Meine Heimat…? N°1 – Ort: Monnem!

Ich klinge, wenn ich hier schreibe oft nachdenklich, manchmal wütend, manchmal auch geschockt, hin und wieder ein bisschen lustig… aber sentimental passiert in diesem Theater normalerweise nicht. Allerdings ist die Weihnachtszeit, Kraft ihrer zeitlichen Position im Jahr und ihrer inhärenten Nötigung zur Beschäftigung mit der Familie, automatisch der Reminiszenz verdächtig. Und wer sich erinnert, schwelgt irgendwann in jenen kostbaren Momenten, die einem ein gutes Gefühl geben. Es ist eine Form, unsere Persönlichkeit zu stabilisieren, im Hier und Jetzt zu verankern. Denn zum Navigieren braucht man einen Fixpunkt, von dem aus man messen kann – und nichts ist natürlicher, als das jetzige Selbst mit dem von vor 10, 20, 30 Jahren zu vergleichen. Sofern man den schon so alt ist. Dabei kommt zum Tragen, dass die persönlichen Erinnerungen immer mit anderen Personen, Orten und Ereignissen verknüpft sind. Das gibt uns diese Sicherheit, „dazu zu gehören“.

„Wozu zu gehören?“ könnte man fragen. Meine Antwort würde heute lauten: zu meiner Familie, zu meiner Peergroup, zu meinen Job Relations, zu meiner ‚Hood, zu meiner Stadt. Es wird ja immer wieder über den Begriff Heimat diskutiert. Horst Seehofer hat versucht, ihn zu politisieren. Und damit deutlich am rechten Rand gefischt, in der Hoffnung, den blaubraunen Idioten das Wasser abzugraben. Hat echt super funktioniert Horst; danke für nichts, du Bazi! Aber er ist bei weitem nicht der Einzige, der sich bei der Suche nach einer Identität auf Pfade verläuft, die eigentlich spätestens seit 1945 dauerhaft verbarrikadiert sein sollten. Sei’s drum. Ich sage ja immer, dass eine wehrhafte Demokratie mit 10-15% Idioten schon klarkommt. Ich jedenfalls bleibe dabei, dass Identität etwas fluides, etwas dynamisches ist, und nur zum Teil mit dem Ort zu tun hat, an dem man geboren wurde.

Mein Vater kam aus Sachsen, präziser aus der Oberlausitz, und meine Mutter aus Hannover. Die Unwahrscheinlichkeit ihres Zusammentreffens wurde durch die Wirren des vorhin bereits erwähnten Krieges erst möglich gemacht. Und so könnte man irgendwie doch sagen, dass ich ein Kind des 2. Weltkrieges bin. Allerdings mit deutlicher Verzögerung. Wie so vieles in Deutschland heute noch dem 2. Weltkrieg geschuldet ist. Sie wurden irgendwann im Badischen und schließlich in Mannheim heimisch, weil mein Vater als Feinmüllermeister eine Zeit lang das alte Credo „Das Wandern ist des Müllers Lust!“ gelebt hat. Meine Eltern erkannten Mannheim irgendwann als Heimat an, auch wenn sie bis dahin bereits einen langen Weg zurückgelegt hatten. Ich jedoch bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen. Hier traf ich meine Frau – die beste Ehefrau von allen! Hier habe ich leben, lieben, retten und lehren gelernt. Hier gehen meine Kinder zur Schule und meine Frau genauso wie ich zur Arbeit. Damit ist es ein Ort, mit dem mich unfassbar viel verbindet. Und selbst, wenn der südländische Teil meines Herzens auch die Toskana als Heimat betrachtet – Mannheim ist der Ort, an dem meine Seele wirklich wohnt.

Ich bin, nun ja, behütet aufgewachsen. Ich hatte zwar den (gefühlt) größten Abenteuerspielplatz der Welt direkt vor der Tür – und bin im Rahmen von dessen Erkundung vielen Erwachsenen gewiss gehörig auf den Zeiger gegangen. Manche haben mir das gezeigt, andere nicht. Doch das habe ich erst später verstehen gelernt. Denn dann kamen mein Zivildienst und meine Berufsausbildung; und das war DER Augenöffner in die andere, die echte Welt: Heidewitzka, was habe ich in meiner Anfangszeit einen riesigen Haufen selbstgefälliger Arschlöcher als sogenannte Chefs kennengelernt! Und was durfte ich in sehr kurzer Zeit alles über das Leben lernen! Über 25 Jahre hat mir mein Job die Möglichkeit gegeben, in dieser Stadt die reale Welt zu erkunden. An unfassbar vielen Stellen erlebe ich heute Verbundenheit, weil ich Geschichten über Dieses und Jenes erzählen könnte, die sich dort – nicht selten unter meiner direkten Mitwirkung – zugetragen haben. Dramatisches und oft Trauriges habe ich erlebt. Skurilitäten und Absurditäten vom Feinsten. Manchmal blanken Horror. Aber auch viel Lustiges. Und manches Verrückte. Ich möchte nichts davon missen, denn es hat den Mann geformt, der ich heute bin. Und wenn man mal davon absieht, dass ich ein bisschen abnehmen sollte, bin ich mit diesem Mann sehr zufrieden.

Auf manche persönliche Bekanntschaft hätte ich – aus der Retrospektive – gut und gerne verzichten können. Andererseits schenkt uns das Leben diese anderen Menschen – gleich, ob sie gut oder böse daherkommen – immer als Chance zum Lernen. Und wie das alte chinesische Sprichwort so richtig sagt: „Wenn du lange genug am Fluss sitzt, siehst du irgendwann die Leichen deiner Feinde vorbeischwimmen.“ Geduld ist tatsächlich eine Tugend. Und man sollte meine Geduld weder mit Schwerfälligkeit, noch mit Servilität verwechseln. Aber eigentlich bin ich gerade in versöhnlicher Stimmung. Das könnte daran liegen, dass mein Arbeitsjahr sich dem Ende, und damit dem Urlaub zuneigt. Und das die dortige Bilanz durchaus achtbar ausfällt. Es könnte auch sein, dass die Unruhe ob dessen, was ich – egal in welchem Bereich meines Lebens – noch nicht geschafft habe, ein wenig nachlässt, wenn man begreift, dass man eh nie alles erledigt bekommt. Und schließlich zieht man ja auch eine persönliche Bilanz, um dann daraus (vollkommen unnütze) Vorsätze für’s kommende Jahr abzuleiten. Sollte man sein lassen. Wandel ist zu jeder Jahreszeit möglich… Höchstwahrscheinlich ist es bei mir die Vorfreude darauf, mal ein paar Wochen mehr bei mir selbst sein zu können, als immerzu für andere da ein zu müssen. Wenn aus dem Müssen wieder ein Wollen werden darf, kehrt die Zufriedenheit bei mir fast wie von Zauberhand sofort zurück. Und hey… es ist Wochenende. Schönen 3. Advent.

Auch als Podcast…

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