dass Pen’n’Paper sehr häufig vom vom “Plan X” vorangetrieben wird. Vor allem als Spieler kriege ich bei ausufernden Planungs-Sitzungen die Krätze.

Auf mich als Spieler komme ich nachher noch mal zurück, doch als SL bin ich nun an einem schmalen Grat: was ist noch legitime Charakter-Interaction und was unnötige, weil für alle zeitraubende Player-Interaction? Ich möchte beides bewusst unterschieden wissen, denn meistens ist es die Player-Interaction, welche die Probleme macht. Pen’n’Paper ist ein soziales Spiel und soll das auch sein. Aber ab einem bestimmten Punkt muss ich zwischen Charakter-Agenda und Spieler-Agenda unterscheiden, sonst spiele ich nämlich im Spiel irgendwann keine Rolle mehr, sondern nurmehr mich selbst. Das passiert bei Runden, bei denen es keine standardisierte Konvention hinsichtlich In-Character-Acting und Out-Character-Acting gibt, ziemlich leicht. Ich nutze am Tisch solche Regeln nicht – und manchmal ist das ein Fehler!

Die Spieler wechseln dann zu oft zwischen In- und Out-Char hin und her und vermischen dabei vollkommen automatisch Spiel- und Meta-Ebene. Komme ich aber zu oft und zu weit auf die Meta-Ebene, entsteht kein Spielfluss mehr – oder anders gesagt: mein Pacing ist im Arsch! Natürlich ist es so, dass man das als SL irgendwann einfangen muss. Die Frage, welche sich stellt ist allerdings: WANN? Eine Runde, bei der ich In-Character bleiben muss, solange ich am Tisch sitze, wäre mir persönlich zu anstrengend. Denn natürlich gehört das Meta-Gelaber genauso zum Spiel, wie meine (hoffentlich) bewegende Ansprache an den Drachenkönig… Und ich wage jetzt einfach mal zu behaupten, dass die In/Out-Char-Grenze nicht nur fließend ist, sondern von Spieler zu Spieler und Gruppe zu Gruppe unterschiedlich! Womit die oben erwähnten Standard-Zeitvorgaben obsolet werden.

Ich lasse meinen Standard-Spielern in dem Kontext meistens eine ziemlich lange Leine – mit dem Ergebnis, dass ich sie dann manchmal doch durch SL-Handeln zum Agieren antreiben muss. Ich zahle diesen Preis allerdings ganz gerne, weil dadurch nicht selten eine höchst bemerkenswerte – weil tiefe – Character-Interaction entsteht. Und die ist nicht nur für mich das Salz in der Pen’n’Paper-Suppe. In der Hinsicht wäre ich von Guys Standpunkt aus vermutlich also kein “Great Gamemaster”; is mir aber wurscht. Der Spieler in mir ist da allerdings etwas ambivalenter unterwegs. Wie gesagt: Planungs-Sitzungen, die kein Ende finden wollen, sind mir ein Graus, weil am Ende aller Planung eh in 99% aller Situationen irgendwer irgendwas kritisch verkackt und damit der Rest des Plans für den Popo ist… et voilá: Plan X! Einfach mal machen und schauen, wie weit man kommt. Sich mal mit Wucht durch die Action bullshitten macht nämlich Spaß. Also, mir zumindest…

Was jedoch mitnichten bedeuten soll, dass mir Character-Interaction keinen Spaß machen würde. Das Gegenteil ist der Fall! Allerdings nur, wenn nicht gerade irgendwelche kritischen Pläne geschmiedet wurden und dann jemand anfängt, ein bereits fertig beschriebenes Detail noch mal diskutieren zu wollen. Keine Frage – kein Schlachtplan war je perfekt, aber wenigstens haben wir einen, OK! Und Sunzi wusste schon, dass eh so gut wie kein Plan die erste Berührung mit dem Feind übersteht. Also immer schön locker und zur Improvisation bereit bleiben. Ach – und habe ich schon mal gesagt, dass mich Spielleiter nerven, die “NEIN” sagen, wenn ich irgendwelchen absurden Ideen auskoche? Gebt euren Spielern die kleine Chance auf ein enormes Erfolgserlebnis. In vielen Fällen scheitern solche Stunts sowieso, aber allein der Versuch ist geil, denn man kann auch cineastisch scheitern und Spaß daran haben. In diesem Sinne – always game on!

Freiheit die ICH meine…

Wieder so ein Terminus, der in letzter Zeit medial doch ein wenig überstrapaziert wurde. Alle berufen sich auf Ihre Meinungsfreiheit, ihre Konsumfreiheit und was weiß ich nicht noch alle Arten von Freiheit – stets sorgsam darauf achtend, die Freiheiten Anderer auf’s Brutalste zu missachten. Denn Freiheit die ICH meine, ist immer MEINE Freiheit, was bedeutet, dass ich mich um die Freiheit ANDERER einen Dreck scheren muss, nicht wahr…

So, erst mal genug auf dem Begriff herumgeritten. Was Kant dazu zu sagen hatte, sei an dieser Stelle noch einmal erwähnt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (expliziert in der “Kritik, der praktischen Vernunft” von 1787). Dieses Diktum bildet bis heute den Urgrund unserer Rechtsphilosophie. Und insbesondere Querdenkern muss man immer wieder sagen, dass die Freiheit des Einen da enden MUSS, wo die des Nächsten beginnt. Zugegeben ist dies ein schwieriges Unterfangen in moralisch entgrenzten Zeiten, wie den heutigen; aber selbst wenn Ulrich Beck mit seinen Thesen zur Risikogesellschaft auch weit über 30 Jahre später immer noch hoch aktuell ist, bedeutet das mitnichten, dass wir nicht verpflichtet wären, dennoch wenigstens den Versuch zu unternehmen, Moralgeleitet zu handeln.

