A snippet of schizophrenia?

Manchmal schaue ich in den Spiegel und ganz ernsthaft dauert es einen Moment bis mir bewusst wird, dass ICH das bin, der da zurückschaut. Ich halte das nicht für ein Anzeichen von Krankheit, sondern eher für ein Symptom der ständigen Suche nach mir selbst.

Was macht denn aus, das ICH auch tatsächlich ICH bin? Meine Gedanken (die andere vielleicht auch schon gedacht haben)? Meine Taten (die sicherlich irgendwo, irgendwann schon mal fast genauso getan worden sind)? Meine Gefühle (die beinahe jeder Mensch fühlen kann)? Meine Interaktionen; hm… menschliches Miteinander ist irgendwie überall gleich und doch dauernd anders – aber richtig individuell? Meine Erinnerungen…? Ah, meine Erinnerung und die Matrix, die sie aus all den vorgenannten Dingen und noch vielem anderem mehr bildet. Ja, das könnte sein.

Doch warum spielen unsere Erinnerungen, an denen wir doch so sehr hängen, weil sie einen wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit ausmachen uns so oft Streiche, lassen uns manchmal genau dann im Stich, wenn wir sie am Meisten bräuchten?

Vielleicht weil wir uns ändern; ändern müssen, wenn sich die Umstände ändern. Und mit diesem Wandel, der sich zumeist schleichend, unbewusst vollzieht, wandelt sich auch unsere Wahrnehmung und manchmal geschieht das so unvermittelt, das es sich anfühlt, als stünde man plötzlich im Wald.

Dem aufmerksamen Mitleser wird sicherlich aufgefallen sein, dass ich meistens mehr Fragen als Antworten habe. Ist DAS eigentlich gesund?

Normal oder was?

Man als Mensch so ganz im Allgemeinen ist schon ein komisches Dings. Sicher, es gibt Exemplare der Gattung Homo Sapiens Sapiens, die bei näherer Betrachtung vollkommen aus dem Rahmen dessen fallen, was man als NORMAL bezeichnen würde. Was allerdings sofort die Frage aufwirft, was das Wort „normal“ in diesem Zusammenhang denn eigentlich bedeutet, beziehungsweise woran ich erkennen kann, ob ich selbst normal bin.

Da die dazu notwendige Betrachtung soziologischer oder psychologischer Natur sein dürfte, ich aber nun leider ehrlicherweise weder das eine noch das andere studiert habe (obschon beides zumindest einen Anteil an meinem Bildungswissenschaftsstudium hat) und somit gemäß üblicher Gesetzmäßigkeiten eigentlich gar nicht als dazu befähigt zu betrachten bin, diese Dinge sachgerecht zu beurteilen, tue ich halt was ein Schreiberling eigentlich am besten kann – ich schwadroniere meine Gedanken einfach mal frei von der Leber weg in den Äther und überlasse es dem geschätzten Hörer, sich seine eigenen Gedanken zum hier Gesagten zu machen.

Prinzipiell ist es aber erstmal einfach zu verstehen, dass dieses Wörtchen „normal“ sich vom Wort „Norm“ ableitet und eine Norm im soziologischen Sinne einfach eine Regel meint, welche das soziale Zusammenleben unterschiedlichster Individuen erleichtern oder sogar überhaupt erst einmal ermöglichen soll. Ein gutes Beispiel hierfür wären die Zehn Gebote.

Wie jetzt? Die Bibel? Was soll das denn? Nun ja – eine Regel wie „Du sollst nicht Töten!“ ist doch ziemlich einfach zu verstehen. Jemandem NICHT einfach mit einem Beil die Mupfel zu spalten, weil der mich gerade schief angeschaut hat, oder vielleicht versuchen wollte, mir die Frau auszuspannen (was ja allerdings auch ver- anstatt geboten ist), vielleicht etwas besitzt, dass ich selbst gerne hätte (wiederum ein biblisches No-No) oder schlicht eine andere Meinung zu irgendeinem Thema hat, ist grundsätzlich ziemlich nett, denn es führt zu mehr Miteinander anstatt Gegeneinander.

Irgendwann in der Evolutionsgeschichte haben unsere noch mit Fell behängten Vorfahren wahrscheinlich herausgefunden, dass es schlicht gut für die Entwicklung der Zahl der eigenen Stammesmitglieder ist, wenn man sich nicht wegen jeder Kleinigkeit gleich an die Gurgel springt.

Es war diese einfache Erkenntnis, die unsere Spezies – ganz zum Leidwesen unseres Lebensraumes – erst hat zum Erfolgsmodell werden lassen. OK, es war nicht allein der Siegeszug der Friedfertigkeit, welcher unser Dasein zur Blüte trieb – ihr merkt schon, dass ich gerade Stuss labere … also die Menschheit ernsthaft als friedfertig zu bezeichnen ist, als wenn man sich eine tolle, riesige Feuerwache bauen würde und den Jungs dann nur einen Gartenschlauch, einen Blecheimer und eine Aluleiter aus dem Baumarkt hinstellte; also schlicht bekloppt. Nein, aber wir wären kaum weiter als die Mammuts gekommen, wenn es uns nicht irgendwann gedämmert wäre, dass es einfach dem Überleben aller hilft, wenn man sich an ein paar grundlegende Spielregeln hält. Et voilà: die Zehn Gebote. Der Junge, der das mit zwischen diese zwei meistbenutzten Buchdeckel überhaupt gepackt hat, wusste einiges mehr von Soziologie als so mancher Studierte heutzutage.
Man darf also ganz entgegen der landläufigen Meinung vieler meiner hochgeschätzten Mitmenschoiden durchaus annehmen, dass gesunder Menschenverstand bei der Entstehung der Religionen zumindest Anfangs sehr wohl eine Rolle gespielt haben muss. Sich dann durch das Miteinbeziehen von Regeln zu verdammt vielen wichtigen Aspekten des Lebens an sich in sein eigenes Manifest auch noch selbst eine Signifikanz in vielen Fragen des Alltäglichen zu verleihen, war überdies ein Kunstgriff, der auch heute noch Hochachtung verdient. Dadurch, dass Phänomene des ganz normalen Lebens auf das Göttliche zurückgeführt werden konnten, verschaffte sich die damals gerade im Entstehen begriffene Institution der christlichen Kirche eine Machtbasis, welche ihresgleichen bis heute sucht.

