Immergency…?

Einen nicht unerheblichen Teil meiner Arbeitszeit verwende ich heutzutage auf das Konzipieren und Durchführen von Simulations-Trainings. Ich arbeite in der Ausbildung von Rettungsfachpersonal und versuche dabei natürlich, mit der Zeit zu gehen. Ganz gewiss profitieren die Auszubildenden, aber auch das Bestands-Personal, welches immer wieder aufgerufen ist, seine Skills weiter zu entwickeln davon, wenn solche Szenarios möglichst nah an der Realität spielen. Möglichst nah an der Realität bedeutet allerdings u. U. einen nicht unerheblichen Ressourcen-Aufwand. Einerseits für die Materialien und Geräte – andererseits auch für die Schulung und Entwicklung der notwendigen Skills beim Ausbilder/Trainer selbst.

Die Prämisse ist, über eine Reduktion der Übungskünstlichkeit einen höheren Grad an Immersion zu erzeugen; also ein Für-wahr-nehmen des Übungs-Szenarios, was zu einem möglichst tiefen Eintauchen in die simulierte Realität führen soll. Wir wollen also quasi “Immergency” erzeugen – Immersion in emergency. Und selbstverständlich sind dem Aufwand, den man dabei betreiben kann, kaum Grenzen gesetzt. Man kann bereits heute Tausende und Abertausende Euros in Material und Ausbildung investieren. Bei hohen Investitionen in die Qualifikationen bin ich da auch dabei. Was jedoch die Ausgaben für Equipment angeht, habe ich mittlerweile den einen oder anderen Zweifel, dass wir in die richtige Richtung gehen.

Man darf mich an dieser Stelle bitte nicht falsch verstehen: insbesondere das, was nicht unbedingt zu unserer alltäglichen Einsatzrealität gehört, müssen wir um so öfter üben, um im gegebenen Fall die indizierten Maßnahmen korrekt ergreifen zu können. Und ich bin stets bereit, für bestimmte Produkte Geld auszugeben, die einen leicht messbaren Mehrnutzen für die Aus- und Fortbildung erzeugen. So gehört zum Beispiel Video-gestütztes Debriefing nach der Simulation eindeutig zu den Dingen, von denen die Trainees (nicht nur subjektiv) profitieren; nämlich indem wir ihnen die Perspektive des Trainers auf ihr Tun zeigen und so den zweiten Learning-Loop anstoßen.

Doch wohin führt uns der Weg, wenn wir bei der Simulation immer mehr auf Immergency durch Technik setzen. Denn zweifelsfrei können wir mit den modernen Methoden erwartbare Reaktionen auf standardisierte Situationen drillen und durch Variationen auch das – oft notwendige – Um-die-Ecke-Denken in unseren Auszubildenden fördern. Was uns aber, wenn wir zu sehr auf technische Hilfsmittel setzen u. U. verloren geht, ist die Durchdringung der mannigfaltigen sozialen Aspekte unserer Tätigkeit. Ich brauche nicht unbedingt mehr Technik, um z. B. psychosoziale Notfälle zu simulieren, sondern vielmehr handwerkliche Skills als Ausbilder, die schon fast ans Schauspielerische grenzen.

Ich denke, erst die richtige Mischung aus Technik-Einsatz, wo er sinnvoll ist und stets entwicklungsfähigem Handwerk des Ausbilders/Trainers/Dozenten macht aus meiner Arbeit einen Gewinn für diejenigen, an denen ich sie ausübe – nämlich den jungen Kolleginnen und Kollegen, die unseren Beruf in die Zukunft führen werden. Das, was ich mir immer am meisten für meine Azubis wünsche – nämlich sie dahin zu führen, dass sie sich selbst und ihre Arbeit immer wieder reflektieren und aus eigenem Bestreben daran wachsen wollen – genau das muss ich durch mein eigenes Tun auch leben. Einerseits durch die Adaption neuer Simulations-Techniken, aber auch durch die Erweiterung meines persönlichen Methoden-Repertoires als Ausbilder. Denn auch für Ausbilder gilt – geführt wird von vorne und ich darf von niemandem mehr erwarten, als ich selbst zu leisten bereit bin. In diesem Sinne – frohe Pfingsten.

Auch zum Hören…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.