Was ist denn Moral? Der Volksmund zitiert dann oft und gerne (meist im Unwissen um die Herkunft des Zitates; es stammt übrigens aus Wilhelm Buschs Bildergeschichte “Das Bad am Samstagabend”) Und die Moral von der Geschicht’: Bad’ zwei in einer Wanne nicht! Die meisten Menschen kennen allerdings nur den Satz bis zum Doppelpunkt… Um es ein wenig vereinfachend zu formulieren: Moral ist eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber, was man tut und was man besser lässt. Also ein Kompromiss. Nun leben wir jedoch subjektiv in Kompromisslosen Zeiten. Das zeigen das Gezuchtel um den Brexit (der NO-DEAL wird mittlerweile immer wahrscheinlicher), Viktor Orbans Kampf gegen den ESM und natürlich Donald Trumps unerträgliches Gepolter. Selten habe ich mir einen Schuss im Dunkeln mehr gewünscht. Man kann also getrost sagen, dass der Kompromiss als Modell des Miteinanders ein wenig aus der Mode gekommen zu sein scheint. Und wenn schon die großkopferten Politiker so egoistisch, rücksichtslos und enthemmt handeln, warum soll ich kleiner Normalo mich dann bitteschön an Regeln halten müssen, hm…?

Diese Enthemmung ist die eine Seite der Münze. Die andere nährt sich aus einem äußerst schwierigen Verhältnis zum Titelgebenden Terminus. Pierre Bourdieu hat in seiner Forschung zum Habitus den Begriff “Geschmack” expliziert. Und aus meiner bescheidenen Sicht verwechseln viel zu viele Menschen ihren – im Verlauf ihrer Sozialisation – verinnerlichten Notwendigkeitsgeschmack mit DER Freiheit, die SIE meinen. Lebensstile sind zwar auch von der eigenen Biographie abhängig, aber eben vor allem von der sozialen Herkunft und dem sozialen Kapital, welches dort erworben werden konnte, so dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass sich MEINE Freiheit so sehr von der der ANDEREN unterscheidet. Wir alle wollen einfach nur nach unserer Facon selig werden, nicht wahr…?

Das, was also Querdenker als DAUERHAFTE Einschränkung ihrer FREIHEIT wahrnehmen, ist in Wahrheit lediglich eine TEMPORÄRE Einschränkung ihres LEBENSSTILS. Das ist auch aus meiner Sicht unangenehm, aber wenn man die Perspektive verändert, nimmt es den Eingriffen, die zum Beispiel gestern mit Gültigkeit ab heute für Baden-Württemberg beschlossen wurden, einen erheblichen Teil ihrer Schärfe. Um zu dieser Einschätzung gelangen zu können muss man aber zu Kompromissen und zum Bedürfnisverzicht bereit sein. Und in der Hinsicht sind die allermeisten Querdenker ungefähr so gut aufgestellt, wie meine 7-jährige Tochter! Ein Armutszeugnis für angeblich “Vernunftbegabte Erwachsene”.

Ich versuche es mal mit Re-Framing und betrachte die Tage der Teil-Isolation, die uns nun bevorstehen als Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Ich darf Einkaufen und Spazieren gehen, werde also weder verhungern, noch in den eigenen vier Wänden ersticken. Und wenn man früh genug kommt, gibt es auch Nudeln, Mehl und Klopapier. Was ist also das Problem? Dass ich nicht enthemmt öffentlich konsumieren darf, wie sonst auch? Ich sehe die psychologische Auswirkungen des Nicht-gemeinsam-feiern-Dürfens auch mit einem sorgenvollen Blick. Allerdings nicht, weil mir Scheidungs- und Suizidraten Sorgen machen. Wenn wir durch intransparentes und damit willkürlich erscheinendes politisches Handeln noch mehr Menschen den rechten Bauernfängern in die Arme treiben, werden wir dereinst unsere Republik nicht mehr wiedererkennen. Neben den Freiheitseinschränkungen, die dann mit einem Neu-Rechten Regime auf uns zukämen, erschiene der Pandemie-Lockdown wahrscheinlich endlich wie jener Ringelpiez mit Anfassen, der er, gemessen am Umfang der Einschränkungen ist… Denkt mal DARÜBER nach! Schönen dritten Advent.

Fresh from Absurdistan N°29 – Zu Tode reguliert?

Föderalismus ist vom Prinzip her die Idee, die Dinge dort zu regeln, wo sie auch passieren, nämlich bei den Bürgern. Oft ist das auch hilfreich. Man denke zum Beispiel an zeitlich und räumlich begrenzte Lösungen für lokale und regionale Probleme. Dabei steht dann die Subsidiarität im Vordergrund. Strukturell höher angesiedelte Stellen sollen erst dann einschreiten, wenn die Regulierungsressourcen und Kompetenzen der untergeordneten Gliederungen überfordert sind. Nehmen wir an, eine lokal begrenzte Raumordnungs-Maßnahme (städte- oder straßenbaulich) muss auf den Weg gebracht werden. Dann wissen die Leute vor Ort wesentlich besser, was gebraucht wird, als jemand im fernen Stuttgart oder gar Berlin. Erst wenn dieses Projekt zu groß und zu teuer wird, sind Land und Bund mit im Boot.

Nach diesem Gedanken sollte auch die Pandemie bekämpft werden. Da wo viele krank werden, müsste man geeignete lokale Maßnahmen ergreifen können, die auch über die, zwischen Bund und Ländern beschlossenen Vorgaben hinausgehen dürften. Soweit die Theorie. Aber was nehmen die Menschen landauf, landab momentan wahr: jedenfalls keine präzise örtlich und zeitlich gesteuerten Maßnahmen. Die Leute sehen einen Regulierungs-Dschungel, neben dem unser Steuerrecht aussieht, wie ein frisch gemähter Fußballplatz!