Das birgt allerdings auch einige Probleme. Zwar ist die gute alte Mutter Kirche ganz entgegen ihren eigenen Wünschen heute nicht mehr DIE allein herrschende Instanz, an deren Regeln sich alle Lösungen zu moralischen Fragen des Lebens messen zu lassen haben. Trotzdem ist das Gewicht, jener Worte, welche sich aus dem für uns Laien unergründlich tiefen Inneren gewisser Kongregationen in den Weltdatenfluss ergießen nicht unerheblich. Man schenkt diesem gelegentlich doch recht weltfremden Geblubber schon immer noch viel Aufmerksamkeit.

Oh ja, ich kann Schreie hinten in meinem Kopf anbranden hören und es ist mir ein Genuss, jedem Frömmigkeits-Proklamierer nun zu entgegnen, dass es für wahren Glauben keine Kirche, keine Bücher und vor allem keine Priester braucht, wenn Gott doch überall und in uns allen wohnt… Für mich ganz persönlich kann etwas, das von Menschen als Gottes Wille verkauft wird jedenfalls keine größere Bedeutung besitzen als das, was andere Menschen als Ergebnis wissenschaftlicher Untersuchungen vorzustellen versuchen. Beide Seiten fabrizieren hin und wieder soviel Unsinn, dass es jedem denk- und empfindungsfähigen Wesen eigentlich Schmerzens- oder doch wenigstens Empörungsschreie über die Lippen treiben müsste.

Möglicherweise bin ich etwas abgeschweift, doch im Grunde ist dies nötig, um wieder zu möglichen Antworten auf die Frage nach der Normalität zu gelangen. Denn bei Licht betrachtet beurteilen wir andere Menschen, ihr Verhalten, ihr Aussehen, ihre Sprache und was sonst noch so dazugehört nach von Kindesbeinen anerzogenen, einem unbewussten Reflex folgend automatisch eingesetzten Entscheidungsmatrizen, die uns dazu bringen alles zunächst der Einfachheit halber in akzeptabel oder nicht akzeptabel einzuteilen. Alles was dabei unter das Label „nicht akzeptabel“ fällt, wird folgerichtig zumindest mit Widerwillen betrachtet, oder rundweg abgelehnt und dadurch gemieden, ja vielleicht sogar bekämpft.

Doch wer bringt uns denn diese Entscheidungsmatrizen, diese vorgefertigten, stereotypen, unflexiblen und nicht selten auch xenophoben Freund/Feind-Filter bei? Wer trainiert uns nun somit von klein an, Allem und Jedem was nicht in diese oder jene Norm passt zu misstrauen?

Behaupten zu wollen, dass die böse, böse Kirche das ganz alleine tut, wäre zwar vermessen, denn es gibt zumindest genug Theologen, die ein freien Geist, Offenheit und Toleranz predigen und wohl auch leben. Die Institution Kirche per se jedoch kennzeichnet sich oft genug durch ihre Unnachgiebigkeit in Fragen der Auslegung des Glaubens durch ihre Mitglieder oder Abweichungen von der Liturgie, was für sich betrachtet nicht schlimm wäre, denn dies sind Formalien, die jede so große Organisation wohl braucht. Daraus folgend werden allerdings das Anderssein von Priester oder Laie bzw. überhaupt Abweichungen von „der NORM“ auf eine Art verteufelt und mit Verboten bzw. Sanktionen belegt, die schlicht nicht mehr zeitgemäß ist und an den Bedürfnissen der Gläubigen soweit vorbei denkt, wie die Sonne um die Erde kreist… oh, war das nicht anders rum…?

Aber natürlich ist dies nur ein Mechanismus, der uns immer und immer wieder daran erinnert, dass es nicht gut für einen ist, wenn man anders daher kommt als die breite Masse. Ein schönes Beispiel dafür sind Gothics. Sie wissen schon, diese Kinder in schwarz, die mit allerlei Silber behängt, komischen Halsbändern gegürtet, mit abstrusen Haarfarben und Frisuren sowie einem sehr dick aufgetragenen Make-Up subversiv in der Stadt umherwandern, dass man denkt, die schänden gleich eine Jungfrau auf der Bank in der Straßenbahnhaltestelle. Wenn man allerdings genauer hinsieht, wird man feststellen, dass nicht wenige von denen zumindest altersmäßig auch für die Rolle der Jungfrau in Frage kämen.

Tatsächlich sind die meisten Mitglieder dieser so genannten Jugendkultur, deren Musik ich übrigens selbst sehr gern konsumiere ungefähr so gefährlich wie eine Fruchtfliege. Das Einzige was sie theoretisch tun ist, den um jeden Preis Alles mit Tod und Verfall assoziierte meidenden Jugendlichkeits- und Konsumkult unserer heutigen Gesellschaft optisch zu karikieren. Wie ich finde übrigens durchaus nicht unhübsch. Aber das ist wohl Geschmackssache. Und über den soll man ja angeblich nicht streiten. Genau das tun wir aber, wenn wir jemandem aufoktroyieren wollen, dass er bzw. sie zum Beispiel beim Einkaufsbummel eigentlich kein schwarzes Rüschenkleid und weißes Make-Up tragen darf. Wir bestreiten damit nämlich die Autonomie dieser Person, ihre individuelle Vorstellung von Aussehen leben zu dürfen.