Ein gutes Beispiel findet direkt vor unser aller Haustür statt: Schulpflicht vs. Präsenzpflicht, unterschiedlichste Daten für einen früheren Ferienbeginn, die gehandelt werden, konträre Aussagen zur mutmaßlichen Infektiosität der Kinder, und und und… Wir brauchen einen harten Lockdown jetzt, so sehr ich es auch bedauern würde, manche Dinge dieses Jahr nicht tun zu können. Doch dieses unsägliche Rumgeeier verschiedenster profilierungs-süchtiger Machtmenschen, gemischt mit den Einlassungen des Altherren-Clubs Leopoldina ist eine mächtige Illustration der Verhältnisse in unserem Lande. Eine sinnvolle Gewichtung der Interessen und eine echte Abwägung von Rechtsgütern ist dem Proporz der Macht gewichen!

Und mittendrin sitzen die Nazis und versuchen, in dem Vakuum der Gestaltungslosigkeit, welches die etablierten politischen Kräfte erzeugt haben, ihre Macht auszudehnen. Gott sei Dank bislang nur mit geringem Erfolg. Aber bei der Politik- und Pandemie-Müdigkeit, welche sich in der Bevölkerung breitmacht, ist das leider nur eine Frage der Zeit. Seht euch die sozialen Netzwerke und die Menschen auf den Straßen an. Die sind zwar nicht das Volk, wie manche meiner Sozen-Freunde immer wieder betonen; aber die Unterschiedlichkeit der dort vertretenen Menschen sollte jeden halbwegs wachen Demokraten alarmieren. Noch ist das kein Querschnitt durch die Gesellschaft, der sich dort abbildet. Aber es könnte in absehbarer Zeit einer werden. Was ist denn, wenn sich die enttäuschten Partypeople mit den erschöpften Pflegekräften und den erregten Wutbürgern verbünden, hm…

Wir brauchen jetzt Kulturförderung, damit nach der Pandemie noch eine vorhanden ist! Wir brauchen jetzt substantielle Unterstützung für das Gesundheitswesen, die auch nach der Krise aufrechterhalten wird – denn nach der Krise ist immer auch vor der Krise! Wir brauchen jetzt schnelle unbürokratische Hilfe für jene, die es alleine nicht schaffen! Wir brauchen jetzt einen harten Lockdown! Und wir brauchen für die nächsten Wochen und Monat bundesweit einheitliche Regeln, denn der Föderalismus hat in der Pandemie kläglich versagt! Aber wir brauchen definitiv kein Christfest und kein Sylvester als Superspreading-Event für die dritte Welle – die Zweite trifft uns schon hart genug. An all die Leugner: hoffentlich kratzt auch bei euch ein Freund, Bekannter, Kollege oder gar Familienmitglied (fast) ab, damit ihr’s endlich kapiert! Und tschüss!

Zufriedenheit N°4 – Rohe Weihnachten…

Erstaunlich aber wahr – ich freue mich auf die Festtage! Oft in den letzten Jahren waren sie der mentale Ort, an dem ich mal ein bisschen verschnaufen konnte und auch in diesen covidiesken Zeiten zeichnet sich wieder ein Bremsvorgang ab, den ich eigentlich schon seit Wochen herbeisehne. Immerhin ist aus dem, andauernd mit der Angst um eine mögliche Quarantäne-Order gewürzten Sprint der zweiten Jahreshälfte mittlerweile ein halbwegs gut verdaulicher Dauerlauf geworden. Und das Licht am Ende des Tunnels ist dieses Mal, wie’s aussieht, tatsächlich kein Zug. Aber warum ist das so?

Ich muss an dieser Stelle etwas gestehen: ich glaube, ich bin kein guter Christ. Also, in diesem Kirchgänger-Charitas-Normen-Sinn (für jene, die sich fragen, warum das da mit “ch” steht: ich meine nicht den Wohlfahrts-Konzern, sondern das zu Grunde liegende lateinische Wort für Nächstenliebe). “Christliche Nächstenliebe” hat ja oft diesen “Tue Gutes und lass es alle wissen!”-Charakter. Damit kann ich nichts anfangen. Ebenso wenig, wie mit Kirche als organisierter Institution zur Glaubensvermittlung. Schönen Dank, aber meinen Glauben, oder besser mein spirituelles Ich definiere und pflege ich selbst.

Was mich jedoch zufrieden macht, ist Zeit. Einfach mal Dinge tun oder auch lassen zu können, ohne sich den lieben langen Tag in diesem Hamsterrad der Nützlichkeit und Produktivität abmühen zu müssen. Ich habe dieser Tage abends mal mit der besten Ehefrau von allen geklönt und wir kamen überein, dass echte gepflegte Langeweile empfinden zu dürfen ein Privileg wäre. Selbst, wenn wir uns mal ein wenig gehen lassen, Dinge um ihrer selbst willen tun ; also Müßiggang betreiben, ist da immer dieses kleine Männchen im Hinterkopf, dass uns das Unbehagen des schlechten Gewissens einzuflüstern versucht, weil wir gerade NICHTS SINNVOLLES tun. Und genau da liegt die Crux: wer darf denn bitteschön für mich definieren, was sinnvoll und was sinnlos ist? Mein Boss? Mutter Kirche? Die Bundeskanzlerin? Meine Frau? Meine Kinder? Oder vielleicht ab und zu doch auch mal ich…?

Ich bin anscheinend in mancherlei Hinsicht doch schon so sehr ein Opfer dieser ganzen Selbstoptimierungs- und Work-Life-Balance-Kacke, dass ich nicht mal mehr zocken kann, ohne Unzufriedenheit auf Grund mangelhafter Produktivität zu spüren. Warum zum Henker blogge ich beispielsweise gerade? Weil ich nichts besseres zu tun habe? Oder weil ich als Macher wahrgenommen werden will. Ein – aber bitte günstiger – Psychotherapeut zur Klärung der Frage ist absolut willkommen. Ich weiß zumindest eines: meine Versuche, mich davon zu emanzipieren, sind noch nicht weit genug fortgeschritten. Wenigstens habe ich meine Nein-Schwäche mittlerweile etwas besser im Griff. Aber es lässt sich nicht leugnen, dass dieses Ratgeber-Dauerfeuer zur Optimierung und Effizienzsteigerung des verdammten Lebens auf allen Social-Media-Kanälen seine Spuren hinterlassen hat.

Vor allem das Wort Lifehack kann ich nicht mehr sehen oder hören. Es macht mir Brechreiz. Wenn ich Hack will gehe ich zum Metzger! Wer braucht diese ständige Jagd nach Effizienz und Effektivität. Die meisten Leute können ja nicht mal den Unterschied benennen, ohne Google fragen zu müssen. Geschweige denn, dass sie wüssten, welche Formen von Effizienz unterschieden werden. Danke, aber NEIN DANKE. Ich habe davon die Schnauze gestrichen voll. Ich will Müßiggang und ich will diesen zu meinen Bedingungen. Ich will auch mal liegenbleiben dürfen, bis ich keine Lust zum Liegen mehr habe. Ich will tun – und auch lassen – was mir gerade in den Kopf kommt, ohne mich drum zu scheren, ob’s irgendwem nützt. Denn zumeist ist es ja doch nur der Nutzen Anderer, der durch dieses öffentlich zelebrierte Optimierungs-Brimborium erreicht werden soll. Arbeitsproduktivität. Für andere die Kohlen aus dem Feuer holen, Knete ranschaffen, den Laden am Laufen halten; und das am Besten für’n Taschengeld. Und was ist der Dank? WAS ZUM HENKER IST DER DANK?

Ich könnte darauf eine Antwort geben, aber sie wäre nicht allgemein gültig, könnte dem einen oder anderen Unrecht tun und zudem eher bitter ausfallen. Darum lasse ich es. Nur so viel: Es ist an der Zeit, über Zeit nachzudenken. Nämlich jene, die einem noch bleibt und was man damit für sich selbst anzustellen gedenkt. Und wenn jetzt jemand rumheult, ich sei der Anti-Altruist – mitnichten, meine Lieben… mitnichten. Ich habe aber erkannt, dass man als Mensch nur dann Zufriedenheit erfahren kann, wenn man sich auch im Nein-Sagen und im Nicht-Tun als Selbstwirksam erfährt. Denn ansonsten reißen die üblichen Verdächtigen einem auch weiterhin beim Reichen des kleinen Fingers den Arm am Schultergelenk raus. Denkt mal drüber nach. Rohe Weihnachten könnte heuer heißen: “Ich muss gar nix außer schlafen, trinken, atmen und ficken und nach meinen selbstgeschriebenen Regeln ticken” Danke Großstadtgeflüster für diesen unfassbar wahren Satz. Schönen Abend noch.

Ich bin kein Feminist…

… denn eine solche Selbstzuschreibung empfände ich als anmaßend. Nilz Bokelberg, dieser Trottel hat sich vor gut drei Jahren mal im Zeit-Magazin so tituliert. Sein Ansinnen erschien mir, der ich selbst Vater zweier Töchter bin verständlich. Seine Denke jedoch war mir zu paternalistisch, sein Gestus zu pathetisch und die Äußerung an sich schlicht zu sehr auf die Generierung von Aufmerksamkeit ausgelegt. Nichtsdestotrotz habe ich seither so einiges auf den mentalen Prüfstand gebracht und bin etwas aufmerksamer hinsichtlich meiner eigenen alltagschauvinistischen Tendenzen geworden.

Nun habe ich heute Facebook aufgemacht und musste ein Bild sehen, in dem sich zwei mutmaßliche Kolleginnen vor einem RTW in eine Pose gebracht haben, die vermutlich weibliche Reize betonen soll; in diesem Fall den Gluteus Maximus. Und selbstverständlich musste ich mich dazu äußern. Denn selbst, wenn ich kein Feminist bin, ist diese Darstellung offenkundig dazu geeignet als sexuell aufgeladene Objektifizierung dieser Kolleginnen wahrgenommen zu werden. Das leistet aus meiner Sicht einerseits so ziemlich allen Frauen im Rettungsdienst, sowie auch dem Bild unseres Berufsstandes in der Öffentlichkeit einen Bärendienst!

Warum, werden vielleicht z.B. die Menschen, die dieses Machwerk produzieren fragen? Nun, das ist ganz einfach zu beantworten: indem Kolleginnen (und vielleicht auch Kollegen) sich in sexuell aufgeladenen Posen in mehr oder weniger PSA ablichten lassen, gestatten sie, auf den visuellen Reiz reduziert und mithin nicht mehr als Healthcare Professional, sondern als Stück Fleisch wahrgenommen zu werden. Nun möchte ich davon ausgehen, dass die Aufnahmen in gegenseitigem Einverständnis entstanden sind und die Kolleginnen sich sehr wohl der Wirkung der Pose bewusst waren. Und es spricht grundsätzlich nichts dagegen, auch in PSA gut aussehen zu wollen.

Doch was passiert mit der Wahrnehmung durch Andere? In dem Thread unter dem Bild auf FB entstand – sicherlich zu Unrecht – die Ansicht, dass man auf solche Kolleginnen gut verzichten könne. Das kann, will und werde ich nicht beurteilen, denn meine Vermutung ist eher, dass sie das als Spaß betrachtet haben und dabei die möglichen negativen Fremd-Wahrnehmungen nicht umfassend thematisiert oder bedacht wurden. Bezogen auf die Individuen gibt’s zwei Möglichkeiten, wie man mit diesen Zuschreibungen umgeht: entweder man beginnt sich zu schämen und das ganze als Dummheit zu betrachten, oder man sagt sich: jetzt erst recht. Wie auch immer sie damit umgehen: die Fremdattribution bleibt eine Weile haften.