Ich darf die werten Hörer übrigens an dieser Stelle trösten: die meisten Gothics von heute machen das nur noch, weil sie den Stil schick finden und es auch noch eine kleine Rebellion gegen das Elternhaus darstellt. Was im Übrigen jeder Jugendliche oder junge Erwachsene auf seine Art tun muss. Da stecken aber meist keine weitergehenden sozialen oder politischen Gedanken wie bei den Urpunkern mehr dahinter.

Ich war allerdings bei einem anderen Gedanken, nämlich diesem: Jemandes Autonomie in Frage zu stellen, egal um welchen primär oberflächlich erscheinenden Aspekt des Daseins es auch gerade gehen mag – in diesem Fall nämlich den Kleidungsgeschmack – ist nicht etwa unwichtiger Kiki, sondern wegbereitend für einen Akt der Unterdrückung. Denn von einem Aspekt einer beliebigen Person oder Gruppe zum nächsten ist es, wenn ich einmal mit dem Geringschätzen oder sogar Hassen angefangen habe, nur noch ein kleiner Schritt. Dieser Erkenntnis folgend kann man sagen, dass jede Form von Verletzung, Verhetzung und schließlich Verfolgung mit Kleinigkeiten beginnt. Wie etwa einer herabsetzenden Wortwahl. Somit sind Sätze wie „Der ist ja nicht normal!“ oder „Die sieht ja komisch aus!“ in diesem Kontext der Anfang des Übels. Allerdings auch in manch anderem…

Zurück in der Betrachtung zum Thema „Normen“ bleibt die Erkenntnis, dass wir schlicht unsere Meinungen erben. Über viele Jahrhunderte hat sich eine Gesellschaft wie die unsere, die fest im Wertekanon der christlichen Kirche verwurzelt ist – daher auch das unsägliche Unwort Leitkultur, als wenn unsere Kultur heute noch zu irgendetwas anderem anleiten könnte als zum Konsum – sich eine Rahmendefinition dessen erarbeitet, was schicklich ist und was nicht. Diese modifizierte sich bislang üblicherweise, wie es in jedem komplexen sozialen System der Fall ist, selbst an den Bedürfnissen des jeweiligen Zeitalters. Wir leben nun allerdings in einer Zeit, in der sich die Geschwindigkeit, mit der sich der Mensch der Technik hinterher entwickeln muss so rasant erhöht hat, dass der kategorisierende und bewertende Unterbau, den wir als „Normen“ kennen sich einfach nicht mehr adäquat schnell mitentwickeln kann.

Wir haben unsere Kultur mittlerweile in fast allen Aspekten dem unterworfen, was die technische Entwicklung möglich macht, ohne dabei darauf zu achten, dass unsere Moral auch genauso schnell wachsen kann wie unsere Kapazitäten sie zu testen bzw. in Frage zu stellen. Über viele Jahrhunderte reichte „Du sollst nicht töten!“. Es gibt aber immer noch keine Bibel 2.17 in der steht: „Sei vorsichtig, wenn du im Humangenom herumpfuschst!“. In einer Welt, die sich wenn es um die Bewertung neuer Problemstellungen stets auf jene antrainierten Reflexe verlässt, die unter Zuhilfenahme überkommener Erkenntnisse und veralteten Wissens entstanden sind, ist dies jedoch ein gravierender Mangel.

Immer die gleichen, alten Antworten auf immer neue Fragen geben zu wollen ist nicht nur blind, sondern fahrlässig dumm. Doch genau das tun auch Jene, die Alles und Jeden unter Anwendung dieser alten Denkraster in „normal“ oder „nicht normal“ einordnen.

Natürlich wäre es purer Blödsinn, Die Zehn Gebote nicht mehr – zumindest in einer, unserer Zeit angepassten Form – zur Anwendung bringen zu wollen, doch wer stets nur alttestamentarisch denkt, wird früher oder später auch Leute oder Denkweisen verurteilen bzw. ablehnen, die für seine persönliche Weiterentwicklung förderlich sein könnten. So dieses Individuum denn überhaupt an der eigenen Weiterentwicklung interessiert ist … oder hoffentlich wenigstens weiß, was das Wort bedeuten könnte.

Ich persönlich finde, um mit dem Geschwafel mal langsam zu einem Schluss zu kommen, Normen durchaus in Ordnung – und tatsächlich nicht nur wenn es um Papierformate oder Monitoranschlüsse geht – es mangelt mir im täglichen Leben aber bei vielen meiner Kontemporanzien an der Fähigkeit, alte, angeblich bewährte Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster selbständig zu überprüfen und gegebenenfalls auch mal zu modifizieren.
Es ist also quasi wie immer – ich wünschte mir, Selberdenken käme langsam mal wieder etwas mehr in Mode, anstatt immer nur den Mist wiederzukäuen oder – viel schlimmer – auch noch zu leben, den einem irgendwelche Fehlfarben auf der nachmittäglichen oder auch abendlichen Mattscheibe als gültige Weisheit des Okzidents zum Besten geben. Denn die haben zwar auch die Haare schön, nur fünf Zentimeter tiefer herrscht offensichtlich bestenfalls ein laues Gebirgslüftchen, dessen frontalen Ausstoß man besser ignorieren anstatt honorieren sollte. Dieses Wörtchen „Matt“ in Mattscheibe kommt nämlich nicht von ungefähr…

Aber auch das, was man glaubt noch als Schulweisheit im Köpfchen parat zu haben, sollte man gelegentlich mal auf die Pausenbank schicken und stattdessen vielleicht anfangen zur Kenntnis zu nehmen, dass das 21. Jahrhundert – leider oder Gott sei Dank muss hier jeder für sich herausfinden – nie mehr so funktionieren kann wie das 20. es getan hat. Dann fällt es einem unter Umständen auch leichter zu sehen, das „normal“ einfach das ist, was ein jeder – natürlich in gewissen Grenzen, denkt halt an die Zehn Gebote – für sich selbst daraus macht.