Das aus meiner Sicht weitaus größere Problem ist, dass ein nicht unerheblich großer Teil der Social-Media-Nutzer gerne zu unzulässigen Verallgemeinerungen und Stereotypen neigen; d.h. nicht wenige werden sich denken, dass im Rettungsdienst “willige Weiber” rumlaufen und in der Folge jene Kolleginnen, denen sie dann später begegnen auf Basis solcher Bilder beurteilen: mögliche Konsequenzen sind Respekt- und Distanzlosigkeit, bis hin zu sexueller Übergriffigkeit. Indem ich also Kolleginnen so darstelle, mache ich sie, aber eben auch andere zu potentiellen Sexismus-Opfern. Und dafür, ihr Macher dieses Kalenders verdient ihr euch mindestens einen der silbernen Ärsche mit Ohren des Jahres 2020. Verantwortungsvoller Umgang mit Social Media geht anders!

Ich bin gerne zu einer – gegebenenfalls auch öffentlichen Diskussion bereit. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt muss ich aber zum Boykott dieses – Gott sei Dank als limitiert bezeichneten – Produktes aufrufen. Limitiert ist nämlich nicht nur die Stückzahl, sondern auch die kognitive Reichweite seiner Macher. Schönen Sonntag noch

Erwachsen bilden N°26 – Langeweile?

Zunächst muss ich feststellen, dass ich in den letzten Tagen zu wenig Zeit und Muse hatte, hier einen Text einzupflegen. Meine neue Position hat mich wohl doch mehr gefordert, als gedacht. Heute Abend hatte ich immerhin mal wieder Gelegenheit, einem Fachgespräch mit den Kolleginnen und Kollegen von der GzFWR beizuwohnen. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die gesamte Diskussion darstellen zu wollen. Eine Sache ist mir jedoch auch in diesem Moment noch sehr präsent: nämlich die Frage, was die Menschen wieder aus unserem Berufsfeld, bzw. der tatsächlichen Tätigkeit als Notfallsanitäter/in hinaus treibt?

Unsere Gesellschaft hat gerade eine Studie zum Thema Berufstreue veröffentlicht, auf die ich bei dieser Gelegenheit hinweisen möchte. Doch unsere Diskussion kam auf etwas anderes, als den in der Studie beleuchteten Punkt “Rechtsunsicherheit”; wir waren irgendwann bei “Langeweile” und konnten uns am Schluss darauf einigen, dass die passendere Bezeichnung “subjektive Unterforderung” sei, unabhängig davon, ob diese Betrachtung objektiv zu halten wäre. Denn schließlich gibt es ja gelegentlich durchaus Differenzen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung der eigenen Person.

Das Gehirn ist ein wundersames Ding. Ich nehme die Art, wie meines mit mir kommuniziert immer als asynchron und asymetrisch wahr. Ideen werden rezipiert, fallen in irgendein Loch und werden, manchmal mit erheblicher Zeitverzögerung wieder ausgespien. Manchmal zerfleddert, gelegentlich aber auch angereichert mit Neuem. Die Diskussion heute Abend hat mich direkt geflasht. Irgendwas in mir wurde munter und wollte raus zum Spielen. Ich meine jetzt auch zu wissen, was das ist: Ungeduld! Ungeduld mit mir selbst und meinen Fähigkeiten. Ungeduld mit der Entwicklung meines Berufsfeldes. Ungeduld mit den strukturellen und politischen Prozessen, die dabei eine Rolle spielen. Und schließlich: Ungeduld mit einigen Protagonisten, weil sie sich gerne selbst reden hören, dabei aber allzu oft nur heiße Luft produzieren und die Berufslandschaft eher zersplittern, anstatt sie zu einen. Egal…

Ich fing an, meine eigene Berufstreue zu überdenken, die ja nun schon über 25 Jahre anhält. Und egal, wie kritisch ich auch mit meinen Motiven bin: ich brenne immer noch für diesen Job! Für das Arbeiten mit Menschen, an Menschen, für Menschen! Doch warum ist das so…? Wenn ich an meine Jugend zurück denke, dachte ich immer, Maschinen wären mein Ding. und ich verspüre bis heute eine gewisse Faszination für Technik, insbesondere für IT. Doch meine andere große Leidenschaft, nämlich das Geschichtenerzählen hat mich schon früh gelehrt, dass ich mit Menschen auch sehr gut klarkomme. Denn eben das Geschichten erzählen lehrte mich einerseits, in unterschiedlichsten Rollen denken, sie analytisch durchdenken zu können; andererseits förderte es meine Kreativität. Und so war es für mich die Mischung aus analytischer Distanz und wohldosierter empathischer Zuwendung, mit der ich meinen Patienten helfen konnte (und immer noch kann).

Als Verfechter einer konstruktivistischen Weltsicht fällt es mir einerseits nicht schwer, “subjektive Unterforderung” als Grund zum Ausscheiden aus dem Rettungsdienst zu verstehen. Wer seinen Job als immer wiederkehrende, irgendwann öde Routine erfährt, dem fordert dieser nicht mehr so, als dass er dabei bleiben wollen würde. Ich möchte gerne herausfinden, was solche Seelen bei der Stange halten könnte. Denn vielleicht würde beim einen oder anderen ein Reframing der eigenen Situation vollkommen ausreichen. Überdies möchte ich mich gern daran beteiligen, Perspektiven für einen Verbleib im Job aufzuzeigen, denn eines ist sicher: wir müssen dem manifesten Fachkräftemangel begegnen. Das wir auch endlich neue Wege in der Präklinik beschreiten, den Rettungsdienst als Gatekeeper für die weiteren Strukturen des Gesundheitswesens etablieren und dabei auch weitere Jobperspektiven etablieren müssen, steht außer Frage. Doch für solche Vorhaben braucht es Mitstreiter. Hat jemand Interesse…?