Ein Epilog?

Tick…

Der Blick schweift durch den Raum und bleibt hängen an dem alten Regulator in der Ecke, und wie sein Pendel langsam, geradezu bedächtig hin- und her schwingt, im hypnotisierenden Rhythmus des einzigen, universalen Herzschlags – das letzte, das einzige Limit, das wir Menschen noch nicht überschritten haben, aber nur weil selbst unsere kühnsten wissenschaftlichen Wagnisse uns dies Geheimnis noch nicht enthüllen konnten.

Tack…

Wie dicke Regentropfen, die an einem kalten, nebeligen Herbsttag auf einen kleinen Teich hernieder prasseln, so passieren die ankommenden Eindrücke meine Augen, um in den See meiner Erinnerungen hineinzufallen. Und so wie die Tropfen schlägt jeder Moment, jeder Gedanke, jede Emotion Wellen – Wellen, welche die Oberfläche verwirbeln, und es unmöglich machen tiefer in den See hinein zu schauen, zu sehen was er wohl enthalten mag.

Tick…

Die Augen seien das Tor zur Seele des Menschen, doch was ist eine Seele. Ist sie einfach nur die Summe alles Erinnerten und Gedachten, eine Art sich selbst programmierende Handlungsmatrix? Sind es die Emotionen, die zweifellos all unser Tun leiten, ganz gleich wie logisch zu Handeln wir auch glauben? Oder ist sie vielleicht doch eine abstrakte Form von Energie, gegeben von einer namenlosen Schöpferkreatur, gedacht uns auch die Kraft zur Schöpfung zu geben? Ganz gleich was sie auch sein mochte, einen Blick durch dieses Portal könnten wir nur tun, wenn das Individuum sich vor all diesen störenden Einblicken abschotten könnte, doch selbst unsere Beobachtung wäre Stimulus genug, dies Vorhaben zum Scheitern zu verdammen.

Tack…

Wieder kommen die alten Fragen hoch, die Zweifel, die Ängste, sie zerreißen mich, zerreißen das sorgfältig gewobene Gespinst welches ich meine Existenz nennen möchte, doch nicht länger kann. Immerzu wollte ich Antworten, doch gleich wie viel ich in Erfahrung brachte, wie viel mehr ich auch lernte, gab es keine Befriedigung und auch keinen Frieden. Meine Vendetta gegen dieses Sein, sie war verloren, einmal mehr und doch … doch konnte ich keinen Groll verspüren, keinen Hass. Wie sollte man auch etwas hassen, das keinen Körper, keine definierte Form, keine … Wahrhaftigkeit besaß?

Tick…

Meine Seele ist verloren. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass ich je eine besessen habe. Eigentlich ist es auch gleichgültig, denn ich hätte eh nicht begriffen, was ich verloren hätte, bevor die letzte Chance, es zu ändern vorüber gegangen war. Immerhin hatte ich diesbezüglich Konsequenz gezeigt. Nun wie dem auch sei, dieser letzte Moment, bevor es soweit ist, bevor das Unausweichliche beginnt, er fühlt sich an wie eine verdammte Ewigkeit. Ich fühle nicht, ich atme nicht, ich denke nur. Und in der Zeit, die sie gebraucht haben, die unwesentlichen, nichtsdestotrotz mit beinahe unendlicher Geschwindigkeit produzierten Projektionen meiner cerebralen Tätigkeit zu konsumieren, ist der letzte Schritt getan, und nichts, rein gar nichts wird … nein kann je wieder so sein, wie es war. Ganz so, als ob der Rhythmus des universalen Herzschlags ins Stolpern gekommen wäre…

Ta…

 

A snippet of hope?

Das Morbide fasziniert mich – nicht nur berufsbedingt. Ich finde das Menschen gut daran tun, sich dann und wann der Tatsache zu erinnern, dass ihre irdische Existenz endlich ist. Auf welche Weise das zu geschehen hätte und welche Wirkung das auf den Geist haben könnte, dürfte individuell sehr unterschiedlich ausfallen. Ich persönlich sehe mir sehr gerne alte Dinge bzw. Bauwerke an. Sie atmen einen Geist von Beständigkeit, obschon sie genau wie alles Organische im Verfall begriffen sind, der mich tröstlich daran erinnert, dass meine Existenz als solche zwar vergänglich sein mag, mein Tun sie aber bei weitem zu überleben im Stande sein könnte, wenn ich mir nur ein wenig Mühe gebe.

Und was tut ihr, dass Bestand haben könnte?

Euro kaputt – alles kaputt?

Immerzu wird ein Europa beschworen, welches es in der Lesart vieler anscheinend zur öffentlichen Äußerung Berufener ja gar nicht gibt; mit der Konsequenz, dass man die Europäische Idee als naiven Unsinn abtut und Lösungen präsentiert, die ein mögliches Gebilde Europa auf DAS reduzieren, was gegenwärtig wohl den allem politischen Tun übergeordneten Metaplot darstellt, nämlich eine ehemalige fiskalische Opportunität, die man nun am Liebsten schnell abwickeln möchte.

Menschen, insbesondere aber die jüngeren Menschen in den einzelnen Nationalstaaten Europas, also jene Generationen, die ein Zeitalter fast grenzenloser Prosperität, dauerhaften Friedens und bislang ungeahnter räumlicher und zu Teilen auch sozialer Freizügigkeit erlebt haben und keine wirkliche Ahnung vom Krieg mehr haben können, stehen plötzlich vor den Scherben eines Konstruktes, dessen größter Fehler in seiner Reduktion auf wirtschaftspolitische Interessen besteht; immer bestanden hat!

Jahr um Jahr hat man sich darauf beschränkt, sich an technokratisch verklausulierten Wischiwaschichkeiten festzubeißen, die so genannte Einheit in Vielfalt beschworen, stets als für den Denkenden allzu durchschaubares Deckmäntelchen für die kompromissfreie, knallharte Durchsetzung nationalstaatlicher, bestenfalls bilateraler Partikularinteressen. Und während man im Vordergrund mit viel Getöse die Freiheit des Verkehrs von Waren, Dienstleistungen, Know-How und Menschen propagierte, saßen in Gremien, welche allesamt mit Steuergeld alimentiert wurden Leute, deren vordringlichste Aufgabe es war, dafür zu sorgen, dass auf dem Grund und Boden dieses oder jenes Staates alles beim Alten bliebe, weil man ja nur selbst die Weisheit mit Löffeln gefressen hatte.

Nun ist es so, dass es auf Europäischem Grund keinen Nationalstaat gibt, dessen große, zum Zwecke der Patriotismusgenerierung immer wieder beschrieene Geschichte auch nur annähernd soviel historische Substanz hätte, wie man das den jeweiligen Bürgern gerne glauben machen möchte. Deutschland zum Beispiel war vor 150 Jahren ein Flickenteppich aus Dutzenden von Staaten und Stätchen, von denen jeder einzelne aufs Eifersüchtigste für seine Souveränität eintrat, gleich wie insignifikant diese auch gewesen sein mochte. Einen Staat Deutschland, den es zuvor nie gegeben hatte konstruierte man durch die Erschaffung einer nationalen Geschichte, welche den Menschen etwas schenken sollte, womit sie sich identifizieren konnten, nämlich das wilhelminische Kaiserreich mit seinem Militarismus, seinem Rassismus und seinem Kolonialismus als Ordnungsbezug, der Schwaben, Bayern, Thüringer, Sachsen, Badener und wie sie noch alle hießen einen sollte, um zusammen etwas größeres zu sein…

Derartige Verlautbarungen kennen Italiener, Franzosen, Spanier aber sicher auch Norweger Briten und die ganzen Anderen durch ihre nationalen Ideologieepen mit Sicherheit auch. Und gewiss gibt es kulturelle Unterschiede; wenn man unbedingt danach suchen muss, findet man sicher irgendwas hassenswertes an jedem Menschen auf diesem Kontinent. Kultur ist allerdings, wie ich schon des Öfteren erwähnt habe, ein prozessuales Konstrukt, dass sich mit der Zeit und den Menschen ändert, anpasst, schlicht weil es das können muss, sonst würde unser Lebensstil sich zum Beispiel niemals den Wundern der Technik angepasst haben können. Schließlich gehört die Internetnutzung in den entwickelten Staaten heute zu den üblichen Kulturtechniken dazu.

Vielleicht wäre es an der Zeit, Pluralismus und Anpassungsfähigkeit endlich auch als grundlegende Kulturtechniken zu akzeptieren, den Ballast des Althergedachten abzuwerfen, welcher mit Zähnen, Krallen und Geifer von den Wächtern des Tradierens gegen die Zeit verteidigt wird. Gewisse gesellschaftliche Subsysteme, namentlich Bürokratie und Politik – aber nicht nur diese zwei – haben sich teilweise soweit von den Lebensrealitäten der Menschen entfernt, dass es mir schwer fällt zu glauben, dass deren Vertreter fähig sein könnten, wirklich zu erkennen, welches Potential immer noch in der Idee Europa liegt. Sie sehen nur noch Rote Zahlen mit vielen Nullen, die es ihnen nicht erlauben, die Dinge zu verändern; obschon es doch gerade die von ihnen und ihren systemischen Vorfahren selbst verfochtene Linie der Präservierung des Überkommenen war, die uns diesen Schlamassel, dieses Übermaß an Schulden eingebrockt hat.

Wann wird wohl jemand erkennen, das Europa nicht tot ist; es lebt, und zwar mit, in und durch jene, die irgendwann verstehen werden, dass diese Schulden ohne Substanz nur dann eine Last sind, eine Last sein können, wenn man sie anerkennt. Genauso wie Politik nur solange tun und lassen kann was sie möchte, solange die Bürger ihre Legitimität anerkennen.

Wie viel Legitimation kann jemand jetzt noch besitzen, der so sehr in seiner überkommenen Denke gefangen ist, dass ihm die Fähigkeit fehlt, zu verstehen, dass die alten Antworten keine Gültigkeit mehr besitzen können.

Europa wurde einst lediglich als Chance für mehr Wohlstand begriffen. Es wäre an der Zeit, es als Chance für mehr Demokratie zu begreifen.

Zeitung lesen nutzlos?

Ich las neulich in einem Buch von Schwarzen Schwänen! Es ging dabei nicht um Ornithologie, sondern um die Macht, welche unvorhersehbare Ereignisse auf unsere Welt haben, bzw. haben können. Auf Grund seiner Beschäftigung mit Statistik als Mittel zur Beurteilung finanzieller Risiken – was wohl eine Weile sein Beruf war – kommt der Autor zu dem Schluss, das alles Wissen um den normalen Ablauf der Dinge so gut wie gar nichts nutzt, um Schwarze Schwäne vorhersehen zu können; also Ereignisse die basierend auf einer Ex-Post-Betrachtung des bisherigen Verlaufs in der Historie des jeweiligen Kontextes nicht vorhersagbar sind.