Fresh from Absurdistan N°28

Ich hatte ja gedacht, dass ich diese Serie einmotte, denn Absurdistan erschien mir als neuer Normalzustand. Doch es gibt immer mal wieder Ereignisse, die mich diesen Gedanken in Frage stellen lassen. Heute ist so ein Tag: meine große Tochter wird 12! Für sie ist das Ganze noch ein Geburtstag wie die bisherigen auch. Aber aus meiner Sicht markiert er einen Wendepunkt: es wird wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis auch sie mit dem Pubertieren beginnt, bis aus dem süßen kleinen Mädchen nach und nach eine junge Frau zu werden beginnt, die dann nicht viel später ihre ganz eigene Agenda verfolgen wollen wird. Eine, vor der alle Eltern irgendwie Angst haben. Denn man erinnert sich noch gut an den Scheiß, den man selbst in dem Alter getrieben hat…

Es ist also eine Mahnung, das eigene – aber eben auch das andere – Älterwerden anzuerkennen. OK, damit kann ich (noch) umgehen. Es ist aber auch eine verdammt sonderbare Angelegenheit, ihr, eingerahmt vom Wahnsinn dieser Zeit, dabei zuzusehen, wie sie versucht, ihren eigenen Umgang mit der Pandemie und dem ganzen Mist zu finden, der damit einher geht. Wie sie darunter leidet, ihre Freunde nicht treffen zu können, den Jubeltag nicht angemessen feiern zu können. Im Kreise der Kern-Familie ist ja nett, aber halt nicht das Selbe, wie mit ihren Freundinnen. Und trotzdem ziemlich tapfer sagt, dass es halt jetzt nicht geht. Sie ist da so verdammt viel erwachsener als diese ganzen Spacken da draußen, die ihre elfjährigen Töchter als Schutzschilde und vorher bis zum Erbrechen indoktrinierte und gebriefte Agitatoren zu Demos schleppen, um ihrem Egoismus und ihrer Verbohrtheit öffentlich Ausdruck verleihen zu können. Sowas nennt man üblicherweise “Kindswohlgefährdung”.

Ich bin aus so vielen Gründen verdammt stolz auf mein großes Mädchen. Und aus ebenso vielen Gründen traurig, dass die Pandemie ihr einen Teil ihrer Kindheit raubt, die gerade im Begriff ist, zu Ende zu gehen. Ich selbst merke, dass ich emotional auf dem Zahnfleisch gehe und mir unfassbar viele Dinge an diesem Jahr 2020 abgehen, die halt einfach nicht möglich waren, sind und dies auch noch mindestens bis Ende des ersten Quartals 2021 sein werden. Aber ich bin da wie meine Tochter: geht halt jetzt nicht. Kommen auch wieder bessere Tage. Was einen dabei am meisten stresst, ist vermutlich die Ungewissheit. Wie entwickeln sich die Fallzahlen? Werde ich’s selbst bekommen? Oder hatte ich es schon, ohne es mitzubekommen und habe ich dabei womöglich andere angesteckt? Was, wenn ich den Präsenzunterricht wieder schließen und auf Online-Lehre umstellen muss? Und, und, und…? Schwer verdaulich, das Ganze.

Sascha Lobo hat dieser Tage in seiner Spiegel-Kolumne im Zusammenhang mit den ganzen Corona-Verschwörungs-Fuzzis den Begriff “Angstporno” benutzt. Ich fand die Bezeichnung für das rein Ich-bezogene Echo-Kammer-Gewichse der Berufs-Corona-Leugner gar nicht übel, denn letzten Endes sind viele Mechanismen Horror-Filmen nicht unähnlich. Man ergötzt sich an der Erwartung der Katastrophe, ohne vorher zu wissen ob und wie diese dann tatsächlich eintritt. Und die ganzen Bad-News-Huren in ihrer “Ich-werd-ja-sooooo-gegängelt”-Attitüde lassen sich von den braunen Profi-Bauernfängern schön ängstigen, einfangen und vor den Nazi-Karren spannen. Kannste halt so oft schreiben, wie de willst, die Honks, die’s betrifft, hören dir eh nicht zu; woll Sascha? Wenn es nicht traurige Realität wäre, hätte man ein Proto-Nazi-Zombie-Rollenspiel daraus machen können…

So vieles am “Neuen Normal” Absurdistan bleibt tatsächlich doch absurd, weil eigentlich so undenkbar, unsagbar, unmachbar, dass ich mich wohl doch wieder öfter mit dem Scheiß befassen muss. Da ist der – wem oder was auch immer sei Dank! – abgewählte Trump nur eine Fußnote des Wahnsinns. Hat sein Verfallsdatum erreicht. Hoffentlich sperren sie ihn tatsächlich für irgendwas von dem vielen, was er verbrochen hat weg, bis er verrottet. Ich glaub nicht dran, aber in Zeiten wie diesen scheint alles möglich, oder? Wie auch immer es in den nächsten Wochen kommen mag: bleibt gesund, bleibt vernünftig und lasst euch um Himmels Willen nicht von irgendwelchen hysterischen, egoistischen, dogmatischen, asozialen Scheiße-Laberern zu irgendwas bequatschen. Weihnachten ist jedes Jahr, Sylvester auch. Und wenn’s das Letzte mal wäre… gäbe es auch kluge, der Situation angemessene Möglichkeiten, daraus ein letztes rauschendes Fest zu machen. Bis die Tage…

Zufriedenheit N°3 – macht mehr Arbeit zufriedener?