Sein Beispiel ist der uramerikanische Thanksgiving-Truthahn, der das ganze Jahr über freundlich gefüttert wird – woher sollte der arme Kerl wohl wissen, das Ende November in dieser freundlichen Hand das Schlachtbeil auf ihn lauert? Eine wie ich finde durchaus bemerkenswerte Analogie.

Er schließt daraus allerdings auch, dass man das Zeitung lesen lassen sollte, weil alles Wissen um Standardabläufe kaum Auswirkungen auf die Wirksamkeit schwarzer Schwäne hätte; weil vielmehr der Konsum der Tageszeitung einen zu der törichten Illusion verleiten könnte, das Geschehen der Welt sei erklärbar, ja sogar kontrollierbar. Er meint in diesem Zusammenhang, dass es viel sinnvoller sei, mehr Bücher zu lesen.

Gewiss ist diese Argumentation bestechend – allerdings weiß man nicht erst seit 2007, dass Gesellschaften und damit auch die Ereignisse, welche sie hervor bringen können nicht tatsächlich von außen oder von oben steuerbar sind, sondern vielmehr die vielen einzelnen Subsysteme sich selbst steuern und dabei in Interaktion mit den anderen Subsystemen eine Art fließendes Gleichgewicht des Interessenausgleichs erzeugen. Zumindest in einem idealisierten Modell. Was aber für einzelne Gesellschaftsteile bezüglich ihrer Komplexität, Selbsterhaltung, Interessenvertretung und Selbstbestimmtheit gilt, lässt sich auch auf das Individuum herunter brechen.

Nun bin ich durchaus geneigt zuzustimmen, dass man beim Studium der Tagesmedien sehr sorgfältig auswählen muss und bei weitem nicht alles als von hohem Wahrheits- oder Informationsgehalt durchsetzt akzeptieren darf, was gedruckt steht oder über meinen Monitor flimmert. Dieser Umstand allein entwertet allerdings meine Lektüre keineswegs. Auch lasse ich mich dadurch nicht von der Illusion globaler Kontrolle einlullen. Vielmehr reflektiere ich mich an dem was ich lese und werde mir der Tatsache bewusst, dass meine ganze Existenz ein Schwarzer Schwan ist!

Mein Hiersein ist einer Verkettung höchst unwahrscheinlicher Ereignisse auf der sozialen Mikroebene zu verdanken und der Weg, den mein Leben bislang genommen hat, war zu keiner Zeit von irgendwem oder gar irgend einer höherem Macht vorgezeichnet. Diesem Gedanken folgend ist die Zukunft offen und vollzieht sich just in dem Moment, da ich sie durchlebe durch mein Tun oder Lassen. Wüsste ich, was mich erwartet, könnte ich vielleicht Risiken vermeiden, aber die Existenz würde dadurch nicht notwendigerweise perfekt, da es keinem Menschen gegeben ist, ein so komplexes System wie ein Leben in allen Ebenen und Möglichkeiten überblicken zu können. Womit alle Vorhersagesysteme imperfekt sind, da ich im Perfekt lebe; also in der just vollzogenen Gegenwart.

Ich lese trotzdem gerne Zeitung, denn so chaotisch Leben als solches auch sein mag, beeinflusst Wissen um die größeren Zusammenhänge dennoch in gewissem Umfang Entscheidungen, durch welche ich meine individuelle Existenz sehr wohl verändern kann. Ob die derart getroffenen Entscheidungen sich im Nachhinein als richtig, falsch oder ein bisschen von beidem erweisen, kann keiner vorher wissen…oder?

PS: Der Titel des Buches lautet “Der Schwarze Schwan” von Nassim Nicholas Taleb

A snipet of doubt

Ich habe neulich über meine ganz persönliche Motivation geschrieben und gerade heute wurde ich durch ein Gespräch nachdenklich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwann an einen Punkt komme, an dem mein komplettes Lebensmodell so an die Wand fährt, dass es kaum noch zu reparieren sein wird, ist wohl gar nicht so gering. Menschen, die dazu neigen für ihre Passionen – gleich ob diese beruflicher oder privater Natur sein mögen – viel zu geben, verfehlen manchmal das Gleichgewicht und verausgaben sich mehr, als für sie gut wäre.

Der Wunsch, als Mensch und Professional respektiert zu werden und Wertschätzung zu erfahren, ist wahrscheinlich in jedem von uns zu finden, doch die Grenze zwischen Engagement und Raubbau an sich selbst ist transparent, fließend und substanzlos. Darum quasi als Memo an mich und als Warnung an die (noch) Motivierten da draußen – gebt auf euch acht! Überlegt euch genau für wen oder was ihr eure Energie raushaut, es gibt nämlich nicht wenige “Berufungen”, die einen verbrennen können, ohne dass man je seine eigenen Bedürfnisse thematisiert oder gar realisiert sieht; So nobel es anfangs sein mag, sich für etwas ohne persönliche Ansprüche einzusetzen, ohne Unterstützung, Reflexion und Rewards wird so etwas bestenfalls zum Selbstläufer in den Abgrund, nicht jedoch in die viel gerühmte Selbstverwirklichung.

Und bevor Enthusiasmus zu Bitterkeit gerinnt, sollte man sich besser mal abkühlen und genau beobachten, wo der just eingeschlagene Weg einen hinführen könnte…

DAS Internet gibt’s nicht!