Ich bin gestern über einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen gestolpert, in dem über das Thema Rollenverteilung und Zufriedenheit berichtet wird; ich habe den Artikel der besten Ehefrau von allen vorgelesen und wir waren uns zumindest hinsichtlich einer Sache einig: die als Aufhänger für den Artikel dienende Untersuchung bildet vielleicht eine tradierte Noch-Realität ab, aber sicher nicht die in Stein gemeisselte Zukunft. Allerdings kam ich nicht umhin, mir so meine weiterführenden Gedanken zu machen.

Warum sollten Männer gerne mehr als 40h/Woche arbeiten? Wollen die alle Karriere machen (in verschiedenen Wirtschaftszweigen eher unwahrscheinlich)? Ist es für Männer bequemer, die Care-Work auf die Frauen abzuwälzen (höchst denkbar)? Liegt es an den ungerechten Gehaltsunterschieden oder dem Umstand, dass Frauen im Mittel, trotz besserer schulischer Leistungen immer noch häufiger in schlechter bezahlten, minderqualifizierten Berufen landen (traurige Realität)?

Wahrscheinlich ist eine Mischung aus all dem an den Ergebnissen der Untersuchung beteiligt. Deren Autor Prof. Dr. Martin Schröder von der Uni Marburg zeigt sich im Interview denn auch durchaus von seinen eigenen Ergebnissen überrascht und macht nicht den Eindruck, hier normative Furore für das Heimchen am Herd machen zu wollen. Allerdings – und das muss man wissenschaftlichen Publikationen immer mit einkalkulieren – ist es ziemlich wahrscheinlich, dass solche Daten Wasser auf den Mühlen der Ewiggestrigen sind. “Da schaut mal, die Frauen wollen doch daheim bleiben und einen richtigen Kerl als Versorger!” Was für ein Käse.

Wir kamen gestern Abend überein, dass hier tradierte Strukturen am Werk sind, die zu überwinden denn wahrscheinlich auch noch Jahrzehnte dauern wird. Der Grundtenor des Artikels hingegen sagt mir, wes Geistes Kind der Autor ist: dem gefällt die Idee, Frauen empirisch belegt in den Haushalt zu verbannen anscheinend gar nicht so schlecht. Vielleicht unterstelle ich ihm auch nur zu viel Böses; der erste Absatz jedoch, der moderner Familienpolitik, die auf gleichartige Startbedingungen für die Berufstätigkeit von Mann und Frau ausgelegt ist ein klares Nein auf der Basis der Untersuchung entgegen stellt, genügt mir zur Einschätzung der Motive vollkommen…

Mich irritiert derlei Denken. Nicht, weil ich frei von den, im zweiten Absatz sattsam beschriebenen Dünkeln wäre; auch ich verschanzte mich manchmal lieber hinter meiner Arbeit, anstatt etwas mit meiner Familie zu unternehmen. Und ich werde für mich jetzt nicht die Entschuldigung geltend machen, dass meine Depressionen eben manchmal auch soziophobe Züge in mir wecken. Das wäre zu billig. Ich entstamme, wenn man mal von Generationen reden möchte, der häufig gescholtenen Generation X. Und ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass die Rollenbilder, welche mir zuhause vorgelebt wurden, traditionell patriarchalisch waren. Ich glaube zwar, mich davon emanzipiert zu haben. Aber mit Sicherheit sind manche Stereotypen, die damals in mir fundiert wurden, bis heute wirkmächtig.

Das bedeutet, dass ich mit Erbe eines anderen Zeitalters in meinem Hinterkopf durch die heutige Welt schreite, die schon vor über 30 Jahren höchst treffend von Ulrich Beck als Risikogesellschaft charakterisiert wurde. An der, von ihm weitschweifig beschriebenen Orientierungslosigkeit ändert sich erst langsam etwas. Doch jede Pendelbewegung ist von Extremen gekennzeichnet. Wo früher das Patriarchat herrschte, kam der Feminismus ins Rollen und schuf – sich teilweise radikalisierend – seine eigenen Dämonen. Bevor ich hier zu sehr abschweife: ich bleibe als klassischer, weißer, mittelalter Cisgender-Mann nicht selten vollkommen verwirrt zurück. Denn ich sehe mich einerseits in der Pflicht, meine diesbezüglichen Ideen und Überzeugungen immer wieder auf den Prüfstand zu bringen.

Andererseits bin ich jedoch auch Pragmatiker und frage mich manchmal, ob es nicht doch ein Zuviel an Selbstreflexion geben kann? Nämlich dann, wenn ich mich selbst in meinen Gedankenspielen lähme und nur noch (nach)denke, anstatt zu agieren. Denn letzten Endes ist ein Lebensentwurf etwas höchst individuelles. Und wenn zwei solche individuellen Pläne zusammenpassen, ohne dabei von Traditionen abzuweichen, ist das dann zwangsweise etwas Schlechtes, weil es nicht moderneren Vorstellungen entspricht? Und sind manche dieser “modernen” Vorstellungen nicht doch einfach nur Dogma? Ich weiß es nicht. Muss vermutlich jeder für sich selbst entscheiden. Auf wiedersehen.

New Work N°4 – Creative Chaos?

Von Zeit zu Zeit hocke ich vor dem Monitor und schaue grübelnd auf die weiße Fläche. Es ist in solchen Augenblicken nicht so, dass mir nicht irgendwelcher Mist durch den Kopf schießen würde, der es durchaus wert sein könnte, zu einem Blogpost verwurstet zu werden oder – fast noch besser – zur Reichhaltigkeit meines Hobby N°1 oder meiner Arbeit beitragen zu können. Eher komme ich nicht dazu, die ganzen unraffinierten Ideen zu kuratieren und in eine brauchbare Form zu bringen. Denn Kreativität bedeutet mitnichten, einfach Ideen generieren zu müssen. Vielmehr geht es darum, die vorhandenen Ideen zu sortieren, zu priorisieren und zu analysieren.

Man erwartet heutzutage insbesondere von White-Collar-Workern zwanghaft, dass sie kreativ sein sollen. Weil man dem Credo huldigt, dass irgendwas von dem Neuen, dem bisher nicht Dagewesenen, das dabei entsteht auf jeden Fall einen Benefit generieren wird; zuallererst natürlich für das Unternehmen. Was für eine grausige Vorstellung von Kreativität. Und überhaupt – was ist das denn, dieses “kreativ sein”? Der Definition nach soll es ja darum gehen, Neues zu erschaffen, das originell und/oder nützlich ist. Womit noch nicht darüber gesprochen wurde, für wen oder warum ich dieses Neue überhaupt brauche. Der Gedanke, der dem zugrunde liegt, ist der unbedingte Glaube an die Kraft des Fortschritts. Dinge sind halt einfach besser, weil sie neu und anders sind – oder…?

Glaube ist natürlich der falsche Begriff. Es geht in erster Linie um den Innovationszwang unseres Wirtschaftsmodells “Kapitalismus”. Nur ein Unternehmen, dass dauernd etwas (vermeintlich) Neues auf den Markt wirft, kann erfolgreich sein. Denn “etwas Neues” wird subjektiv gleichgesetzt mit Fortschritt. Was natürlich Käse ist. Denn wenn wir zu allen Zeiten Fortschritt allein an Äußerlichkeiten festgemacht hätten, trügen wir heute einfach nur hübsch gefärbte Felle zu unseren besonders nett geschnitzten Keulen. Und vielleicht hätten wir dekorative Höhlenmalerei auch in Purpur entdeckt… Dass dieser Irrglaube auch die Konsumenten erreicht, lässt sich am Beispiel “Ei-Fon” schön illustrieren. Das Ding kann nichts anderes, als alle anderen Smartphones auch. Weil man die Menschen aber mit einer unfassbaren Marketingmaschinerie dazu dressiert hat, zu glauben, dass ein neues “Ei-Fon” immer wichtiger ein Fortschritt sei, kaufen sie diesen überteuerten, zu grauenhaften Konditionen hergestellten Ökomüll und fühlen sich wie Könige…

Und doch wird es einige Sillicon-Valley-Huren – pardon, ich meinte natürlich Mitarbeiter von dieser Firma “Ei-Fon” – geben, die sich wie Innovatoren fühlen. Denn sie haben ja Ideen beigesteuert, wie man das Produkt noch etwas geschmeidiger machen kann. Ist das Kreativität in Aktion? Nö, Null! Denn sie remixen, während sie glauben, das Rad neu zu erfinden einfach nur das, was andere auch schon gemacht haben; und wenn sie in der Pause am Tischkicker ihre veganen Smoothies schlürfen und der Teamleiter Torben-Eicke-Sebastian ihnen anerkennend auf die Schulter klopft, während er sagt, dass es halt erst nächstes Jahr richtig Asche dafür gibt… Zu viele Klischees? Ganz ehrlich, wenn ich irgendwas über so genannte Start-ups, aber auch über die Branchen-Primusse lese wird immer irgendwelcher Dreck von Team-Spirit und Incentives gefaselt und zwischen den Zeilen steht ganz deutlich ein einziges Wort: “AUSBEUTUNG”.

Bis heute ist nicht wissenschaftlich geklärt, ob Teams tatsächlich kreativer sind, als Einzelpersonen. Sicher ist allerdings, dass man Kreativität zwar mit verschiedenen Techniken fördern, jedoch niemals herbei zwingen kann. Aber für viele Prozesse ist Kreativität im wahren Sinne des Wortes auch gar nicht notwendig. Eine Mischung aus gesundem Menschenverstand, Improvisation und Problemlösungskompetenzen genügt für mindestens 85% aller beruflichen Probleme vollkommen. Und bei den übrigen 15% bin ich mir ziemlich sicher, dass die allermeisten dieser Ratgeber zur Kreativitätsförderung ziemlichen Bullshit labern. Lest John Hattie. Da geht’s zwar um die Effekte pädagogischen Handelns; doch letzten Endes ist Projektmanagement genau das: eine pädagogische Intervention. Kreativität an sich hat übrigens eine Effektgröße, die unter dem (eh schon niedrigen) Durchschnitt liegt. Und wenn wir gerade bei modernen Bürodesigns sind: offene Lernumgebungen haben eine Lerneffektgröße nahe Null!

Was ich daraus lerne? Ich mache meinen Kram am liebsten alleine in meiner ruhigen, gemütlichen Kammer, wo ich alle Ressourcen, Gerätschaften und Gimmicks in Greifweite habe, ohne mich verrenken zu müssen. Einerseits huldige ich dem Credo “If you want the job done well, do it yourself!” Klingt nach altmodischem, kleinkariertem Mikromanager? Tja, dann ist das halt so. Ich weiß nur ziemlich genau, was ich delegieren kann; und worum ich mich doch besser selbst kümmere. Andererseits habe ich heute eine präzise Vorstellung, was ich brauche, um abliefern zu können: nämlich meine Ruhe vor Menschen, die so tun, als wenn man in hippem Baustellencharme aufeinander hocken und dauerplaudern muss, um irgendwas zu erreichen. Die können mir gestohlen bleiben. Teamfähig bedeutet, die eigenen Ergebnisse überdenken zu können, wenn jemand daran berechtigte Kritik übt. Es bedeutet nicht, alles in Gruppen totdiskutieren zu müssen.

Im privaten Bereich fällt es mir sowieso viel leichter, kreativ zu sein. Denn wenn ich nicht durch die Notwendigkeiten beruflicher Vorgaben eingeengt bin, können meine Fantasie und mein Gestaltungswille sich in ungeahnter Weise austoben. Und für all jene, die jetzt “Work-Life-Balance!” schreien: was dabei zu Tage tritt, taugt sowieso nicht sehr oft für eine berufliche Zweitverwurstung. Und wenn doch – um so besser. Gute Nacht.