So komisch der Satz im ersten Moment auch klingen mag – insbesondere wenn er über DAS Medium verbreitet wird, von dem gerade die Rede ist – das Internet als EIN ungeteiltes Netz, an dem ALLE partizipieren können gibt es nicht und die Gründe dafür sind mannigfaltig. Zum einen rein technischer Natur, denn das Eine Internet besteht einfach aus vielen kleineren Einheiten, die miteinander kommunizieren können; wichtig ist hier das Wort “können”, den müssen tun sie das nicht, sonst könnten chinesische Surfer einfach so Seiten besuchen, die tatsächlich heute von der staatlichen Zensur blockiert werden. Das weltweite Informationsgewebe ist somit als Analogie gar nicht so verkehrt, denn überall zwischen den Fäden gibt es Löcher, wie bei einem normalen Spinnennetz erkennt man die Struktur des Gebildes nicht auf Anhieb und um von einer Seite zur anderen zu kommen muss man manchmal Umwege gehen.

Abseits der technischen Belange, deren Problematik zum Beispiel unter dem Aspekt der Netzneutralität diskutiert werden kann ist da aber auch die Frage nach der Gesinnung. Viele behaupten gerne, das Internet als nicht-regulierte Entität sei ein Raum reiner Demokratie. Diese Aussage ist schlicht Bullshit, denn zum einen ist es auf Grund der zuvor erwähnten Möglichkeiten zur Einflussnahme von staatlicher Seite – aber auch durch Hacker verschiedenster Couleur mit teilweise sehr undurchsichtigen Motiven – weit davon entfernt, frei oder gar de-reguliert zu sein; und zum Anderen ist der in der Diskussion vorherrschende Pluralismus mit so großen Varianzen gesegnet und die durch geglaubte Anonymität befeuerte Vehemenz der Verbal-Kombatanten so durchdringend, dass eine sinnvolle Diskussion im Sinne einer Konsensfindung nur recht selten stattfindet. Das einzige was an liquid democracy im Moment liquide ist, dürfte wohl der Schnaps sein, den so Mancher offensichtlich etwas zu eifrig konsumiert hat. Anders lassen sich die logischen Inkonsistenzen und der offensichtliche Faktenmangel in so mancher Argumentation kaum erklären.

Die Manipulierbarkeit des technischen Unterbaus gemischt mit einer leider wohl deutlich zu wenig wahrgenommenen Intransparenz bezüglich der wahren Interessen diverser Protagonisten im Web und einem blinden Vertrauen in die Möglichkeiten neuer Techniken lassen eine Gemengelage entstehen, welche das Potential für alte Verbrechen in neuem Gewand in sich trägt: social engineering vom Feinsten.

Und es möchte sich bitte jeder vor Augen halten, dass es, wie beim klassischen Lobbyismus den Vertreter zum Beispiel verschiedener Zweige der Privatwirtschaft seit eh und je betreiben, mitnichten um “das Wohl des Volkes” geht, sondern um die knallharte Durchsetzung von Partikularinteressen eher wirtschaftlicher Natur. Nur Macht ist dazu angetan, mehr Geld zu erzeugen, denn wenn einer mehr verdienen will, müssen Andere dafür etwas abgeben, weil die Summe der möglichen Wertschöpfung, auch wenn Ökonomen gerne was anderes zu predigen pflegen nun mal endlich ist.

Und so, wie unser Leben im realen Raum davon beeinflusst wird, wie gut oder schlecht ein Staat und seine Institutionen in der Lage sind, ihre Hauptfunktion zu erfüllen, nämlich einen Ausgleich zwischen Einzelinteressen und dem Gemeinwohl zu finden, bilden sich auch im ach so demokratischen Netz Tendenzen der mehr oder weniger subtilen Manipulation und teilweise nur schlecht verhohlener Zensur.

Hüben wie drüben ist es sehr schwer auszumachen, wer was wozu tut oder auch unterlässt, feststellen lässt sich aber, das ein blinder Glaube in die Selbstregulationsfähigkeiten des immer noch neuen Mediums genauso großer Humbug ist, wie Adam Smiths Idee von der “unsichtbaren Hand”, die vollkommen liberale Märkte in der Wirtschaft schon irgendwie ins Gleichgewicht bringen wird – oh Hedgefond ick hör dir trapsen.

Gleichwohl birgt das Internet trotz all seiner Schwächen und Angreifbarkeiten jede Menge Potential zu positiver gesellschaftlicher Veränderung, doch es ist wie mit allen neuen Dingen – um die Probleme und Risiken weiß man erst, wenn das Kind schon mal in den Brunnen gefallen ist. Mit einem Bewusstsein für die Chancen UND die möglichen Probleme kann es dennoch gelingen, das Internet zum ersten echten Medium der Partizipation für ALLE zu machen; der Weg dorthin ist allerdings noch sehr lang und steinig.

PS: Ich empfehle, hierzu etwas von Evgeny Morozov zu lesen.

Zimboplag – oder warum kopieren auch legitim sein kann!

“Denke nie gedacht zu haben, den das Denken der Gedanken…” und so weiter und so fort. Sie kennen den Spruch von Kästner vermutlich, man könnte das als Allgemeingut bezeichnen, das immer mal wieder zitiert wird; zu Recht, wie ich finde, denn es ist ein guter Spruch. Darüber hinaus funktioniert er auch als Sinnbild für die feine Linie zwischen Zitat und Plagiat oder manchmal auch zwischen tatsächlich selbst drauf gekommen und woanders geklaut.

Menschen bekommen ihre akademischen Würden im Nachhinein aberkannt, weil andere Menschen mit Akribie – man könnte es weniger freundlich auch Dippelschisserei nennen – deren Dissertationen auf Fehler überprüfen. Ich behaupte mal, so gut wie jeder längere wissenschaftliche Text enthält zumindest Flüchtigkeitsfehler, womit eine solche Suche als selbst erfüllende Prophezeiung betrachtet werden kann. Insbesondere, wenn man sich moderner Methoden des Textvergleichens bedienen kann.

Die Frage ist also nicht, ob plagiiert wird oder wurde. Im Zeitalter des Internet, wo Copy=>Paste so einfach ist wie das Einmaleins, beklagen sich immer mehr Hochschulprofessoren über die wachsende Zahl von mehr oder weniger gewichtigen Betrugsversuchen, wobei ich davon überzeugt bin, dass ein nicht unerheblicher Teil davon nichts mit Betrügen zu tun hat, aber dazu später mehr. Wichtiger ist, geschieht bzw. geschah es denn tatsächlich mit Vorsatz? Kann man das daraus erwachsende Produkt eventuell dennoch als original und originell einstufen? Und was verspricht sich der Plagiatjäger davon, jemanden des – vermeintlichen – Betruges zu entlarven?

In der ersten Frage klang bereits an, dass ich nicht überzeugt bin, dass jedes Plagiat auch tatsächlich bloßes Abschreiben ist. Vielmehr ist, wenn man die oftmals begrenzte Reichweite der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit und des individuellen Variantenreichtums in Betracht zieht die Wahrscheinlichkeit gar nicht so gering, dass ein einigermaßen begabter Student bei Kenntnis der Grundlagen im Kontext einer bestimmte Frage zu den gleichen Schlüssen kommt wie andere vor ihm; und diese dann auch zumindest ähnlich formuliert, insbesondere, wenn man sich der eigentümlichen Sprachkonventionen des akademischen Alltags bewusst ist. Muss man diesem armen Tropf dann das Pech der späteren Geburt vorhalten? Ich finde nicht. Wenn jemand allerdings eine bereits vorbestehende längere Textpassage eins zu eins wiedergibt, darf man zumindest am lauteren Charakter seiner Bemühungen zweifeln.

In meinem Artikel zu Recyclingkreativität sprach ich bereits davon, dass die Zitation, Neuinterpretation und Neumodellierung tradierter Kulturbestände durchaus achtbarer Teil des kreativen Prozesses sind – auch weil nicht jeder zur creatio ex nihilo fähig ist – und gleiches sollte auch im akademischen Bereich gelten. Wir sollen uns ja nicht vollkommen von den “Klassikern” lösen, aber eben hier ist es stets eine Gratwanderung zwischen unreflektierter Reproduktion – vulgo Wiederkäuen – und dem Begreifen und Vernetzen des Studierten, die den Unterschied ausmacht.
Manche Sachverhalte sind so komplex, das es wenig alternative Möglichkeiten gibt, sie zu erklären als mit eben den Worten Desjenigen, der sie zuerst für andere zugänglich gemacht hat. Hier Plagiarismus zu unterstellen grenzt an Bigotterie.

Es ist also zumindest in einigen Fachdisziplinen – insbesondere den Geisteswissenschaften und den Künsten – sehr schwer, heraus zu finden, ob jemand bewusst plagiiert hat; allerdings sollte meines Erachtens hier auch gefragt werden, ob derjenige dann aus den Bauteilen nicht vielleicht doch etwas Neues, Bedenkenswertes, vielleicht sogar Wertvolles geschöpft hat, das den Umstand schluderiger Arbeit wenigstens etwas mildert. Die Originalität des erarbeiteten Ergebnisses sollte demnach in der Gesamtbetrachtung durchaus beachtlich werden.

Was nun allerdings die Jagd nach Plagiaten angeht, bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite ist es wohl notwendig, die gewaltige Menge an für eine akademische Karriere zu verfassenden Papieren durchaus diesbezüglich zu durchleuchten, wenngleich, wie ich bereits dargelegt habe harte Kriterien oft eine Mangelware darstellen.

Wenn sich allerdings irgendwelche Netzbürger auf einem Kreuzzug befinden, um Dissertationen von Personen des öffentlichen Lebens zu zerpflücken, die in ihren Augen Amt und Würden nicht verdient zu haben scheinen, muss die Frage erlaubt sein, wie viele von denen wohl von der politischen Opposition alimentiert wurden, ebendies zu tun. Oder anders gesagt: es ist ihnen wahrscheinlich vollkommen wurscht, ob der Von und Zu ein guter Jurist sein könnte, Hauptsache, er wird für den Bajuwarischen Flügel des politischen Christentums in unserem Land nicht mehr öffentlich tätig.

Derlei hat nichts mit der Frage nach akademischer Integrität zu tun! Hier geht es nur darum, politische Gegner zu demütigen und zu demontieren. In einer medial befeuerten Erregungsbürgerlichen Gesellschaft, wie sich unsere bunte Republik im Moment darstellt, sind solche Kampagnen – die sehr einfach für jedermann publizierbar sind – nichts weiter als Mittel zum Zweck. Es MUSS jede Woche eine andere Sau durchs Dorf getrieben werden, sonst erlahmen die Auflagen- bzw. Klickzahlen und die Werbekunden bleiben aus. Man mag sich also fragen, woher nur immer all die willfährigen Menschen mit ausreichend Zeit kommen, welche stets zur rechten Zeit Skandale liefern.

Ob ihnen wohl auffällt, dass sie mit dieser Redundanz sich solange selbst plagiieren, bis das Interesse daran vollends erlahmt ist…?

PS: Auch wenn ich das hier geäußerte stets selbst erdacht habe, bin ich nicht so töricht zu glauben, dass solche Gedanken nicht schon ein anderer gehabt haben könnte – ob er sie dann auch geäußert hat, prüfe ich nicht nach, denn selbst wenn es so wäre, würde das den Wert meiner Worte um nichts schmälern.